Mein Leben ist ein Film und ich habe mich verloren
Mein Leben ist wieder ein Film. Und ich bin wieder die Hauptrolle. Zumindest hat es sich für einen ganz kurzen Moment wieder so angefühlt. Es ist fast dreiundzwanzig Uhr, die Nacht ist fast da, nur ein blasser Schein in Richtung Westen lässt den Tag vermuten, der sich dem Ende neigt. Es ist warm. Endlich ist es warm. Sommer. Aber heute wirklich. Kein Regen, kein Gewitter, zumindest nicht am Abend und in der Nacht. Es sind über zwanzig Grad. Meine Haut ist sandig. Ich muss lächeln. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet heute und ausgerechnet jetzt dieses Gefühl von ich wiederkehrt? Ich jogge durch die anbrechende Nacht. Durch den Berty-Albrecht Park vorm Haus, durch die Malkasten Straße, dann durch den Hofgarten Park über die kurze Route Richtung Oberkassler Brücke. Zum Wasser. Ich möchte einfach nur kurz zum Wasser. Diesen Anblick genießen, den ich hier viel zu selten genieße und das obwohl er doch so nah ist. Ich jogge schwerfällig, mache häufig Pausen zum Gehen, um aufkommende Seitenstiche zu unterdrücken. Die hatte ich schon lange nicht mehr. Vielleicht war es zu viel Action heute. Zwei kurze Fahrradtouren und die Beachvolleyball Session waren evtl. doch mehr als gedacht. Aber ich wollte mich bewegen, ich spürte endlich wieder eine Energie in mir aufkommen, die ich lange nicht verspürt hatte. Mein Leben fühlte sich wieder an wie ein Film. Und ich war endlich wieder die Hauptrolle. Eigentlich sind wir das streng genommen ja immer. Denn wie könnte jemand anderes die Hauptrolle in unserem Film namens Leben sein. Wie könnte jemand wirklich Teil von ALLEM und jedem Moment, Gefühl, Gedanken, Traum sein? Nein, das können nur wir selbst. Und doch hatte ich lange nicht das Gefühl die Hauptrolle in meinem eigenen Film zu sein. Ich hatte zwar auch nicht das Gefühl, dass das jemand anderes war (oder vielleicht doch?), aber ich war es definitiv nicht. Kein schönes Gefühl. Auch wenn ich den groben Handlungsstrang kannte, lief er eher ziellos und entmutigt ab. Den Enthusiasmus und die Energie, die einst dazu gehörte war verpufft. Doch wo war sie hin? Zeitweise hatte ich nicht das Gefühl sie je wieder zu finden.
Ich schaue nach oben, recke mein Kinn Richtung Himmel und muss lächeln. Die Sterne. Wann habe ich das letzte Mal bewusst die Sterne bewundert während einer warmen Sommernacht? Ich liebe es im Sommer einfach abends unterm Sternenhimmel zu liegen und zu tag (oder nacht-) träumen. Warum mache ich das nicht mehr? Ich laufe weiter, an Spazierenden, Parkbank-Verweilern, Joggern, Hasen und Autos im gelegentlich kreuzenden Stadtverkehr vorbei. Die Stadt ist nie still. Ich liebe diese Stadt. Düsseldorf. Und doch ist sie mir momentan seltsam fremd. Oder ich bin ihr fremd. Ja, es fühlt sich vielmehr an als sei ich der Fremdkörper hier und nicht andersrum. Das Puzzleteil, das eigentlich ganz woanders hingehört. Das sich vielleicht nur in eine scheinbar passende, aber doch nicht so richtig passende Stelle zwängt und dort nun hängt. Aber dennoch, ich liebe diese Stadt. Ich habe mich so auf den Sommer hier gefreut. Und nun läuft er doch ganz anders als erwartet. Nicht schlecht. Es ist schön. Aber irgendwie doch nicht ganz so schön wie ich es mir vorgestellt, wie ich es all die Wochen vorher gehofft hatte.
Aber jetzt gerade in diesem Moment ist es schön. Die Nacht ist warm, die Sterne funkeln, die Musik in meinen Ohren bietet mir die Hintergrundmelodie zu meiner Kulisse, meiner Szene. Die Stadt gehört in diesem Moment mir und ich bin ganz bei mir, so wie schon lange nicht mehr.
Ich werde langsamer, atme tiefer, genieße den Anblick vor mir. Der Rhein. Dunkel liegt er vor mir, rauscht unter mir lang. Die mit leuchtenden Brücken zieren ihn, der Turm im Medienhafen, das Wahrzeichen der Stadt schön in der Ferne.
Ja ich liebe diese Stadt. Und während ich das denke vermisse ich sie. Ich wünschte ich würde sie mehr aktiv in meinem Alltag hier im Sommer haben. Mehr Picknicke am Paradiesstrand, mehr Abende unterm Sternenhimmel, mehr Spaziergänge im Park, mehr Fahrradtouren in andere Stadteile. Ich habe das Gefühl all das geht im Alltag komplett unter und das obwohl ich doch eigentlich gar keinen Alltag hier habe. Irgendwas mache ich falsch.
Ich drehe um, zurück auf der Brücke Richtung Park, Richtung Zuhause. Zuhause. Zuhause? Eigentlich habe ich das aktuell nicht. Vielleicht ist genau das der Unruhestifter in mir. Der mir die Hauptrolle weggeschnappt hat. Aber nicht der fehlende Wohnort, sondern das fehlende Zuhause in mir.
Wieder ein Blick zum Himmel, zu den Sternen. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Ich bin gerade glücklich. Glücklich über den perfekten Moment, der gar nicht perfekt scheint und es doch so sehr ist. Glücklich mit mir selbst. Das Gefühl ist so schön.
Ich habe mich verloren. Das war mir lange klar, aber doch nie so richtig. Aber es ist gut das endlich zu wissen. Denn jetzt kann ich mich endlich wieder finden.















