Ich hatte es in meinem Post zu meinen Urlaubsvorbereitungen schon erwĂ€hnt. In meinen Best-Of Ranglisten der schönsten BĂŒcher, insbesondere im Bereich Zeitgeschichte, gibt es einen neuen Favoriten. Bisher war der Briefwechsel zwischen Franz Kafka und seiner Geliebten Felice und der Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel ganz oben in meiner Liste.
Ein Buch, dass schon vor einigen Jahren erschienen ist, aber jetzt erst von mir wahrgenommen wurde, hat diese beiden BĂŒcher von den ersten PlĂ€tzen verdrĂ€ngt. Denn was kann schon anderes als Weltliteratur herauskommen, wenn die bedeutendste deutschsprachige Lyrikerin der Nachkriegszeit mit einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker (mĂ€nnlich) nicht nur einen poetisch-intellektuellen Briefwechsel hat, sondern darĂŒber hinaus auch eine Liebesbeziehung. Gemeint sind Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Ingeborg Bachmann ist vermutlich jedem ein Begriff â geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben 1973 in Rom unter tragischen UmstĂ€nden.
Paul Celan wird im Deutschunterricht vor allem wegen einem Gedicht herangezogen: Die Todesfuge. Dieses Gedicht war die passende Antwort auf das Diktum von Theodor Adorno, der gesagt hatte, nach Ausschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, da ein Gedicht an sich Ăsthetik verkörpert und es keine Form von Literatur gĂ€be, welche dem Grauen von Auschwitz gerecht werden könnte. Paul Celan hat dies mit der Todesfuge wiederlegt. Allerdings sollte man Paul Celan nicht nur auf dieses eine Gedicht reduzieren. Sein lyrisches Werk ist weit umfangreicher und in seinem Stil absolut unverkennbar.
Die Liebesbeziehung zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann beginnt 1948 und wird Ende der 50er Jahre wiederaufgefrischt. EndgĂŒltig endet sie wohl erst mit dem Tod Paul Celans im Jahr 1970. Wer nun glaubt, die beiden paraphrasieren diese Liebe mit Worten fĂŒr Blumenwiesen, der irrt gewaltig. Ingeborg Bachmann war keineswegs eine Frau, die nur intellektuelle Beziehungen zu MĂ€nner gesucht hĂ€tte. Wer zwischen den Zeilen liest erkennt genau, dass Ingeborg Bachmann immer wieder MĂ€nnerbekanntschaften pflegte. Mit Paul Celan verbindet sie darĂŒber hinaus wesentlich mehr. Er ist einer der wenigen MĂ€nner, der jenseits allem Körperlichem das Sinnliche und das Geistige in ihr anspricht. Genau das ist aber auch der Grund, fĂŒr das Scheitern der Beziehung. Sie nehmen sich gegenseitig die Luft zum Atmen. Ausschlaggebend fĂŒr die Distanz zwischen beiden ist vor allem ein fehlendes VerstĂ€ndnis von Bachmann gegenĂŒber den Depressionen, die Paul Celan wohl sein Leben lang geplagt haben mussten. Celan hatte beide Eltern in einem Konzentrationslager verloren und litt sehr unter den Erfahrungen, die er hat machen mĂŒssen. Bachmann, die damals wie vermutlich die meisten Menschen kurz nach dem Krieg die Tragweite des Leides gar nicht richtig begreifen konnte, wirft Celan immer wieder vor, dass er sich zu sehr in dieses Leid hineinbegibt und sich als leidend darstelle.
Eine wesentliche Rolle spielt auch der Dichter Max Frisch, mit dem Ingeborg Bachmann spĂ€ter ebenfalls eine Beziehung hatte und der in den in diesem Band ebenfalls dargestellten Briefen an Celan recht unverblĂŒmt eine fehlende KritikfĂ€higkeit Celans attestiert. Celan, der nach dem Krieg und seiner Flucht aus einem rumĂ€nischen Arbeitslager, als staatenloser Jude galt, sieht sich bei jeder Art von Kritik einem latenten antisemitischen âobjektiven DĂ€monâ ausgesetzt. Die persönlichen Treffen, die in den Briefen abgesprochen sind, sowie die verschiedenen Versionen eines Briefes zeugen von dem Ringen um nuancierte AusdrĂŒcke, die letztendlich aber nicht zu einem gegenseitigen VerstĂ€ndnis fĂŒhren.
Das beeindruckende an diesem Briefwechsel ist nicht unbedingt sein lyrischer Gehalt. Es ist vor allem die literaturhistorische Bedeutung, die speziell Paul Celan in einem anderen Licht darstellt. Celan war ein völlig entwurzelter Mensch und seine einzigartige lyrische Begabung hat ihm nicht den Halt gebracht, den er sich selbst gewĂŒnscht hĂ€tte. Erst im Nachhinein, unter BerĂŒcksichtigung seines tragischen Todes 1970, wird diese Entwurzelung deutlich. Der Gesamtkontext war fĂŒr die Akteure nicht greifbar. Sensible Menschen haben ein Radar fĂŒr andere sensible Menschen â sie gĂ€nzlich zu erfassen gelingt aber so gut wie nie. Dieser Briefwechsel trĂ€gt dazu bei und ist ein ganz groĂes Mosaiksteinchen fĂŒr alle Menschen, die sich fĂŒr die beginnende Aufarbeitung nach der Stunde Null im literarischen Deutschland interessieren. Ein unterhaltsames, mitreiĂendes Zeitdokument.