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Panna Cotta
that shit cray.
»Windowlicker«: Eine ästhetische Abhandlung
Chris Cunninghams Video beginnt harmlos: Zwei Männer, die durch ihren übertriebenen Slang sowie ihre Kleidung eindeutig der Hip Hop-Kultur zuzuordnen sind, fahren mit einem Auto die Straße entlang. Die heftige Wortwahl lässt in Kombination mit der Perücke des einen vermuten, dass es sich um eine Parodie auf gängige Klischees des Gangsta-Rap handelt. Als die beiden zwei Frauen am Straßenrand entdecken halten sie an und reden auf obszöne Art und Weise mit den beiden. Ihre Balzversuche bleiben jedoch ohne Erfolg. Plötzlich schiebt eine übertrieben lange weiße Limousine den Mazda der zwei Männer nach vorne weg. Der Song beginnt und zeigt einen übertrieben reichen und mächtigen Richard D. James aka Aphex Twin in der Limousine. Er verlässt die Limo und beginnt auf skurrile Art und Weise zu tanzen. Die Frauen steigen ein und bewegen sich zusammen mit anderen Frauen nur im Bikini bekleidet, Hip Hop-typisch zur Musik. Dabei ist das grinsende Gesicht von James, sowie andere männliche Gesichter auf die Frauenkörper »gemorpht«. Die Limousine fährt zum Strand, wo James zusammen mit mehreren Frauen einen sexuell aufgeladenen Tanz aufführt, den auch die beiden Gangster sehen. Dabei tauchen neben den gemorphten auch arg entstellte Gesichter mit riesigen verfaulten Zähnen auf den attraktiven Frauenkörpern auf. Die beiden Männer reagieren geschockt und angeekelt.
Tatsächlich arbeitet Cunningham mit dem Überraschungsmoment des Ekels, wo er am wenigsten erwartet wird. Im Sinne Rosenkranz wird hier zwar mit einer Gegenüberstellung gearbeitet, das Hässliche dominiert allerdings ohne Frage. Nachdem man die vertauschten Köpfe sieht, ist es unmöglich die Frauen noch attraktiv zu finden. Das Szenario wirkt viel eher wie ein Alptraum im freudschen Sinne, was durch die grinsende Fratze, die alle beteiligten Frauen ziehen, noch einmal unterstrichen wird. Das Hässliche wurde verdrängt und taucht nun auf explizite Art und Weise wieder auf. Dabei passen die gezeigten Bilder zur dissonanten Musik von Aphex Twin. Eine lineare Geschichte ist hier nicht auszumachen. Über die Aussage des Videos lässt sich demnach nur spekulieren, aber es spricht vieles dafür, dass wir es im Sinne Adornos mit einem sinnlosen und damit wünschenswerten Kunstwerk der Postmoderne zu tun haben. Dabei ist auch der Kontext entscheidend, wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung von Musikvideos anschaut, die Hochglanzprodukte der Musikindustrie waren und Werbefilme für Tonträger darstellten. Cunningham hält der Gesellschaft durch die übertriebene Darstellung von Sexualität in Kombination mit der verdrängten Hässlichkeit ihren Spiegel vor. Die Heftigkeit der Bilder lässt sich auch als die optische Strategie des Punks lesen: Hier wird keine Position verhandelt, »Windowlicker« möchte keinen Denkanstoß geben, sondern mit voller Wucht schockieren und provozieren. Dabei ist die Kombination von übertriebener Sexualität mit alptraumhaften Ekel eine äußerst wirksame Strategie, um in einer postmodernen Gesellschaft, die beinahe alles gesehen hat, eine neue Erfahrung mit dem Hässlichen zu erzeugen.
23.06.14: Über Pop und Punk.
Von Punk zu Pop: Das Punkhässliche wird zum Protest gegen »Das Schöne«
- Das Punkhässliche zerlegt, beschmutzt, verschiebt, verhöhnt, entwertet, verzerrt alle Zeichen, über die sich gesellschaftliche Ordnung definiert
- Diletantismus wird in den Vordergund gestellt, jeder kann mitmachen (D.I.Y.), Bildungskapital wird nicht investiert, Punk dient der ständigen Unterlaufung des Formgesetzes
- Punk ist nicht auf ein Medium wie etwa Musik reduziert, sondern ist eine Gesamterfahrung, die Hand in Hand mit einer Lebenseinstellung geht
- Punk attakiert mit Gewalt die Sinne, ein politischer Dialog wird zu keinem Punkt gewünscht, dennoch ist Punk nicht gänzlich destruktiv und nihilistisch, durch die Umkehrung der Zeichen in andere Kontexte lässt sich auch ein kreativer Moment ausmachen
- Besitzt Punk keine Didaktik? à Es gibt kein ... »um zu«
- Punk als Entlarvungsgeste der Gesellschaft, weil es die hässliche Fratze zeigt
- Punk als Aufhebung der Verdrängung, die Gesellschaft nach Adorno und Freud ausmacht (auch wenn Adorno etwas gegen Punk gehabt hätte) à jetzt ist alles erlaubt, was vorher großes Tabu war (Spielen mit Hakenkreuzsymbolik etc.)
- Punk radikalisiert CAMP (steile These), da es das Hässliche als primäres Zeichensystem proklamiert (Hier schließe sich die Frage an, ob das ein neues Zeichensystem im Sinne eines neuen Formgesetzes gibt)
- 1. Destruktive Geste (Kontextverschiebung) 2. Konstruktive Geste (damit spielen)
- Stumpf ist Trumpf
- Collageprinzip in allen Bereichen des Punk: Collageprinzip auch in meinem Video!
- Adorno sieht das Problem des Punk in einer Auto-Aggression, die als Preis für die überwundene Verdrängung herhalten muss à Unterdrückung an sich selbst
- Anhänger des Punk sind die ersten, die Zeichen dermaßen radikal umdrehen und so zu »Experten des Hässlichen« werden à Wer sind heutzutage die Experten des Hässlichen?
- Das Hässliche in der Popkultur ist ohne das komplexe Wechselspiel der Zeichen nicht mehr zu verstehen [Das gilt im Übrigen für fast alles in der Popkultur, wenn man schon ein paar Vokabeln nicht kennt, ist es nahezu unmöglich dem Geschehen zu folgen.)
- Wir selbst sind nicht abgestumpft, sondern wir sind viel eher Experten des Hässlichen!
»Star Gold« von Buddy Holly: Eine ästhetische Kritik.
Lange musste ich in den Tiefen meines Zimmers wühlen, bis ich etwas fand, das meinem Verständnis von Kitsch entspricht. Dabei weiß ich nicht mehr ganz genau, wie die Doppel-LP »Star Gold« von Buddy Holly in meinen Besitz kam, vermute aber, dass meine Eltern sie mir großzügig bei der Auflösung ihrer Plattensammlung überlassen haben. Das Cover ziert ein sichtlich erfreuter Buddy Holly, der leicht debil neben der Kamera ins Leere starrt. Im Hintergrund tummelt sich ein psychedelischer lila Farbschwall, der an den Ecken ins schwarz beziehungsweise hellgrün verläuft. Die gesamte Aufmerksamkeit liegt auf unserem Protagonisten, der eklatant amateurhaft ausgeschnitten und vor dem Hintergrund platziert wurde. Bei genauerer Betrachtung sieht man jeden Fehlschnitt der Schere, spätestens an den Haaren wird deutlich, dass dieser Buddy eigentlich aus einem anderen Bild entstammt. Das Innere des Covers verzichtet auf diese Experimente und ist bewusst in schwarz-weiß gehalten.
Der Kitschfaktor des Covers speist sich in erster Linie aus dem Zusammenspiel der beiden Bildebenen, der Farbwahl und dem Schriftzug »Star Gold«, der – natürlich - in Gold gehalten ist und dem Käufer suggeriert ein besonders wertvolles Produkt in den Händen zu halten. Wenn wir bis dato festhalten können, dass ästhetische Erfahrung in erster Linie immer abhängig von der Zeit ist, in der sie rezipiert wird, so trifft dies auch auf das Cover zu. Hat sich unser Verständnis von Coolness in den vergangenen Jahrzenten hauptsächlich hin zu einer weniger opulenten Ästhetik entwickelt, so wäre ein solches Plattencover heutzutage höchstens noch als ironisches Zitat möglich. Auch, wenn Baumgarten mit Rock ‘n Roll vermutlich wenig anfangen kann, hätte er am Cover doch seine wahre Freude gehabt, denn etwas »Hässliches« im verstörenden Sinne tritt hier nicht auf, im Gegenteil: durch die schimmernden Farben und den warmen Sepia-Ton ist es einfach zu schön. Für Rosenkranz hätte es durchaus auch ein störendes Element im Bild geben dürfen, das sich Hollys fröhlichem Antlitz unterwirft. Interessanterweise bekommt das Cover gerade in Bezug auf Freuds Traumdeutung einen unheimlichen Charakter, weil es einfach zu stimmig ist. Hollys Ausdruck und sein Erscheinungsbild stehen hier sinnbildlich für das bürgerliche angepasste und biedere amerikanische Bürgertum der 1950er Jahre, also einer Epoche, in der (sexuelle) Wünsche noch viel stärker unterdrückt wurden, als dies heute der Fall ist. Und so würde eine Figur wie Buddy Holly in einem aktuellen Horrorfilm ähnlich wie Anthony Perkins in Hitchcocks »Psycho« sicher einen überzeugenden brutalen Psychopathen abgeben. Abgesehen vom kulturindustriellen Ursprung wäre Adorno beim Anblick des Covers wahrscheinlich einen zweiten Tod gestorben, denn hier deutet nichts auf sein ästhetisches Verständnis der Moderne hin: Das Formgesetz der »schönen« Inszenierung eines Stars ist allgegenwärtig, von einer eigenständigen, losgelösten Hässlichkeit ist nichts zu sehen.
09_05_14: Freud In A Bigger Nutshell.
- Jeder Affekt einer Gefühlsregung äußert sich, nicht nur die negativen/unangenehmen
- Wie entsteht das Unheimliche? Vom Bekannten/Heimlichen aus wird eine Gefühlsregung (die sich meist aus dem »Es« speist),durch Verdrängung maskiert/umbenannt/verschoben und verdichtet. Doch die Verdrängung führt nicht dazu, dass die Regung verschwindet, im Gegenteil taucht diese als das Unheimliche (und nicht als ursprünglicher Affekt) wieder auf à Wovor wir Angst haben ist also das, was uns vorher ein mal sehr nah war
- Modell von »Es« »Ich« und »Über-Ich« à Das »Über-Ich« wird irgendwann intrinsisch und speist sich nicht mehr alleine aus der Gesellschaft und der direkten Umwelt des Individuums à Das, was man eigentlich möchte, um seine Triebe zu befriedigen, wird mit einer Angst belegt. So ist das Unheimliche etwas Abgewehrtes, was wir eigentlich wollen.
- Für Freud ist der Traum der Ort, wo sich das »ES« am stärksten bemerkbar macht. Die Traumarbeit verdichtet/verschiebt Tagesreste und Erinnerungsreste. Angst im Traum ist eigentlich lustbesetzt, darf aber nicht sichtbar werden. Das Hässliche ist das maskierte Schöne, das, was man eigentlich will. Kindwerden à Kulturwerden Für Freud ist das Kunstwerk eine Art Traum, das das »Es« repräsentiert, Das Hässliche hat seinen Ursprung im Schönen,
- Ich-Werdung und Kultur ist an sich nichts Gutes
- Aufklärung und Zivilisation können ebenfalls wie Traumarbeit verstanden werden, Dialektik der Aufklärung als Verdrängungsarbeit
Gemeinsamkeiten Adorno + Freud: Beide sehen Zivilisierung und Aufklärung im Großen als eine Beschneidung des individuellen Selbst einer Person. Das, was für Adorno als Aufklärung getarnt ist, beruht auf Verboten und scheinbarer Mündigkeit/Vernunft.
Hässliche Musik.
05_05_14: Freud In A Nutshell.
- Medium der Kultur sind wir selbst, so hat auch das Hässliche genau wie das Verdrängte immer etwas mit uns zu tun, man könnte so weit gehen, dass Kultivierung und Sozialisation ein ständig wiederkehrender Verdrängungsmechanismus ist, für den wir uns ständig neue Neurosen ausdenken müssen, denn: egal, wie weit wir uns kultivieren, unsere primitiven Grundängste vor dem Tod bleiben immer die selben
- Adorno: Das Hässliche ordnet sich nicht länger unter, sondern kommt in der Moderne vermehrt auf
- Freud in a nutshell: Das Unheiliche ist zu unheimliche, wobei die Silbe »un« als Marke der Verdrängung agiert à Etwas, das uns nicht heimisch/heimlich ist
- Freud nicht nur als Analyst, der einzelne Personen untersucht, sondern Kultur/Zeitgeist generell
- Ein Affekt, den wir verdrängen, kommt immer wieder zu uns zurück und zwar nicht als Gefühl, das wir kennen, sondern maskiert als Angst, die es erst wieder zu demaskieren und im weiteren Verlauf der Psychoanalyse zu behandeln gilt (Wie kann ich mich dem Verdrängten stellen?),
- Unheimlich ist, wenn zwei Seiten zusammenkommen, die nicht zusammengehören (Ein Gesicht ohne Gesicht beim Tod, Zombies, Vampire etc.), Sachen, die nicht leben, leben auf ein mal, (Animismus), keine Kontrolle, nicht zu berechnen etc.pp. (Bsp. Von Mystery Man als Metapher: Eigenschaft, die bei einem Zuhause wohnt, man hat sie schon gesehen, kann sich aber nicht mehr erinnern)
- Ästhetische Strategie kann auch un(ter)bewusst sein
Denkst du daran, mein Lieb, was jenen Sommermorgen Wir sahn im Sonnenschein? Es war ein schändlich Aas, am Wegrand kaum geborgen Auf Sand und Kieselstein. Die Beine hochgestreckt nach Art lüsterner Frauen, Von heissen Giften voll Liess es ganz ohne Scham und frech den Leib uns schauen, Dem ekler Dunst entquoll. Die Sonne brannte so auf dies verfaulte Leben, Als koche sie es gar Und wolle der Natur in hundert Teilen geben, Was sie als eins gebar. Der Himmel blickte still auf dies Gefaule nieder, Wie er auf Blumen schaut. So furchtbar war der Dunst, dir schauderten die Glieder Von Ekel wild durchgraut. Die Fliegen hörten wir summend das Aas umstreichen Und sahn das schwarze Heer Der Larven dichtgedrängt den faulen Leib beschleichen, Wie ein dickflüssig Meer. Und alles stieg und fiel aufsprudelnd, vorwärtsquellend Nach Meereswogen Art, Fast schien's, als ob dem Leib, von fremdem Leben schwellend, Tausendfach Leben ward. Und seltsame Musik drang uns von da entgegen, Wie Wind und Wasser singt, Wie Korn, das in dem Sieb mit rhythmischem Bewegen Die Hand des Landmanns schwingt. Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden, Entwürfe stümperhaft, Die halbverwischt die Hand des Künstlers muss vollenden Aus der Erinnrung Kraft. Und eine Hündin lief unruhig dort hinterm Steine, Uns traf ihr böser Blick, Erspähend den Moment, zu reissen vom Gebeine Das aufgegebne Stück. – Und doch wirst einstmals du dem grausen Schmutz hier gleichen, Dem Kehricht ekelhaft, Du meiner Augen Licht, du Sonne ohnegleichen, Stern meiner Leidenschaft. Ja, so wirst du dereinst, o Königin der Güte, Nach letzter Ölung sein, Wenn du verwesend liegst tief unter Gras und Blüte Bei schimmelndem Gebein. Dann, Schönheit, sag' dem Wurm, der dich zerfleischt mit Küssen, Wie treu ich sie gewahrt Die Göttlichkeit des Wesens, das zersetzt, zerrissen Von meiner Liebe ward.
Charles Baudelaire – Ein Aas (frz. Une Charogne)
28_04_14: Ästhetik und Strategie
- Allgemeine Unterscheidung zwischen »ästhetischer Strategie« und »ästhetischem Erleben«: die Strategie ist festgelegt und nicht mehr veränderbar, das ästhetische Erleben ändert sich aber über die Zeit; profanes Beispiel: Horrorfilme aus den sechziger Jahren lösen heute ganz andere Affekte bei uns aus als zu ihrer Veröffentlichung
- Behinderung/Einschränkung als ästhetische Strategie à bei Unger, der nur spartelt, anstatt filigranere Arbeitsmehtoden zu wählen, aber auch im Film (Dogma 95) oder im musikalischen Lo-Fi-Bereich
- Gretchenfrage: Warum sollte man etwas Hässliches schaffen? Was macht den Reiz aus? Hat sich das Schöne überlebt?
- Für Baumgarten ist Hässlichkeit Unvollkommenheit, es ist einfach sinnlos sich dem Hässlichen zu widmen, da es lediglich die Sinne vernebelt, nur das Schöne führt zur Erkenntnis und ist deshalb erstrebenswert, Rosenkranz bricht dieses Paradigma auf, indem er sagt, dass das Hässliche (wenn auch nur im Kontrast zu Schönen) in der bildenden Kunst dargestellt werden darf