Frühstück nach dem Ding im Brunnen
„Keine neuen Morde,“ sagte Demian, die Zeitung zusammenlegend.
John und Andrew nickten, schläfrig, und widmeten sich wieder ihrem Frühstück. Kein Wunder nach den letzten Tagen.
Aber… es klappte mittlerweile ganz gut. Das Schlafen. Selbst nachdem wir einen schwarzen, gedrungenen Terror mit unterschiedlichst bezahnten Mäulern und einem Babykopf in Brand gesetzt haben und sein Schrei noch Stunden im Kopf nachhallte.
Vielleicht war es auch mehr als ein Geräusch. Gänsehaut breitete sich aus, Haare standen zu Berge. Knochen vibrierten und fühlten sich an als würden Fingernägel über eine Kreidetafel kratzen. Als würde sich das Fleisch lösen und-
Das Schlafen klappte mittlerweile ganz gut.
Gut genug, um sich auf die nächsten Gegebenheiten zu konzentrieren.
Wie ihre Mitstreiter. Es war wirklich ein Wunder, dass sie alle noch am Leben waren. Nach einer Begegnung mit einem dämonischen Kind. Mit einem Stirnrunzeln blickte sie in Demians Richtung. Er kaute langsam und bedächtig seine Toastscheiben mit… allem. Bisher hatte er sich auf einen täglichen Wechsel beschränkt. Schimmelkäse. Geräuchertes. Frischkäse, Marmelade, Wurst. Hartkäse. Eier. Wahrscheinlich hätte er auch Fisch gegessen, wenn er angeboten würde. Er verspeiste alles langsam und bedächtig. Jeden Morgen etwas anderes. Und tupfte seinen Mund mit einer Serviette ab, bevor er sich vom Frühstückstisch abwandte.
Nur heute hatte er das halbe Buffet auf dem Tisch vor sich aufgebaut und es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Belag einmal auf einem Toast zu verteilen und zu verspeisen. Langsam und bedächtig. Es war ein wenig wie einer sehr langsamen Naturkatastrophe zuzusehen.
John’s Kaffee hatte seine Wirkung wahrscheinlich entfaltetals er sagte: „Nachdem diese Sache nun mehr oder weniger glücklich abgeschlossen ist… unsere nächste Spur führt nach Rumänien, die Reiseverbindungen-“
„Wie wärs mit einer Pause? Für einen Tag keine Planung? Einfach nur Ruhe“ unterbarach ihn Anna, sich dessen mehr oder weniger bewusst. Sechs Augen landeten auf ihr, die zugehörigen Brauen teilweise nach oben gezogen.
Die Antwort bestand as einem mehr oder weniger einvernehmlichen Murren. Wahrscheinlich sah sie müde und erschüpft genug aus, um Mitleid in den Männern zu wecken. Andrew würde wahrscheinlich niemals irgendwas umhauen, grummelte allerdings seine Zustimmung. John rollte mit den Augen, aber zuckte mit den Schultern, Demian schaute am längsten zu ihr herüber, aber stand schließlich auf: „Sicher, dann morgen um dieselbe Zeit?“
Die Herren stimmten mit wortlos zu und die Runde löste sich auf.
Irgendwann würde diese Art der Kommunikation vielleicht Sinn ergeben, bis dahin, würde sie damit leben: „Danke“
Es wurde weitestgehend ignoriert. Was sollte man allerdings auch sagen.
Ein Tag Ruhe.
Vielleicht konnte sie trotzdem beginnen, ihre Mitstreiter besser kennen zu lernen. Demian war ein guter Anfang. Oder zumindest war er derjenige, der einen Anfang am meisten nötig hatte.
„Demian?“ Anna holte ihn am Aufzug ein, der Page nickte gerade der beiden Stockwerk ab.
„Miss Black?“ sagte er und trat einen Schritt zur Seite, um ihr Platz zu machen.
‚Miss Black‘. Sie waren seit einem verdammten Jahr gemeinsam unterwegs. Anna hatte seinen Magen herumgetragen! Irgendwann war ‚Miss Black‘ nicht mehr-
Sie räusperte sich „ ‚Anna‘, bitte. Und ich glaube es wird Zeit, dass wir uns einmal unterhalten“
„Haben sie nicht selbst um eine Pause gebeten?“ fragte er mit einem Lächeln, dass aufgemalt vielleicht überzeugender gewesen wäre.
„Stimmt, allerdings kein Grund, sich nicht trotzdem zu unterhalten. Ihr Zimmer? Dauert nicht lang“
Der Aufzug hielt, der Page sah ausgesprochen gelangweilt aus, wünschte beiden trotzdem einen schönen Tag.
Nachdem Demian ihm dankte, nickte Anna ihm wiederwillig zu.
Mit einem Seufzen, drehte Demian sich in Richtung Flur: „Dann folgen Sie mir“
Sein Zimmer war… ordentlich. Alles verstaut und wahrscheinlich hatte alles schon ‚seinen Platz‘. Jeder hatte seine Prioritäten…
Sie hustete: „Okay. Was ich sagen wollte ist… ich war… etwas voreingenommen, weil Sie ein Kind als einen Teufel bezeichnet haben. Ich hielt das für… grausam und Sie für einen Satanisten. Gestern… hatten wir einen Beweis, dass Kinder – Kleinkinder sogar – offensichtlich doch… böse sein können? Sie hätten also - theoretisch – Recht haben können. Und so… entschuldige ich mich. Wir sollten noch einmal anfangen?“
„… nun, fraglich ob es stimmt. Aber dem Anschein nach, können sich bösartige Mächte als Kinder ausgeben oder von ihnen Besitz ergreifen.”
Ah. Natürlich konnte er nicht einfach zustimmen. Natürlich. Anna atmete tief ein und aus. Blickte noch einmal zu ihm herüber und lächelte: „Wissen sie was? In Ordnung. Fakt ist: Ich habe Sie am Anfang falsch eingeschätzt. Ich entschuldige mich. Nach mehr als einem Jahr kommen wir immer noch nicht miteinander klar. Ein Wiedergutmachungsgeschenk. Wie wärs? Sie versenkten ihren Stockdegen. Versteckbare Waffen sind gut für uns zu gebrauchen. Wir können einkaufen gehen?“
Immerhin konnte er auch mit dem Ding umgehen. Nicht nur seine Lebensversicherung.
„Entschuldigung angenommen. Aber… dieses Angebot ist nicht wirklich ernst gemeint, oder?“
War das vielleicht eine Berufskrankheit? Erstmal anzweifeln?
Sie stand auf, streckte sich, begann den Weg in Richtung Tür und sagte: „Warum sollte es das nicht sein. Kommt uns allen zu Gute. Ich sollte aus Ihren Quartieren verschwinden. Wir treffen uns dann gegen elf in der Lobby.“
„Äh… dann sehen wir uns…“ war Demian’s letzte Äußerung, als die Tür zufiel.
Immerhin eine Waffe mehr in der Gruppe.