Chile in Brasilien - WM 2014
Als Andreas Wunn am Strand von Rio de Janeiro nach ein paar Stimmen brasilianischer Fans zu dem enttäuschenden Unentschieden gegen Mexiko suchte, wurden er und sein Kamerateam verfolgt von einer kleinen Gruppe feiernder, Chilenen. Ausgestattet mit Strohhut, Caipirinha und dem roten Trikot ihrer Nationalmannschaft sprangen sie hinter dem ZDF-Korrespondenten herum. „Das sind schon die Chilenen. Die spielen erst morgen.“, entschuldigte sich Wunn, der immer lauter in sein Mikrofon brüllend gegen die chilenischen Fanrufe anzukommen versuchte: „Chi-chi-chi-le-le-le, Viva Chile!“
Chile feiert: sich selbst, das Land, das Volk, die Nationalmannschaft, die WM. Ob mit oder ohne Eintrittskarte, die Fans von „La Roja“ („die Rote“, wie die Nationalmannschaft genannt wird) haben sich bereits vor Wochen auf den Weg nach Brasilien gemacht. Eine Karawane von über 800 Fahrzeugen war am 7. Juni gestartet, um die über 4.000 Kilometer nach Cuiabá, dem Austragungsort des ersten Spiels der Chilenen gegen Australien, gemeinsam zurückzulegen.
Geheimtipp Chile
Dass die Chilenen sich gerne feiern, ist keineswegs neu. Und auch nicht, dass sie - wie so viele Fußballfans - zu leichten Selbstüberschätzungen neigen, wenn es um ihr Team geht. Doch dieses Jahr stehen selbst Fußballexperten auf ihrer Seite: Chile ist Geheimfavorit. Wozu die Nationalmannschaft um die internationalen Superstars Arturo Vidal (Juventus Turin) und Alexis Sánchez (FC Barcelona) in der Lage sind, konnten sie bereits in einer starken Rückrunde der WM-Qualifikation sowie in Testspielen gegen Spanien (2:2) und England (2:0) beweisen. Doch während den chilenischen Zeitungen schon vor Monaten klar war „Chile gehört unter die besten vier in Brasilien“, wurde „La Roja“ in Deutschland kaum Aufmerksam zuteil; der Geheimfavorit hieß Belgien.
Am 6. Dezember bekam die Euphorie der Chilenen jedoch einen herben Dämpfer. Die Gruppen-Auslosung der FIFA endete damit, dass sich Chile in einer Gruppe mit den Finalteilnehmern der letzten Weltmeisterschaft, Spanien und den Niederlanden, und Australien wiederfand. Dazu drohte im Achtelfinale Brasilien. Die Gruppe B glat damit nicht nur als eine der stärksten Gruppen, bei vielen Chilenen kamen die Erinnerungen von Südafrika 2010 hoch, wo man auch mit Spanien in einer Gruppe gespielt hatte und im Achtelfinale gegen Brasilien ausschied. Nun sollte es also gegen den amtierenden Weltmeister, den amtierenden Vizeweltmeister und möglicherweise auch gegen den Favoriten und Gastgeber aus Brasilien gehen.
Doch im ersten Spiel gegen Australien zeigte Chile, dass ihre Nationalmannschaft im Vergleich zu 2010 reifer und somit als Geheimtipp noch ernster zu nehmen ist. Beim drei zu eins gegen die Mannschaft aus Down Under führte Chile bereits nach wenigen Minuten mit zwei Toren. Die Spannung der restlichen Partie entstand vor allem aus dem Energiesparmodus, den die Chilenen wahrscheinlich zu früh und hin und wieder etwas leichtsinnig durchzogen.
Die wahre „La Roja“
Nun steht das zweite Spiel an, das wahrscheinlich am meisten gefürchtete und gleichzeitig herbeigesehnte Duell gegen die spanische Nationalelf, die von ihren Fans auch „La Roja“ genannt wird. Ihre Brisanz erhält diese zweite Gruppenpartie jedoch nicht nur aus der ohnehin schon großen Rivalität der beiden Rothemden. Das Spiel bekommt erst richtig Feuer, wenn man sich die Tabelle der Gruppe ansieht. Da steht Spanien nach der derben Niederlage gegen die Niederlande (1:5) auf dem letzten Platz, während sich Chile mit den drei Punkten gegen Australien in eine gute Ausgangssituation um die Teilnahme im Achtelfinale gespielt hat.
Die Niederlande haben heute gegen Australien (18Uhr, ARD) die Möglichkeit, ihr Punktekonto auf sechs zu erhöhen. Sollte das gelingen, stünde Spanien mit dem Rücken zur Wand – eine Niederlage gegen Chile (21Uhr, ARD) würde bereits das WM-Aus bedeuten und Chile und den Niederlanden den Einzug ins Achtelfinale bescheren.
Wenn heute Abend das Spiel zwischen Spanien und Chile angepfiffen wird, dann wird es also nicht nur darum gehen, wer die wahre „La Roja“ ist, sondern möglicherweise geht es für Spanien darum, die letzte Möglichkeit zu erhalten, frühzeitig auszuscheiden, was eine unerwartete Blamage für den amtierenden Weltmeister wäre. Die Chilenen, beflügelt von ihrem Auftaktsieg gegen Australien, werden daher einer Mannschaft gegenüber stehen, die es sich nicht leisten kann, weiter über diese Schmach beim fünf zu eins gegen die Niederlande zu trauern. Vielmehr werden die erfahrenen Profis um die Mittelfeldstars Iniestsa und Xavi alles in dieses Spiel schmeißen, um weiterhin im Rennen um den Titel dabei zu sein, und sei es nur der Titel der wahren „La Roja“.
Mit den ersten Punkten in diesem Turnier ist auch der Optimismus der Chilenen zurück. Diejenigen, die nicht an den Stränden Rios Caipirinha trinken und deutsche Journalisten ärgern, jubeln in ganz Chile ihren Helden im Fernsehen zu. Der Oberbürgermeister der chilenischen Hauptstadt Santiago, Claudio Orrego, befürchtet sogar, dass die Siege der Nationalmannschaft zu vielen traditionellen Grillfesten führen könnten, die aktuell geplanten Arbeiten der Regierung gegen die Luftverschmutzung der Metropole behindern könnten. So bittet Orrego, bei einem Sieg gegen Spanien auf andere Arten der Feierlichkeiten umzusteigen. Ob sich die Chilenen jedoch ihr Siegersteak entgehen lassen, mag zu bezweifeln sein. Es bleibt spannend, Chile gegen Spanien, Orrego gegen die Kontaminierung der Luft, Caipirinha gegen Grillfest – es geht, man möge mir diesen Ausdruck verzeihen, um die Wurst.












