2. Mai 2024, ca 16:30 Uhr bis 17:30 Uhr
"Nur ab und zu wird der Raum durch den Schein der durch das Dämmerlicht im Regen und Hagel zuckenden gleißenden Blitze kurz erhellt" (aber die Videokonferenz über das Handy steht)
Als es den großen Knall gibt, stehe ich gerade im Hörsaal und erkläre den Masterstudierenden etwas über die Rolle von spannungsgesteuerten Natriumionenkanälen bei der Schmerzweiterleitung. Das ist schon ein Schreckmoment, wenn es mit einem Mal so knallt und im gleichen Moment alle Technik ausgeht, die beiden Monitore schräg neben mir, der Beamer, das Deckenlicht, und anschließend das Dämmerlicht von draußen den Raum kaum noch erhellt.
Na gut, so ganz überraschend hätte das nicht gewesen sein müssen. Es war angesagt, dass es lokale Unwetter und Gewitter geben könne, und dass diese heftig ausfallen könnten. Aber als ich mein Büro verließ und in das Hörsaalgebäude rüberging, tröpfelte es nur ein bisschen; jetzt, eine Stunde später, ist der Himmel aufgebrochen und es schüttet und hagelt und donnert und blitzt um uns rum. Einige Studierende überlegen schon, ob sie vielleicht in der Hochschule übernachten müssen. Aber lokale Unwetter halten ja normalerweise nicht so lange an. Naja, auf jeden Fall ist eben gerade offenbar ein Blitz in einer wichtigen Leitung eingeschlagen und hat einmal komplett die Stromversorgung ausgeschaltet.
Seit der Coronazeit übertrage ich Vorlesungen, die ich im Hörsaal für Studierende halte, aus dem Hörsaal auch per Videokonferenz und zeichne sie auf. Je nachdem, was die Studis sich wünschen. Wir haben dafür Verfolgerkameras in den Hörsälen, die entweder mich verfolgen, oder, wenn ich eine einfache Handgeste mache, auf die Tafel schwenken. Natürlich kann man mit vielen bekannten guten und schlechten Argumenten das Für und Wider sowohl von Vorlesungsaufzeichnungen als auch von Live-Übertragungen diskutieren. Aber ach, für manche Studierende mag es auch gute und weniger gute Gründe geben, eine Lehrveranstaltung nicht in Präsenz zu besuchen. Mir macht es natürlich mehr Spaß, mit Studierenden gemeinsam im Hörsaal zu arbeiten, und sinnvoller als eine Übertragung oder Aufzeichnung aus dem Hörsaal wäre es wahrscheinlich, einen vollständigen Online-Kurs anzubieten – aber es gibt komplizierte Rahmenbedingungen, und ich versuche auf diese Art, den Studierenden unterschiedliche Teilnahmemöglichkeiten zu geben.
Auf jeden Fall hat dieser Blitzeinschlag natürlich - da ja auch der Computer ausgefallen ist - die Vorlesungs-Übertragung und -Aufzeichnung plötzlich beendet. Mit den Studierenden im Hörsaal überlege und schaue ich die Lage an: Das Licht lässt sich weiterhin nicht anschalten, Starten des Computers geht natürlich auch nicht.
Nicht mal die Lamellen-Jalousien, die als Sonnenschutz halb herunter gelassen sind, kann ich hochfahren, um mehr von dem Dämmerlicht draußen in den Hörsaal zu lassen. WLAN im Hochschulgebäude ist ebenfalls ausgefallen; einige Studis sagen, sie hätten auch kein Mobilfunknetz mehr am Handy, aber mir wird auf meinem Smartphone ein Mobilfunknetz angezeigt.
Ein klein wenig Sorgen mache ich mir, weil ich meinen Laptop in meinem Büro angeschaltet und am Stromnetz gelassen habe: Früher mal hieß es, man solle Technik bei Gewitter ausstecken; früher mal habe ich das auch gemacht, aber das ist lange her. Na, ich hoffe, dass es durch den Blitzeinschlag keine zu schlimme Spannungsspitze im Netz gab.
Ich logge mich mit meinem Handy in die Videokonferenz zu den Studierenden, die von zu Hause an der Vorlesung teilnehmen, ein. Die haben über eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe schon von dem Stromausfall gehört. Der ganze Ort sei ohne Strom.
Natürlich kann ich meine Vorlesung auch ohne die Powerpoint-Folien weiter führen, wir haben in den Hörsälen sehr gute - aber selten benutzte - Kreidetafeln, die nun zu unerwartetem Einsatz kommen. Allerdings ist es im Hörsaal doch etwas dunkel, so ohne Deckenlicht und mit wenig Licht von draußen. Es klingt genau wie in einem Groschenroman, aber tatsächlich ist es genau so: Nur ab und zu wird der Raum durch den Schein der durch das Dämmerlicht im Regen und Hagel zuckenden gleißenden Blitze kurz erhellt. Ich bringe deshalb nur noch ein paar Gedanken zu den Natriumionenkanälen zuende; wir waren gerade mitten in einem Gedanken dazu, wie sich diese pharmakologisch beeinflussen lassen und was das mit Herzrhythmusstörungen zu tun hat. Das Thema will ich zumindest zuende führen. Die Studierenden in der Videokonferenz bleiben über mein Handy mit Mobilfunkverbindung mit dabei. Irgendwie nutze ich die Gelegenheit noch, um mit den Studis spontan eine Abschätzung der Größenordnungen zur elektrischen Stromstärke bei einem Blitzeinschlag (ca. 100 000 A) zu rechnen und das mit der Stromstärke durch einen Ionenkanal (wenige pA) zu vergleichen (also ungefähr ein Faktor 10^17). Dann beende ich die Vorlesung im Dämmerlicht etwas früher als geplant.
Strom ist immer noch nicht wieder da, ich gehe rüber zu den Laborräumen, um nach den Kühlschränken zu gucken. Die Kühlschränke höre ich verzweifelt piepen, das können sie mit einer eingebauten Batterie tun. Aber ich kann die Laborräume nicht betreten, weil die elektronische Schließanlage ohne Stromversorgung meine Chipkarte nicht lesen kann. Macht nichts, im Moment ist es ja sicher sowieso das Beste, die Kühl- und Gefrierschränke einfach geschlossen zu lassen, damit sie die Kälte möglichst gut über die Dauer des Stromausfalls halten. Ich vertraue darauf, dass es nicht lange dauern wird, bis der zuständige Netzbetreiber die Stromversorgung wieder herstellt. Ich sehe auch, dass die Tür zum Labortrakt außer dem Chiplesegerät auch ein mechanisches Schloss für einen Schlüssel hat. Das kann mir der Hausmeister bestimmt aufschließen, falls der Stromausfall länger dauern sollte.
Mir kommt kurz der Gedanke, mir vor der nächsten Vorlesung einen Kaffee zu holen, aber natürlich ist die Kaffeemaschine im Foyer ohne Strom ebenfalls außer Betrieb.
Ich plaudere ein wenig mit einem Kollegen, der auch gerade überlegt, wie er ohne Strom die nächste Vorlesung hält, und sehe draußen den technischen Betriebsleiter vorbeieilen. Der hat offenbar gerade keine Langeweile. Ich schaue, ob ich ihm bei irgendwas helfen kann; er kontrolliert Sicherungen und Geräte. Etwas später gehen die Deckenlampen wieder an. Ich kann den Computer im Hörsaal jetzt wieder starten, kann mich aber noch nicht wieder einloggen; offenbar ist das Intranet noch nicht wieder da, das für die Authentifizierung gebraucht wird. Fünf Minuten sind es noch bis zu meiner nächsten Vorlesung, und Studierende kleckern ein.
Eine Minute vor Beginn der nächsten Vorlesung funktioniert auch der Login wieder, auch Beamer usw haben keinen Schaden genommen. Insgesamt war der Strom nach dem Blitzeinschlag deutlich über eine halbe Stunde weg. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen so relativ langen und großflächigen Stromausfall erlebt habe.
(Clemens Möller)















