Gleichberechtigung endet im BĂŒcherregal
âIn den BĂŒcherregalen stehen sich Jungs und MĂ€dchen auf den ersten Blick oft unversöhnlich gegenĂŒber. Eine Seite rosa, eine blau, jeweils angefĂŒhrt von Prinzessin Lillifee und KĂ€ptân Sharky. Die Frage ist: Stimmt das?â, las ich vor Kurzem in einem Artikel der SZ. Im Rahmen dieses Artikels untersuchten die Autoren Katharina Brunner, Sabrina Ebitsch, Kathleen Hildebrand und Martina Schories Kinder- und JugendbĂŒcher aus ungefĂ€hr 70 Jahren. Dabei griffen Sie auf die Bibliothek fĂŒr Jugendbuchforschung der Uni Frankfurt am Main zurĂŒck, die jedes Kinder- und Jugendbuch bei der Aufnahme in den Bibliotheksbestand verschlagwortet und Hinweise gibt, worum es in dem Buch geht.
 Nachdem ich schon lĂ€nger nicht mehr in den gröĂeren Buchhandlungen war, sondern einen viel zu groĂen Teil meines Geldes in einer kleinen unabhĂ€ngigen Buchhandlung lasse â wobei, fĂŒr gute BĂŒcher kann man eigentlich nicht zu viel Geld ausgeben â dachte ich, dass ich mir diesen Gegensatz zwischen Jungen- und MĂ€dchenbĂŒchern selbst mal ansehe und ging in eine Thalia-Filiale.
Die Lage auf dem BĂŒchermarkt
Vorweg muss ich sagen, dass ich positiv ĂŒberrascht war, dass es nur einen komplett rosa und nur einen komplett blauen Aufsteller gab und die sonstigen Aufsteller recht neutral gehalten waren.
Thalia Erlangen
Besonders die Erstleserregale bis hin zum Jungen Lesen zeigten aber genau das, was die Autoren der SZ postulieren. MĂ€dchen gegen Jungs, Pferde gegen FuĂball, rosa gegen blau, Feen gegen Monster, Zuhause gegen groĂe weite Welt, Mama helfen gegen Abenteuer erleben. Im Online-Handel ĂŒbrigens genauso wie vor Ort.
Amazon Top 3 fĂŒr âFreundebuch Jungeâ und âFreundebuch MĂ€dchenâ (Stand: 17.07.2019)
Sport, Action und SpaĂ dominieren bei den Jungen. Die Cover sind ĂŒberwiegend in blau gehalten. Bei den MĂ€dchen gibt es interessanterweise wenig rosa, dafĂŒr aber Fantasietiere, MĂ€rchenfiguren und Glitzer.
Thalia-Regal mit MĂ€dchenfreundebĂŒchern
Spricht fĂŒr sich.
Beispielinhalte von Jungen- und MĂ€dchenfreundebĂŒchern
Und auch hierzu sage ich lieber nichts GroĂartiges, bevor der Blog-Eintrag in einem Rant ausartet.
Hier noch ein Foto des Erstleseregals und eine Auswertung der SZ, dann gehtâs textlich wieder weiter.
aus:Â https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/kultur/gender-wie-gleichberechtigt-sind-kinderbuecher-e970817/
In âMediendidaktik Deutschâ steht zum Lesen im Hinblick auf IdentitĂ€t Folgendes: âSchon wenn ein Kind oder ein Jugendlicher z. B. ein Buch liest, wirkt die Rezeption direkt oder indirekt auf die IdentitĂ€t des kindlichen bzw. jugendlichen Lesers zurĂŒck. Dies gilt fĂŒr Kinder- und JugendbĂŒcher, die altersspezifische und geschlechtstypische Probleme entfalten (z. B. Abenteuergeschichten, PferdebĂŒcher) wie fĂŒr klassische literarische Texte.â (Frederking et al. 2018, S. 94)
Und auch Lars Burghardt, der an der Uni Bamberg am Lehrstuhl fĂŒr Elementar- und FamilienpĂ€dagogik forscht, wird im SZ-Artikel wie folgt zitiert: âWenn immer sĂŒĂe Prinzessinnen oder tollkĂŒhne Helden abgebildet sind, hat das einen subjektivierenden Effekt auf die Kinder. Das ist dann in Ordnung, wenn sich Kinder ohnehin damit identifizieren können â aber wenn ein MĂ€dchen nicht die sĂŒĂe Prinzessin sein, sondern Abenteuer erleben möchte, wirkt das einschrĂ€nkend.â (Brunner et al. 2018) Als eine der Ursachen fĂŒr diese starke Polarisierung in Kinder- und JugendbĂŒchern greifen die Autoren das Gendermarketing heraus. Das bedeutet: Produkte verkaufen sich dann gut, wenn sie gezielt eines der beiden biologischen Geschlechter ansprechen. Die BĂŒcher sind schlichtweg zielgruppenspezifisch gestaltet â sowohl inhaltlich als auch textlich - und sorgen so dafĂŒr, dass uns das âRosa-Blau-Denkenâ weiterhin erhalten bleibt.
âDie Darstellung des Aussehens von weiblichen Figuren entspricht in der deutlichen Mehrheit klassischen Zuschreibungen. Die Analyse der Kategorie GefĂŒhle und Verhalten zeigt ebenfalls, dass weibliche Figuren in groĂen Teilen geschlechterstereotyp dargestellt werden. Sie werden eher passiv als aktiv dargestellt (âŠ), mehr als doppelt so hĂ€ufig Ă€ngstlich oder schwach wie mutig und stark (âŠ) und deutlich hĂ€ufiger emotional als rational (âŠ). Protagonistinnen werden 8-mal hĂ€ufiger im Haushalt dargestellt als im Beruf. (âŠ) Bei den ausgeĂŒbten TĂ€tigkeiten zeigt sich, dass MĂ€nner mehr als 8-mal so hĂ€ufig berufstĂ€tig dargestellt werden wie bei fĂŒrsorgenden oder haushaltsnahen TĂ€tigkeitenâ, berichten Lars Burghardt und Florian Klenk in einer empirischen Analyse aus dem Jahr 2016 (Burghardt, Klenk 2016, S. 71)
Fiktion bietet einen Schutzraum, in dem die Lesenden andere Rollenmuster, Erfahrungen von Wirklichkeit und andere Weltbilder erleben, welche wiederum das Selbst- und Weltbild der Leser beeinflussen (vgl. Frederking et al. 2018, S.95).
Das mĂŒssen wir jedoch so nicht hinnehmen. Genauer gesagt bieten gerade solche BĂŒcher eine hervorragende Grundlage fĂŒr identitĂ€tsorientieren Unterricht in Anlehnung an Frederking. Wie bereits in meinem ersten Blogeintrag angesprochen, soll der Deutschunterricht die Möglichkeit bieten, sich mit dem eigenen Selbst- und WeltverstĂ€ndnis auseinanderzusetzen und die Entwicklung der Persönlichkeit zu fördern (vgl. Frederking 2001, S. 95).
Zerlegen wir die BĂŒcher also mit den SchĂŒlern und sehen uns an, was dahintersteckt.
Das kann auf viele unterschiedliche Arten geschehen und man muss sogar nicht direkt auf die inhaltliche Ebene gehen. Sehen wir uns beispielsweise Cover von Kinder- und JugendbĂŒchern an und lassen die SuS darĂŒber reden, was sie sich auf Basis des Covers vom jeweiligen Buch erwarten. Anhand dieser Erwartungen kann man darĂŒber diskutieren, worauf die BĂŒcher (oder die Verlage dahinter) setzen. Klischees? Oder vielleicht ist doch nicht alles so schwarz-weiĂ und wird bei den JugendbĂŒchern gemĂ€Ăigter? Es sollte definitiv keine einseitige Buchauswahl vorliegen. Um nicht allzu viel vorzugeben, können die SuS im Internet nach Kinder- und JugendbĂŒchern recherchieren und sich jeweils ein Cover heraussuchen. Und bei dieser Gelegenheit kann man direkt auch auf die Bedeutung von Paratext eingehen und die SuS herausfinden lassen, dass Buchcover nicht ohne Grund so aussehen wie sie aussehen.
PS: Zuerst wollte ich den Blogeintrag ĂŒbrigens âGleichberechtigung endet vor dem BĂŒcherregal" nennen. Gerade vor dem Hintergrund, dass man - zumindest irgendwann ab dem Jugendalter - nicht nur noch BĂŒcher vorgesetzt bekommt, sondern sie sich selbst heraussuchen kann, hat mich aber das âvor demâ gestört. Denn wenn man sich darĂŒber klar wird, was dort wie und warum steht, konsumiert man vermutlich anders - diese Erfahrung habe zumindest ich gemacht.
Liebe Leser,Â
das war mein vorerst letzter und vielleicht auch ein wenig in die LĂ€nge eskalierter Blogeintrag im Rahmen des Seminars (das zugegebenermaĂen auch schon ein Jahr lang vorbei ist - ein Hoch auf lange Abgaberfristen und kulante Dozenten!). Ich hoffe, er hat gefallen und freue mich auf konstruktive Kritik.Â
Literatur und Quellen:
Brunner, K., Ebitsch, S., Hildebrand, K., & Schories, M. (2019). Blaue BĂŒcher, rosa BĂŒcher. https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/kultur/gender-wie-gleichberechtigt-sind-kinderbuecher-e970817/ (zuletzt angesehen: 17.07.2019)
Burghardt, Lars & Klenk, Florian. (2016). Geschlechterdarstellung in BilderbĂŒchern - eine empirische Analyse. In; GENDER, 3-2016, S. 61-80.
Frederking, V., Krommer, A., & Maiwald, K. (2018). Mediendidaktik Deutsch: Eine EinfĂŒhrung. Berlin: Erich Schmidt Verlag.
Frederking, Volker (2001). Peter HĂ€rtlings âBen liebt Annaâ - IdentitĂ€tsorientierter Umgang mit einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur im Zeichen von Individualisierung, Pluralisierung und Medialisierung. In: Christine Köppert / Klaus Metzger (Hrsg.): âEntfaltung innerer KrĂ€fteâ. Blickpunkte der Deutschdidaktik. Festschrift fĂŒr Kaspar H. Spinner anlĂ€sslich seines 60. Geburtstages. Seelze: Friedrich, S. 92-109














