Versuch #983: Die Möglichkeiten
"Vier Minuten ist eine lange Zeit", sagt sie.
Er zieht die Augenbrauen hoch.
"Seit wann sind vier Minuten eine lange Zeit?"
Erst jetzt, viel zu spät, erkennt er, dass sie auf den Kaffee wartet. Das erklärt alles. Solange er sie kennt, ist sie ungeduldig. Diese Eieruhr, die sie immer aufzieht, die findet er persönlich einfach nur niedlich. Vier Minuten - das ist genug Zeit, um zu vergessen, dass man auf den Kaffee wartet.
"I need a fix or I'm going down", singt er schief und lächelt dabei.
"Ich bin nicht koffeinabhängig, wenn du das meinst!"
Jetzt ist sie nicht nur ungeduldig, jetzt ist sie auch noch beleidigt. Das hat er wieder ganz ausgezeichnet hinbekommen. Sie ist genervt, von diesem viel zu warmen Morgen, von der Warterei, von sich selbst. Das weiß er alles, es ist nicht schwer zu erraten. In ihren Augen lodert etwas auf, das ihn sofort seine Singerei bereuen lässt.
"Aber vier Minuten sind eine lange Zeit?"
Als den Satz selbst hört, merkt er, wie herablassend das klingt. Das ist nicht gut.
"Bist du jetzt fertig damit, dich über mich lustig zu machen?"
Okay, verständlicherweise ist sie auf Konfrontation aus. Der Teil ihres Gehirns, der sonst deeskalieren würde, scheint noch zu schlafen.
Er hat jetzt mehrere Möglichkeiten.
Möglichkeit 1: "Wie bist du denn heute drauf?" Er würde in letzter Sekunde in den gleichen Zug einsteigen, in dem sie schon saß. Das gäbe einen schönen Streit, vermutlich würde sie dabei irgendetwas über seine Mutter sagen und er über ihren Ex-Freund, noch während des Streits würde es ihnen beiden leidtun, aber sie würden nicht aufhören, nein-nein, das ginge mit Sicherheit über die vier Minuten hinaus, mit denen es angefangen hat. Vielleicht würden sie bis zum Abend nicht mehr miteinander sprechen, aber der Dampf wäre aus dem Topf, und die Versöhnung würde nicht lange auf sich warten lassen.
Möglichkeit 2: "Hey, ich meinte es nicht so." Es wäre eine Lüge, aber eine weiße, nette Lüge, die dazu führen würde, dass sie sich entschuldigen würde. Er würde sich dagegen schlecht fühlen, nicht nur weil er gelogen hätte, sondern auch, weil er nachgegeben hätte. Sein Ego kann am Tag nur so und so viele Schläge hinnehmen, bevor er sich dazu gezwungen sieht, am Abend nicht ein, sondern vier Gläser Wein zu trinken. Das wäre nur halb so schlimm, aber in seinem Inneren, da würde es weiter brodeln, und schon bald würde der Tag kommen, an dem sie beide wieder in der gleichen Situation wären.
Möglichkeit 3: "Was ist los?", aber nicht vorwurfsvoll, wie in der ersten Variante, sondern mitfühlend und zurückhaltend. Es würde sie kalt erwischen, dass er nicht über die angebotene Rampe ging, es würde Wachstum und Stärke zeigen. Allerdings ist er nicht sicher, ob er so weit gewachsen ist und diese Stärke hat. Außerdem - wann hat sie sich bitte zum letzten Mal um ihn gekümmert? Andererseits ist es hier kein Tit for Tat, niemand sollte eine Liste führen. Aber sie führten beide eine, oder?
Möglichkeit 4: nein, dafür ist er nicht der richtige Mensch, das würde ihm gar nicht erst einfallen.
Er ärgert sich, dass er überhaupt damit angefangen hat. Er hätte "hm" machen sollen und sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Beim nächsten Mal, ganz sicher.
Sein Gehirn rechnet immer noch die Konsequenzen der drei Möglichkeiten aus, baut Ursache-Wirkung-Modelle und verwirft sie. Eine halbe Sekunde ist schon vorbei, er kann nicht mehr länger warten, gleich wird irgendein Satz seinen Mund verlassen.
"Ich...", sagt er und hofft, dass er sich richtig entscheidet. "Ich wollte mich gar nicht über dich lustig machen, tut mir leid."
Verdammt. Dann also doch der Wein.