Eine kleine persönliche Statistik vorweg und dann zwei typische Situationen im Bild.
Ich hatte heute ein längeres Gespräch in der Arbeit mit einer Kollegin. Wenn man sich als Radfahrer in einer Unterhaltung über zugeparkte Wege oder das ignorant rücksichtslose Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer generell beklagt, bekommt man in der regel ein oder zwei typische Antworten. Heute stand “dann musst halt mal kurz anhalten” und “Radfahrer halten sich ja a ned immer an die Verkehrsregeln” auf dem Menu. Neulich gab es eine ähnliche Diskussion in den Leserbriefspalten der Nürnberger Nachrichten nach einem Artikel über tödliche Verkehrsunfälle mit Radfahrern. Ein Tenor war: Der Radler müsse halt im Zweifel defensiv fahren, und solle nicht auf seiner Vorfahrt bestehen.
Das alles ging mir durch den Kopf, als ich die Heimfahrt antrat. Nach etwa sechs Metern nahm mir das erste Mal ein Auto aus einer Parkplatz-Einfahrt kommen die Vorfahrt. Und so begann ich im Kopf eine kleine Liste zu erstellen.
Insgesamt ist mir auf den knapp zehn km von der Arbeit nach Hause 21 mal ganz beiläufig die Vorfahrt* genommen worden. Neun mal von Autos, elf mal von Fußgängern, und einmal von einem anderen Radfahrer. Desweiteren kamen mir vier Radfahrer auf der falschen Seite entgegen. Insgesamt vier mal musste ich mich wegen auf dem Radweg oder dem Radstreifen abgestellten Fahrzeugen in den fließenden Autoverkehr einfädeln.
Der Radfahrer missachtete eine Rechts-Vor-Links-Situation. Von den Fußgängern überquerten insgesamt drei Personen ohne zu gucken die Fahrbahn, auf der ich unterwegs war. Der Rest betrat ohne zu gucken den Radweg.
Von den Autos fuhr eines aus einer Ausfahrt auf die Straße ohne meine Vorfahrt zu beachten, zwei ignorierten meine Vorfahrt in einer Rechts-Vor-Links-Situation, einer fuhr mir entgegen kommend direkt vor mir auf meine Fahrspur, um einem Hindernis auf seiner Spur auszuweichen und vier missachteten beim Abbiegen aus oder beim Einbiegen in eine Hauptverkehrsstraße meine durch die Fahrt daran entlang an dieser teilhabende Vorfahrt.
Der letzte Autofahrer taucht doppelt auf. Zuerst blockierte er mit laufendem Warnblinker den Radweg, um jemanden einsteigen zu lassen, und als ich gerade im Begriff war, auf der Straße ausgewichen an ihm vorbei zu fahren, hupte er, und fuhr los.
Das ist ein normaler Tag als Radfahrer in der Metropolregion Nürnberg.
Auch wenn nur eine der Situationen wirklich lebensgefährlich war, bei einer Fahrtstrecke von knapp 10 Kilometern bedeutet 21 mal die mir laut STVO zustehende Vorfahrt genommen zu bekommen, dass ich im Schnitt keine 500 Meter normal fahren kann, ohne unverschuldet unvermittelt scharf bremsen muss.
Gelassenheit, defensives Fahren, halt mal kurz anhalten und absteigen, nicht auf der Vorfahrt bestehen, das sind super tolle Ratschläge für Einzelfälle. Wir reden hier aber nicht von Einzelfällen. Wir reden hier doch offenbar von einem Regelfall. Im Schnitt alle 500 Meter, im Schnitt alle 1,5 Minuten bin ich massiven Verstößen gegen die Verkehrsregeln auf meine Kosten ausgesetzt. Da muss sich was ändern. Mein Verhalten ist hier nicht das Problem. Ich halte mich an die Verkehrsregeln. Das Problem sind die ignoranten Arschlöcher, die glauben, Regeln gelten nur für die anderen.
Darum kann die Lösung auch nicht eine Verhaltensänderung meinerseits sein. Wenn die Lösung für dieses Problem in meiner Anpassung an diese Verhältnisse bestehen soll, wenn ich die Wahl habe, entweder komplett auf meine Rechte im Straßenverkehr zu verzichten, und ständig allen anderen den Vortritt zu überlassen, oder meine eigene Sicherheit zu gefährden, dann bedeutet diese Lösung - sind wir mal ganz ehrlich - genereller Verzicht auf das Rad als Verkehrsmittel. Weil es dann völlig sinnlos wird, überhaupt noch darauf zu steigen.
Würde ein Autofahrer auf seiner Pendelstrecke erleben, dass ihm in 30 Minuten knapp 20 Mal die Vorfahrt genommen würde, in völlig eindeutigen Situationen übrigens, er würde noch tagelang über die unfassbare neue Anarchie auf Deutschen Straßen lamentieren.
Kommen wir nun aber zu den besonderen Helden des Tages.
Alles entlang der Fürther Straße in Nürnberg:
Autotransporter blockiert Radfahrstreifen (benutzungspflichtig) hinter der Kreuzung. Soweit, so normal. Witzig wurde es dann gleich, als der rote PKW links im Bild...
... sich dachte “Ey, super Idee. Ein Gratis-Behelfsparkplatz. Da stell ich mich doch gleich mal dahinter.” Gesagt, getan. Warnblinker an, und erst mal das Leben genießen. Der berühmte Nachahmer-Effekt.
Von Lieferwagen und der Zustellerbranche hatten wir es ja schon. Die Armen. Müssen Pakete schleppen für einen Hungerlohn. Da darf man auch mal auf dem Radweg parken, wenn man sonst keinen Parkplatz findet. Arbeit adelt schließlich, und Adel war schon immer an bestimmte Grundbesitz und damit einhergehenden Nutzungsprivilegien geknüpft. Und wer Zusteller kritisiert, die in der Not Radwege zuparken, muss mit Shitstorm rechnen.
Jetzt kann man allerdings als böse denkender Mensch schon die Frage stellen, ob dieser spezielle Zusteller wirklich gründlich nach einem freien Parkplatz gesucht hat...
* Als Vorfahrtsituation habe ich es gewertet, wenn sich ein weiterer Verkehrsteilnehmer mit mir auf Kollisionskurs befand, und diese Kollision nur abgewendet werden konnte, indem einer von beiden entweder abbremsen, anhalten oder deutlich von seiner Spur abweichen musste.