Es ist der dritte Tag in Folge mit Himmel ohne Sonne und Licht ohne Wert, folglich bin ich mit einer existenziellen Krise aufgewacht.
Glücklicherweise hatte ich von meinem Geburtstag noch einen Strauß und konnte mich dessen Pflege widmen. Wenn ich diesen Strauß auffrische - so dachte ich mir - dann drücke ich Liebe aus, und wenn ich Liebe ausdrücke, kommt der Frühling ein bisschen schneller. Pflege als Ausdruck der Liebe wahrzunehmen, kann bei der Verrichtung der täglichen Arbeiten helfen. Es hilft dabei, sich zum Wischen aufzuraffen, die Toilette zu entstopfen, das Geschirr zu spülen. Oder eben einen Strauß aufzufrischen (wobei das eine vergleichsweise angenehme Beschäftigung ist). Es hilft dabei, die öde Wohnung gerne zu reinigen, denn sie ist vielleicht öde, aber sie ist das Daheim. Bewiesen durch die Stunden der hingebungsvollen Arbeit die investiert wird.
Umgekehrt kann man seinen Kopf trainieren, den alltäglichen Gegenständen mehr Zuneigung entgegenzubringen – da man sie ja reinigt, repariert und ihnen einen Platz freiräumt, muss man sie auch mögen. Hat man mit dieser kreisläufigen Selbstkonditionierung Erfolg, sollte man sich theoretisch in einem Raum befinden, der platzt vor geliebtem Material.
Der Raum und sein Inhalt drücken aus, dass man liebesbefähigt ist. Geht man davon aus, dass die Änderung des eigenen Blicks auf seine Umwelt (von teilnahmslos zu liebend) im Umkehr Schluss den Blick auf sich selbst beeinflusst, da man nur eine Form des Blickens gleichzeitig kultivieren kann, ist man selbst somit auch der Liebe wert. Dieses Konzept balanciert kunstreich genug zwischen Schnickschnack und interessantem Gedankengang, dass ich mir das selber meistens glaube und es jetzt auch hierhin geschrieben habe. Zwischen den ersten Zeilen dieses Textes und denen, die ich jetzt schreibe, ist allerdings eine ganze Woche über die Alpen in den Zürisee gestürzt, und ich bin wieder dran mit Putzen.
Die Schande, welche diese Aufgabe in meine Zellen spült! Ist es etwa kein Ausdruck des Respekts, den Dingen ihren Lauf zu lassen? Die klebrigen Menschenfinger erst mal einer Reinigung in der Quelle der Demut zu unterziehen, bevor man sie in die Angelegenheiten anderer Dinge steckt? Ist Staub etwa kein Teil der Ordnung? Ist ein Fleck nicht ebenso kostbar wie ein Regenbogen? Ist denn der Abfall so viel weniger wert als die Produktion, die er einst bedeutete? Der Abfall stinkt und Staub lässt mich niesen, und dann ist da der Druck des Putzplans und ich muss putzen. Wer regelmäßig putzt, muss es auch nicht so heftig tun, es ist wie bei der Beziehungspflege. Womit wir wieder bei der Pflege als Ausdruck der Zuneigung wären, womit ich einen hübschen Bogen gezogen habe und wir können uns alle miteinander darüber freuen, was die Autorin nicht alles so vermag. Jetzt werdet ihr, werte Leserinnen und Leser, böse aufschreien: Der Text begann beim schlechten Wetter! Du schließt keinen Kreis, du ziehst höchstens eine Öse!
Darauf würde ich dann antworten: Beruhigen Sie sich. Keiner geometrischen Form sollte so viel emotionaler Aufwand entgegengebracht werden. Und zweitens war das schlechte Wetter nur der erste Satz, der Kreis beginnt beim Blumenstrauß. Er wurde mir geschenkt, er blüht vor mir, ich pflege ihn. Er erinnert deutlich daran, dass ich fähig bin zu lieben und befähigt, geliebt zu werden.
P.S.: Wenn Sie wirklich gar keinen Bock aufs Putzen haben, Hat die Bennung von Objekten mit Eigennamen einen ähnlichen Effekt. Sie stünden auch in formidabler Gesellschaft ist die Personalisierung von Objekten - meisthin für den Fortbestand der eigenen Gesundheit relevante Objekte - doch eine Ehrwürdige Tradition. Man denke da an all die Schiffe mit Namen wie Windrose, Wellengang oder Doris. Oder an die hübschen Häuser, jene mit genug Charakter einen Namen zu provozieren. Sie könnten natürlich auch über Excalibur oder Joyeuse sinnieren, wenn Ihnen nach Kampf der Sinne steht.
Ich habe Anlass zu vermuten, dass die Tradition Objekten Namen und damit Identität zu geben mit der Idee zusammenhängt, dass eine Seele einen Namen braucht und das umgekehrt ein Name Seele schenkt. Bei einem Schiff, dass vor Wellen rettet oder einem Schwert dass vor Engländern bewahrt ist es verständlich dem Objekt Fähigkeiten und Zuneigung zuzusprechen. Ich denke das aber nur so vor mich hin, tatsächliche Hinweise habe ich nicht und ich bin eigentlich auch nicht in der Stimmung, sie zu suchen.