Auf dem Weg zu einer Vision Im Mai 2018 wurden die BewohnerInnen der Südstadt gefragt, was ihnen unter den Nägeln brennt, wenn es um ihren Stadtteil geht. In der Masterarbeit Labor Nürnberger Südstadt wurden die Gespräche ausgewertet und die wichtigsten Themen gesammelt. Die vielen individuellen Anregungen, Ideen und Wünsche der Befragten stellen einen bedeutenden Beitrag für die Entwicklung einzelner Orte in der Südstadt dar, die den Wohlfühlfaktor steigern können. Langfristig benötigt der Stadtteil aber eine Vision, die ein Konzept darstellt, welche Prinzipien verfolgt und welche Schwerpunkte gesetzt werden sollen. Im Integrierten Stadtteilentwicklungskonzept (INSEK) für den Nürnberger Süden ist dafür bereits ein Ansatz vorhanden, der aber nicht mit den BürgerInnen zusammen erarbeitet wurde und sich schwer tut eine gemeinsame Sprache sowohl der Bevölkerung als auch der Ämter und Stadtregierung zu sein. Die Geschichte des Stadtteils sowie Erzählungen, Legenden und Mythen, Erinnerungen (individuelle wie kollektive) sowie Träume und Wünsche müssen Teil der Vision einer Stadt sein, diese speisen und begründen. So eine Vision kann nur in gemeinsamer Arbeit und Beschäftigung gefunden werden. Hier werden Schwerpunkte vorgeschlagen, die eine Vision enthalten sollte und die dazu dienen einen Weg aufzuzeigen, in welche Richtung sich die Südstadt weiter entwickeln kann. Die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Nürnbergs ist eine Chance, über die Südstadt und ihre Viertel nachzudenken und als BürgerIn den Stadtteil mitzugestalten.
Mehr Aufmerksamkeit
„Die Südstadt ist ein vergessenes Kind!“ So oder so ähnlich lautete die Einschätzung vieler der Befragten während der Intervention. Nicht die Altstadt ist das Zuhause vieler Menschen, nein, es wohnen weit mehr in der Südstadt. Nach der Meinung der BewohnerInnen sollte nicht die Repräsentation der Stadt Nürnberg innerhalb der Stadtmauern für Touristen Hauptanliegen der Maßnahmen für Stadtentwicklung sein, sondern die Viertel, in denen die Menschen wohnen. Aktionen wie der Hexagonal Water Pavilion und die mittlerweile beschlossene Aufwertung des Karl-Bröger-Tunnels sind Möglichkeiten, der Bevölkerung zu kommunizieren, dass ihr Stadtteil eben nicht vergessen wird.
Mehr Grünflächen Der Mangel an Grünflächen in Galgenhof / Steinbühl ist auch im Integrierten Stadtteilentwicklunskonzept bereits erfasst. Wichtig ist dabei auch, die Qualitäten, die mit Grünflächen angestrebt werden, zu definieren. Wenige der Befragten sehen in den vorhandenen Flächen eine Aufenthaltsqualität. Die Menschen wünschen sich schattige und saubere Orte und sehen auch ein Potential darin, Flächen für bürgerschaftliches Engagement frei zu geben. Vor allem sollte eine Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten angestrebt werden.
Mehr Sauberkeit Der Hinweis auf den vielen Müll im öffentlichen Raum Steinbühls und Galgenhof wurde fast in jedem Gespräch angebracht. Auch hierin sehen die SüdstädterInnen eine fehlende Aufmerksamkeit durch die Stadtregierung. Dieses Thema erfordert ein umfassendes Konzept, das bei der Verhaltenskultur der Menschen ansetzt, denn einfach die Frequenz der Straßenreinigung zu erhöhen, ist keine Lösung. Eine ungewöhnliche Herangehensweise im Sinne von Interventionen und künstlerischen Strategien fördert sicherlich auch in der Bevölkerung das Problem mit anderen Augen zu sehen und sich eigenverantwortlich damit auseinanderzusetzen.
Fahrradstadt Nürnberg „arbeitet an einem lückenlosen Radwegenetz“. Der Anteil und die Qualität an Fahrradwegen in der Südstadt sowie die Menge der Fahrradfahrer deuten auch auf großen Handlungsbedarf hin. Bisher nutzen diese häufig stark befahrene Straßen, Straßen mit Kopfsteinpflaster oder Fußgängerzonen, in denen das Fahrradfahren verboten ist. Das geplante Fahrradparkhaus am Nelson-Mandela-Platz ist schon ein erster guter Ansatz und aus der Innenstadt kommt man dort mittlerweile auch vergleichsweise unbeeinträchtigt an. Die Fahrradwege an der Pillenreuther Straße enden aber spätestens nach ein paar hundert Metern im Nichts und die FahrradfahrerInnen müssen sich zwischen Autos, die sich auf mehreren Spuren bewegen, und zum Teil kreuzenden Straßenbahnschienen ihren Weg bahnen.
Repräsentation der Kulturen Hinsichtlich seiner kulturellen Vielfalt hat die Nürnberger Südstadt großes Potential ein Ort für Kreativwirtschaft, Szenekultur oder Subkultur zu sein. Außerdem besteht auch ein breit gefächertes Netzwerk kultureller Einrichtungen, die von vielen SüdstädterInnen auch wahrgenommen werden. Darüber hinaus muss erarbeitet werden, wie die unterschiedlichen Kulturen sichtbar im öffentlichen Raum präsentiert werden können. Bisher wird es von den Befragten als eine einseitige Präsentation empfunden, dass das Stadtbild Steinbühls und Galgenhof vor allem von Shisha-Cafés, Döner-Imbissen und Spielcasinos dominiert wird.
Ein Zentrum für die Südstadt Im Leerstand des Kaufhofs am Aufseßplatz manifestiert sich für die Bevölkerung ein Abwärtstrend in der Entwicklung des Viertels und die fehlende Aufmerksamkeit. Die Aufgabe des Standortes zog negative Folgen für die gesamte Infrastruktur mit sich. Denn auch kleinere Läden haben vom Kaufhaus profitiert und mussten in den letzten Jahren ihre Lokale schließen. Die BewohnerInnen wünschen sich eine Revitalisierung des Ortes. Dazu gehören besonders die Etablierung eines Ortes des Aufenthalts, der Begegnung und des Gemeinguts.
Gewerbevielfalt Die Südstadt nicht verlassen zu müssen um grundlegende Dinge des alltäglichen Lebens zu erhalten war laut den Befragten zu Zeiten des Kaufhofs noch möglich. Die Nachfrage kann aber auch mit kleinen Läden abgedeckt werden. Die bestehenden Leerräume, die durch die Aufgabe von Gewerbe in den letzten Jahren entstanden sind, können Möglichkeitsräume sein und die Südstadt wieder als Standort von Handwerk und Produktion sowie Gastronomie etablieren. Dort breiten sich derzeit aber vor allem Wettbüros und Spielhallen sowie orientalische Gastronomien aus. Ein Überangebot und eine Dominanz dieser Gewerbe sollte verhindert werden. Stattdessen braucht es ein Angebot für die breite Masse, kombiniert mit Nischengewerbe, das an modernes Kaufverhalten angepasst ist.
Integration der finanzschwachen Bevölkerung Während der Intervention äußerte eine Person, dass der öffentliche Raum in der Südstadt immer mehr Spiegel der Armut sei. Vor allem die Parkbänke würden laut den Befragten vor allem von Obdachlosen, Geflüchteten und Menschen mit Suchtproblemen bevölkert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass kein anderer Raum existiert und den Personen nicht die Mittel zur Verfügung stehen, selbst einen Ort zu organisieren. Eine Integration der Menschen in den Alltag und die sozialen Beziehungen des Viertels ist von großer Bedeutung, stellt aber gleichzeitig auch ein schwer zu behandelndes Problem dar, ist doch z.B. der übermäßige Konsum von Alkohol oder chemischen Drogen gesellschaftlich verpönt. Ein erster Schritt wäre, die finanzschwache Bevölkerung in die Diskussion zum Thema zu integrieren und so Ideen und Anregungen zu sammeln, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Eine Kultur des Verständnisses füreinander öffnet in solchen Prozessen viele Türen. Dazu muss Kommunikation ermöglicht werden.
Mietengerechtigkeit Um die Vielfalt und die Möglichkeiten zur Entfaltung in der Südstadt zu erhalten und zu fördern, muss gewährleistet sein, dass sich auch die finanzschwache Bevölkerung ein Leben in der Südstadt leisten kann. Bisher galt der Standort als der, an dem man noch vergleichsweise günstig wohnen kann. Aber auch in der Südstadt lastet der Druck auf dem Wohnungsmarkt. Außerdem sind Steinbühl und Galgenhof aufgrund ihrer Vielfalt und Angebote auch attraktiv für finanzstarke Personen. Eine in diesem Sinne heterogene Bevölkerung ist wünschenswert und kann positive Effekte haben, birgt aber die Gefahr der Mietensteigerung. Hier werden geeignete Maßnahmen benötigt, den Wohnraum für geringe Einkommen zu erhalten.
Diese Gedanken stellen noch keine Vision dar. Es sind Aspekte auf dem Weg zu einer Vision, die in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung entwickelt werden muss. Sie stellen Ausgangspunkte dar, an die angeknüpft werden soll und über die eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame große Erzählung entwickelt werden soll. Die Intervention und die Erarbeitung der Narrative waren der erste Schritt in Richtung einer Vision. Jetzt kann das Weiterdenken erfolgen.













