Frühling
Ein Hund schnuppert an einem Rosenstrauch.
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if i look back, i am lost
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macklin celebrini has autism
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we're not kids anymore.
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Xuebing Du
Cosimo Galluzzi

JVL
Sweet Seals For You, Always

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Monterey Bay Aquarium

blake kathryn
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@kunterwund
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Cat-Content!
Warum auch nicht.
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Matthias Horn
The S-Day Sessions
© Christian Marschler 2015
Relationship
The S-Day Sessions
Woman: Vabiola Rehfeldt
Man: Ralf Mahlig
© Christian Marschler 2015
Feld
Das Feld ist lange abgeerntet. Nur ausgetrocknete Stoppeln trotzen noch dem Herbstwind. Der fahle Himmel ist so grau wie die kahle Erde. Das Mädchen und der Junge laufen Hand in Hand geradeaus. "Es ist gewiss nicht mehr weit.", sagt der Junge und das Mädchen blickt zu einem Schwarm Wildgänse. "Aber wir laufen doch schon so lange", sagt sie, "ich weiß schon gar nicht mehr, woher wir kommen und wohin wir gehen." "Wir kommen von da hinten und müssen nach da vorne.", sagt der Junge. "Woher willst du wissen, wo hinten und vorne ist?", fragt das Mädchen. "In allen Richtungen gibt es nur Erde und Himmel. Kein Baum, kein Haus, kein nichts. Nur Erde und Himmel." "Das ist einfach", sagt der Junge und blickt zurück. "An unseren Spuren erkennen wir, wie wir gelaufen sind. Wir müssen nur darauf achten, dass sie gerade sind. Dann sind wir bald zuhause." Sie laufen weiter, die Zeit vergeht und der Horizont ist leer. Wieder streifen Wildgänse im Schwarm über den Himmel. Das Mädchen blickt ihnen nach. "Wir sollten denen folgen. Die fliegen dahin, wo es schön ist. Die wissen bestimmt auch, wo man hin muss." "Wir sollten nichts riskieren", sagt der Junge und blickt zurück. "Wir sind schon so lange unterwegs, es ist gewiss nicht mehr weit." "Aber wir laufen doch schon so lange.", sagt das Mädchen. Sie laufen weiter, die Zeit vergeht und der Horizont bleibt leer. Bei einem flüchtigen Schritt knickt das Mädchen um. "Aua", sagt sie, "mein Fuß. Halte bitte kurz an." Sie besieht ihren Knöchel. Er schwillt schnell an. "Das sieht nicht gut aus", sagt der Junge und blickt zurück, "ich kann dich tragen. Huckepack?" Das Mädchen nickt. Er trägt sie. Die Schreie der Wildgänse jagen durch die Stille. "Hör mal, die Wildgänse", sagt das Mädchen. "Wenn ich fliegen könnte, würde ich mit denen mitfliegen und dich auf mir sitzen lassen." "Kannst du mir noch einmal die Geschichte von den Wildgänsen erzählen?", fragt der Junge und blickt zurück. Und das Mädchen erzählt die Geschichte von den Wildgänsen. Wie sie in das grüne Land fliegen. Dort, wo alles blüht und wimmelt und singt und es keinen Herbst gibt. Während sie erzählt, lässt der Junge seinen Blick schweifen und malt ihre Erzählung auf das karge Feld, das überall ist. Er weiß, dass es das grüne Land nicht gibt, aber er sagt es ihr nicht. Weil sie mit feuerroten Wangen davon erzählt und ihre Augen immer so leuchten, dass er darin all das sieht, wovon sie erzählt. Und wenn er sich dann umsieht, wird das Feld zum grünen Land. Er weiß, dass es nur ein Traum ist. Aber er sagt es ihr nicht, weil er sie liebt. Die Zeit vergeht und es wird dunkel. "Geht es dir gut?", fragt er und blickt zurück. Das Mädchen schlummert vor sich hin und erwacht kurz. "Du trägst mich schon so lange", sagt das Mädchen, "ich finde es toll, dass du immer weißt, woher wir kommen und wohin wir gehen." "Das ist einfach", sagt der Junge und stellt sich das grüne Land vor. "An unseren Spuren erkennen wir, wie wir gelaufen sind. Wir müssen nur darauf achten, dass sie gerade sind. Dann sind wir bald zuhause." "Schau mal!" Das Mädchen gluckst und zeigt nach vorn. Vor ihnen liegt ein sanft geschwungener Hügel, darauf steht ein Häuschen. "Wir sind da!" Der Junge trägt sie bis zur Tür. Auf der Schwelle finden sie eine kleine Wildgans mit einem gebrochenen Flügel. Sie heben sie auf und nehmen sie mit hinein. Der Junge schließt die Tür. Die Nacht kriecht über das Land. Im Häuschen gehen die Lichter an. Die Strahlen fallen aus den Fenstern auf den Acker und leuchten schwach in die Dunkelheit, verglimmen vor der Weite des Feldes, das sich in jeder Richtung bis hinter den Horizont erstreckt. Das Mädchen und der Junge essen zu Abend und legen sich schlafen in ihrem Haus auf dem Feld.
Gift
The S-Day Sessions
Man: Tim Utikal/Gift
© Christian Marschler 2015
Bestie
“Du weißt doch, dass man sich nach Anbruch der Dunkelheit nicht draußen herumtreiben soll.” Die Mutter besah die Wunden auf der Haut ihrer Tochter. “Ich habe mit meinen Freundinnen gespielt und wir haben die Zeit vergessen und dann wurde es dunkel und ich habe mich nicht getraut nach Hause zu laufen und dann war ich ganz doll mutig und bin doch gegangen und dann…” Das Mädchen stockte, es hatte Tränen in den Augen. “Dann kam die Bestie.” “Komm mal her.” Die Mutter nahm das Mädchen in den Arm. Sie drückte es, flüsterte ihm liebe Worte ins Ohr. Dann trug sie es ins Badezimmer und verpflegte seine Wunden. “Versprich mir, dass du dich nie wieder draußen herumtreibst, wenn es dunkel ist. Bitte. Du weißt, dass dann die Bestie umherschleicht.” “Ich verspreche es.” Die Mutter trug das Mädchen ins Kinderzimmer, legte es ins Bett, deckte es zu, setzte sich auf die Bettkante. “Seit wann gibt es die Bestie eigentlich schon?” fragte das Mädchen. “Ich weiß auch nicht genau.”, sagte die Mutter, “niemand weiß es. Am Anfang gab es nichts Böses hier in diesem Dorf. Deswegen sind wir hergezogen. Es war ein Paradies. Aber irgendwann tauchte sie auf. Immer nachts. Erst war es gar nicht so schlimm sie tat einem nicht viel. Dann fing es an, die… Die Überfälle. Ich war die Erste, die verletzt wurde. Und als es wieder passierte und es immer schlimmer wurde, und auch du angefallen wurdest, da fing ich an, dieses… Wesen… Bestie zu nennen.” “Warum gehen wir nicht weg? Dorthin, wo es keine Bestien gibt?” “Weil… Hier ist alles, was wir haben. Unsere Freunde, die uns beschützen können im Notfall.” “Aber du erzählst ihnen ja nichts. Warum?” “Weil…” Die Mutter überlegte lange. “Weil sie noch nicht angefallen wurden von der Bestie. Sie kennen sie gar nicht. Vielleicht denken sie, wir sind verrückt!” “Aber das hier ist nicht verrückt.”, sagte das Mädchen und schaute seine Arme an. Da begann auch die Mutter zu weinen. “Ich weiß. Aber soll ich dir ein Geheimnis erzählen?” Das Mädchen nickte mit großen Augen. “Die Bestie ist eigentlich lieb. Früher war sie lieb. Weißt du noch?” “Nein”, sagte das Mädchen, “das weiß ich nicht mehr.” “Es war das liebste Wesen auf der ganzen Welt. Und wenn wir lieb zu ihm sind, dann ist sie vielleicht auch wieder lieb zu uns. Wie in dem Film, weißt du noch? Die… Die Schöne und das Biest?” Das Mädchen nickte. “Aber wenn wir jetzt sagen, da ist ein Biest, dann wird das Biest noch wütender, dabei ist eigentlich lieb und nur allein. Aber wir sind ja bei ihm.” “Aber wenn es ein liebes Wesen ist”, fragte das Mädchen, “warum tut es uns dann immer weh?” “Weil…”, überlegte die Mutter, “weißt du noch, dass das Wesen in dem Film verzaubert war? Die Bestie ist auch verzaubert. Vor langer Zeit wurde gab es einen Kreis von Hexern, und das Wesen geriet in diesen Kreis. Aber war weil es nicht so stark war wie die Anderen, wurde es bald verhext, dass es immer einen Zaubertrank trinken muss. Und dieser Zaubertrank machte das Wesen ganz doll böse. Und so wurde es zur Bestie. Aber es ist so verhext, dass es diesen Trank immer weiter trinken muss.” “Aber muss doch auch einen Zaubertrank geben, der das Wesen wieder lieb macht!”, sagte das Mädchen. “Den gibt es, aber nicht so wie du ihn dir vorstellst, sondern das Gegenmittel heißt…” Die Mutter senkte die Stimme und machte einen bedeutungsvolle Pause. “Liebe!” “Liebe?” fragte das Mädchen. “Ja, Liebe.”, sagte die Mutter, “und wenn man stark genug ist und das Wesen ganz doll lieb hat, noch mehr lieb hat als es der Zaubertrank böse macht, dann wird der Zauber eines Tages aufgehoben. Aber man muss ganz viele Abenteuer bestehen, bis es soweit ist. Wie in deinen Filmen, da gibt es auch immer erst zum Schluss ein gutes Ende, stimmt’s?” Das Mädchen nickte. Langsam fielen ihm die Augen zu. Die Mutter streichelte ihm durch das Haar, küsste es auf die Wangen. “Versprich mir, dass wir das gute Ende schaffen. Ja? Versprich mir, dass wir stärker sind.” “Ich verspreche es.”, sagte das Mädchen. Vor der Tür rumpelte etwas. Die beiden hörten etwas schnaufen, dann grummeln. Dann einen Schrei. Das Mädchen zog die Decke über den Kopf. “Die Bestie ist wieder da”, flüsterte es. “Wir haben sie lieb, ja? Aber sie soll nicht herkommen. Dann ist es leichter sie lieb zu haben.” “Wir haben sie morgen wieder lieb”, flüsterte die Mutter, “wenn es hell ist. Für den Moment müssen wir nur ganz, ganz leise sein.”
Google zeigt die Zähne
Aus Google wird Alphabet. Ein - aus deren Sicht - genialer Schritt, der alarmierte Falten auf die Stirn treibt. Der Name steht für den Stellenwert, den Google erreicht hat. Google will so essentiell wie das Alphabet sein, ohne das es heutzutage nicht mehr geht. Für das Internet gilt das schon heute, für Google vielleicht erst morgen. Die Namensänderung ist vielleicht der wichtigste Schritt dahin. Egal, ob wir davon reden, dass Kinder in der ersten Klasse das Alphabet lernen, dass Analphabten ein großes Problem haben, weil sie ihnen das Werkzeug zum Eintritt in die moderne Gesellschaft fehlt, dass Analphabetismus überwunden werden muss - künftig werden wir dann von Google, Verzeihung, Alphabet reden. Ohne dass wir etwas dagegen tun können.
Kurzzeitgedächtnis I
Kurzzeitgedächtnis: Fotografien am helllichten Tag mit sehr kurzen Belichtungszeiten (<1/2000), Offenblende und minimalen Iso-Anpassungen, um nur die Bereiche abzubilden, die das Tageslicht am stärksten reflektieren.
Zu: "Der Herr der Dinge" - Wired, Ausgabe Mai 2015
Wenn die Zugfahrapp meines Vertrauens eine Fahrzeit von drei Stunden ausspuckt, kaufe ich mir eine Zeitschrift. Heute eine hochinteressante Ausgabe der Wired. Darin ein Artikel über die Ambitionen von Pinterest, einer App, mit der User Gegenstände, Orte, Gerichte, kurz: alles, was man irgendwie favorisieren kann, festhalten.
So entsteht eine unglaublich große Datenbank, die als Fingerabdruck unserer Kultur gelesen werden kann. Alles, was irgendjemand für erwähnenswert hält, kommt hinein. Je Nutzer entsteht außerdem ein Profil der Dinge mit diesen Abbildern des Vorhanden. Und: Man ist nicht auf Kaufkraft oder Erreichbarkeit angewiesen, man markiert, oder in der Sprache der App, man pinnt einfach und macht sich die Abbilder so zu eigen. So weit, so interessant.
Aufhorchen musste ich jedoch beim Satz, der für das Wertverständnis einer solchen digitalen Sammelwut steht: Altes Merchandise könne getrost inder Tonne landen, wenn es nur vorher fotografiert und gepinnt wird. Als Anhänger schrammeliger Musik kann ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, jenes Shirt, das beim erstmaligen Tragen auf einem Konzert direkt diverse Brandlöcher und Schweißflüsse abbekam, gegen eine leblose digitale Kopie zu tauschen.
In noch größerem Maße trifft das auf die Kutte zu, jenes Aufnäher-bewehrte Kleidungsstück des Metal-Traditionalisten. Eingeschworene Kuttenträger sind durchaus der Meinung, dass sie über die Jahrzehnte so lange mit Schweiß, Dreck, Getränkeresten und Urin geweiht werden muss, bis sie in Sachen Festigkeit den Vergleich mit sowjetischem Stahlbeton nicht mehr zu scheuen braucht.
Dieser Vergleich soll illustrieren, dass Stofflichkeit im Gegensatz zum Digitalen eine Biographie der Spuren aufbauen kann. Das aus Massenfertigung gewonnene Kleidungsstück wird über die Zeit zum individuellen Gegenstand mit Narben, die der Besitzer zuordnen kann, sich anhand ihrer erinnert, sie deutet, geradezu liest.
Postingverläufe und Kommentare mögen in der Summe ebenso zu einem Narrativ werden, für sich genommen bleiben sie der Statik makel- und zeitloser Nullen und Einsen unterworfen.
Der Verzicht auf allzu viele Dinge und die sorgfältige Auswahl des tatsächlich Konsumierten ist eine schöne Konzentrationsübung, wenn es darum geht, die wenigen eigenen Taler möglichst sinnvoll anzulegen und dabei auch noch auf eine Fülle von Vorschlägen zurückgreifen zu können. Für Deutung und Wertzuschreibung, für Erinnerung braucht es jedoch einen Stoff, der versehrt werden kann, wenn die Zeit über ihn hinwegweht. Und ein Archiv ohne Erinnerungen ist kein Archiv.
Klaue
Die Klaue des jungen Mondes reißt die Wolken entzwei. Das Mädchen und der Junge sind getrennt voneinander da. Sie auf der linken Seite der Brücke, er auf der rechten. Zwischen ihnen unberührter Neuschnee. Ihre Beziehung war wie Autofahren: Erst wenn man bremst, merkt man, wie schnell man war. Mir ist kalt, denkt das Mädchen und sieht ihrem fliehenden Atem nach. Ich weiß, denkt der Junge und fängt ihn wieder ein. Sie betrachten sich schweigend. Es ist weit nach Mitternacht, und wenn man den nächsten Tag nicht erwartet, ist einem auch die Zeit egal.
Unter ihnen verläuft eine Autobahn. Hin und wieder ist noch ein Auto unterwegs, es kündigt sich mit einem Lichtkegel an, schnellt unter ihnen hindurch und verschwindet mit roten Augen in der Dunkelheit, ein langgezogenes Dröhnen hinter sich herziehend, schließlich verebbend. In der mondhellen Nacht wirft der Schnee das Licht zurück in den Himmel, die Konturen der Bäume und Wege zeichnen sich klar ab. Einzig der schwarze Asphalt bleibt teilnahmslos verhüllt. Keinen Makel enthüllt er, keine Schwäche gibt er preis. Er zeigt seine Wunden nicht.
Aber es gibt sie, und bei Tageslicht kann man sie sehen: Dort vorn, zwei, nein vier lange Narben sind scharf entlang der Fahrbahn gezogen. Sie enden kurz vor dem rußgeschwärzten Brückenpfeiler. In der Zeitung war dieses Bild zu sehen: Die Straße, die Spuren, die Brücke im Hintergrund. Dazu der Feuerwehrmann, der fassungslos in die Kamera schaute. Im Artikel, aber auch im Radio und im Fernsehen wurde immer dieser Mann zitiert, der mit der ehrlichen Wort- und Ratlosigkeit aufrichtiger Überforderung davon erzählte, dass es das Auto regelrecht auseinandergerissen habe.
Was machen wir jetzt? denkt das Mädchen. Ich kann überall hin, aber ich kann nichts berühren. Ich kann jeden sehen, aber ich kann mit niemandem sprechen. Ich habe alle Zeit der Welt, aber ich kann nichts tun. Ich bin bei meiner Familie gewesen, aber ich war nicht mit ihnen. Ich habe Strände besucht, ohne den Sand zwischen meinen Finger zu fühlen, ich habe Sonnenaufgänge betrachtet, ohne die Wärme auf meiner Haut zu spüren. Ich bin geflogen, wohin ich wollte, doch es gab keinen Ort, an dem ich ankommen konnte. Kannst du mir noch einmal davon erzählen, wie es ist, wenn Hände sanft auf der Haut streicheln? Ich habe es vergessen.
Ich sehe dich, aber ich kann dich nicht küssen, denkt der Junge, ich verbringe Zeit mit dir, die wir nicht teilen können. Ich vermisse das Leben. Wie es ist, wenn mich deine Hände streicheln? Es ist wie der Sand zwischen den Fingern, wie das erste Sonnenlicht des Tages auf der Haut. Aber was denke ich, was haben wir, außer diese gemeinsamen Worte. Ich träume davon, wieder so in den Tag eintauchen zu können wie damals, als ich noch lebte. Mich so ganz in das Bild kleiden zu können, das mir meine Sinne von der Welt malten, ganz gleich, wie hell oder dunkel es ausfiel! Kein Herzschlag ohne Gefühl, und jetzt habe ich beides verloren. Leer ist die Welt ohne Leben.
Vielleicht können wir uns selbst vergessen, denkt das Mädchen, vielleicht ist es dann vorbei. Dort, wo nichts ist, kann sich nichts erinnern. Was ist dort oben? Sie richtet den Blick in den Himmel. Wie weit hinauf schaffen wir es wohl?
Uns gibt es nicht mehr, denkt der Junge, wir können überall hin.
Sie fahren nach oben. Immer weiter, durch die brüchige Wolkendecke, immer weiter, bis sie dort, wo sie nichts erwarten, alles finden. Die Wolkendecke schließt sich und bedeckt des Mondes silbrige Klaue.
Wollust
Wollust, denkt sie.
Das Blut tropft von ihren gestreckten Fingern. Es läuft die Unterarme hinunter, bildet kleine Flussläufe, perlt an ihren Fingerspitzen und fällt zu Boden. In ihrer Wohnung im höchsten Stockwerk des Hauses steht sie nackt vor der breiten, bis zum Fußboden reichenden Fensterfront. In Endlosschleife ihr Lied, das mit majestätischer Gleichgültigkeit ihre Gedanken leitet. Der Raum hinter ihr ist dunkel, nur eine Kerze scheint vor sich hin. Schwach erkennt sie ihr Spiegelbild. Jedes Mal, wenn die Kerze aufflackert, wird es kurz deutlicher. Sie kann sich kaum erkennen. Der Himmel wölbt sich dunkelblau. Hoch über ihr gähnt strahlende Schwärze. Zum Horizont hin mischt sich ein mildes Orange in die Nacht. Den Kopf starr auf dem fahlen Leib eingefroren, richtet sie die Augen auf die Straßenschlucht. Unter ihr pulsiert die Stadt. Sie umarmt sich selbst und schneidet sich zärtlich ins Fleisch der Oberarme, abwechselnd. Sie fühlt das Blut an sich hinunterrinnen. Sie spürt, wie die Lache langsam und behutsam ihre Füße einschließt. Sie betrachtet ihr Spiegelbild. Allmählich wird es deutlicher. Summend denkt sie Bilder in die Distanz zwischen dem Spiegelbild auf der Fensterscheibe und ihrem Gesicht. Sie kennt ihr Gesicht nicht. Sie weiß, dass es da sein muss, sie glaubt, Augenbrauen und Lippen zu erspüren. Maskenhaft liegt ihr etwas vor dem Kopf, das nicht zu ihr gehört. Das spricht und riecht und schaut und runzelt. Sie führt die Hände vor die Wangen. Und zieht lange Spuren zum Kiefer. Was bin ich, denkt sie, fühlt die Wärme zwischen den Fingern, die ihr das Gesicht hinabläuft und den Mundraum fühlt, die ihren Blick betäubt. Etwas steigt ihr aus der Kehle, legt sich auf die Haut und kleidet sie ein. Mit jedem Schnitt kommt sie ihrem Spiegelbild näher.
Mit ungezähmten Peitschenhieben Den fahlen Körper umgepflügt, Zum Spiegelbildnis hin getrieben, Das maskenhaft den Blick betrügt.
Die Stadt pulsiert. In dunkles Rot gekleidet, noch immer vor dem Fenster stehend, nimmt sie die Kriegstrommeln wahr, deren dumpfer Rhythmus ihr Blut aus den Schnitten treibt. Dunkel winden sich die Schläge unter dem reißerischen Fall verlebter Bilder, die sich aus leeren Augen schälen, dem Strom rostiger Erinnerungen zufließend. Er kriecht schlangengleich zwischen ihre Beine und verschwindet in ihrem Schoß. Ihr wird warm. Mit ausladenden Bewegungen dirigiert sie die Wärme tief in ihren Körper.
Die Haare in den feuchten Händen Und Bebend durch die Nacht gezogen Sind zitternd die verschwitzten Lenden Voll Wollust von der Schnitte Wogen.
Durch ihren Körper beißt sich das Gespenst der Melodie, die sie einmal vernahm und nie vergessen wird. Die Melodie, die dort unten, tief in der Straßenschlucht, keimt und sich mit den verpfützten Straßen, den glimmenden Straßenlaternen, den scheuen Menschen und ihren einsamen Blicken die Häuserwände hinauf klettert. Sie findet zu ihr, erliegt der Wärme auf ihrem Körper und heizt das Feuer an. Die Hitze wallt durch ihre Glieder. Am Horizont dämmert der Tag. Unten in der Stadt verebbt der Verkehr, das quirlige Gewusel, das geschäftige Treiben. Immer weniger Menschen, immer weniger Autos, immer weniger Geräusche, Stimmen. Die Sekunden blitzen schwächer. Mit jedem Zentimeter, den sich das Licht des neuen Tages die Fensterfronten hinunterhangelt, wird ihr heißer. Bei Tagesanbruch setzt sie sich im Schneidersitz auf den Fußboden vor der Fensterfront und beträufelt die dämmernde Stadt mit dämmernden Blicken. Sie wird so müde wie die letzten Menschen, die mit Ascheaugen und hochgeschlagenen Mantelkrägen eben in den dunklen Hauseingängen verschwinden. Die Dunkelheit ist ganz vergangen. Alles erstrahlt in glühender Klarheit in der roten Glut des Tagesanbruchs. Ihr Spiegelbild verblasst. Die Kerze erlischt. Das Lied verstummt. In die gähnende Leere zwischen sich und der Fensterscheibe flüstert sie ein Wort der Entschuldigung:
Wollust.
Neues Museum Weimar
Mond und Venus über Potsdam Am Stern
Der Gesang der Stille
Die Nacht wie eine Freundin grüßen, Ein Wort, dem Dunkel zugedacht, Dem ganzen Firmament zu Füßen, Das über dunklen Dächern wacht. Den muntren Schritt zum Ufer lenken, Hinaus, dorthin, wo Stille quillt. Der Einsamkeit ein Lächeln schenken, Das auch dem weiten Ausblick gilt: Ein Horizont voll Wolkennarben, In dem ein welkes Feuer ruht. Es malt mit tausend Flammenfarben Des langen Tages letzte Glut. Darüber, schüchtern glimmend zeigen Die ersten Sterne sich dem Blick, Bevor sie sich dem Mond verneigen, Der weichen Glanz zur Erde schickt. Vergebung liegt in dieser Weite, Die friedlich das Gemüt bestreicht, Ein treuer Freund an Nachtens Seite, Der nie von ihrer Seite weicht. Die Stille singt vergessne Lieder Von sehnsuchtsvollem Tatendrang. Sie hallt in müden Augen wider, Belebt sie mit vertrautem Klang. Mich fasst ein neuer Lebenswille, Er flüstert frische Kraft herbei, Verliebt in den Gesang der Stille Und im Gesang der Stille frei.
Notiz: Generation Y? Gedanken zum Artikel "Nehmt sie ernst!" vom 24.01.2015 auf zeit.de
Auf Zeit.de war eine Reaktion auf eine allzu kritische Betrachtung der sogenannten Generation Y zu lesen, in der es um deren scheinbar fehlenden politischen Gestaltungswillen ging. Ebenso sei die Generation Y eher konservativ, engagiere sich zu wenig, spare zu viel. Die Antwort darauf kritisierte die Herangehensweise, diese Generation Taten vorhergehender Generationen zu messen, die in einer ganz anderen Zeit unter ganz anderen Umständen aufgewachsen seien. Der Generation Y gelänge es, Bewahrung und Veränderung gleichermaßen anzustreben. ( www.zeit.de/2015/02/generation-y-gesellschaft-politik) Grundsätzlich finde ich es richtig, in der Gegenwart nicht die Maßstäbe politischer Teilhabe anzulegen, deren Skalierung man aus der Rückschau auf die Nachkriegsgeneration bezieht. Folgerichtig können historischen Bedeutungen nur exemplarische Beispiele entgegen gesetzt werden. Mir fehlt jedoch die Konsequenz der Argumentation: Die sogenannte Generation Y kann, wie beschrieben, nicht in den Dualitäten vorhergehender Generationen erschlossen werden. Das heißt aber auch, sich vom dem Gedanken zu verabschieden, eine Generation insgesamt beschreiben zu können. Ich denke, dass es keine Generation Y gibt, die über gemeinsame Geburtsjahre hinaus irgendeinen gemeinsamen Nenner hätte. Vielmehr findet hinsichtlich politischer Teilhabe im Speziellen und sozialen Strukturen im Besonderen eine Kompartimentierung statt. Innerhalb der Gesellschaft, aber auch innerhalb des Handelns einer Person. Niemand ist zu einer ewig gültigen Rolle (Der Politische, Der Eskapistische etc.) auf Dauer verpflichtet. Und das ist auch gut so!
Sonnenuntergang
Er sah einen Strand, und auf dem Strand tanzte sie im Licht der letzten Sonne. Das feurige Licht kam vom Meer und bestrich alles mit goldenem Glanz. Er hatte sie noch nie gesehen. Weil er über die Dünen vor dem Leuchtturm herangestapft war, konnte er nur ihre Konturen erkennen. Sie war nichts als eine dunkle Gestalt, die über den Sand schwebte und sich drehte und sprang und hüpfte und dann und wann verharrte. Ihre Haare wehten ihr nach im Takt der lautlosen Melodie. In ihren Sprüngen lag eine unbekümmerte Fröhlichkeit, in ihrer Ausgelassenheit eine stille Melancholie.
Einmal tanzte sie so nahe an die Brandung heran, dass sie im nassen Sand ausrutschte und der Länge nach hinfiel. Sie streckte alle Viere aus und lachte. Er konnte ihr Lachen hören. Sie war flugs wieder auf den Beinen und tanzte einfach weiter. Nun sang sie. Ihr Singen hielt an, manchmal wurde es leiser, kichernder, heimlicher, manchmal lauter, eindringlicher. Einmal schrie sie. Aber es war kein grober Schrei, kein breites Brüllen. Es war eher, als ob sie die Melodie mit aller Kraft aufs Meer schicken wollte. Als ob sie ganz sicher sein wollte, dass der ganze Strand und das ganze Meer und die ganze Welt diese Melodie hört. Es war ein wunder Ruf.
Und dann sah er ihr Gesicht. In dem einen, kurzen Moment, in dem kreisende Licht des Leuchtturms das kreisende Gesicht des tanzenden Mädchens traf. Es war ein Augenblick, den er weniger sehen, sondern nur fühlen konnte. Er blickte in ein blasses Gesicht, in dessen Leichtigkeit Erlösung lag. Als hätte dieses Antlitz einen Moment größter Vergebung eingefroren. Die Augen waren fest geschlossen.
Sie tanzte noch eine kleine Weile. Die Sonne war gerade ganz unter den Horizont gewandert, da verschwand sie einfach. So schnell, dass er es kaum glaube konnte. Sie ging einfach ins Wasser. Sie trug noch all ihre Sachen, als sie aufhörte zu singen. Sie blieb einen Moment lang stehen, und in diesem Moment hielt alles andere mit ihr den Atem an. Sogar die Zeit stand still. In diesem Moment gab es nur sie. Der Wind spielte durch ihre Haare, sie selbst blieb unbeweglich. Und dann ging sie ins Wasser. Und verschwand. Ihr Schopf war noch auszumachen, da kam der nächste Wellenkamm und verschluckte sie.
Für ihn brach eine Welt zusammen. Er hätte alles gegeben, um im letzten Moment in ihre Augen schauen zu können. Was können das für Augen sein, dachte er, die geschlossen mit der untergehenden Sonne tanzen und ihr ins Wasser folgen?
Und so folgte er ihr.