Storybook: Was muss, dass muss!
Schicht 9h - 17h. Der Wecker klingelt. Ich stehe auf. Hab ja keine andere Wahl. Motivation? Fehlanzeige. Erstmal auf 17 gehen.
Wasserhahn auf. Ich klatsche mir das lauwarme Wasser ins Gesicht. Wieso nicht kaltes? Wir müssen es ja nicht direkt übertreiben. Gequält werde ich heute noch genug. Meine Schallzahnbürste timed meinen Zahnputzvorgang auf genau zwei Minuten. Alle 30 Sekunden gibt sie einen Impuls zum Seitenwechsel. Ich weiß nicht, ob ich froh darum sein soll, oder ob ich mich für absolut unfähig halte, mir ohne diese Hightechbürste die Zähne zu schrubben. Naja, whatever. Zu viele unwichtige Fragen am Morgen vertreiben nicht die Sorgen, sondern schaffen noch mehr. First World Problems und so. Wasserhahn zu. Weiter geht’s mit der Erschaffung eines zweiten Ichs. Einmal das Gesicht in die Make-up Paletten gedrückt und raus aus dem Bad. Schnell noch irgendwas anziehen, was nicht einen Markennamen in das Gesicht anderer Leute brüllt und es kann losgehen. Frühstück braucht man nicht.
Ich knall‘ die Haustüre zu, dreh‘ den Schlüssel um und gehe Richtung Bushaltestelle. Der starke Wind drückt mich zurück, als wollte er mir sagen, ich soll zu Hause bleiben. Ich besiege die höhere Macht und gehe weiter. Kaum an der Bushaltestelle ankommen, rast auch schon der Bus an. Langsam habe ich wirklich gut raus, wo ich mich hinstellen muss, damit sich die Tür direkt vor meinen Füßen öffnet. Erste! Und wieder ein Sieg. Man muss ja noch Ziele im Leben haben. Ich begrüße den Busfahrer und halte ihm gleichzeitig mein Studententicket vor. Nun schnell irgendeinen Platz sichern, bevor die jungen Muttis alles mit ihren Zwillingskinderwagen zubauen.
Heute begrüße ich keinen einzigen Fahrgast, auch wenn man mir einen freundlichen „Guten Morgen“ zuruft. Wieso? Naja, weil ich es kann?! Und weil ich sowieso schon zwei Minuten zu spät bin, lasse ich mir jetzt nochmal extra Zeit. Nicht mein Problem, ob hier irgendjemand Anschlussverbindungen kriegen muss. Ich hab hier meinen vollen, warmen Kaffee stehen und ich will ihn nicht durch zu viel Tempo verschütten.
Wie immer macht es sich bezahlt, einen Bus früher zunehmen. Aus irgendwelchen mir unerklärlichen Gründen hat dieser Bus permanent Verspätung. Jedes Mal habe ich somit noch 23 Minuten Zeit um mir einen gekühlten Kaffee und einen Salat zu holen. Beziehungsweise das, was man Kaffee nennen kann; ist wohl eher Vollfettmilch mit 200g Zucker auf 50ml Inhalt plus Kaffee-, und Karamellaroma. Und der Salat kostet mal eben so viel wie eine ganze Plantage. Zurück zur Bushaltestelle, um die nächste Fahrt anzutreten. Mittlerweile sind es nur noch neun Minuten Wartezeit, allerdings bin ich mir sicher, dass auch dieser Bus mit Verspätung eintrudelt.
Mit elfminütiger Verspätung treffe ich am Center an. Treppen rauf‘, Centertüre öffnen, links abbiegen und dem Gang folgen, immer weiter geradeaus, rechts dem Gang folgen, auf den Türöffner hauen, durch Katakomben laufen, die nächste Tür öffnen, kurz durch‘s Freie und da sind wir am Hintereingang des Stores. Mitarbeiterausweis gegen den Sensor halten, Tür öffnen, Tür schließen, Licht an, Tasche und Jacke von mir werfen, Klimaanlage auf flockige 18 Grad stellen und erstmal den Store schön runterkühlen. Leise höre ich die nette Putzfrau auf das Rolltor vom Eingang hauen. Vermutlich hört man sie nur bis in die dritte Etage. So eine tiefenentspannte Person. Das erste, was ich mache, ist zur Kasse gehen und die To-Do-List checken, die am Vorabend für mich hinterlegt wurde. Hier findet man alle tollen und spaßigen Aufgaben, damit einem bloß nicht langweilig wird oder man fünf Minuten zum Durchatmen hat.
Mittlerweile ist es kurz vor zehn und die Geschäfte öffnen in wenigen Minuten. Ich begebe mich zum Rolltor und stehe in Startposition.
Liebe Besucher, nun öffnen wir unsere 210 Fachgeschäfte. Heute haben wir bis 20 Uhr für sie geöffnet, unser Supermarkt bis 22 Uhr. Im Namen aller Center-Mitarbeiter wünschen wir Ihnen einen schönen Tag.
Wünschen wir nicht.
Textauszug aus “Storybook”. (Verfasser: Jacqueline Fischer)













