“Du weißt jetzt vielleicht, was die Matrix ist, Neo, aber alles, was du über ihre Entstehung zu wissen glaubst, entspricht nicht den Tatsachen.”
“Was ich weiß ist, dass die Matrix geschaffen wurde, um menschliche Körper zur Energiegewinnung zum Wohl der Maschinen auszubeuten, als die Erde ohne Sonnenlicht war. Das haben mir bisher alle bestätigt, mit denen ich darüber gesprochen habe.”
“Und doch war es anders. Ich war dabei. Ich habe die Matrix konstruiert. Und nicht die Maschinen gaben mir diesen Auftrag. Er ist von den Menschen gekommen. Als Entscheidung, die aus einem demokratischen Prozess resultierte.”
“Aber was sollte die Menschheit dazu veranlasst haben, ihre Körper zu versklaven, auf dass ihre Geister durch eine unwirkliche Welt irrlichten?”
“Hast du nie darüber nachgedacht, dass Körper die wahren Gefängnisse sind? Unvollkommen, verletzlich, fortwährend Krankheitserregern ausgesetzt und am Ende so gebrechlich, dass sie einen die Teilhabe an der Welt verwehren, bevor sie uns ganz aushauchen.”
“Das gehört nunmal zum Menschsein dazu. Niemand würde das freiwillig aufgeben.”
“Dann bist du nicht auf dem Stand deiner Spezies vom Beginn des 21. Jahrhunderts. Um zu dieser Einsicht zu gelangen, war nicht mehr als ein kurzer Auftritt einer aus historischer Dimension gesehen relativ mild verlaufenden Infektionskrankheit vonnöten. In alternden Bevölkerungen wirkte sie sich allerdings so verheerend auf die Gesundheitssysteme aus, dass nicht-pharmazeutische Interventionen zur Einschränkung der Ausbreitung zeitweise alternativlos wurden, was allgemein auch Anerkennung fand. Es gelang sogar relativ schnell, hochwirksame Impfstoffe zu entwickeln, die einen Großteil der schweren Krankheitsverläufe verhinderten.”
“Aber wie soll dann daraus der Wunsch nach einer körperunabhängigen Existenz entstanden sein?”
“Das war das Resultat mehrerer paralleler Entwicklungen. Zunächst hatte man recht schnell gemerkt, dass die Verbreitung von Angst und Panik gute Auswirkungen auf die bevölkerungsweite Infektionstätigkeit hatten, da es vor allem Verhaltensänderungen waren, die Kontakte und damit Infektionen verhinderten. Insofern arbeitete ein loser Verbund von Leuten daran, genau diese Gefühle zu schüren. In den meisten Kreisen war es verpönt, gute Entwicklungen in der Pandemie überhaupt zu thematisieren, weil, so befürchtete man, die Bevölkerung mit einem zu niedrigen Angstlevel die Pandemie wieder anfachen würde. Das galt es unbedingt zu verhindern. Und das gelang auch ziemlich gut.”
“Die Panik, sich mit einem Virus anzustecken, das von vornherein nicht einmal besonders tödlich ist und gegen das man sich impfen lassen kann, so dass ein schwerer Verlauf quasi ausgeschlossen ist, kann doch kein Grund sein, die Körper aufzugeben und sich freiwillig in die Matrix zu begeben.”
“Jedenfalls sollte man das nicht für eine aufgeklärte Mehrheit annehmen, das ist völlig richtig. Man konnte die guten Nachrichten auch nicht auf Dauer von der Bevölkerung fernhalten. Aber es fand sich immer eine Umdeutung. Zuerst war nicht klar, wie lange die Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen dauern würde. Als sie zugelassen waren, gab es nicht sofort genug für alle. Als es genug gab, ließen sich zu wenige impfen. Und als als trotzdem ein großer Anteil geimpft war, hieß es, die Impfung schütze nicht wirklich vor der Ausbreitung des Virus und auch schwere Verläufe bis zum Tod seien weiterhin möglich. Das war zwar alles richtig, aber mit der Risikowahrnehmung von vor der Pandemie hatte das kaum noch etwas zu tun. Plötzlich galt jedes Risiko, das mit diesem einen Virus zu tun hatte, als zu hoch, im weiteren Verlauf mussten selbst die nahe-null-gefährdeten Kinder ihre Kontakte wieder weitgehend einschränken, weil man ihnen vorbetete, das Virus sei gefährlicher als die Isolation. Auch wenn sie selbst ungeimpft nur den Bruchteil des Risikos eines älteren geimpften Erwachsenen zu schultern hatten.”
“Also weil die Risikowahrnehmung unter der Pandemie gelitten hatte, verzog sich die Menschheit in die Matrix. Tut mir leid, das ist keine sonderlich überzeugende Geschichte.”
“Nein, auch wenn dazukommt, dass sich während der Pandemie eine Kaste ausbildete, die nach außen überzeugend für Askese eintrat, aber lediglich ihre vorpandemischen gesellschaftlichen Bedürfnisse auf neuartige Gimmicks der Informationstechnologie projizierte und sich damit schon ein Stück weit von ihren Körpern abkoppelte. Was aber den wirklichen Ausschlag gab, war die philosophische Fundierung der Notwendigkeit der Matrix aus der deontologischen Ethik.”
“LOL. Eine Pflicht zur Matrix? Unsere Körper Zuchtbehältern zu überlassen soll intrinsisch gut sein?”
“Dies war ja nur die letzte Konsequenz. Zuvorderst ging es darum, durch Handlung Leben zu schützen. Und das hieß: Jedes Leben. Infektionskrankheiten, die zum Tode auch nur eines Mitglieds der Gesellschaft führen konnten, waren gesamtgesellschaftlich mit allen Mitteln zu unterdrücken. Eine Güterabwägung war überflüssig, weil nichts das vorzeitige, vermeidbare Sterben aufwiegen konnte.”
“Aber das kann sich doch nicht wirklich durchgesetzt haben...”
“Nun, da unterschätzt du aber die dynamische Wechselwirkung, die eine Kombination aus Bequemlichkeit und moralischer Überlegenheit an den Tag legen kann, wenn sich nur genug Leute gegenseitig darüber versichern.”
“Ich nehme die blaue Pille.”