Ich wollte ja schon länger ein großes, aufwändiges historisches Kostüm für mich nähen. Deswegen hab ich das Nähen vor ein paar Jahren wieder aufgenommen. Problem ist halt, dass Kleidung in Europa in den letzten paar Hundert Jahren immer sehr spax geschneidert war*. Und ich 1. bin fett, 2. neige zu Gewichtsschwankungen, und 3. habs autismusbedingt nicht so mit anliegender Kleidung.
Dann fand ich dieses Kleid, genannt Houppelande. Im Grunde ein Zeltkleid, das mit einem Gürtel gehalten wird.
Es ist perfekt!
Der (das?) Houppelande scheint um 1400 (Spätmittelalter) in Zentraleuropa angekommen zu sein. Wurde von Männern und Frauen der höheren Klassen als Oberbekleidung getragen und war mit Fell gefüttert. Darunter würde man einen Kittel (Cotte, Kirtle, sprich ein Kleid) und natürlich ein Unterkleid tragen. Er hat diese riesigen Ärmel, die gezackt oder geschlitzt sein konnten, eine offensichtliche Zurschaustellung von Reichtum.
Es scheint, dass dieser Stil nur verhältnismäßig kurz in Mode war und dann vom sehr ähnlichen burgundischen Kleid abgelöst wurde, das schmalere Ärmel und einen characteristischen Ausschnitt hat.
Wie dem auch sei, ich kam, sah und war verliebt in dieses spezielle Kleid. Relativ einfaches Schnittmuster, weit, größenverstellbar, trotzdem elegant und Hingucker-Ärmel. Und es ist wurscht, was ich drunter trage. Ich muss also nicht auch noch ein halbes Duzend Unterwäsche-Stücke machen.
Vom Ehrgeiz gepackt skizziere ich also ein bisschen rum, springe kopfüber in Pinterest und schaue nach Stoffen.
Ich finde raus, dass ich für das ganze, riesige Kleid, mit riesigen, dreieckigen Ärmeln, wahrscheinlich mit 6m Stoff auskomme. Das bedeutet, Seide ist in der Auswahl.
Ich bestelle also Muster von echtem Seiden-Taffeta. Und verstehe plötzlich, warum Europa jahrtausendelang bereit war, dieses Zeug vom anderen Ende der Welt zu importieren.
Seiden-Taffeta ist nicht historisch korrekt, soweit ich sehen kann. Historisch wäre Walkloden, ein fantastisches Material, das die nötige Schwere und Griffigkeit mitbringt.
Aber Taffeta kann changierend sein, wobei Schuss- und Kettfaden unterscheidliche Farben haben. Der Effekt ist nicht von dieser Welt, siehe Bild.
Mein Houppelande wird also aus dieser Seide und einem Walkloden (oder ähnlichem) bestehen und wendebar sein. Wenn schon, denn schon!
So wie die Ärmel geschnitten sind, fallen sie auf, egal wie rum das Kleid getragen wird. Es sind also immer beide Stoffe sichtbar. Und weil Walkloden nicht ausfranst, sind komplizierte Design für die Ärmel möglich.
Ganz zu schweigen von den Kopfputzen, Hennin oder Escoffion!
Das Projekt nimmt in meinem Kopf Form an und ich teile es jetzt hier, damit ich diese Energie nicht wieder verliere. Ich bin gespannt, ob ich es wirklich bis zum fertigen Kostüm, inklusive Zur-Schau-Tragen schaffe.