Juli 2021
Bericht aus der Frühzeit der Fahrrad-Navigation
Selbst wenn man im Auto kein Navi hat, kann man meistens einfach der Ausschilderung folgen. Das fühlt sich normal und selbstverständlich an, aber es war nicht immer so. Als das Autofahren noch relativ neu war, gab es keine einheitliche Ausschilderung, und die vorhandenen Schilder waren oft nicht rechtzeitig vor dem Abbiegen erkennbar. Ich glaube, das Kartenmaterial war auch noch nicht so gut. Die heutigen einheitlichen Ortsschilder gibt es erst seit den 1930er Jahren. Ausführlicher steht das alles in Martin Scharfes Buch “Wegzeiger”, das es nur auf Papier gibt, und diese Papierausgabe ist nicht da, wo ich gerade bin, deshalb kann ich das hier nur ganz ungefähr aus dem Gedächtnis wiedergeben.
Quelle: Nationaal Archief, www.flickr.com/photos/nationaalarchief/4192749543/
Das Bild zeigt das Navigationssystem “Iter Avto” von 1932. Wikipedia:
“Das Funktionsprinzip des Iter Avto bestand aus der Anzeige einer vorher festgelegten Strecke. Diese wurde auf eine Papierrolle übertragen und in das Iter Avto eingelegt. Das System ist dabei mit dem Antrieb des Fahrzeugs verbunden. Je nach Geschwindigkeit wurde die Rolle dann langsamer oder schneller abgespult. Durch eine Sichtscheibe im Gerät sah der Fahrer dabei den jeweils vor ihm liegenden nächsten Streckenabschnitt. Bedingung für die korrekte Funktionsweise war, dass auch wirklich exakt diese Strecke befahren wurde, da es außer der Wegstreckenerfassung keine weiteren Sensoren gab.”
Für Motorradfahrer gab es ähnliche Lösungen mit Papierrollen, und den “Plus Fours Routefinder” konnte man sogar am Handgelenk tragen. Über diese und ähnliche frühe Navigationssysteme findet man einiges im Netz, aber auch das Ausschilderungssystem war irgendwann mal eine nichtvorhandene und dann eine neue und unvollständige Technik.
Ich bin gerade mehrere längere Fahrradstrecken gefahren und habe mich oft in diese komplizierte Autovergangenheit zurückversetzt gefühlt. Die Probleme beginnen schon bei der Planung: Google Maps versteht wenig vom Fahrradfahren und empfiehlt mit etwas Glück eine Route, die nicht gerade die am stärksten befahrene Straße ist. In der Openstreetmaps-App OsmAnd kann man die eigenen Fahrradvorlieben genauer eintragen, wenn man bereit ist, sich durch die zahlreichen und eher nicht so intuitiven Einstellungen zu kämpfen. Die Auskünfte der App decken sich aber nur gelegentlich und zufällig mit den vor Ort ausgeschilderten Fahrradwegen. Manchmal befährt man einen herrlichen, beschilderten, geteerten, autofreien Fahrradweg, während die App bei jedem abzweigenden Fußpfad versucht, einen auf die Hauptstraße zurückzulenken.
Das Vorhandensein und die Qualität dieser Ausschilderung ist wiederum regional äußerst unterschiedlich. Möchte man eine Strecke zurücklegen, die zum Beispiel zwei verschiedene ausgeschilderte Fahrradrouten miteinander verbindet, ist man zwischen den beiden Strecken auf sich gestellt. Innerhalb von Orten verschwindet die Beschilderung manchmal ganz. Wenn man eine beschilderte Fahrradroute einmal versehentlich verlassen hat, findet man sie nur schwer wieder.
Das Kartenmaterial ist keine große Hilfe: Es gibt für jede Region eine Vielzahl von speziellen, von der Gemeinde herausgegebenen Fahrradkarten, deren Maßstab, Qualität und Aktualität unvorhersehbar ist. Eigentlich kann man sie alle nur verwenden, wenn man die Gegend bereits gut kennt und die Karte nur benötigt, um herauszufinden, wo ein Fahrradweg sein könnte. Zur Orientierung in unbekanntem Gelände sind diese Karten unbrauchbar.
Letztlich habe ich es in den letzten Wochen ungefähr so gehandhabt: Mit Hilfe einer Papierkarte, auf der Fahrradwege ganz grob abgebildet sind, wird die Route geplant und ich trage in der OsmAnd-App viele Zwischenstationen ein, um die Routenplanung zu nötigen, derselben Strecke zu folgen. Zusätzlich gibt es immer mündliche Auskünfte von Ortskundigen, die mich an die oben abgebildete “Iter Avto”-Karte erinnern: Man müsste sich die Orte, die auf der geplanten Strecke liegen, in der richtigen Reihenfolge merken oder notieren und dann der Autofahrer-Ausschilderung der Nebenstraßen folgen. Dieser Teil der Navigationsstrategie ist aber wenig praxisrelevant, ich lasse die Ortsnamen über mich hinwegrauschen und merke mir nichts außer vielleicht “ah, hier geht es unter der Autobahn durch, das hat er erwähnt!” Unterwegs verlasse ich mich auf eine Mischung aus Fahrradweg-Beschilderung (so vorhanden) und OsmAnd-App, in ganz schwierigen Fällen muss die App noch mal mit der Papierkarte abgeglichen werden, auf der der Fahrradweg verzeichnet ist. Wenn ich mit der Mutter unterwegs bin, greift sie häufig auf ein Verfahren zurück, das in der Frühzeit des Autofahrens vermutlich auch wichtig war, das Befragen von Einheimischen am Wegrand.
Ich muss auch hier wieder dazusagen, dass mein Orientierungssinn eher überdurchschnittlich ist, damit niemand denkt, ich sei einfach nur besonders desorientiert. In diesem Beitrag von 2005 bin ich noch verwirrt, aber danach habe ich a) viel über das Thema nachgedacht und b) dank Smartphone auch schon bald ein Leben geführt, in dem ich meine Orientierung ständig an der Realität überprüfen kann und das auch tue. Meine Orientierung ist nicht so gut wie die der vier oder fünf extrem orientierungsbegabten Menschen, die ich kenne, aber besser als die der meisten anderen. Es liegt nicht an mir, dass die Fahrradnavigation 2021 schwierig ist. Es liegt daran, dass Fahrradfahren immer noch sein seltsamer Ausnahmefall der Verkehrsteilnahme ist.
Eines Tages wird Fahrradfahren normaler werden und man wird dann einfach der Ausschilderung von A nach B folgen können, selbst wenn A und B nicht zufällig auf dem einzigen touristisch vorgesehenen Fahrradrundweg der Gemeinde liegen. Oder man gibt A und B in die Navigations-App ein und bekommt einen Weg angezeigt, der weder die Hauptstraße (Google Maps) noch ein schlammiger Pfad mit Treppen- und Schotterabschnitten (OsmAnd in der Standardeinstellung) ist.
(Kathrin Passig)
Wie wir das machen:
Der Radroutenplaner NRW (auch in anderen Bundesländern verfügbar, natürlich mit stark schwankender Qualität) funktioniert sehr gut (zur Planung, nicht zur Live-Navigation). Danach ziehen wir die exportierten .gpx-Tracks auf die GPS-Uhr und sehen dann die Route am Handgelenk. Da man nur die Route sieht und keine Karte, darf man von dieser Strecke am besten ebenfalls nicht zu weit abweichen, das System erinnert daher stark an das antike Navi am Handgelenk für Motorradfahrer oben. In der Praxis funktioniert das ganze aber sehr gut!













