Von Schlangenlinien und logistischen Herausforderungen im schönsten Herbstpanorama
Die Swerdlowsk Philharmonie in Jekaterinburg ist mit der neuesten technischen Ausstattung bestückt. So werden hier 314 Konzerte im Jahr aus dem Konzertsaal live übertragen und dabei ein ehrgeiziges wie innovatives Konzept verfolgt: Konzerte werden ähnelnd den Kinoübertragungen der Berliner Philharmoniker dem interessierten Publikum zugänglich gemacht, aber hier überträgt man diese in eigens errichteten Konzertstuben zum Beispiel bei Wohltätigkeitseinrichtungen und in Rehazentren.
Da ja auch die Mannheimer Philharmoniker ihre Zuhörer in aller Welt regelmäßig mit Videomaterial versorgen und mit HomeSymphony® gerade einen eigenen Live Streaming Dienst mit Social Media Integration ins Leben gerufen haben, wollten wir uns natürlich die Chance nicht entgehen lassen, sowohl die Technik der Philharmonie unter die Lupe zu nehmen, als auch die Erlebnisse mit Alena Baeva und den jungen Musikern festzuhalten.
Doch lizenzrechtliche Probleme und fehlendes Personal von russischer Seite drohten uns, kurzfristig einen Strich durch die Rechnung zu machen. Konnte erstes durch Gespräche gelöst werden, mussten und durften wir bei letzteren selbst Hand anlegen: In enger Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen führte unser Social Media Manager kurzerhand selbst Regie und sicherte so Ton und Bild dieses Konzertes als Dokument für Fans in aller Welt.
Eine weitere Erfahrung, die wir während der etwa zweistündigen Fahrt zum dritten Konzert in Kamensk-Uralskiy gemacht haben: Nur weil der Bus Schlangenlinien fährt heißt das noch lange nicht, dass der Fahrer dem Wodka verfallen ist. Es kann auch schlicht daran liegen, dass die Straßen so sehr von Schlaglöchern übersäht sind, dass die ständige Richtungswechsel die einzige Chance darstellen, Fahrwerk, Menschen und Instrumente zu schonen und wohlbehalten ans Ziel zu bringen.
Entschädigt für die unruhige Fahrt wurden wir dafür nicht nur mit dem Blick auf die fantastische Herbstlandschaft und einen ganz neuen Blick auf Russland und seine Einwohner - während in Jekaterinburg viele große und prunkvolle Bauten das Stadtbild prägen, finden sich im Umland mehr und mehr einfache Holzhäuser und natürlich viel weites Land und Wald – sondern auch durch einem äußerst warmen Empfang des dortigen Publikums. So gab es trotz schwieriger, sehr trockener Akustik und logistischen Herausforderungen, die einmal mehr Fingerspitzengefühl bei der Verständigung zwischen russischer und deutscher Projektkoordination nötig machten, nach einer zünftigen russischen Stärkung ein tolles Konzert, bei dem auch das Zusammenspiel mit dem Ural Youth Symphony Orchestra immer besser klappte und Lust auf das morgige, leider vorerst letzte, Aufeinandertreffen macht.
Kamensk-Uralskiy ist eine Industriestadt und hat etwa 200.000 Einwohner. Die Stadt lebt vor allem von der Rüstungsindustrie und den Eisenvorkommen – das wurde uns auf der Rückfahrt eindrucksvoll vor Augen geführt, als wir eine gefühlte Ewigkeit mit unseren Bussen vor dem Bahnübergang warten mussten, bis lange Güterzüge sich den Weg durch die nächtliche Landschaft gebahnt hatten und wir schließlich die Fahrt zurück zu unserem Hotel in Jekaterinburg fortsetzen konnten, wo wir erschöpft aber glücklich kurz vor Mitternacht ankamen.