Vom nach Innen und ans Meer laufen
Dieses Jahr sind es schon wieder 10 Jahre seit meinem ersten Ultralauf. Bald nachdem ich damit angefangen habe und zu Beginn auf Fragen, wo man den übernachtet auf einer 60km Strecke, nur seltsam angeschaut wurde, hatte ich die Idee mal 100km zu laufen. Und klar das geht, aber dann ist man halt ziemlich demoliert. Also wurde die Idee in „100km gesund laufen“ umformuliert. Und so begann meine Reise.
Im ersten Schritt habe ich mich mit Lauftechniken befasst. Auf Natural Running folgte das Laufen in Sandalen und eine erste Ausbildung zum Laufinstructor. Vom Lauf-ABC bis hin zu Chi-Running habe ich einiges ausprobiert.
Auf der Suche nach der Ursache von Verletzungen ging es dann an die Ausrichtung des Körpers und damit verbunden waren viele Übungen und eine weitere Ausbildung, diesmal in Isogai, einer japanischen Methode zur Hüftkorrektur. Über ein Seminar zur Kranio-Sakral-Therapie kam ich den Rhythmen, Wellen und Schwingungen im Körper näher. Als gelernter Elektroniker interessierte mich die Sache mit den Schwingungen und der Energie sehr, bis ich letztlich bei Musik, Stimmungen und den Planeten gelandet bin und mir klar wurde, wie Astrologie funktioniert. Weitere Ausbildungen in der Energiearbeit folgten.
Zum Thema Ernährung habe ich auch viel gelernt und ausprobiert. Ob Low Carb, diverse Formen des Fastens oder sportspezifische Nahrungsergänzungen, da war auch einiges in den Jahren dabei.
Nachdem man den größten Teil eines Ultra mit dem Kopf läuft, wie es so schön heißt, waren auch sportpsychologische Aspekte und Methoden aus dem Mentaltraining interessant. Und ich kam auch am spirituellen Laufen nicht uninteressiert vorbei.
Vor 2 Jahren hatte ich die Möglichkeit bei den Marathonmönchen in Japan einiges über deren Laufaskese Kaihoghyo und deren Trainigsmethoden zu erfahren. Sehr interessiert bin ich auch schon seit ein paar Jahren an den mystischen Trance-Läufer aus Tibet, den Lung Gomp Pa.
Jetzt ist Tibet auch nicht ums Eck und die üblichen Informationskanäle geben nicht all zuviel her. Es gibt ein paar Bücher, ein bisschen was im Internet, aber so recht kam ich nicht weiter. Erst auf dem Umweg über Wim Hof (the Iceman aus Holland) kam ich zu Tummo, einer Yogaart aus dem tibetischen Buddhismus. Und dann so langsam dämmerte mir die Verbindung wie alles zusammenhängt. Mittlerweile durfte ich jemanden kennenlernen, der dieses geheime, mündliche überlieferte Konzept kennt und auch Teile davon weitergibt. Es werden dabei ähnlich wie in der modernen Trainingslehre verschiedene Bereiche berücksichtigt. Körperübungen mit Mobilität und Stabilität, Ernährung, Atmung, Konzentration und eine bestimmte Art zu Laufen. Außerdem einige Ideen aus der Energielehre. Ein großes Ganzes.
Dazu gehört auch ein philosophischer Aspekt, der eine starke mentale und auch körperliche Wirkung hat. Alles sehr spannend, wenn man per se offen für neue Dinge ist.
Was mich an diesen traditionellen Lauftechniken oder Laufkonzepten fasziniert ist zum einen, dass hier Dinge beschrieben sind und über tausende von Jahren auch umgesetzt werden, die in der modernen Trainingslehre auch so empfohlen und beschrieben werden. Immer wieder entdecke ich dabei aber auch neue Sachen bzw. Dinge, die bisher weniger populär mit dem Laufen in direkte Verbindung gebracht werden.
Nachdem ich die 10 Jahre noch nie nach Plan trainiert habe und schon gar nicht mit einem Trainer oder Trainerin, kam es durch Zufall dazu, dass ich lightfootcoaching kennenlernte und irgendwie klar war: Das probiere ich mal aus. Jade und Nick, ein Ehepaar, die selbst viel, erfolgreich und auch mal extreme Sachen laufen. So startete ich dieses Jahr ein ganz „fremdbestimmtes Training“, gepaart mit meinen Erfahrungen und dem hohen Interesse an diesen mystisch anklingenden Lauftechniken.
Nach zwei Wochen Training stand der erste Test an. 50km um den Starnberger See, damit Jade weiß wo ich so stehe. Wir haben an meiner Lauftechnik und Körperhaltung gefeilt, um Verletzungen in Griff zu bekommen bzw. diese zu vermeiden. Ich habe nun also - wie meine ganzen Laufkolleg*innen auch - Intervall-Läufe gemacht, Bergaufsprints, Longruns und so weiter... Außerdem habe ich gezieltes Ernährungstraining gemacht. 300kcal pro Stunde, das klingt doch gut in einem Trainingsplan. Und auch Mentaltraining stand auf der Agenda.
Mein erstes Projekt war der Westweg im Schwarzwald: Ein Lauf von Pforzheim über den Feldberg nach Freiburg - 258km mit 7500hm in insgesamt 84 Std. Das hat gut geklappt, wenn auch mit Folgeschäden, einem entzündeten Fußgelenk. Das Schmerzmanagement hat aber schon mal gut funktioniert ;-).
7 Wochen später stand dann der Lauf von der Haustür bis zum Meer an. 2010 bin ich schon mal ans Meer „gelaufen“: Gewandert in 3,5 Wochen. Diesmal sollte es etwas schneller sein und vor allem mit einem viel kleineren Rucksack. Eine kleine Alpenüberquerung mache ich fast jedes Jahr. Meist von der italienische Grenze zurück nach Deutschland. In 15 Std. alleine, mit einem blinden Freund in einem Tag oder auch mal 3 Tage mit Freunden. Diesmal sollte es aber bis ans Meer gehen. 2018 hatte ich mir die Strecke schon mal ausgesucht und hatte da die Idee, in Sandalen ans Meer zu laufen. Auch wenn damals die Etappen kürzer waren, war kurz vor der italienischen Grenze Schluss.
Zuerst wollte noch ein Freund mit und es gab auch Überlegungen, das ganze irgendwie supported zu machen, sprich jemanden zu finden der mitfährt für maximale Flexibilität und zügiges Vorankommen.
Als es soweit war, bin ich mit meinem Rucksack alleine gestartet. Ich hatte die Strecke aufgeteilt und mir vorab schon Unterkünfte gebucht. Das heißt, der zeitliche Rahmen war gesteckt. Meist bin ich gegen 4:30 Uhr oder 4:45 Uhr morgens los und kam am frühen Abend an, so dass ich einchecken konnte und noch etwas zu Essen bekam.
Bevor es allerdings losging, traf ich meinen Lehrer aus Tibet. Wir haben uns vertieft zu den Trance-Läufern und deren Technik ausgetauscht. Und auch zur Inner Mission, Inner Peace, dem Denken und Emotionen und zu limitierenden und umlimitierenden Faktoren. Nach 3 Tagen philosophieren hatte ich den Gedanken „run with inner peace“ für mich geklärt, der mich zum größten Teil bis ans Meer gebracht hat. Eine kurze Zusammenfassung, die den einen oder die andere inspirieren könnte:
Denken ist limitiert, Gefühle sind limitiert, die wahre Natur (oder eben "the inner peace") ist unlimitiert.
Bleibt jetzt natürlich die Frage wie man mit "inner peace" rennt. Dazu muss man philosophieren, meditieren, üben, üben, üben und darf auch das körperliche Training nicht vergessen ;-).
Als es dann losging, morgens um 04:21 Uhr hat es ziemlich geregnet und das hat sich bis Abends mehr oder weniger durchgezogen.
Bei 74km und den drei ersten Anstiegen und Abstiegen mit nassen Füßen, blieben meine Zehennägel nicht verschont und hatten schon erste Ablösungstendenzen. Insgesamt kam ich aber gut voran, so dass ich entspannt etwas essen konnte und mein Zimmer bezog. Am nächsten Morgen ging es wieder gegen 04:30 Uhr weiter, den Alpenhauptkamm zu überqueren. Das, was es weiter unten geregnet hat, hat es oben geschneit. Irgendwann war klar: Da komme ich nicht durch - zudem war es ziemlich wolkig da oben und ein heftiger Wind.
Also auf dem Absatz kehrt gemacht und die ganzen schönen Höhenmeter wieder runter. Ohne einen wirklichen Plan wie es weiter geht. Im blödesten Fall ganz zurück.
Es bleib nur den Weg durch den Tunnel, durch den man als Fußgänger nicht laufen darf und es wahrscheinlich auch nur knapp überlebt, wenn Verkehr ist. Also hieß es irgendwie zum Tunnel zu kommen und zu hoffen, dass mich jemand mitnimmt. Das hatte ich 2018 auch schon machen müssen, damals war oben Gewitter. Ich wußte, dass es außer der viel befahrenen Straße keinen Weg gibt, ich das letzte mal aber einer Schneise im Wald gefolgt bin, unter der eine Ölleitung liegt und dann querfeldein bis oben auch ankam. Dieses Zurücklaufen ohne zu wissen, ob das heute noch was wird, war mental tatsächlich das Heftigste der Tour. Letztlich hat dann alles geklappt, ich kam auf der anderen Seiten des Tunnels an und das Wetter wurde besser. So viel besser, dass ich aufgrund der Hitze immer für genügend Wasser sorgen mußte.
Planung und Realität passen bekanntermaßen nicht immer zusammen. Jeden Tag haben sich irgendwoher zusätzliche Kilometer eingeschlichen. Hatte ich mir 65km für einen Abschnitt gemerkt, sah ich auf dem GPS Track, dass da 69 km standen und am Ende es dann 72 km waren. Bis zum Meer kam ich so auf knapp 20 zusätzliche Kilometer.
Bereits beim Lauf im Schwarzwald ein paar Wochen davor, kam ich an einen Punkt, an dem das Gefühl auftaucht, ewig weiterlaufen zu können. Ein Punkt, an dem sich Körper und Geist wohl auf die durchgehende Lauferei eingestellt haben.
Nach ca. 80 Stunden kam ich in diesen Modus.
Und so ging es dahin. Mal über wunderbare Almwiesen, über steinige Pfade und Gipfel, durch Wälder auf zugewachsenen Trails, entlang eines Flussbetts und auch mal querfeldein durch Wiesen. Immer mit der Folge, dass dann irgendwelche Gräser oder Mücken rote juckende Punkte an den Beinen hinterlassen hatten. Und immer wieder ging es an dichtbefahrenen Strassen entlang, was kein Spaß war, aber irgendwann noch nicht mal mehr genervt hat.
Schritt für Schritt kam ich dem Ziel näher. Die Klamotten für die regenreiche und kalte Strecke über den Alpenhauptkamm trug ich nun bei über 30° C mit mir durch die Gegend, bis ich sie in einer Unterkunft zurücklassen konnte, um sie später wieder abzuholen. Bei km 255 gab es sogar neue Klamotten und einen kleineren Rucksack. Was so ein paar Kilo ausmachen - das war nun fast wie fliegen.
Ich bin morgens nach wie vor sehr früh los. Bis 12/13 Uhr war es ok, aber dann wurde es einfach sehr heiß zum Laufen. Je näher ich ans Meer kam, desto mehr Wind kam auf. Die Kilometer wurde immer mehr und ich habe mich irgendwann nur noch gefreut, dass das alles hier so läuft. Ab und zu gab es Musik auf die Ohren und irgendwann folgte ich nur noch dem Alpe-Adria-Radweg, was die Navigation deutlich entspannte.
25 Kilometer vor dem Ziel legte ich nochmal eine Pause ein und entschied dann ein Stück weiter an einen schöneren Strand zu laufen und nicht nur bis zur ersten Stelle am Meer, wie ursprünglich gedacht.
Diesen ursprünglichen Zielort und -einlauf hatte ich fest in meinem Kopf. Als ich näher kam, und nach 352km das erste mal das Meer sah, war das schon sehr emotional.
Ich war ziemlich energiegeladen und die letzen Kilometer bin ich gradezu über die Straße in das Inselstädtchen Grado dahingeflogen, links und rechts das Meer, um dann mit tiefer Zufriedenheit an der Strandpromenade anzukommen.
126 Std. > 55 Std. davon gelaufen > 26 Std. geschlafen und den Rest gegessen, gesessen, gelesen, ….
Mein Körper brauchte dann noch 2 Tage um sich an dieses Nichtlaufen zu gewöhnen und hat dann erst auf müde und energielos umgeschaltet. Bis auf meine Zehen, die sich dann aber auch bald wieder erholt hatten, gab es keinerlei Beschwerden und Nachwehen…
Tja und the „Inner Peace“, diesen Zustand durfte ich kennenlernen und erleben. Nicht nur beim Laufen auch in der Zeit danach. Im Alltag, in der Arbeit und immer wieder beim Laufen.