Wir arbeiten weniger und haben potenziell mehr Zeit für anderes. Aber sogenannte Innovationen nehmen uns diese Zeit wieder weg. Facebook: Wir konsumieren das, aber produzieren es auch mit, wir stellen den Mehrwert her, der aber, als Gewinn, von anderen realisiert wird. Das ist wieder Kapitalakkumulation durch Enteignung: Man klaut uns Zeit. Das Kapital will uns konstant beschäftigen. Menschen, die Zeit zum Nachdenken haben, sind das Letzte, was das Kapital gebrauchen kann, erst recht in einer heiklen Phase wie dieser. [...] Ich sage es ganz ehrlich, auf die Gefahr hin, dass Sie mich endgültig zum Sozialdemokraten machen: Wenn wir einen sozial abgefederten Kapitalismus hätten, der sich an ethischen Grundsätzen orientiert und alle Menschen mit den gleichen Gebrauchswerten versorgt – alle hätten Zugang zu Wohnungen, medizinischer Versorgung, Nahrung –, würde ich sagen: gut. Vielleicht ist es das. Vielleicht können wir damit doch gut leben. Ich bin kein Mann der Dogmen. Ich glaube nur, und das ist das Ergebnis all meiner Analysen, und ich bin fast 80 – ich glaube, diese Möglichkeit wird das Kapital uns nicht lassen. Es tut alles, um die Ansätze dafür, die es nach dem Zweiten Weltkrieg gab, gründlich zunichte zu machen. Daher müssen wir wohl nach schlagkräftigeren Lösungen suchen.
David Harvey im Interview mit Katja Kullmann














