Aus dem Tagebuch eines Dilettanten mit Ambitionen
Über Erwartungsmanagement und wie man aufhört, sich selbst im Weg zu stehen.
Eigentlich wollte ich immer Journalist werden, aber es kam anders und ich endete als einer dieser nach Berlin gezogenen »Was mit Medien«-Menschen, die das Wort nur benutzen, weil sie nicht zugeben wollen, dass sie Werber sind. Dann bekam ich dieses Jahr endlich die Chance die Branche zu wechseln und das zu tun, was ich immer machen wollte: (Musik)-Journalismus. Doch so viel Spaß mir die ganze Sache auch macht, so oft falle ich auch auf die Fresse.
Doch wer weiß, vielleicht können andere aus meinen Anfängerfehlern lernen und so Dummheiten, die ich gemacht habe, einfach vermeiden. Darum werde ich hier in unregelmäßigen Abständen Geschichten teilen, bei denen die meisten Leute die Augen rollen werden. Vielleicht hilft es ja jemandem.
Ich arbeite seit einigen Monaten an einer Artikelreihe, die das bislang größte Projekt in meiner noch sehr kurzen Laufbahn ist. Das klingt jetzt unglaublich dramatisch und riesig und genau da liegt mein Problem. In Wirklichkeit arbeite ich gar nicht seit Monaten an den Artikeln. Die nötigen Interviews habe ich vor Monaten gemacht, doch die meiste Zeit lagen sie einfach nur rum, während ich mich anderen Dingen zuwandte.
Doch da ich zwischendurch immer wieder über die Interviews nachdachte und wie ich sie am besten in einen oder mehrere Artikel überführe, fühlt es sich so an, als würde ich seit Ewigkeiten an ihnen sitzen. Obwohl zu der Zeit noch kein einziges Wort geschrieben war. Dazu kommt, dass das Thema der Artikel zeitlos ist und so kein natürlicher Druck entsteht, endlich fertig zu werden. Das führte dazu, dass ich über die letzten Wochen immer wieder Absatz um Absatz verwarf, weil ich sicher war, dass ich alles noch besser, schöner, pointierter formulieren kann. Und das stimmt sogar. Ich bin ja keine Maschine, die auf Anhieb den perfekten Artikel runterschreibt. Oder beim zweiten Versuch. Oder beim Dritten. Alleine schon deshalb, weil es keine perfekten Artikel gibt. Irgendetwas kann immer verbessert werden. Und genau hier lauert eine gefährliche Falle.
Das Problem ist, dass ich mich gedanklich seit Monaten und tatsächlich schon einige Wochen mit dieser Artikelreihe beschäftige, da sie mir so am Herzen liegt. Oder besser gesagt lag. Denn der Aufwand rechtfertigt das Ergebnis einfach nicht. Jeder Optimierungsdurchgang hatte ein weniger gravierendes Ergebnis. Natürlich war jede Version besser als die davor, doch nach der dritten Runde wurden die Qualitätsunterschiede immer weniger. Der gleiche Zeitaufwand brachte nun viel weniger Ertrag als vorher. Ich habe die Balance dermaßen überstrapaziert, dass die Qualität der Artikel niemals meinen Ansprüchen genügen kann. Und nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie nicht den Aufwand repräsentieren, den ich in sie investiert habe. Wären die Artikel vor drei Wochen erschienen, wäre ich der stolzeste Mensch der Welt. Aber vor drei Wochen dachte ich »da geht noch mehr!« – aber nein, da ging nicht noch mehr. Die Version vor drei Wochen war genau das, was dem Thema und meinen Fähigkeiten angemessen war.
Worauf ich hinaus will: Jedes Thema hat einen idealen Zeitaufwand. Um bei meinem Beispiel, dem Musikjournalismus, zu bleiben, ist das für etwas wie ein Musikvideo zwischen 45 Minuten und vier Stunden. Je nachdem wie viel es hergibt. Kay One und Pietro Lombardi zu zerreißen ging unglaublich schnell, denn das Video bietet einfach keinen hohen Detailgrad, an dem man sich abarbeiten kann ohne die Spannung zu verlieren. Über das erste Video zu JBG 3 ließ sich hingegen sehr viel mehr sagen.
Es lohnt sich vorher abzuwägen, wie viel Substanz wirklich vorhanden ist. Sowohl thematische Substanz als auch die eigene Fähigkeit als Autor. Und anhand dieser Substanz sollte man abschätzen, wie viel von der eigenen Zeit dieser Artikel wirklich wert ist. Diese Regel gilt für freie Autoren gleich doppelt, denn eurem Auftraggeber ist es relativ egal, wie viel Zeit ihr persönlich in euren Text gesteckt hat. Er oder sie hat nämlich selbst eine Abwägung getroffen, wie viel Aufwand zu einem akzeptablen Ergebnis führen sollte und dahingehend die Vergütung festgelegt.
Und wenn ich dann so etwas bringt wie ich und drei Wochen zu lang an euren Sachen rumfrickelt, obwohl sie schon in einem Zustand waren, der veröffentlicht werden kann, schneidet ihr euch ins eigene Fleisch. Denn ihr reduziert nur euren eigenen Stundenlohn und verkauft euch somit unter Wert.
Das alles soll nicht heißen, dass es sich nicht lohnt viel Zeit in einen Text zu investieren. Manchmal steckt viel mehr Substanz in einem Thema, als man vorher dachte und der Mehraufwand zahlt sich aus. Wenn das der Fall ist: Go for it! Aber erzwingt nichts, was nicht da ist. Sonst sitzt ihr vor Etwas, das euer größtes Projekt werden sollte und seid wütend auf euch selbst, weil ihr nicht mehr an das eigene Ergebnis glaubt. So ruiniert ihr nicht nur euren Stundenlohn, sondern auch euer Selbstbewusstsein.
PS.: Diesen Text habe ich in einem Stück runtergeschrieben und nicht gegengelesen, er könnte also definitiv noch Optimierung vertragen. Aber da ich auf meinem Blog nicht mal verärgerte Auftraggeber habe, die endlich Ergebnisse sehen wollen, veröffentliche ich ihn lieber so. Sonst sitze ich hier noch in einem halben Jahr, weil mir dieser eine verdammte Nebensatz nicht passt.