KURZMEMO: Berufsverständnisse & wirtschaftende Praktiken von Designer*innen
Was forscht Du eigentlich? Wozu? Wie ist da gerade der aktuelle Stand? Ich habe einfach mal ein Kurzmemo verfasst, damit man nachvollziehen kann, wo ich mich gerade bewege. Über Meinungen, ergänzende Beiträge und kritische Kommentare aller Art dazu freue ich mich!
Was unterscheidet einen Beruf von Arbeit? Was ist das spezifische oder auch unspezifische an Design? Dabei gliedert sich mein Forschungsinteresse prinzipiell in zwei große qualitativ-empirische Untersuchungen: Einerseits erstelle ich eine Feldanalyse des Designfeldes, ergänzt um die Theorie der «Art Moyen» (illegitim, da angewandte Künste, in der kulturellen Produktion, mit ökonomischer Verwertung). Andererseits vergleiche ich die gesammelte Empirie aus begleiteten Laborstudien von Projektgruppen, ihre Materialisierungen von Berufsausübung in «bottom-up»-Organisationspraxis, ausgerichtet auf Wissens- und Dienstleistungsgesellschaften, jenseits klassischer kollektivierender Formatierungen, wie Unternehmen, Selbständigkeit oder Agentur, um zu einer Organisationsanalyse zu gelangen, die Subjektivierungsmöglichkeiten aufzeigt.
Ändert freie Gruppenorganisation das Berufsverständnis? Was bedeutet Autorschaft im Kontext von «Biopolitiken» des eigenen, wertschöpfenden Körpers, aber auch hinsichtlich Praktiken und Strategien der «Subjektivierung» mittels inner- und interdisziplinären Gruppen (Plattformen). Was bedeutet Agentschaft und Gastgeberschaft von Plattformen für die eigene Berufsausübung und was für die gemeinsamen Unternehmungen? Warum ist «The Art of Briefing» zentraler Pfeiler und konsequent einzufordern? Jenseits von Konkurrenz ergeben sich auf diese Weise Weiterleitungen spezifischer Aufgaben? Rollen, Ämter, Zuständigkeiten müssen ebenfalls temporär und sichtbar eingenommen werden. Selbstverpflichtende, auf Selbstwirksamkeit ausgerichtete Verantwortungsübernahme ermöglicht erst in den Genuss von Freiheiten der Berufsausübung zu gelangen, die sich jedoch jenseits der referenzierenden Bezüglichkeiten zu den Gruppen egozentrisch komplett verwirken. Dahingegen wirken Bindungsqualitäten zentral beschreibend und definierend. Dies sichtbar zu gestalten, fördert die Orientierung und stetige Modellierbarkeit – bleibt indes optional, führt aber dazu, dass der Einzelne sich freier im Organisationskörper bewegen kann. Frei gruppiert, den Beruf miteinander auszuübend: ermöglicht das Sichtbarmachen des Gruppenkorpus und seiner Prozesse, den eigen Körper temporär besser daraus lösen zu können, Aufgaben rotieren zu lassen, ohne die Aktivität der Organisation zu gefährden. Persönliche Regeneration und individuelle Taktung werden so möglich. Bisherige Vorstellungen von Berufsausübung orientieren sich an Arbeitsplatz- oder Stellenbeschreibungen, takten in vorgeschriebenen Stunden und Arbeitstagen mit dem Maßstab der körperlich-geistigen Anwesenheit. Neue Konzeptionen berücksichtigen Aufgabenübernahme, Leistungsabgabe, Dokumentation, wie Protokolle zur Nachvollziehbarkeit. Solche Portionen haben eine zugewiesene Dauer und meist einen festgelegten Abgabetermin oder fachlichen Anspruch auf Expertise. Besteht bei einer Aufgabe eine zeitliche oder qualifizierte Priorität? Ist es eine quantitative oder qualitative Ausübung, in welcher Taktung bzw. Frequenz? Gibt es temporäre Spannen und ist deren Häufigkeit bekannt?
Bezüge und relational, proportionale Veränderungen zu anderen Berufsausübungen müssen hier interaktiv miteinander und verhältnismäßig zueinander betrachtet werden? Im Spiel um Anerkennung siegen Zuspruch und Bestätigung durch Andere. Eindrückliche Selbstwirksamkeit (via Feedback) tritt anstelle einer ausdrücklichen Selbstverwirklichung (via Selbstdarstellung): Nur mithilfe des Anderen kann Eigenwert erwirtschaftet werden.
Neue Zielvereinbarungen wären so organisiert, dass reibungsfreie Wissensübergaben (durch offen zugängliche Fehler- und Entscheidungsprotokolle [Open Access durch spezifisch definierte Qualifizierung]) möglich sind, frei einsehbare und zur Auslesbarkeit gestaltete Dokumentationen (ähnlich Krankenakten [Open Source, Zugang durch Qualifizierung Fach- bzw. Organisationssprache auslesen zu können]) allen Zuständigen möglich ist, der Erhalt einer transformativen Reproduktionsfähigkeit von kulturellen Produktionen, durch nachvollziehbare Organisationsarchitektur, gekennzeichnete Rollen- und Aufgabenübernahmen (editierbare Schau- und Schaltpläne von Projektarchitekturen und Positionierungen [Second Work Life, Google Drive 4.0, inkl. Trello, Dropbox, Skype, Cloud, Blockchain]) gewährleistet wird. Eine Kultur des (Weiter-) Leitens (zur Expertise bzw. Zuständigkeit) von beschriebenen Aufgaben nimmt einen zentralen Stellenwert ein. Sprechen wir nun von auslesenden Bemusterungen kollektiver Aufgabenbearbeitung, anstatt von kreativen, ausdrucksstarken egozentrierten Entwürfen? Welche Besonderheit nehmen die angewandten Künste ein, wenn es um einen Korpus zur Berufsausübung geht, in den sich der eigene, ausübende Körper einfügt? Wie möchte ich meinen produzierenden Körper in solche, kulturelle Produktionen (bzw. deren Korpen) transformativer Reproduktionsfähigkeit einbringen? Kommt nach der «Klick-per-Hour»-Mentalität einer boomenden «Kreativindustrie» ein Beruf auf Dauer und wie verhält der sich zu strategisierenden Moderationsmethoden wie «Design Thinking» oder Kosmetikstudioanwendungen wie «Nail Design»? MACHT ARBEIT FREIER?
Machen Berufe frei? Oder wird einfach zunehmend ein selbstorganisiertes Ansteuern zentral, um in einer Ära konvivialer Techniken, die mit dem Einsatz von Berufskodex agieren, beteiligt zu bleiben? Kooperative Organisationsstrukturen, mittels Weiterleiten, Abgeben, Übernehmen, rücken dann anstelle konkurrierender BIP-steigerungswütiger Markt-Wettkämpfe und fachlichen Positionseinnahmen anhand von getätigter Einstellung zur Erwerbsarbeit und orientiert an der Summe eingeworbener Budgets.
Wenn sich also im Kreativitätsdispositiv die Massen selbstverwirklichen und einige Tätigkeiten sogar an den «Wahrnehmenden» übergeben, beruht Professionalisierung (Berufe sind Professionen) – wenn auch weitestgehend undisziplinierte im Design (im Gegensatz zu Jura oder Medizin) – auf selbstwirksamer Verantwortusübernahme durch praktizierte, selbstbewusste Expertise? Was kann Design von anderen Professionen und Disziplinen lernen? Warum ist es so undiszipliniert bzw. warum morphen die Disziplinen ihrer Zeit hinterher? Warum nimmt man als deutende Profession immer neue Bewertungsbezüge zur Vergangenheit ein, koordiniert sie aber nie relational, proportional zu einer festen, stabilen Bezugsgröße, die das persönliche Urteilen im Prozess der Neuaushandlung mit Anderen verfassungskräftiger werden lassen würde? Bilden ausübendes Pflegen und Einpflegen interpretierenden Wissens eine Berufsbeschreibung für Gestaltung, jenseits von Entwerfen, Verwerfen, Überwerfen - nicht exklusiv modisch, impulsiv, überwerfend, zyklisch, rotierend, überholend, sondern inklusiv, variationsbreitenbewusst, erweiternd, spannenbetont, erwählend, aktualisierend? Wie verändern sich damit die nötigen Vermögen zur Berufsausübung? Wie organisierten sich und wie organisieren sich dort Märkte?
Wie unterscheiden sich reziproke Logiken und Organisationsanforderungen für Verbrauchsgüter (beim Essen, Trinken, Atmen) von denen für Gebrauchsgüter (Technik) oder denen von Austauschgütern (Wissen)? Welche veränderten Bedingungen sind durch Automatisierung und Digitalisierung für eine Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft zu erwarten? Läutete Richard Floridas «Creative Class» eine Wende zu Berufen ein – jenseits entgrenzter, bürokratisierter Erwerbsarbeit nationalstaatlicher Verwaltung durch Betriebsamkeit (Max Weber)? Wie muss man Florida demzufolge kritisieren? Wer hat wie für wen oder was einfach alles klasse (großartig, hervorragend) gemacht? Arbeiten wir mit Schulklassen (spezifischen Absolventen) in Gesellschaft und relational proportional zueinander und zu Anderen in Beziehung stehend? Ist ein Wirtschaftssystem wertschöpfender, körperlich geleisteter Risikokapitaleinlagen durch körperlich-fachliche Berufsausübung denkbar, gar zeitnah konstruierbar? Wenn ja, wie? Wer lebt eigentlich wie in welchen Wirtschaftssystemen? Wie regeln diese Systeme jeweils und wie stehen sie bezüglich zueinander in Beziehung oder auch in Konkurrenz? Auf welche «Figurationen» und «Refigurationen» (Norbert Elias) von beruflicher und gesellschaftlicher Wertschöpfung, also auf welche Weltbilder bei welchem Vorurteil gegenüber der eigenen Realität spekuliert wer denn wo und wie, auf was? Wie muss man bisherige Studien zur «Werbe-» und/oder «Designwirtschaft» dahingehend perspektivierend neu auslegen, wären sie Teil eines kulturellen Produktionsfeldes?