17. März. Hinein in die Fluten! Wir gehen vorm Frühstück im Indischen Ozean schwimmen. Versorgt mit Reisetipps von unseren Nachbarn, die vor Jahrzehnten in der Schweiz und in Schwaben lebten, reiten wir weiter über den steilen Outeniqua-Pass. Es geht nach Oudtshoorn, der Hauptstadt der Straußenzucht. Ein Schauer treibt uns in die Läden – schade, dass Straußenledertaschen hier teurer sind als in Kapstadt. Auch Frank kann sich trotz guter Beratung im Fachgeschäft nicht durchringen, ein Zebrafell für seine kleine Wohnung zu kaufen.
Auf einer Straußenfarm wird uns eine deutschsprachige Führung zuteil: Carol Ann hat in der Schule Deutsch gelernt und will demnächst nach Stuttgart gehen (sie scheint Herausforderungen zu lieben). Der nächste Schauer prasselt auf uns nieder, als Julia sich auf Straußeneier stellt – kein Problem, die Schale ist zwei Millimeter stark und Julia leicht.
Auf der Rückfahrt von der Farm wird Frank zum Krötenretter: Er trägt eine Schildkröte, groß wie ein halber Fußball, über die Fernstraße.
Eine Stunde nachdem Julia mit Strauß William geschmust hat, kaufen wir beim Schlachter 400 Gramm Straußenwurst und im Obstladen Feuerholz. Das landet sofort auf dem Grill des Campingplatzes, an dem wir unseren Nachbarn John kennenlernen: einen kaffeebraunen Kerl mit krausem Haar und blauen Augen, also „coloured“. Genau wie André, der aus Deutschland stammt (13. März), beklagt er sich bitter über die Politik der Nach-Mandela-Ära. Gleichzeitig zeigt er Frank seine Grill-Tricks, schenkt ihm zusätzlichen Grillanzünder, gibt eine Dose Bier aus, bietet seine Barbecue-Sauce an, verleiht sein Grillbesteck und überlässt uns – weil unser Holz feucht ist und noch Zeit braucht – seine heiß glühende Kohle. So verspeisen wir nach und nach unsere Straußenwurst, Süßkartoffeln und gegrillte Zucchini und kauen auf zähen T-Bone-Steaks herum.
18. März. Es ist noch stockfinster, bestimmt vor fünf Uhr, da weckt uns der Gesang eines Chores: Stimmgewaltige Männer und Frauen schmettern, vielleicht fünfzig Meter entfernt, grandiose Gospel-artige Melodien in einer afrikanischen Sprache – und in einer Präzision und Qualität wie die Don Kosaken zu ihren besten Zeiten. Aber warum so früh? Und warum hören wir sie zunächst von rechts, dann von weiter links, dann weiter entfernt? Feiertag? Ritual? Revolution?
John klärt uns auf: Die Polizei veranstaltet frühmorgens Fitnessprogramme, damit die Beamten abnehmen – und die singen dabei. „Die Schwarzen können ja nicht viel“, findet John, „aber singen können sie.“
John hat früher mit Biltong gehandelt, dem getrockneten und eingelegten Fleisch, das im südlichen Afrika so beliebt ist; jetzt spezialisiert er sich auf Fisch und verkauft unter anderem getrockneten und eingelegten salzigen Fisch – genau: Fisch-Biltong.
Auf Johns Empfehlung drehen wir eine Runde nördlich von Oudtshoorn durch die Meiringspoort-Schlucht – eine atemberaubende Strecke, mindestens so schön wie die herrlichsten Straßen in den Alpen. Wir verbringen dort ein wenig Zeit, klettern hinauf zum 60 Meter hohen Wasserfall. Wollen wir direkt nach Oudtshoorn zurück, oder fahren wir über den Swartbergpass. Och, das sieht auf der Karte kaum länger aus. Ha, von wegen! Der Pass erweist sich als enger, steiniger und vor allem steiler Pfad über die Großen Swartberge – endlich kommt die Geländeuntersetzung unseres Autos zum Einsatz. Frank genießt die anspruchsvolle Strecke, Julia die letzten Protea-Blüten des Jahres, beide die spektakulären Aussichten.
Nachteil des herrlichen Ausflugs: Er hat viel Zeit gekostet. Also pedal to the metal und versuchen, heute noch Montagu zu erreichen. Oder wenigstens Barrydale, wo es einen Campingplatz neben heißen Quellen geben soll. Die Strecke zieht sich, und als wir Barrydale erreichen, merken wir, dass die heißen Quellen schon 18 Kilometer hinter uns liegen. Der Campingplatz im Ort existiert nicht mehr, Montagu ist noch weit – also beziehen wir erstmals seit zwei Wochen eine Unterkunft mit Dach und Bett. Die ältere Dame in „Sandy’s Place“ ist entzückt und übergibt uns eine Ferienwohnung, die außerdem antike Möbel bietet, eine Küche und eine Terrasse, auf der wir uns wieder entspannen.
19. März. Meyer Joubert (Meyer scheint sein Vorname zu sein) knattert mit seiner KTM-Enduro auf sein Weingut, nimmt den Helm ab, sieht aus wie der junge Alain Delon und zieht den ersten Korken des Tages, um uns zu beraten. Sein Gut Joubert-Tradauw bei Barrydale produziert nur kleine Mengen von nur vier Weinen – „ich könnte auch mehr Sorten schaffen oder die Menge erhöhen, aber dann müsste ich viel Zeit in Marketing stecken und herumreisen. Aber ich kümmere mich lieber um meine Weine und ihre Qualität.“ Mit Erfolg.
In Montagu sprudeln heiße Quellen, sorgfältig umschlossen von einer Premium-Badeanstalt, in der an diesem langen Wochenende Kinder aller Hautfarben planschen. Wir verzichten bei der Hitze auf heiße Quellen, schlendern stattdessen über den putzigen Kunsthandwerk-Markt. Das Café „The Joshua Tree“ ist ein kleines Paradies: Im Halbschatten der Bäume im Hof schlecken wir cremige Kuchen, ein Gitarrist zupft dazu leise-jazzig schöne Melodeien. Das Café wurde nach einem Projekt benannt, bei dem Township-Bewohner Möbel aus Weinfässern herstellen und verkaufen – „Tree“ steht fürs Holz, „Joshua“ für den gottesfürchtigen, aber ansonsten unerschrockenen Führer aus dem Alten Testament.
Heute Morgen hat Meyer Joubert uns empfohlen, viel Zeit an der Südspitze zu verbringen, rund um Cape Agulhas. Viel Zeit haben wir leider nicht mehr; aber da er Onrus als besonders schön beschrieben hat und es dort einen Campingplatz gibt (der trotz des langen Wochenendes noch nicht ganz ausgebucht ist), geht’s halt nach Onrus, vorbei an einem gigantischen Waldbrand in den Bergen. Hat Meyer-Joubert sich geirrt oder wir den schönen Teil von Onrus verpasst? Die steinige Küste, in der faulendes Kelp stinkt, begeistert uns jedenfalls nicht.
Inmitten des eher einfachen Camping-Publikums hier wächst der Wunsch nach ein wenig höherer Zivilisation. Das örtliche Restaurant erfüllt uns diesen Wunsch in gewissem Maße. Der Mann zum Beispiel, der uns um eine Führung durch unseren Camper bittet, bedient sich einer ausgesuchten Wortwahl, möglicherweise um seinen Schwips zu überspielen. Nach anständigem Wein und sehr nettem Fisch sind wir mit Onrus versöhnt.