2019
Hier kommt er, der echte Jahresrückblick 2019. Ihr habt doch nicht allen Ernstes gedacht, dass dieser kurze Popeltext schon alles gewesen sein soll, oder? Der Text kommt heute und nicht wie sonst am 31. Dezember, weil ich nach dem Absenden eine Woche lang nicht kreativ sein will, um dann im neuen Jahr richtig durchzustarten.
Ich beginne, wie passend, mit dem Januar 2019. Der schlimmste und emotionalste Monat in diesem Jahr. Wie viele von Euch wissen, hat mein Vater eine unvorstellbare Odyssee erleben müssen und ich schaue diesen kleinen, zerbrechlichen Mann heute oft an und frage mich, wie dieser Körper all das aushalten konnte. Ich bin dankbar, dass ich weiterhin Zeit mit meinem Vater verbringen darf, auch wenn es manchmal schwierig ist, weil sich die Vater-Tochter-Beziehung verändert hat und ich oft nicht weiß, wie ich damit umgehen soll.
Das Schöne an dem Schlimmen ist, dass diese Erlebnisse meinen Bruder und mich sehr zusammen geschweißt haben. Waren wir eigentlich immer zwei Einzelkinder, dem Altersunterschied von sieben Jahren geschuldet, sind wir nun auf Augenhöhe. Die Zeiten, in denen André quengelnd an meine Kinderzimmertür klopfte und mich zwang, ihn mit zum kleinen Spieli zu nehmen, sind vorbei. Er fällt mir auch nicht mehr aus der Kinderkarre oder muss stundenlang Hündchen spielen. Ich habe ja jetzt Mischa. Heute nimmt er mich an die Hand, und wir wissen, dass wir alles zusammen durchstehen können. Der kleine Ghetto Hip Hopper ist erwachsen geworden und ich hoffe, ich ziehe demnächst nach.
Im April 2019 entschied ich, vermutlich in einem Zustand der geistigen Umnachtung und allgemeinen Angepisstheit, England zu verlassen. Sieben Jahre lebte und liebte ich dort. Ich zog elfmal um. Ja elf. Ich lebte mit geisteskranken Ex-Models und Typen, die mich nachts versuchten zu küssen, zusammen. Ich aß oft nur noch kalte Speisen auf meinem Bett, weil im Kühlschrank alles allen zu gehören schien. Ich hatte manchmal so wenig Kohle in der Tasche, dass ich mich eine Woche lang von Makkaroni mit Käse und gechlortem Leitungswasser ernähren musste. Um dann wieder Phasen zu haben, in welchen ich morgens schon den Schampus köpfte und mit dem Land Rover zur Arbeit fuhr. England hat mir so viel beigebracht, über das Leben, über mich selbst. Aber was ich nicht wissen konnte, als ich damals im April 2012 in den Flieger stieg, um Deutschland den Rücken zu kehren, war, dass ich von nun an immer Heimweh haben werde.
Ich vermisse Deutschland, wenn ich in England bin. Und England, wenn ich in Deutschland bin. Weder Deutschland fühlt sich richtig wie Heimat an noch England. Es ist schwierig zu beschreiben. Es ist ein bisschen wie eine Klassenfahrt, die gut war und man verbringt zwar noch Zeit mit den Menschen, die dabei waren, aber der Ort ist ein anderer. Ich vermisse England sehr. Meine Freunde, die Landschaft, mich selbst. Ich mochte die Person, die ich dort war. Losgelöst von Familien-Energien und dem deutschen Alltag. Frei von der Rolle, die man nun mal in jeder Familie inne hat. Ich bin so gern allein spazieren gegangen, stundenlang durch die Wälder oder am Meer, um dann in einen urigen Pub einzukehren. Gerade meine letzten Jahre auf dem Land und am Meer waren wunderschön. Ich war so oft allein, aber es hat mich zu der Zeit gar nicht gestört. Es fing erst an, traurig zu werden, als das mit meinem Vater passierte und meine letzte Beziehung anfing, langsam, aber sicher in den letzten Atemzügen zu liegen. Alles wurde mir Zuviel. Die Streitereien mit meinem Freund, die Sorge um meinen Dad, mein anstrengender Job. Ich wollte nicht mehr englisch sprechen, ich merkte, wie meine eigene Muttersprache den Bach runter ging und verlor gleichzeitig die Liebe zur englischen Sprache. Aus Frustration schrie ich meinen damaligen Freund während eines Streits minutenlang auf deutsch an. Nur, damit mich endlich mal jemand versteht, richtig versteht. Was natürlich lächerlich war, da er überhaupt kein deutsch verstand.
Nun bin ich seit acht Monaten wieder hier. Es fühlt sich immer noch so an, als wäre ich nur vorübergehend hier. Als würde ich hier nur kurz mal checken was geht, um mich dann in ein paar Monaten wieder loszumachen. Ich habe einen coolen Job, es ging alles so schnell und ich musste mich im Endeffekt um nichts wirklich mit Schweiß und Blut bemühen. Alles flog mir in den Schoss, seitdem ich hier bin. Mein Job, meine Wohnung, die ich nun aufgebe, um doch wieder ein City Girl zu werden. Ich verbringe viel Zeit mit meiner besten Freundin, etwas, das wir sieben Jahre lang nicht kannten. Es war immer alles nach Plan, durchorganisiert und getacktet, weil ich einfach immer eine Riesenagenda hatte, wenn ich zu Besuch in der Heimat war. Nun können wir spontan im Jogger auf der Couch abranzen oder ein Feierabend Bier in irgendeiner Kaschemme trinken. Ich merke erst jetzt, wo ich wieder da bin, wie sehr ich sie vermisst habe.
Das gleiche gilt für meine Ma. Manche Menschen finden es komisch, weil meine Familie so eng ist, weil wir alle irgendwie doch immer zusammenhängen, obwohl man sich gar nicht bewusst verabredet, aber so sind wir halt. Polen, Schweden, Italiener, Mexikaner - wir sind international was die Stärke des Familienzusammenhalts betrifft. Mir wird bewusst, dass meine hübsche und wirklich flotte Mutter auch langsam alt wird. Dass manche Dinge, wie sich zum Spazierengehen fertig zu machen, locker auch mal 15 Minuten dauern kann. Während ich bereits in voller Montur im Flur stehe, schwitzend, der Schal fängt an zu kratzen, hält sie einen Monolog darüber, dass Elvi’s Nachbarin jetzt auch einen Freund habe, den linken Schuh in der Hand schwingend. Ich kenne Elvi’s Nachbarin nicht, aber in der Welt meiner Mutter ist dies durchaus eine Information, die ich aufnehmen muss. Dann wird mit einem Schuh am Fuß noch kurz in der Küche ein Keks gegessen, die Krümel weg gemacht, dann wird die Jacke angezogen, nur um sie wieder auszuziehen, weil sie doch nochmal pieschern muss und dann, kurz bevor es endlich los geht, die Hand wandert schon zur Türklinke, geht es erst richtig los „Mein Schlüssel!“ Wo habe ich denn den Schlüssel?“
Dankbar bin ich für meine Familie. Und natürlich für meine Freunde. Ich habe immense Freude empfunden, als die Idee aufkam, meinen 40. Geburtstag auf Mallorca zu feiern. Ich war so überrascht, wie viele am Ende gekommen sind, da dies natürlich mit anderen Kosten verbunden ist, als sich kurz ins Auto zu setzen. Ich habe gelacht, geweint und getanzt. Ich habe aber trotzdem eine gewisse Traurigkeit empfunden, und obwohl der 40. wie ja so oft ein Neuanfang werden sollte, wusste ich bereits im Juli, dass noch was kommt. Dass ich den Neustart mal besser auf den 1. Januar 2020.
Die meisten von Euch haben schon darauf gewartet, vermutlich den Text bis hierhin nur überflogen, denn nun kommt es, mein Lieblingsthema. Die Liebe. Davon gab es seit meiner großen Trennung 2017 von meinem Franzosen nicht genug. Nicht von anderen, aber viel gravierender; nicht von mir selbst. Eine meiner Freundinnen hat ihren spirituellen Weg gefunden und sie hat mir lange versucht beizubringen, dass ich mich selbst lieben lernen muss. Alles steht und fällt mit der Selbstliebe. Ich habe alles probiert. „Ich liebe dich“ jeden Morgen an mein Spiegelbild, das sich ein Lächeln abgekrampft hatte, weil das in der Beschreibung zur Selbstliebe so steht. Meditation, um einen Weg zu der Liebe für mich selbst zu finden. Briefe an mich selbst geschrieben. Ein geköpftes Huhn nachts im Wald geopfert. Das war ein Scherz. Ich wollte nur testen, ob Ihr noch da seid. Mich letztendlich von dem Mann getrennt, der die letzten 1.5 Jahre in England so etwas wie mein Zuhause darstellte. Fiel alles um mich herum zusammen, war er trotzdem irgendwie immer da. Aber nie genug. Genug ist das Stichwort. Ich gab mich her für Lieben, die gar keine Lieben waren. Die mich zwar füttern, aber nie satt machen. Die mich nicht erfrieren lassen, aber auch nicht richtig wärmen. Wie so eine Polyesterdecke, die einem elektrische Schläge und fliegende Haare gibt, aber keine echte Wärme. Ich suchte und suchte und suchte, aber das, was ich wollte, habe ich noch nicht gefunden. Menschen sagen mir, ich solle Abstriche machen. Ich solle aufhören zu träumen. Aufhören, auf den Mann, den es nicht gibt zu warten. Aber ich weiß, dass es ihn gibt. Ich weiß, dass er irgendwo da draußen ist. Vielleicht kommt er erst zu mir, wenn ich 50 bin. Oder 70. Aber ich weiß, er ist da. Bis dahin muss ich halt zur Selbstliebe finden. Schöne Erinnerungen schaffen. Dankbar sein für alles, was ich habe. Es war schwierig am Anfang, aber es wird immer besser. Selbstliebe für mich bedeutet auch, nein zu sagen. Zu sagen, dass etwas nicht OK ist nicht genug ist, sich nicht mehr gut anfühlt und auch, sich manchmal selbst zu umarmen. Dank Yoga ist dies etwas, das ich gut kann. Selbstliebe bedeutet für mich persönlich auch locker durch die Hose zu atmen und zu vertrauen. Mir selbst, dem Universum und den Menschen, die mich lieben. Und dann passt das schon.
Diese halbherzigen Beziehungen, nur am Ende nicht allein darzustehen und das Endreihenhaus mit Carport und Kind vorzuweisen, ist nach wie vor keine Option.
Ich wünsche Euch, solltet Ihr es bis hierhin ausgehalten haben, ein besinnliches Weihnachtsfest. Drückt Eure Liebsten und ruft die an, die nicht dabei sind. Kommt gut ins neue Jahr und denkt immer daran was der alte Oscar sagte…
Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.









