J.
Isoliert. Gefangen in den eigenen vier Wänden. Gefangen in mir selbst. Nur durch die offene Balkontür weht ein frischer Luftzug. Die Vorhänge fallen sanft auf den Boden. Ich versuche die letzten Tage zu verarbeiten und zu vergessen. Versuche sie gewaltsam aus meinem Kopf zu verdrängen. Versuche irgendwas noch Schwereres daraufzustellen, so dass ich sie damit ersticken kann. Die schlechten Schreckensnachrichten reißen in diesen Tagen sowieso nicht ab. Doch ich kann mich kaum mit ihnen beschäftigen. Ich kann mich kaum damit auseinandersetzen, dass ich in den nächsten Montagen nicht meiner Beschäftigung nachgehen kann. Dass meine berufliche Existenz wackelt. Dass alles, was ich mir im letzten Jahr und vorbereitend den letzten sechs Jahren aufgebaut habe, nicht mehr existieren könnte. Dass plötzlich alles egal ist. Alleingelassen mit Ängsten. Du machst sie wahr. Mit Sicherheit nicht mit Absicht. Ich rede mir immer wieder ein, dass es mir gut geht. Gesund. Stark. Nicht um Worte verlegen. Erfinderisch. Beharrlich. Wir leben trotz der großen Not, die sich langsam an uns heranschleicht, immer noch verdammt gut. Jeder Kriegsvergleich müsste sofort mit einem teuren Bußgeld bestraft werden. Denn unsere Häuser wackeln nicht. Unsere Wände haben keine Löcher. Unser Kühlschrank ist voll. Unsere Betten sind warm. Unsere Hände sauber. Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich jeden Tag in dieser Woche für meine Gedanken. Sie sind nicht solidarisch mit dem Rest des Landes. Sie sind bei dir. Immer nur bei dir und diesem einen Samstagabend, an dem ich nicht da war. Es hätte nichts geändert. Nur wäre die Erkenntnis vielleicht später gekommen und hätte meine kleine Blase noch ein wenig länger aufrechterhalten. Du machst das Unvorstellbare für mich wahr. Ich frage dich. Doch du antwortest nicht. Das musst du wahrscheinlich nicht, denn ich erfahre es auch so. Der Raum, in dem wir uns befinden, bleibt leer. Jeder isoliert in seinen eigenen Gedanken. Gefangen in sich selbst. Es fließen Tränen. Es folgen Worte, die noch immer durch meinen Kopf schallen. Die Taten fehlen. Die Lücke wird größer. Vielleicht sogar Endstation. Kaum haltbare Wut gegen lähmende Schmerzen. Eine Dynamik, die sich immer wieder in zu kurzen Abständen abwechselt. Angetrieben durch Scherze, Fantasiefetzen und ein stilles Gefühl, das leise schweigt aber von Zeit zu Zeit mit dem Finger auf sich zeigt. Schau her, du kannst mich nicht ignorieren. Nicht mehr nach zehn Jahren. Schau mich an, ich bin dein ständiger Begleiter. Mit 30 Jahren müsste man doch der Wahrheit ins Gesicht blicken können oder? Ich kann es nicht. Ich kann mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen lassen. Angst darf niemals siegen. Doch mein Optimismus schwindet dieser Tage. Ich fühle fast nichts und lass mich treiben. Der nächste Luftzug knickt mich ein oder trägt mich mit. Behalte ich jetzt Recht? Was soll ich dir sagen, was du nicht längst schon weißt aber nicht auf dich nehmen kannst? Was kann ich überhaupt noch in diesen Tagen erwarten? Was wird aus uns allen? Ich bin ratlos. Ich weiß nur, dass du mir fehlst – und vermag es kaum auszusprechen.













