Lunaria - Reise und Transformation
„Lunaria“ wurde zu einem Wettbewerb mit anschließender Ausstellung nach Tasmanien in Australien geschickt. Das Kleid besteht aus Transparentpapieren, die mit Tapioka getränkt hundertfach geknüllt wurden, dann zu Taschen verarbeitet, die sich um einen Pagodenrock voluminös stapeln, in denen farbige transparente Papier eingesteckt sind. Auf Rock und Oberteil sind mehr als 100 Röhrchen angebracht, die in heissen Wachs getränkt sind, durch den jeweils die samenlose Scheidewand des Silberblatt (Lunaria annua) befestigt ist. Sie hängen an Bastschnüren und tanzen wild, wenn sich die Trägerin des Kleides bewegt - sie setzen einen Kontrapunkt. - jedes Blatt in seiner Einzigartigkeit.
Eine Mischung aus grober zerknüllter Robustheit und feinster glänzender Zartheit und Zerbrechlichkeit.
Lunariablätter wurden mit Wachs getauchte Röhrchen angebracht - ein Bild, und auf die dreidimensionalen Strukturen im Mikrobereich der Zellulose hinzuweisen. Sie sollten die Leuchtkraft der zarten Hüllen der Lunaria Blätter sichtbar machen. Sie hingen an Bastschnüren und tanzen wild, wenn sich die Trägerin des Kleides bewegt - sie setzen einen Kontrapunkt. - jedes Blatt in seiner Einzigartigkeit.
Ich habe dem Kleid eine eigene Reisekiste gebaut, da jeder Zentimeter mehr Volumen 10 Euro mehr kostete und die Wettbewerbsbedingungen die Übernahme der Reisekosten an die Künstler delegierten. Das Kleid wurde nach einer 4 wöchigen Ausstellung in Tasmanien zurück nach Berlin geschickt. Deutschland hat ihm zweimal die Einreise verweigert - die Gründe wurden nicht kommuniziert: war es das Maß, der Inhalt, fehlende Formulare? Lähmender Stillstand.
Nach 8 Monaten hatte das Kleid über 100.000 Kilometer zurückgelegt, hat Wochen verbracht in Containern, Frachträumen und Postämtern. Das Werk wurde nicht zerstört, sondern administrativ unsichtbar gemacht durch eine überdigitalisierte Logistikwelt.. Es ist an Grenzen gescheitert, die nichts mit Inhalt, sondern mit Maß, Norm und Undurchsichtigkeit zu tun haben. Kunst darf darin zirkulieren, solange sie sich wie Ware verhält.
Das Kleid hat es nicht getan. Es ist aus der Reihe getanzt. Es wurde vom Meer bewegt, von Winden getragen, es hat Hitze und Kälte erlebt. Es hat die Welt erfahren ohne gesehen zu werden. Es hat sich den Blicken entzogen. Es war physisch präsent, ist aber ästhetisch nicht angekommen. Es hat die Welt berührt, ohne gesehen zu werden.
Das Werk wusste mehr über sein Schicksal als die Systeme, durch die es ging.
Das Kleid war auf Reise und Veränderung vorbereitet: einfache zerknitterte Papiere, in sich nicht mehr zerstörbar, dazwischen eingebettet zarte zerbrechliche Pflanzen auf Wachsröhrchen. Die hauchzarten HüllBlätter der Lunaria Pflanze kamen zum größten Teil unzerstört an, aber wachsdurchtränkt und plattgedrückt. Sie waren in der Hitze der Reise geschmolzen.
Bereits früher habe ich Lunaria als Metapher für das hauch-zarte empfunden: eine seidige Spiegelfläche für Reflektionen. Für das Leuchten in der Sonne. Das Rascheln im Wind. Darum steht es auch für Vergänglichkeit und Erinnerung. Und auf English honesty: Ehrlichkeit.
Was bleibt ist nicht Besitz, sondern Erfahrung. Nicht Ankunft, sondern Bewegung.
Wachs symbolisiert Verwandlung und Vergänglichkeit: er wechselt den Aggregatzustand von fest zu flüssig und symbolisiert damit Transformation. Es ist ein Symbol für Vergänglichkeit, aber auch für das Weiterleben durch das „Opfer“ (der Kerze).
Das Werk hat sich auf der Reise transformiert. Die Reise ist selbst Bestandteil der Arbeit.
Obwohl ihm die Rückkehr verweigert wurde, erzählt es davon, dass selbst das Zarteste Widerstand leisten kann, nicht gegen die Welt, sondern in ihr.
Das Kleid auslösen
Am Ende stand eine Entscheidung: entweder die hohen Rücksendekosten durch einen privaten Dienstleister zu tragen – oder das Kleid in Australien vom Veranstalter vernichten zu lassen.
Ein Kunstwerk, das keinen materiellen Wert im ökonomischen Sinn besitzt, aber Raum beansprucht: im Atelier, im Denken, im Leben. Das Kleid erhielt kein Preisgeld. Nur eine unbezahlte Auszeichnung: Highly Recommended. Eine symbolische Anerkennung ohne strukturelle Verantwortung.
So addierten sich zu unbezahlter Arbeit, Material und Zeit weitere 1.000 Euro allein für den Transport. Dass die Veranstalter nichts beigesteuert haben, verstärkt den Eindruck:
Kunst soll da sein, soll glänzen, soll international sein – aber bitte ohne Aufwand, Risiko oder Verantwortung für die Institution.
Diese Situation ist kein Einzelfall, sondern Teil einer Gegenwart, in der Kunst international gedacht, aber lokal blockiert ist; eingeladen, aber nicht getragen; ausgezeichnet, aber nicht abgesichert. Institutionell sichtbar, strukturell allein gelassen.
Die Entscheidung, das Kleid zurückzuholen, war keine rationale. Sie war eine künstlerische. Denn Vernichtung hätte Stillstand bedeutet – Anpassung an eine Logik, in der Kunst nur dann existiert, wenn sie reibungslos zirkuliert.
Die Rückkehr des Kleides ist kein Sieg. Sie ist eine Transformation.
Nach seiner Ankunft habe ich alle Taschen aufgeschüttelt und zurecht geknittert. Und durch die Wärme meiner Finger, die sich vorsichtig zwischen die zusammengepressten Röhrchen geschoben haben, wurden sie wieder in ihre ursprüngliche Hohlkörperform zurückgeschmolzen.
Und wenn ich an das Bild des Rocks als die umgestülpte Innenseite des Körpers anknüpfe, dann habe ich mit dieser Tätigkeit nicht nur die Außenseite eines Kleides sondern auch die Innenseite meines Körpers transformiert.
Sarah Eick trägt das Kleid und Andreas von Billy&Hells fotografiert.
Der Ehrlichkeit halber: dieser Text wurde zum Teil mit Hilfe von chatgpt verfasst, das mir geholfen hat Worte zu finden für ein lähmendes System.
Lunaria - Journey and transformation
"Lunaria" was sent to Tasmania, Australia, to take part in a competition followed by an exhibition. The dress is made of transparent paper soaked in tapioca, crumpled hundreds of times and then made into pockets that are stacked voluminously around a pagoda skirt, into which coloured transparent paper is inserted. More than 100 tubes soaked in hot wax are attached to the skirt and bodice, each with a seedless septum of silver leaf (Lunaria annua) attached. They hang from raffia strings and dance wildly when the wearer of the dress moves – they set a counterpoint – each leaf in its uniqueness.
A mixture of coarse, crumpled robustness and the finest, shiny delicacy and fragility. I built a special travel case for it, as every extra centimetre of volume cost an additional €10 and the competition rules delegated the travel costs to the artists.
After a four-week exhibition in Tasmania, the dress was sent back to Berlin. Germany refused it entry twice – the reasons were not communicated: was it the size, the contents, missing forms? Paralysing standstill.
After eight months, the dress had travelled over 100,000 kilometres, spending weeks in containers, cargo holds and post offices. The work was not destroyed, but made administratively invisible by an over-digitised logistics world. It failed at borders that have nothing to do with content, but with dimensions, standards and opacity. Art is allowed to circulate as long as it behaves like a commodity. The dress did not. It broke ranks.
It was moved by the sea, carried by the winds, it experienced heat and cold. It experienced the world without being seen. It eluded the gaze. It was physically present, but did not arrive aesthetically. It touched the world without being seen.
The work knew more about its fate than the systems it passed through.
The dress was prepared for travel and change: simple crumpled papers, no longer destructible in themselves, with delicate, fragile lunaria husks on wax tubes embedded between them. The gossamer-thin husks of the lunaria plant arrived largely undamaged, but wax-soaked and flattened. They had melted in the heat of the journey.
I had already perceived Lunaria as a metaphor for the gossamer-thin: a silky mirror surface for reflections. For shining in the sun. Rustling in the wind. That is why it also stands for transience and memory. In English, Lunaria annua is called honesty.
What remains is not possession, but experience. Not arrival, but movement.
Wax symbolizes transformation and transience: it changes its state of aggregation from solid to liquid, thus symbolizing transformation. It is a symbol of transience, but also of continuing life through ‘sacrifice’ (the candle).
The work has been transformed during its journey. The journey itself is part of the work.
Although it was denied a return, it tells us that even the most delicate things can resist, not against the world, but within it.
Redeeming the dress
In the end, a decision had to be made: either bear the high return shipping costs through a private service provider, or have the dress destroyed in Australia by the event organiser.
A work of art that has no material value in the economic sense, but takes up space: in the studio, in thought, in life.
The dress did not receive any prize money. Only an unpaid award: Highly Recommended. A symbolic recognition without structural responsibility. So, in addition to unpaid work, materials and time, another €1,000 was added for transport alone. The fact that the organisers did not contribute anything reinforces the impression that art should be there, should shine, should be international – but please without any effort, risk or responsibility for the institution.
This situation is not an isolated case, but part of a present in which art is thought of internationally but blocked locally; invited but not supported; honoured but not secured. Institutionally visible, structurally left alone.
The decision to bring the dress back was not a rational one. It was an artistic one. Because destruction would have meant stagnation – adaptation to a logic in which art only exists if it circulates smoothly.
The return of the dress is not a victory. It is a transformation.
After its arrival, I shook out all the bags and crumpled them into shape. And through the warmth of my fingers, which carefully pushed their way between the compressed tubes, they melted back into their original hollow shape.
And if I refer to the image of the skirt as the inside of the body turned inside out, then with this activity I have transformed not only the outside of a dress but also the inside of my body.
Sarah Eick wears the dress and Andreas from Billy&Hells takes the photos.
Following on from Honesty: this text was written in part with chatgpt, which helped me find words and structure for a paralysing system.