Der Schweigefuchs - ein alter Bekannter?
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Der Schweigefuchs - ein alter Bekannter?
Erfahrungen zum Thema Musik im Kunstunterricht
Methoden – Wie gehen Lehrer*innen mit Lautstärke um?
Lehrer*innen und Schüler*innen finden im Unterricht unterschiedliche Wege mit Lautstärke umzugehen und diese zu verhandeln. Man denke nur an den „Schweigefuchs“, der vielen noch bekannt sein dürfte. Besonders aufgefallen ist das die meisten Methoden über visuelle Reize funktionieren. Der Schweigefuchs ist hierfür ein Beispiel. Alle Schüler*innen müssen nach vorne zur*zum Lehrer*in sehen um mitzubekommen, dass Ruhe gefordert ist. Gerade bei der freien Arbeit ist dies aber nicht der Fall. Im Kunstunterricht sind solche Methoden hinfällig. Auch technische Lösungen wie Lautstärkeampeln, die immer häufiger zu beobachten sind, haben im Kunstunterricht dasselbe Problem.
Die Lehrer*innen mit denen wir geredet haben, berichteten alle davon, dass sie meist auf ihre Stimme als akustischen Impuls zurückgreifen. Lautstärke wird hier selbst zur Methode. Um Lautstärke zu moderieren, muss Lautstärke eingesetzt werden. Hier wird die Ambivalenz von Lautstärke wieder sichtbar. Sie ist nicht etwas was aus dem Unterricht rausfallen kann, da sie in vielen Fällen bereits produktiv genutzt wird. Lautstärke als Methode stärker wahrzunehmen kann nur dazu führen, dass wir die Möglichkeit haben, bewusster mit ihr umzugehen.
Musik
Als wir erste Personen nach ihren Erfahrungen im Kunstunterricht befragt haben wurde immer wieder berichtet, dass der Kunstunterricht sich insbesondere durch das Hören von Musik unterscheidet. Wir konnten dabei schon viele Unterschiedliche Erfahrungen dokumentieren. Mal wurde es gestattet leise über Kopfhörer Musik zu hören, andere Lehrer*innen zogen es vor Musik für die gesamte Klasse laufen zu lassen. Hier spielt dann die Auswahl der Musik nochmal eine gesonderte Rolle. Wird die Musik von der*dem Lehrer*in festgelegt oder wird diese gemeinschaftliche von der Klasse ausgewählt. Wir haben des Weiteren beobachtet, das Musikhören als Methode eingesetzt wird, wenn die Klasse besonders ruhig gewesen ist.
Wir haben versucht in einem niedrigschwelligen Experiment zu beobachten wie Schüler*innen auf verschiedene Musik reagieren. Ein zentraler Eindruck war dabei, dass Schüler*innen oft von den Wechseln zwischen Liedern und Musikrichtungen abgelenkt wurden. Wenn die Musik einen neuen Impuls setzte, wendeten sich die Blicke der Schülerinnen zum Lautsprecher hin. Auch von den Schüler*innen selbst wurde die Musik teilweise als ablenkend empfunden, wie eine kleine Befragung ergab. Musik muss ambivalent betrachtet werden.
Auch wenn Schüler*innen oft Musik fordern gilt dies bei weitem nicht immer oder für alle Schüler*innen. Musik bleibt eine unter vielen Methoden um Lautstärke im Kunstunterricht zu modellieren und der Umgang mit ihr sollte kontrolliert und bewusst geschehen.
Materialien
Eine Besonderheit, die wir im Kunstunterricht beobachten konnten, war das der Einsatz von verschiedenem Material die Lautstärke im Kunstunterricht stark beeinflusst hat. Es ist uns aufgefallen, dass bestimmte Materialien ein entsprechendes Lautstärkeverhalten einerseits fordern, aber auch fördern. Wir konnten in zwei 7ten Klassen sowohl den Umgang mit Kaligrafiefedern und den Umgang mit Ton beobachten. Allein das Arbeiten mit Ton ist lauter, wodurch die Lautstärke im Raum ansteigt, gleichzeitig ermöglicht das dynamische und körperliche arbeiten mit Ton eine Atmosphäre die Gespräche und Interaktion fördern. Im Vergleich verlangte das filigrane Arbeiten mit der Kalligrafiefeder mehr Konzentration was unweigerlich zu einer ruhigeren Atmosphäre führt. Es war aber auch zu beobachten, dass durch die ruhige Grundlautstärke Ausschläge in der Lautstärke stärker hervorgetreten und daher auch stärker sanktioniert wurden.
Besonderheiten des Kunstunterrichts
Im Vergleich zu anderem Unterricht ist der Kunstunterricht weniger auf die*den Lehrer*in ausgerichtet, sondern durch ungesteuerte Prozesse geprägt. Der Unterricht ist zu großen Teilen durch freies Arbeiten gestaltet. In diesen Phasen ist ein aktives Zuhören nicht notwendig und die Schüler*innen schenken der*dem Lehrer*in weniger Aufmerksamkeit. Oftmals reden die Schüler*innen in diesen Arbeitsphasen miteinander. Lautstärke ist in langen Phasen des Unterrichts eine logische Konsequenz die nicht unbedingt ein Problem darstellen muss. Dadurch ist ein anderer Umgang mit Lautstärke möglich als in anderem Fachunterricht.
Der Kunstunterricht bietet sich durch diese Sonderstellung an, um Lautstärkeverhalten explizit zu verhandeln.
Wir konnten auch beobachten, dass sich die Schüler*innen im Unterricht viel Bewegt haben, entweder um Materialien zu holen oder um sich mit ihren Klassenkamerad*innen auszutauschen. Die Bewegung ist unweigerlich mit Lautstärke verbunden, gleichzeitig gilt es die Kooperation unter den Schüler*innen zu fördern und die Lautstärke, die durch Bewegung entsteht in Kauf zu nehmen.
Im folgenden betrachten wir zwei Besonderheiten nochmals gesondert. Zuerst werfen wir einen Blick darauf was für Auswirkungen der Einsatz von Material auf die Lautstärke im Kunstunterricht hat. Im Anschluss wollen wir das Phänomen des Musikhörens im Kunstunterricht näher untersuchen.
Haltung/Lautstärkeempfinden
Bei der Bewertung von Lautstärke spielen unsere Erfahrungen mit Lautstärke eine große Rolle. Gerade für angehende Lehrpersonen ist daher wichtig eigene Erfahrungen zu reflektieren, um zu erkennen, wie diese Erfahrungen unsere eigene Haltung zur Lautstärke im Unterricht beeinflussen. Wenn wir unser eigenes Empfinden mit dem Empfinden anderer Personen in Einklang bringen wollen, müssen wir uns dieser Haltung bewusst sein, um zu entscheiden, wo wir Kompromisse eingehen können und wo persönliche Grenzen liegen.
Wir haben gefragt, welche Erfahrungen unsere Kommiliton:innen mit Lautstärke gemacht haben. Einige Eindrücke möchten wir hier teilen.
Nutzt gerne die Kommentarfunktion und teilt mit uns, welche Erfahrungen ihr mit Lautstärke im (Kunst)Unterricht macht oder gemacht habt.
Lehrer*innengesundheit
In unseren Interviews ist immer wieder das Thema Lehrer*innengesundheit angesprochen worden. Die Art und Weise wie Lautstärke im Unterricht bewertet wird hängt stark davon ab, wie die*der Lehrer*in Lautstärke selbst empfindet. Das eine dauerhafte Lautstärkebelastung krank machen kann steht außer Frage. Aus dem Grund ist es notwendig die Perspektive der Lehrer*innengesundheit einzubeziehen, wenn Lautstärke im Kunstunterricht verhandelt wird.
Ein Unterricht, der auf Dauer krank macht, kann nicht funktionieren. Gleichzeitig gilt es neben den Lehrer*innen auch die Schüler*innen zu Wort kommen zu lassen. Auch Schüler*innen haben Bedürfnisse, die teilweise in Opposition zu den Bedürfnissen der Lehrer*innen stehen. Diese müssen aktiv verhandelt werden, damit Wege gefunden werden wie dem Rechnung getragen werden kann.
Macht
Unterricht ist von Machtstrukturen durchzogen. Zunächst ist hier das Verhältnis von Lehrer*innen und Schüler*innen zu nennen. Lehrer*innen haben im besonderen Maße die Möglichkeit bestimmtes Verhalten zu fördern oder zu sanktionieren. Dadurch haben sie auch einen besonderen Einfluss auf die Lautstärkesituation in der Klasse. Die normative Bewertung von Lautstärke im Unterricht liegt im besonderen Maße bei der*dem Lehrer*in.
Neben dem Verhältnis von Lehrer*innen und Schüler*innen existieren auch unter Schüler*innen komplexe Beziehungen und Machtstrukturen. Auch die Beziehungen innerhalb der Klasse können das Lautstärkeverhalten beeinflussen. Schüler*innen haben bestimmte Rollen inne, die zu einem anderen Umgang mit Lautstärke führen: Klassenclown, Aussenseiter*in, etc.. Jede dieser Rollen führt zu einem individuellen Lautstärkeverhalten, welches von den Mitschüler*innen unterschiedliche bewertet wird. Gerade wenn Schüler*innen aus ihrer*ihrem typischen Verhalten ausbrechen fällt auf, dass dieses Verhalten irritiert und komplexe Bewertungsvorgänge ausgelöst. Hier überschneiden sich auch wieder das Verhältnis von Schüler*innen und Lehrer*in, da auch Lehrer*innen diese Rollen in ihre Bewertung von Lautstärke einbeziehen.
Hegemonie
Neben den Machtstrukturen innerhalb des Unterrichts existieren auch gesellschaftliche und historische Strukturen, die ein bestimmtes Lautstärkeverhalten bewerten. So hat die Schule als Institution ihren Ursprung in Jesuitenkollegs, die durch Disziplin und Kontrolle bestimmt waren. Diese Strukturen finden sich auch heute noch im Schulsystem und führen dazu, dass Lärm oftmals sanktioniert wird. Lautstärke, beziehungsweise die Abwesenheit von Lautstärke wird oft als Marker für guten Unterricht verwendet. Die Dominanz dieser Vorstellung führt zu einer hegemonialen Ordnung in der die Sanktionierung von Lautstärke als normal hingenommen wird.
Was ist Lautstärke?
Zunächst scheint die Frage nach Lautstärke einfach geklärt. Lautstärke als physikalisches Phänomen lässt sich gut fassen. Sie kann gemessen werden und wird in Dezibel quantifiziert. Wer sich aber mit einem Messgerät in den Unterricht stellt merkt schnell, dass diese rein quantitative Herangehensweise nicht ausreicht. Das Messgerät wird häufig ausschlagen, ohne dass wir die Umgebung als besonders laut oder gar störend empfinden. Lautstärke kann nicht ausschließlich quantitativ gemessen werden. Die Quantitative Betrachtung von Lautstärke erschöpft sich bei der Erforschung von Unterricht. Es ist notwendig qualitative und normative Dimensionen in den Diskurs um Lautstärke im Unterricht einzubringen.
Wenn vor dem Klassenzimmer eine Baustelle ist, nehmen wir diese anders wahr, als wenn eine Lehrer*in eine Ansage macht und das unterscheidet sich wiederum davon, wenn Schüler*innen sich im Unterricht laut unterhalten. Obwohl alle diese Phänomene quantitativ ähnlich laut sein können, bewerten wir diese anders. Beim Beobachten von Lautstärke gilt es diese unterschiedlichen Qualitäten zu erfassen.
Neben der qualitativen eröffnet sich hier aber eine normative Dimension. Im Schulsetting wird Lautstärke konstant bewertet. Es ist nicht nur wichtig wie laut geredet wird, sondern auch wer redet und aus welchem Zweck gesprochen wird. Diese Bewertungen können und müssen hinterfragt werden, wenn Lautstärke als Phänomen im Kunstunterricht erfasst werden soll.