Eigentlich wollte ich eine Hördoku über Sammler machen und habe in Stuttgart bei einem Laden um die Ecke angefangen, im „Offnaut“.
Der war mir schon vorher aufgefallen und auch sein Besitzer, der Thomas, der da immer rumwuselt und irgendwas umstellt und immer auch Sorge hat um die Kundschaft. „Ich bin aber kein Sammler, ich bin ein Loswerder“, hat er gesagt. Und das mitten in diesem Laden, wo man bei jeder dritten Sache denkt: Das wird der doch nie los. Und oft weiß er selbst nicht mal, was es ist, wozu es taugt. Aber es ist halt schön oder zumindest seltsam, eine kleine Entdeckung, beim Entrümpeln gefunden, und ehe ers wegwirft, stellt ers aus. Denn er ist, auch wenn ers nicht zugeben will, halt beides: Loswerder und Sammler bzw. Müllverwerter und Kulturbewahrer, wie er sagt. So einer ist selbst ein Fundstück, das, ich will nicht sagen, ausgestellt werden muss, aber inszeniert mit all seinen Dingen und seiner Musik. Denn er ist ja auch noch Musiker in einem Kollektiv, Metabolismus heißen sie. Ihre Lieder sind vom Stil her genau so durcheinander wie sein Laden. Und genau wie beim Laden muss man dem Thomas manchmal erst ein bisschen zuhören, aber dann ergibt das Durcheinander absolut Sinn und macht sehr großen Spaß.
Ein musikalisches Hörportrait über die Liebe zu Dingen ohne Verkaufspotential. Zum Kauf oder Klau auf payhip.com/schsz
Merkwürdige Brücken unter sonderbaren Mondbögen. Aus: Bildergeographie. Eine Darstellung aller Länder und Völker der Erde. Dritter Band. Amerika und Australien. Leipzig 1819
Wenn ein Schrankenwärter in seinem Schrankenwärterhäuschen mitten in der Pampa nur ab und zu die Schranken hoch- und wieder runterkurbeln muss, und zwar auf ein klares Signal hin, dann kann man doch wohl annehmen – nein, eigentlich ahnt man schon, dass da irgendwann etwas schiefgehen wird.
Nicht mal eine Kuh oder ein Schaf, nicht mal der Wind kreuzt hier die Schienen.
Der Schrankenwärter blickt hin und wieder aus dem Fenster auf die andere Seite, aus Langeweile, aus Selbstmitleid, aus Zufall, manchmal auch, weil er auf der anderen Seite etwas zu sehen glaubt. Meistens liest er aber, blättert im Heftchen.
Von solchen Heftchen hat er einen ganzen Stapel dabei, den er Schicht für Schicht abarbeitet. Seine Füße liegen bequem auf irgendwas, auch der Stuhl, auf dem er sitzt, lehnt sich entspannt zurück.
Vielleicht läuft ein kleines Radio. Vielleicht kreist ein Bussard hungrig über dem Häuschen, über den Feldern, kreist um das Nichts, das er im Magen spürt. Wenn die Sonne knallt, so wie jetzt, wird dem Wärter unerträglich heiß, deshalb steht neben ihm ein Ventilator, der von links nach rechts und von rechts nach links wachsam den Kopf dreht.
„Du passt schön auf.“
Angenommen, das Telefon rappelt. Angenommen, der Wärter hebt ab, hört die immer gleiche Floskel, kurbelt wie immer die Schranken runter und bestätigt wie immer mit der immer gleichen Floskel, die Schranken runtergekurbelt zu haben.
Der Wind könnte nun unter ihnen durchwehen. Aber er kreuzt hier ja nicht die Schienen. Ein gelangweilter Mensch, ein sich nach ein wenig Nervenkitzel sehnender Mensch könnte Limbo tanzen, erst unter der einen, diesseitigen, dann unter anderen, jenseitigen Stange durch und schließlich wieder zurück.
Der Wärter tritt hinaus und streckt sich, macht seine Dehnübungen. Er schwingt sein rechtes Bein auf die Schranke. Dieser Schmerz, wenn er die Fußzehen zu sich zieht, den ganzen Fuß zu sich biegt, an diesen Schmerz wird er sich nie gewöhnen. Der Ventilator beobachtet das. Der Bussard nicht, der Bussard hat was im Auge, irgendein Insekt.
1908 überzogen in Dalmatien so viele Raupen die Eisenbahnschienen, dass sie einen ganzen Zug ausbremsten, eine gewaltige Dampflok blieb samt Güterwaggons zwischen Knin und Siverić im Raupenmus stecken.
Unser Bussard würde auch Mus essen, er würde im Moment so ziemlich alles fressen und hält Ausschau, so gut er noch kann.
Außerhalb seiner Sichtweite nähert sich ein haariges Kriechen.
Der Wärter fragt sich, wie es Akrobaten nur schaffen, Spagat zu machen, es muss doch auch Akrobaten geben, die eigentlich keine Veranlagung dazu haben, die das Akrobatengeschäft eher zwangsweise von ihren Akrobateneltern übernommen haben, weil sie von Kindesbeinen an, statt in die Schule zu gehen, in den Spagat gedrückt wurden.
Muss er sich nur mehr zwingen?
Er hat mal einen Porno gesehen, in dem sich die Frau wie eine Schlangenfrau im Zirkus verdrehte und in den merkwürdigsten Positionen penetriert wurde. Das fand er irgendwie traurig, irgendwie hat das sein Herz erweicht, und nicht nur sein Herz.
Er will darüber nachdenken, aber die Schienen pfeifen ihm, dass er sich schnell wieder ins Häuschen setzen sollte. Im Heftchen blätternd, auf dem Stuhl kippelnd hört er den Zug durchrauschen. Dann meldet er mit der immer gleichen Floskel, dass der Zug durchgerauscht ist. Dass die Schranken wieder hochgekurbelt werden, versteht sich von selbst. Um ehrlich zu sein, lässt er sie unten. Um ganz ehrlich zu sein, hat er sie schon vor Stunden, gleich nach Dienstantritt, runtergekurbelt und unten gelassen, weil er wie alle denkenden Menschen seine Kräfte gern einspart.
Es könnte jetzt ein Traktor kommen oder das haarige Kriechen könnte sich im Gleisbett vorbeischieben, alles Mögliche könnte passieren, ohne dass der Wärter etwas davon mitbekäme, weil sich das Heftchen gerade so spannend liest:
Der rauchende Colt wog immer schwerer in Bentos Hand, während er weiter auf das Gebüsch zielte. Er wusste nicht, ob er auch Conny erwischt hatte, ob er überhaupt jemanden erwischt hatte. Er wartete auf Blut, auf eine Bewegung, ein Geräusch. Eine lange blonde Strähne hing in den Ästen. Ansonsten konnte er nichts erkennen.
Der Bussard spürt im Sinkflug, wie sich in seinem Magen etwas hebt, wahrscheinlich die Magensäure.
„Conny?“, rief Bento mit unsicherer Stimme.
Es dauerte ein paar Sekunden, doch dann bekam er Antwort.
Der Bussard stürzt wie ein leerer Teller vom Himmel.
Der Schuss hallte durch den Canyon. Bento hörte ihn noch, als er mit schmerzender Brust zur Seite taumelte, auf den Rand der Schlucht zu. Er fiel und prallte auf das Dach des Wärterhäuschens …
Zumindest klang es gerade so. Der Wärter guckt hoch zur Decke und beginnt mit den Armen zu rudern, er rudert wie wild gegen den Strom der Schwerkraft, aber sein Stuhl kippt trotzdem. Er landet mit dem Nacken auf dem Griff der Kurbel und die faltet ihm das Kinn auf die Brust. Er bleibt reglos am Boden liegen. Das Heftchen auch. Der Ventilator schüttelt darüber nur langsam den Kopf. Das kleine Radio, das vielleicht läuft, läuft jetzt vielleicht weiter und spielt zu unserer Unterhaltung ein passendes oder unpassendes Lied. Vielleicht benachrichtigt es uns auch über die Mindestzahl an Toten andernorts, denn andernorts passiert ja immer etwas noch Schlimmeres.
Draußen vor den Schranken kommt ein Auto zum Stehen. Der Motor wird ausgestellt. Seine Schallwellen fliegen ringsum davon, ins Erdreich und übers Feld und zum Himmel, bis kein Ohr sie mehr hören kann, bis sie sich so weit zerstreut haben, dass sie überhaupt keine Wellen mehr sind, sondern etwas, das sich nur mithilfe feinster Messgeräte registrieren, nein, eigentlich nicht mal mehr registrieren, sondern bloß noch erahnen lässt durch quantenphysikalische Berechnungen. Die Fahrerin steigt aus. Eine Dame mit einem gewissen Äußeren. Mit gerecktem Hals geht sie auf das Häuschen zu und hat noch gar nicht richtig durchs Fenster geguckt, als sie schon wieder umkehrt und schimpft. Die anderen Insassen steigen aus, drei Frauen, die auch ein Aussehen haben, und ein Kind von ungewissem Alter und Geschlecht. Alle schauen um sich, aber nur das Kind schaut geduldig. Es ist auf Augenhöhe mit der Schranke und bewundert deren rot-weiße Streifen. „Eine Zuckerstange“, denkt es. Die Fahrerin zeigt auf den Ventilator, als wäre der an allem schuld, und der schüttelt so energisch den Kopf, als wäre ers tatsächlich. Auf einmal rappelt im Häuschen das Telefon.
Der Wärter erhebt sich wie aus dem Grab.
Er rappelt sich auf, um abzuheben, und die Frauen applaudieren ihm. „Guten Morgen“, rufen sie mehrmals, doch er ist ziemlich durcheinander und ganz mit dem Hörer und der Kurbel und dem Heftchen beschäftigt. „Wo ist es denn“, fragt er sich mit Blick auf den Boden und kurbelt, ohne nachzudenken, ja, er kurbelt die Schranken tatsächlich hoch!
Sie wirken auf das Kind wie zwei zittrig-schwache Finger, zwei Zuckerstangenfinger, die sich gleichzeitig aufrichten und in entgegengesetzte Himmelsrichtungen zeigen, linkshinauf und rechtshinauf, immer weiter hinauf.
„Joshua! Komm, wir fahren weiter!“
Bento hörte ihn noch, als er mit schmerzender Brust zur Seite taumelte, auf den Rand der Schlucht zu. Er ließ die Waffe fallen und hielt sich im letzten Moment am Fels fest. Sheffield kam hinter dem Gebüsch hervor, in einer Hand den Revolver, mit der anderen zog er Conny an den Haaren hinter sich her. Er drohte, sie zu erschießen. „Wo?“, fragte er nur. Bento gab nach und nannte ihm die Koordinaten. „Diesmal sind es die richtigen“, versicherte er. „Mir egal“, erwiderte Sheffield und schoss ihm ins Gesicht. Dann stieß er die alte Conny über den Rand.
Der Wärter muss lachen. Die arme Stute. Seine Ohren beginnen zu sausen, Funken fliegen über die Seiten des Heftchens. Er legt es beiseite und massiert seine Schläfen. Was sich draußen abspielt, kriegt er immer noch nicht mit.
Die Frauen sitzen schon im Auto bei laufendem Motor.
„Joshua! Komm jetzt!“
Dass Züge im Raupenmus steckenbleiben, war Anfang des 20. Jahrhunderts keine Seltenheit, jedenfalls nicht auf der Strecke zwischen Knin und Siverić, wo sich alljährlich im Juni der Morgengüterzug Nr. 71 verspätete, weil seine Räder, bei leichtem Anstieg, auf den zerquetschen Larven eines Nachtfalters durchdrehten. Genau gesagt waren es die Larven des Schwammspinners Lymantria dispar, die da auf den von der Morgensonne erwärmten Schienen entlangkrochen, in einem über hundert Meter langen wurstartigen Chaos, wie es der österreichische Eisenbahnbeamte und Schmetterlingskundler Hermann Stauder nannte.
Joshua hätte jetzt wirklich gern eine Zuckerstange, er hat noch nie eine gegessen, er kennt sie nur aus Zeichentrickfilmen. Sie sehen wie kleine Spazierstöcke aus. Er hätte jetzt wirklich gern eine Zuckerstange als Spazierstock. Mit der könnte er spazieren gehen und ab und zu am Griff lecken. Der Griff würde klebrig werden, aber das wäre nicht schlimm, es wäre sogar besser dran festzukleben wegen Neidern und Dieben. Seine Freunde dürften probieren, seine Mutter auch, alle netten Leute, aber Sascha auf keinen Fall! Wenn der mit seiner Dreckzunge zu nah kommt, kriegt er eins mit dem Stock!
„He!“
Joshua schaut seine Tante an, die neben ihm sitzt. Er hat ihr versehentlich auf den Oberschenkel gehauen. Verschämt schaut er zu seiner Mutter, die mit ihren Gedanken aber ganz woanders ist, irgendwo draußen in der kahlen Landschaft.
Hermann Stauder dachte nur an den Schaden, den die gefräßigen Raupen auf ihrer Wanderschaft anrichteten, auf ihren Wanderraubzügen, wie er es nannte. Er dachte nur an die Vernichtung von Wäldern, von Obst und Getreide, an Hungersnot und an die Verspätung von Zügen. Auch heute denkt niemand an ihren möglichen Nutzen. Stauder beobachtete die damals noch kaum erforschte Raupenart über Jahre hinweg, um ein Mittel gegen sie zu finden. Er sammelte tausende Exemplare, lebende wie tote, und untersuchte sie auf Parasiten. Doch sie waren von nichts befallen und schienen auch nicht an den typischen Raupenkrankheiten wie Flacherie oder Schlafsucht zu leiden. Selbst Specht und Kuckuck, die sonst nicht wählerisch waren, verschmähten sie. Er folgte der Hungerspur der Raupen durch Dalmatien, Inner-Istrien und Triest und machte sich sogar die Mühe, die Eier in ihren Gespinsten zu zählen. Das Ergebnis beängstigte ihn: Oft waren es über 2000 je Nest. Er rechnete für den Herbst mit 20 Millionen befruchteten Eiern, aus denen rund 1 Million Weibchen entstehen würden. Ein resistenter, hochgefährlicher Schädling ohne Fressfeinde mit scheinbar unbegrenztem Vermehrungspotenzial im mediterranen Klima!
Trotzdem sind uns die Larven von Lymantria dispar seither als Schmiermittel weitestgehend verloren gegangen.
Weitestgehend.
Endlich guckt der Wärter aus dem Fenster und sieht: Die Schranken sind ja oben! Und kurbelt sie schnell wieder runter. Das rappelnde Telefon unterbricht ihn dabei. Verwirrt starrt er es an. Dann hebt er ab.
„Sind Sie eingeschlafen?“
„Nein, ich warte.“
„Sie haben gepennt! Der Zug ist schon durch!“
„Was? Nein!“
„Doch!“
„Nein! Er ist noch nicht durch.“
Der Kollege legt auf. Der Wärter rätselt, was geschehen ist. Durchs Fenster sieht er keinen Zug, weder in der einen noch in der anderen – doch in der anderen Richtung sieht er ihn! Er kurbelt die Schranken ganz runter und lauscht.
Pfeifen die Gleise? Schwer zu hören mit sausenden Ohren, sehr schwer.
Außerhalb seiner Sichtweite zieht sich das haarige Kriechen quer über die Straße und den Bahndamm hinauf, wo der Zug stillsteht.
„Was ist da?“, fragt Joshua und ist zwischen dem Gerede der Frauen kaum zu hören.
Ein Mann fegt vor der Lok mit einem großen Besen, ein zweiter benutzt seine Füße, versucht es zumindest, ein dritter schippt an der Seite mit einem Spaten.
„Was ist da?“, fragt er lauter, und das Auto wird immer langsamer.
„Fahr weiter“, sagt seine Mutter.
„Meinst du?“
„Ja, fahr einfach drüber.“