sturmklippen
zunge über rauen lippen
die luft ist nass (sie sammelt sich in deinen wimpern)
so wie am jackenrand die fingerspitzen sitzen
so siehst du aus.

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@glassplittertraum
sturmklippen
zunge über rauen lippen
die luft ist nass (sie sammelt sich in deinen wimpern)
so wie am jackenrand die fingerspitzen sitzen
so siehst du aus.
der schmerz legt sich in meinen schoß: ein teil von mir bleibt heimatlos.
in mir schlägt das schweigen wellen
04.01.2019
mein gestern zerreibt mich zwischen rauen fingerspitzen
Erst, als ich Heimat fand,
kroch die Heimatlosigkeit der letzten Jahre mir wie ein jammerndes Kind auf den Schoß. In einem kaputten System sucht man immer noch vergebens nach der fehlenden Schraube; der defizitäre Blick auf die Welt als ein Lebensinhalt. Mein Mut hat sich munter gekrochen, ich stoße mich ab. Ein Gedicht, sagst du, ist erst ein Gedicht, wenn es nichts anderes ist.
Der Riss - Chemnitz 2018
Der Riss zieht sich seinen Schneidezahn entlang, klettert hoch. Der Riss ist sein Notfallsystem. Er lässt zu, dass sich die Welt hineinlegt, dass sie ihre kalten, dürren Finger zwischen seine Zähne schieben. Er lässt zu, dass sie sich in den Riss drängen, zu zweit, zu fünft, zu tausenden.
Sommer ’85, Rekordhitze über den Straßen. Dicht an dicht gedrängt, wie Hähnchen, sie liegen auf der Wiese. Jungen, groß gewachsen mit schlaksigen Gliedmaßen, die ihnen nicht zu gehören scheinen. Knie reihen sich an noch mehr Knie, über Hüftknochen hängen zu große Badehosen, Rekordsommer, man wendet sich unter der Hitze. Lederbälle, Butterbrote und Sonnencreme, ein Ferientag, einer der letzten. Das Freibad mit heruntergekommenen Betonbesätzen, rauer Stein, nackte, kahle Füße, sogar das Wasser zu warm.
Es war der Sommer, er noch ein halbes Kind, abgekaute Fingernägel und Segelohren, eine zu große Nase, ein bisschen zu bleich. Er, noch ein halbes Kind, auf wackligen Beinen. Hinter Birkenblättern - die Sonne dringt erbarmungslos hinein – ein erster Kuss. Er, noch ein halbes Kind, an unsicheren Lippen. Ein Rekordsommer.
Immerzu. Saugt sich der Riss an ihm fest. Er durchgreift das Zahnfleisch, lässt Blutspeichelfäden zurück.
Er hieß Johann, er war älter, vielleicht achtzehn oder sogar schon zwanzig Jahre, von seinem Bauchnabel herunter zog sich eine schmale Spur Haar, lockiges, dunkles Haar. Sein Gesicht kantig, die Lippen rau, immer noch: Unsicher. Ich habe noch nie einen geküsst, so einen wie dich, sagt Johann den Birkenblättern und der Sonne, sagt Johann dem Gras und dem Wasser und den Lippen. Er lügt, ich schon, hunderttausende Male, ich schon sagt er und wird auch größer, ist nicht mehr fünfzehn, ist vielleicht neunzehn oder einundzwanzig, ist an der Lüge gereift.
Sie graben sich Tunnel in ihn. Sie nehmen Zahnstücke, transportieren sie. Sie haben keine Heimat, also nisten sie in ihm, nisten sich ein, legen ihre Eier in seinen Körper wie Wespen, wenn sie schlüpfen, werden sie sich durchfressen, bis er nur noch eine leere Hülle ist.
Von da an treffen sie sich, Johann und er, treffen sich unter Birken, treffen sich schließlich davor, treffen sich im Herbst auf dem Bolzplatz am Ende der Straße. Reden und küssen und halten aneinander, heimlich, auf wackligen Beinen. Der Sommer zieht sich weit in den Winter hinein. Einmal, am Ende des Winters, sagt Johann: Wir sollten gehen. Er nickt und weiß nicht recht wohin, er sagt, ich komme wohl mit. Johann sieht seltsam glänzend dabei aus, als sei er ein anderer geworden, nur durch das Wort.
Das wissen die anderen nicht, oder sie schweigen, sie denken sie dürften nichts sagen, müssten sich der schweigenden Mehrheit beugen, sie sagen nichts und lächeln und lassen zu, was passiert, er aber nicht, er ist da anders, das sagt er und nickt dem Spiegel zu.
Dann spricht Johann nicht mehr davon, es gibt nur das hier, eine sichere, begrenzte Welt, es wird wieder Sommer, sie drängen sich ins Freibad, halbe Kinderkörper, bei ihm wächst eine schmale Spur Haar zum Bauchnabel hinauf. Johann ist unverändert, sie küssen sich hinter den Birken.
Durch den Spiegel geht der Riss. Er klammert sich an die glatte, farblose Fläche. Aus dem Riss drängen sie sich. Sie haben sich selbst nicht gesehen, ihr Elend, ihre Hilflosigkeit, ihr würdeloses Daherkriechen, um ihm alles zu nehmen.
Winter ’87, ein Rekordwinter, die Kälte zieht sich über die Straßen, man kriegt sich kaum gewärmt. Der Lärm ist kaputt. Johann sagt: Wir frieren draußen, immerzu draußen, und dann sagt er: Im Westen ist’s warm. Er lacht unsicher, versteht nicht, versteht den Westen nicht, versteht nur seine kleine Straße, seine kleine Welt. Johann sagt: Im Westen können die uns nichts, im Westen sind wir okay, im Westen ist die große, weite Welt immer nur ein paar Schritte entfernt. Wir müssten in den Westen, da ist das große Leben, da sind wir zuhause, wir sind hier falsch. Er weiß nicht, was Johann meint, er sagt, da kann man eh nicht hin, Johann sagt: doch. Er sagt: Hier sind wir doch sicher, hier sind wir geschützt, hier geht es uns gut. Da draußen, da kann alles passieren. Das ist doch kein Leben, wo ständig alles zusammenstürzen kann. Johann sagt: Doch.
Sie fangen klein an, winzige Bewegungen, hier ein Schlag, dort ein Stich. Dann stirbt einer, wegen ihnen und immer noch merken sie nicht, niemand merkt, der Riss zieht sich seine Oberlippe entlang, trennt seine Nase. Sie sind zu viele, sie schlagen Schluchten in sein Gesicht. Sein Herz rast, es werden immer mehr, ihm wird keiner helfen. Er stolpert über die Risse, er fängt sich nicht, zwischen den Schluchten der Schweiß.
Irgendwann ist Johann weg. Er ist nicht auf dem Bolzplatz, er ist nicht im alten Schwimmbad. Er ist nicht hinter den Birken und nicht im Gras, er sagt nichts, er ist einfach gegangen, kein Brief. Johanns Mutter sieht er irgendwann im Tante-Emma-Laden, sie spricht mit der Verkäuferin, sie weint. Er hat es nicht geschafft, er war ein Idiot, sagt sie, ein Sturkopf, er hat es nicht geschafft, es gab doch keinen Grund zu gehen, man hätte sein Leben nicht riskieren müssen, er hat es nicht geschafft.
Wenige Monate später öffnen sie die Grenze. Die Leute spazieren einfach hin und her. Von hier nach dort. Sie kommen aus dem Westen, sie gehen aus dem Osten. Sie mischen sich, er hasst es. Er hasst sie alle; die nicht sterben, die einfach ungeachtet jeglichen Respekts durch die Straßen laufen, die die Grenzen übertreten, die einfach kommen, nur weil sie kommen können, weil sie meinen, hier ist es besser, da gibt es ein besseres Leben, er hasst sie alle, weil sie nicht da bleiben, wo sie hingehören, weil sie die Welt ständig aus ihren Fugen heben.
Und er geht, er geht. Er geht auf die Straße und schreit seine Angst in die Welt. Er schlägt Risse in alles, was er nicht kennt. Er schreit und schlägt und sagt: Geht, geht, geht zurück dahin, wo ihr herkommt.
Und er schreit: Man kann nicht einfach hingehen, wo man meint, gerne zu sein, es gibt Regeln und Grenzen und Gesetze und wer die nicht beachtet, der stirbt, ich werde euch kriegen, wir werden jeden von euch kriegen, ihr könnt hier nicht sein, ihr sollt tot sein.
Mit ihm schreien 6000 Leute, und für einen Moment fühlt er sich wieder ganz.
das statement setzt mich
ich halte mich selbst nicht mehr auf
der sturm trägt die früchte heim
du fehlst.
Wer ich nie wieder sein werde, frage ich dich du erzählst mir rückwärts ein gedicht
im anbetracht der stille zwischen den zeilen möchte ich mich nicht mehr mit dir teilen
was ich denn sein werde, frage ich mich frag ich dich nicht du schweigst nur vorwärts erzählst es mir nicht.
Muttertag
Alles Gute zum Muttertag und danke. Für nichts. Was du nicht unversucht gelassen hast, um mich zu retten. wie du mich zerrissen hast, wie wir uns angeschwiegen haben zwischen laut gebrüllten satzfetzen, ich habe nie gebrüllt, wie ich in deinen armen geweint habe, ein berg sieht immer höher aus, wenn man davor steht, hast du geflüstert. und nach meinen armen gegriffen und mich festgehalten, als ich fallen wollte, und mir die haare aus dem gesicht gestrichen und mir vor die füße gespuckt und nie, nie gesagt es reicht. es hat nie gereicht. mir vorgelebt, dass es niemals reicht, nie gewusst, wohin mit frust und trauer, alles negative brav runtergeschluckt hast du und zugesehen, wie deine tochter alles, was du schluckst, gewaltsam wieder erbrochen hat. und verzweifelt an der unnahbarkeit dieses mädchens, du bist mir fremd geworden, hast du gesagt und ich kann nicht mehr und zieh doch aus, ich zieh auch aus, habe ich geschrien und am selben abend in deinen armen dann in mich zusammengefallen und dann festgestellt, dass wir beide nicht mehr können. so viele ich will niemals so werden wie dus, du hast nur gesagt, das ist ein schöner vorsatz, nie so werden wie ich. ob du am leben gescheitert bist, will ich dich fragen, aber dann albere ich lieber mit dir herum und wir verstecken unsere hände mit dem unausgesprochenen hinter unserem rücken. dann ausrasten, wie ein vulkan schreien, all die wut gehört nicht mir, wie du mich zerrissen hast, mein ganzes leben lang zerrissen hast, zwischen dir und ihm stehe nur noch ich, hör auf, mich zu zerreißen.
und dann sagen, dich zu hassen, nur um mir selbst nicht einzugestehen, dass das liebe ist, mit so vielen facetten und absplittungen, dass wir uns daran die haut zerschneiden, [du hast mir dann irgendwann bepanthen für meine wunden gekauft, ich habe sie nie benutzt, du hast immer nur die narben gesehen].
Alles Gute zum Muttertag und danke. Dass du mich noch lieben kannst. Selbst, wenn es mir nicht mehr gelingt.
Es hätte ja anders kommen können, wenn alle das gewünscht hätten. Wenn man vorher gewusst hätte, was passieren würde. Jetzt werfen die Menschen sich gegen die Zeit, als könnten sie sie umstoßen, die jahrelange Konstante, das Wunderbild des Ichs. Sie fragmentieren, was schon lange nicht zusammengehörte. Es hätte ja anders kommen können, man hätte nur etwas sagen müssen.
ich möchte mich mit meiner müdigkeit in fremde arme werfen. aber am ende bleibt sie gefangene meiner haut. ich will jemanden, der sie aus mir heraus schneidet. doch findet sie ihren weg zurück. die aussicht auf ein ganzes leben. an dem ich teilnehmen soll. ich drehe mich im kreis, damit man von außen denkt, es bewege sich etwas.
30.01.2018
der Himmel war heute aschblau und hat mich wiedergeboren
die Worte müssen sich erst wieder neu an mich gewöhnen
man hätte den Himbeerstrauch kürzen sollen, bevor die Zeit sich daran zerriss
Es ist immer dasselbe,
weinend lege ich mich in die Hand, die mich schlug.
ich
in meinem zentrum
der rest nur nebenher
[es tut weh wie am ersten tag]
Man hatte sich das gut angesehen, über die Zeit hinweg. Man hatte sich über ihre Kanten gelegt und die Abdrücke noch jahrelang betrachtet. Man wusste, worauf man sich einlässt. Aber man hatte keine Retroperspektive. Hatte sich nicht mit den Langzeitschäden befasst, mit dem katastrophalen der ganzen Sache, hatte sich nicht mit den Nachbeben befasst, der Krise hinter der Krise. Niemand hatte soweit gedacht, am Ende.
Man putzte sich jetzt die Verantwortung aus dem dicken Fell und stimmte lieb mit ein. Die ganze Sache war abgeschlossen, man tat, als hätte man nie was getan, das hatte man schon immer so getan.
that’s why
meine angst ist hellgrün und trägt einen mantel aus staub. wer sie anpustet, muss husten. meine angst umhüllt die dinge, die vorher noch real waren. man tritt ein stück zur seite in der welt, um sie auszuhalten. von außen wirkt sie seltsam dumpf. es verstummen die laute zu einer einheitlichen melodie.
meine angst ist unfassbar. wer sie greifen will, verliert. ich habe angst vor meiner angst. ich hole meinen atem nie ein, wenn er einmal losgerannt ist. meine atemlawine reißt strukturen kaputt. was mal aufrecht stand, bleibt jetzt zaghaft fragwürdig. ich bin mein müdes, ängstliches sein. meine angst ist tausend und eine nacht lang mein begleiter.
meine angst berührt mich nicht mehr. sie lässt sich nicht schieben, also schiebe ich mich weg. meine angst streicht mir über die haut. ich warte, bis es vorbei geht.
manchmal tut es weh. so sehr, dass mein atem aufhört zu rennen, er verstolpert sich in seiner todespanik, dreht sich hektisch nach hinten um. meine beine trennt es ab von mir, wer keine beine hat, kann nicht mal grade stehen. mit weichen, nicht vorhandenen knien durch den sand. ich sinke und es brennt, meine fußsohlen können nirgends hintreten, ohne sich zu verbrühen.
meine angst greift mich. sie hat kalte, klare hände. ihre umrisse sind keine frage. sie ist nicht überall, sie sitzt da und da und da auf meinem körper und brennt.
ich habe die angst nicht eingeladen, also ist sie meine heimat geworden.
i think i saw you in my sleep, darling
wie lege ich die worte in meine hände, die von innen gegen meine kehle drücken und eine pochende leere hinterlassen. diese nacht war eine der nächte, in denen die stimme das schreien zu lernen versuchte. mich hat keiner gehört. meine haut hat sich von meinem körper gepellt, nachdem deine hände darüber gefahren sind, ich spüre sie noch heute, als ich aufgewacht bin, hatten sich brandblasen an den stellen gebildet. wie fasse ich einen traum in worte, dessen realität ich mir nicht eingestehe, keiner hat meine schreie gehört und die luft ist so dünn geworden, dass mein atem stolpernd stockend um hilfe gerufen hat, ich habe deine brille zerschlagen, aber die scherben haben nur meine eigene haut aufgeschnitten, ich habe geschrien mich hat keiner gehört.
das sind die träume, in denen die stimme bis zu ihrem maximum und darüber hinaus zu klingen versucht, und doch ist sie so machtlos gegen alles, was sie erdrückt. ich darf dich nicht duzen, aber du bist viele personen und all diese personen haben hände, die narben auf meiner haut hinterliesen, fass mich nicht an, schrie meine stimme, immerschon, aber
mich hat keiner gehört.