Therapeutisch Haushaltsaufgaben - Warum putzen therapeutisch auf mich wirkt
Ich hätte niemals gedacht, dass ich das je von mir behaupten würde: Ich putze gerne.
Okay, spulen wir zurück und betrachten die letzten Jahre. Ich habe putzen gehasst. Aufräumen war schlimm für mich. Die Wäsche habe ich nur gemacht, wenn wirklich nichts mehr da war, was ich anziehen konnte.
Seit meinem Umzug im Sommer hat sich daran seltsamerweise etwas geändert. Beim ersten Mal ist es mir allerdings noch überhaupt nicht aufgefallen. Erst rückblickend kann ich dieses Verhalten zuordnen.
Ich erinnere mich daran, dass ich freitags von der Wohnung, in der ich mit meinem Exfreund gelebt habe, in eine eigene Wohnung gezogen bin. Am selben Tag musste ich mich auch von meinem geliebten Vierbeiner verabschieden (Lange Geschichte kurz: Mein Ex wollte nichts mehr von Kitty wissen, ich hatte eine heftige Katzenhaarallergie entwickelt und eine sehr gute Freundin von mir hat die kleine glücklicherweise bei sich aufnehmen wollen). Ich hatte in den Tagen zuvor schon alle Möbel aufbauen können. Es ging also nur noch darum, mit meinem restlichen Hab und Gut von der einen Stadt in die andere zu ziehen. Weil meine Umzugshelfer jedoch arbeiten mussten oder im Urlaub waren, war ich an dem besagten Tag auf mich allein gestellt - was mir tatsächlich mehr als recht war, um in Ruhe mit allem abschließen zu können.
Obwohl ich alles bis ins kleinste vorbereitet hatte, dauerte der Prozess länger als erwartet. Es war schon fast Mitternacht, bis ich alles Kisten und Taschen ausgeräumt hatte. Ursprünglich war es mein Plan, den kompletten Umzug abzuschließen, so dass ich samstags mein Leben möglichst "normal" in der neuen Wohnung fortsetzen konnte. Aber wer wollte schon gegen Mitternacht damit anfangen Staub zu wischen und zu saugen und den Pützeimer auszupacken?
In dem Moment dachte ich mir tatsächlich nicht viel bei meinem Verhalten. Ich wollte eben endlich den Umzug fertig bekommen. So kam es auch, dass ich mitten in der Nacht meine neue Wohnung von oben bis unten komplett reinigte (Gott sei Danke war kein Nachbar da, der sich am Staubsauger stören konnte).
Als ich gegen vier Uhr morgens endlich mit allem fertig war, war ich todmüde. Aber so erleichtert und gut drauf wie schon lange nicht mehr. Ich war unendlich stolz auf mich, den Umzug wie geplant geschafft zu haben. Ich war zufrieden, in einer wunderschönen und sauberen Wohnung zu sein. Ich war glücklich.
Das gute Gefühl von der sauberen Wohnung hielt wirklich lange an. Noch Tage danach konnte ich mich schnell in das stolze, zufriedene und glückliche Gefühl der Nacht hineinversetzen. In der Wohnung zu sein erinnerte mich permanent daran, was ich alles "geschafft" hatte.
Und dieses Gefühl machte mich süchtig. Gerade in den unsicheren Zeiten, in Phasen von Angst und Sorge, Einsamkeit, Verlassenheit, Hilflosigkeit, Überforderung und all die anderen ekligen Gefühle, die ich in letzter Zeit immer häufiger durchlebe, ist der Gedanke daran etwas zu schaffen eine Art Anker, an den man sich klammern kann.
In den schwierigen Zeiten ist diese Leistung, eine saubere Wohnung zu haben, ein enorm wichtiger Punkt für mich geworden, an dem ich mich festhalten kann. Auf den ich stolz sein kann.
Aber es ist nicht nur das Ergebnis, sondern wie so oft auch der Weg dorthin. Wenn ich putze, muss ich ausnahmsweise an nichts denken. Während ich putze darf ich die Stille genießen. Die Abwesenheit von Gedanken voller Sorgen. Alles was ich tue ist mich zu bewegen und immer mehr Sachen erledigt zu bekommen. Ich kann mich in ein unglaublich befriedigende Gefühl hineinversetzen, was immer größer wird, je mehr erledigt ist. Jedes Handtuch was gefaltet im Schrank liegt - ordentlich an den Ort, wo es hingehört und den Boden endlich wieder freigibt - fühlt sich manchmal an wie ein Meilenstein. Und es ist toll zu sehen, dass ich Sachen in meinem Leben geordnet bekomme. Denn durch meine großen Ziele und vielen Problemen auf dem Weg, fühlt sich die Reise zu meinem Traumleben viel zu weit weg an. Unerreichbar.
Umso schöner ist es, einem anderem Ziel nah zu kommen. Das Chaos zu beseitigen und Platz für neues zu schaffen.
Und die Zeit, die ich mit mir verbracht habe, genießen zu können.