Dies ist im Grunde der Schrottplatz, äh, Gebrauchtwarencenter für all die Ideen, die mich hinterrücks niederknüppeln, als wäre ich für Reche
Falls jemand interessiert ist, ich schreibe Drabbles zu den Drei ???.
Momentan Poste ich jeden dritten Tag ein neues Drabbles. Heute kam das 10.
Und fertig geschrieben habe ich im Moment 186, also das wird noch eine Weile so weitergehen.
Nur mal so unter uns... Die 28 zuschlagen dürfte doch kein Problem sein, oder? Ich meine, ich hab 2 die ich heute Abend direkt posten werde und dann arbeite ich an einer dritten. Nur so aus Liebe zum Chaos würde ich das schon feiern, wenn Wesky toppairing wäre.
Ich kann nicht sagen wie glücklich mich das macht. Wir haben halt schon ein Pair der Hauptcharakter überholt. So gesehen muss wir nur noch die Freundschaft von TKKG in den Schatten stellen und Tim und Gabys Liebe übertreffen. Kein großes Ding oder?
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Zeit für Teil 5, der noch länger als alle anderen wurde
5. Eingefangen.
Wespe stemmte sich gegen das Panzerband. Er lag auf einer muffigen Matratze, seine Arme waren vor seinem Körper zusammen geklebt und ein Streifen Panzerband war über seinen Mund und ein weiterer über seine Augen geklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo er war aber die Gerüche waren ihm unbekannt. Von den Geräuschen her war er in einem größtenteils leeren Raum. Er hörte keine Straßengeräusche oder Vogelgesang, die man vielleicht durch ein geschlossenes Fensterge hört hätte. Nicht mal ein Uhrticken. Vielleicht ein elektrisches Summen, wie eine Lampe. Sonst nur seinen eigener Atem und das Rascheln auf der Matratze. Dass er mit Panzerband gefesselt war, war ehrlich gesagt nur eine Vermutung aufgrund des Gefühls auf der Haut und dem Plastikgeräuschen.
Eigentlich war es klar, dass er an keinem Ort war, den er kannte. Niemand von seinen rechtschaffenen Bekanntschaften würde ihn gegen seinen Willen fesseln und dann einfach irgendwo liegen lassen. Und niemand der ihn entführen wollte, würde ihn in einer bekannten Umgebung lassen. Also wer zur Hölle hatte ihn gefangen? Wespe versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Er wusste, dass er zur Arbeit wollte – mehr nicht.
Schalavsky sah verärgert zu dem anderem Schreibtisch im Büro, an dem Wespe durch Abwesenheit glänzte.
Wieder stemmte er sich gegen das Panzerband. Irgendwer hatte sich Gedanken gemacht, als man ihn gefesselt hatte. Man hatte nicht einfach seine Hände zusammengelegt und mit dem Klebeband umwickelt, sondern seine Unterarme aneinander gelegt, fast wie man es bei verschränkten Armen machte und dann alles mit Klebeband umwickelt. Auf diese Art konnte Wespe nicht mal seine Hände an sein Gesicht bringen, um die Klebebänder über Mund und Augen zu entfernen. Das einzige, was er versuchen konnte war, seine Finger soweit freizuwackeln, dass er mit den Fingernägeln unter das Panzerband an seinen Ellenbogen kam und es langsam abzog.
Salah trat in den Raum und hatte einen besorgten Gesichtsausdruck: „Hey, haben Sie was von Wespe gehört?“
„Nein.“, antwortete Schalavsky mit einem harten Klang. Seit ihrem Streit war es Wespe gelungen ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm mal nicht entgehen konnte, war Wespe ungewöhnlich wortkarg. Er begann keine Gespräche, stellte keine Fragen und hatte für seine Verhältnisse Kleidung an, die kaum die Vorschriften verletzte.
Tamina brummte unzufrieden: „Er hat Kommissar Glockner eine Mail geschickt, dass er krank ist. Aber er hat nicht auf meine Nachrichten geantwortet.“
Schalavsky runzelte die Stirn. Er hatte nicht krank gewirkt, aber er ließ sich bekannterweise nichts anmerken: „Vielleicht schläft er.“
„Kann sein.“, sagte Tamina unzufrieden.
„Wollen Sie heute mit mir kommen?“, sagte Schalavsky, er war die letzten Tage die meiste Zeit alleine unterwegs gewesen, weil Wespe einerseits nicht mitkommen wollte und andererseits nach seinem letzten Stunt auch noch nicht seinen Schreibtisch verlassen durfte.
Ein Geräusch riss Wespe aus seinen Versuchen sich zu befreien. Eine metallene Tür, die aufgestoßen wurde und dann schwere Schritte.
„Ist auf jeden Fall besser, als mich weiter durch die Akten zu wühlen.“, sagte Tamina und schickte Wespe eine freche Nachricht, dass sie seinen Platz einnehmen würde, wenn er sich nicht bald meldete.
„Biste schon wach, Bulle?“, fragte eine raue Stimme, die klang als trüge der Mann eine Maske. Wespe drehte seinen Kopf in die Richtung in der er den Mann vermutete.
„Oh… du bist ja ein hartnäckiger Bulle. Haste dich schon fast durch das Klebeband gekämpft.“, sagte der Mann. Er war nicht besonders nah heran gekommen. Wespe würde schätzen, dass er vier Meter von ihm entfernt war. Aber Wespes Hoffnung schwand, wenn er wieder und noch mehr verklebt wurde, würde er hier nie raus kommen. Aber der Mann machte keine Anstalten zu ihm zu kommen, um ihn weiter zu fesseln: „Wenn du das ab hast, steht hier Wasser für dich.“
Wespe runzelte die Stirn. Er durfte sich befreien? Was wurde hier gespielt?
„Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis du hier wieder rauskommst, Bulle.“ Der Mann lachte düster: „Deine Bullenfreunde sind zumindest nicht besonders helle. Ach ja, Kommissar Glockner und Tamina wünschen dir Gute Besserung. Tamina sagt auch, dass sie deinen Job übernimmt, wenn du weiter ausfällst.“
Wespe ließ den Kopf auf die Matratze sinken. Scheinbar glaubten seine Kollegen, dass er krank war, was hieß, dass niemand nach ihm suchte. Ihm wurde etwas schlecht. Aber wenn der Mann das wusste, hatte er Wespes Handy und das konnte nachverfolgt werden. Zumindest wenn man ihn irgendwann tatsächlich vermisste.
Er hörte nur halb, dass sich die Schritte wieder entfernten und die schwere Tür wieder verschlossen wurde. Er schluckte die Panik runter. Noch ging es ihm gut, wenn er jetzt verzweifelte und anfangen würde zu weinen, würde seine Nase anfangen zu laufen und im schlimmsten Fall würde er ersticken.
„Mhm… Das ist seltsam.“, sagte Tamina. „Sonst kann ich immer sehen, wann er eine Nachricht gelesen hat, jetzt hat er das aber ausgeschaltet.“
Kein Grund zur Panik. Wenn seine Kollegen ihm nicht zur Hilfe eilen würden, dann musste er es selbst schaffen.
„Vielleicht hat er Angst, dass man bemerkt, dass zu sehr am Handy hängt, während er eigentlich krank ist.“, schlug Schalavsky vor.
„Wenn er krank sich krank meldetet, dann ist er es auch.“, sagte Tamina missbilligend. „Ihr ganzes Problem mit ihm war doch, dass er nicht genügend Rücksicht auf sich nimmt und auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung weiter arbeiten will.“
„Schon gut.“, lenkte Schalavsky ein. Tamina sah ihn fragend an: „Hat er sich bei Ihnen gemeldet?“
Wespe nahm nochmal alle Kräfte zusammen und versuchte seine Arme von dem Klebeband loszureißen und endlich nach Stunden des Probierens, Aufgebens, Einnickens und wieder Probierens, löste sich das Band schmerzhaft von seiner Haut. Zum Glück hatten ihm seine Hobbys ordentliche Armkraft eingebracht, sonst hätte er noch länger gebraucht, um sich davon zu befreien. Er drückte sich sofort hoch in eine sitzende Position und rollte seine Schultern zurück nachdem sie eine Ewigkeit nach vorne gezwungen geworden war. Dann griff er nach dem Klebeband über seinem Mund und begann das zu lösen. Den Mund freizubekommen verringerte das Risiko zu ersticken. Er war dabei vorsichtig. Er hatte kein Bock sich auch noch Bart und Haut abzureißen. Das dauerte zwar länger, aber mehr Wunden bedeuteten mehr potentielle Probleme und ein höheres Risiko für Infektionen. Als er das Klebeband schon mal zur Hälfte ab hatte, atmete er erstmals wieder richtig durch. Jetzt konnte er sich ein bisschen seiner Verzweiflung hingeben und Tränen wallten in ihm auf. Er zog sich langsam weiter das Klebeband vom Gesicht, während sein Körper sich mit leisen Wimmern krümmte. Endlich war es ab und Wespe verschwende keine Zeit und versuchte auch das Band über seinen Augen abzubekommen. Seine Tränen machten es leichter das es von den Wimpern los zu bekommen, aber an seinen Augenbrauen und Piercing hing es schmerzhaft. Als seine erstes Auge frei war blinzelte er dem Licht entgegen. Er stellte fest, dass das Summen, das er zu Beginn wahrgenommen hatte, tatsächlich zu einer Neonröhre unter der Decke gehörte und er verstand auch warum der Mann nicht näher an ihn heran gekommen war. Vor Wespe war ein Gitter. Er war in das, was er wohl als improvisierte Gefängniszelle beschreiben würde, vier Meter lang und anderthalb tief. Die Matratze am Boden und eine Toilette in der Ecke, sonst drei gekachelte Wände und ein Gitter, welches die vierte darstellte. Vor ihm in dem weiten Raum, der nicht seine Zelle war stand eine Kamera auf einem Stativ. Das erklärte, warum Licht die ganze Zeit an war. Man überwachte ihn.
„Nein.“ sagte Schalavsky bitter. Das würde Wespe auch nicht machen. Sie sprachen noch nicht wieder miteinander.
Am Gitter stand eine Wasserflasche einer Marke, die man bei hunderten Supermärkten in der Millionenstadt bekommen könnte. Wespe kroch etwas nach vorne und griff nach der Flasche. Sie war noch immer komplett verschlossen. Aber das war nicht die einzige Art, wie man die Flasche manipulieren konnte. Und man mochte ihn für misstrauisch halten, aber er vertraute niemanden der ihn ohne Erlaubnis fesselte. Wespe zog sich auf die Matratze zurück und öffnete die Flasche. Er beobachtete, ob sich irgendwo ein Leck bildete, aber die Flasche wirkte intakt. Gierig trank er ein paar Schlucke, dann kippte er eine kleine Menge in eine Hand und fuhr sich damit über das Gesicht. Endlich begann er auch den Rest das Klebebands abzuziehen. Und als er es geschafft hatte wischte er sich erneut über das Gesicht. Die Klebereste waren deutlich zu spüren. Als letzte Fessel löste er noch das Klebeband um seine Beine. Dann stand er endlich auf und streckte sich.
Zeit einen Ausweg zu finden.
Wespe trat an das Gitter und wollte es untersuchen, aber kaum, dass er es berührt hatte, zog er die Hand mit einem Japsen zurück und wäre fast umgefallen.
Er betrachtete seine Hand. Es sah so aus als hätte er sich verbrannt. Dieser Wichser hatte das Gitter unter Strom gesetzt und wenn Wespe wetten müsste, vermutete er, dass es Starkstrom war. Er verzweifelte etwas. Wie sollte er hier raus kommen, wenn er nicht mal das Gitter anfassen konnte? Boden und Decken waren aus massiven Beton und die Wände unter den Fliesen wahrscheinlich auch. Wespe klopfte sich seine Hosentaschen ab. Leer. Natürlich. Er setzte sich auf die Matratze und stürzte die Arme auf die angezogenen Knie und den Kopf in die Hände. Fuck.
„Hey, Klaus.“, sagte Glockner ruhig. „Kommst du mal zu mir ins Büro?“
Schalavsky folgte ihm in sein Büro und sah ihn fragend an: „Was gibt’s?“
„Ich hab Rückmeldung von der Personalabteilung bekommen.“, sagte Glockner in einen angespannten Tonfall. „Scheinbar ist Bienerts Krankmeldung gefälscht.“
Schalavsky sah ihn verwirrt an: „Was?“
„Der Arzt, der die AU ausgestellt hat, existiert nicht.“, sagte Kommissar Glockner deutlich.
Schalavsky wurde unwohl: „Emil, du glaubst doch nicht-“
„Nein!“, sagte Glockner sofort. „Ich glaube nicht, dass Bienert eine Krankmeldung fälschen würde.“
„Wofür auch? Er könnte behauptet, dass seine Stichverletzung beim langen Sitzen im Innendienst mehr wehtut und sich deswegen krankschreiben lassen.“, sagte Schalavsky. Er hatte ohnehin die Vermutung, das Wespe das lange Sitzen noch nicht bekam. Glockner nickte: „Ich hab versucht ihn anzurufen, aber bisher konnte ich ihn nicht erreichen. Seine Mailbox geht direkt ran. Sonst war er immer zu erreichen.“
Schalavsky legte die Stirn in Falten: „Ich werde mal, was anderes probieren.“
Glockner nickte: „Danke, Klaus.“
Schalavsky lief aus dem Büro und rief laut: „Tamina!“
Besagte Frau sah überrascht auf, weil sie sonst nicht mit dem Vornamen von Schalavsky angeredet wurde, aber sie folgte seinem Fingerzeig sofort und ging in sein Büro.
„Was ist los?“
„Wespes Krankmeldung ist gefälscht. Glockner kann ihn per Handy nicht erreichen.“, sagte Schalavsky schnell. „Du hast du Kontakte zu seinen Mitbewohnern, ja?“
„Oh ja.“ Tamian holte ihr Handy aus der Tasche und suchte sich die Nummer von Wespes Mitbewohnern raus.
„Hallo Marco, hier ist Tamina. Bist du gerade Zuhause?“, fragte sie als der Anruf angenommen wurde. Sie hörte kurz zu und sagte dann: „Nicht jetzt, es ist ernst, ist Wespe auch da?“ Wieder lauschte sie und sah Schalavsky mit alarmierten Ausdruck an, während sie den Kopf schüttelte. „Und seit dem hast du nichts mehr von ihm gehört?“ Sie wartete wieder und kritzelte etwas auf einen Zettel auf Wespes Schreibtisch. 2-3 Tage verschwunden. „Das wissen wir nicht.“, sagte Tamina sanfter. „Weißt du wo er zuletzt hinwollte?“ Wieder lauschte sie. „Hat er sein Auto genommen?“ Schließlich nickte sie: „Danke für die Infos. Ich melde mich, wenn sich was ergibt.“
Sie beendete das Telefonat und sah Schalavsky verbissen an: „Er ist vor drei Tagen zuletzt in seiner WG gewesen und wollte als nächstes nur zur Arbeit. Sein Auto steht noch vor der Tür. Wahrscheinlich hat er sein Fahrrad genommen.“
„Und hier kam er nicht an.“, stellte Schalavsky düster fest.
„Jep. Seine Mitbewohner haben eine Nachricht bekommen, dass er beruflich weg müsse.“ Tamina atmete tief durch. „Ich werde die Krankenhäuser anfragen. Vielleicht hatte er einen Unfall.“
„Bei dem jemand dann seinen Mitbewohnern was vorlügt und eine falsche Krankmeldung schickt?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Meinen Sie, er wurde… entführt?“
Schalavsky verzog unzufrieden des Gesicht: „Das scheint am Wahrscheinlichsten. Ich sag Emil Bescheid.“
„Okay… Ich versuche sein Handy zu orten. ...und ich probiere trotzdem die Krankenhäuser.“
Er war in der zusammen gekrümmten Position eingenickt und konnte nicht sagen, ob er für drei Tage geschlafen hatte oder drei Sekunden. Was ihn weckte war das Geräusch der schweren Tür, die wieder geöffnet wurde. Der Mann mit den schweren Schritten nähertet sich wieder. Die Tür musste irgendwo in Wespes toten Winkel liegen. Rechts von seiner Zelle.
„Na Bulle, wieder wach?“ Der Mann trug wirklich eine Maske und er war noch größer als Schalavsky und bestimmt doppelt so breit. Er trug einen schwarzen Anzug, der schick, aber nicht teuer war, er hatte einen Stock in einer Hand, eine Flasche unter dem Arm und ein Handy in der anderen Hand. „Lara ist sauer auf dich, dass du einfach so zu einem Spezialeinsatz abhaust, wenn du eigentlich mit der Wäsche dran wärst. Dafür wirst du einen Monat lang den Abwasch machen müssen.“
Wespe starrte den Mann düster an. Seine Mitbewohner dachten also er war dienstlich unterwegs. Wespe betrachtete das Handy. Es war schwarz. Ein Smartphone Allerweltsmodell und ganz bestimmt nicht sein eigenes.
Der Mann bemerkte seinen Blick und lachte: „Mach dir keine Gedanken, Bulle. Dein Handy macht gerade eine schöne Rundreise. Das hier ist bloß ein Klon, dass mir all deine Nachrichten anzeigt.“
Er steckte das Handy wieder weg und nahm die Flasche in die Hand. Es war eine Flasche dieser Trinkmahlzeiten, die überall beworben wurden. Clever. Einfach durch die Stäbe zu reichen. Kein Grund die Tür aufzuschließen. Nicht mal einen Löffel musste man dem Gefangenen geben. Gar nicht mal schlecht geplant. Wespe war sich außerdem sehr sicher, bei der Bewegung die verräterische Abzeichnung einer versteckten Waffe im Jackett gesehen zu haben.
„Hier ist dein Abendessen.“ Abend? War es Abend? Fragte sich Wespe innerlich. Dieses Mal stellte der Mann die Flasche vor dem Gitter, ab sodass Wespe die Hand nach draußen stecken musste, um sie zu erreichen. Als sich der Mann noch bückte schnellte Wespe vor, griff mit einer Hand nach dem Kragen der Anzugjacke und versuche ihn gegen das Stromgitter zu reißen. Der Mann war aber zu schwer, um sich einfach so bewegen zu lassen. Stattdessen riss er seinen Stock hoch und stieß ihn in Wespes Magen. Er krümmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel wie ein Sack um. Sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und vielleicht brauchte er deswegen erbärmlich lange, um den Stock als Viehtreiber zu identifizierten.
„Schlechter Versuch, Bulle.“, sagte der Mann gelassen. „Weiß du, ich war nie einer der großen Pläneschmieder, aber ich kann mit Rindvieh ganz gut umgehen.“
Wespe krümmte sich am Boden.
„Lass es dir schmecken, Bulle.“
Glockner brüllte nicht durch das Revier. Er bewegte sich geschmeidig und bestimmt durch die Kollegen, und holte sich Salah und Schalavsky in sein Büro. Seine Anspannung war so deutlich zu sehen, dass sie sich auf die anderen beiden übertrug.
„Ich habe ein Video erhalten.“, sagte Glockner und bedeutete seinen Kollegen sich vor den Schreibtisch zusetzen. Er drehte den Bildschirm herum und spielte das Video ab.
Schalavsky schluckte, Tamina machte einen erstickten Laut und schlug die Hände vor den Mund. Das Video wurde zeigte einen Ausschnitt eines Raumes, der vergittert war. Hinter dem Gitter lag eine Person auf einer Matratze und kämpfte gegen die Fesseln an. Sowohl Augen als auch Mund waren verklebt, aber es war keinen Zweifel, dass die mehrfarbigen Haare und das gemusterte T-Shirt mit den glänzenden Jeans zu Wespe gehörte. Das Video hatte keinen Ton, aber es zeigte, wie sich Wespe Minuten lang damit abmühte sich von dem Klebeband zu befreien.
„Wissen wir woher es stammt?“, fragte Schalavsky mit belegter Stimme. Glockner schüttelte den Kopf: „Es wird gerade untersucht. Es wurde scheinbar von Wespes Handy geschickt.“ Schalavsky sah zu Tamina, der Tränen in den Augen standen: „Hat die Suche nach dem Handy schon was ergeben?“
Tamina schluckte und schüttelte den Kopf. Als sie zunächst versuchte zu sprechen, versagte ihr die Stimme und sie musste ein weiteres Mal ansetzen: „Das Handy bewegt sich ständig. Sieht nicht so aus, als würde jemand versuchen digital die Spuren zu verwischen, sondern eher, als hätte jemand es tatsächlich auf eine Reise geschickt.“
Schalavsky stieß Luft aus: „Vielleicht ist jemand damit unterwegs.“
Glockner nickte: „Zumindest hat noch jemand Zugriff darauf und konnte mir das Video schicken.“
„Richtig.“
Tamina stand auf: „Ich schau mir die Verkehrskameras an. Wespes Arbeitsweg.“ Schalavsky nickte und Tamina wischte sich über die Augen, als sie das Büro verließ. Schalavsky sah Kommissar Glockner an: „Waren Forderungen beim Video?“
Emil schüttelte den Kopf: „Nein, nur ein Videotitel.“ Schalavsky sah auf den Bildschirm.
Was verloren?, fragte der Titel bloß.
„Ich muss die zuständigen Stellen benachrichtigen.“, sagte Emil sachlich.
Schalavsky nickte: „Natürlich.“
„Wir finden ihn, Klaus.“
Schalavsky schwieg.
Wespe war sich nicht sicher, wie viel Zeit verging. An Hand der Flaschen, die sich in seiner Behausung ansammelten, wusste er, dass er bisher 2 Mahlzeiten bekomme hatte. Wenn er drei Mahlzeit am Tag bekommen würde dann wäre nicht mal ein Tage vergangen aber das kam vorne und hinten nicht hin. Vielleicht wurde er nur ein Mal am Tag gefüttert. Das würde sein deutliches Hungergefühl zwischen den Mahlzeiten erklären und den Durst. Der Typ erwartete nicht, dass er mit einer Flasche einen Tag lang auskam, oder? Gut, er verlor wenig Flüssigkeit, weil er sich nicht bewegte oder schwitzte, aber er hatte eben auch vor Kurzem erst eine kleinere Menge Blut verloren, die sein Körper noch immer wieder aufbauen musste.
„Wie lange bin ich hier?“, fragt er bei seiner nächsten Mahlzeit.
„Hast kein Zeitgefühl mehr, was?“, lachte der Mann auf. „Macht nichts. Hast keine Termine, die du verpasst.“
Wespe würde versuchen seinen Rhythmus den des Mannes anzupassen. Er hatte bemerkt, dass er manchmal viele Stunden nicht da war und vermutlich schlief er dann oder arbeitete. Wespe würde es so abzupassen, dass er in dieser Zeit auch schlief.
„Kann ich etwas mehr Wasser haben?“, fragte Wespe.
Der Mann lachte leicht auf: „Du säufst ja wie ein Pferd, Bulle.“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich habe vor Kurzem viel Blut verloren und mein Körper baut es noch auf.“
Der Man wirkte so interessiert, wie es hinter der Maske möglich war: „Was ist passiert?
„Wurde abgestochen.“ Wespe hob sein Shirt und zeigte die Narbe.
„Mhm, das ist scheiße.“, sagte der Mann mit so etwas wie Mitgefühl. „Hab ich auch schon durch.“ Er holte tatsächlich mehr Wasser.
TKKG kamen in Schalavskys Büro ohne anzuklopfen oder Begrüßung. Aber das konnte Schalavsky unter den aktuellen Umständen verzeihen, denn ihre erste Frage war: „Wissen Sie schon was von Wespe?“
Schalavskys Nerven waren gespannt, aber er sah auch ihre besorgten Gesichter und verstand wie hilflos sie sich vorkommen mussten: „Nein, noch nicht.“ Sie hatten wahrscheinlich erst am letzten Abend von Kommissar Glockner erfahren, warum er heillos Überstunden schob und gestresst war.
„Gibt es denn keine Spuren? Keine Aufzeichnungen?“, fragte Karl berechtigter Weise. „Unser Millionenstadt ist doch von Verkehrskameras übersät.“
„Das ist richtig, aber nicht Bienerts Hinterhofeingang. Und von da an hat er schon drei mögliche Wege. Und wir kennen nicht genaue die Uhrzeit, zu der er unterwegs war. Also haben wir sehr viel Material zu sichten. Salah ist dabei.“
Karl nickte verständig. Wenn es um Datenanalyse ging, hatte er eine sehr genaue Vorstellung, wie aufwendig die Arbeit war.
„Haben sich die Entführer schon gemeldet?“, fragte Gaby besorgt.
Schalavsky sah sie streng an: „Das gehört zu den Dienstgeheimnissen.“
„Bitte, wir wollen nur wissen, wie es um Wespe steht.“, bat Gaby.
Schalavsky verzog den Mund. Wahrscheinlich wussten die Kinder ohnehin schon mehr, als sie sollten. „Es gab noch keine Forderung. Nur ein Video.“
„Können wir es sehen?“, fragte Tim sofort.
„Nein.“, sagte Schalavsky entschieden. „Das ist nichts für eure Augen und ich bezweifle, dass Wespe es gutheißen würde, dass ihr ihn so seht.“
Tim schien widersprechen zu wollen, aber Klößchen mischte sich ein: „Verständlich. Wie war Ihr Eindruck von Wespe? Sah er unverletzt aus?“ Schalavsky sah ein, dass er den Kindern irgendwas geben musste, damit sie sich zurückzogen: „Ja. Er schien okay zu sein.“ Nach den erwartungsvollen Blicken sagte er: „Er war zu Beginn mit Klebeband gefesselt, konnte sich aber davon befreien. Er ist in einer Zelle eingesperrt.“
TKKG sahen sich bestürzt an.
„Der arme Wespe.“, murmelte Klößchen betroffen. Karl legte überlegend den Kopf schief: „Eine Zelle wirkt, als hätten die Entführer geplanten ihn länger zu behalten.“
Schalavsky nickte: „Dafür spricht auch, dass die uns bisher keine Forderungen geschickt haben.“
„Wahrscheinlich will man Sie nervös machen, damit Sie leichter den Forderungen nachgeben.“, vermutete Karl.
„Stimmt.“, gab Schalavsky frustriert zu. „Und es funktioniert.“
„Sie werden alles tun um Wespe frei zubekommen?“, fragte Tim.
„Selbstverständlich.“
Später war es Glockner der in sein Büro kam.
„Klaus. Geh nach Hause.“, sagte er. „Es bringt nichts, wenn du nicht bei klarem Verstand bleibst.“
Schalavsky nickte. Er wusste ja da Emil Recht hatte. Er selbst hatte Tamina nach Hause geschickt, weil er ihr die Müdigkeit ansehen konnte. Schalavsky packte seine Sachen.
„Wenn was wichtiges kommt, melde ich mich bei dir.“, versprach Glockner. Er war den Abend zuvor Zuhause gewesen und hatte da wahrscheinlich seiner Tochter beichten müssen, dass Wespe weg war. Schalavsky konnte nicht mal mehr sagen, wann er zuletzt Zuhause gewesen war. Selbst wenn, schlief er dort nur unruhig, sah in seinen Träumen Wespe in den schlimmsten Szenarien und machte sich sobald er wach war wieder auf den Weg zur Arbeit.
Da war eine Hoffnungslosigkeit die sich Schalavsky langsam bemächtigte mit jedem Tag, der verging, war er nicht sicher, ob er seinen Kollegen jemals wieder sehen würde.
Die Video waren das einzige Lebenszeichen und von dem wussten sie nicht, ob es noch aktuell war.
Wespe gab noch nicht auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und auf die Fliesen eingetreten, bis diese zerbrochen waren. Dann hatte er sich sein Augenbrauenpiercing entfernt und mit dem kleinen Stahlbogen durch die Fugen gekratzt, bis er die Fugenmasse raus gelöst hatte und er mit den Fingernägeln unter die heilen Fließen kam, bis er diese von den Wänden reißen konnte. Er hatte sechs halbwegs vollständig rausgelöst, bevor er entschied, dass es genug war. Hinter den Fliesen war, wie befürchtet, die Betonwand. Aber Wespe wollte die Fliesen haben. Er zog das Panzerband, dass ihn gefesselt hatte auseinander und klebte es über die Rückseite der arrangierten Fliesen. Außerdem klebte er etwas von den Panzerband auf seine nackten Fußsohlen. Die ganze Zeit bemühte er sich die Kamera im Rücken zu haben, damit nicht so schnell ersichtlich war, was er da trieb.
Es war überraschend, als Wespes Bruder Thomas plötzlich in Revier stand. Da man nicht so richtig wusste, was man mit ihm anfangen sollte, übergab man ihn an Tamina. Sie kannte einander zumindest ein wenig.
„Ist mein Bruder hier?“, fragte Thomas besorgt.
Tamina sah ihn mit großen Augen an und realisierte, dass sie etwas vergessen hatten: „Oh Shit.“ Sie griff Thomas’ Arm und zog ihn in Schalavskys momentan leeres Büro.
„Thomas, es tut mir so leid, wir hatten die längst Bescheid sagen sollen.“, sagte sie aufrichtig geknickt.
Thomas wurde bleich: „Ist ihm was passiert?“
Tamina verzog das Gesicht: „Er wurde entführt.“
„Was? Wann?“, fragte Thomas geschockt.
„Vor fünf Tagen.“, sagte Tamina schuldbewusst.
„Was?!“
Tamina bedeutete ihm sich zu setzten: „Wann hast du zuletzt was von ihm gehört?“
Thomas blickte verwirrt mir leerem Blick umher: „V-vor einer Woche. Er hat sich heute nicht zum Videocall mit unseren Eltern eingeloggt und war nicht zu erreichen. Deswegen bin ich ihn suchen gegangen, bei ihm Zuhause hat niemand aufgemacht...“
„Na Bulle, biste wach?“, fragte der Mann mit der tiefen Stimme.
„Bin ich.“, sagte Wespe.
Der Mann lachte: „Und gut geschlafen?“
„Warum bin ich hier? Was willst du von mir?“, fragte Wespe in einem versöhnlichen Tonfall. Der Mann hatte den Viehtreiber dabei. Und eine Bekanntschaft damit reichte.
Er deutete ein Schulterzucken an: „Ein klassischer Geiselaustausch. Dein Bullenarsch, gegen jemanden, den ich wieder frei sehen möchte.“
„Wer?“
„Morphius.“
„Der Drogenbaron?“, fragte Wespe lachend. „Ich wusste nicht, dass ich so hoch gehandelt werde.“
Der Mann wog den Kopf hin und her: „Die Leute mögen eine Underdogstory.“
„Danke?“, fragte Wespe. „Und wie laufen die Verhandlungen?“
„Noch gar nicht.“, sagte der Mann. „Wir lassen deine Bullenfreunde noch etwas zappeln. Dann bewegen sie sich später um so schneller.“
Wespe nickte, als würde er das als sinnvoll erachten: „Wie lange ist meine Anwesenheit hier noch geplant?“
„So lange, wie es braucht. Dein Bruder macht sich Sorgen, weil du nicht eure Eltern angerufen hast.“, teilte der Mann mit.
„Ja das. Kann mal passieren, wenn man entführt wird.", sagte Wespe.
„Klugscheißer.“
Wespe sah sich um: „Hast du die Zelle extra für mich gebaut?“
„Nein, ich musste nur ein bisschen Hand anlegen.“ Der Mann war der Zelle näher gekommen und Wespe versuchte das, was man als Wahnsinn definierte: Das Gleiche wie zuvor. Er packte sich den Kragen des Mannes und zog ihn mit alle Kraft gegen die Gitter. Einen Fuß stemmte er von innen dagegen, um mehr Kraft aufbauen zu kommen und er schaffte es tatsächlich, dass der Mann gegen das Gitter kam und aufschrie. Der Viehtreiber zuckte nach vorne, unkoordiniert aber er erwischte Wespe dennoch an der Brust.
Und rutschte mit einem Klonk ab. Der Mann warf sich zur Seite, so dass Wespe beinah seinen Halt verloren hätte. Der Mann griff zur Seite, wo anscheinend so etwas wie ein Notausschalter verborgen war. Plötzlich war das Gitter nicht mehr unter Strom. Der Mann sackte herab. Wespe zog sein Shirt aus, schlang es um den Hals des Mannes und knotete es so fest er konnte.
Dann tastete er nach den Taschen des Entführers. Irgendwo musste der Schlüssel sein. Der Mann lachte rau auf: „Gar nicht schlecht, Bulle. Aber ich habe keinen Schlüssel. Schau dir mal die Tür mal genauer an.“
Wespe hatte alle Taschen leer vorgefunden. Nicht mal die Waffe hatte er gerade bei sich. Er trat zu der Tür und sah sie sich an. Und etwas stockte in ihm. Die Tür war nicht verschlossen. Sie war verschweißt. Wespe wurde kalt. Er kam hier nicht raus.
„Tja, Bulle.“, sagte der Mann und riss das T-Shirt um seinen Hals durch. „Du kommst hier nicht raus bevor, ich es nicht will.“ Er griff nach dem Viehtreiber, den Wespe wirklich aus seiner Reichweite hätte entfernen sollte, und stand wieder auf. Wespe starrte ihn wütend an. Der Mann deutete mit dem Viehtreiber beeindruckt auf Wespes Oberkörper auf dem mit dem Panzerband die Fliesen angebracht worden waren. „Das ist keine schlechte Idee.“ Er schaltete den Strom für das Gitter wieder ein und Wespe trat unwillkürlich einen Schritt nach hinten: „Ich bin wie Iron Man.“
„Oh Bulle, du hast ja Humor.“, sagte der Mann. „Hoffen wir mal, dass der dich nicht noch umbringt.“
„Wäre nicht das erste Mal.“, sagte Wespe verbissen.
„So Bulle, hast du endlich verstanden, dass du keinen Ausweg hast?“, fragte der Mann, als er sich seinen Anzug abklopfte.
Wespe nickte stockend. Er hatte ja recht. Nichts, was er noch tat, würde ihn hier rausholen.
„Gut. Weißt du, ich nehm dir deinen Ausbruchsversuch nicht mal übel. Jedes Tier versucht sich zu befreien, bevor es weiß, dass die Konsequenzen schlimmer sind. Aber du hast das jetzt gelernt, oder?"
„Ja.“, sagte Wespe verbissen.
Der Mann klang als würde er lächeln: „Gut. Das nächste Mal, dass ich den Viehtreiber benutzen muss, hat er volle Power. Und du kannst doch nicht ewig hinter Fliesen verstecken.“
Glockner kam in Schalavskys Büro: „Ich hab ein neues Video bekommen. Ich hab’s dir weitergeleitet.“
Schalavsky schluckte und sah auf seine Nachrichten. Als er das Video aufrief bemerkte er sofort, dass Wespe sich alle Mühe gab sich von seinen Fesseln zu befreien.
„Was ist das da?“, murmelte Schalavsky und deutete auf einen Fleck.
„Eine Wasserflasche.“, sagte Glockner. In diesem Moment gab es einen Schnitt und Wespe saß nun. Seine Arme waren frei und er kämpfte mit dem letzten bisschen des Bandes über seinem Mund. Er schien mittlerweile zu weinen. Sein Körper schüttelte sich. Alles in Schalavsky zog sich zusammen. Als würde er den emotionalen Zusammenbruch seines Körpers nicht bemerken, begann Wespe methodisch auch das Klebeband über seinen Augen zu lösen und als er das eine Auge aufhatte, bewegte er sich nach vorne zu dem Fleck, der sich als Wasserflasche herausstellte. Er untersuchte sie genau und trank erst, als er mit seiner Untersuchung zufrieden war. Guter Junge, dachte sich Schalavsky. Wespe wischte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und löste das Klebeband auch über dem anderen Auge. Er befreite seine Beine und stand auf. Sich streckend sah er sich bereits um und dann ging er dazu über das Gitter zu untersuchen, von dem er aber sofort zurück zuckte, als hätte er einen Schlag bekommen.
„Die haben das Gitter unter Strom gesetzt.“, sagte Schalavsky fassungslos. Glockner brummte in einem Tonfall der verriet, dass das noch nicht alles war.
Wieder war da ein Schnitt und Wespe horchte aus seiner sitzenden Position heraus auf. Er beobachtete etwas jenseits der Kamera. Wespe bewegte nicht den Mund. Es gab ohnehin keinen Ton. Hörte er zu? Ein Schatten trat an der Kamera vorbei. Groß und breit und komplett unscharf. Er stellte etwas vor die Gitter und in dem Moment griff Wespe an. Schalavsky stellte anerkennend fest, dass es nicht der schlechteste Plan in einer so eingeschränkten Situation war. Den Mann packen, gegen das Gitter ziehen, bis er gebrutzelt wurde und dann versuchen ihm die Schlüssel abzunehmen wenn er sich nicht mehr wehren konnte.
Aber natürlich war es nicht so einfach. Der Mann stieß etwas nach Wespe, es blitzte und Wespe fiel zusammen gekrümmt zu Boden. Der Mann zog den Stock zurück, denn Schalavsky als einen Viehtreiber erkannte und schlenderte davon. Das Video endete.
Schalavsky atmete tief durch und sagte beherrscht: „Gabs eine Nachricht dazu?“
„Ja. Sie wollen einen Geiselaustausch.“, erklärte Glockner.
„Wer?“
„Haben sie noch nicht gesagt.“
„Scheiße.“
Glockner nickte verbissen: „Sie schreiben auch, dass wir uns beeilen sollen, weil Bienert weitere Angriffe, wie diesen nicht überleben wird.“
Schalavsky biss die Zähne fest zusammen: „Haben wir Befehle, wie wir verfahren?“
„Noch nicht.“
„Wir müssen was tun, Emil.“, sagte Schalavsky leise.
„Ganz meiner Meinung. Aber was?“, fragte Kommissar Glockner.
„Können wir ihnen eine Nachricht senden?“, fragte Schalavsky. Glockner verzog das Gesicht: „Offiziell sollten wir das nicht.“
Schalavsky nickte: „Aber Unfälle passieren.“
„Natürlich.“
Wespe saß gegen die Wand gelehnt auf der Matratze und summte vor hin. Gelegentlich kam auch etwas Songtext mit durch: „Baby, you can’t stomp me out – You know, you can’t even slow me down – You know I spread thsi wild around – so of you’re sure, you better shoot me now-“ Wespe unterbrach sich als die Tür sich öffnete.
Der Mann kam ungewöhnlicher Weise ohne etwas zubringen, was seltsam war: „Wer ist Schalavsky?“
Wespe horchte auf: „...mein Dienstpartner und Vorgesetzter.“
„Meinst du, er möchte dich wieder haben?“, fragte der Mann und starrte auf sein Handy.
„Wahrscheinlich nicht.“, sagte Wespe düster.
Der Mann lachte: „Machst Probleme, was?“ Wespe zuckte mit den Schultern.
„Er hat versucht anzurufen.“, sagte der Mann. Wespe versuchte nicht zu reagieren. Aber vielleicht sah man ihm seine Hoffnung an.
„Scheinbar werden deine Freunde nervös.“ Der Mann ging wieder und Wespe hatte die Vermutung, dass er vorerst sein Recht auf Wasser und Essen verspielt hatte.
„Wir haben ein Problem.“, sagte Glockner düster noch bevor Schalavsky seinen Morgenkaffee hatte. Nicht, dass es sich wie ein Morgen anfühlte, weil er gar nicht erst Zuhause war: „Sie wollen Wespe gegen Morphius tauschen.“
„Den Drogenbaron?“
„Ja. Der ist nur leider im Zeugenschutzprogramm.“, sagte Glockner düster. „Wir kommen nicht an den ran.“
Schalavsky fluchte auf Russisch. Glockner nickte zustimmend.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Schalavsky, aber bekam keine Antwort.
„Dem Täter beibringen, dass er das alles umsonst gemacht hat?“, fragte Glockner. „Wobei wir das wahrscheinlich jetzt abgeben müssen.“
Tamina kam so schnell durch die Tür, dass die Scheibe darin bedenklich klapperte: „Ich hab was!“ Sie war außer Atem und platzierte ihren Laptop auf der Tisch und zeigte auf etwas: „Ich habe Wespes Arbeitsweg am Tag, als er verschwand überwacht und konnte eingrenzen, wo er verschwunden ist. Wer auch immer ihn geschnappt hat, hatte eine Idee wo die Verkehrskameras sind. Aber! Nicht welche Läden Kamera überwacht sind. Die dürfen zwar auch rechtlichen Gründen nicht die Straße filmen, ein bisschen was ist trotzdem zu sehen und ich konnte durch die Zeiten feststellen, wo Wespe mit samt Fahrrad verschwindet und welches Auto von da aus weiter fährt. Ein grauer Lieferwagen. Groß genug, um Wespe und Fahrrad zu verstauen. Und von da aus konnte ich auch den Wagen mit den Verkehrskameras verfolgen und das Kennzeichen feststellen. Ich lasse bereits danach fahnden. Das Auto ist Richtung Süden gefahren, als es mit Wespe abgehauen ist. Der Wagen selbst gehört einer Mietwagenfirma und wurde noch nicht zurückgegeben. Ich versuche die Mietwagenfirma dazu zu bringen den Wagen zu orten, weil wir vermuten, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist.“
„Das ist fantastisch, Salah.“, sagte Glockner aufgeregt.
„Nur gründliche Arbeit.“, sagte Tamina entschlossen. Sie wollte ihren besten Freund wieder haben. Schalavsky schenkte ihr ein hoffnungsvolles Lächeln. Sie würde wahrscheinlich in einer freien Minute auch TKKG stecken, dass sei einen kleinen Fortschritt gemacht haben. Aber das dämmte die Sorge nur ein.
Wespe hörte den Mann wieder in den Raum kommen. Er redete bereits. „Nein, ich will mit seinem Partner sprechen. Schalavsky. – Es ist mir schon klar, dass Sie dafür ausgebildet sind, aber ich mag es Dinge im kleinen Kreis zu halten. Geben Sie mir Schalavsky.“
Wespe ließ die Schultern hängen. Keine Chance, dass das gut für ihn ausging.
„Hör mal, ich glaube, das läuft nicht.“, sagte er. „Man tauscht keine Geiseln. Das ist Bullen-Ein-mal-Eins. Und Schalavsky ist einer der korrektesten Polizisten, den es je gab.“
„Glaubst du nicht, dass dein Partner dich wieder haben will?“, fragte der Mann spielerisch erstaunt.
„Eher nicht.“, sagte Wespe trocken.
„Dann müssen wir mal schauen, ob sich nach ein paar Einzelteilen seine Meinung ändert.“, sagte der Mann. Wespe warf den Arme hoch und lehnte sich an die hintere Wand.
„Kommissar Schalavsky, nehme ich kann.“, sagte der Mann in einem ungewöhnlich höflichen Tonfall. Er hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und so konnte Wespe hören, wie Schalavsky antwortete: „Ja. Das ist richtig. Bienert ist wohl auf, wie ich höre?“
Der Mann nickte ihm auffordernd zu.
„Es geht mir gut.“, sagte Wespe neutral.
„Sie wissen, dass ich bereit bin Morphius gegen Bienert zu tauschen.“, sagte der Entführer.
„Das ist nicht so einfach.“, sagte Schalavsky und Wespe warf seinem Entführer seinen besten Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick zu. „Morphius ist nicht verhaftet.“
„Was?“, fragte der Mann ehrlich skeptisch.
Schalavsky stockte ein wenig vor der nächsten Infromation: „Er ist in einem Zeugenschutzprogramm.“
Wespe lachte bitter auf. Damit war auch diese Hoffnung dahin.
„Was soll das heißen?“, sagte der Mann.
„Dass dein geehrter Morphius alle verraten hat, für einen Neuanfang.“, sagte Wespe bitter. „Er wird irgendwo vollkommen frei unter neuem Namen leben und hat sich dafür entschieden keinen Kontakt zu seinen alten Freunden zu haben. Wahrscheinlich hat er dich mit verraten, während du hier deinen Masterplan abziehst und auf den besten Weg bist, selbst in den Knast zu wandern.“
Der Mann stürmte nach vorne, schaltete den Strom auf dem Gittern ab und stocherte mit dem Viehtreiber nach Wespe bis er ihn trotz Fliesen erwischte und Wespe schreiend zu Boden ging.
„Hören Sie auf!“, brüllte Schalavsky durch das Telefon. „Wie gesagt, es ist schwierig, aber wir können herausfinden wo Morphius mittlerweile lebt.“ Wespe krümmte sich. Das war gelogen. Sie hatten keinen Zugriff auf das Zeugenschutzprogramm.
Der Mann schien kurz nachzudenken und nickte dann: „Gut, Sie verraten mir, wo er sich befindet und ich lasse Ihren nervigen Kollegen frei.“
„Gut. Wir brauchen nur etwas mehr Zeit.“
„Ich lasse Ihnen alle Zeit der Welt.“, sagte der Mann ungerührt. „Wie lange Bienert das allerdings noch mitmacht….“ Er erwischte Wespe wieder mit dem Viehtreiber. Wespe wand sich am Boden als seine Muskeln unkontrolliert zuckten. Zerbrochene Fliesen schnitten in seinen Oberkörper, aber nicht mal das nahm er wahr.
Schalavsky sah auf das Handy, als der Anruf endete. Die Abteilung für Geiselnahmen hatte ihn nur widerwillig an das Telefon gelassen, aber der Entführer hatte darauf bestanden.
Glockner legte Schalavsky eine Hand auf die Schultern: „Komm mit mir, Klaus.“ Glockner konnte ihn ohne Widerwehr aus dem Raum,, der die neue Zentrale der Wespe-Operation war, lenken und sie endeten in Glockners Büro, wo er die Jalousie vor den Fenstern schloss.
Schalavsky setzte auf einen der Stühle ohne dazu gezwungen zu sein und atmete zu flach.
Glockner zog den zweiten Stuhl, so dass er ihn direkt gegenüber saß: „Klaus? Tief einatmen.“
Schalavsky zwang sich tiefer zu atmen: „Du hast gehört, was Wespe gesagt hat… er glaubt nicht, dass ich ihn wieder hier haben möchte.“
„Das ist Bienert. Der hat nur versucht den Entführer aus dem Konzept zu bringen.“, sagte Emil sanft.
Schalavsky vergrub das Gesicht in den Händen: „Ich hab ihn letztens angeschrien.“
Glockner brummte. Das war ihm durch aus bewusst. Wie auch dem Rest des Hauses.
Schalavsky ließ die Hände in den Schoß fallen und den Kopf zurück sinken: „Ich wollte doch nur, dass er mehr Acht auf sich gibt und jetzt das. Ich hätte früher bemerken müssen, dass er verschwunden ist.“
„Bienert weiß, was er tut.“, sagte Kommissar Glockner. „Und du konntest nicht wissen was dieser Entführer geplant hatte.
Schalavsky lachte schwach auf: „Er kümmert sich nicht um seine eigene Sicherheit.“
„Wenn er das nicht tun würde, dann wäre er nicht bis hierher gekommen.“, sagte Glockner entschieden. „Du musst ihm ein bisschen vertrauen, dass er weiß, was er sich zumuten kann. Und dass er nach Hilfe fragt, wenn er sie braucht.“
„Tut er das?“
„Ich hab gehört, er ist besser darin geworden.“, sagte Glockner mit bedeutungsvollen Blick. Schalavsky verzog das Gesicht, aber sah auch ein, dass Emil recht hatte: „Ich will ihn wieder haben.“ Es schwang eine Wahrheit in den Worten, die Glockner nicht ganz so erwartet hatte. Aber sie überraschte ihn auch nicht. Wenn irgendjemand eine so harte Nuss wie Schalavsky knacken konnte, dann wohl Bienert.
„Komm, wir müssen schauen, dass wir Bienert da endlich raus bekommen.“, sagte Emil freundlich und Schalavksy nahm sich zusammen. Wespe ging vor. Und sie hatten endlich einen Anhaltspunkt in wessen Dunstkreis sie ihren Entführer suchen mussten.
Wespe lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Sein Muskeln brannten. Er war müde und wollte schlafen. Und vielleicht tat er das auch, denn das Nächste, was er merkte war der mittlerweile vertraute Schmerz, wenn er mit dem Viehtreiber erwischt wurde.
Wespe streckte mit einem erstickten Atem hoch. „Was ist denn jetzt?“
„Ich fürchte deine Kollegen halten sich nicht an Abmachungen.“, sagte der Mann düster.
„Aha.“, machte Wespe und zog sich zur hinteren Wand zurück.
„Sie haben das Haus umstellt.“
„Und ich bin jetzt deine Geisel, hinter der du dich nicht verstecken kannst, weil du mich hier drin eingeschweißt hast, tja, scheiße gelaufen für dich.“ Wespe setzte sich so bequem, wie es ging gegen die Wand: „Und nu?“
„Ich kann dich immer noch umbringen.“, sagte der Mann.
„Dann hättest du gar kein Druckmittel mehr.“, stellt Wespe fest. „Clever.“
„Was werden deine Kollegen machen?“, fragte der Mann. Wespe sah ihn kurz an bevor er geschäftig in seinen Taschen wühlte: „Lass mich nur kurz mein unsichtbares Funkgerät suchen, dann frag ich einfach nach.“ Sehr viel schärfer setzte er hinterher: „Ich bin seit Tagen hier eingesperrt, woher soll ich das wissen?!“
Der Mann schwieg kurz, dann grollte er: „Komm nach vorne.“
Wespe bewegte sich nicht. Der Mann machte den Storm aus und richtete eine Waffe auf Wespes Kopf. Das war ein überzeugendes Argument. Wespe trat nach vorne an das Gitter. Das Panzerband kam wieder zum Einsatz und dieses mal klebte er beide Hände von Wespe an Gitterstreben und außerdem mehrere Streifen des Klebeband so um seinen Hals, dass er direkt gegen das Gitter gedrückt wurde. Er holte mehrere Schwerlastregale, die er zu einer Barrikade aufeinander legte.
„So. Wenn deine Kollegen mich erschießen, wirst wirst du gebraten.“, sagte der Mann und setzte sich genau gegen den Stromhebel, eine Hand auf dem Schalter.
„Kreativ.“, meinte Wespe bissig.
„Brutus Sövit, kommen Sie mit erhobenen Händen raus, Sie sind umstellt!“, tönte es von außen her. Es war nur leise zu hören. Scheinbar war das Gebäude gut isoliert. Am Megafon war es Glockner gewesen, was wahrscheinlich hieß, dass Schalavsky zu den gehörte, die bald das Gebäude stürmen wurden. Wespe konnte natürlich nicht sagen, ob es noch weitere Komplizen gab, aber bisher kam ihm Brutus wie ein Einzelgänger vor. Seine Kollegen draußen wussten wahrscheinlich schon mehr.
Schalavsky war per Funk mit Glockner verbunden: „Keine Reaktion. Wärmebild Kameras zeigen nur zwei Personen, eine steht unbeweglich, möglicherweise gefesselt, die andere sitzt zwei Meter weiter. Startet den Zugriff.“ Schalavsky bestätigte den Befehl und sah sich nach seinem Team um. Salah war dabei, weil sie darauf bestanden hatte. Schalavsky überprüfte mit einem kurzen Blick, ob ihre Schutzweste richtig saß. Dann deutete er dem Team an, dass es los ging. Geübt brachen sie die Tür auf und schwärmten in den Raum. Die untere Etage war erwartungsgemäß leer. Sie sahen sich trotzdem vorschriftsgemäß um und stiegen dann die Treppe hinauf. Im oberen Geschoss war ein Raum scheinbar provisorisch zum Leben gebraucht worden und ein weiterer war abgeschlossen und wurde auch aufgebrochen. Schalavsky lief mit der Waffe im Anschlag in den Raum. Er behielt die Wand im Rücken und drehte sich in die Richtung, in der er die beiden Personen von der Wärmebildkamera vermutete. Er sah zuerst Wespe, der an das Gitter gefesselt stand.
Dann sah er den Kopf von Brutus hinter seiner Barrikade und dessen Knarre: „Lassen Sie die Waffe fallen, heben Sie die Hände und kommen Sie da raus!“
„Wenn Sie einen Schritt näher kommen, brate ich Ihren Kollegen.“, warnte Brutus. Schalavsky blieb stehen: „In Ordnung. Brutus Sövit, Sie kommen hier nicht mehr raus. Wenn Sie sich jetzt ergeben, wird das vor Gericht berücksichtigt.“
„Pah, liegt Ihnen so wenig an dem Jungen, dass Sie mich damit abspeisen wollen?“, fragte Brustus. „Zunächst mal schicken Sie Ihre Kollegen weg. Außer Ihnen bleibt niemand im Raum.“ Schalavsky zögerte. „JETZT!“
„Zieht euch zurück!“, rief Schalavsky. „Alle den Raum verlassen.“ Das Team bewegte sich rückwärts aus dem Raum, bis auf Tamina, die es nutzte, dass die Tür im Totenwinkel lag und sich an die Außenwand von Wespes Zelle presste. Sie konnte zwar nicht sehen, was Sövit machte aber sie konnte Schalavsky beobachten. Schalavsky nahm die Bewegung wahr, aber sah nicht hin.
„Ist das Schalavsky?“, fragte Brutus.
„Kommissar Schalavsky.“, korrigierte Wespe.
Brutus lachte auf: „Ihm scheint ja doch was an dir zu liegen. Ist er dein Lover?“
„Nein, leider nicht.“, sagte Wespe trocken. Brutus ging nicht drauf ein, weil er versuchte sich auf die Situation zu konzentrieren.
„Komm schon, Brutus, was ist dein Plan? Mich umzubringen, in dem ich eine Thrombose vom Stehen bekomme?“, fragte Wespe missbilligend.
Brutus schüttelt leicht den Kopf: „Sie werden mich mit meiner Geisel gehen lassen.“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Das kann ich nicht zulassen.“
„Das funktioniert auch nicht, weil er die Tür zu geschweißt hat.“, sagte Wespe hilfreich. „Nicht mal er bekommt mich hier einfach so raus.“
Brutus drückte kurz den Schalter für den Strom und Wespe schrie und wand sich ohne los kommen zu können.
„Aufhören!“, brüllte Schalavsky und feuerte einen Warnschuss ab. Brutus hatte den Schalter wie der ausgestellt und Wespe erschlaffte an den Gittern.
„Sie sehen, Ihr Liebling hier, wird es nicht lange mitmachen, wenn Sie mich nicht gehen lassen.“, verkündete Brutus.
„Das kann ich nicht tun.“, sagte Schalavsky.
„Hab ich doch gesagt.“, sagte Wespe schlapp, als er seine Füße wieder runter sich bekam. „Der bricht keine Regeln und ganz bestimmt nicht für mich.“
Brutus starrte Schalavsky an: „Was soll es werden? Wenn Sie mich erschießen, wird ihr Verehrer gebraten oder ich könnte immer noch schauen, wie viele ich erschießen kann, bevor mich einer von euch erwischt und dann der Kleine gebraten wird.“
Schalavsky verzog das Gesicht: „Was wollen Sie?“
„Waffe runter.“, sagte Brutus.
„Das wird nicht passieren.“, sagte Wespe. „Schalavsky, erschieß ihn einfach. Ist schon okay. Ich hab’s bisher alles überstanden. Testen wir mein Glück.“
Brustus lachte: „Hast ein Todeswunsch, he? Hättest du mir früher sagen können.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky zur Überraschung von beiden und hielt seine Waffe hoch. Langsam ging er in die Hocke und legte sie auf den Boden.
„Mhm, vielleicht hast du doch noch eine Chance, Casanova.“, sagte Brutus verschwörerisch.
„Wie viele Spitznamen hast du eigentlich noch für mich?“, fragte Wespe verzweifelt.
„Ein paar.“
Schalavsky richtete sich mit offenen Händen wieder auf. Unbewaffnet. Zumindest scheinbar.
„Weg von der Waffe.“
Schalavsky ging einige langsame Schritte von seiner Waffe weg weiter in den Raum. Brutus’ Augen folgten ihm genau. In diesem Moment schoss Tamina – im zweifachen Sinne des Wortes – um die Ecke: Sie wirbelte aus ihrem Versteck und verpasste Brutus eine zielsichere Kugel in die Schulter, der schrie auf, betätigte den Stromhebel und riss seine Waffe herum. In diesem Moment war Schalavsky in die Hocke gegangen, hatte seine Zweitwaffe aus dem Knöchelholster gezogen und erschoss ihn zielsicher.
Wespe schrie nicht mehr, sondern zuckte nur. Tamina rannte vor und sprang über die Ecke der Barrikade, um den Strom wieder abzuschalten. Wespe wurde still und hing nur dank der Fesseln noch aufrecht. Schalavsky rannte nach vorne. Tamina überprüfte Brutus Sövit. „Er ist tot.“
„Holen Sie die Kollegen und die Notärzte. Jemand muss die Tür aufschweißen.“, rief Schalavsky, als er vor Wespe zum Stehen kam und einen Arm um ihn schlang. Er zog ihn etwas hoch und drückte ihn an das Gitter, damit er nicht noch erstickte. Mit der anderen Hand zog er sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und schnitt das Klebeband, dass Wespes Hals an die Streben zwang, durch. Dann auch die Fesseln an den Händen und er ließ sich langsam mit Wespe auf die Knie sinken. Wespe atmete noch, und Schalavsky dankte den Sternen dafür, denn wenn der Strom endgültig sein Herz gestoppt hätte, hätte niemand aus dieser Position eine Herzdruckmassage durchführen können und er hätte nur mit ansehen müssen, wie sein Freund langsam starb.
Wespe blinzelte ihn langsam an und sagte mit leiser Stimme: „Klaus?“
Schalavskys Herz stoppte fast: „Ja?“
„Danke, dass du mich gerettet hast.“ Die Stimme war schwach. Wespe lehnte sich gegen die Gitter.
„Hey, Wespe.“ Schalavsky griff nach Wespes Wangen und streichelte sie sanft um, die verbrannte Haut nicht noch mehr zu irritieren. „Ich werde dich immer retten. Und ich würde alles tun, um dich zu retten. Es tut mir leid, dass du daran gezweifelt hast. Es tut mir leid, dass ich dir Grund zum Zweifeln gegeben habe.“ Schalavsky traten Tränen in die Augen. „Ich will dich nicht verlieren.“
Wespe griff durch die Gitter nach Schalavskys Hand und lächelte matt: „Wirst du nicht.“
Die anderen Polizisten und die Sanitäter und der Notarzt kamen in den Raum. Der Notarzt und ein Sanitäter kam direkt zu Wespe. Schalavsky rutschte aus dem Weg. Ein anderer Sanitäter sah sich Brutus an, aber Schalavsky hatte zu gut getroffen. Bei dem war nichts mehr zu machen.
Durch das Gitter hindurch wurden die ersten Werte erhoben und Wespes Atmung überprüft. Salah koordinierte im Hintergrund, das man das Schweißgerät von Brutus finden und dazu einen der Kollegen, der Schweißen konnte. Oder die Feuerwehr nach zu ordern.
Schalavsky ließ Wespes Hand los zeigte sie den medizinischen Helfern. Die Gitter hatten beide Hände verbrannt.
Wespe war bereits so gut wie möglich versorgt worden – seine Verbrennungen und Verletzungen verbunden, Wasser und Nahrung gegeben – bevor die Tür geöffnet werden konnte.
Wespe kam steif und langsam laufend aus der Zelle und durfte sogleich auf der Liege der Sanitäter Platz nehmen. Schalavsky blieb an seiner Seite und fuhr auch mit zum Krankenhaus. Glockner erwartete ohnehin, dass er Wespes Aussage aufnehmen würde.
Schalavsky blieb die ganze Zeit bei ihm und Wespe sah ihn oft so an, als würde er in Tränen ausbrechen, wenn er sich nicht stark zusammen riss.
Als Wespe komplett durchuntersucht worden war und alles weitere warten musste, wurde Schalavsky erlaubt die Aussage aufzunehmen unter dem Vorbehalt, dass es nicht lange dauern dürfe.
Wespe erzählte ihm alles an das er sich erinnerte, was viel war. Er glaubte, dass Brutus ihn auf der Straße abgedrängt hatte, bis er mit seinem Rad stürzte und ihn dann irgendwie betäubt hatte. Und den Rest der Zeit hatte er in der Zelle verbracht. Ein paar Dinge aus Wespes Nacherzählung kannte Schalavsky aus den Videos. Aber nicht wie er zum zweiten Mal versucht hatte Brutus mit dem Gitter auszuschalten und fest gestellt hatte, dass er hoffnungslos verloren war. Wespe unterdrückte einen Laut und presste sich die verbundenen Hände gegen die Augen. Schalavsky war an seiner Seite und zog die Hände vorsichtig runter.
„Schon gut, Wespe.“, sagte er leise. „Ich bin für dich da. Ich werde dich nie einfach so aufgeben.“ Er erinnerte sich, wie er Wespe nach der Explosion im Krankenhaus gehalten hatte. Warum hielt er ihn eigentlich nur, wenn er davor fast drauf gegangen war. Er würde ihn gerne auch sonst so halten können. Aber das war nicht der Moment, um diese Diskussion anzufangen.
„Entschuldige… das ist keine gute Befragung.“, murmelte Wespe gegen seine Schulter.
„Wir können das morgen machen.“, sagte Schalavsky. „Die Krankenschwestern möchten ohnehin, dass du schläfst.“ Wespe nickte schwach und löste sich von Schalavsky, um sich hinzulegen. Schalavsky lächelte ihm aufmunternd zu und sagte einer der Schwestern Bescheid, dass sie Wespe seine verordneten Schlaftabletten bringen konnten und dann verabschiedete sich Schalavsky, in dem er Wespes Stirn küsste. Wespe seufzte zufrieden, aber sagte nichts mehr dazu.
Es war Nachmittag des Folgetages als Schalavsky zurück im Krankenhaus war. Wespe war mittlerweile wieder etwas präsentabler. Er saß halbwegs aufrecht im Bett und war wohl gewaschen worden. Tamina hatte ihm wohl wieder seine Sachen gebracht.
„Wie gehts dir?“
„Nur noch zur Hälfte, wie ein gebratenes Hähnchen.“, sagte Wespe.
Schalavsky lächelte leicht: „Das klingt zumindest viel versprechend. Was sagen die Ärzte?“
„Ein paar Verbrennung. Aber wohl keine Schäden an meinem Herz. Sie testen noch Nervenströme oder so.“ Wespe winkte ab. „Wie laufen die Ermittlungen?“
„Wir haben genug über Brutus, um ihn für zwei Leben einzuknasten. Und das ohne das was er dir angetan hat.“, sagte Schalavsky. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf Wespes Oberschenkel. „Ich bin echt froh, dass du wieder da bist und nicht… Naja.“
Schalavsky lächelte gezwungen: „Das, ja das auch. Was ich sagen will ist… ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst. Und ich habe dich mehrfach von Dingen wieder aufstehen sehen, die andere zerstört hätten. Ich habe Angst, dass es irgendwann nicht mehr klappt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann zu spät bin.“
„Bisher hast du mich noch immer gerettet.“, neckte Wespe gutmütig. „Mein edelmütiger Blaulicht-Ritter.“
„Kannst du mal kurz die Klappe halten?!“, fragte Schalavsky halb lachend.
„Fällt mir schwer.“, gab Wespe zu. „Vielleicht ist doch irgendwas in meinem Gehirn durchgeschmort.“
„Das wäre aber nichts neues.“, bemerkte Schalavsky. „Willst du mir kurz zuhören?“
„Du musst dir keine Gedanken machen.“, sagte Wespe. „Unser Streit ist schon vergessen. Ich weiß, dass du es nur gut mit mir meinst. Und dich sorgst. Manchmal zu viel.“
Schalavsky nickte: „Das ist gut… und teil von dem, was ich sagen wollte, aber ich wäre dir sozusagen persönlich verbunden, wenn du mir kurz nur zuhören könntest.“
Wespe deutete an seinen Mund zu verschließen und warf den Schlüssel weg.
Schalavsky holte tief Luft: „Das hier ist nicht- ähm. Meine Sorge um dich ist nicht nur beruflicher Natur. Uuund, ähm w-wie soll ich sagen? We-wenn du das gestern ernst gemeint hast, könnten wir was an dem dem »leider« ändern.“ Wespe zog verwirrt eine Augenbraue hoch und Schalavsky versuchte deutlicher zu werden: „Es ist nicht direkt was die Dienstordnung vorsieht… aber das. Hat dich ja noch nie gekümmert.“ Wespe verdrehte die Augen. „Tschuldige, das war kein Vorwurf. Ähm… Sekunde ich muss mich kurz sammeln.“ Wespe konnte hören, wie er kaum hörbar etwas murmelte. „Я тебя люблю. Я тебя люблю.“ Schalavsky sah Wespe wieder an und schluckte: „Ich habe Gefühle für dich, die ich nicht für einen Kollegen haben sollte und ich kann sie nicht ignorieren. Und ich hoffe, dass du mir eine Chance gibst, mir zu beweisen, dass ich das alles ernst meine.“
Wespe warf sich slapstickartig zur Seite, wo er zuvor den imaginären Schlüssel für seinen Mund hingeworfen hatte und ‚schloss‘ seinen Mund wieder auf. Schalavsky sah ihn etwas ungläubig an.
„Wow.“, sagte Wespe. „Ich habe fast erwartet, dass du mich feuerst.“
„Was?“
„Das war die schwierigste Geburt einer Liebeserklärung, die ich je erlebt habe und unter anderen Umständen, hätte ich nicht die Geduld dafür gehabt.“, sagte Wespe. „Zu deinem Glück, bin ich noch als Bett gefesselt und habe auf so was schon sehr lange gehofft.“
„Wirklich?“, fragte Schalavsky erstaunt.
Wespe griff nach seinen Nacken und zog ihn an sich heran, um ihn endlich so zu küssen, wie er es schon seit langer Zeit wollte.
Das mit der Aussage aufnehmen wurde etwas ungewöhnlich gestaltet. Normalerweise gab es dabei weniger Körperkontakt und Speichelaustausch. Aber die Arbeit wurde gemacht und was die Vorgesetzten nicht wussten, konnten sie einem nicht vorwerfen. Schweren Herzens verließ Schalavsky seinen neuen Freund, aber er hatte noch einiges zu tun und Wespe musste sich ohnehin noch auskurieren.
So berüchtigt Schalavskys schlechte Laune auch war, genau so gefürchtet war seine gute Laune. Niemand war sich sicher, was sie mit einem Schalavsky anfangen sollten, der beschwingten Schrittes durch das Revier lief und beinahe ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Glockner sah ihn zwar aber schmunzelte nur für sich selbst und entschied sich, dass er nicht alles wissen musste. Es konnte hunderte Gründe für Schalavskys gute Laune geben.
Tamina hatte weniger Probleme damit einem Kollegen auf die Pelle zu rücken. Sie schlüpfte in das Büro, in dem Schalavsky eine Pflanze goss, die seit Wespes Verschwinden keine Zuwendung mehr erfahren hatte.
„Wie geht es Wespe?“, fragte Tamina unverbindlich.
Schalavsky sah zu ihr und stellte den Kaffeebecher, mit dem er die Pflanze gegossen hatte ab: „Gut. Also besser. Wird noch etwas dauern. Aber soweit scheint er es gut überstanden zu haben. Keine Herzschäden oder so. Die Verbrennungen natürlich aber da wird sich zeigen, wie die sich entwickeln.“
Tamina lächelte: „Das ist ja schön zu hören. Sind Sie deswegen so glücklich?“
Schalavsky sah sie mit offenen Mund an und suchte nach einer Antwort: „Sicher. Bienert geht es gut, wir haben einen gefährlichen Verbrecher hinter Schloss und Riegel. So sollte es doch sein.“
Tamina schmunzelte: „Natürlich. Und ich schätze ihr Streit mit Bienert ist nun beigelegt?“
„Ähm. Ja.“, bestätigte Schalavsky. „Wir haben uns ausgesprochen.“
„Sehr gut.“, sagte Tamina und fragte betont unschuldig: „Und hat das zu irgendwelchen persönlichen Änderungen geführt.“
„Persönliche Änderungen?“, wiederholte Schalavsky und sah sehr nachdenklich drein, bevor er den Kopf schüttelte: „Nicht das ich wüsste. Ne.“
„Sie können mir das ja mitteilen, falls es Ihnen noch einfällt.“, sagte Tamina und schlenderte zur Tür. „Ach und Glückwunsch.“
„W-wofür?“, fragte Schalavsky.
„Ach nur so.“ Tamina grinste und verschwand aus dem Büro.
Schalavsky stellte fest, dass er Probleme hat seine Gedanken von Wespe wegzubewegen und dem Gefühl seiner Lippen. Während der Arbeit bemühte er sich diese Gedanken zurück zu drängen, aber sobald er Zuhause ließ er sie zu. Sie kamen mit einer konstanten Aufregung, die vermutlich Verliebtsein mit sich brachte und ein bisschen Panik mit sich, wie es in Zukunft laufen sollte.
Schalavsky griff sich einen Rotwein, der solange in seiner Wohnung war, dass er eine sehr deutliche Staubschicht hatte. Möglicherweise war er mal ein Einzugsgeschenk gewesen. Normalerweise trank er mal ein Bier nach der Arbeit. Aber Schalavsky hatte noch nie diese Gefühle in dieser Intensität gespürt, zumindest nicht seit er alt genug war zu trinken und manchmal musste man neue Dinge ausprobieren.
Er war durch ein halbes Glas Rotwein, als es an seiner Tür klingelte. Schalavsky antwortete durch die Gegensprechanlage.
„Mach auf!“, klang es durch die Anlage.
„Wespe?“, fragte Schalavsky verwirrt und öffnete die Wohnungstür. Er hörte Schritte und das schwere Atmen von jemanden der sich nicht in best Verfassung die Treppe hochkämpfte.
Wespe tauchte auf der letzten Treppe auf und lächelte ihn außer Atem an: „Hey.“ Die letzten Schritte nahm er schneller und streckte seine Arme nach Schalavsky aus. Dieser nahm ihn sofort, wenn auch überrascht in die Arme: „Was machst du denn hier?“
„Hab, hach, hab ich selbst entlassen.“, sagte Wespe und ließ Schalavsky genug los, damit sie beide in die Wohnung treten konnten.
„Aber du solltest dich doch noch ausruhen.“, sagte Schalavsky und nahm Wespe seine kleine Reisetasche von der Schulter. Wespe nickte und trat sich im Flur die Schuhe von den Füßen: „Ich weiß, und ja ich sollte besser auf mich Acht geben, aber ich kann da nicht schlafen und schon gar nicht nach heute.“
Schalavsky sah ihn sprachlos an.
„Ich verspreche, ich gehe zu all meinen Behandlungen, aber ich will nicht den ganzen Tag im Krankenhaus sitzen.“, sagte Wespe, in der Hoffnung eine Standpauke abzuwenden.
Schalavsky fasste sanft seinen Hinterkopf und drückte ihm einen Kuss gegen die Schläfe: „Hast du Hunger?“
„Nee. Alles gut.“, sagte Wespe. „Ich muss mich nur Hinsetzten.“
Schalavsky deutete ihm ins Wohnzimmer. Wespe sah das Weinglas und fragte: „Oh, habe ich dich gestört?“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Ich wusste ohnehin nicht, was ich mit mit anfangen sollte. Ich würde dir, was anbieten aber du bist wahrscheinlich noch voll medikamentiert.“
„Stimmt.“, lächelte Wespe. „Hey, ich wollte mir dir reden.“
Schalavsky zog die Augenbrauen hoch und Wepse runzelte die Stirn: „Wow, das klang viel düsterer, als ich es gemeint habe. Ich möchte wissen, wie es mit uns weiter geht. Weil ich hoffe, dass es weiter geht.“
Schalavsky lächelte und griff nach Wespes Hand: „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders viel Erfahrung mit Beziehungen, geschweige den erfolgreichen Beziehungen habe, also…“ Schalavsky zuckte mit den Schultern.
„Möchtest du denn dass es eine erfolgreiche Beziehung wird?“
Schalavsky nickte und fragte: „Was möchtest du? Etwas ernstes oder…?“
„Ich kenn meinen Ruf, aber ich hätte gerne was ernstes mit dir.“, sagte Wespe. „Aber wie wirst du das in Bezug auf unseren Job finden?“
Schalavsky sah ernst drein: „Ich möchte, das hier nicht aufgaben.“ Er griff nach Wespes Hand. „Ich musste den ganzen Tag an dich denken und daran, wie froh ich bin, dass du noch lebst. Ich will dich nicht verlieren, und ich denke, wir können es schaffen uns weiterhin auf der Arbeit professionell zu verhalten.“
„Und wenn wir das irgendwann nicht mehr schaffen?“, fragte Wespe vorsichtig.
„Dann können wir immer noch eine Lösung finden.“, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn kurz an bevor er sich vorbeugte und küsste.
Schalavsky lehnte sich mehr zu Wespe, weil er ihn nicht einfach zu sich ziehen wollte, solange er noch verletzt war. Aber er küsste ihn tiefer als noch im Krankenhaus, und leidenschaftlicher.
Wespe seufzte in den Kuss und öffnete einladend seine Lippen, was Schalavsky sogleich ausnutzte.
„Danke.“, sagte Wespe, als sich ihre Lippen schließlich doch trennten. „Diese Versicherung habe ich gebraucht.“ Er lehnte sich erschöpft gegen Schalavsky.
„Alles gut.“ Wespe unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin nur müde.“
Schalavsky nickte: „Na dann, ab ins Bett.“
„Kommst du mit mir?“, fragte Wespe ein wenig zwischen verlegen und frech.
Schalavsky schmunzelte: „Es ist immerhin mein Bett.“
Wespe nickte: „Sehr wahr.“
„Geh schon, ich räume noch kurz auf.“, sagte Schalavsky. Und während er sich daran machte die Spuren seines Abendessens zu beseitigen, machte sich Wespe bettfertig.
Wespe kam aus dem Schlafzimmer, weil er bemerkt hatte, dass er mehr Durst hatte, als er gewillt war zum Schlafen gehen zu akzeptieren. Er hatte sich mittlerweile seine Schlafhose angezogen, die eigentlich nur eine alte Jogginghose war, irgendwo aus den 90ern, mit zu vielen intensiven Farben und von Wespe in einem Second Hand Shop als das bunteste Item vor Ort aufgegriffen worden war.
Sein Schlafshirt, ein Bandshirt, dass zwar schwarz war aber die abstruse Zeichnung von zwei halb ineinander gemorphten bewaffneten Kaninchen zeigte, ließ er in seiner Tasche. So tapste er barfuß in die Küche, wo Schalavsky gerade noch eine angefangene falsche Wein verstaute.
„Ich brauche etwas Wasser bevor ich Schlafen kann.“, sagte Wespe und Schalavsky begann sogleich ihm ein Glas einzuschenken. Wespe trank es in einem Zug auf und lächelte zufrieden: „Ich würde jetzt zu Bett gehen.“
Schalavsky blinzelte bei dem Tonfall etwas fasziniert und folgte Wespe die Lichter in der Wohnung ausmachend. Im Schlafzimmer machte es sich Wespe auf dem Bett bequem. Schalavsky zog sich sein Hemd aus und bemerkte das Wespe nicht die Scham besaß dabei weg zu schauen.
Schalavsky ging noch seine Zähne putzen (und sich sammeln) und betrachtete sich im Spiegel. Noch trug seine Anzughose und das Unterhemd. Einer Eingebung folgend ließ er beides im Wäschekorb zurück. Nur in Boxershorts ging er wieder ins Schlafzimmer. Sein Schlafanzug lag auf dem Bett und er zog sich die Hose an, während Wespe ihm zuschaute.
Als er nach dem Shirt griff zog es Wespe aus seiner Reichweite: „Brauchst du das wirklich?“
„Schätze nicht.“
Wespe lächelte und warf das Shirt zu einem Stuhl rüber.
Schalavsky stieg zu Wespe in das Bett und hielt sich noch höflich Abstand, doch Wespe kuschelte sich an ihm und legte seinen Kopf auf Schalavskys Schulter.
„Ist das hier okay für dich?“, fragte Wespe.
Schalavsky legte einen Arm um Wepse und lächtelte: „Ja, sehr okay.“ Wespe lächelte. Sie löschten das Licht und genossen das Gefühl in de Dunkelheit nicht alleine zu sein.
„Ich habe Angst, dass ich dir zu viel bin.“, sagte Wespe leise aber aufrichtig. Schalavsky hatte ihn deutlich gehört: „Wenn dem so wäre, wäre es nie hierzu gekommen.“
„Aber bisher hast du mich nur auf der Arbeit um dich und jetzt auch noch privat.“, sagte Wespe und strich in einem verschlungenen Muster über Schalavskys Oberkörper.
„Das bekomme ich auch noch hin.“, versicherte Schalavsky und entschied, dass es Zeit für eine Wahrheit über ihn war. „Ich habe Angst, dass ich dir kein guter Partner bin.“
„Was?“
„Ich bin älter als du.“, sagte Schalavsky. „Und störrisch und nicht so frei wie du.“
„Das war mir durchaus bewusst, bevor ich mich in dich verliebt habe.“, sagte Wespe. „Und es hat mich nicht aufgehalten.“
Schalavsky drückt ein der Dunkelheit einen Kuss auf Wespes Scheitel.
Und der finale Teil, leider etwas kürzer als gewollt, aber mir kam das Leben dazuwischen
6. Gefallen.
Schalavskys Handy klingelte. »Bienert« zeigte das Display mit einer Reihe von Emojis dahinter. Keines davon hatte Schalavsky ausgesucht und dem Kontakt zugefügt: „Ja?“
„Es tut mir so leid, Klausi, ich schaffe es nicht zum Essen.“, sagte Wespe entschuldigend. Er klang außer Atem, als würde er sich gerade beeilen. „Ich wurde leider aufgehalten, ich werde jetzt nach Hause fahren und mich umziehen und dann direkt zum Theater kommen. Wir können uns danach was holen oder essen gehen. Ist das okay?“
„Ja, kein Problem.“, sagte Schalavsky beruhigend. Er wusste genug, dass sie in ihrem Job nur selten fest planen konnten.
„Danke.“, sagte Wespe aufrichtig.
„Schlimmer Tag bei der Arbeit?“, fragte Schalavsky.
Wespe lachte bitter auf: „Sei froh, dass du frei hattest. Ich erzählt dir nachher alles. Sorry, ich muss auflegen. Bis nach her. Liebe dich.“
„Liebe dich auch.“, lächelte Schalavsky.
Er wartete vor dem Theater. Er hatte einen hellgrauen, dreiteiligen Anzug an, mit einem weißen Hemd. Die Krawatte und Einstecktuch waren die farblichen Eyecatcher in einem tiefen, samtigen rot. Es war nicht unbedingt eine Farbe, zu der er tendieren würde, aber Wespe schwor, bei allem was ihm heilig war, dass es fantastisch zum Outfit und Anlass passte.
Er trat von einem Fuß auf den anderen und schaute auf sein Handy. Es war noch zwei Minuten bis der Einlass beginnen würde und Wespe hatte nichts weiter geschrieben. Das bedeutete aber in der Regel, dass er auch wie angekündigt auftauchen würde.
Schalavsky sah die ihm bekannten Haare zuerst. Sie waren ungewohnt ordentlich gekämmt und kamen gerade die Stufe aus der U-Bahn hoch. Wespe sah sich suchend um und als er ihn sah lächelte er breit. Schalavsky sah, dass er seinen fliederfarbenen Anzug anhatte, mit einer dunkelvioletten Krawatte.
Was Schalavsky aber mehr auffiel war, dass Wespes rechter Arm in einer Schlinge war: „Was hast du denn gemacht?“
Wespe steckt ihm seine linke Hand entgegen, weil Schalavsky noch nicht entspannt mit Küssen in der Öffentlichkeit war. Schalavsky nahm seine Hand halbherzig aber blickte nur auf den rechten Arm.
„Ist nicht schlimm.“, versicherte Wespe und betrachtete seinen Partner von oben bis unten: „Du siehst fantastisch aus! Ich muss aufpassen, dass keiner dich stiehlt.“
Schalavsky registrierte kaum das Kompliment und fragte dringlich: „Was ist mit deinem Arm?“
Wespe seufzte und erklärte dann: „Ich habe mir die Schulter ausgekugelt. Aber nach dir keine Sorgen. Ich war schon beim Arzt und habe diese Schlinge bekommen. Hier! Ich habe sogar Tamina als Zeugin.“ Er holte umständlich sein Handy hervor und spielte eine Sprachaufnahme ab, in der Tamina sprach: „Hallo, Kommissar Schalavsky. Wespe hat sich heute den rechte Schulter ausgekugelt. Er war beim Arzt und die Schulter wurde wieder eingerenkt und geröntgt. Bisher scheint sonst nicht Schlimmes passiert zu sein. Aber er soll für sechs bis acht Wochen die Schulter ruhig halten.“
Wespe sah Schalavsky lächelnd an: „Zufrieden?“
Schalavsky sah noch unentschieden aus: „Fürs erste.“
„Gut.“, grinste Wespe unbekümmert: „Dann komm mit. Der Einlass hat begonnen.“ Wespe und zog Schalavsky mit sich.
Sie gingen hinein und durch die Taschenkontrolle. Im Vorraum wurden Getränke und Brezeln verkauft.
„Willst du schon was zu essen haben?“, fragte Wespe mit Nicken zu der Theke.
„Ich kann auf später warten.“, sagte Schalavsky.
„Dann lass uns unsere Plätze suchen.“ Wespe hatte ihnen gute Plätze besorgt in der fünften den Reihe relativ mittig.
„Was ist auf der Arbeit passiert?“, fragte Schalavsky. Wespe schüttelte den Kopf: „Nicht hier.“ Schalavsky neigte einverstanden den Kopf.
„Hey, ich danke dir, dass du mit mir hierher kommst. Ich weiß, dass das nicht so dein Ding ist.“, sagte Wespe und lehnte sich soweit rüber zu Schalavsky, dass ihre Schultern sich berührten.
„Das heißt nicht, dass ich es nicht trotzdem genießen kann.“, sagte Schalavsky. Er würde sich jedes Stück anschauen, dass ein Glitzern in Wespes Augen und ein Lächeln auf seine Lippen zauberten. Deswegen hatte er auch seinen besten Anzug herausgeholt. Wespe hatte mehr als einmal erzählt, dass er es schade fand, dass sich die Leute fürs Theater nicht mehr schick machten. Auch wenn Wespes Style sich stark von dem gemeinhin anerkannten Stil unterschied, schaffte er es trotzdem elegant und besonders auszusehen und nicht als würde er an einem Dienstagnachmittag noch schnell ein Brot holen gehen. Wespe hätte sich wahrscheinlich noch auffälliger gekleidet, wenn er nicht mit Schalavsky da gewesen wäre. Aber Schalavsky musste ihm recht geben. Die meisten anderen Besucher schienen sich nicht schick gemacht zu haben. Die einzigen bei denen Schalavsky auf Anhieb erkennen konnte, dass Gedanken und Aufwand in ihre Outfits geflossen waren, waren zwei junge Frauen zwei Reihen schräg vor ihnen. Die beiden tuschelten die ganze Zeit miteinander und hatten permanenten Körperkontakt. Schalavsky fragte sich ob er mit Wespe auch sehr so wirkte, als hätten sie ein Date. Natürlich hatten sie ein Date, aber fiel das allen auf? Schalavsky riss seine Gedanken davon los.
„Die scheinen schon mal gut Stimmung zu machen.“ Er sah sich im Raum um. Trockeneis kroch in langsamen Wolken durch den Saal und die Lautsprecher spielten gruselige Nachtgeräusche ab.
„Es ist zwar Jahre her, dass ich es zu letzte gesehen habe aber damals war es wirklich gut.“, sagte Wespe. „Fantastische Effekte.“
„Siehst du dir oft Musicals an?“, fragte Schalavsky. Wespe schüttelte lächelnd den Kopf: „Nicht so oft, wie ich gerne würde. Aber ich versuche eines im Jahr zu schaffen.“
„Mhm.“, sagte Schalavsky. „Ich nehme dich mal zu einem Konzert mit.“
Wespe hatte das Gefühl, dass ihre Definitionen von Konzerten auseinander gingen und fragte deswegen: „Was für ein Konzert?“
„Ein ordentliches. Ein Orchesterkonzert.“, sagte Schalavsky. Wespe nickte lächelnd. Ihm war schon klar, dass das, was er als ein Konzert ansah für Schalavsky ein Rave wäre. Und das, was für Wespe ein Rave war, war eine Katastrophe für Schalavsky.
„Worum gehts in dem Musical?“, fragte Schalavsky. Wespe lachte auf: „Du meinst das, was der Titel noch nicht verrät?“
„Ich hoffe, du willst mir nicht sagen, dass wir die nächsten drei Stunden tanzende Vampire sehen.“
„Nein, in der Mitte ist noch ein Pause.“
Schalavsky warf Wespe einen unbeeindruckten Blick zu und Wespe grinste ihn an: „Es gibt noch mehr Story.“
Schalavsky lernte sehr schnell das das Musical ein Komödie war und er musste Wespe recht geben: Die Effekte waren sehr gut. Schlussendlich genoss Schalavsky das Musical mehr, als er erwartet hätte.
Als der Applaus endlich vorbei war und die Leute langsam aufstanden, grinste Wespe ihn an. Schalavsky zog eine Augenbraue hoch.
„Du hast gelacht.“, sagte Wespe glücklich. „Dir hat es gefallen.“
Schalavsky nickte: „Das stimmt. Und was gibt es da zu grinsen?“
„Ich bin nur froh, dass es dir gefallen hat.“, sagte Wespe. „Und ich höre dich selten so lachen.“
„Es passiert häufiger mit dir.“, gab Schalavsky zu.
Sie schlugen sich durch das Gewimmel der Besucher zu Schalavskys Auto durch und entschieden sich für ein Restaurant bei dem sie auch noch zu der fortgeschrittenen Stunde ein gutes Abendessen bekommen würden. Das war einer der Vorteile in der Millionenstadt zu leben. Die Auswahl war groß genug, um auch später abends noch was zu finden.
„Sagst du mir nun, was passiert ist?“, fragte Schalavsky, als sie im Restaurant saßen und bestellt hatten.
Wespe lächelte ihn traurig an, weil er verstand, dass er ihn nicht länger auf die Folter spannen konnten: „Wir waren gerade auf dem Weg zurück, als wir über Funk hörten, dass jemand auf der Eisenbahnbrücke gesehen wurde. Wir waren am nächsten und sind hin gefahren. Ich bin auf die Brücke und habe gesehen, dass jemand gerade über das Geländer klettert.“ Wespe verzog den Mund. „Ein Teenager. 15 oder so. Ich hab mich bemerkbar gemacht und versucht ihn zum Rückzug zu bewegen, aber…“ Schalavsky hatte bereits gesehen, wie Wespe solche Situationen händelte. Er konnte von Natur aus gut mit Teenagern und Kindern umgehen und darüber hinaus hatte Schalavsky am Anfang ihrer Zusammenarbeit überrascht gelernt, dass Wespe eine Weiterbildung zum Krisenberater abgeschlossen hatte und ziemlich gut darin war. Der Ausdruck, den Wespe jetzt aber auf dem Gesicht hatte, verriet ihm, dass es dieses mal nicht geklappt hatte. „Er war verängstigt und hat losgelassen. Ich bin zum Geländer und bekam ihn gerade noch zu fassen, aber meine rechte Schulter hat es etwas mitgenommen. Zum Glück konnte ich den Teen mit links genug fest halten, bis Kleinert kam.“
„Mir dem warst du schon wieder unterwegs?“, hinterfragte Schalavsky zynisch. Kleinert war immer noch auf dünnem Eis bei ihm.
„Sei froh.“, sagte Wespe schmunzelnd. „Der Riese konnte mit seinen langen Armen den Teen direkt greifen und mit hochziehen. Und! Er hat darauf bestanden mich im Krankenhaus abzuladen.“ Wespe machte ein wichtiges Gesicht. Schalavsky erkannte das an. Vielleicht war Kleinert doch kompetenter als gedacht.
Schalavsky seufzte: „Danke, dass du dich besser um dich kümmerst.“
Wespe zwinkerte ihm zu: „Ich kann dich ja nicht ewig in Sorge leiden lassen.“ Seine gesunde Hand Griff unter dem Tisch nach Schalavsky Hand: „Wenn wir alleine waren, würde ich dich jetzt küssen.“
Schalavskys Mundwinkel zuckte. Einer Seite war er sehr zufrieden das zu hören, andererseits hasste er es dass er immer noch Probleme damit hatte, sich in der Öffentlichkeit romantisch zu zeigen.
Wespe hatte sich damit abgefunden. Lieber war er im Verborgen mit Schalavsky zusammen, als gar nicht. Und immerhin konnten sie miteinander ausgehen.
Wespe war vorausschauend genug gewesen, dass er sein Essen danach bestellt hatte, dass er es größtenteils einhändig essen konnte. Wobei ihm Schalavsky dann doch mit der ein oder anderen Sache half, wenn sie klein geschnitten werden wurde.
Sie waren mit ihrem Essen am Ende, als Schalavsky etwas ansprach, was er schon die ganze Zeit bemerkt hatte: „Wespe, warum starrst du mich die ganze Zeit an?“
„Mhm?“, macht Wespe übertrieben unschuldig. „Ich schenke dir nur meine Aufmerksamkeit.“
„Das wäre ja mal was neues.“, sagte Schalavsky. „Es wirkt eher so, als würdest du vor dich träumen, während du starrst.“
„Du kannst wirklich nicht erwarten, dass du dich so anziehst und ich mich dann noch konzentrieren kann.“, sagte Wespe und einem bedeutungsvollen Blick auf den Anzug.
Schalavsky sah ihn etwas verwirrt an: „Du siehst mich jeden Tag im Anzug.“
„Aber nicht in diesem Anzug.“, sagte Wespe bedeutsam. „Warum eigentlich nicht?“
„Den habe ich für besondere Anlässe. Hochzeiten und so.“, sagte Schalavsky.
Wespe blinzelte ihn an: „Ich werde morgen sofort einen Ring kaufen gehen.“
Schalavsky schnaubte: „Ist klar.“
„Der Anzug macht wirklich was für dich. Deine breiten Schultern werden akzentuiert und das blassgrau steht dir richtig gut. Mit dem Einstecktuch und der roten Krawatte könntest du selbst einer der verführerischen Vampire sein.“
„Bist du sicher, dass du keine Kopfverletzung hast?“, fragte Schalavsky skeptisch.
„Wirklich!“, sagte Wespe. „Außerdem hast du dich verändert. Du siehst mittlerweile aus, als würdest du regelmäßig und genug schlafen. Außerdem hilft es, dass du mich nicht permanent angrollst. Du siehst junger aus, wenn du lächelst.“
Der Punkt mit „jünger“ traf etwas in Schalavsky. Er kam sich oft zu alt für Wespe vor, der ohne Bart noch undercover in einer weiterführenden Schule durchgehen konnte. Vielleicht hatte eine Feuchtigkeitscreme für Männer es bis sein Badezimmer und tägliche Routine geschafft, auch wenn er das unter Eid abstreiten würde.
„Ich mag es auch, dass deine Haare etwas länger sind.“, sagte Wespe.
Schalavsky strich sich verlegen durch die Haare: „Ich wollte eigentlich schon längst zum Friseur.“
„Ich will dir nichts einreden, Klausi.“, sagte Wespe. „Aber ich mag es, wenn deine Haare anfangen sich zu Wellen.“ Schalavsky suchte nach der Wahrheit in den Worten und fand sie.
Sie fuhren zu Schalavskys Wohnung. Meistens waren sie da, weil Schalavsky ungerne mit Wespes Mitbewohnern seine Beziehung diskutieren wollte. Wer Wespe kannte sollte wirklich meinen, seine Mitbewohner könnten nicht schlimmer sein, aber da konnte man sich täuschen.
Auf der Fahrt legte Wespe eine Hand auf Schalavsky Bein und starrte ihn von der Seite an.
„Was hast du, Wespe?“
„Ich hab dich und das macht mich sehr glücklich.“, sagte Wespe breit lächelnd.
„Sind das die Schmerzmedikamente, die aus dir sprechen?“, fragte Schalavsky kritisch.
„Nein. Es ist der Gedanke nach einem Scheißtag zu dir zu kommen zu können, was mich sehr glücklich macht.“
Schalavsky legte kurz seine Hand auf Wespes und drückte sie.
Wespe hielt Schalavskys Hand, als sie zu seiner Wohnung gingen.
Schalavsky schloss mit seiner freien Hand die Tür auf und sie traten ein. Schalavsky trat sich die Schuhe von den Füßen und wollte seine Jackett ausziehen, als Wespe ihn stoppte. „Warte noch. Ich habe mich noch nicht satt gesehen.“
Schalavsky hatte die ganze Zeit versucht einzuschätzen, wie ernst es Wespe mit dem war, was er sagte und er kam zu dem Schluss, dass es Wespe tatsächlich ernst meinte. Und Schalavsky entschied sich das zu testen.
„Du magst den Anzug wirklich sehr?“, fragte Schalavsky und legte einen Arm um Wespe Taille.
Wespe nickte und stahl einen Kuss, wie er es schon die ganze Zeit machen wollte: „Du weißt, dass es nicht nur der Anzug ist, aber es hilft, dass du selbst wie ein vampirischer Graf aussieht.“
„Ist das so?“ Schalavsky hatte nicht oft den Schalk im Nacken aber jetzt war es ein Moment in dem er sich vorbeugte und Wespes Hals küsste und mit den Zähnen malträtierte.
Wespe schnappte nach Luft wie eine Jungfrau in Nöten und spürte wie sich eine Hitze durch seinen Körper in seine Mitte wälzte. Dass Schalavsky ihn dann nach hinten kippte und er ohnehin nur eine Hand hatte um sich festzuhalten machte es aufregend und dass Schalavsky eine besitzergreifende Richtung einschlug war ihm auch neu.
„Schlafzimmer.“, keuchte Wespe und würde sogleich wieder aufgerichtet.
Sie drängten einander ins Schlafzimmer. Wespe brachte Schalavsky dazu sich auf das Bett zu setzen und kam direkt hinterher in sich auf seinen Schoß zu setzten. Seine gesunde Hand fand Schalavskys Nacken und zog ihn in einen Kuss.
„Sei vorsichtig.“, sagte Schalavsky danach und hielt Wespe fest. Er wollte verhindern dass er noch fiel und sich nicht abfangen konnte.
Wespe lächelte breit. Er liebte es, wie Schalavsky immer auf ihn aufpasste. „Nur weil mein Arm kaputt ist, kann ich trotzdem andere Dinge machen.“
Schalavsky schluckte sichtbar. Wespe zog an der roten Krawatte, bis er sie locker genug hatte und schmiss sie achtlos aufs Bett. Dann begann er die Hemdknöpfe zu öffnen, was nicht ganz so einfach war, wenn man nur eine Hand hatte. Aber er schaffte es die ersten paar Knöpfe zu öffnen und setzte seinen Kuss gegen Schalavskys Kehle. Schalavsky hob das Kinn und schloss genießerisch die Augen. Er bot Wespe noch mehr Angriffsfläche und konnte dessen Shampoo riechen.
Wespe rutschte langsam nach hinten und bis er in einer geschmeidigen Bewegung vor Schalavsky auf den Boden sinken konnte.
„We-“ Schalavsky wollte etwas einwenden, aber Wespe schaffte es ihn verstummen zu lassen. Denn er brauchte nicht beide Hände um einen Hosenknopf zu öffnen. Er brauchte nicht mal eine. Er war absolut fähig Schalavsky Hosenknopf nur mit seinen Zähnen zu öffnen. Er grinste frech zu Schalavsky und der fluchte in seiner Muttersprache. Wespe zog am Bund von Schalavskys Unterhose, bis ihm das entgegen sprang, was Schalavskys Gehirn schon seit einer Weile verzweifelte Signale sendete. Wespe war selten zaghaft oder ging nicht all-in. Dies war keiner dieser Momente. Wespes Mund umschloss Schalavsky mit einer Hitze, die in unwillkürlich aufstöhnen ließ. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, um selbige nicht in Wespes Haaren zu vergraben und mehr zu verlangen. Obwohl das nicht mal schlecht angekommen wäre. Wespes nächste Handlung ließ ihn nach hinten aufs Bett fallen. Er hatte nicht bemerkt, dass Wespe heute sein Zungenpiercing trug und Wespe bewies, dass er damit umgehen konnte.
Schalavsky kämpfte sich hoch und auf seine Ellenbogen gestützt, vergrub er nun doch die Finger einer Hand in Wespes Haaren, aber nur um seine Aufmerksamkeit zu bekommen: „Wespe, wenn du so weiter machst ist es gleich vorbei.“
Wespe entließ ihn aus seinem Mund und grinste ihn stolz an. Seine Lippen glänzen feucht und rot und Schalavsky wollte nichts lieber als diese Lippen zu küssen.
Wespe schien ähnliches zu denken. Und kletterte wieder zu Schalavsky aufs Bett. Er stützte seinen linken Arm neben Schalavsky ab und lehnte sich vor bis er ihn in einem Kuss treffen konnte. Schalavsky vertiefte den Kuss, um das Piercing genauer zu untersuchen, was Wespe ihm schwer machte, so wie er die meisten Dinge etwas schwieriger machte, als nötig war.
Allerdings zog Wespe sich schneller als gewünscht wieder aus dem Kuss zurück und verzog ein bisschen das Gesicht. Die Schlinge, die seine Schulter ruhig halten sollte, arbeitete am Besten wenn er senkrecht stand und nicht wenn er halb über seinen Kollegen kroch.
Schalavsky sah den Gesichtsausdruck und konnte sich schon denken was es war, als Wespe sich zurück lehnte und sich wieder entspannte.
„Schulter?“
Wespe nickte leicht: „Kein Doggy style.“
Schalavsky verdrehte die Augen: „Ich seh dich dabei ohnehin lieber an.“
„Aww.“, sagte Wespe. Schalavsky griff nun nach ihm und lenkte ihn von der hockenden Position dahin, dass sich Wespe hinlegte.
„Ist das okay?“
Wespe nickte: „Ja. So kann ich sogar die doofe Schlinge abnehmen.“ Er löste die Klettverschlüsse und schmiss die Schlinge von sich.
Schalavsky trat sich nun die Anzughose und Unterhose von den Beinen, da sie mehr im Weg waren und streifte sich das Jackett ab. Er lehnte sich nun langsam über Wespe und küsste ihn wieder. Er begann die Knöpfe an Wespes Hemd zu öffnen und die zwei gelegte Haut mit seinem Mund zu erkunden.
Eine Sache die Wespe überrascht hatte, als es intimer zwischen ihnen beiden geworden war, war wie viel Zeit sich Schalavsky nahm. Wespe hatte einige Exen, wo er mehr die Aktion gebracht hatte und dann hatte er welche gehabt, die irgendwann versucht hatten der Effizienz wegen Schnell-Ficker Hose ins Spiel zu bringen und da hatte Wespe dann auch alles weitere beendet.
Wespe griff nach Schalavsky, weil er ihn gerne durch die Haare strich, aber Schalavsky fing seine Hand ein und drückte sie sanft wieder aufs das Bett. „Nicht mit dem Arm.“
Wespe lachte leicht auf und ließ seine rechten Arm wieder locker auf dem Bett liegen.
„Mhm. Sehe ich nicht.“, sagte Schalavsky neckend und strich mit einem Finger bedächtig über den Reißverschluss an Wespes Hose, hinter der sich mittlerweile schmerzhaft etwas merkbar machte.
„Bitte, Klausi.“, wimmerte Wespe. „Bitte.“
„Oh, wenn du so nett fragst, muss ich dich auch belohnen.“
Wespe schnappte nach Luft: „Wo hast du das gelernt?“
Schalavsky zuckte mit den Schultern: „Schien dir gefallen zu haben.“
„Ja, offensichtlich.“ Wespe schluckte und versuchte seinen Atem zu kontrollieren. Er setzte sich langsam auf. Seine Muskeln fühlten sich noch sehr weich an und zog das mittlerweile vollkommen zerknitterte Hemd und Jackett aus. Schalavsky beäugte dabei genau, dass er vorsichtig mit der rechten Schulter war. Dann zog auch er das Hemd und die Weste aus, die noch um seine Schultern hingen und legte sich neben Wespe: „Wir werden morgen kleben.“
„Das ist okay für mich.“, sagte Wespe. „Dann kannst du das Gleiche nochmal unter der Dusche machen.“
Schalavsky lachte auf: „Ganz bestimmt nicht. Das ist viel zu gefährlich und du bist schon verletzt.“
Wespe grummelte unzufrieden aber akzeptierte das auch.
„Ich kann andere Dinge in der Dusche mit dir machen.“, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn an: „Wie was?“
„Das erfährst du morgen.“, sagte Schalavsky. „Vielleicht.“
„Willst du mich wirklich zu hängen lassen?“
„Wieso? Könntest du nochmal?“
„….definitiv nicht.“, gab Wespe zu.
„Dann ist morgen noch früh genug.“
Wespe sah ein, dass er in diesem Moment nicht weiter kommen wurde und kuschelte sich stattdessen an Schalavsky. Er legte seinen verletzten Arm über dessen Oberkörper ab und schwang ein Bein über dessen Hüfte.
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Zeit für Teil 5, der noch länger als alle anderen wurde
5. Eingefangen.
Wespe stemmte sich gegen das Panzerband. Er lag auf einer muffigen Matratze, seine Arme waren vor seinem Körper zusammen geklebt und ein Streifen Panzerband war über seinen Mund und ein weiterer über seine Augen geklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo er war aber die Gerüche waren ihm unbekannt. Von den Geräuschen her war er in einem größtenteils leeren Raum. Er hörte keine Straßengeräusche oder Vogelgesang, die man vielleicht durch ein geschlossenes Fensterge hört hätte. Nicht mal ein Uhrticken. Vielleicht ein elektrisches Summen, wie eine Lampe. Sonst nur seinen eigener Atem und das Rascheln auf der Matratze. Dass er mit Panzerband gefesselt war, war ehrlich gesagt nur eine Vermutung aufgrund des Gefühls auf der Haut und dem Plastikgeräuschen.
Eigentlich war es klar, dass er an keinem Ort war, den er kannte. Niemand von seinen rechtschaffenen Bekanntschaften würde ihn gegen seinen Willen fesseln und dann einfach irgendwo liegen lassen. Und niemand der ihn entführen wollte, würde ihn in einer bekannten Umgebung lassen. Also wer zur Hölle hatte ihn gefangen? Wespe versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Er wusste, dass er zur Arbeit wollte – mehr nicht.
Schalavsky sah verärgert zu dem anderem Schreibtisch im Büro, an dem Wespe durch Abwesenheit glänzte.
Wieder stemmte er sich gegen das Panzerband. Irgendwer hatte sich Gedanken gemacht, als man ihn gefesselt hatte. Man hatte nicht einfach seine Hände zusammengelegt und mit dem Klebeband umwickelt, sondern seine Unterarme aneinander gelegt, fast wie man es bei verschränkten Armen machte und dann alles mit Klebeband umwickelt. Auf diese Art konnte Wespe nicht mal seine Hände an sein Gesicht bringen, um die Klebebänder über Mund und Augen zu entfernen. Das einzige, was er versuchen konnte war, seine Finger soweit freizuwackeln, dass er mit den Fingernägeln unter das Panzerband an seinen Ellenbogen kam und es langsam abzog.
Salah trat in den Raum und hatte einen besorgten Gesichtsausdruck: „Hey, haben Sie was von Wespe gehört?“
„Nein.“, antwortete Schalavsky mit einem harten Klang. Seit ihrem Streit war es Wespe gelungen ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm mal nicht entgehen konnte, war Wespe ungewöhnlich wortkarg. Er begann keine Gespräche, stellte keine Fragen und hatte für seine Verhältnisse Kleidung an, die kaum die Vorschriften verletzte.
Tamina brummte unzufrieden: „Er hat Kommissar Glockner eine Mail geschickt, dass er krank ist. Aber er hat nicht auf meine Nachrichten geantwortet.“
Schalavsky runzelte die Stirn. Er hatte nicht krank gewirkt, aber er ließ sich bekannterweise nichts anmerken: „Vielleicht schläft er.“
„Kann sein.“, sagte Tamina unzufrieden.
„Wollen Sie heute mit mir kommen?“, sagte Schalavsky, er war die letzten Tage die meiste Zeit alleine unterwegs gewesen, weil Wespe einerseits nicht mitkommen wollte und andererseits nach seinem letzten Stunt auch noch nicht seinen Schreibtisch verlassen durfte.
Ein Geräusch riss Wespe aus seinen Versuchen sich zu befreien. Eine metallene Tür, die aufgestoßen wurde und dann schwere Schritte.
„Ist auf jeden Fall besser, als mich weiter durch die Akten zu wühlen.“, sagte Tamina und schickte Wespe eine freche Nachricht, dass sie seinen Platz einnehmen würde, wenn er sich nicht bald meldete.
„Biste schon wach, Bulle?“, fragte eine raue Stimme, die klang als trüge der Mann eine Maske. Wespe drehte seinen Kopf in die Richtung in der er den Mann vermutete.
„Oh… du bist ja ein hartnäckiger Bulle. Haste dich schon fast durch das Klebeband gekämpft.“, sagte der Mann. Er war nicht besonders nah heran gekommen. Wespe würde schätzen, dass er vier Meter von ihm entfernt war. Aber Wespes Hoffnung schwand, wenn er wieder und noch mehr verklebt wurde, würde er hier nie raus kommen. Aber der Mann machte keine Anstalten zu ihm zu kommen, um ihn weiter zu fesseln: „Wenn du das ab hast, steht hier Wasser für dich.“
Wespe runzelte die Stirn. Er durfte sich befreien? Was wurde hier gespielt?
„Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis du hier wieder rauskommst, Bulle.“ Der Mann lachte düster: „Deine Bullenfreunde sind zumindest nicht besonders helle. Ach ja, Kommissar Glockner und Tamina wünschen dir Gute Besserung. Tamina sagt auch, dass sie deinen Job übernimmt, wenn du weiter ausfällst.“
Wespe ließ den Kopf auf die Matratze sinken. Scheinbar glaubten seine Kollegen, dass er krank war, was hieß, dass niemand nach ihm suchte. Ihm wurde etwas schlecht. Aber wenn der Mann das wusste, hatte er Wespes Handy und das konnte nachverfolgt werden. Zumindest wenn man ihn irgendwann tatsächlich vermisste.
Er hörte nur halb, dass sich die Schritte wieder entfernten und die schwere Tür wieder verschlossen wurde. Er schluckte die Panik runter. Noch ging es ihm gut, wenn er jetzt verzweifelte und anfangen würde zu weinen, würde seine Nase anfangen zu laufen und im schlimmsten Fall würde er ersticken.
„Mhm… Das ist seltsam.“, sagte Tamina. „Sonst kann ich immer sehen, wann er eine Nachricht gelesen hat, jetzt hat er das aber ausgeschaltet.“
Kein Grund zur Panik. Wenn seine Kollegen ihm nicht zur Hilfe eilen würden, dann musste er es selbst schaffen.
„Vielleicht hat er Angst, dass man bemerkt, dass zu sehr am Handy hängt, während er eigentlich krank ist.“, schlug Schalavsky vor.
„Wenn er krank sich krank meldetet, dann ist er es auch.“, sagte Tamina missbilligend. „Ihr ganzes Problem mit ihm war doch, dass er nicht genügend Rücksicht auf sich nimmt und auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung weiter arbeiten will.“
„Schon gut.“, lenkte Schalavsky ein. Tamina sah ihn fragend an: „Hat er sich bei Ihnen gemeldet?“
Wespe nahm nochmal alle Kräfte zusammen und versuchte seine Arme von dem Klebeband loszureißen und endlich nach Stunden des Probierens, Aufgebens, Einnickens und wieder Probierens, löste sich das Band schmerzhaft von seiner Haut. Zum Glück hatten ihm seine Hobbys ordentliche Armkraft eingebracht, sonst hätte er noch länger gebraucht, um sich davon zu befreien. Er drückte sich sofort hoch in eine sitzende Position und rollte seine Schultern zurück nachdem sie eine Ewigkeit nach vorne gezwungen geworden war. Dann griff er nach dem Klebeband über seinem Mund und begann das zu lösen. Den Mund freizubekommen verringerte das Risiko zu ersticken. Er war dabei vorsichtig. Er hatte kein Bock sich auch noch Bart und Haut abzureißen. Das dauerte zwar länger, aber mehr Wunden bedeuteten mehr potentielle Probleme und ein höheres Risiko für Infektionen. Als er das Klebeband schon mal zur Hälfte ab hatte, atmete er erstmals wieder richtig durch. Jetzt konnte er sich ein bisschen seiner Verzweiflung hingeben und Tränen wallten in ihm auf. Er zog sich langsam weiter das Klebeband vom Gesicht, während sein Körper sich mit leisen Wimmern krümmte. Endlich war es ab und Wespe verschwende keine Zeit und versuchte auch das Band über seinen Augen abzubekommen. Seine Tränen machten es leichter das es von den Wimpern los zu bekommen, aber an seinen Augenbrauen und Piercing hing es schmerzhaft. Als seine erstes Auge frei war blinzelte er dem Licht entgegen. Er stellte fest, dass das Summen, das er zu Beginn wahrgenommen hatte, tatsächlich zu einer Neonröhre unter der Decke gehörte und er verstand auch warum der Mann nicht näher an ihn heran gekommen war. Vor Wespe war ein Gitter. Er war in das, was er wohl als improvisierte Gefängniszelle beschreiben würde, vier Meter lang und anderthalb tief. Die Matratze am Boden und eine Toilette in der Ecke, sonst drei gekachelte Wände und ein Gitter, welches die vierte darstellte. Vor ihm in dem weiten Raum, der nicht seine Zelle war stand eine Kamera auf einem Stativ. Das erklärte, warum Licht die ganze Zeit an war. Man überwachte ihn.
„Nein.“ sagte Schalavsky bitter. Das würde Wespe auch nicht machen. Sie sprachen noch nicht wieder miteinander.
Am Gitter stand eine Wasserflasche einer Marke, die man bei hunderten Supermärkten in der Millionenstadt bekommen könnte. Wespe kroch etwas nach vorne und griff nach der Flasche. Sie war noch immer komplett verschlossen. Aber das war nicht die einzige Art, wie man die Flasche manipulieren konnte. Und man mochte ihn für misstrauisch halten, aber er vertraute niemanden der ihn ohne Erlaubnis fesselte. Wespe zog sich auf die Matratze zurück und öffnete die Flasche. Er beobachtete, ob sich irgendwo ein Leck bildete, aber die Flasche wirkte intakt. Gierig trank er ein paar Schlucke, dann kippte er eine kleine Menge in eine Hand und fuhr sich damit über das Gesicht. Endlich begann er auch den Rest das Klebebands abzuziehen. Und als er es geschafft hatte wischte er sich erneut über das Gesicht. Die Klebereste waren deutlich zu spüren. Als letzte Fessel löste er noch das Klebeband um seine Beine. Dann stand er endlich auf und streckte sich.
Zeit einen Ausweg zu finden.
Wespe trat an das Gitter und wollte es untersuchen, aber kaum, dass er es berührt hatte, zog er die Hand mit einem Japsen zurück und wäre fast umgefallen.
Er betrachtete seine Hand. Es sah so aus als hätte er sich verbrannt. Dieser Wichser hatte das Gitter unter Strom gesetzt und wenn Wespe wetten müsste, vermutete er, dass es Starkstrom war. Er verzweifelte etwas. Wie sollte er hier raus kommen, wenn er nicht mal das Gitter anfassen konnte? Boden und Decken waren aus massiven Beton und die Wände unter den Fliesen wahrscheinlich auch. Wespe klopfte sich seine Hosentaschen ab. Leer. Natürlich. Er setzte sich auf die Matratze und stürzte die Arme auf die angezogenen Knie und den Kopf in die Hände. Fuck.
„Hey, Klaus.“, sagte Glockner ruhig. „Kommst du mal zu mir ins Büro?“
Schalavsky folgte ihm in sein Büro und sah ihn fragend an: „Was gibt’s?“
„Ich hab Rückmeldung von der Personalabteilung bekommen.“, sagte Glockner in einen angespannten Tonfall. „Scheinbar ist Bienerts Krankmeldung gefälscht.“
Schalavsky sah ihn verwirrt an: „Was?“
„Der Arzt, der die AU ausgestellt hat, existiert nicht.“, sagte Kommissar Glockner deutlich.
Schalavsky wurde unwohl: „Emil, du glaubst doch nicht-“
„Nein!“, sagte Glockner sofort. „Ich glaube nicht, dass Bienert eine Krankmeldung fälschen würde.“
„Wofür auch? Er könnte behauptet, dass seine Stichverletzung beim langen Sitzen im Innendienst mehr wehtut und sich deswegen krankschreiben lassen.“, sagte Schalavsky. Er hatte ohnehin die Vermutung, das Wespe das lange Sitzen noch nicht bekam. Glockner nickte: „Ich hab versucht ihn anzurufen, aber bisher konnte ich ihn nicht erreichen. Seine Mailbox geht direkt ran. Sonst war er immer zu erreichen.“
Schalavsky legte die Stirn in Falten: „Ich werde mal, was anderes probieren.“
Glockner nickte: „Danke, Klaus.“
Schalavsky lief aus dem Büro und rief laut: „Tamina!“
Besagte Frau sah überrascht auf, weil sie sonst nicht mit dem Vornamen von Schalavsky angeredet wurde, aber sie folgte seinem Fingerzeig sofort und ging in sein Büro.
„Was ist los?“
„Wespes Krankmeldung ist gefälscht. Glockner kann ihn per Handy nicht erreichen.“, sagte Schalavsky schnell. „Du hast du Kontakte zu seinen Mitbewohnern, ja?“
„Oh ja.“ Tamian holte ihr Handy aus der Tasche und suchte sich die Nummer von Wespes Mitbewohnern raus.
„Hallo Marco, hier ist Tamina. Bist du gerade Zuhause?“, fragte sie als der Anruf angenommen wurde. Sie hörte kurz zu und sagte dann: „Nicht jetzt, es ist ernst, ist Wespe auch da?“ Wieder lauschte sie und sah Schalavsky mit alarmierten Ausdruck an, während sie den Kopf schüttelte. „Und seit dem hast du nichts mehr von ihm gehört?“ Sie wartete wieder und kritzelte etwas auf einen Zettel auf Wespes Schreibtisch. 2-3 Tage verschwunden. „Das wissen wir nicht.“, sagte Tamina sanfter. „Weißt du wo er zuletzt hinwollte?“ Wieder lauschte sie. „Hat er sein Auto genommen?“ Schließlich nickte sie: „Danke für die Infos. Ich melde mich, wenn sich was ergibt.“
Sie beendete das Telefonat und sah Schalavsky verbissen an: „Er ist vor drei Tagen zuletzt in seiner WG gewesen und wollte als nächstes nur zur Arbeit. Sein Auto steht noch vor der Tür. Wahrscheinlich hat er sein Fahrrad genommen.“
„Und hier kam er nicht an.“, stellte Schalavsky düster fest.
„Jep. Seine Mitbewohner haben eine Nachricht bekommen, dass er beruflich weg müsse.“ Tamina atmete tief durch. „Ich werde die Krankenhäuser anfragen. Vielleicht hatte er einen Unfall.“
„Bei dem jemand dann seinen Mitbewohnern was vorlügt und eine falsche Krankmeldung schickt?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Meinen Sie, er wurde… entführt?“
Schalavsky verzog unzufrieden des Gesicht: „Das scheint am Wahrscheinlichsten. Ich sag Emil Bescheid.“
„Okay… Ich versuche sein Handy zu orten. ...und ich probiere trotzdem die Krankenhäuser.“
Er war in der zusammen gekrümmten Position eingenickt und konnte nicht sagen, ob er für drei Tage geschlafen hatte oder drei Sekunden. Was ihn weckte war das Geräusch der schweren Tür, die wieder geöffnet wurde. Der Mann mit den schweren Schritten nähertet sich wieder. Die Tür musste irgendwo in Wespes toten Winkel liegen. Rechts von seiner Zelle.
„Na Bulle, wieder wach?“ Der Mann trug wirklich eine Maske und er war noch größer als Schalavsky und bestimmt doppelt so breit. Er trug einen schwarzen Anzug, der schick, aber nicht teuer war, er hatte einen Stock in einer Hand, eine Flasche unter dem Arm und ein Handy in der anderen Hand. „Lara ist sauer auf dich, dass du einfach so zu einem Spezialeinsatz abhaust, wenn du eigentlich mit der Wäsche dran wärst. Dafür wirst du einen Monat lang den Abwasch machen müssen.“
Wespe starrte den Mann düster an. Seine Mitbewohner dachten also er war dienstlich unterwegs. Wespe betrachtete das Handy. Es war schwarz. Ein Smartphone Allerweltsmodell und ganz bestimmt nicht sein eigenes.
Der Mann bemerkte seinen Blick und lachte: „Mach dir keine Gedanken, Bulle. Dein Handy macht gerade eine schöne Rundreise. Das hier ist bloß ein Klon, dass mir all deine Nachrichten anzeigt.“
Er steckte das Handy wieder weg und nahm die Flasche in die Hand. Es war eine Flasche dieser Trinkmahlzeiten, die überall beworben wurden. Clever. Einfach durch die Stäbe zu reichen. Kein Grund die Tür aufzuschließen. Nicht mal einen Löffel musste man dem Gefangenen geben. Gar nicht mal schlecht geplant. Wespe war sich außerdem sehr sicher, bei der Bewegung die verräterische Abzeichnung einer versteckten Waffe im Jackett gesehen zu haben.
„Hier ist dein Abendessen.“ Abend? War es Abend? Fragte sich Wespe innerlich. Dieses Mal stellte der Mann die Flasche vor dem Gitter, ab sodass Wespe die Hand nach draußen stecken musste, um sie zu erreichen. Als sich der Mann noch bückte schnellte Wespe vor, griff mit einer Hand nach dem Kragen der Anzugjacke und versuche ihn gegen das Stromgitter zu reißen. Der Mann war aber zu schwer, um sich einfach so bewegen zu lassen. Stattdessen riss er seinen Stock hoch und stieß ihn in Wespes Magen. Er krümmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel wie ein Sack um. Sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und vielleicht brauchte er deswegen erbärmlich lange, um den Stock als Viehtreiber zu identifizierten.
„Schlechter Versuch, Bulle.“, sagte der Mann gelassen. „Weiß du, ich war nie einer der großen Pläneschmieder, aber ich kann mit Rindvieh ganz gut umgehen.“
Wespe krümmte sich am Boden.
„Lass es dir schmecken, Bulle.“
Glockner brüllte nicht durch das Revier. Er bewegte sich geschmeidig und bestimmt durch die Kollegen, und holte sich Salah und Schalavsky in sein Büro. Seine Anspannung war so deutlich zu sehen, dass sie sich auf die anderen beiden übertrug.
„Ich habe ein Video erhalten.“, sagte Glockner und bedeutete seinen Kollegen sich vor den Schreibtisch zusetzen. Er drehte den Bildschirm herum und spielte das Video ab.
Schalavsky schluckte, Tamina machte einen erstickten Laut und schlug die Hände vor den Mund. Das Video wurde zeigte einen Ausschnitt eines Raumes, der vergittert war. Hinter dem Gitter lag eine Person auf einer Matratze und kämpfte gegen die Fesseln an. Sowohl Augen als auch Mund waren verklebt, aber es war keinen Zweifel, dass die mehrfarbigen Haare und das gemusterte T-Shirt mit den glänzenden Jeans zu Wespe gehörte. Das Video hatte keinen Ton, aber es zeigte, wie sich Wespe Minuten lang damit abmühte sich von dem Klebeband zu befreien.
„Wissen wir woher es stammt?“, fragte Schalavsky mit belegter Stimme. Glockner schüttelte den Kopf: „Es wird gerade untersucht. Es wurde scheinbar von Wespes Handy geschickt.“ Schalavsky sah zu Tamina, der Tränen in den Augen standen: „Hat die Suche nach dem Handy schon was ergeben?“
Tamina schluckte und schüttelte den Kopf. Als sie zunächst versuchte zu sprechen, versagte ihr die Stimme und sie musste ein weiteres Mal ansetzen: „Das Handy bewegt sich ständig. Sieht nicht so aus, als würde jemand versuchen digital die Spuren zu verwischen, sondern eher, als hätte jemand es tatsächlich auf eine Reise geschickt.“
Schalavsky stieß Luft aus: „Vielleicht ist jemand damit unterwegs.“
Glockner nickte: „Zumindest hat noch jemand Zugriff darauf und konnte mir das Video schicken.“
„Richtig.“
Tamina stand auf: „Ich schau mir die Verkehrskameras an. Wespes Arbeitsweg.“ Schalavsky nickte und Tamina wischte sich über die Augen, als sie das Büro verließ. Schalavsky sah Kommissar Glockner an: „Waren Forderungen beim Video?“
Emil schüttelte den Kopf: „Nein, nur ein Videotitel.“ Schalavsky sah auf den Bildschirm.
Was verloren?, fragte der Titel bloß.
„Ich muss die zuständigen Stellen benachrichtigen.“, sagte Emil sachlich.
Schalavsky nickte: „Natürlich.“
„Wir finden ihn, Klaus.“
Schalavsky schwieg.
Wespe war sich nicht sicher, wie viel Zeit verging. An Hand der Flaschen, die sich in seiner Behausung ansammelten, wusste er, dass er bisher 2 Mahlzeiten bekomme hatte. Wenn er drei Mahlzeit am Tag bekommen würde dann wäre nicht mal ein Tage vergangen aber das kam vorne und hinten nicht hin. Vielleicht wurde er nur ein Mal am Tag gefüttert. Das würde sein deutliches Hungergefühl zwischen den Mahlzeiten erklären und den Durst. Der Typ erwartete nicht, dass er mit einer Flasche einen Tag lang auskam, oder? Gut, er verlor wenig Flüssigkeit, weil er sich nicht bewegte oder schwitzte, aber er hatte eben auch vor Kurzem erst eine kleinere Menge Blut verloren, die sein Körper noch immer wieder aufbauen musste.
„Wie lange bin ich hier?“, fragt er bei seiner nächsten Mahlzeit.
„Hast kein Zeitgefühl mehr, was?“, lachte der Mann auf. „Macht nichts. Hast keine Termine, die du verpasst.“
Wespe würde versuchen seinen Rhythmus den des Mannes anzupassen. Er hatte bemerkt, dass er manchmal viele Stunden nicht da war und vermutlich schlief er dann oder arbeitete. Wespe würde es so abzupassen, dass er in dieser Zeit auch schlief.
„Kann ich etwas mehr Wasser haben?“, fragte Wespe.
Der Mann lachte leicht auf: „Du säufst ja wie ein Pferd, Bulle.“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich habe vor Kurzem viel Blut verloren und mein Körper baut es noch auf.“
Der Man wirkte so interessiert, wie es hinter der Maske möglich war: „Was ist passiert?
„Wurde abgestochen.“ Wespe hob sein Shirt und zeigte die Narbe.
„Mhm, das ist scheiße.“, sagte der Mann mit so etwas wie Mitgefühl. „Hab ich auch schon durch.“ Er holte tatsächlich mehr Wasser.
TKKG kamen in Schalavskys Büro ohne anzuklopfen oder Begrüßung. Aber das konnte Schalavsky unter den aktuellen Umständen verzeihen, denn ihre erste Frage war: „Wissen Sie schon was von Wespe?“
Schalavskys Nerven waren gespannt, aber er sah auch ihre besorgten Gesichter und verstand wie hilflos sie sich vorkommen mussten: „Nein, noch nicht.“ Sie hatten wahrscheinlich erst am letzten Abend von Kommissar Glockner erfahren, warum er heillos Überstunden schob und gestresst war.
„Gibt es denn keine Spuren? Keine Aufzeichnungen?“, fragte Karl berechtigter Weise. „Unser Millionenstadt ist doch von Verkehrskameras übersät.“
„Das ist richtig, aber nicht Bienerts Hinterhofeingang. Und von da an hat er schon drei mögliche Wege. Und wir kennen nicht genaue die Uhrzeit, zu der er unterwegs war. Also haben wir sehr viel Material zu sichten. Salah ist dabei.“
Karl nickte verständig. Wenn es um Datenanalyse ging, hatte er eine sehr genaue Vorstellung, wie aufwendig die Arbeit war.
„Haben sich die Entführer schon gemeldet?“, fragte Gaby besorgt.
Schalavsky sah sie streng an: „Das gehört zu den Dienstgeheimnissen.“
„Bitte, wir wollen nur wissen, wie es um Wespe steht.“, bat Gaby.
Schalavsky verzog den Mund. Wahrscheinlich wussten die Kinder ohnehin schon mehr, als sie sollten. „Es gab noch keine Forderung. Nur ein Video.“
„Können wir es sehen?“, fragte Tim sofort.
„Nein.“, sagte Schalavsky entschieden. „Das ist nichts für eure Augen und ich bezweifle, dass Wespe es gutheißen würde, dass ihr ihn so seht.“
Tim schien widersprechen zu wollen, aber Klößchen mischte sich ein: „Verständlich. Wie war Ihr Eindruck von Wespe? Sah er unverletzt aus?“ Schalavsky sah ein, dass er den Kindern irgendwas geben musste, damit sie sich zurückzogen: „Ja. Er schien okay zu sein.“ Nach den erwartungsvollen Blicken sagte er: „Er war zu Beginn mit Klebeband gefesselt, konnte sich aber davon befreien. Er ist in einer Zelle eingesperrt.“
TKKG sahen sich bestürzt an.
„Der arme Wespe.“, murmelte Klößchen betroffen. Karl legte überlegend den Kopf schief: „Eine Zelle wirkt, als hätten die Entführer geplanten ihn länger zu behalten.“
Schalavsky nickte: „Dafür spricht auch, dass die uns bisher keine Forderungen geschickt haben.“
„Wahrscheinlich will man Sie nervös machen, damit Sie leichter den Forderungen nachgeben.“, vermutete Karl.
„Stimmt.“, gab Schalavsky frustriert zu. „Und es funktioniert.“
„Sie werden alles tun um Wespe frei zubekommen?“, fragte Tim.
„Selbstverständlich.“
Später war es Glockner der in sein Büro kam.
„Klaus. Geh nach Hause.“, sagte er. „Es bringt nichts, wenn du nicht bei klarem Verstand bleibst.“
Schalavsky nickte. Er wusste ja da Emil Recht hatte. Er selbst hatte Tamina nach Hause geschickt, weil er ihr die Müdigkeit ansehen konnte. Schalavsky packte seine Sachen.
„Wenn was wichtiges kommt, melde ich mich bei dir.“, versprach Glockner. Er war den Abend zuvor Zuhause gewesen und hatte da wahrscheinlich seiner Tochter beichten müssen, dass Wespe weg war. Schalavsky konnte nicht mal mehr sagen, wann er zuletzt Zuhause gewesen war. Selbst wenn, schlief er dort nur unruhig, sah in seinen Träumen Wespe in den schlimmsten Szenarien und machte sich sobald er wach war wieder auf den Weg zur Arbeit.
Da war eine Hoffnungslosigkeit die sich Schalavsky langsam bemächtigte mit jedem Tag, der verging, war er nicht sicher, ob er seinen Kollegen jemals wieder sehen würde.
Die Video waren das einzige Lebenszeichen und von dem wussten sie nicht, ob es noch aktuell war.
Wespe gab noch nicht auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und auf die Fliesen eingetreten, bis diese zerbrochen waren. Dann hatte er sich sein Augenbrauenpiercing entfernt und mit dem kleinen Stahlbogen durch die Fugen gekratzt, bis er die Fugenmasse raus gelöst hatte und er mit den Fingernägeln unter die heilen Fließen kam, bis er diese von den Wänden reißen konnte. Er hatte sechs halbwegs vollständig rausgelöst, bevor er entschied, dass es genug war. Hinter den Fliesen war, wie befürchtet, die Betonwand. Aber Wespe wollte die Fliesen haben. Er zog das Panzerband, dass ihn gefesselt hatte auseinander und klebte es über die Rückseite der arrangierten Fliesen. Außerdem klebte er etwas von den Panzerband auf seine nackten Fußsohlen. Die ganze Zeit bemühte er sich die Kamera im Rücken zu haben, damit nicht so schnell ersichtlich war, was er da trieb.
Es war überraschend, als Wespes Bruder Thomas plötzlich in Revier stand. Da man nicht so richtig wusste, was man mit ihm anfangen sollte, übergab man ihn an Tamina. Sie kannte einander zumindest ein wenig.
„Ist mein Bruder hier?“, fragte Thomas besorgt.
Tamina sah ihn mit großen Augen an und realisierte, dass sie etwas vergessen hatten: „Oh Shit.“ Sie griff Thomas’ Arm und zog ihn in Schalavskys momentan leeres Büro.
„Thomas, es tut mir so leid, wir hatten die längst Bescheid sagen sollen.“, sagte sie aufrichtig geknickt.
Thomas wurde bleich: „Ist ihm was passiert?“
Tamina verzog das Gesicht: „Er wurde entführt.“
„Was? Wann?“, fragte Thomas geschockt.
„Vor fünf Tagen.“, sagte Tamina schuldbewusst.
„Was?!“
Tamina bedeutete ihm sich zu setzten: „Wann hast du zuletzt was von ihm gehört?“
Thomas blickte verwirrt mir leerem Blick umher: „V-vor einer Woche. Er hat sich heute nicht zum Videocall mit unseren Eltern eingeloggt und war nicht zu erreichen. Deswegen bin ich ihn suchen gegangen, bei ihm Zuhause hat niemand aufgemacht...“
„Na Bulle, biste wach?“, fragte der Mann mit der tiefen Stimme.
„Bin ich.“, sagte Wespe.
Der Mann lachte: „Und gut geschlafen?“
„Warum bin ich hier? Was willst du von mir?“, fragte Wespe in einem versöhnlichen Tonfall. Der Mann hatte den Viehtreiber dabei. Und eine Bekanntschaft damit reichte.
Er deutete ein Schulterzucken an: „Ein klassischer Geiselaustausch. Dein Bullenarsch, gegen jemanden, den ich wieder frei sehen möchte.“
„Wer?“
„Morphius.“
„Der Drogenbaron?“, fragte Wespe lachend. „Ich wusste nicht, dass ich so hoch gehandelt werde.“
Der Mann wog den Kopf hin und her: „Die Leute mögen eine Underdogstory.“
„Danke?“, fragte Wespe. „Und wie laufen die Verhandlungen?“
„Noch gar nicht.“, sagte der Mann. „Wir lassen deine Bullenfreunde noch etwas zappeln. Dann bewegen sie sich später um so schneller.“
Wespe nickte, als würde er das als sinnvoll erachten: „Wie lange ist meine Anwesenheit hier noch geplant?“
„So lange, wie es braucht. Dein Bruder macht sich Sorgen, weil du nicht eure Eltern angerufen hast.“, teilte der Mann mit.
„Ja das. Kann mal passieren, wenn man entführt wird.", sagte Wespe.
„Klugscheißer.“
Wespe sah sich um: „Hast du die Zelle extra für mich gebaut?“
„Nein, ich musste nur ein bisschen Hand anlegen.“ Der Mann war der Zelle näher gekommen und Wespe versuchte das, was man als Wahnsinn definierte: Das Gleiche wie zuvor. Er packte sich den Kragen des Mannes und zog ihn mit alle Kraft gegen die Gitter. Einen Fuß stemmte er von innen dagegen, um mehr Kraft aufbauen zu kommen und er schaffte es tatsächlich, dass der Mann gegen das Gitter kam und aufschrie. Der Viehtreiber zuckte nach vorne, unkoordiniert aber er erwischte Wespe dennoch an der Brust.
Und rutschte mit einem Klonk ab. Der Mann warf sich zur Seite, so dass Wespe beinah seinen Halt verloren hätte. Der Mann griff zur Seite, wo anscheinend so etwas wie ein Notausschalter verborgen war. Plötzlich war das Gitter nicht mehr unter Strom. Der Mann sackte herab. Wespe zog sein Shirt aus, schlang es um den Hals des Mannes und knotete es so fest er konnte.
Dann tastete er nach den Taschen des Entführers. Irgendwo musste der Schlüssel sein. Der Mann lachte rau auf: „Gar nicht schlecht, Bulle. Aber ich habe keinen Schlüssel. Schau dir mal die Tür mal genauer an.“
Wespe hatte alle Taschen leer vorgefunden. Nicht mal die Waffe hatte er gerade bei sich. Er trat zu der Tür und sah sie sich an. Und etwas stockte in ihm. Die Tür war nicht verschlossen. Sie war verschweißt. Wespe wurde kalt. Er kam hier nicht raus.
„Tja, Bulle.“, sagte der Mann und riss das T-Shirt um seinen Hals durch. „Du kommst hier nicht raus bevor, ich es nicht will.“ Er griff nach dem Viehtreiber, den Wespe wirklich aus seiner Reichweite hätte entfernen sollte, und stand wieder auf. Wespe starrte ihn wütend an. Der Mann deutete mit dem Viehtreiber beeindruckt auf Wespes Oberkörper auf dem mit dem Panzerband die Fliesen angebracht worden waren. „Das ist keine schlechte Idee.“ Er schaltete den Strom für das Gitter wieder ein und Wespe trat unwillkürlich einen Schritt nach hinten: „Ich bin wie Iron Man.“
„Oh Bulle, du hast ja Humor.“, sagte der Mann. „Hoffen wir mal, dass der dich nicht noch umbringt.“
„Wäre nicht das erste Mal.“, sagte Wespe verbissen.
„So Bulle, hast du endlich verstanden, dass du keinen Ausweg hast?“, fragte der Mann, als er sich seinen Anzug abklopfte.
Wespe nickte stockend. Er hatte ja recht. Nichts, was er noch tat, würde ihn hier rausholen.
„Gut. Weißt du, ich nehm dir deinen Ausbruchsversuch nicht mal übel. Jedes Tier versucht sich zu befreien, bevor es weiß, dass die Konsequenzen schlimmer sind. Aber du hast das jetzt gelernt, oder?"
„Ja.“, sagte Wespe verbissen.
Der Mann klang als würde er lächeln: „Gut. Das nächste Mal, dass ich den Viehtreiber benutzen muss, hat er volle Power. Und du kannst doch nicht ewig hinter Fliesen verstecken.“
Glockner kam in Schalavskys Büro: „Ich hab ein neues Video bekommen. Ich hab’s dir weitergeleitet.“
Schalavsky schluckte und sah auf seine Nachrichten. Als er das Video aufrief bemerkte er sofort, dass Wespe sich alle Mühe gab sich von seinen Fesseln zu befreien.
„Was ist das da?“, murmelte Schalavsky und deutete auf einen Fleck.
„Eine Wasserflasche.“, sagte Glockner. In diesem Moment gab es einen Schnitt und Wespe saß nun. Seine Arme waren frei und er kämpfte mit dem letzten bisschen des Bandes über seinem Mund. Er schien mittlerweile zu weinen. Sein Körper schüttelte sich. Alles in Schalavsky zog sich zusammen. Als würde er den emotionalen Zusammenbruch seines Körpers nicht bemerken, begann Wespe methodisch auch das Klebeband über seinen Augen zu lösen und als er das eine Auge aufhatte, bewegte er sich nach vorne zu dem Fleck, der sich als Wasserflasche herausstellte. Er untersuchte sie genau und trank erst, als er mit seiner Untersuchung zufrieden war. Guter Junge, dachte sich Schalavsky. Wespe wischte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und löste das Klebeband auch über dem anderen Auge. Er befreite seine Beine und stand auf. Sich streckend sah er sich bereits um und dann ging er dazu über das Gitter zu untersuchen, von dem er aber sofort zurück zuckte, als hätte er einen Schlag bekommen.
„Die haben das Gitter unter Strom gesetzt.“, sagte Schalavsky fassungslos. Glockner brummte in einem Tonfall der verriet, dass das noch nicht alles war.
Wieder war da ein Schnitt und Wespe horchte aus seiner sitzenden Position heraus auf. Er beobachtete etwas jenseits der Kamera. Wespe bewegte nicht den Mund. Es gab ohnehin keinen Ton. Hörte er zu? Ein Schatten trat an der Kamera vorbei. Groß und breit und komplett unscharf. Er stellte etwas vor die Gitter und in dem Moment griff Wespe an. Schalavsky stellte anerkennend fest, dass es nicht der schlechteste Plan in einer so eingeschränkten Situation war. Den Mann packen, gegen das Gitter ziehen, bis er gebrutzelt wurde und dann versuchen ihm die Schlüssel abzunehmen wenn er sich nicht mehr wehren konnte.
Aber natürlich war es nicht so einfach. Der Mann stieß etwas nach Wespe, es blitzte und Wespe fiel zusammen gekrümmt zu Boden. Der Mann zog den Stock zurück, denn Schalavsky als einen Viehtreiber erkannte und schlenderte davon. Das Video endete.
Schalavsky atmete tief durch und sagte beherrscht: „Gabs eine Nachricht dazu?“
„Ja. Sie wollen einen Geiselaustausch.“, erklärte Glockner.
„Wer?“
„Haben sie noch nicht gesagt.“
„Scheiße.“
Glockner nickte verbissen: „Sie schreiben auch, dass wir uns beeilen sollen, weil Bienert weitere Angriffe, wie diesen nicht überleben wird.“
Schalavsky biss die Zähne fest zusammen: „Haben wir Befehle, wie wir verfahren?“
„Noch nicht.“
„Wir müssen was tun, Emil.“, sagte Schalavsky leise.
„Ganz meiner Meinung. Aber was?“, fragte Kommissar Glockner.
„Können wir ihnen eine Nachricht senden?“, fragte Schalavsky. Glockner verzog das Gesicht: „Offiziell sollten wir das nicht.“
Schalavsky nickte: „Aber Unfälle passieren.“
„Natürlich.“
Wespe saß gegen die Wand gelehnt auf der Matratze und summte vor hin. Gelegentlich kam auch etwas Songtext mit durch: „Baby, you can’t stomp me out – You know, you can’t even slow me down – You know I spread thsi wild around – so of you’re sure, you better shoot me now-“ Wespe unterbrach sich als die Tür sich öffnete.
Der Mann kam ungewöhnlicher Weise ohne etwas zubringen, was seltsam war: „Wer ist Schalavsky?“
Wespe horchte auf: „...mein Dienstpartner und Vorgesetzter.“
„Meinst du, er möchte dich wieder haben?“, fragte der Mann und starrte auf sein Handy.
„Wahrscheinlich nicht.“, sagte Wespe düster.
Der Mann lachte: „Machst Probleme, was?“ Wespe zuckte mit den Schultern.
„Er hat versucht anzurufen.“, sagte der Mann. Wespe versuchte nicht zu reagieren. Aber vielleicht sah man ihm seine Hoffnung an.
„Scheinbar werden deine Freunde nervös.“ Der Mann ging wieder und Wespe hatte die Vermutung, dass er vorerst sein Recht auf Wasser und Essen verspielt hatte.
„Wir haben ein Problem.“, sagte Glockner düster noch bevor Schalavsky seinen Morgenkaffee hatte. Nicht, dass es sich wie ein Morgen anfühlte, weil er gar nicht erst Zuhause war: „Sie wollen Wespe gegen Morphius tauschen.“
„Den Drogenbaron?“
„Ja. Der ist nur leider im Zeugenschutzprogramm.“, sagte Glockner düster. „Wir kommen nicht an den ran.“
Schalavsky fluchte auf Russisch. Glockner nickte zustimmend.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Schalavsky, aber bekam keine Antwort.
„Dem Täter beibringen, dass er das alles umsonst gemacht hat?“, fragte Glockner. „Wobei wir das wahrscheinlich jetzt abgeben müssen.“
Tamina kam so schnell durch die Tür, dass die Scheibe darin bedenklich klapperte: „Ich hab was!“ Sie war außer Atem und platzierte ihren Laptop auf der Tisch und zeigte auf etwas: „Ich habe Wespes Arbeitsweg am Tag, als er verschwand überwacht und konnte eingrenzen, wo er verschwunden ist. Wer auch immer ihn geschnappt hat, hatte eine Idee wo die Verkehrskameras sind. Aber! Nicht welche Läden Kamera überwacht sind. Die dürfen zwar auch rechtlichen Gründen nicht die Straße filmen, ein bisschen was ist trotzdem zu sehen und ich konnte durch die Zeiten feststellen, wo Wespe mit samt Fahrrad verschwindet und welches Auto von da aus weiter fährt. Ein grauer Lieferwagen. Groß genug, um Wespe und Fahrrad zu verstauen. Und von da aus konnte ich auch den Wagen mit den Verkehrskameras verfolgen und das Kennzeichen feststellen. Ich lasse bereits danach fahnden. Das Auto ist Richtung Süden gefahren, als es mit Wespe abgehauen ist. Der Wagen selbst gehört einer Mietwagenfirma und wurde noch nicht zurückgegeben. Ich versuche die Mietwagenfirma dazu zu bringen den Wagen zu orten, weil wir vermuten, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist.“
„Das ist fantastisch, Salah.“, sagte Glockner aufgeregt.
„Nur gründliche Arbeit.“, sagte Tamina entschlossen. Sie wollte ihren besten Freund wieder haben. Schalavsky schenkte ihr ein hoffnungsvolles Lächeln. Sie würde wahrscheinlich in einer freien Minute auch TKKG stecken, dass sei einen kleinen Fortschritt gemacht haben. Aber das dämmte die Sorge nur ein.
Wespe hörte den Mann wieder in den Raum kommen. Er redete bereits. „Nein, ich will mit seinem Partner sprechen. Schalavsky. – Es ist mir schon klar, dass Sie dafür ausgebildet sind, aber ich mag es Dinge im kleinen Kreis zu halten. Geben Sie mir Schalavsky.“
Wespe ließ die Schultern hängen. Keine Chance, dass das gut für ihn ausging.
„Hör mal, ich glaube, das läuft nicht.“, sagte er. „Man tauscht keine Geiseln. Das ist Bullen-Ein-mal-Eins. Und Schalavsky ist einer der korrektesten Polizisten, den es je gab.“
„Glaubst du nicht, dass dein Partner dich wieder haben will?“, fragte der Mann spielerisch erstaunt.
„Eher nicht.“, sagte Wespe trocken.
„Dann müssen wir mal schauen, ob sich nach ein paar Einzelteilen seine Meinung ändert.“, sagte der Mann. Wespe warf den Arme hoch und lehnte sich an die hintere Wand.
„Kommissar Schalavsky, nehme ich kann.“, sagte der Mann in einem ungewöhnlich höflichen Tonfall. Er hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und so konnte Wespe hören, wie Schalavsky antwortete: „Ja. Das ist richtig. Bienert ist wohl auf, wie ich höre?“
Der Mann nickte ihm auffordernd zu.
„Es geht mir gut.“, sagte Wespe neutral.
„Sie wissen, dass ich bereit bin Morphius gegen Bienert zu tauschen.“, sagte der Entführer.
„Das ist nicht so einfach.“, sagte Schalavsky und Wespe warf seinem Entführer seinen besten Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick zu. „Morphius ist nicht verhaftet.“
„Was?“, fragte der Mann ehrlich skeptisch.
Schalavsky stockte ein wenig vor der nächsten Infromation: „Er ist in einem Zeugenschutzprogramm.“
Wespe lachte bitter auf. Damit war auch diese Hoffnung dahin.
„Was soll das heißen?“, sagte der Mann.
„Dass dein geehrter Morphius alle verraten hat, für einen Neuanfang.“, sagte Wespe bitter. „Er wird irgendwo vollkommen frei unter neuem Namen leben und hat sich dafür entschieden keinen Kontakt zu seinen alten Freunden zu haben. Wahrscheinlich hat er dich mit verraten, während du hier deinen Masterplan abziehst und auf den besten Weg bist, selbst in den Knast zu wandern.“
Der Mann stürmte nach vorne, schaltete den Strom auf dem Gittern ab und stocherte mit dem Viehtreiber nach Wespe bis er ihn trotz Fliesen erwischte und Wespe schreiend zu Boden ging.
„Hören Sie auf!“, brüllte Schalavsky durch das Telefon. „Wie gesagt, es ist schwierig, aber wir können herausfinden wo Morphius mittlerweile lebt.“ Wespe krümmte sich. Das war gelogen. Sie hatten keinen Zugriff auf das Zeugenschutzprogramm.
Der Mann schien kurz nachzudenken und nickte dann: „Gut, Sie verraten mir, wo er sich befindet und ich lasse Ihren nervigen Kollegen frei.“
„Gut. Wir brauchen nur etwas mehr Zeit.“
„Ich lasse Ihnen alle Zeit der Welt.“, sagte der Mann ungerührt. „Wie lange Bienert das allerdings noch mitmacht….“ Er erwischte Wespe wieder mit dem Viehtreiber. Wespe wand sich am Boden als seine Muskeln unkontrolliert zuckten. Zerbrochene Fliesen schnitten in seinen Oberkörper, aber nicht mal das nahm er wahr.
Schalavsky sah auf das Handy, als der Anruf endete. Die Abteilung für Geiselnahmen hatte ihn nur widerwillig an das Telefon gelassen, aber der Entführer hatte darauf bestanden.
Glockner legte Schalavsky eine Hand auf die Schultern: „Komm mit mir, Klaus.“ Glockner konnte ihn ohne Widerwehr aus dem Raum,, der die neue Zentrale der Wespe-Operation war, lenken und sie endeten in Glockners Büro, wo er die Jalousie vor den Fenstern schloss.
Schalavsky setzte auf einen der Stühle ohne dazu gezwungen zu sein und atmete zu flach.
Glockner zog den zweiten Stuhl, so dass er ihn direkt gegenüber saß: „Klaus? Tief einatmen.“
Schalavsky zwang sich tiefer zu atmen: „Du hast gehört, was Wespe gesagt hat… er glaubt nicht, dass ich ihn wieder hier haben möchte.“
„Das ist Bienert. Der hat nur versucht den Entführer aus dem Konzept zu bringen.“, sagte Emil sanft.
Schalavsky vergrub das Gesicht in den Händen: „Ich hab ihn letztens angeschrien.“
Glockner brummte. Das war ihm durch aus bewusst. Wie auch dem Rest des Hauses.
Schalavsky ließ die Hände in den Schoß fallen und den Kopf zurück sinken: „Ich wollte doch nur, dass er mehr Acht auf sich gibt und jetzt das. Ich hätte früher bemerken müssen, dass er verschwunden ist.“
„Bienert weiß, was er tut.“, sagte Kommissar Glockner. „Und du konntest nicht wissen was dieser Entführer geplant hatte.
Schalavsky lachte schwach auf: „Er kümmert sich nicht um seine eigene Sicherheit.“
„Wenn er das nicht tun würde, dann wäre er nicht bis hierher gekommen.“, sagte Glockner entschieden. „Du musst ihm ein bisschen vertrauen, dass er weiß, was er sich zumuten kann. Und dass er nach Hilfe fragt, wenn er sie braucht.“
„Tut er das?“
„Ich hab gehört, er ist besser darin geworden.“, sagte Glockner mit bedeutungsvollen Blick. Schalavsky verzog das Gesicht, aber sah auch ein, dass Emil recht hatte: „Ich will ihn wieder haben.“ Es schwang eine Wahrheit in den Worten, die Glockner nicht ganz so erwartet hatte. Aber sie überraschte ihn auch nicht. Wenn irgendjemand eine so harte Nuss wie Schalavsky knacken konnte, dann wohl Bienert.
„Komm, wir müssen schauen, dass wir Bienert da endlich raus bekommen.“, sagte Emil freundlich und Schalavksy nahm sich zusammen. Wespe ging vor. Und sie hatten endlich einen Anhaltspunkt in wessen Dunstkreis sie ihren Entführer suchen mussten.
Wespe lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Sein Muskeln brannten. Er war müde und wollte schlafen. Und vielleicht tat er das auch, denn das Nächste, was er merkte war der mittlerweile vertraute Schmerz, wenn er mit dem Viehtreiber erwischt wurde.
Wespe streckte mit einem erstickten Atem hoch. „Was ist denn jetzt?“
„Ich fürchte deine Kollegen halten sich nicht an Abmachungen.“, sagte der Mann düster.
„Aha.“, machte Wespe und zog sich zur hinteren Wand zurück.
„Sie haben das Haus umstellt.“
„Und ich bin jetzt deine Geisel, hinter der du dich nicht verstecken kannst, weil du mich hier drin eingeschweißt hast, tja, scheiße gelaufen für dich.“ Wespe setzte sich so bequem, wie es ging gegen die Wand: „Und nu?“
„Ich kann dich immer noch umbringen.“, sagte der Mann.
„Dann hättest du gar kein Druckmittel mehr.“, stellt Wespe fest. „Clever.“
„Was werden deine Kollegen machen?“, fragte der Mann. Wespe sah ihn kurz an bevor er geschäftig in seinen Taschen wühlte: „Lass mich nur kurz mein unsichtbares Funkgerät suchen, dann frag ich einfach nach.“ Sehr viel schärfer setzte er hinterher: „Ich bin seit Tagen hier eingesperrt, woher soll ich das wissen?!“
Der Mann schwieg kurz, dann grollte er: „Komm nach vorne.“
Wespe bewegte sich nicht. Der Mann machte den Storm aus und richtete eine Waffe auf Wespes Kopf. Das war ein überzeugendes Argument. Wespe trat nach vorne an das Gitter. Das Panzerband kam wieder zum Einsatz und dieses mal klebte er beide Hände von Wespe an Gitterstreben und außerdem mehrere Streifen des Klebeband so um seinen Hals, dass er direkt gegen das Gitter gedrückt wurde. Er holte mehrere Schwerlastregale, die er zu einer Barrikade aufeinander legte.
„So. Wenn deine Kollegen mich erschießen, wirst wirst du gebraten.“, sagte der Mann und setzte sich genau gegen den Stromhebel, eine Hand auf dem Schalter.
„Kreativ.“, meinte Wespe bissig.
„Brutus Sövit, kommen Sie mit erhobenen Händen raus, Sie sind umstellt!“, tönte es von außen her. Es war nur leise zu hören. Scheinbar war das Gebäude gut isoliert. Am Megafon war es Glockner gewesen, was wahrscheinlich hieß, dass Schalavsky zu den gehörte, die bald das Gebäude stürmen wurden. Wespe konnte natürlich nicht sagen, ob es noch weitere Komplizen gab, aber bisher kam ihm Brutus wie ein Einzelgänger vor. Seine Kollegen draußen wussten wahrscheinlich schon mehr.
Schalavsky war per Funk mit Glockner verbunden: „Keine Reaktion. Wärmebild Kameras zeigen nur zwei Personen, eine steht unbeweglich, möglicherweise gefesselt, die andere sitzt zwei Meter weiter. Startet den Zugriff.“ Schalavsky bestätigte den Befehl und sah sich nach seinem Team um. Salah war dabei, weil sie darauf bestanden hatte. Schalavsky überprüfte mit einem kurzen Blick, ob ihre Schutzweste richtig saß. Dann deutete er dem Team an, dass es los ging. Geübt brachen sie die Tür auf und schwärmten in den Raum. Die untere Etage war erwartungsgemäß leer. Sie sahen sich trotzdem vorschriftsgemäß um und stiegen dann die Treppe hinauf. Im oberen Geschoss war ein Raum scheinbar provisorisch zum Leben gebraucht worden und ein weiterer war abgeschlossen und wurde auch aufgebrochen. Schalavsky lief mit der Waffe im Anschlag in den Raum. Er behielt die Wand im Rücken und drehte sich in die Richtung, in der er die beiden Personen von der Wärmebildkamera vermutete. Er sah zuerst Wespe, der an das Gitter gefesselt stand.
Dann sah er den Kopf von Brutus hinter seiner Barrikade und dessen Knarre: „Lassen Sie die Waffe fallen, heben Sie die Hände und kommen Sie da raus!“
„Wenn Sie einen Schritt näher kommen, brate ich Ihren Kollegen.“, warnte Brutus. Schalavsky blieb stehen: „In Ordnung. Brutus Sövit, Sie kommen hier nicht mehr raus. Wenn Sie sich jetzt ergeben, wird das vor Gericht berücksichtigt.“
„Pah, liegt Ihnen so wenig an dem Jungen, dass Sie mich damit abspeisen wollen?“, fragte Brustus. „Zunächst mal schicken Sie Ihre Kollegen weg. Außer Ihnen bleibt niemand im Raum.“ Schalavsky zögerte. „JETZT!“
„Zieht euch zurück!“, rief Schalavsky. „Alle den Raum verlassen.“ Das Team bewegte sich rückwärts aus dem Raum, bis auf Tamina, die es nutzte, dass die Tür im Totenwinkel lag und sich an die Außenwand von Wespes Zelle presste. Sie konnte zwar nicht sehen, was Sövit machte aber sie konnte Schalavsky beobachten. Schalavsky nahm die Bewegung wahr, aber sah nicht hin.
„Ist das Schalavsky?“, fragte Brutus.
„Kommissar Schalavsky.“, korrigierte Wespe.
Brutus lachte auf: „Ihm scheint ja doch was an dir zu liegen. Ist er dein Lover?“
„Nein, leider nicht.“, sagte Wespe trocken. Brutus ging nicht drauf ein, weil er versuchte sich auf die Situation zu konzentrieren.
„Komm schon, Brutus, was ist dein Plan? Mich umzubringen, in dem ich eine Thrombose vom Stehen bekomme?“, fragte Wespe missbilligend.
Brutus schüttelt leicht den Kopf: „Sie werden mich mit meiner Geisel gehen lassen.“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Das kann ich nicht zulassen.“
„Das funktioniert auch nicht, weil er die Tür zu geschweißt hat.“, sagte Wespe hilfreich. „Nicht mal er bekommt mich hier einfach so raus.“
Brutus drückte kurz den Schalter für den Strom und Wespe schrie und wand sich ohne los kommen zu können.
„Aufhören!“, brüllte Schalavsky und feuerte einen Warnschuss ab. Brutus hatte den Schalter wie der ausgestellt und Wespe erschlaffte an den Gittern.
„Sie sehen, Ihr Liebling hier, wird es nicht lange mitmachen, wenn Sie mich nicht gehen lassen.“, verkündete Brutus.
„Das kann ich nicht tun.“, sagte Schalavsky.
„Hab ich doch gesagt.“, sagte Wespe schlapp, als er seine Füße wieder runter sich bekam. „Der bricht keine Regeln und ganz bestimmt nicht für mich.“
Brutus starrte Schalavsky an: „Was soll es werden? Wenn Sie mich erschießen, wird ihr Verehrer gebraten oder ich könnte immer noch schauen, wie viele ich erschießen kann, bevor mich einer von euch erwischt und dann der Kleine gebraten wird.“
Schalavsky verzog das Gesicht: „Was wollen Sie?“
„Waffe runter.“, sagte Brutus.
„Das wird nicht passieren.“, sagte Wespe. „Schalavsky, erschieß ihn einfach. Ist schon okay. Ich hab’s bisher alles überstanden. Testen wir mein Glück.“
Brustus lachte: „Hast ein Todeswunsch, he? Hättest du mir früher sagen können.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky zur Überraschung von beiden und hielt seine Waffe hoch. Langsam ging er in die Hocke und legte sie auf den Boden.
„Mhm, vielleicht hast du doch noch eine Chance, Casanova.“, sagte Brutus verschwörerisch.
„Wie viele Spitznamen hast du eigentlich noch für mich?“, fragte Wespe verzweifelt.
„Ein paar.“
Schalavsky richtete sich mit offenen Händen wieder auf. Unbewaffnet. Zumindest scheinbar.
„Weg von der Waffe.“
Schalavsky ging einige langsame Schritte von seiner Waffe weg weiter in den Raum. Brutus’ Augen folgten ihm genau. In diesem Moment schoss Tamina – im zweifachen Sinne des Wortes – um die Ecke: Sie wirbelte aus ihrem Versteck und verpasste Brutus eine zielsichere Kugel in die Schulter, der schrie auf, betätigte den Stromhebel und riss seine Waffe herum. In diesem Moment war Schalavsky in die Hocke gegangen, hatte seine Zweitwaffe aus dem Knöchelholster gezogen und erschoss ihn zielsicher.
Wespe schrie nicht mehr, sondern zuckte nur. Tamina rannte vor und sprang über die Ecke der Barrikade, um den Strom wieder abzuschalten. Wespe wurde still und hing nur dank der Fesseln noch aufrecht. Schalavsky rannte nach vorne. Tamina überprüfte Brutus Sövit. „Er ist tot.“
„Holen Sie die Kollegen und die Notärzte. Jemand muss die Tür aufschweißen.“, rief Schalavsky, als er vor Wespe zum Stehen kam und einen Arm um ihn schlang. Er zog ihn etwas hoch und drückte ihn an das Gitter, damit er nicht noch erstickte. Mit der anderen Hand zog er sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und schnitt das Klebeband, dass Wespes Hals an die Streben zwang, durch. Dann auch die Fesseln an den Händen und er ließ sich langsam mit Wespe auf die Knie sinken. Wespe atmete noch, und Schalavsky dankte den Sternen dafür, denn wenn der Strom endgültig sein Herz gestoppt hätte, hätte niemand aus dieser Position eine Herzdruckmassage durchführen können und er hätte nur mit ansehen müssen, wie sein Freund langsam starb.
Wespe blinzelte ihn langsam an und sagte mit leiser Stimme: „Klaus?“
Schalavskys Herz stoppte fast: „Ja?“
„Danke, dass du mich gerettet hast.“ Die Stimme war schwach. Wespe lehnte sich gegen die Gitter.
„Hey, Wespe.“ Schalavsky griff nach Wespes Wangen und streichelte sie sanft um, die verbrannte Haut nicht noch mehr zu irritieren. „Ich werde dich immer retten. Und ich würde alles tun, um dich zu retten. Es tut mir leid, dass du daran gezweifelt hast. Es tut mir leid, dass ich dir Grund zum Zweifeln gegeben habe.“ Schalavsky traten Tränen in die Augen. „Ich will dich nicht verlieren.“
Wespe griff durch die Gitter nach Schalavskys Hand und lächelte matt: „Wirst du nicht.“
Die anderen Polizisten und die Sanitäter und der Notarzt kamen in den Raum. Der Notarzt und ein Sanitäter kam direkt zu Wespe. Schalavsky rutschte aus dem Weg. Ein anderer Sanitäter sah sich Brutus an, aber Schalavsky hatte zu gut getroffen. Bei dem war nichts mehr zu machen.
Durch das Gitter hindurch wurden die ersten Werte erhoben und Wespes Atmung überprüft. Salah koordinierte im Hintergrund, das man das Schweißgerät von Brutus finden und dazu einen der Kollegen, der Schweißen konnte. Oder die Feuerwehr nach zu ordern.
Schalavsky ließ Wespes Hand los zeigte sie den medizinischen Helfern. Die Gitter hatten beide Hände verbrannt.
Wespe war bereits so gut wie möglich versorgt worden – seine Verbrennungen und Verletzungen verbunden, Wasser und Nahrung gegeben – bevor die Tür geöffnet werden konnte.
Wespe kam steif und langsam laufend aus der Zelle und durfte sogleich auf der Liege der Sanitäter Platz nehmen. Schalavsky blieb an seiner Seite und fuhr auch mit zum Krankenhaus. Glockner erwartete ohnehin, dass er Wespes Aussage aufnehmen würde.
Schalavsky blieb die ganze Zeit bei ihm und Wespe sah ihn oft so an, als würde er in Tränen ausbrechen, wenn er sich nicht stark zusammen riss.
Als Wespe komplett durchuntersucht worden war und alles weitere warten musste, wurde Schalavsky erlaubt die Aussage aufzunehmen unter dem Vorbehalt, dass es nicht lange dauern dürfe.
Wespe erzählte ihm alles an das er sich erinnerte, was viel war. Er glaubte, dass Brutus ihn auf der Straße abgedrängt hatte, bis er mit seinem Rad stürzte und ihn dann irgendwie betäubt hatte. Und den Rest der Zeit hatte er in der Zelle verbracht. Ein paar Dinge aus Wespes Nacherzählung kannte Schalavsky aus den Videos. Aber nicht wie er zum zweiten Mal versucht hatte Brutus mit dem Gitter auszuschalten und fest gestellt hatte, dass er hoffnungslos verloren war. Wespe unterdrückte einen Laut und presste sich die verbundenen Hände gegen die Augen. Schalavsky war an seiner Seite und zog die Hände vorsichtig runter.
„Schon gut, Wespe.“, sagte er leise. „Ich bin für dich da. Ich werde dich nie einfach so aufgeben.“ Er erinnerte sich, wie er Wespe nach der Explosion im Krankenhaus gehalten hatte. Warum hielt er ihn eigentlich nur, wenn er davor fast drauf gegangen war. Er würde ihn gerne auch sonst so halten können. Aber das war nicht der Moment, um diese Diskussion anzufangen.
„Entschuldige… das ist keine gute Befragung.“, murmelte Wespe gegen seine Schulter.
„Wir können das morgen machen.“, sagte Schalavsky. „Die Krankenschwestern möchten ohnehin, dass du schläfst.“ Wespe nickte schwach und löste sich von Schalavsky, um sich hinzulegen. Schalavsky lächelte ihm aufmunternd zu und sagte einer der Schwestern Bescheid, dass sie Wespe seine verordneten Schlaftabletten bringen konnten und dann verabschiedete sich Schalavsky, in dem er Wespes Stirn küsste. Wespe seufzte zufrieden, aber sagte nichts mehr dazu.
Es war Nachmittag des Folgetages als Schalavsky zurück im Krankenhaus war. Wespe war mittlerweile wieder etwas präsentabler. Er saß halbwegs aufrecht im Bett und war wohl gewaschen worden. Tamina hatte ihm wohl wieder seine Sachen gebracht.
„Wie gehts dir?“
„Nur noch zur Hälfte, wie ein gebratenes Hähnchen.“, sagte Wespe.
Schalavsky lächelte leicht: „Das klingt zumindest viel versprechend. Was sagen die Ärzte?“
„Ein paar Verbrennung. Aber wohl keine Schäden an meinem Herz. Sie testen noch Nervenströme oder so.“ Wespe winkte ab. „Wie laufen die Ermittlungen?“
„Wir haben genug über Brutus, um ihn für zwei Leben einzuknasten. Und das ohne das was er dir angetan hat.“, sagte Schalavsky. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf Wespes Oberschenkel. „Ich bin echt froh, dass du wieder da bist und nicht… Naja.“
Schalavsky lächelte gezwungen: „Das, ja das auch. Was ich sagen will ist… ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst. Und ich habe dich mehrfach von Dingen wieder aufstehen sehen, die andere zerstört hätten. Ich habe Angst, dass es irgendwann nicht mehr klappt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann zu spät bin.“
„Bisher hast du mich noch immer gerettet.“, neckte Wespe gutmütig. „Mein edelmütiger Blaulicht-Ritter.“
„Kannst du mal kurz die Klappe halten?!“, fragte Schalavsky halb lachend.
„Fällt mir schwer.“, gab Wespe zu. „Vielleicht ist doch irgendwas in meinem Gehirn durchgeschmort.“
„Das wäre aber nichts neues.“, bemerkte Schalavsky. „Willst du mir kurz zuhören?“
„Du musst dir keine Gedanken machen.“, sagte Wespe. „Unser Streit ist schon vergessen. Ich weiß, dass du es nur gut mit mir meinst. Und dich sorgst. Manchmal zu viel.“
Schalavsky nickte: „Das ist gut… und teil von dem, was ich sagen wollte, aber ich wäre dir sozusagen persönlich verbunden, wenn du mir kurz nur zuhören könntest.“
Wespe deutete an seinen Mund zu verschließen und warf den Schlüssel weg.
Schalavsky holte tief Luft: „Das hier ist nicht- ähm. Meine Sorge um dich ist nicht nur beruflicher Natur. Uuund, ähm w-wie soll ich sagen? We-wenn du das gestern ernst gemeint hast, könnten wir was an dem dem »leider« ändern.“ Wespe zog verwirrt eine Augenbraue hoch und Schalavsky versuchte deutlicher zu werden: „Es ist nicht direkt was die Dienstordnung vorsieht… aber das. Hat dich ja noch nie gekümmert.“ Wespe verdrehte die Augen. „Tschuldige, das war kein Vorwurf. Ähm… Sekunde ich muss mich kurz sammeln.“ Wespe konnte hören, wie er kaum hörbar etwas murmelte. „Я тебя люблю. Я тебя люблю.“ Schalavsky sah Wespe wieder an und schluckte: „Ich habe Gefühle für dich, die ich nicht für einen Kollegen haben sollte und ich kann sie nicht ignorieren. Und ich hoffe, dass du mir eine Chance gibst, mir zu beweisen, dass ich das alles ernst meine.“
Wespe warf sich slapstickartig zur Seite, wo er zuvor den imaginären Schlüssel für seinen Mund hingeworfen hatte und ‚schloss‘ seinen Mund wieder auf. Schalavsky sah ihn etwas ungläubig an.
„Wow.“, sagte Wespe. „Ich habe fast erwartet, dass du mich feuerst.“
„Was?“
„Das war die schwierigste Geburt einer Liebeserklärung, die ich je erlebt habe und unter anderen Umständen, hätte ich nicht die Geduld dafür gehabt.“, sagte Wespe. „Zu deinem Glück, bin ich noch als Bett gefesselt und habe auf so was schon sehr lange gehofft.“
„Wirklich?“, fragte Schalavsky erstaunt.
Wespe griff nach seinen Nacken und zog ihn an sich heran, um ihn endlich so zu küssen, wie er es schon seit langer Zeit wollte.
Das mit der Aussage aufnehmen wurde etwas ungewöhnlich gestaltet. Normalerweise gab es dabei weniger Körperkontakt und Speichelaustausch. Aber die Arbeit wurde gemacht und was die Vorgesetzten nicht wussten, konnten sie einem nicht vorwerfen. Schweren Herzens verließ Schalavsky seinen neuen Freund, aber er hatte noch einiges zu tun und Wespe musste sich ohnehin noch auskurieren.
So berüchtigt Schalavskys schlechte Laune auch war, genau so gefürchtet war seine gute Laune. Niemand war sich sicher, was sie mit einem Schalavsky anfangen sollten, der beschwingten Schrittes durch das Revier lief und beinahe ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Glockner sah ihn zwar aber schmunzelte nur für sich selbst und entschied sich, dass er nicht alles wissen musste. Es konnte hunderte Gründe für Schalavskys gute Laune geben.
Tamina hatte weniger Probleme damit einem Kollegen auf die Pelle zu rücken. Sie schlüpfte in das Büro, in dem Schalavsky eine Pflanze goss, die seit Wespes Verschwinden keine Zuwendung mehr erfahren hatte.
„Wie geht es Wespe?“, fragte Tamina unverbindlich.
Schalavsky sah zu ihr und stellte den Kaffeebecher, mit dem er die Pflanze gegossen hatte ab: „Gut. Also besser. Wird noch etwas dauern. Aber soweit scheint er es gut überstanden zu haben. Keine Herzschäden oder so. Die Verbrennungen natürlich aber da wird sich zeigen, wie die sich entwickeln.“
Tamina lächelte: „Das ist ja schön zu hören. Sind Sie deswegen so glücklich?“
Schalavsky sah sie mit offenen Mund an und suchte nach einer Antwort: „Sicher. Bienert geht es gut, wir haben einen gefährlichen Verbrecher hinter Schloss und Riegel. So sollte es doch sein.“
Tamina schmunzelte: „Natürlich. Und ich schätze ihr Streit mit Bienert ist nun beigelegt?“
„Ähm. Ja.“, bestätigte Schalavsky. „Wir haben uns ausgesprochen.“
„Sehr gut.“, sagte Tamina und fragte betont unschuldig: „Und hat das zu irgendwelchen persönlichen Änderungen geführt.“
„Persönliche Änderungen?“, wiederholte Schalavsky und sah sehr nachdenklich drein, bevor er den Kopf schüttelte: „Nicht das ich wüsste. Ne.“
„Sie können mir das ja mitteilen, falls es Ihnen noch einfällt.“, sagte Tamina und schlenderte zur Tür. „Ach und Glückwunsch.“
„W-wofür?“, fragte Schalavsky.
„Ach nur so.“ Tamina grinste und verschwand aus dem Büro.
Schalavsky stellte fest, dass er Probleme hat seine Gedanken von Wespe wegzubewegen und dem Gefühl seiner Lippen. Während der Arbeit bemühte er sich diese Gedanken zurück zu drängen, aber sobald er Zuhause ließ er sie zu. Sie kamen mit einer konstanten Aufregung, die vermutlich Verliebtsein mit sich brachte und ein bisschen Panik mit sich, wie es in Zukunft laufen sollte.
Schalavsky griff sich einen Rotwein, der solange in seiner Wohnung war, dass er eine sehr deutliche Staubschicht hatte. Möglicherweise war er mal ein Einzugsgeschenk gewesen. Normalerweise trank er mal ein Bier nach der Arbeit. Aber Schalavsky hatte noch nie diese Gefühle in dieser Intensität gespürt, zumindest nicht seit er alt genug war zu trinken und manchmal musste man neue Dinge ausprobieren.
Er war durch ein halbes Glas Rotwein, als es an seiner Tür klingelte. Schalavsky antwortete durch die Gegensprechanlage.
„Mach auf!“, klang es durch die Anlage.
„Wespe?“, fragte Schalavsky verwirrt und öffnete die Wohnungstür. Er hörte Schritte und das schwere Atmen von jemanden der sich nicht in best Verfassung die Treppe hochkämpfte.
Wespe tauchte auf der letzten Treppe auf und lächelte ihn außer Atem an: „Hey.“ Die letzten Schritte nahm er schneller und streckte seine Arme nach Schalavsky aus. Dieser nahm ihn sofort, wenn auch überrascht in die Arme: „Was machst du denn hier?“
„Hab, hach, hab ich selbst entlassen.“, sagte Wespe und ließ Schalavsky genug los, damit sie beide in die Wohnung treten konnten.
„Aber du solltest dich doch noch ausruhen.“, sagte Schalavsky und nahm Wespe seine kleine Reisetasche von der Schulter. Wespe nickte und trat sich im Flur die Schuhe von den Füßen: „Ich weiß, und ja ich sollte besser auf mich Acht geben, aber ich kann da nicht schlafen und schon gar nicht nach heute.“
Schalavsky sah ihn sprachlos an.
„Ich verspreche, ich gehe zu all meinen Behandlungen, aber ich will nicht den ganzen Tag im Krankenhaus sitzen.“, sagte Wespe, in der Hoffnung eine Standpauke abzuwenden.
Schalavsky fasste sanft seinen Hinterkopf und drückte ihm einen Kuss gegen die Schläfe: „Hast du Hunger?“
„Nee. Alles gut.“, sagte Wespe. „Ich muss mich nur Hinsetzten.“
Schalavsky deutete ihm ins Wohnzimmer. Wespe sah das Weinglas und fragte: „Oh, habe ich dich gestört?“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Ich wusste ohnehin nicht, was ich mit mit anfangen sollte. Ich würde dir, was anbieten aber du bist wahrscheinlich noch voll medikamentiert.“
„Stimmt.“, lächelte Wespe. „Hey, ich wollte mir dir reden.“
Schalavsky zog die Augenbrauen hoch und Wepse runzelte die Stirn: „Wow, das klang viel düsterer, als ich es gemeint habe. Ich möchte wissen, wie es mit uns weiter geht. Weil ich hoffe, dass es weiter geht.“
Schalavsky lächelte und griff nach Wespes Hand: „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders viel Erfahrung mit Beziehungen, geschweige den erfolgreichen Beziehungen habe, also…“ Schalavsky zuckte mit den Schultern.
„Möchtest du denn dass es eine erfolgreiche Beziehung wird?“
Schalavsky nickte und fragte: „Was möchtest du? Etwas ernstes oder…?“
„Ich kenn meinen Ruf, aber ich hätte gerne was ernstes mit dir.“, sagte Wespe. „Aber wie wirst du das in Bezug auf unseren Job finden?“
Schalavsky sah ernst drein: „Ich möchte, das hier nicht aufgaben.“ Er griff nach Wespes Hand. „Ich musste den ganzen Tag an dich denken und daran, wie froh ich bin, dass du noch lebst. Ich will dich nicht verlieren, und ich denke, wir können es schaffen uns weiterhin auf der Arbeit professionell zu verhalten.“
„Und wenn wir das irgendwann nicht mehr schaffen?“, fragte Wespe vorsichtig.
„Dann können wir immer noch eine Lösung finden.“, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn kurz an bevor er sich vorbeugte und küsste.
Schalavsky lehnte sich mehr zu Wespe, weil er ihn nicht einfach zu sich ziehen wollte, solange er noch verletzt war. Aber er küsste ihn tiefer als noch im Krankenhaus, und leidenschaftlicher.
Wespe seufzte in den Kuss und öffnete einladend seine Lippen, was Schalavsky sogleich ausnutzte.
„Danke.“, sagte Wespe, als sich ihre Lippen schließlich doch trennten. „Diese Versicherung habe ich gebraucht.“ Er lehnte sich erschöpft gegen Schalavsky.
„Alles gut.“ Wespe unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin nur müde.“
Schalavsky nickte: „Na dann, ab ins Bett.“
„Kommst du mit mir?“, fragte Wespe ein wenig zwischen verlegen und frech.
Schalavsky schmunzelte: „Es ist immerhin mein Bett.“
Wespe nickte: „Sehr wahr.“
„Geh schon, ich räume noch kurz auf.“, sagte Schalavsky. Und während er sich daran machte die Spuren seines Abendessens zu beseitigen, machte sich Wespe bettfertig.
Wespe kam aus dem Schlafzimmer, weil er bemerkt hatte, dass er mehr Durst hatte, als er gewillt war zum Schlafen gehen zu akzeptieren. Er hatte sich mittlerweile seine Schlafhose angezogen, die eigentlich nur eine alte Jogginghose war, irgendwo aus den 90ern, mit zu vielen intensiven Farben und von Wespe in einem Second Hand Shop als das bunteste Item vor Ort aufgegriffen worden war.
Sein Schlafshirt, ein Bandshirt, dass zwar schwarz war aber die abstruse Zeichnung von zwei halb ineinander gemorphten bewaffneten Kaninchen zeigte, ließ er in seiner Tasche. So tapste er barfuß in die Küche, wo Schalavsky gerade noch eine angefangene falsche Wein verstaute.
„Ich brauche etwas Wasser bevor ich Schlafen kann.“, sagte Wespe und Schalavsky begann sogleich ihm ein Glas einzuschenken. Wespe trank es in einem Zug auf und lächelte zufrieden: „Ich würde jetzt zu Bett gehen.“
Schalavsky blinzelte bei dem Tonfall etwas fasziniert und folgte Wespe die Lichter in der Wohnung ausmachend. Im Schlafzimmer machte es sich Wespe auf dem Bett bequem. Schalavsky zog sich sein Hemd aus und bemerkte das Wespe nicht die Scham besaß dabei weg zu schauen.
Schalavsky ging noch seine Zähne putzen (und sich sammeln) und betrachtete sich im Spiegel. Noch trug seine Anzughose und das Unterhemd. Einer Eingebung folgend ließ er beides im Wäschekorb zurück. Nur in Boxershorts ging er wieder ins Schlafzimmer. Sein Schlafanzug lag auf dem Bett und er zog sich die Hose an, während Wespe ihm zuschaute.
Als er nach dem Shirt griff zog es Wespe aus seiner Reichweite: „Brauchst du das wirklich?“
„Schätze nicht.“
Wespe lächelte und warf das Shirt zu einem Stuhl rüber.
Schalavsky stieg zu Wespe in das Bett und hielt sich noch höflich Abstand, doch Wespe kuschelte sich an ihm und legte seinen Kopf auf Schalavskys Schulter.
„Ist das hier okay für dich?“, fragte Wespe.
Schalavsky legte einen Arm um Wepse und lächtelte: „Ja, sehr okay.“ Wespe lächelte. Sie löschten das Licht und genossen das Gefühl in de Dunkelheit nicht alleine zu sein.
„Ich habe Angst, dass ich dir zu viel bin.“, sagte Wespe leise aber aufrichtig. Schalavsky hatte ihn deutlich gehört: „Wenn dem so wäre, wäre es nie hierzu gekommen.“
„Aber bisher hast du mich nur auf der Arbeit um dich und jetzt auch noch privat.“, sagte Wespe und strich in einem verschlungenen Muster über Schalavskys Oberkörper.
„Das bekomme ich auch noch hin.“, versicherte Schalavsky und entschied, dass es Zeit für eine Wahrheit über ihn war. „Ich habe Angst, dass ich dir kein guter Partner bin.“
„Was?“
„Ich bin älter als du.“, sagte Schalavsky. „Und störrisch und nicht so frei wie du.“
„Das war mir durchaus bewusst, bevor ich mich in dich verliebt habe.“, sagte Wespe. „Und es hat mich nicht aufgehalten.“
Schalavsky drückt ein der Dunkelheit einen Kuss auf Wespes Scheitel.
Gaby: *zu Klößchen* warum fragst du eigentlich immer direkt nach wenn du ein Wort von Karl nicht verstehst? Meistens erklärt er es doch ohnehin in seinen Vorträgen oder es ergibt sich im Kontext.
Klößchen: ja aber wenn ich frage wird seine Erklärung ausführlicher.
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Es folgt Teil 2 von dem ich das Gefühl habe, dass er nicht an zweiter Stelle stehen sollte, aber ich hab ihn halt schon fertig und... keiner hat je behauptet, dass ich mich an einen linearen Zeitablauf halten müsste.
2. Durchgeschleudert.
„Gehen Sie zum Arzt!“, hatte Glockner in einem ungewöhnlich strengen Tonfall angeordnet. Er hatte das allerdings auch schon zweimal zuvor gesagt. Wespe hatte genickt und das auch ernst gemeint. Allerdings hatte die Zusammenarbeit mit Schalavsky ihre Spuren hinterlassen und Wespe bevorzugte mittlerweile seine Berichte zu schreiben, bevor er einen Arzt aufsuchte und womöglich sediert wurde, was seine Erinnerungen beeinträchtigen könnte. Wie es so oft bei der Arbeit war, kam eines zum anderen und plötzlich häuften sich die Aufgaben, die er noch erledigen wollte.
Eine der Neulinge schlich sich an einem Punkt in sein Büro und fragte ihn wie sie ihre Arbeit richtig machte. Wespe war zwar nicht für die junge Danielle zuständig, aber er kannte ihren tatsächlichen Partner, der zwar ein guter Bulle war, aber weder Empathie, noch Geduld oder die Gabe hatte, etwas verständlich zu erklären. Wespe hatte Mitleid und so erklärte er Danielle, warum und wie sie ihre Arbeit machten sollten, damit alle Kollegen es nachvollziehen konnten. Das kostete ihn mindestens eine halbe Stunde, aber wenig später tauchte Danielle auch mit einem Kaffee als Dankeschön in seinem Büro auf, bevor sie sich an ihre eigene Arbeit machte. Wespe trank dankbar den Kaffee, versuchte die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren und tippte seinen Bericht.
„Hey Wespe“, erklang es als sich die Bürotür erneut öffnete. Tamina sah ihn kritisch an und runzelte die Stirn. „hat Glockner dir nicht vor 2 Stunden oder so gesagt, dass du zum Arzt sollst?“
So lange war es bestimmt noch nicht her, versuchte sich Wespe einzureden.
„Ja, ich hab nur schnell meinen Bericht getippt.“, winkte Wespe ab.
„Soll ich dich zum Arzt fahren?“, bot Tamina an.
Wespe schüttelte den Kopf: „Nein, Quatsch. Ich mach das nur schnell fertig und dann fahre ich selbst.“
Tamina sah ihn unzufrieden an: „Mir wäre es lieber, wenn du nicht selbst fahren würdest.“
„Okay, ich ruf mir nen Uber.“, lenkte Wespe ein. „Ich mach das nur fertig und pack dann meine Sachen ein.“
„Okay. Gute Besserung.“, sagte Tamina und brachte ihren Kollegen nur zum Schmunzeln, denn so schlimm war das ganze nicht.
Wespe konzentriere sich wieder auf seine Arbeit, in dem Versuch die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Er tippte etwas langsamer als sonst, weil seine linke Hand bei manchen Bewegungen wehtat.
„Hey Wespe.“, erklang nun die Stimme von Jeske. Wespe nickte ihm fragend zu.
„Kannst du runterkommen? Ich hab da ein Mädel sitzen, die ihre Aussage nur bei dir machen will.“, erklärte Jeske. Bienert hatte diesen Tag bereits abgeschrieben, also überraschte ihn auch das nicht mehr: „Wer ist es denn?“
„Sie nennt sich Monstera. Aber ihr richtiger Name ist Lena.“, verriet Jeske und Wespe ging ein Kronleuchter auf. Monstera hatte wie ihr Name schon verriet einen grünen Daumen. Leider nicht nur bei ihren Namensvettern, sondern vor allem bei Gras, dass sie illegal unter die Leute brachte und gelegentlich dabei auch an die falschen geriet. Wespe wusste dass sie einige Vertrauensprobleme hatte und nachdem er ihre Strafakte, sowie die Strafakten ihrer Eltern gelesen hatte, wunderte ihn das auch kein Stück. Wann immer Monstera von der Polizei aufgegriffen wurde, weigerte sie sich mit jemanden zu reden, es sei denn Wespe sprach mit ihr. Er hatte ihr Vertrauen auf die harte Weise erworben und existierte in ihrer Vorstellung nun als einziger guter Bulle der gesamten Millionenstadt. Auch wenn Wespe versprochen hatte längst beim Arzt zu sein und sein Dienst eigentlich schon vorbei war, so konnte er nicht Monstera einfach so sitzen lassen. Also steuerte er im Großraumbüro den Tisch an, an dem die junge Frau mit den grünen Haaren saß. Dass sie hier war und nicht in einem Vernehmungsraum, verriet Wespe schon, dass man sie erst mal nur für eine Aussage hier hatte.
Wespe setzte sich an den Tisch und begrüße Monstera.
„Sie sehen ja Scheiße aus.“, sagte Monstera seltsam mitfühlend klingend, trotz ihrer kruden Wortwahl.
„Es ist einer dieser Tage.“, lenkte Wespe ein.
Monstera lachte auf: „Davon können Sie ein Lied singen.“
„Wie wär’s wenn du für mich singst?“, schlug Wespe vor. „Was ist los?“
Es war anderthalb Stunde später, als Wespe sichergestellt hatte, dass Monstera sicher nach Hause kam und machte er sich auf zurück in sein Büro zu gehe, um alles was er gerade durch Monstera erfahren hatte nochmal ins Reine zuschreiben. Auf dem Weg besorgte er sich noch einen Kaffee und legte dann los.
„Guten Morgen, Bienert.“, sagte Schalavsky, als er das gemeinsame Büro betrat und seine Anzugjacke über seine Stuhllehne hängte. Schalavsky wollte gerade einen Kommentar dazu abgeben, dass sein Kollege ungewöhnlich früh dran war, als ihm die drei Kaffeebecher auf dem Tisch auffielen und die Berichte, die fertiggestellt und bereit zum abheften dalagen.
„Waren Sie Zuhause?“, fragte Schalavsky misstrauisch.
Bienert schüttelte den Kopf: „Ich mach das nur schnell fertig.“
Schalavsky seufzte: „Waren Sie beim Arzt?“
„Wieso denn?“ Wespe versuchte dumm zu spielen.
„Salah hat mir geschrieben, dass es sein kann, dass Sie heute nicht da sind, weil Sie einen Autounfall hatten.“, sagte Schalavsky. „Und dass Glockner Sie drei Mal aufgefordert hat zum Arzt zu gehen.“
„Ah… ja. Das.“, sagte Wespe abfällig. „Es ist nichts schlimmes. Wenn heute passt würde ich gerne etwas früher Feierabend machen.“
„Hackts bei Ihnen?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Ich habe genügend Überstunden und ich bin seit … 15 Stunden im Dienst?“, verteidigte sich Wespe, doch er hatte seinen Kollegen missverstanden: „Sie machen sofort Feierabend und begeben sich zum Arzt!“
„Aber ich hab noch was zu tun.“ Wespe deutete auf den Computer. „Und der Unfall war nicht schlimm.“
Schalavsky sah ihn kritisch an: „Hat sich das Auto nicht überschlagen?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Nur einmal. Schauen Sie, ich hol mir nur einen Kaffee dann kann ich meine Schicht normal antreten.“ Sehr schnell trat Schalavsky ihm in den Weg und hielt ihn auf: „Sie gehen heute nur noch zum Arzt.“
„Das ist nicht nötig.“, sagte Wespe und versuchte Schalavsky aus seinem Weg zu drücken. Schalavsky, der ein gutes Stück größer und ausgeschlafen war und sich nicht mit den Nachwirkungen eines Unfalls umschlagen musste, ließ sich nicht wegschieben.
Im Gegenteil schob er Wespe zurück bis die Wand in seinem Rücken war. Wespe starrte seinen Kollegen an, als sein Gehirn einen Kurzschluss hatte. Anders war es nicht zu erklären, warum sein Gehirn sofort die Erinnerung hochholte, als Wespe das letzte Mal gegen eine Wand gepresst wurde. Auch da war es ein Mann gewesen, der etwas größer als Wespe war und der anschließend noch einiges gemacht hatte, dass ihm in besonders guter Erinnerung geblieben war. Eben dieser Erinnerung gab Wespe jetzt auch die Schuld, dass seine Knie versagten. Oder es waren die Nachwirkungen des Unfalls. Wespe hielt sich reflexartig an Schalavsky Schulter fest, um nicht zu fallen und musste etwas verängstigt aussehen, denn Schalavskys Blick wurde sogleich sanfter. Er geleitete Wespe zu seinem Bürostuhl, damit er sich hinsetzte.
„Hey Wespe.“ Oh verdammt, dachte sich der Angesprochene. Schalavsky nannte ihn nur Wespe, wenn er befürchtete, dass etwas wirklich falsch war. „Hast du Schmerzen?“ Duzen auch noch? Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Er musste praktisch im Sterben liegen.
„Kopf.“, sagte Wespe einsilbig.
„Kannst du mir erzählen was passiert ist?“, fragte Schalavsky.
„Musste einem Geisterfahrer ausweichen.“, sagte Wespe. „Wollte ihn stoppen, aber er hatte einen Kind auf dem Rücksitz. Dann war da ein Baum und ein Graben.“
„Verstehe.“ Schalavsky begann durch Wespes Haare zu streichen.
Wespes Augen fielen ihm halb zu: „Was machen Sie?“
„Ich schaue, ob du eine Kopfverletzung hast.“ Right. Keine Streicheleinheiten. Methodische Überprüfung seiner Gesundheit. Wespe drehte den Kopf leicht zur Seite, um die Stelle zu zeigen, die ihm am meisten wehtat und die vor einigen Stunden auch definitiv noch feucht gewesen war. Schalavsky sah blutverkrustete Haare und darunter etwas das mindestens eine Platzwunde war.
„So was ist äußerst gefährlich. Du hättest längst beim Arzt sein sollen.“, seufzte Schalavsky und schaute ob sich noch weitere Verletzungen unter Wespes Haaren verbargen. Als er sich soweit sicher war, dass Wespe nur eine Platzwunde hatte.
„Tut dir sonst etwas weh?“, fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab und schüttelte den Kopf, wobei er bewusst vermied Schalavsky direkt anzuschauen. Das war eine schlechte Entscheidung, wenn man bedachte, dass Schalavsky ein sehr aufmerksamer Polizist war und ein Experte, wenn es um Verhöre ging. Nun kannte er Wespe auch noch gut genug, dass er mit ihm anders umging, als mit einem Verdächtigen. Schalavsky griff nach Wespes Kinn und zwang ihn den Kopf zu heben bis er ihn ansehen musste. Wespe schluckte, während sich sein Magen auf links drehte und sein Puls deutlich zunahm.
„Was tut dir weh?!“, fragte Schalavsky streng.
Wespe sah ihn mit großen Augen an, versank in dem intensiven Blick und schafft es nicht sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Sein ohnehin schon loses Mundwerk, endete mit der Wahrheit: „Meine linke Hand, generell meine linke Seite.“ Als der Überschlag passierte hatte es Wespe Kopf und Hand gegen die Seitenscheibe gehauen. Der Gurt hatte ihn vor Schlimmerem bewahrt und nur leicht seinen Oberkörper gequetscht. Der Airbag hatte ihm seine Sonnenbrille im Gesicht zerbrochen und damit seine Wange ein wenig aufgeschnitten. Aber der Schnitt war nach alle den Stunden schon vergessen.
„Sonst noch was?“
„Knie. Hab sie aufgeschnitten beim raus klettern aus dem Auto. Sonst nur mein Kopf.“
„Okay.“, sagte Schalavsky sanfter und ließ Wespe los. „Kannst du stehen?“
Wespe nickte und bemühte sich sofort aufzustehen. Zum Glück war Schalavsky da um ihn zu stabilisieren als er schwankte und er zog Wespes rechten Arm über seine Schultern und hielt ihn mit einem Arm dicht an seiner Seite. Wespe ließ den Kopf hängen als müsse er sehen wohin er trat, wenn er einfach nur hoffte dass seine Haare ihm genug ins Gesicht fielen um seine Rötung zu verstecken.
„Ich kann alleine gehen.“, sagte Wespe schwach. „Ich gehe zum Arzt, jetzt. Versprochen.“
Schalavsky schnaubte: „Die Chance hattest du. Ich fahre dich jetzt.“ Schalavsky führte ihn so aus dem Büro.
Wespe wusste, was jetzt kam. Stundenlanges Warten im Krankenhaus darauf, dass man ihn untersuchte. Dabei wollte er gerade nur ins Bett, seine Schmerzen ignorieren und auch all die Gedanken, die er in Bezug auf Schalavsky hatte. Warum musste dieser Mann so verlässlich sein? So fürsorglich? Wespe hatte wirklich gedacht, dass er ihn genug genervt hatte, dass man ihn im Falle des Falles in seinem eigenen Blut liegen ließ. Aber Schalavsky sah das anders. Egal, wie sehr Wespe auch nervte, wenn er Hilfe brauchte war er da. Mit sanften Händen und bestimmter Strenge. Immer im Versuch dafür zu sorgen, dass es Wespe besser ging. Wie konnte man es da verübeln, dass sich in Wespe etwas regte.
Beim Krankenhaus bemühte sich Wespe selbstständig in die Notaufnahme hineinzulaufen, auch wenn Schalavsky an seiner Seite blieb, als würde er jeden Moment erwarten, dass er zusammenklappte.
„Guten Tag. Was ist passiert?“, fragte die Dame hinter dem Tresen.
Schalavsky nickte zu Wespe: „Der Idiot hatte vor etwa 10 Stunden einen Autounfall und hat sich noch nicht untersuchen lassen, obwohl er eine Kopfwunde hat.“
Wespe nickte der Krankenschwester zu, die sehr ruhig blieb und ein Klemmbrett aushändigte: „Bitte Platz nehmen und ausfüllen.“
Schalavsky nahm das Klemmbrett an sich und schob Wespe zu einigen Sitzen. Zum Glück war nicht allzu viel los, was ein wenig seine Hoffnung steigerte schnell nach Hause zu kommen, um endlich zu schlafen. Sie setzten sich und Wespe nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Schalavsky begann das Formular auszufüllen. Er dachte noch, dass es seltsam war, dass sein Kollege seine gesamten Daten kannte, aber dann ließ er schon den Kopf an die Wand hinter ihm sinken und nickte ein. Er wusste nicht wie lange er so geschlafen hatten, als eine sanft Hand an seiner Schulter ihn weckte: „Komm mit, Wespe.“
Wespe gähnte leicht und folgte Schalavsky und einem anderen Mann, der anscheinend sein Doktor war. Sie gingen in ein Behandlungszimmer, in dem sich Wespe auf die Liege setzen sollte. Dann begann der Arzt seinen Kopf zu untersuchen, und ihm dabei Fragen zustellen. Wespe versuchte sie so gut wie möglich zu beantworten, aber schon bald antwortete Schalavsky für ihn, wenn er selbst die Antwort nicht kannte. Der Arzt begann mit einem feuchten Tupfer die Kopfverletzung zu reinigen, da das Blut dort mittlerweile einiges an Schmutz festgeklebt hatte. Zwar blutete die Verletzung dadurch wieder geringfügig, aber wenigstens musste man nicht befürchten, dass noch Glassplitter oder Steinchen einwuchsen. Dafür bekam Wespe nun einen schicken Kopfverband. Bevor auch die Wunden an seiner Wange, und Knien gereinigt und versorgt wurden. Seine Hand war nur geprellt.
Als der Arzt ihm mit einer Lampe in die Augen leuchtete, zuckte Wespe zurück.
„Das könnte eine leichte Gehirnerschütterung sein.“, sagte der Arzt aber er sprach so, als würde er nicht mit Wespe reden. „Er sollte eine Weile wach bleiben.“
„Er ist seit über 20 Stunden wach. Viel Glück damit.“, sagte Schalavsky.
„Wie lange ist der Unfall her?“, fragte der Arzt.
„Etwa 11 Stunden.“, sagte Schalavsky.
„Okay.“, sagte der Arzt mit kritischem Blick auf Wespe. „Dann machen wir einen CT-Scan. Warten Sie kurz.“
Einen Moment später kam der Arzt mit einem Rollstuhl wieder.
Schalavsky griff nach Wespes Arm und zog ihn hoch, damit er sich in den Rollstuhl setzte. Er war ganz froh, dass sein Kollege nicht weiterhin Gefahr lief umzukippen.
Sie wechselten den Raum, waren für einen Moment in einem Fahrstuhl und dann in einem neuen Raum und Wespe konnte nicht im Geringsten sagen, wo sie hergekommen waren.
Jemand rief nach ihm, aber irgendwas war daran falsch.
„Nennen Sie ihn Wespe.“
Man hatte ihn bei seinen Vornamen gerufen. Aber niemand nannte ihn mehr so.
Es war der Name seines Urgroßvaters gewesen und seine Eltern hatten ihn ausgewählt, obwohl seine Großmutter dagegen gewesen war. In seiner Kindheit war er schon aufmerksam genug gewesen, um festzustellen, dass Oma ihn nie beim Namen nannte. Liebling, Schätzchen und andere Kosewörter waren an der Tagesordnung gewesen, aber nicht sein Name. Als er Oma danach fragte, sah sie unendlich traurig aus und eröffnete ihm dann ein lange gehegtes Geheimnis. Ihr Vater, sein Urgroßvater, war ein Schläger gewesen, wobei man ihm zu seiner Zeit das als seine Pflichten ausgelegt hatte, wenn er Ehefrau und Kinder züchtigte. Im Alter war er ruhiger geworden und so immobil, dass er niemanden mehr gefährlich werden konnte. Und Mutter und Tochter hatten beschlossen diese Gewalt nicht an die nächste Generation weiterzutragen. Sie hatten es geschafft, denn bis auf die kindischen Raufereien mit seinen Bruder hatte Wespe keine Gewalt in seiner Familie gekannt. Ebenso wenig wie seine Eltern, als sie sich unwissend für seinen Vornamen entschieden. Seine Oma gab ihm zu verstehen, dass sie nichts davon ihm ankreidete, aber dass sie es bedauerte, dass er den gleichen Namen wie dieser Mistkerl trug, wo er doch so ein sanfter und liebenswürdiger Junge war. In diesem Moment bot er ihr damals an, dass sie ihn Wespe nennen könnte, wie es schon sein Onkel machte. Und von da an wurde er langsam von allen Wespe genannt. Wenn er die Chance hatte gelb-schwarze Kleidung zu bekommen nutzte er das um seinen Spitznamen zu zementieren. Es war Scherz, dann ein Fakt und schließlich eine unangezweifelte Gegebenheit. Vielleicht waren es auch diese Farben, die zuerst sein Interesse an der Punk-Bewegung geweckt hatten.
„Wespe? Wissen Sie wo Sie sind?“, fragte die Stimme. Wespe nickte: „Mhm, Krankenhaus.“
„Ja, wir möchten einen CT-Scan mit Ihnen machen.“, erklärte der Arzt. Wespe nickte.
„Bitte legen sie alle Metallgegenstände ab. Ich hole jemanden, der damit hilft, während ich das Gerät vorbereite.“
„Schon gut, ich helfe ihm.“, sagte Schalavsky und sah Wespe an: „Ist das okay?“
Wespe nickte dümmlich grinsend. Somit half Schalavsky ihm. Er begann damit die Ohrringe und Augenbrauenpiercings zu entfernen, weil Wespe zu unkoordiniert war, um das selbst zu machen.
Schalavsky sammelte alles in einer kleinen Schale, die bereitstand und dann half er Wespe aus seinem Shirt. Dabei fiel ihm auf, dass Wespe noch mehr Piercings an sich hatte.
Schalavsky sah ein bisschen entgeistert auf die beiden Barbells, die jeweils Wespes Nippel zierten. Wespe lächelte noch immer dümmlich vor sich hin. Vielleicht verstand er nicht mehr was los war, vielleicht fand sein übermüdeter Verstand es witzig. (Vielleicht war er sogar in diesem Zustand erfreut darüber, wenn sein Kollege ihn sanft anfasste und langsam auszog.)
„Sag mir bitte, das das die letzten beiden Piercings sind.“, sagte Schalavsky, als er sich vor Wespe hinkniete. Der schaute an sich herab und stellte fest: „Kein Bauchnabelpiercing, dann ja.“
„Hast du ein Bauchnabelpiercing?“ Schalavsky versuchte sich und seinen Kollegen abzulenken, während er vorsichtig die Barbells aufschraubte und dabei ignorierte, dass der Körper seines Kollegen darauf reagierte. Nicht nur, dass Wespes gute trainierte Brustmuskeln zuckten, die Brustwarzen verhärteten sich unter den Berührungen und luden dazu ein sie ein wenig zu malträtieren.
Schalavsky hielt die Luft an. Vielleicht würde sein Gehirn ohne Sauerstoff nicht so einen Blödsinn verzapfen.
„Ja.“, sagte Wespe versonnen. „Meine Freundin in der Oberstufe wollte eines, aber hatte auch Angst davor.“
„Also hast du es dir auch stechen lassen.“, stellte Schalavsky fest als er die Piercings auch in die Schale fallen ließ und endlich wieder aufstand.
„Ja.“
„War klar.“ Schalavsky seufzte bevor er über seinen Schatten sprang und Wespes Hose öffnete. Dann zog er Wespe aus dem Stuhl hoch und ließ ihn aus seiner Hose steigen. Nach einem kurzen Blick zu seiner Unterwäsche, war Schalavsky froh, dass er die ihm nicht auch noch ausziehen musste.
„Du bist dir sicher, dass du keine weiteren Piercings hast?“, fragte Schalavsky um absolut sicher zu gehen.
Wespe zog den Bund seine Boxershorts auf und warf einen prüfenden Blick nach unten: „Ne, alles gut.“
Schalavsky, der gerade wesentlich mehr gesehen hatte als erwartet, starrte die Decke an. Vielleicht sollte er sich selbst einfach bei der Dienstaufsicht melden und woandershin versetzten lassen. Wenn Bienert auch nur einen Bruchteil von dem erzählte, was hier abhing konnte ihn das seinen Job kosten. Und er konnte nicht mal behauptet, dass es zu unrecht wäre.
Schalavsky griff nach der Krankenhausbekleidung und zog sie Wespe über, bevor er sich wieder setzen durfte. Schalavsky ging in den nächsten Raum, um den Doktor mitzuteilen, dass sie bereit waren. So ging es als nächstes für Wespe in den CT-Raum, in dem er sich auf die Liege legen durfte. Schalavsky und der Rollstuhl mussten in den angrenzenden Raum, von dem der Arzt und ein Helfer alles steuerten.
„Muss ich dabei wach bleiben?“, fragte Wespe.
„Ja, das wäre gut.“, sagte der Arzt.
Wespe seufzte: „Können Sie mir was erzählen?“
Der Arzt sah zu Schalavsky: „Wollen Sie?“
Schalavsky nickte und trat zum Mikrofon: „Wenn man dich heute noch entlässt, kannst du dir schon mal überlegen, was du gerne zum Essen hättest. Ich habe nämlich die Vermutung das du schon zu lange nichts mehr gegessen hast. Ich würde dir sogar diese überzuckerten Waffeln mit den Alibifrüchten holen, die du magst. Oder die Ente von dem Asialaden in der Plaza Mall.“
Wespe brummte, als Zeichen, dass er noch zuhörte, während Schalavsky ihm belanglose Dinge erzählte. Schalavsky sprach von allem, was so getan werden musste, und versuchte nicht daran zu denken, was er gerne tun würde.
Als die Untersuchung endlich vorüber war, konnte sich Wespe wenigstens mit Schalavskys Hilfe wieder die Hose anziehen, bevor sie auf die Rückmeldung warteten, ob Wespe hier bleiben musste, oder nach Hause konnte.
„Sie haben Glück gehabt.“, sagte der Arzt. „Bis auf die Platzwunde, scheint Ihrem Kopf nichts weiter passiert zu sein.
„Heißt das, ich kann nach Hause und schlafen?“, fragte Wespe hoffnungsvoll.
„Ja, das wäre sogar meine Empfehlung. Und Wasser trinken.“, ermahnte der Doktor.
Wespe seufzte erleichtert: „Danke, Doc.“
Schalavsky nickte dem Arzt dankbar zu.
„Ich mache noch den Papierkram fertig. Sie können sich schon wieder anziehen.“, sagte der Arzt. Wespe ließ sich das nicht zweimal sagen, auch wenn er Hilfe brauchte und Schalavsky seine Piercings bloß in eine Tasche seiner Jacke stopfte. Der Arzt übergab ihnen die Unterlagen, ließ sich das was nötig war unterschreiben und schickte sie dann ihres Weges. Wespe weigerte sich wieder in den Rollstuhl zusetzen. Er sagte, er könnte selbst laufen und so ein bisschen Müdigkeit würde ihn nicht daran hindern. Schalavsky argumentierte, dass es nicht das bisschen Müdigkeit war, dass ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, sondern der Autounfall, der bewiesen hatte, dass Wespe mehr Glück als Verstand hatte. Aber das hielt Wespe nicht davon ab zu laufen. Schalavsky fiel auf jeden Fall ein Stein von Herzen als er ihn wieder sicher im Auto hatte.
„Weißt du, was du essen möchtest?“, fragte Schalavsky.
„Ente klingt sehr gut.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky und fuhr los. Während ihrem Zwischenstopp ließ er Wespe im Auto, der vor sich hin schlummerte. Davon dort aus war es nicht mehr weit zu Wespe. Es war noch knapp vormittags und Wespes Mitbewohner waren außer Haus. Sie setzten sich ins Wohnzimmer und Schalavsky sah Wespe dabei zu wie er Ente und Reis in sich rein schaufelte und noch etwas mehr als der Hälfte des Gerichts aufgab: „Okay. Das war sehr gut. Jetzt: Bett.“
Schalavsky nickte und bot Wespe eine Hand an um ihn vom Sofa hoch zu sehen.
Nun wirklich nur noch wenige Meter von seinem Bett entfernt, überkam Wespe die volle Müdigkeit. Er taumelte an Schalavskys Seite ins Schlafzimmer und bekam wieder ein mal Hilfe von Schalavsky sich auszuziehen. Als er in seiner Boxershorts vor Schalavsky stand, schwang er einen Arm um dessen Schulter und grinste ihn an: „Vielen Dank, dass Sie immer für mich da sind. Sie sind der Beste.“ Mit diesen Worten platzierte Wespe einen Kuss, der vermutlich auf die Wange gehen sollte, aber halb noch Schalavskys Lippen erwischte und den älteren Kollegen starr vor Schock hinterließ. Wespe bemerkte das nicht mal und löste nur seinen Arm von den breiten Schultern, bevor er ins Bett kroch.
Schalavsky schluckte und zog mit mechanischen Bewegungen die Decke hoch bis zu Wespes Schultern. Dann stellte er noch eine Flasche Wasser an sein Bett, bevor er das Jalousien schloss und Wespe alleine ließ. Auf dem Flur stützte er sich am Türrahmen ab und atmete stoßweise durch die Nase aus. Was war das gewesen? Was hatte das zu bedeuten? Und warum löste diese Berührung so viel in ihm aus?
Als er bestimmt vier Minuten unbeweglich auf dem Flur gestanden hatte, zwang er sich, zur Ruhe und räumte methodisch noch kurz das Wohnzimmer auf, stellte das Essen in den Kühlschrank und machte sich dann auf den Weg zurück zur Arbeit.
Wespes Handy machte einen kurzen Laut. Groggy sah Wespe auf die Nachricht, die er bekommen hatte. Sie war von Tamina und es war ein Foto. Von dem Moment als Schalavsky ihn aus dem Büro geführt hatte, er hing an ihm wie ein Schluck Wasser und Schalavsky sah zu tiefst unzufrieden mit der Welt aus. Wer auch immer das Bild gemacht hatte, musste es Tamina zukommen gelassen haben. Der Text dazu las: Wärst du mal alleine zum Arzt gegangen, als wir es dir gesagt haben.
Wespe ließ das Handy neben sich aufs Bett fallen. Wenn er tatsächlich alleine zum Arzt gegangen wäre, hätte er nie erlebt, wie Schalvsky seine Piercings entfernte, dachte er und fasste nach seinen Brust. Vielleicht hätte er unter anderen Umständen noch mehr gemacht, fantasierte Wespe mit einem wohligen Schauern. Vielleicht hätte er mit seinem Mund-
Wespe schreckte hoch und saß senkrecht im Bett. Hatte er seinen Kollegen geküsst?!
Und hier ist Teil 3 der so viel länger geworden ist als erwartet, und bestimmt noch fehler drin hat, weil ich beim Durchlesen bestimmt zehn mal eingenickt bin
3. Umgerissen
Wespe blinzelte gegen gleißendes Licht an. Seine Haut schmerzte, wie bei einer üblen Verbrennung und er spürte die Hitze von etwas in der Nähe ausgehend. Er hob den Kopf und musste sich korrigieren: Seine Knochen taten auch weg. Und seine Muskeln. Und er war sich ziemlich sicher, dass auch seine Mitochondrien nicht glücklich waren.
Er blickte sich um, in der Hoffnung sich orientieren zu können, aber er konnte kaum die Augen öffnen. Staub und Rauch hing in der Luft und schon die kleine Bewegung war ihm zu viel. Er ließ seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
Eine Hand packte seine Schulter und drehte ihn herum. Mehr Schmerzen schossen durch seinen Körper. Wespe schnappte nach Luft und sah erschrocken hoch zu demjenigen, der ihn angefasst hatte.
Wespe registrierte langsam, dass über ihm ein wütender Schalavsky stand.
Er schien ihn anzuschreien, aber er wirkte nicht auf die Art wütend, wie er es war, wenn Wespe ihn auf die Palme brachte. Es war mehr die Wut, wenn jemand Wespe angriff und er ihm danach das Blut aus dem Gesicht wischen mussten. Wobei das nicht ganz stimmte, dieses Mal wirkten seine Augen feucht, als hätte er Angst um Wespe.
Wespe versuchte seinen Atem zu kontrollieren, er hustete und spuckte Dreck und Staub aus. Dabei krümmte er sich noch mehr in sich zusammen und griff nach seinen Ohren, in denen er ein stechendes Gefühl hatte. Zwei Hände griffen nach seinen und vor ihm kniete mittlerweile Schalavsky und suchte seinen Blick. Wespe sah seinen Kollegen noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Schalavskys Lippen bewegten sich, aber bei Wespe kam nichts an.
„Ich höre Sie nicht.“, sagte Wespe und er spürte seine eigenen Worte mehr in seinen Knochen, als dass er sie hörte. Schalavsky sah ihn entgeistert an und bewegte wieder die Lippen.
Wespe schüttelte leicht den Kopf: „Wirklich nicht.“
Schalavsky musterte ihn von oben bis unten. Dann machte er so was wie zwei Peace-Zeichen und deutete eine Schnittbewegung an. Wespe runzelte die Stirn und erinnerte sich dunkel, dass das die Gebärde für Verletzung war.
„Ob ich verletzt bin?“, fragte Wespe und Schalavsky Gesichtsausdruck fiel, als er ungeduldig auf ihn deute.
„Oh… Ja. Wie sehr ich verletzt bin?“ Schalavsky nickte.
Wespe seufzte: „Ähm, meine Ohren… offensichtlich. Rede ich zu laut?“
Schalavsky verzog das Gesicht und deutete ein kleines Bisschen an. Wespe bemühte sich leiser zu reden: „Ich hab ein paar Roadburns.“ Wespe zeigte seine Hände, die schön über den Asphalt geschlittert waren. Das erinnerte ihn an seine Jugend, als er gelegentlich beim BMX fahren die Fleischbremse gezogen hatte. „Ich glaube, es ist nichts gebrochen. Aber trotzdem tut mir alles weh.“
Schalavskys Blick huschte aufgeregt umher und er fummelte aus seiner Tasche eine Packung Taschentücher, von der er eines Wespe unter die Nase hielt. Wespe griff irritiert danach und stellte fest, dass er das Taschentuch sehr schnell rotfärbte. Wespe fluchte und drückte sich seine Nase zu.
„Was ist passiert?“, fragte Wespe undeutlich und Schalavsky deutete zur Seite, wo ein Gebäude in Flammen stand und wo gerade ein weiteres Feuerwehrfahrzeug ankam. Wespe sah wieder zu Schalavsky, der eine Explosion mimte.
„Wars eine Bombe?“, fragte Wespe. Schalavsky zuckte mit den Schultern und deutete auf Wespe und hielt einen Finger hoch.
„Ich war der Erste? Okay. War das Haus leer?“
Schalavsky verzog das Gesicht nickte etwas unsicher. Wahrscheinlich.
Schalavsky stand vom Asphalt auf und hielt Wespe eine Hand hin. Er nahm das Angebot an und ließ sich auf die Füße ziehen. Kaum stand er griff er nach Schalavsky und presste sich eine Hand vor den Mund.
„Uhhh, mir ist schwindelig.“, sagte Wespe. „Oh man, ich glaub mir wird schlecht.“
Schalavsky griff ihn an beiden Schultern, um ihn zu stabilisieren. Wespe machte ein paar schwerfällige Atemzüge, bis er nicht mehr das Gefühl hatte sich übergeben zu müssen. Schalavsky hatte ihn dabei ruhig beobachtet, oder vielleicht ihm auch gut zugeredet, aber das würde Wespe nie wissen. Sein Kollege nickte rüber zu seinem Auto und sah fragend aus.
„Ja, Auto ist gut. Hinsetzen.“, sagte Wespe abgehackt und wurde von Schalavsky zu seinem Auto gebracht. Auf dem Beifahrersitz verstaut konnte Wespe die Augen schließen und den Schwindel bezwingen.
Wespe lag noch immer bewegungslos auf dem Beifahrersitz, als plötzlich etwas fest auf sein Bein klopfte. Wespe schrecke hoch und sah sich einem fremden Mann gegenüber, woraufhin er noch mehr erschrak und die Hände zur Verteidigung hochzog. Der Mann zuckte nun auch zurück und hob die Hände. Er sagte etwas, was Wespe nicht verstand, aber er erkannte das der Mann die Uniform eines Sanitäters an hatte. Hinter ihm tauchte Schalavsky wie ein böser Schatten auf und sprach mit dem Gesichtsausdruck, mit dem er sonst Neulinge belehrte. Der Sanitäter sah zu Wespe und sagte was.
„Was?“, erwiderte Wespe.
Der Sanitäter sagte noch etwas.
„Was?“, fragte Wespe nochmal wieder und fragte sich, ob das ein längeres Spiel werden würde. Der Sanitäter hatte noch nicht genug und bevor er dieses Mal ausgeredet hatte, fuhr Wespe schon auf: „Himmel nochmal, ich kann nichts hören!“
Schalavsky verdrehte die Augen, weil er ihm zuvor bestimmt genau das gesagt hatte.
Ein zweiter Sanitäter tauchte mit einer Liege auf und der erste ging Wespe aus dem Weg und deutete auf die Liege.
„Aber-“ Wespe unterbrach sich selbst, als er Schalavskys Gesichtsausdruck sah und seinen deutlichen Fingerzeig, dass er sich gefälligst auf die Liege legen sollte. Grummelnd folgte er dem Befehl. Der zweite Sanitäter sagte etwas zu ihm. Wespe stellte fest, dass es ihm schwerer fiel nachzuvollziehen was die Sanis zu ihm sagten, weil ihre Gesichtsausdrücke professionell neutral blieb. Also blickte er stattdessen Schalavsky an. Seinen Gesichtsausdruck konnte er wesentlich besser lesen. Schalavsky sah nicht besorgter als vorher aus, wobei er Wespes Aufmerksamkeit auf ihm bemerkte und genervter wurde, als er verstand, dass die Sanis Wespe nicht viel gaben, mit dem er arbeiten konnte. Natürlich hätte Wespe nachfragen können, aber er wusste nicht genau welche Fragen er stellen sollte. Schalavsky deutete auf Wespe, dann auf seinen Mund und die beiden Sanitäter. Dann machte er wieder die Gebärde für Verletzungen.
„Ah.“, machte Wespe. „Sie haben nach meinen Verletzungen gefragt.“ Die Sanitäter nickten.
„Also meine Ohren tun weh und ich höre nichts, ich habe Roadburns und vielleicht auch normale burns. Ich glaube nicht, dass was gebrochen ist. Aber ich wurde ordentlich umgehauen.“
Die Sanitäter nickten und machten sich an die Arbeit Wespe zu verkabeln und zu untersuchen.
Wespe hatte wirklich wenig Lust ins Krankenhaus zu kommen, wo er keinen Anhaltspunkt hatte, was los war. Aber als die Sanis ihn abfahrbereit machen, kam kletterte Schalavsky mit an Bord. Und klopfte ihn beruhigend auf die Schulter.
Das Gute an Explosionen war, dass man nicht erst warten musste, bis man untersucht wurde und dass man umfassend das Personal des Krankenhauses kennenlernen durfte. Der HNO-Arzt kam zu erst und dann der Unfallchirurg, der irgendwas gegen Schalavsky hatte. Wespe wusste nicht woran es lag. Vielleicht, weil Schalavsky ihm ein bisschen im Weg war und ihn genau beobachtete. Wespe war umso dankbarer dafür. Er fühlte sich unsicher. Er versuchte die ganze Zeit seine Umgebung im Blick zuhalten. Sein Gehör fehlte ihm besonders, wenn andere Menschen, um ihn waren. Mehr als einmal hatte Wespe sich erschrocken wenn jemand zu dicht an ihm vorbeigegangen war oder ihn angefasst hatte, bevor er die Bewegung gesehen hatte.
Schalavsky bemerkte das natürlich, was auch sonst? Er war nicht umsonst gut in seinem Job. Seit er das gemerkt hatte, war er immer in Wespes Nähe. Entweder hatte er eine Hand an Wespes Schulter oder Arm oder er stand so nah bei ihm, dass Wespe seine Körperwärme spüren konnte. Wenn er doch mal etwas weiter wegging, blieb er in Wespes Sichtfeld und stellte sicher, dass er ihn erst sah bevor er ihm zu nahe kam. Wespe fand es erleichternd sich auf Schalavsky zu konzentrieren. Er war eine Konstante in dem, was die Explosion von ihm hinterlassen hatte. Beinahe hätte sie gar nichts von ihm hinterlassen.
Sein Überlebensinstinkt schob seit der Explosion Überstunden, obwohl er wusste, dass niemand im Krankenhaus ihm etwas tun wollte, aber das hier war nicht logisch. Das hier war, dem Tod so knapp zu entgehen, wie er nur wenige Male erlebt hatte. (Jedes Mal war davon zu viel.) Aber es war das erste Mal, dass er mit einer Verletzung endete, die er nicht versorgen konnte. Er konnte mit einer Schuss- oder Stichwunde umgehen, er konnte gebrochene Knochen schienen, aber wie rettete man einen Sinn?
Außerdem hatte er das Gefühl, dass sich eine Gefahr anschlich, die er nicht sehen konnte. Wespe hatte diese Beschreibung schon in der Vergangenheit gehört. Sie kam von Leuten, die Panikattacken hatten. Wespe hatte oft genug die Hand von jemanden auf seine Brust gelegt und deutliche Atemzüge vorgeführt. Jetzt könnte er nicht mal Schalavsky atmen hören. Aber er war da. Bei seiner rechten Schulter. Er strahlte Wärme ab und Wespe wollte von dieser Wärme in gewickelt werden. Am Rande seines Bewusstseins realisierte Wespe, dass ihm ein Zettel hingehalten wurde. Nach einen Blick darauf stellte Wespe fest, dass er nichts davon lesen konnte.
Schalavsky klopfte sanft gegen seine Schulter. Er deutete auf den Arzt, sich selbst und die Tür.
„Er will, dass Sie gehen?“ Die Vermutung lag nahe, wenn man die Körpersprache der beiden sah. „Warum? Es wäre mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.“ Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und redete wieder mit dem Arzt.
Dann geschah etwas seltsames. Schalavsky hatte diese leicht steife Haltung, die sein Tell bei Lügen war. Warum log er den Arzt an? Der Arzt sah nun zwischen ihnen hin und her.
Bevor Wespe erraten konnte, was los war, hockte sein Kollege auf einmal vor ihm und zwinkerte ihm zu, als hätte nicht bemerkt, dass etwas im Busch war. Schalavsky sprach zu ihm in einer Art und Weise, die sicherlich aufmunternd gewesen wäre, wenn er hören könnte. Als Schalavsky wieder aufstand, beugte er sich etwas mehr vor und küsste Wespes Stirn.
Möglicherweise war Wespe doch tot. Das hier konnte das letzte Delirium sein, dass sein Gehirn noch durchspielte während es ihm schon durch die durchbrochene Schädeldecke auf den Asphalt tropfte. Das Problem war, das hier fühlte sich nicht nach Sterben an, das fühlte sich nach dem Anfang von einigen sehr langen Wochen des Heilungsprozesses an.
„Stimmt was nicht?“ In dem er all seine schauspielerischen Fähigkeiten zusammennahm schaffte er es die Frage gänzlich unbedarft zu stellen. Zumindest glaubte er das, er konnte sich ja nicht hören. „Du siehst besorgt aus.“
Wieder war da die Hand auf seiner Schulter. Warm. Verlässlich. Vielleicht war das hier gar nicht der schlechteste Weg zu gehen, dachte Wespe und lehnte seine Wange gegen Schalavsky Arm. Wieder war da dieses Gefühl, es wäre da eine Gefahr.
Schalavsky trat in sein Blickfeld und sah ihn kritisch an. Er legte eine Hand auf seine Brust und rieb in beruhigenden Kreisen darüber. Wespe hatte was sagen sollten. Dass alles in Ordnung war, aber die Luft zum sprechen fehlte. Schalavskys Hand stoppte ihre Bewegung und drückte stattdessen, leicht gegen das Brustbein, bis Wespe seinen Atem ausstieß, dann hob sich die Hand wieder und Wespe zog einen Atemzug ein, um nahe bei der Hand zu bleiben. Nach ein paar Mal war es einfacher, weil ihm nicht mehr schwindelig war und Sauerstoff wieder bei seinem Gehirn ankam. Es war besser, sicherer sich auf Schalavsky zu konzentrieren und alles andere auszublenden.
Leider war Wespe noch nicht fertig damit das Krankenhauspersonal kennenzulernen. Der Dermatologe kam im Anschluss und als dann noch die Psychiaterin auftauchte und Wespe ihre Karte übergab, sah er sie verwirrt an: „Sie sind sich bewusst, dass ich Sie nicht hören kann, ja? Weil… ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Sie hier vorhaben.“
Wespe sah zu Schalavsky: „Lieg ich falsch? Macht es Sinn, dass sie hier ist?“
Schalavsky schüttelte den Kopf und beruhigte Wespe damit. Anscheinend komplimentierte Schalavsky sie dann auch aus dem Zimmer und sie wurden damit alleine gelassen.
Später lag Wespe in dem Krankenhausbett, was man ihm zugeteilt hatte in einem Einzelraum. Er war sich nicht ganz sicher warum, aber wahrscheinlich hatte Schalavsky da was gedreht. Wenn er das richtig gesehen hatte, stand mittlerweile auch ein uniformierter Beamter vor seiner Tür.
Wespe spürte sein Handy an seiner Seite vibrieren und zog es hervor. Tamina rief an.
„Können Sie ran gehen?“, fragte er Schalavsky.
Schalavsky nahm das Telefon und auch ohne Gehör wusste Wespe, dass Tamina zuerst fragen würde, warum Schalavsky an sein Handy ging. Schalavskys erzählte ihr, was passiert war. Wespe könnte an seinen Lippen Bewegungen „Explosion“ ausmachen und als Schalavsky seinen Blick sah, versuchte er mit seiner freien Hand zu untermalen was er erzählte. Er deutete auf sein Ohr, als er von Wespes Verletzung erzählte. Dann lauschte er Taminas Worten und hob demonstrativ eine Daumen von unten nach oben und deutete auf Wespe. Gute Besserung.
„Danke.“, sagte Wespe. Schalavsky hörte kurz Tamina zu, dann legt er das Handy auf Wespes Bauch und machte eine auffordernde Bewegung: „Okay? Schalavsky zeigt mir gerade an, dass ich reden soll. Also gehe ich davon aus, dass ich erzählen soll, was passiert ist. Also, ich wollte eigentlich nur dieses leerstehende Gebäude untersuchen, wegen den anonymen Tipp und oh... Schalavsky bedeutet mir leider zu reden. Sorry. Ähm ja, ich hab die Bombe gefunden und gesehen dass es keine ist, mit der ich vertraut bin. Schalavsky sieht mich fragend an. Oh ja, ich hab mich mal mit Bomben vertraut gemacht. Aber ich hatte keine Chance die zu zuordnen, also habe ich das Gebäude geräumt und am Auto nach Unterstützung gefunkt. Ich glaube, dabei wurde ich beobachtet weil die Bombe so ziemlich sofort danach gezündet wurde. Ich stand zum Glück hinter dem Auto aber die Druckwelle hat mich trotzdem umgehauen. Das hat ganz schön gescheppert. Oh, Schalavsky schaut, als sollte ich die Klappe halten.“
Wespe schwieg und Schalavskys hörte Tamina zu und runzelte die Stirn bevor er antwortete. Einen Moment später vibrierte das Handy mit einer neuen Nachricht. Tamina war anscheinend darüber übergegangen die komplizierten Fragen direkt zu stellen.
,Hast du gesehen, wer die Bombe gezündet hat?‘
„Ich glaub nicht. Aber um ehrlich zu sein, vertraue ich meinen Erinnerungen von diesem Momenten nicht mehr ganz.“, sagte Wespe und kratzte sich am Kopf.
,Warum wurde die Bombe erst gezündet, als du aus dem Gebäude raus warst?‘
„Wow, das ließt sich als wärst du richtig froh, dass ich überlebt habe.“, sagte Wespe sarkastisch. „Entweder wollte man mich nicht umbringen oder sie haben nicht gesehen, dass ich ins Haus gegangen bin. Ich bin hintenrum rein und vielleicht haben sie mich erst für einen Jogger gehalten, der am Haus vorbei in den Park will.“ Schalavsky bewegte seinen Mund und Wespe sah ihm fragend an. „Tamina, was hat er gesagt? Er hat den Gesichtsausdruck, mit dem er mich sonst auch immer beleidigt.“
,Er sagte, man hat sich wohl eher für einen Junkie gehalten.‘
„Na danke. Egal. Ich bin hinten rein aber vorne wieder raus, weil ich keine Zeit verlieren wollte. Vielleicht haben sie mich da erst gesehen und gezündet. Und weil es die Werkstatt der Pyros war hat das den ganzen Block umgehauen.“
,Du hast echt mehr Glück als Verstand.‘
Schalavsky sprach wieder mit einem frechen Funkeln in den Augen.
„Hat er gerade gesagt, das das keine Kunst ist weil ich keinen Verstand habe?“, fragte Wespe, aber er musste nicht auf Taminas Antwort warten, weil Schalavsky bereits antwortete und nickte. „Frechheit!“
Nach dem sich sie sich von Tamina verabschiedet hatten, ließ sich Wespe ein bisschen mehr in die Kissen sinken. Er dachte angestrengt, darüber nach ob er doch etwas gesehen hatte, vor der Explosion, die ihn fast das Leben gekostet hatte. War jemand in der Nähe gewesen? Er versuchte sich daran zu erinnern, wie alles abgelaufen war. Nach einigen Minuten seufzte er und schüttelte den Kopf: „Ich erinnere mich nicht daran irgendwas verdächtiges gesehen zu haben. Keine Ahnung, wer die Bombe gezündet hat.“
Schalavsky klopfte ihm sanft aus Bein zur Aufmunterung.
„Sie müssen aber nicht die ganze Zeit hier bleiben. Ich komm schon klar.“, sagte Wespe tapfer. Schalavsky schüttelte den Kopf und blieb demonstrativ sitzen.
Wespe lächelte und schaute auf sein Handy, um zu überprüfen, ob er irgendwelche Hinweis ein seinen Nachrichten oder der Bildergalerie fand. Er stellte fest, dass er ein Foto von der Bombe gemacht hatte. Nicht schlecht, Vergangenheits-Wespe.
Als er auf sah, bemerkte er, dass Schalavsky ihn amüsiert ansah und fragend eine Augenbraue hob. Wespe sah fragend zurück. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Fingerspitzen gegen Wespes Hals. Erst da bemerkt Wespe die Vibration. Anscheinend hatte er unbewusst gesummt. Wespe lächelt rund zuckte mit den Schultern: „Sorry. Hab ich gar nicht bemerkt.“ Schalavsky sagte etwas. „Jaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.“ Schalavsky lachte leicht auf. Und Wespe wollte mehr davon sehen, aber bevorzugt wenn er wieder hören könnte. Falls er wieder hören konnte. Wespe verzog ein bisschen das Gesicht und drückte diesen Gedanken wieder runter.
Schalavsky klopfte ihm aufs Bein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wespe räusperte sich und zeigte das Bild von der Bombe, dass er gemacht hatte. „Scheinbar habe ich ein Bild gemacht.“
Schalavsky griff nach dem Handy und sah sich das Bild an. Er deutete auf das Bild und dann auf sich.
„Ja, ich schicke Ihnen das.“, sagte Wespe.
„Ich glaub, ich werde versuchen ein bisschen zu Schlafen. Sie müssen nicht die ganze Zeit hier bleiben. Es ist schon spät.“
Schalavsky winkte ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Wespe lächelte ein wenig und schloss seine Augen. Er brauchte definitiv etwas Schlaf.
Wespe wurde aus seinem nahendem Schlummer gerissen, als er einen Luftzug spüre. Er öffnete die Augen und sah, wie Glockner in den Raum spazierte.
„Hey, Kommissar Glockner.“, begrüßte Wespe seinen Vorgesetzten und konnte an seinen Lippenbewegungen einen ähnlichen Gruß ablesen. Dann sah Glockner fragend aus und Wespe schaute nur zu Schalavsky, der in eine Erklärung überging, was geschehen war, welche Informationen sie bisher hatten und wie der aktuelle Stand war. Zumindest vermutete Wespe das. Das war am Wahrscheinlichsten. Als sie zu einer Pause gekommen waren sah meldete Wespe sich: „Warum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige der ihnen in die Quere kam.“
Glockner sagte etwas und Schalavsky machte eine eine Gebärde mit beiden Fäusten.
Wespe runzelte die Stirn und dachte scharf nach: „...Sicherheit? Zu meiner Sicherheit oder nur um sicher zu gehen?“
Schalavsky zeigte zwei Finger für die zweite Option.
Glockner nickte ihm anerkennend zu und schien sich dann zu verabschieden, weil er Wespe winkte.
„Nehmen Sie ihn endlich mit?“, fragte Wespe und deutete auf Schalavsky. „Er sollte auch etwas Schlaf bekommen.“ Glockner blickte Schalavsky an und eine kurze Diskussion entbrannte, in der Schalavsky wohl den Kürzeren zog. Seine Schultern sackten etwas ab, als er seufzte und seine Jacke nahm. Er klopfte Wespe zum Abschied auf das Bein. (Kein Gute-Nacht-Kuss?)
„Gute Nacht!“, rief Wespe ihnen nach und winkte. Schalavsky hob die Hand und schaute nochmal zu Wespe bevor er die Deckenbeleuchtung aus machte, sodass nur doch die kleiner Lampe über dem Bett Licht spendete.
Dann fiel die Tür zu und Wespe war alleine. Es war seltsam, dass sich nicht viel veränderte. Da er die ganze Zeit in Stille war, konnte er jetzt nicht mal den Unterschied ausmachen.
Er gähnte. Er sollte schlafen. Am nächsten Tag würde er mehr Untersuchungen und Therapien über sich ergehen lassen. Aber nach der Erfahrung zu schlafen fiel ihm auch schwer. Zu Hause hätte er sich vielleicht Meeresrauschen oder Regengeräusche angemacht, aber auch das ging jetzt nicht mehr. Vielleicht würde er nie wieder etwas hören.
Etwa 16 Stunden zuvor:
Für Schalavsky hatte dieser Tag wie so viele angefangen. Frühstück, (dass aus einer Tasse Kaffee bestand), Fahrt zur Arbeit, (die ihn den Glauben an die Menschheit kostete), Eintreffen im Präsidium (ein weiterer Kaffee), sich bei Salah darüber beschweren, dass Wespe beinahe zu spät war (nur um dann festzustellen, dass Wespe scheinbar privat Ermittlungen angestellt hatte). Aber natürlich würde der Tag nicht wie so viele andere enden.
„Wir hatten doch letztens diesen Einbruch bei dem Chemikalienhersteller.“, sagte Wespe aufgeregt und kaute einen knusprigen Toast herum. „Mhm, und ich habe erfahren, dass es Diebstähle in einem Baumarkt gegeben hat.“
Schalavsky beobachtete missbilligend die fallenden Krümmel: „Und?“
„Sehen Sie nicht die Sachen, die gestohlen wurden?“, fragte Wespe und hielt ihn demonstrativ die Liste hin.
Schalavsky blickte auf die Liste, die lauter Wörter hatte, die er nicht aussprechen konnte: „Ich sehe sie...“
„Himmel noch mal!“, rief Bienert und warf die Arme in die Luft. „Tamina! Siehst du es?“
„Dass du mal wieder zu wenig Schlaf hattest?“, fragte Tamina und klaute Wespes halbes Toast aus der Hand. „Ja, sehe ich.“
„Ihr beide habt im Chemieunterricht nicht aufgepasst.“, beschwerte sich Wespe ärgerlich. Schalavsky könnte dem nicht wieder sprechen. Von Chemie verstand er nur rudimentäre Abläufe. „Das hier sind die Grundbausteine für eine Bombe.“ Schalavsky richtete sich auf. Tamina fiel fast das Toast aus dem Mund: „Im Ernst?“
„Jaha!“
„Wie groß sprechen wir hier?“, fragte Schalavsky.
Wespe kratzte sich in Nacken: „Mit den Materialien und der richtigen Zusammensetzung kann es bestimmt ein Mehrfamilienhaus platt machen. Wenn allerdings noch mehr besorgt wurde, dessen Spuren wir noch nicht gefunden haben...“ Wespe machte ein unglückliches Gesicht. „Big Boom.“
„Wir müssen schnell was unternehmen.“, sagte Tamina.
„Im besten Fall finden wir die Bombenwerkstatt, aber wie wir das machen ist eine andere Frage.“, sagte Wespe.
„Wie haben Sie überhaupt das hier gefunden?“, fragte Schalavsky. Wespe machte eine beiläufige Handbewegung. „Seit ich den zweiten Einbruch bearbeitet habe, hat irgendwas in meinem Hinterkopf geklingelt. Ich hab aber eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich an dem ‚Zufall‘ störe, dass genau diese Komponenten zur fast gleiche Zeit gestohlen wurden.“
„Beeindruckend.“, sagte Schalavsky aufrichtig. Bienert lachte überrascht auf, als wüsste er nicht, ob er das Kompliment annehmen sollte oder nicht: „Ich werde mich mal ein bisschen umhören. Vielleicht weiß jemand von meinen Bekannten was."
Bienerts Bekannte waren die Kriminellen, die ihn genug mochten, um sich an ihn mit Problemen zu wenden und im Gegenzug auch halfen wenn er ein Anliegen hatte. Schalavsky hieß das nicht gut aber er kannte Wespe mittlerweile genug, um zu wissen, dass er niemanden aus falsch geleiteten Gefühlen der Verbundenheit laufen ließ.
„Gut.“ Schalavsky seufzte. „Ich werde mal die höheren Instanzen anklingeln, dass wir vielleicht bald ein Bombenräumkommando brauchen.“
Es war gegen Mittag, als sich Wespe sich seine Jacke über schmiss und ankündigte, dass er mit jemanden reden wollte.
Schalavsky hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache und fragte, ob er mitkommen sollte, aber Bienert winkte ab. Erstmal müsse er nur mit einer Topfpflanze reden. Es war dann schon Nachmittags, als Schalavsky einen Anruf bekam in dem Wespe angespannter klang. Er hatte einen Tipp zu einem Gebäude bekommen und wollte dem nachgehen.
Schalavsky hatte ihm noch gesagt, dass er warten sollte und ohne Durchsuchungsbefehl ohnehin nicht in ein privates Gebäude eindringen durfte, aber er kannte seinen Kollegen zu gut, um zu glauben, dass das Bienert tatsächlich aufhalten würde. Dennoch hatte er sich eilig aufgemacht zu der mitgeteilten Adresse.
Er war nicht mehr weit entfernt, als er den Knall hörte und einen Moment später spüre, wie sein Auto durchgeschüttelt wurde, als wäre plötzlich eine Sturmfront an ihm vorbeigezogen.
Schalavsky suchte die Skyline ab und erkannte wo in der Ferne Rauch aufstieg.
Kurz darauf kam die Ansage von der Zentrale: „Explosion im Industriegebiet beim Westbahnhof. Möglicherweise Beamter Vorort verletzt.“
Schalavsky trat das Gaspedal durch, als noch die weiteren Anweisungen gefunkt wurden und stellte das Blaulicht aufs Dach. So schnell wie er könnte, aber ohne andere allzu sehr Verkehrsteilnehmer zu gefährden, fuhr er zu dem Ort, den Wespe ihm genannt hatte. Hinter ihm tauchte die Feuerwehr mit dem gleichen Ziel auf.
Schalavsky sah die Rauchsäule nun dunkler und dichter über den Dächern der Millionenstadt aufsteigen. Drei endlose Minuten später sah er das Flackern und dann das brennende Gebäude. Er lenkte seinen Wagen über die entgegen kommende Fahrbahn und parkte auf dem weitläufigen Vorplatz einer der alten Fabriken, damit er der Feuerwehr nicht im Weg stand. Dann sprangt er aus dem Auto und lief die Straße weiter runter. Der Boden war mit Geröll übersät und er musste aufpassen nicht zu stolpern, aber sein Ziel hatte er schon gesehen. Bienerts Wagen stand halb auf der Straße mit zerbrochenen Fenstern und offensichtlich von der Druckwelle aus seiner Parkposition geschoben. Der Wagen war leer.
Schalavsky sah sich um und erkannte einige Meter weiter eine Gestalt deren schwarz gelbes Shirt und auffällige Lederjacke, die so wirkte als hätte sich ein Kleinkind darauf in Graffiti geübt, er immer erkannt hätte. Schalavsky rannte die letzten Meter im Sprint und kam schlitternd zum Stehen. Noch war kein Rettungswagen da, obwohl er auch angefordert worden war. Schalavsky war sich unsicher, ob er Wespe anfassen konnte. Wenn die Explosion sein Rückgrat verletzt hätte, könnte eine falsche Bewegung ihn umbringen. Wenn er denn noch lebte. Schalavsky presste seine Finger an Wespes Hals und spürte einen schnellen Puls.
Dann rührte sich Wespe. Er bewegte Arme und Beine, aber schaffte es nicht sich herumzudrehen. Wenn er sich noch bewegen kommt, war er wenigstens nicht schwerwiegend am Rückgrat verletzt, dachte/hoffte Schalavsky und packte Wespes Schulter, um ihn herumzuziehen. Wespe stieß einen schmerzverzerrten Fluch aus und sah ihm verwirrt an. Blut tropfte aus seinen Haare. Blut war auch unter ihm im sandigen Kiesboden, der in diesem Gebiet die Fußwege und Vorplätze darstellte.
Schalavsky brüllte nach einem Notarzt. Wespe versuchte tiefer einzuatmen und begann zu Husten, was kein Wunder war bei dem Staub, der in der Luft hing. Schalavsky selbst spürte schon das Gefühl von Sand und Staub auf der Haut.
„Bienert, wie geht es Ihnen?“ Wespe reagierte nicht. „Wissen Sie, wo Sie sind? Oder wer Sie sind?“
Es kam keine wirkliche Antwort, außer dass Wespe plötzlich sich zusammen krümmte und die Hände zu den Ohren zog: „Scheiße!“
Der Knall, dachte sich Schalavsky, Bienert hatte den Knall aus nächster Nähe erlebt. Schalavsky sank auf seine Knie und griff nach den Händen seines Kollegen. Wespe hob seinen Blick wieder.
„Der Notarzt ist schon verständigt.“, versuchte Schalavsky ihn zu beruhigen. Dieses Mal bekam er eine Antwort und sie ließ ihn eiskalt werden: „Ich höre Sie nicht.“
„Was?“, fragte Schalavsky und sah Wespe suchend an. Da waren Blutspuren an seinen Ohren. Mindestens geplatzte Trommelfelle.
„Wirklich nicht.“, sagte Bienert kopfschüttelnd. Schalavsky betrachtete seinen Kollegen und versuchte nachzudenken, was er mit einem Kollegen machte, mit dem er nicht mehr reden konnte. Dann erinnerte er sich an eine der wenigen Gebärden, die er konnte. Verletzung. Schalavskys Kenntnisse in der Gebärdensprache reichten gerade mal, um sich mit Vornamen vorzustellen und als Polizist auszuweisen und nach Verletzungen zu fragen. Bienert konnte wohl noch etwas mehr, weil sein letzter Kurs nicht so lange her war, wie Schalavskys. Er hoffte nur, dass Bienert aufgepasst hatte.
„Ob ich verletzt bin?“, riet Wespe und Schalavsky war etwas genervt, dass er verletzt war, verriet das Blut.
„Oh… Ja. Wie sehr ich verletzt bin?“, verstand Wespe nun und seufzte: „Ähm, meine Ohren… offensichtlich. Rede ich zu laut?“ Tatsächlich sprach Wespe unnatürlich laut, aber das war verständlich, wenn er sich selbst nicht mehr korrigieren konnte. Dennoch war die nächste Aussage ruhiger: „Ich habe ein paar Roadburns. Ich glaube, es ist nicht gebrochen, aber trotzdem tut mir alles weh.“ Bienert Hände waren blutig von der Straße und seine Hose hatte es auch an einigen Stellen zerfetzt, wenigstens die Lederjacke hatte ihn ein bisschen vor dem harten Grund geschützt. Allerdings begann nun Blut auch aus Wespes Nase zu laufen. Schalavsky griff schnell ein Taschentuch aus seiner Tasche und hielt es ihm unter die Nase. Wespe griff danach und schien erst beim Anblick des Blutes zu verstehen, dass seine Nase blutete: „Fuck.“
„Was ist passiert?“, fragte Wespe während, er sich das Tuch unter die Nase drückte. Schalavsky deutete auf das brennende Gebäude, dass auch bisher Hitze abstrahlte. Als er wieder angesehen wurde mimte Schalavsky eine Explosion.
„Oh Shit.“, sagte Wespe beeindruckt und erschrocken, als er verstand. „War’s eine Bombe?“ Schalavsky wusste das nicht mit Sicherheit und versuche Wespe verstehen zu geben, dass er der erste vor Ort gewesen war.
Natürlich reichte das Wespe nicht, er wollte auch noch wissen, ob er der Einzige war, der im Gefahrenradius war. Das wusste Schalavsky auch nicht mit Sicherheit. Es wahr kein bewohntes Gebäude, so viel war sicher. Aber ob sich jemand trotzdem innerhalb des Gebäudes befunden hat, war schwer zu sagen.
Schalavsky stand mit protestierenden Knien auf (er war zuvor etwas zu schnell auf die Knie gefallen, sonst war er noch ganz gut in Schuss, dankeschön) und bot Wespe eine Hand zum hoch helfen an. Wespe hob den Arm aber hielt seine verletzte Hand lieber geschlossen, also packte Schalavsky seinen Unterarm und zog ihn hoch.
„Verdammt.“, raunte Wespe und presste die frei Hand vor den Mund. „Uhhh, mir ist schwindelig. Oh man, ich glaub mir wird schlecht.“
Schalavsky griff ihn an den Schultern, um ihn zu stabilisieren: „Entschuldigung, ich hätte mir denken können, dass du keinen Gleichgewichtssinn mehr hast.“ Er bekam keine Antwort, nur angestrengtes Atmen und einige Flüche, bis Bienert sich vorsichtig aufrichtete, weil er nicht mehr der Meinung war sich jeden Moment zu übergeben.
Schalavsky nickte zum Auto und sein Vorschlag wurde angenommen. Auf dem Beifahrersitz konnte Bienert wenigstens bequem abwarten, bis ein Notarzt endlich da war. Schalavsky sah sich besorgt um. Kollegen von der Verkehrspolizei hatten das Gebiet gesperrt, wahrscheinlich war bereits die halbe Stadt in Panik verfallen und der Verkehr zu verstopft, dass er Rettungswagen extra lange brauchte.
Als Schalavsky endlich sah, dass der Rettungswagen kam, winkte er mit beiden Armen, um sie direkt zu ihm zu lotsen.
Einer der Sanitäter sprang aus dem Wagen und kam auf Schalavsky zu.
„Er war direkt vor dem Haus, als die Explosion passierte. Er ist bei Bewusstsein und konnte hier rüber laufen. Aber er hört wohl nichts.“, erklärte Schalavsky.
Der Sanitäter nickte und kniete sich vor in die offene Beifahrertür. Er sprach Wespe laut an, aber es kam keine Reaktion. Erst als er Wespe aufs Bein klopfte schreckte, dieser hoch und zog die Fäuste in einer Verteidigungsposition. Der Sanitäter hob die Hände: „Hey, hey, ganz ruhig. Ich bin vom Rettungsdienst und will Ihnen helfen.“
„Er ist Polizist und verletzt. Wenn Sie ihn erschrecken, wird er natürlich versuchen sich zu verteidigen.“, sagte Schalavsky missbilligend.
„Okay.“, sagte der Sanitäter ruhig. „Versuchen wir es nochmal. Was tut Ihnen weh?“
„Was?“, erwiderte Wespe.
„Ich werde mir einmal Ihren Kopf ansehen.“, erklärte der Sanitäter ruhig.
„Was?“, fragte Wespe etwas ungeduldiger.
Der Sanitäter blieb ruhig: „Ich möchte mir ansehen woher das Bl-“
Wespe unterbrach ihn: „Himmel nochmal, ich kann nichts hören!“
Schalavsky verdrehte die Augen und bemerkte, dass nun der zweite Sanitäter mit der Liege aufgetaucht war. Der erste Sanitäter stand auf und deutete auf die Liege. Immerhin hatte er nun verstanden, wie er sich mit Bienert verständigen konnte.
Als Bienert nun aber Widerworte gab sah Schalavsky ihn streng an. Dafür hatten sie nun wirklich keine Zeit. Bienert erkannte, dass es keinen Sinn hatte und stand schwerfällig aus dem Auto auf. Als der Sanitäter sah, wie sehr er dabei schwankte, hielt er ihn sofort fest und sorgte dafür, dass er sicher auf die Liege kam. Der zweite Sanitäter griff bereits nach Wespes Gesicht und sah ihm mit einer kleinen Stablampe in die Augen: „Was tut Ihnen weh?“
Wespe sah ihn und dann den anderen nachdenklich an. Schließlich blickte er zu Schalavsky. Schalavsky verstand, dass Wespe es schwerer fiel bei den beiden professionellen Fremden zu erraten, was sie wollten. Er entschied sich einzuschreiten und machte erneut die Gebärde für Verletzung.
Sobald er verstand, erklärte Wespe, was ihm wehtat und die Sanis machten sich daran ihn ins Auto zu verfrachten und zu verkabeln. Schalavsky sagte zu ihnen: „Ich werde mit Ihnen mitkommen. Geben Sie mir nur eine Sekunde.“
Schalavsky zog den Schlüssel vom Auto ab, schloss die offenen Türen und verschloss sie. Dann joggte er zu der nächsten Absperrung, wo Kollegen von der Verkehrspolizei eine Sperre errichtet haben.
„Hey, ich bin Schalavsky vom City Revier 1. Mein Partner ist derjenige, der verletzt wurde und ich werde jetzt mit ihm ins Krankenhaus fahren. Könnten Sie sich darum kümmern, dass jemand mein Auto zum Präsidium fährt und dort den Schlüssel abgibt? Sie können ansonsten auch Kommissar Glockner deswegen informieren, vielleicht schickt er dann jemanden her.“
Der Verkehrspolizist hatte einen harten Ausdruck, und nickte gehorsam. Er fühlte wohl so was wie Mitgefühl, dass Schalavsky Partner im Dienst verletzt worden war. „Ich kümmere mich darum.“
„Danke.“, sagte Schalavsky und joggte zurück zum Rettungswagen. Er kletterte hinein und sah, dass sich Wespes Gesichtsausdruck aufhellte, offensichtlich freute er sich, dass Schalavsky hier war. Schalavsky klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und setzte sich so hin, dass er den Sanitätern nicht im Weg war.
Im Krankenhaus blieb Schalavsky an Bienerts Seite, während allen Untersuchungen. Damit machte er sich nicht besonders beliebt, aber der HNO-Arzt hatte am meisten Verständnis dafür, dass ein Patient in dieser Situation gerne eine vertraute Person bei sich haben möchte. Der Unfallchirurg hingegen fand Schalavsky nicht gut.
„Sie können jetzt gehen.“, sagte der Arzt. „Viel können Sie hier ohnehin nicht mehr tun.“
Schalavsky verschränkte die Arme und nickte zu Wespe: „Ich werde nicht gehen, bevor er mir nicht sagt, dass ich gehen soll.“ Der Art sah unzufrieden aus und kritzelte etwas auf einen Zettel. Wespe wurde der Zettel hingehalten.
„Mannomann. Das kann ja keiner lesen!“, stellte Wespe erstaunt fest. Schalavsky klopfte gegen Wespes Schulter. Als Wespe ihn ansah zeigte er auf den Arzt, dann auf sich selbst und auf die Tür.
„Er will, dass Sie gehen?“, fragte Wespe. „Warum? Es wäre mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.“ Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und drehte sich zum Arzt: „Wie sie sehen, möchte er, dass ich hier bleibe!“
Der Arzt schien einen anderen Plan zu hegen: „Gut, sobald wir ihn aber auf die Intensivstation legen, dürfen nur noch Angehörige zu ihm... keine Kollegen.“
Schalavsky machte der Job zu lange, um nicht im Angesicht von Arschlöchern ruhig zu bleiben und schnell mit einem Bluff bei der Hand zu sein: „Wie gut, dass ich sein Verlobter bin.“ Schalavsky ging ganz stark davon aus das der Unsinn mit den Angehörigen erlogen war und daher hatte er kein Problem auch zu lügen.
Der Arzt sah zwischen ihnen umher. Wespe sah nachdenklich zurück, als würde er erraten wollen worum es ging.
Schalavsky hockte sich vor ihm hin und zwinkerte ihm auffällig zu: „Mach dir keine Sorgen, ich bleibe bei dir.“ Wespe lächelte und nickte, obwohl er noch nicht ganz verstand was los war. Als Schalavsky wieder aufstand, küsste er Wespes Stirn und der schaffte es haarscharf nicht seinen Shit zu verlieren.
„Stimmt was nicht?“ Wespe wusste, dass etwas nicht stimmen konnte, weil er gerade von Schalavsky geküsst worden war. Aber Wespe wäre auch für seinen Job ungeeignet gewesen, wenn er nicht die deutliche Anspannung gesehen hätte, die zwischen den Arzt und Schalavsky herrschte. Und man mochte eine Menge über Wespe sagen, aber ein schlechter Polizist war er nicht. „Du siehst besorgt aus.“
Schalavsky nickte leicht, aber legte eine Hand auf Wespe Schulter: „Es wird alles wieder gut."
Wespe seufzte erleichtert und legte sein Wange gegen Schalavsky Arm in einer oscarreifen Performance. Schalavsky dachte gerade, für den Moment waren sie in einer guten Situation, als er bemerkte, dass Wespe nicht richtig Atmete. Schalavsky versuchte erst mit sanften Kreisen auf seiner Brust ihn zu beruhigen, bevor er ihm einen richtig Rhythmus vorgab, an dem sich Wespe orientieren konnte.
Nach dem der Unfallchirurg, kam noch der Dermatologe, der zum Glück entspannt war und die Psychiaterin, die um diese Zeit eigentlich bestimmt keine Schicht mehr hatte. Vielleicht hätte sie mit der Panikattacke besser helfen können, aber nicht ohne ein Möglichkeit richtig zu kommunizieren.
Knalltrauma, beziehungsweise Explosionstrauma, hieß die erwartete Diagnose. Schalavsky hatte immer wieder nachgefragt, wie die Prognose aussah und es stellte sich raus, dass Wespe wie so häufig sehr viel Glück gehabt hatte. Dadurch dass er hinter seinem Auto gestanden hatte, war er vor der Druckwelle größtenteils geschützt gewesen, sonst hätte es schlimmer Enden können. Eine solche Druckwelle führte zu Rupturen und Kontusionen und im schlimmeren Fällen zu inneren Blutungen. Bienerts schlimmste Verletzung schien sein Gehör zu sein. Die aufgeschürfte Haut und Platzwunde am Kopf, waren keine großen Probleme. Selbst vor den Splittern, war er größtenteils geschützt gewesen.
Das rechte Ohr war mehr betroffen gewesen als das linke, wahrscheinlich weil Wespe seitlich zum Gebäude gestanden hatte. Allerdings hatten beide Ohren gerissene Trommelfelle und waren nun zum Schutz abgedeckt. Wespe wurde an Infusionen gehängt und möglicherweise würde man ihm am nächtens Tag operieren.
Es hatte einige Stunden gedauert, bis sie endlich in einem Einzelzimmer gebracht wurde, das für die nächsten Wochen Wespes neue Heimat sein würde. Schalavsky hatte dafür gesorgt, dass es ein Einzelzimmer war, weil sie noch nicht wussten, ob die Bombe ein gezielter Anschlag auf Bienert gewesen war, weil er vielleicht zu viel heraus gefunden hatte. Abgesehen davon, hielt der HNO-Arzt es auch besser ihn in einer möglichst ruhigen Umgebung zu halten. Schalavsky zog den Stuhl näher, sodass er neben dem Fußende des Bettes stand und ihn anblickte. Er hatte bemerkt, dass Wespe sprunghaft war, wenn jemand ihn plötzlich berührte, ohne dass er ihn vorher sehen konnte. Deswegen blieb Schalavsky näher bei Wespe, damit er ihn in seiner Nähe spüren konnte, auch wenn er sich nicht in dessen Sichtlinie befand. Und das schien Wespe zu beruhigen. Dort beim Fußende, hatte Wespe ihn die ganze Zeit im Blick, und wenn er seine Aufmerksamkeit erregen wollte, konnte er ihn gegen ein Bein klopfen.
„Können Sie ran gehen?“, fragte Wespe plötzlich und Schalavsky sah von seinem eigenen Handy auf und sah dass Wespe ihm seines reichte. Tamina rief an.
„Schalavsky hier.“
„Wa-warum gehen Sie an Wespes Handy?“, fragte Tamina und Besorgnis tropfte durch ihre Stimme.
„Weil sich unser lieber Kollege dachte, er sieht sich mal eine Explosion vom Nahem an.“ Schalavsky bemerkte Bienerts interessierten Blick und begann zu zeigen über was er sprach. „Er hört aktuell nichts mehr. Wir müssen schauen, wie lange das anhält.“
„Oh, richten Sie ihm Gute Besserung aus.“, sagte Tamina und Schalavsky versuchte das symbolisch rüberzubringen.
„Danke.“, sagte Wespe erfreut.
Tamina seufzte: „Es tut gut seine Stimme zu hören. Können Sie ihn bitten zu erzählen, was passiert ist?“
„Ich versuche es.“ Schalavsky legte das Hand auf Lautsprecher geschaltet (aber sehr leise eingestellt) auf Bienerts Bauch und deutete ihm an zu reden.
Wespe verstand und begann seine Ermittlungsarbeit wiederzugeben. Selbst in diesem Zustand brachte man ihn nur mit einem bösen Blick wieder zum Schweigen, aber Tamina wollte auch noch was sagen. „Warten Sie, ich schick ihm einfach meine Frage. Hast… du… gesehen… wer die… Bombe… gezündet... hat. Fragezeichen.“
Wespe antwortet und es war definitiv die bessere Version eine Konversation zu führen, als mit Händen und Füßen zu gestikulieren. Aber Schalavsky war bei weitem nicht so schnell dabei auf seinem Handy Nachrichten zu schreiben wie die jüngere Generation.
,Du hast echt mehr Glück als Verstand.‘, schickte Tamina zum Ende ihres Gesprächs.
„Bei dem bisschen Verstand, wäre weniger auch schwer möglich.“, murmelte Schalavsky und Tamina kicherte. Wespe sah das sofort und fragte nach, ob er gerade veralbert wurde, was Schalavsky mit einem ehrlichen Nicken bejahte.
Nach der seltsamen Kommunikation, war Bienert nachdenkliche, scheinbar schien er zu überlegen ob er irgendwas vergessen hatte oder eine Schlussfolgerung ziehen konnte. Erfolgreich war er dabei scheinbar nicht, denn ab und zu murmelte er einen Fluch vor sich hin. Schalavsky war sich nicht sicher, ob er sich darüber im Klaren war, dass er immer wieder fluchte. Er schien das fast beiläufig zu machen.
Wespe ging dazu über mit seinem Handy zu spielen und auf einmal summte er. Schalavsky beobachtete ihn interessiert. Bienert konnte sich zwar nicht hören, aber dennoch summte er eine Melodie leise vor sich hin.
Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Schalavsky ihn unentwegt ansah. Schalavsky hob amüsiert eine Augenbraue und Wespe sah fragend zurück. Offenbar hatte er wirklich nicht bemerkt, dass er summte. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Finger gegen Wespes Hals. Das Summen verstummte. „Sorry hab ich gar nicht bemerkt.“
„Ihr Spitzname passt zu Ihnen.“, sagte Schalavsky sanft.
Wespe verdrehte übertrieben die Augen: „Jaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.“ Schalavsky lachte leicht auf. Wenigstens kannte Bienert seine Schwächen. Dann verflog dieser leichte Moment. Bienert Gesichtsausdruck wurde auf eine Weise besorgt, die Schalavsky nicht mochte. Aber wer konnte ihm das verübeln? Er lag hier im Krankenhaus und wusste nicht, ob er gerade einen seiner wichtigsten Sinne eingebüßt hatte. Selbst wenn sein Gehör sich wieder besserte, bestand das Risiko so viel Schaden davon getragen zu haben, dass er seine Arbeit nicht mehr ausführen könnte. Schalavsky mochte nicht daran denken. Endlich hatte er Bienert so weit ein brauchbarer Partner zu sein und sich mit ihm verständigen zu können und da könnte das alles schon wieder vorbei sein?
Aber anstatt über mögliche Sorgen zu sprechen, zeigte Wespe ihm ein Bild von der Bombe, das er scheinbar nur Minuten vor der Explosion gemacht hatte. Das war sehr gut für die Ermittlungen. Schalavsky ließ sich das Bild schicken und mache sich dann daran Glockner zu informieren und das Bild an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Bienert entschied sich dafür etwas Schlaf zu bekommen.
Er schien nicht besonders schnell Schlaf finden zu können und wenn er einnickte, war er kurz darauf wieder wach. Schwierig nach so einem Trauma Schlaf zu finden.
Die Tür öffnete sich und Glockner kam ins Krankenzimmer.
„Hey, Kommissar Glockner,“, sagte Wespe und klang hellwach. Selbst ohne sein Gehör war er immer noch sehr aufmerksam.
„Hallo Wespe, wie geht es Ihnen?“, fragte Kommissar Glockner.
„Er hört nichts mehr.“, sagte Schalavsky. „Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wie sich das entwickelt.“ Schalavsky erzählte was sie bis hierher wussten.
Als er fertig war fragte Wespe: „Warum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige, der ihnen in die Quere kam.“ Selbstverständlich musste Bienert sogar in diesem Zustand erkennen, dass ein Beamter in Uniform vor der Tür stand.
„Sie haben das zu seiner Sicherheit angeordnet?“, fragte Glockner. Schalavsky nickte und machte eine Geste mit beiden Fäusten, die Sicherheit bedeutete.
„Gut, dann mach ich mich jetzt auf den Weg.“, sagte Glockner und winkte Wespe zu.
„Nehmen Sie ihn endlich mit?“ Wespe deutete auf Schalavsky. „Er sollte auch etwas Schlaf bekommen.“
„Er hat recht. Kommen Sie mit, Kollege.“, sagte Glockner freundlich. „Ich fahre Sie nach Hause.“
„Aber ich sollte Bienert nicht alleine lassen.“, sagte Schalavsky besorgt.
„Das ehrt Sie, Herr Kollege, aber wenn Sie hier auf dem Stuhl schlafen, geht’s Ihnen morgen schlechter als ihm.“, sagte Glockner neckend.
Schalavsky wollte nochmal widersprechen aber Glockner hielt ihn auf: „Sie können morgen wieder herkommen.“
Schalavsky gab sich geschlagen. Er nahm seine Jacke vom Stuhl und klopfte Bienert auf das Bein zum Abschied.
„Gute Nacht noch. Und danke.“, sagte Wespe. Schalavsky nickte ihm lächelnd zu und schaltete beim Rausgehen das Deckenlicht aus, sodass Wespe nur noch das Leselicht über seinem Bett hatte.
Als die Tür sich schloss, schaltete Wespe auch das Licht an seinem Bett aus. Er versuchte zu schlafen. Irgendwie. Die Gedanken auszublenden, die sich mit einem möglichen permanenten Hörverlust beschäftigten und die absolute Stille ignorieren, die ihn langsam nervös machte. Es war selten, dass Wespe wirklich nicht schlafen konnte, aber dann machte er sich ein Hörbuch an, oder Regengeräusche. Das ging nun nicht.
„Fuck!“, sagte Wespe in den leeren Raum und hasste es, dass er nicht mal das hören konnte.
Schalavsky hatte eine kurze Nacht. Mit Sicherheit hätte er auch später zur Arbeit kommen können als sonst, aber nach fünf Stunden unruhigem Schlafs war er wieder wach und konnte genau so gut zur Arbeit kommen. Das er das heute auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln tun musste, störte ihn immens.
Dementsprechend verzweifelt sah Schalavsky die Kaffeemaschine im Pausenraum an, die heute entschieden hatte in den Streik zu gehen.
„Guten Morgen!“, rief Tamina zu glücklich. Schalavsky grummelte ein leises „Morgen.“ und wunderte sich, warum er den Geruch von Kaffee halluzinierte. Als er sich umdrehte, stand da Tamina mit vier großen Kaffeebechern in einer Hand. Sie zog einen aus der Transportpappe und reichte ihn Schalavsky: „Ich dachte mir schon, dass Sie dringend einen brauchen. Wie geht’s Ihnen?“
„Okay…?“, antwortete Schalavsky verwirrt. „Mir ist ja nichts passiert.“
Tamina warf ihm einen ihrer nachdenklichen Blicke zu. Schalavsky war sich sicher, dass sie mit diesem Blick versuchte herauszufinden, ob einer ihrer Kollegen wirklich so doof war, wie er/sie sich stellte. Bienert und er bekamen diese Blicke regelmäßig ab.
„Sie haben gesehen, wie ein Kollege ernsthaft verletzt wurde und haben sich die ganze Zeit um ihn gekümmert. Das kann einen auch mitnehmen.“
Schalavsky nickte: „Ja… ich… ich hab schlecht geschlafen, aber ich komme klar.“
„Okay.“, sagte Tamina. „Ich hab heute morgen schon mit Wespe getextet. Ihm geht’s soweit gut. Sie wollen ihn heute Vormittag noch operieren, weil auf seinem rechten Ohr das Trommelfell zu sehr gerissen ist.“ Schalavsky nickte verstehend.
„Heute Nachmittag können wir ihn besuchen, wenn Sie möchten.“, sagte Tamina. Schalavsky nickte dankbar. Für den Moment musste er sich zusammenreißen. Er musste den Mistkerl finden, der die Bombe gebaut hatte.
„Ich habe die Beweise, der Einbrüche mit nochmal angesehen und ein paar Verdächtige, denen wir auf den Zahn fühlen können.“, sagte Tamina. „Die Spurensicherung ist noch nicht besonders weit.“ Schalavsky trank einen Schluck Kaffee: „Sehr gut, lassen Sie uns loslegen.“
„Fuck.“ Wespe schloss das verlorene Snake-Game auf seinem Handy. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Er hatte die Operation hinter sich, aber er sollte noch nicht viel herum laufen. Also war er brav in seinem Bett, zurück gelehnt, aber nicht flach liegend, weil er auch das nicht durfte und zählte die Deckenpaneele und überlegte, ob die Fenster den Regularien entsprachen, schätzte den Infusionsständer auf seine Funktion als mögliche Mordwaffe ein und begann seine Augen absichtlich zu akkommodieren und die gegenüberliegende Wand scharf und unscharf zu stellen. Mit anderen Worten, er war wahnsinnig gelangweilt und etwa eine dreiviertel Stunde davon entfernt sich mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo zu stechen.
Zu seiner Rettung kamen seine Kollegen.
„Hallo!“, sagte Wespe erfreut.
„Hey, Wespe.“, sagte Tamina lächelnd.
„Hallo.“, sagte Schalavsky zurückhaltender.
Wespe schmunzelte: „Ich war selten so froh Ihre Stimme zu hören.“ Schalavsky sah ihn überrascht an: „Sie können wieder hören?“
Bienert wog eine Hand hin und her: „Bisschen ja. Ist alles noch sehr wattig und ich hab konstantes Piepsen, aber immerhin höre ich ein bisschen.“
Tamina stemmte die Hände in die Hüften: „Moment mal, über meine Stimme freust du dich nicht?“
„Du bist wie ne kleine nervige Schwester.“, gab Wespe sofort zurück: „Ohne deine Stimme hätte ich noch ein paar Tage verkraftet.“
Tamina lachte auf: „Sehr frech.“
„Wie geht’s Ihnen?“, fragte Schalavsky. Bienert verzog ein wenig das Gesicht: „Unkraut vergeht nicht und so. Es hilft aber auch, dass sie mir die guten Drogen geben.“ Wespe zwinkerte Schalavsky zu.
„Wow. Das ist ja schlimm.“, stellte Tamina fest. „Ich cringe mich weg. Wie lange musst du noch hierblieben?“
„Ein paar Tage wohl noch.“, sagte Wespe. „Irgendwie machen Explosion die Leute nervös. Ich kann das ja nicht nachvollziehen, aber manche haben einfach dünne Nervenkostüme.“
Tamina lachte auf. Sie war sich bewusst, dass Wespe sie nicht besorgt oder traurig sehen wollte und aus diesem Grund absichtlich sich selbst unbeschwerter darstellte. „Ich dachte, ich fahre bei dir vorbei und hole dir deine Sache. Willst du irgendwas bestimmtes?“
„Bitte bring mir ein paar Bücher.“, bat Wespe aufrichtig. „Mir ist sooo langweilig.“
„Sonst noch was?“, fragte Tamina.
„Nur meine Reisetasche für Notfälle.“, sagte Wespe. Tamina nickte: „Alles klar, ich bin bald wieder da.“ Tamina verließ den Raum und ließ Schalavsky und Wespe alleine.
„Es freut mich, dass es dir besser geht.“, sagte Schalavsky und setzte sich an auf den Besucherstuhl. Wespe nickte: „Ich auch… hören Sie, vielen Dank für alles. Das Sie gestern bei mir waren, hat das Ganze so viel erträglicher gemacht. Und mich vor mehreren Panikattacken bewahrt.“
Schalavsky schüttelte leicht den Kopf: „Du musst sich nicht bedanken.“
„Oh doch.“, sagte Wespe. „Als die Bombe hoch ging, dachte ich wirklich….. das war’s jetzt. Und ich war mir danach noch nicht sicher, ob es nicht doch noch zu Ende gehen könnte mit mir. Aber Sie waren da, die ganze Zeit. Und ganz ehrlich… ich weiß nicht, wie ich das ohne Sie geschafft hätte.“ Wespe zwang sich zu einem langsamen Durchatmen, um die Tränen zurückzuhalten.
Schalavsky griff nach seiner Hand: „Hey… du hast das ganz alleine geschafft. Ich war nur dafür da, ein paar Fragen zu beantworten.“ Wespe lachte schwach auf, als nun doch die Tränen über seine Wangen rollten, er schüttelte den Kopf: „Du bist immer für mich da, wenn ich jemanden brauche. Als einziger.“
Schalavsky lächelte traurig und setzte sich auf Wespes Bettkante. Er griff nach dessen Gesicht und wischte die Tränen weg: „Du bist so beliebt und du hast so viele, die für dich da wären. Gestern war schlimm, und du wirst ein bisschen Zeit brauchen um das zu verarbeiten, aber das schaffst du auch.“
Wespe holte zittrig Atmen: „Sorry… das ist-“
„Das ist okay.“, sagte Schalavsky ruhig und zog ihn in seine Arme. Wespe legte seine Arme um Schalavskys Schultern und hing halb an ihm, als er weiter stockend einatmete und versuchte seine Tränen zu stoppen.
Schalavsky strich ihm mit einer Hand langsam über den Rücken und hatte die andere Hand in seinen Haaren vergraben.
Er ließ Wespe alle Zeit, um wieder zu Ruhe zu kommen und sich langsam aus der Umarmung zu lösen. Als er sich mit einer verbundenen Hand die Tränen aus dem fleckigen Gesicht wischte, hielt die andere weiter Schalavskys Hand fest.
„Ich versteht jetzt, warum die wollten, dass ich mit einer Psychiaterin rede.“, schniefte Wespe halb scherzend. Schalavsky nickte: „Ja. Wobei das nicht deine einzige Option ist.“
Wespe sah ihn fragend an.
„Erzähl deinen Freunden davon.“, sagte Schalavsky aber Wespe verzog das Gesicht, als wolle er das nicht.
„Ruf deine Eltern an.“, riet Schalavsky als Alternative.
Wespe machte eine wegwerfende Bewegung: „Geht nicht.“
Schalavsky horchte auf: „Wieso?“ Hatte er ein Fettnäpfchen erwischt? Nein, Bienerts Eltern lebten noch. Hätte er sich deswegen Sonderurlaub genommen, hätte Schalavsky das mitbekommen.
„Die sind in einem Dschungel ohne Empfang.“, erklärte Wespe. Schalavsky atmete auf: „Na du hast ja ein Glück. Du findest hier fast dein Ende und deine Eltern machen Urlaub.“
Wespe schüttelte schwach den Kopf: „Quatsch. Die machen keinen Urlaub. Die leben da.“
„Deine Eltern leben im Dschungel? Ohne Empfang?“, fragte Schalavsky.
„Meistens ohne Empfang.“, gab Wespe zu.
Schalavsky runzelte die Stirn: „Die wissen aber schon, dass du einen gefährlichen Beruf hast?“
Wespe nickte: „Ja. Schon. Aber sie haben uns so aufgezogen, dass wir unsere Leben eigenständig leben können. Ihr Lebenstraum war es auszuwandern, und als wir groß genug waren, haben sie das gemacht.“ Schalavsky hatte das Gefühl, das klärte eine Frage, die er bisher nicht gehabt hatte: „Wie alt warst du, als deine Eltern ausgewandert sind.“
„Neunzehn.“, sagte Wespe.
„Wann hast du deine Eltern zuletzt gesehen?“, fragte Schalavsky.
„In einem Videoanruf vor vier Monaten. In Echt? Ähm… dreieinhalb Jahre.“, sagte Wespe und sah ihn amüsiert an: „Bist du wirklich überrascht, dass meine Eltern alternde Hippies und Globetrotter sind?“
„Nein.“, sagte Schalavsky und hängte nicht an, dass es ihm darum nicht ging.
Schalavsky dachte an die Dienste, die er zu Weihnachten mit Wespe verbracht hatte und dass Wespe zwar mal einen freien Tag für den Geburtstag seinens Bruders genommen hatte, dass er aber nie die Geburtstage seine Eltern gefeiert hatte. Schalavsky fragte sich, ob er so offen mit allen war, weil ihm die nähere Bindung mit seiner Familie fehlte.
Schalavsky tastete sich weiter vor, obwohl er damit sehr persönlich wurde: „Und warum möchtest du nicht mit deinen Freunden sprechen?“
Wespe verzog das Gesicht: „Ich mag es nicht andere traurig zu machen.“ Schalavsky sah seinen Kollegen nachdenklich an. Hatte Bienert keine Freunde, an die er sich bei Problemen wandte? Aber gut. Scheinbar hatte Bienert sein gesamtes Erwachsenesleben alleine bewältigt. Und auch wenn Schalavsky in dieser Hinsicht nicht anders, war tat es ihm leid, dass Bienert alleine durch all das gegangen war.
„Vielleicht solltest du doch mit der Psychiaterin sprechen. Oder generell mit jemanden.“, sagte Schalavsky. Wespe blickte ihn an, als hätte Schalavsky ihn betrogen: „Und das von dir.“
„Nur weil ich schlechte Gewohnheiten habe, musst du die nicht auch haben.“
„So schlecht sind deine Gewohnheiten nicht.“, sagte Wespe. „Du bist immer da, wenn man dich braucht.“
Schalavsky nickte: „Ich versuche es.“
Wespe sah ihn nun fragend an: „Was war die Nummer mit dem Stirnkuss?“
Schalavsky merkte wie seine Ohren rot wurde: „Ah. Das. Die wollten mich raus werfen, aber ich wollte dich nicht alleine nicht lassen. Also habe ich behauptet, ich sei dein Verlobter.“
Wespe lächelte: „Ach so.“ Er begann zu lachen: „Ich hab wirklich angefangen an meiner geistigen Verfassung zu zweifeln.“ Schalavsky lächelte, halb aus Humor, halb weil er erleichtert war, dass Wespe es entspannt aufnahm. Wespes Lachen verebbte schnell wieder, als sein Kopf es noch nicht mochte: „Urgh, das sollte ich noch nicht machen.“
„Tut noch weh?“, fragte Schalavsky mitfühlend.
„Oh ja.“, sagte Wespe. „Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.“
„Weißt du schon, wie es weiter geht?“, fragte Schalavsky.
Wespe nickte: „Ein paar mal Sauerstofftherapien und wenn das gut anschlägt, darf ich in ein paar Tagen nach Hause und dann bin ich noch eine Weile krankgeschrieben, bis hoffentlich alles wieder in Ordnung ist.“
Schalavsky nickte: „Glaubst du, du bekommst in deiner WG Ruhe?“
Wespe verzog das Gesicht: „Wahrscheinlich nicht. Ich kann ja die Kollegen rufen, wenn die anderen zu laut werden.“
„Die Kollegen werden sich freuen.“, schmunzelte Schalavsky.
„In der Zwischenzeit muss du dir keine Sorge machen, dass jemand wieder die Dienstvorschriften verletzt.“, sagte Wespe.
„Das stimmt wohl.“, gab Schalavsky zu. „Da wird mir direkt was fehlen.“
Wespe lachte beinahe auf, aber hielt sich zurück: „Nicht zum Lachen bringen, bitte.“
„Entschuldige.“, sagte Schalavsky. „Dann sage ich halt nicht, dass ich dich vermissen werde.“
„Ach?“
„Ja, Salah ist unerträglich, wenn sie sich nicht täglich über Klatsch und Tratsch austauschen kann.“, sagte Schalavsky. Wespe grinste und sagte fest leidend: „Ja, das ist wahr… Wenn du mich aber tatsächlich vermisst, können wir uns nach deiner Arbeit treffen und was Essen gehen.“
Schalavsky schien einen Moment länger als nötig darüber nachzudenken: „Du willst mit mir Essen gehen?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich hab gehört, das machen Freunde so. Außerdem kann niemand in meiner WG außer mir kochen und mich lassen sie nicht krank oder verletzt kochen.“
„Oh… okay.“, sagte Schalavsky. „Wir können Essen gehen.“
„Gut.“, sagte Wespe. „Dann haben wir ein Date.“
Schalavsky erstarrte und Wespe hätte sich gegen die Stirn geschlagen wenn das nicht zu den Dingen gehörte, die er im Moment nicht machen sollte.
„Da bin ich wieder!“, rief Tamina, als sie die Tür aufstieß. „Habt ihr euch vertragen?“ Schalavsky stand von der Bettkante auf. Wespe hüstelte und nickte schnell: „Klar. Immer.“
„Hier ist deine Tasche mit fünf Büchern, die bereits Lesezeichen drin hatten.“ Tamina stellte die Tasche mit einem lauten Rumpsen auf den Tisch. Wespe zuckte zusammen: „Mhm… danke?“
„Ah. Sorry.“
„Schon gut.“, sagte Wespe.
Schalavsky räusperte sich: „Ich würde mich auf den Weg machen. Ähm… wir sehen uns.“
„Zum Essen?“, fragte Wespe hoffnungsvoll.
„...ja.“
Wespe strahlte, während Schalavsky das Zimmer verließ.
Tamina verschränkte die Arme: „Spuck’s aus. Was geht hier ab?“
Wespe sah sich die gut gezählten Deckenpaneele an. Als Tamina nicht aufhörte ihn anzustarren, bot er an: „Willst du mir mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo stechen?“
Und hier kommt Teil 4, nicht solang wie der vorherige Teil aber mit ein bisschen mehr reiberein
4. Abgestochen.
Wespe wusste, dass er nicht gut darin war Hilfe anzunehmen. Die einzigen, bei denen er das überhaupt durchgehen ließ, waren Tamina und Schalavsky. Bei letzterem hatte er auch keine große Wahl, da Schalavsky aus Prinzip das tat, was nötig war und das inkludierte sich um ihn zu kümmern, auch wenn er sonst immer eine Nervensäge war. Mittlerweile fiel es Wespe auch leichter, Probleme nicht einfach mit sich selbst auszumachen. Das lag auch daran, dass sie mittlerweile mehrfach miteinander Essen waren, während Wespe sich von seinem Bombenstunt erholt hatte. In dieser Zeit war Wespe etwas dünnhäutig gewesen, aber das war für Schalavsky kein Problem gewesen. Er hatte genug Geduld und Aufmunterung für ihn parat gehabt. Schnell wurden diese gemeinsamen Essen zum Highlight in Wespes Genesungstagen. Ihm fiel auch auf, dass nach einigen dieser Dates Schalavsky seine guten Hemden anzog. Vielleicht weil sie sich für ein vornehmeres Restaurant entschieden hatten, als Rico’s Saloon & Bar in dem man Rippchen, Burger und Cocktails zum Bowlen, Billard und Darts spielen gereicht bekam. Wespe selbst hatte sich für dieses Essen auch mehr herausgeputzt. Sein Hemd war zwar immer noch leuchtend orange, aber auch körperbetont und voller spitzer Nieten, weswegen er es sonst nicht zur Arbeit trug. Schalavsky schien es zu zusagen. Zumindest beklagte er sich nicht über das Shirt. Aber bei weiteren gemeinsamen Essen, blieben die besseren Hemden, trotz anderer Lokale.
Wegen diesen Erfahrungen fand Wespe es nun leichter sich an Schalavsky zu wenden, wenn etwas schief lief. Was nicht hieß, dass er das auf die normale Weise machte. Das war ihm von Natur aus zu wider.
Wespe schlenderte in ihr Büro, wo Schalavsky an seinem Schreibtisch saß, und fragte beiläufig: „Hey, Lieblingskollege! Würdest du meinen Antrag für eine neue Stichschutzweste unterschreiben?“
Schalavsky sah langsam von seinem Bildschirm auf und musterte Wespe warnend: „....wenn das deine Art ist mir mitzuteilen, dass du abgestochen wurdest, gibt's Ärger.“
Wespe hatte eine Hand in die Seite gestemmt und winkte mit der anderen Hand ab: „Ach Quatsch.“
Schalavsky seufzte und fragte: „Warum stemmst du die Hand in die Seite?“
„Weil ich von Natur aus sassy bin.“, sagte Wespe stolz. „Könntest du mir bei der Gelegenheit, völlig zufällig natürlich, auch noch den Erste-Hilfe-Kasten geben? Ich würde den ja selbst holen, aber der liegt oben auf dem Schrank und ich muss mir was gezerrt haben, das Strecken fällt mir gerade schwer.“
Schalavsky erhob sich von seinem Stuhl und zeigte befehlend auf Wespes Bürostuhl: „Du setzt dich jetzt sofort in diesem Moment hin!“
Wespe zuckte noch immer ruhig mit den Schultern: „Wenn du das unbedingt willst. Ich hab ja nicht das Gefühl, dass ich sitzen müsste…“
Schalavsky deutete auf den Teppich vor Wespes Füßen: „Und das Blut ist auch kein Grund?“
„Das ist nur dieser neue TikTok Trend. Aderlass. Der letzte Schrei.“
„Ich schreie auch gleich.“, sagte Schalavsky trocken und deutete auf den Stuhl. „Hinsetzten. Ich holte den Kasten.“
Wespe setzte sich sehr langsam auf seinen Schreibtischstuhl und manipulierte ihn so dass er sich weiter zurück legen konnte. Er atmete zittrig aus. Schalavsky kam mit dem Erste-Hilfe-Kasten ins Büro und zog sich Einmalhandschuhe an, obwohl es ein Wunder wäre, wenn Wespe sich nicht schon alle Bestandteile für eine klassische Infektion zugelegt hatte. Schalavsky ging auf die Knie und er zog vorsichtig Wespes Hand weg. Dann hob er das T-Shirt hoch und Wespe hielt es mit der Hand von der kein Blut tropfte hilfreich fest. Schalavsky besah sich die Wunde, was sich schwierig gestaltete, da mittlerweile der ganze Bereich mit verwischtem Blut beschmiert war. Es wirkte so als sei der Stich von vorne gekommen und dann zur Seite hin aus Wespes Fleisch gerissen worden.
„Ah.“, sagte Schalavsky, im Versuch ruhig zu wirken. „Das Messer hatte nicht rausgezogen werden sollen.“
„Oh danke.“, sagte Wespe sarkastisch. „Das sage ich dem Nächsten, der etwas von meinem Bacon haben will.“
Schalavsky brummte nur. Zum Glück war die Stichwunde soweit außen, dass sie nur Fleisch erwischt hatte, aber es blieb die Frage, wie viel Blut Wespe schon verloren hatte.
„Warum bist du nicht direkt zum Arzt?“, fragte Schalavsky, während er sich im Kopf für einen Schlachtplan entschied.
„War mit Kleinert unterwegs.“, sagte Wespe. „Konnte ihn nicht seine erste Verhaftung ganz alleine regeln lassen.“
„Himmel nochmal, Wespe. Eigensicherung geht vor!“, tadelte Schalavsky und drückte eine Kompresse auf die Wunde. „Halt das fest. Mit der sauberen Hand, bitte.“
Wespe ließ seine blutverschmierte Hand wieder sinken: „Zu Befehl, Herr Sanitäter.“ Er schob sich den Saum seines Shirts zwischen die Zähne, um die saubere Hand auf die Kompresse zu drücken.
„Vielleicht ist es dein Mundwerk, dass viele Leute dazu verleitet dich abstechen zu wollen.“, sagte Schalavsky düster und wischte einiges von dem Blut weg.
„Du kenn’ noch mehr die das woll’n?“, fragte Wespe undeutlich.
Schalavsky antwortete ungerührt, als er die Kompresse mit Tape aus dem Verbandskasten festklebte, damit Wespe seine Hand wegnehmen konnte: „Mindestens einen.“
„Oh meinste Messer-Matze. Der will alle abstech’n."
„Dann kenne ich zwei.“, sagte Schalavsky und nahm eine Verbandsrolle.
Wespes nächster Kommentare blieb ihm Hals stecken, als Schalavsky die Rolle auf die Wunde drückte und auch festklebte.
„Kannst du dich ein bisschen aufsetzten?“ Wespe griff nach Schalavskys Schulter, um sich hochzuziehen.
„Du hattest echt Schwein, dass es nur ein bisschen Haut und Polster erwischt hat.“, sagte Schalavsky, während er den Verband um Wespe wickelte.
Wespe fiel sein Shirt aus dem Mund. Er wusste, dass er in den letzten Wochen regelmäßig gut essen war und keine seiner üblichen Sportarten betreiben könnte, aber hatte Schalavsky ihn gerade beleidigt? „Willst du mir gerade sagen, dass mich das Messer nicht getroffen hatte, wenn ich nicht so fett wäre?“
Schalavsky schnaubte und drückte ihm das Shirt wieder in die Hand: „Im Gegenteil, mit noch weniger auf den Knochen hättest es wahrscheinlich deine Organe erwischt.“
Schalavsky wickelte den Verband weiter um Wespe und zog ihn unangenehm fest. Wespe stockte der Atem.
„Ich weiß, sorry.“, sagte Schalavsky. „Aber du hast schon zu viel Blut verloren und wir müssen dich noch lebendig zum Arzt bringen.“
Wespe seufzte: „Ich weiß...“
„Heißt das ich muss dich mal nicht zum Arzt treten?“ Schalavsky wirkte erstaunt.
„.. fährst du mich?“
„Klar.“
Wespe hielt eine Hand hoch und Schalavsky ergriff sie, um ihm aus dem Stuhl zu helfen. Das laufen fiel etwas einfach, wenn er nicht selbst den Druck auf die Wunde aufrecht erhalten musste.
Als Wespe im Auto Probleme damit hatte sich anzuschnallen, ohne alles mit Blut voll zu schmieren, gab Schalavsky ihm feuchte Reinigungstücher aus dem Handschuhfach, den denen er behauptete sie aus Prinzip immer dabei zu haben, aber tatsächlich hatte er sie erst, seit er öfter mit Wespe und Salah zusammen arbeiten musste und die beiden wie Kleinkinder sein konnten.
Wespe schnallte sich an, aber hielt den Gurt von seiner Wunde weg. Sonst starrte er nur aus dem Fenster und summte leise vor sich hin. Schalavsky hatte nun schon mehrfach bemerkt, dass Wespe oft summte. Meistens wenn er alleine war und dann hörte er auch auf, sobald jemand zu ihm kam. Manchmal aber auch, wenn er in Gedanken war oder sich nicht gut fühlte. Wahrscheinlich war es eine Art Selbstberuhigung, die er da betrieb. Am Krankenhaus parkte Schalavsky und Wespe blieb solange im Wagen sitzen bis er herum gekommen war, um ihn raus zu helfen. Das nahm Schalavsky als Erfolg wahr. Normalerweise probierte Wespe erst und gab dann auf wenn er keine Wahl mehr hatte.
Schalavsky ging zum Empfang der Notaufnahme zeigte seinen Ausweis, was meistens ein wenig mit der Wartezeit half und teilte mit was mit Wespe war. Wespe griff sich den Fragebogen und füllte ihn in einer so hohen Geschwindigkeit aus, dass Schalavsky sich wunderte, wie oft Wespe tatsächlich in der Notaufnahme auftauchte.
Warten mussten sie auch dieses Mal nicht lange, was wahrscheinlich daran lag, dass keiner sagen konnte wie viel Blut Wespe zuvor verloren hatte.
Sie wurden in eines der Zimmer geführt.
Eine junge Ärztin kam energisch in den Raum: „Guten Tag, ich bin Dr. Sticherle, was gibt es denn?“
„Guten Tag.“, sagte Wespe höflich und zog sein Shirt aus. „Ich hätte gerne 7 bis 9 Stiche auf der linken Seite.“
Die Ärztin sah ihn kritisch an und griff sich eine Schere, um den Verband zu durchtrennen, als sie die Wundeauflage hob nickte sie anerkennend: „Das war keine schlechte Einschätzung der nötigen Stiche. Wie ist das passiert?“
„Jemand hat mein Style mit Handschellen nicht gefallen.“, sagte Wespe ironisch.
„Wir sind Polizisten und er wurde während einer Verhaftung angegriffen.“, sagte Schalavsky trocken. Der Ärztin nickte: „Verstehe. Na dann wollen wir das mal wieder zumachen.“
Als Wespe wieder zusammen genäht und medikamentiert war bestand er darauf, dass Schalavsky ihn wieder mit zum Revier nahm, obwohl er es sich verdient hätte nach Hause zu gehen. Sie einigten sich drauf, dass Wespe seinen Bericht schreiben durfte, nachdem er sich etwas auf dem Sofa in ihrem Büro ausgeruht hatte.
Während Wespe es sich auf dem Sofa bequem machte, dass niemals zum Liegen konzipiert worden war, ließ Schalavsky ihn etwas Ruhe. Er wollte da ohnehin noch etwas rausfinden.
Schalavsky stellte fest, dass die Beschreibung von Wespe nicht ganz der Wahrheit entsprach. Zuvor war er sich nicht mal sicher, ob die Anfrage nach einer neuen Weste nur ein Gesprächsanfang gewesen war oder ob der Angriff mit dem einen Glückstreffer tatsächlich den seitlichen Gurt erwischt hatte und damit die Weste unbrauchbar geworden war. Aber nun da er sich die Schutzweste ansah, wusste er es besser. Es war nicht nur ein Glückstreffer der Wespe erwischt hatte. Es war einer von mindestens 10 Messerstichen, nur das die anderen von der Weste aufgehalten worden waren. Nur der eine hatte das Seitenband getroffen und durchtrennt. Das brachte Schalavsky aber auch den Gedanken, dass Wespe nicht vor dem Täter gestanden hatte, sondern dass er am Boden gelegen haben musste, während mehrfach auf ihn eingestochen worden war. Schalavsky atmete tief durch. Er war sehr unzufrieden.
Schalavsky fand Max Kleinert im Großraumbüro und kommandierte ihn in einen leeren Vernehmungsraum. Kleiner, der ihn ansah, wie ein getretener Welpe, der noch mehr Ärger erwartete, folgte anstandslos. Kleinert war annähernd so groß wie Schalavsky, aber schlaksig und außerdem stand er nie gerade, sondern machte sich gerne etwas kleiner. Schalavsky sah ihn mit strengen Blick an: „Erzählen Sie mir was passiert ist.“
Kleinert verzog schuldig das Gesicht und trat nervös von einem Bein aufs andere: „Ich bin eingefroren. Wir hatten gerade die drei gestellt, als einer der drei auf Inspektor Bienert losging und ihn Umriss. Und dann sah ich das Messer und ich bin einfach eingefroren. Es tut mir leid.“ Schalavsky runzelte die Stirn. Er hoffte, dass Kleinert seine Berichte strukturierter schrieb. „Was ist dann passiert?“
„Inspektor Bienert hat irgendeinen… Ringkampfmove gemacht und den Typen mit seinen Beinen von sich runter gerissen. Erst da hab ich meine Waffe auf ihn gerichtet.“, sagte Kleinert nervös.
Schalavsky war einerseits froh, dass Kleinert seine Waffe nicht schon vorher auf Wespe und den Angreifer gerichtet hatte, denn wer konnte ahnen was dann passiert wäre? Schalavsky nickte und ließ Kleinert stehen.
„Bienert!“, polterte Schalavsky, als er ins Büro trat. Wespe, der nicht mehr auf dem Sofa lag, sondern an seinem Schreibtisch saß und trotz allem arbeitete, sah überrascht auf: „Was hab ich denn jetzt angestellt?“
„Ich habe die Weste gesehen.“, verkündete Schalavsky düster. Wespe runzelte die Stirn und versuchte den Grund für die Verärgerung zu erraten: „Ah. Sorry, dass ich eine neue brauche?“
Schalavsky machte einen ungeduldigen Laut: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du am Boden lagst und mehrfach auf dich eingestochen wurde?“
„Weil das nicht weiter wichtig war.“, sagte Wepse sofort.
„Nicht wichtig?!“, rief Schalavsky ungläubig.
Wespe zuckte mit den Schultern: „Das ist unser Arbeitsalltag. Dafür haben wir die Westen.“
„Der Typ hatte sich umbringen können!“, schimpfte Schalavsky.
„Wenn das passiert, sage ich sofort Bescheid.“, versprach Wespe flapsig.
Schalavsky ballte frustriert die Fäuste: „Das ist nicht lustig.“
Wespe verdrehte die Augen: „Das ist aber auch kein Grund sich aufzuregen.“ Hätte der Angreifer nicht versucht Wespes Seite zu treffen, sondern den Hals wäre es so schnell zu Ende gewesen, dass Wespe es nicht mal ins Büro geschafft hatte.
„Du sollst mir Bescheid sagen, wenn du verletzt wirst!“, zürnte Schalavsky.
„Hab ich doch!“
Schalavsky reichte das nicht, denn er wetterte weiter: „In vollem Umfang! Was ist, wenn er dir die Rippen gebrochen hätte und du mit Knochensplitter in deiner Lunge endest?“
„Er hat mir aber nichts gebrochen.“, sagte Wespe matt.
Schalavsky zog die Augenbrauen zusammen und sagte entschlossen: „Geh nach Hause.“
Wespe sah ihn verwirrt an und deute auf den PC mit dem halb fertiggestellten Bericht: „Was? Ich dachte, ich-“
Schalavsky unterbrach ihn: „Geh nach Hause! Lass dich von Salah fahren oder ruf dir ein Taxi.“
Wespe schüttelte den Kopf: „Ich kann selbst fahren.“
„Kannst du nicht einmal Rücksicht auf dich nehmen!“, grollte Schalavsky.
Wespe war verwirrt woher all diese Wut kam: „Was?“
„Du kümmerst dich nicht um Dienstvorschriften und nicht um dich selbst! Ist dir irgendwas nicht egal?“
Wespe sah seinen Kollegen entgeistert an: „Was ist denn falsch mit dir? Vorhin war alles gut und jetzt drehst du durch?“
„Weil ich jetzt weiß, was du mir vorhin verschwiegen hast. Warum bist du nicht direkt zum Arzt gefahren?“, tobte Schalavsky. „Und komm mir nicht mit Kleiner nicht alleine lassen. Den hättest du an einen Kollegen verweisen können.“
„Als würdest du nicht jedem Arzt Spinnenfeind sein.“, zankte Wespe sauer. „Ich habe gesehen wie du versucht hast eine Schusswunde zu einem Nadelstich runter zu spielen. Verdammter Heuchler.“
„Ich hab mein Blut nicht einmal quer durchs Revier verteilt!“, brüllte Schalavsky.
„Ja, dieses Mal nicht.“, rief Wespe bissig.
Schalavsky schüttelte wütend über so viel fehlende Einsicht den Kopf: „Geh nach Hause! Und mach dir mal Gedanken zu deiner Arbeitseinstellung!“
Wespe schnaubte und griff nach seiner Jacke: „Die konntest du bei mir doch noch nie leiden.“ Er stürmte aus dem Raum.
Einerseits wollte Schalavsky wissen, wenn er sich verletzte und dann wurde er sauer, wenn ihm Wespe nicht jedes Detail erzählte? Als würde er es nicht ohnehin im Bericht lesen. Oder vertraute er Wespes Berichten nicht? Er mochte nicht immer die beste Arbeitsmoral haben und seine Berichte hatten manchmal noch Tippfehler drin, wenn er zu müde war aber an Details und Kohärenz konnte ihm noch nie jemand was vorwerfen.
Wespe hatte wirklich gehofft, dass sie einander mittlerweile besser verstanden. Schalavsky hatte nichts gesagt, als Wespe ihn im halb weg getretenen Zustand geküsst hatte, er war bei Wespe geblieben, als dieser sich komplett verloren gefühlt hatte. Er war mit ihm Essen gegangen, obwohl Wespe es als Dates bezeichnet hatte und das waren Dates gewesen. Sie hatten über Persönliches geredet, nicht nur über die Arbeit und es war wirklich nett gewesen so die Zeit miteinander zu verbringen. Mit einer anderen Person hätte Wespe am Ende eines solchen Abends einen Kuss geteilt. Bei Schalavsky beschränkte er sich auf neckende Kommantere.
Wespe endete in seinem Auto und taufte die sich die mehrfarbigen Haare.
Schalavsky wollte nicht, dass er noch Auto fuhr, aber Wespe war sauer. Er versuchte wirklich sich in Schalavskys Augen zu beweisen, aber das schien nichts zu bringen. Egal, was er machte es schien Schalavsky nicht zu reichen. Wespe schlug gegen das Lenkrad und fluchte farbenfroh.
Vor einigen Monaten hätte Wespe noch nicht mal den Angriff vor seinen Kollegen erwähnt. Er hätte den Vorgesetzten Bescheid gegeben, die es wissen müsste und den Papierkram erledigt. Damit wäre es dann durch gewesen. Es war auch kein großer Deal gewesen. Wespe war jahrelang auf Steife gewesen und von allen möglichen Leuten angegriffen worden. Wichtig ist nur, dass man sich selbst verteidige und den Angreifer verhaftete. Und genau das hatte er gemacht.
Wespe war sich bewusst, dass es gefährlicher war mit dem jungen Gemüse unterwegs zu sein, als mit erfahrenen Kollegen. Deswegen tat es ihm für Kleinert leid. So früh in seiner Karriere so etwas erlebt zu haben.
Wespe fluchte nochmal und startete dann den Motor. Vielleicht sollte er sich doch krankschreiben lassen. Bisher hatte er sich nur zur Schreibtischarbeit verdonnern lassen. Aber bei so einem Büropartner würde das unerträglich werden.
Schalavsky wurde den Rest des Tages von den meisten Kollegen gemieden. Seine schlechte Laune war legendär und gefürchtet. Wer nichts mit ihm zu besprechen hatte, ging ihm aus dem Weg.
Die Ausnahme dazu war Salah.
Tamina trat in sein und Wespes Büro und setzte sich auf den Stuhl vor Schalavskys Schreibtisch. Sie betrachtete kurz den Blutfleck, den Wespe im Teppich hinterlassen hatte, und sah dann zu Schalavsky: „Was ist passiert?“
„Nichts.“ Schalavsky wusste, dass die Türen nicht dicht genug waren, dass man ihr Streitgespräch nicht auch davor gehört haben musste. Und natürlich hatte es sich herum gesprochen.
„Sie haben sich mit Wespe angeschrien. Das ist seit Jahren nicht mehr passiert.“, sagte Tamina ruhig. „Ich hab schon mitbekommen, dass Wespe verletzt wurde, aber das ist noch kein Grund für einen Streit.“
Schalavsky raufte sich die Haare. Er wollte doch nur, dass Bienert mehr auf sich Acht gab und ehrlich erzählte, was passiert war. Was wenn sich eine Verletzung erst später zeigt sind keiner wusste was passiert war? Schalavsky war nicht gut darin sich zu öffnen. Lieber entfernte er sich eine Kugel, als über seine Gefühle zusprechen. Das hatte er auch schon öfter gemacht. Aber dann wiederum war es vielleicht Zeit was Neues auszuprobieren und Salah hatte eine gute emotionale Intelligenz. Also begann er zu erzählen: „Er hat mir zwar gesagt, dass er verletzt wurde, aber als ich die Weste gesehen habe, habe ich verstanden, dass er am Boden war und mindestens 10 Mal auf ihn eingestochen worden war.“
Tamina stockte der Atmen und sah ihn mit großen Augen an: „Was? War er allein?“ Wenigstens sie hatte eine angemessene Reaktion dazu, stellte Schalavsky zufrieden fest: „Kleinert war bei ihm. Ist eingefroren.“
Taminas Blick verdüsterte sich und unter anderem Umständen hätte er Mitleid mit Kleinert gehabt. Wenn Tamina diesen Blick hatte, wusste jeder dass man richtig Mist gebaut hatte und dass Konsequenzen haben würde.
„Wespe hat es so dargestellt, als wäre es nichts weiter gewesen, nicht dass sich jemand alle Mühe gegeben hatte, ihn durch die Schutzweste hindurch umzubringen.“, sagte Schalavsky. „Warum kann er denn nicht auf sich selbst aufpassen?“
Tamina hatte eine steile Falte auf der Stirn und schien sich ähnliches zu fragen. Aber sie war auch verständnisvoller. „Wespe erkennt Gefahr bei sich selbst nicht an. Er ist da etwas stumpf. Das heißt aber nicht, dass er zu viel Risiken eingeht. Nur, dass er seine Gesundheit nicht an oberster Priorität steht. Er macht das gerne mit sich selbst ab, ohne jemanden zu informieren.“
„Sie müssen mir nicht sagen, dass er ein guter Polizist ist.“, sagte Schalavsky versöhnlich. „Das weiß ich. Ich würde es nur begrüßen, wenn er das noch ein paar Jahre bleiben könnte.“
Tamina seufzte: „Geben Sie ihm etwas Zeit. Er wird schon noch verstehen, dass er so nicht weiter machen kann, ohne uns zu verärgern.“
„Uns?“, harkte Schalavsky nach.
„Oh ja. Sie sind nicht der Einzige, der dem Idioten den Kopf waschen möchte.“, sagte Tamina.
Schalavsky nickte dankbar. Wenigstens war er mit seiner Sorge nicht alleine.
Es war sehr viel später und Schalavsky saß auf seinem Bett, bereit sich Schlafen zu legen, als ihm der Gedanke kam, dass das was Tamina gesagt hatte nicht stimmte. Sie meinte Wespe würde niemanden informieren, wenn er verletzt war. Aber Wespe war zu ihm gekommen. Spezifisch zu ihm ins Büro, wo er nichts anderes zu tun hatte. Auf seine eigene verschrobene Art war Wespe tatsächlich zu ihm gekommen, als er Hilfe brauchte. Schalavsky seufzte.
Nur mal so unter uns... Die 28 zuschlagen dürfte doch kein Problem sein, oder? Ich meine, ich hab 2 die ich heute Abend direkt posten werde und dann arbeite ich an einer dritten. Nur so aus Liebe zum Chaos würde ich das schon feiern, wenn Wesky toppairing wäre.
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Es folgt Teil 2 von dem ich das Gefühl habe, dass er nicht an zweiter Stelle stehen sollte, aber ich hab ihn halt schon fertig und... keiner hat je behauptet, dass ich mich an einen linearen Zeitablauf halten müsste.
2. Durchgeschleudert.
„Gehen Sie zum Arzt!“, hatte Glockner in einem ungewöhnlich strengen Tonfall angeordnet. Er hatte das allerdings auch schon zweimal zuvor gesagt. Wespe hatte genickt und das auch ernst gemeint. Allerdings hatte die Zusammenarbeit mit Schalavsky ihre Spuren hinterlassen und Wespe bevorzugte mittlerweile seine Berichte zu schreiben, bevor er einen Arzt aufsuchte und womöglich sediert wurde, was seine Erinnerungen beeinträchtigen könnte. Wie es so oft bei der Arbeit war, kam eines zum anderen und plötzlich häuften sich die Aufgaben, die er noch erledigen wollte.
Eine der Neulinge schlich sich an einem Punkt in sein Büro und fragte ihn wie sie ihre Arbeit richtig machte. Wespe war zwar nicht für die junge Danielle zuständig, aber er kannte ihren tatsächlichen Partner, der zwar ein guter Bulle war, aber weder Empathie, noch Geduld oder die Gabe hatte, etwas verständlich zu erklären. Wespe hatte Mitleid und so erklärte er Danielle, warum und wie sie ihre Arbeit machten sollten, damit alle Kollegen es nachvollziehen konnten. Das kostete ihn mindestens eine halbe Stunde, aber wenig später tauchte Danielle auch mit einem Kaffee als Dankeschön in seinem Büro auf, bevor sie sich an ihre eigene Arbeit machte. Wespe trank dankbar den Kaffee, versuchte die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren und tippte seinen Bericht.
„Hey Wespe“, erklang es als sich die Bürotür erneut öffnete. Tamina sah ihn kritisch an und runzelte die Stirn. „hat Glockner dir nicht vor 2 Stunden oder so gesagt, dass du zum Arzt sollst?“
So lange war es bestimmt noch nicht her, versuchte sich Wespe einzureden.
„Ja, ich hab nur schnell meinen Bericht getippt.“, winkte Wespe ab.
„Soll ich dich zum Arzt fahren?“, bot Tamina an.
Wespe schüttelte den Kopf: „Nein, Quatsch. Ich mach das nur schnell fertig und dann fahre ich selbst.“
Tamina sah ihn unzufrieden an: „Mir wäre es lieber, wenn du nicht selbst fahren würdest.“
„Okay, ich ruf mir nen Uber.“, lenkte Wespe ein. „Ich mach das nur fertig und pack dann meine Sachen ein.“
„Okay. Gute Besserung.“, sagte Tamina und brachte ihren Kollegen nur zum Schmunzeln, denn so schlimm war das ganze nicht.
Wespe konzentriere sich wieder auf seine Arbeit, in dem Versuch die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Er tippte etwas langsamer als sonst, weil seine linke Hand bei manchen Bewegungen wehtat.
„Hey Wespe.“, erklang nun die Stimme von Jeske. Wespe nickte ihm fragend zu.
„Kannst du runterkommen? Ich hab da ein Mädel sitzen, die ihre Aussage nur bei dir machen will.“, erklärte Jeske. Bienert hatte diesen Tag bereits abgeschrieben, also überraschte ihn auch das nicht mehr: „Wer ist es denn?“
„Sie nennt sich Monstera. Aber ihr richtiger Name ist Lena.“, verriet Jeske und Wespe ging ein Kronleuchter auf. Monstera hatte wie ihr Name schon verriet einen grünen Daumen. Leider nicht nur bei ihren Namensvettern, sondern vor allem bei Gras, dass sie illegal unter die Leute brachte und gelegentlich dabei auch an die falschen geriet. Wespe wusste dass sie einige Vertrauensprobleme hatte und nachdem er ihre Strafakte, sowie die Strafakten ihrer Eltern gelesen hatte, wunderte ihn das auch kein Stück. Wann immer Monstera von der Polizei aufgegriffen wurde, weigerte sie sich mit jemanden zu reden, es sei denn Wespe sprach mit ihr. Er hatte ihr Vertrauen auf die harte Weise erworben und existierte in ihrer Vorstellung nun als einziger guter Bulle der gesamten Millionenstadt. Auch wenn Wespe versprochen hatte längst beim Arzt zu sein und sein Dienst eigentlich schon vorbei war, so konnte er nicht Monstera einfach so sitzen lassen. Also steuerte er im Großraumbüro den Tisch an, an dem die junge Frau mit den grünen Haaren saß. Dass sie hier war und nicht in einem Vernehmungsraum, verriet Wespe schon, dass man sie erst mal nur für eine Aussage hier hatte.
Wespe setzte sich an den Tisch und begrüße Monstera.
„Sie sehen ja Scheiße aus.“, sagte Monstera seltsam mitfühlend klingend, trotz ihrer kruden Wortwahl.
„Es ist einer dieser Tage.“, lenkte Wespe ein.
Monstera lachte auf: „Davon können Sie ein Lied singen.“
„Wie wär’s wenn du für mich singst?“, schlug Wespe vor. „Was ist los?“
Es war anderthalb Stunde später, als Wespe sichergestellt hatte, dass Monstera sicher nach Hause kam und machte er sich auf zurück in sein Büro zu gehe, um alles was er gerade durch Monstera erfahren hatte nochmal ins Reine zuschreiben. Auf dem Weg besorgte er sich noch einen Kaffee und legte dann los.
„Guten Morgen, Bienert.“, sagte Schalavsky, als er das gemeinsame Büro betrat und seine Anzugjacke über seine Stuhllehne hängte. Schalavsky wollte gerade einen Kommentar dazu abgeben, dass sein Kollege ungewöhnlich früh dran war, als ihm die drei Kaffeebecher auf dem Tisch auffielen und die Berichte, die fertiggestellt und bereit zum abheften dalagen.
„Waren Sie Zuhause?“, fragte Schalavsky misstrauisch.
Bienert schüttelte den Kopf: „Ich mach das nur schnell fertig.“
Schalavsky seufzte: „Waren Sie beim Arzt?“
„Wieso denn?“ Wespe versuchte dumm zu spielen.
„Salah hat mir geschrieben, dass es sein kann, dass Sie heute nicht da sind, weil Sie einen Autounfall hatten.“, sagte Schalavsky. „Und dass Glockner Sie drei Mal aufgefordert hat zum Arzt zu gehen.“
„Ah… ja. Das.“, sagte Wespe abfällig. „Es ist nichts schlimmes. Wenn heute passt würde ich gerne etwas früher Feierabend machen.“
„Hackts bei Ihnen?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Ich habe genügend Überstunden und ich bin seit … 15 Stunden im Dienst?“, verteidigte sich Wespe, doch er hatte seinen Kollegen missverstanden: „Sie machen sofort Feierabend und begeben sich zum Arzt!“
„Aber ich hab noch was zu tun.“ Wespe deutete auf den Computer. „Und der Unfall war nicht schlimm.“
Schalavsky sah ihn kritisch an: „Hat sich das Auto nicht überschlagen?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Nur einmal. Schauen Sie, ich hol mir nur einen Kaffee dann kann ich meine Schicht normal antreten.“ Sehr schnell trat Schalavsky ihm in den Weg und hielt ihn auf: „Sie gehen heute nur noch zum Arzt.“
„Das ist nicht nötig.“, sagte Wespe und versuchte Schalavsky aus seinem Weg zu drücken. Schalavsky, der ein gutes Stück größer und ausgeschlafen war und sich nicht mit den Nachwirkungen eines Unfalls umschlagen musste, ließ sich nicht wegschieben.
Im Gegenteil schob er Wespe zurück bis die Wand in seinem Rücken war. Wespe starrte seinen Kollegen an, als sein Gehirn einen Kurzschluss hatte. Anders war es nicht zu erklären, warum sein Gehirn sofort die Erinnerung hochholte, als Wespe das letzte Mal gegen eine Wand gepresst wurde. Auch da war es ein Mann gewesen, der etwas größer als Wespe war und der anschließend noch einiges gemacht hatte, dass ihm in besonders guter Erinnerung geblieben war. Eben dieser Erinnerung gab Wespe jetzt auch die Schuld, dass seine Knie versagten. Oder es waren die Nachwirkungen des Unfalls. Wespe hielt sich reflexartig an Schalavsky Schulter fest, um nicht zu fallen und musste etwas verängstigt aussehen, denn Schalavskys Blick wurde sogleich sanfter. Er geleitete Wespe zu seinem Bürostuhl, damit er sich hinsetzte.
„Hey Wespe.“ Oh verdammt, dachte sich der Angesprochene. Schalavsky nannte ihn nur Wespe, wenn er befürchtete, dass etwas wirklich falsch war. „Hast du Schmerzen?“ Duzen auch noch? Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Er musste praktisch im Sterben liegen.
„Kopf.“, sagte Wespe einsilbig.
„Kannst du mir erzählen was passiert ist?“, fragte Schalavsky.
„Musste einem Geisterfahrer ausweichen.“, sagte Wespe. „Wollte ihn stoppen, aber er hatte einen Kind auf dem Rücksitz. Dann war da ein Baum und ein Graben.“
„Verstehe.“ Schalavsky begann durch Wespes Haare zu streichen.
Wespes Augen fielen ihm halb zu: „Was machen Sie?“
„Ich schaue, ob du eine Kopfverletzung hast.“ Right. Keine Streicheleinheiten. Methodische Überprüfung seiner Gesundheit. Wespe drehte den Kopf leicht zur Seite, um die Stelle zu zeigen, die ihm am meisten wehtat und die vor einigen Stunden auch definitiv noch feucht gewesen war. Schalavsky sah blutverkrustete Haare und darunter etwas das mindestens eine Platzwunde war.
„So was ist äußerst gefährlich. Du hättest längst beim Arzt sein sollen.“, seufzte Schalavsky und schaute ob sich noch weitere Verletzungen unter Wespes Haaren verbargen. Als er sich soweit sicher war, dass Wespe nur eine Platzwunde hatte.
„Tut dir sonst etwas weh?“, fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab und schüttelte den Kopf, wobei er bewusst vermied Schalavsky direkt anzuschauen. Das war eine schlechte Entscheidung, wenn man bedachte, dass Schalavsky ein sehr aufmerksamer Polizist war und ein Experte, wenn es um Verhöre ging. Nun kannte er Wespe auch noch gut genug, dass er mit ihm anders umging, als mit einem Verdächtigen. Schalavsky griff nach Wespes Kinn und zwang ihn den Kopf zu heben bis er ihn ansehen musste. Wespe schluckte, während sich sein Magen auf links drehte und sein Puls deutlich zunahm.
„Was tut dir weh?!“, fragte Schalavsky streng.
Wespe sah ihn mit großen Augen an, versank in dem intensiven Blick und schafft es nicht sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Sein ohnehin schon loses Mundwerk, endete mit der Wahrheit: „Meine linke Hand, generell meine linke Seite.“ Als der Überschlag passierte hatte es Wespe Kopf und Hand gegen die Seitenscheibe gehauen. Der Gurt hatte ihn vor Schlimmerem bewahrt und nur leicht seinen Oberkörper gequetscht. Der Airbag hatte ihm seine Sonnenbrille im Gesicht zerbrochen und damit seine Wange ein wenig aufgeschnitten. Aber der Schnitt war nach alle den Stunden schon vergessen.
„Sonst noch was?“
„Knie. Hab sie aufgeschnitten beim raus klettern aus dem Auto. Sonst nur mein Kopf.“
„Okay.“, sagte Schalavsky sanfter und ließ Wespe los. „Kannst du stehen?“
Wespe nickte und bemühte sich sofort aufzustehen. Zum Glück war Schalavsky da um ihn zu stabilisieren als er schwankte und er zog Wespes rechten Arm über seine Schultern und hielt ihn mit einem Arm dicht an seiner Seite. Wespe ließ den Kopf hängen als müsse er sehen wohin er trat, wenn er einfach nur hoffte dass seine Haare ihm genug ins Gesicht fielen um seine Rötung zu verstecken.
„Ich kann alleine gehen.“, sagte Wespe schwach. „Ich gehe zum Arzt, jetzt. Versprochen.“
Schalavsky schnaubte: „Die Chance hattest du. Ich fahre dich jetzt.“ Schalavsky führte ihn so aus dem Büro.
Wespe wusste, was jetzt kam. Stundenlanges Warten im Krankenhaus darauf, dass man ihn untersuchte. Dabei wollte er gerade nur ins Bett, seine Schmerzen ignorieren und auch all die Gedanken, die er in Bezug auf Schalavsky hatte. Warum musste dieser Mann so verlässlich sein? So fürsorglich? Wespe hatte wirklich gedacht, dass er ihn genug genervt hatte, dass man ihn im Falle des Falles in seinem eigenen Blut liegen ließ. Aber Schalavsky sah das anders. Egal, wie sehr Wespe auch nervte, wenn er Hilfe brauchte war er da. Mit sanften Händen und bestimmter Strenge. Immer im Versuch dafür zu sorgen, dass es Wespe besser ging. Wie konnte man es da verübeln, dass sich in Wespe etwas regte.
Beim Krankenhaus bemühte sich Wespe selbstständig in die Notaufnahme hineinzulaufen, auch wenn Schalavsky an seiner Seite blieb, als würde er jeden Moment erwarten, dass er zusammenklappte.
„Guten Tag. Was ist passiert?“, fragte die Dame hinter dem Tresen.
Schalavsky nickte zu Wespe: „Der Idiot hatte vor etwa 10 Stunden einen Autounfall und hat sich noch nicht untersuchen lassen, obwohl er eine Kopfwunde hat.“
Wespe nickte der Krankenschwester zu, die sehr ruhig blieb und ein Klemmbrett aushändigte: „Bitte Platz nehmen und ausfüllen.“
Schalavsky nahm das Klemmbrett an sich und schob Wespe zu einigen Sitzen. Zum Glück war nicht allzu viel los, was ein wenig seine Hoffnung steigerte schnell nach Hause zu kommen, um endlich zu schlafen. Sie setzten sich und Wespe nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Schalavsky begann das Formular auszufüllen. Er dachte noch, dass es seltsam war, dass sein Kollege seine gesamten Daten kannte, aber dann ließ er schon den Kopf an die Wand hinter ihm sinken und nickte ein. Er wusste nicht wie lange er so geschlafen hatten, als eine sanft Hand an seiner Schulter ihn weckte: „Komm mit, Wespe.“
Wespe gähnte leicht und folgte Schalavsky und einem anderen Mann, der anscheinend sein Doktor war. Sie gingen in ein Behandlungszimmer, in dem sich Wespe auf die Liege setzen sollte. Dann begann der Arzt seinen Kopf zu untersuchen, und ihm dabei Fragen zustellen. Wespe versuchte sie so gut wie möglich zu beantworten, aber schon bald antwortete Schalavsky für ihn, wenn er selbst die Antwort nicht kannte. Der Arzt begann mit einem feuchten Tupfer die Kopfverletzung zu reinigen, da das Blut dort mittlerweile einiges an Schmutz festgeklebt hatte. Zwar blutete die Verletzung dadurch wieder geringfügig, aber wenigstens musste man nicht befürchten, dass noch Glassplitter oder Steinchen einwuchsen. Dafür bekam Wespe nun einen schicken Kopfverband. Bevor auch die Wunden an seiner Wange, und Knien gereinigt und versorgt wurden. Seine Hand war nur geprellt.
Als der Arzt ihm mit einer Lampe in die Augen leuchtete, zuckte Wespe zurück.
„Das könnte eine leichte Gehirnerschütterung sein.“, sagte der Arzt aber er sprach so, als würde er nicht mit Wespe reden. „Er sollte eine Weile wach bleiben.“
„Er ist seit über 20 Stunden wach. Viel Glück damit.“, sagte Schalavsky.
„Wie lange ist der Unfall her?“, fragte der Arzt.
„Etwa 11 Stunden.“, sagte Schalavsky.
„Okay.“, sagte der Arzt mit kritischem Blick auf Wespe. „Dann machen wir einen CT-Scan. Warten Sie kurz.“
Einen Moment später kam der Arzt mit einem Rollstuhl wieder.
Schalavsky griff nach Wespes Arm und zog ihn hoch, damit er sich in den Rollstuhl setzte. Er war ganz froh, dass sein Kollege nicht weiterhin Gefahr lief umzukippen.
Sie wechselten den Raum, waren für einen Moment in einem Fahrstuhl und dann in einem neuen Raum und Wespe konnte nicht im Geringsten sagen, wo sie hergekommen waren.
Jemand rief nach ihm, aber irgendwas war daran falsch.
„Nennen Sie ihn Wespe.“
Man hatte ihn bei seinen Vornamen gerufen. Aber niemand nannte ihn mehr so.
Es war der Name seines Urgroßvaters gewesen und seine Eltern hatten ihn ausgewählt, obwohl seine Großmutter dagegen gewesen war. In seiner Kindheit war er schon aufmerksam genug gewesen, um festzustellen, dass Oma ihn nie beim Namen nannte. Liebling, Schätzchen und andere Kosewörter waren an der Tagesordnung gewesen, aber nicht sein Name. Als er Oma danach fragte, sah sie unendlich traurig aus und eröffnete ihm dann ein lange gehegtes Geheimnis. Ihr Vater, sein Urgroßvater, war ein Schläger gewesen, wobei man ihm zu seiner Zeit das als seine Pflichten ausgelegt hatte, wenn er Ehefrau und Kinder züchtigte. Im Alter war er ruhiger geworden und so immobil, dass er niemanden mehr gefährlich werden konnte. Und Mutter und Tochter hatten beschlossen diese Gewalt nicht an die nächste Generation weiterzutragen. Sie hatten es geschafft, denn bis auf die kindischen Raufereien mit seinen Bruder hatte Wespe keine Gewalt in seiner Familie gekannt. Ebenso wenig wie seine Eltern, als sie sich unwissend für seinen Vornamen entschieden. Seine Oma gab ihm zu verstehen, dass sie nichts davon ihm ankreidete, aber dass sie es bedauerte, dass er den gleichen Namen wie dieser Mistkerl trug, wo er doch so ein sanfter und liebenswürdiger Junge war. In diesem Moment bot er ihr damals an, dass sie ihn Wespe nennen könnte, wie es schon sein Onkel machte. Und von da an wurde er langsam von allen Wespe genannt. Wenn er die Chance hatte gelb-schwarze Kleidung zu bekommen nutzte er das um seinen Spitznamen zu zementieren. Es war Scherz, dann ein Fakt und schließlich eine unangezweifelte Gegebenheit. Vielleicht waren es auch diese Farben, die zuerst sein Interesse an der Punk-Bewegung geweckt hatten.
„Wespe? Wissen Sie wo Sie sind?“, fragte die Stimme. Wespe nickte: „Mhm, Krankenhaus.“
„Ja, wir möchten einen CT-Scan mit Ihnen machen.“, erklärte der Arzt. Wespe nickte.
„Bitte legen sie alle Metallgegenstände ab. Ich hole jemanden, der damit hilft, während ich das Gerät vorbereite.“
„Schon gut, ich helfe ihm.“, sagte Schalavsky und sah Wespe an: „Ist das okay?“
Wespe nickte dümmlich grinsend. Somit half Schalavsky ihm. Er begann damit die Ohrringe und Augenbrauenpiercings zu entfernen, weil Wespe zu unkoordiniert war, um das selbst zu machen.
Schalavsky sammelte alles in einer kleinen Schale, die bereitstand und dann half er Wespe aus seinem Shirt. Dabei fiel ihm auf, dass Wespe noch mehr Piercings an sich hatte.
Schalavsky sah ein bisschen entgeistert auf die beiden Barbells, die jeweils Wespes Nippel zierten. Wespe lächelte noch immer dümmlich vor sich hin. Vielleicht verstand er nicht mehr was los war, vielleicht fand sein übermüdeter Verstand es witzig. (Vielleicht war er sogar in diesem Zustand erfreut darüber, wenn sein Kollege ihn sanft anfasste und langsam auszog.)
„Sag mir bitte, das das die letzten beiden Piercings sind.“, sagte Schalavsky, als er sich vor Wespe hinkniete. Der schaute an sich herab und stellte fest: „Kein Bauchnabelpiercing, dann ja.“
„Hast du ein Bauchnabelpiercing?“ Schalavsky versuchte sich und seinen Kollegen abzulenken, während er vorsichtig die Barbells aufschraubte und dabei ignorierte, dass der Körper seines Kollegen darauf reagierte. Nicht nur, dass Wespes gute trainierte Brustmuskeln zuckten, die Brustwarzen verhärteten sich unter den Berührungen und luden dazu ein sie ein wenig zu malträtieren.
Schalavsky hielt die Luft an. Vielleicht würde sein Gehirn ohne Sauerstoff nicht so einen Blödsinn verzapfen.
„Ja.“, sagte Wespe versonnen. „Meine Freundin in der Oberstufe wollte eines, aber hatte auch Angst davor.“
„Also hast du es dir auch stechen lassen.“, stellte Schalavsky fest als er die Piercings auch in die Schale fallen ließ und endlich wieder aufstand.
„Ja.“
„War klar.“ Schalavsky seufzte bevor er über seinen Schatten sprang und Wespes Hose öffnete. Dann zog er Wespe aus dem Stuhl hoch und ließ ihn aus seiner Hose steigen. Nach einem kurzen Blick zu seiner Unterwäsche, war Schalavsky froh, dass er die ihm nicht auch noch ausziehen musste.
„Du bist dir sicher, dass du keine weiteren Piercings hast?“, fragte Schalavsky um absolut sicher zu gehen.
Wespe zog den Bund seine Boxershorts auf und warf einen prüfenden Blick nach unten: „Ne, alles gut.“
Schalavsky, der gerade wesentlich mehr gesehen hatte als erwartet, starrte die Decke an. Vielleicht sollte er sich selbst einfach bei der Dienstaufsicht melden und woandershin versetzten lassen. Wenn Bienert auch nur einen Bruchteil von dem erzählte, was hier abhing konnte ihn das seinen Job kosten. Und er konnte nicht mal behauptet, dass es zu unrecht wäre.
Schalavsky griff nach der Krankenhausbekleidung und zog sie Wespe über, bevor er sich wieder setzen durfte. Schalavsky ging in den nächsten Raum, um den Doktor mitzuteilen, dass sie bereit waren. So ging es als nächstes für Wespe in den CT-Raum, in dem er sich auf die Liege legen durfte. Schalavsky und der Rollstuhl mussten in den angrenzenden Raum, von dem der Arzt und ein Helfer alles steuerten.
„Muss ich dabei wach bleiben?“, fragte Wespe.
„Ja, das wäre gut.“, sagte der Arzt.
Wespe seufzte: „Können Sie mir was erzählen?“
Der Arzt sah zu Schalavsky: „Wollen Sie?“
Schalavsky nickte und trat zum Mikrofon: „Wenn man dich heute noch entlässt, kannst du dir schon mal überlegen, was du gerne zum Essen hättest. Ich habe nämlich die Vermutung das du schon zu lange nichts mehr gegessen hast. Ich würde dir sogar diese überzuckerten Waffeln mit den Alibifrüchten holen, die du magst. Oder die Ente von dem Asialaden in der Plaza Mall.“
Wespe brummte, als Zeichen, dass er noch zuhörte, während Schalavsky ihm belanglose Dinge erzählte. Schalavsky sprach von allem, was so getan werden musste, und versuchte nicht daran zu denken, was er gerne tun würde.
Als die Untersuchung endlich vorüber war, konnte sich Wespe wenigstens mit Schalavskys Hilfe wieder die Hose anziehen, bevor sie auf die Rückmeldung warteten, ob Wespe hier bleiben musste, oder nach Hause konnte.
„Sie haben Glück gehabt.“, sagte der Arzt. „Bis auf die Platzwunde, scheint Ihrem Kopf nichts weiter passiert zu sein.
„Heißt das, ich kann nach Hause und schlafen?“, fragte Wespe hoffnungsvoll.
„Ja, das wäre sogar meine Empfehlung. Und Wasser trinken.“, ermahnte der Doktor.
Wespe seufzte erleichtert: „Danke, Doc.“
Schalavsky nickte dem Arzt dankbar zu.
„Ich mache noch den Papierkram fertig. Sie können sich schon wieder anziehen.“, sagte der Arzt. Wespe ließ sich das nicht zweimal sagen, auch wenn er Hilfe brauchte und Schalavsky seine Piercings bloß in eine Tasche seiner Jacke stopfte. Der Arzt übergab ihnen die Unterlagen, ließ sich das was nötig war unterschreiben und schickte sie dann ihres Weges. Wespe weigerte sich wieder in den Rollstuhl zusetzen. Er sagte, er könnte selbst laufen und so ein bisschen Müdigkeit würde ihn nicht daran hindern. Schalavsky argumentierte, dass es nicht das bisschen Müdigkeit war, dass ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, sondern der Autounfall, der bewiesen hatte, dass Wespe mehr Glück als Verstand hatte. Aber das hielt Wespe nicht davon ab zu laufen. Schalavsky fiel auf jeden Fall ein Stein von Herzen als er ihn wieder sicher im Auto hatte.
„Weißt du, was du essen möchtest?“, fragte Schalavsky.
„Ente klingt sehr gut.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky und fuhr los. Während ihrem Zwischenstopp ließ er Wespe im Auto, der vor sich hin schlummerte. Davon dort aus war es nicht mehr weit zu Wespe. Es war noch knapp vormittags und Wespes Mitbewohner waren außer Haus. Sie setzten sich ins Wohnzimmer und Schalavsky sah Wespe dabei zu wie er Ente und Reis in sich rein schaufelte und noch etwas mehr als der Hälfte des Gerichts aufgab: „Okay. Das war sehr gut. Jetzt: Bett.“
Schalavsky nickte und bot Wespe eine Hand an um ihn vom Sofa hoch zu sehen.
Nun wirklich nur noch wenige Meter von seinem Bett entfernt, überkam Wespe die volle Müdigkeit. Er taumelte an Schalavskys Seite ins Schlafzimmer und bekam wieder ein mal Hilfe von Schalavsky sich auszuziehen. Als er in seiner Boxershorts vor Schalavsky stand, schwang er einen Arm um dessen Schulter und grinste ihn an: „Vielen Dank, dass Sie immer für mich da sind. Sie sind der Beste.“ Mit diesen Worten platzierte Wespe einen Kuss, der vermutlich auf die Wange gehen sollte, aber halb noch Schalavskys Lippen erwischte und den älteren Kollegen starr vor Schock hinterließ. Wespe bemerkte das nicht mal und löste nur seinen Arm von den breiten Schultern, bevor er ins Bett kroch.
Schalavsky schluckte und zog mit mechanischen Bewegungen die Decke hoch bis zu Wespes Schultern. Dann stellte er noch eine Flasche Wasser an sein Bett, bevor er das Jalousien schloss und Wespe alleine ließ. Auf dem Flur stützte er sich am Türrahmen ab und atmete stoßweise durch die Nase aus. Was war das gewesen? Was hatte das zu bedeuten? Und warum löste diese Berührung so viel in ihm aus?
Als er bestimmt vier Minuten unbeweglich auf dem Flur gestanden hatte, zwang er sich, zur Ruhe und räumte methodisch noch kurz das Wohnzimmer auf, stellte das Essen in den Kühlschrank und machte sich dann auf den Weg zurück zur Arbeit.
Wespes Handy machte einen kurzen Laut. Groggy sah Wespe auf die Nachricht, die er bekommen hatte. Sie war von Tamina und es war ein Foto. Von dem Moment als Schalavsky ihn aus dem Büro geführt hatte, er hing an ihm wie ein Schluck Wasser und Schalavsky sah zu tiefst unzufrieden mit der Welt aus. Wer auch immer das Bild gemacht hatte, musste es Tamina zukommen gelassen haben. Der Text dazu las: Wärst du mal alleine zum Arzt gegangen, als wir es dir gesagt haben.
Wespe ließ das Handy neben sich aufs Bett fallen. Wenn er tatsächlich alleine zum Arzt gegangen wäre, hätte er nie erlebt, wie Schalvsky seine Piercings entfernte, dachte er und fasste nach seinen Brust. Vielleicht hätte er unter anderen Umständen noch mehr gemacht, fantasierte Wespe mit einem wohligen Schauern. Vielleicht hätte er mit seinem Mund-
Wespe schreckte hoch und saß senkrecht im Bett. Hatte er seinen Kollegen geküsst?!
Und hier ist Teil 3 der so viel länger geworden ist als erwartet, und bestimmt noch fehler drin hat, weil ich beim Durchlesen bestimmt zehn mal eingenickt bin
3. Umgerissen
Wespe blinzelte gegen gleißendes Licht an. Seine Haut schmerzte, wie bei einer üblen Verbrennung und er spürte die Hitze von etwas in der Nähe ausgehend. Er hob den Kopf und musste sich korrigieren: Seine Knochen taten auch weg. Und seine Muskeln. Und er war sich ziemlich sicher, dass auch seine Mitochondrien nicht glücklich waren.
Er blickte sich um, in der Hoffnung sich orientieren zu können, aber er konnte kaum die Augen öffnen. Staub und Rauch hing in der Luft und schon die kleine Bewegung war ihm zu viel. Er ließ seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
Eine Hand packte seine Schulter und drehte ihn herum. Mehr Schmerzen schossen durch seinen Körper. Wespe schnappte nach Luft und sah erschrocken hoch zu demjenigen, der ihn angefasst hatte.
Wespe registrierte langsam, dass über ihm ein wütender Schalavsky stand.
Er schien ihn anzuschreien, aber er wirkte nicht auf die Art wütend, wie er es war, wenn Wespe ihn auf die Palme brachte. Es war mehr die Wut, wenn jemand Wespe angriff und er ihm danach das Blut aus dem Gesicht wischen mussten. Wobei das nicht ganz stimmte, dieses Mal wirkten seine Augen feucht, als hätte er Angst um Wespe.
Wespe versuchte seinen Atem zu kontrollieren, er hustete und spuckte Dreck und Staub aus. Dabei krümmte er sich noch mehr in sich zusammen und griff nach seinen Ohren, in denen er ein stechendes Gefühl hatte. Zwei Hände griffen nach seinen und vor ihm kniete mittlerweile Schalavsky und suchte seinen Blick. Wespe sah seinen Kollegen noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Schalavskys Lippen bewegten sich, aber bei Wespe kam nichts an.
„Ich höre Sie nicht.“, sagte Wespe und er spürte seine eigenen Worte mehr in seinen Knochen, als dass er sie hörte. Schalavsky sah ihn entgeistert an und bewegte wieder die Lippen.
Wespe schüttelte leicht den Kopf: „Wirklich nicht.“
Schalavsky musterte ihn von oben bis unten. Dann machte er so was wie zwei Peace-Zeichen und deutete eine Schnittbewegung an. Wespe runzelte die Stirn und erinnerte sich dunkel, dass das die Gebärde für Verletzung war.
„Ob ich verletzt bin?“, fragte Wespe und Schalavsky Gesichtsausdruck fiel, als er ungeduldig auf ihn deute.
„Oh… Ja. Wie sehr ich verletzt bin?“ Schalavsky nickte.
Wespe seufzte: „Ähm, meine Ohren… offensichtlich. Rede ich zu laut?“
Schalavsky verzog das Gesicht und deutete ein kleines Bisschen an. Wespe bemühte sich leiser zu reden: „Ich hab ein paar Roadburns.“ Wespe zeigte seine Hände, die schön über den Asphalt geschlittert waren. Das erinnerte ihn an seine Jugend, als er gelegentlich beim BMX fahren die Fleischbremse gezogen hatte. „Ich glaube, es ist nichts gebrochen. Aber trotzdem tut mir alles weh.“
Schalavskys Blick huschte aufgeregt umher und er fummelte aus seiner Tasche eine Packung Taschentücher, von der er eines Wespe unter die Nase hielt. Wespe griff irritiert danach und stellte fest, dass er das Taschentuch sehr schnell rotfärbte. Wespe fluchte und drückte sich seine Nase zu.
„Was ist passiert?“, fragte Wespe undeutlich und Schalavsky deutete zur Seite, wo ein Gebäude in Flammen stand und wo gerade ein weiteres Feuerwehrfahrzeug ankam. Wespe sah wieder zu Schalavsky, der eine Explosion mimte.
„Wars eine Bombe?“, fragte Wespe. Schalavsky zuckte mit den Schultern und deutete auf Wespe und hielt einen Finger hoch.
„Ich war der Erste? Okay. War das Haus leer?“
Schalavsky verzog das Gesicht nickte etwas unsicher. Wahrscheinlich.
Schalavsky stand vom Asphalt auf und hielt Wespe eine Hand hin. Er nahm das Angebot an und ließ sich auf die Füße ziehen. Kaum stand er griff er nach Schalavsky und presste sich eine Hand vor den Mund.
„Uhhh, mir ist schwindelig.“, sagte Wespe. „Oh man, ich glaub mir wird schlecht.“
Schalavsky griff ihn an beiden Schultern, um ihn zu stabilisieren. Wespe machte ein paar schwerfällige Atemzüge, bis er nicht mehr das Gefühl hatte sich übergeben zu müssen. Schalavsky hatte ihn dabei ruhig beobachtet, oder vielleicht ihm auch gut zugeredet, aber das würde Wespe nie wissen. Sein Kollege nickte rüber zu seinem Auto und sah fragend aus.
„Ja, Auto ist gut. Hinsetzen.“, sagte Wespe abgehackt und wurde von Schalavsky zu seinem Auto gebracht. Auf dem Beifahrersitz verstaut konnte Wespe die Augen schließen und den Schwindel bezwingen.
Wespe lag noch immer bewegungslos auf dem Beifahrersitz, als plötzlich etwas fest auf sein Bein klopfte. Wespe schrecke hoch und sah sich einem fremden Mann gegenüber, woraufhin er noch mehr erschrak und die Hände zur Verteidigung hochzog. Der Mann zuckte nun auch zurück und hob die Hände. Er sagte etwas, was Wespe nicht verstand, aber er erkannte das der Mann die Uniform eines Sanitäters an hatte. Hinter ihm tauchte Schalavsky wie ein böser Schatten auf und sprach mit dem Gesichtsausdruck, mit dem er sonst Neulinge belehrte. Der Sanitäter sah zu Wespe und sagte was.
„Was?“, erwiderte Wespe.
Der Sanitäter sagte noch etwas.
„Was?“, fragte Wespe nochmal wieder und fragte sich, ob das ein längeres Spiel werden würde. Der Sanitäter hatte noch nicht genug und bevor er dieses Mal ausgeredet hatte, fuhr Wespe schon auf: „Himmel nochmal, ich kann nichts hören!“
Schalavsky verdrehte die Augen, weil er ihm zuvor bestimmt genau das gesagt hatte.
Ein zweiter Sanitäter tauchte mit einer Liege auf und der erste ging Wespe aus dem Weg und deutete auf die Liege.
„Aber-“ Wespe unterbrach sich selbst, als er Schalavskys Gesichtsausdruck sah und seinen deutlichen Fingerzeig, dass er sich gefälligst auf die Liege legen sollte. Grummelnd folgte er dem Befehl. Der zweite Sanitäter sagte etwas zu ihm. Wespe stellte fest, dass es ihm schwerer fiel nachzuvollziehen was die Sanis zu ihm sagten, weil ihre Gesichtsausdrücke professionell neutral blieb. Also blickte er stattdessen Schalavsky an. Seinen Gesichtsausdruck konnte er wesentlich besser lesen. Schalavsky sah nicht besorgter als vorher aus, wobei er Wespes Aufmerksamkeit auf ihm bemerkte und genervter wurde, als er verstand, dass die Sanis Wespe nicht viel gaben, mit dem er arbeiten konnte. Natürlich hätte Wespe nachfragen können, aber er wusste nicht genau welche Fragen er stellen sollte. Schalavsky deutete auf Wespe, dann auf seinen Mund und die beiden Sanitäter. Dann machte er wieder die Gebärde für Verletzungen.
„Ah.“, machte Wespe. „Sie haben nach meinen Verletzungen gefragt.“ Die Sanitäter nickten.
„Also meine Ohren tun weh und ich höre nichts, ich habe Roadburns und vielleicht auch normale burns. Ich glaube nicht, dass was gebrochen ist. Aber ich wurde ordentlich umgehauen.“
Die Sanitäter nickten und machten sich an die Arbeit Wespe zu verkabeln und zu untersuchen.
Wespe hatte wirklich wenig Lust ins Krankenhaus zu kommen, wo er keinen Anhaltspunkt hatte, was los war. Aber als die Sanis ihn abfahrbereit machen, kam kletterte Schalavsky mit an Bord. Und klopfte ihn beruhigend auf die Schulter.
Das Gute an Explosionen war, dass man nicht erst warten musste, bis man untersucht wurde und dass man umfassend das Personal des Krankenhauses kennenlernen durfte. Der HNO-Arzt kam zu erst und dann der Unfallchirurg, der irgendwas gegen Schalavsky hatte. Wespe wusste nicht woran es lag. Vielleicht, weil Schalavsky ihm ein bisschen im Weg war und ihn genau beobachtete. Wespe war umso dankbarer dafür. Er fühlte sich unsicher. Er versuchte die ganze Zeit seine Umgebung im Blick zuhalten. Sein Gehör fehlte ihm besonders, wenn andere Menschen, um ihn waren. Mehr als einmal hatte Wespe sich erschrocken wenn jemand zu dicht an ihm vorbeigegangen war oder ihn angefasst hatte, bevor er die Bewegung gesehen hatte.
Schalavsky bemerkte das natürlich, was auch sonst? Er war nicht umsonst gut in seinem Job. Seit er das gemerkt hatte, war er immer in Wespes Nähe. Entweder hatte er eine Hand an Wespes Schulter oder Arm oder er stand so nah bei ihm, dass Wespe seine Körperwärme spüren konnte. Wenn er doch mal etwas weiter wegging, blieb er in Wespes Sichtfeld und stellte sicher, dass er ihn erst sah bevor er ihm zu nahe kam. Wespe fand es erleichternd sich auf Schalavsky zu konzentrieren. Er war eine Konstante in dem, was die Explosion von ihm hinterlassen hatte. Beinahe hätte sie gar nichts von ihm hinterlassen.
Sein Überlebensinstinkt schob seit der Explosion Überstunden, obwohl er wusste, dass niemand im Krankenhaus ihm etwas tun wollte, aber das hier war nicht logisch. Das hier war, dem Tod so knapp zu entgehen, wie er nur wenige Male erlebt hatte. (Jedes Mal war davon zu viel.) Aber es war das erste Mal, dass er mit einer Verletzung endete, die er nicht versorgen konnte. Er konnte mit einer Schuss- oder Stichwunde umgehen, er konnte gebrochene Knochen schienen, aber wie rettete man einen Sinn?
Außerdem hatte er das Gefühl, dass sich eine Gefahr anschlich, die er nicht sehen konnte. Wespe hatte diese Beschreibung schon in der Vergangenheit gehört. Sie kam von Leuten, die Panikattacken hatten. Wespe hatte oft genug die Hand von jemanden auf seine Brust gelegt und deutliche Atemzüge vorgeführt. Jetzt könnte er nicht mal Schalavsky atmen hören. Aber er war da. Bei seiner rechten Schulter. Er strahlte Wärme ab und Wespe wollte von dieser Wärme in gewickelt werden. Am Rande seines Bewusstseins realisierte Wespe, dass ihm ein Zettel hingehalten wurde. Nach einen Blick darauf stellte Wespe fest, dass er nichts davon lesen konnte.
Schalavsky klopfte sanft gegen seine Schulter. Er deutete auf den Arzt, sich selbst und die Tür.
„Er will, dass Sie gehen?“ Die Vermutung lag nahe, wenn man die Körpersprache der beiden sah. „Warum? Es wäre mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.“ Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und redete wieder mit dem Arzt.
Dann geschah etwas seltsames. Schalavsky hatte diese leicht steife Haltung, die sein Tell bei Lügen war. Warum log er den Arzt an? Der Arzt sah nun zwischen ihnen hin und her.
Bevor Wespe erraten konnte, was los war, hockte sein Kollege auf einmal vor ihm und zwinkerte ihm zu, als hätte nicht bemerkt, dass etwas im Busch war. Schalavsky sprach zu ihm in einer Art und Weise, die sicherlich aufmunternd gewesen wäre, wenn er hören könnte. Als Schalavsky wieder aufstand, beugte er sich etwas mehr vor und küsste Wespes Stirn.
Möglicherweise war Wespe doch tot. Das hier konnte das letzte Delirium sein, dass sein Gehirn noch durchspielte während es ihm schon durch die durchbrochene Schädeldecke auf den Asphalt tropfte. Das Problem war, das hier fühlte sich nicht nach Sterben an, das fühlte sich nach dem Anfang von einigen sehr langen Wochen des Heilungsprozesses an.
„Stimmt was nicht?“ In dem er all seine schauspielerischen Fähigkeiten zusammennahm schaffte er es die Frage gänzlich unbedarft zu stellen. Zumindest glaubte er das, er konnte sich ja nicht hören. „Du siehst besorgt aus.“
Wieder war da die Hand auf seiner Schulter. Warm. Verlässlich. Vielleicht war das hier gar nicht der schlechteste Weg zu gehen, dachte Wespe und lehnte seine Wange gegen Schalavsky Arm. Wieder war da dieses Gefühl, es wäre da eine Gefahr.
Schalavsky trat in sein Blickfeld und sah ihn kritisch an. Er legte eine Hand auf seine Brust und rieb in beruhigenden Kreisen darüber. Wespe hatte was sagen sollten. Dass alles in Ordnung war, aber die Luft zum sprechen fehlte. Schalavskys Hand stoppte ihre Bewegung und drückte stattdessen, leicht gegen das Brustbein, bis Wespe seinen Atem ausstieß, dann hob sich die Hand wieder und Wespe zog einen Atemzug ein, um nahe bei der Hand zu bleiben. Nach ein paar Mal war es einfacher, weil ihm nicht mehr schwindelig war und Sauerstoff wieder bei seinem Gehirn ankam. Es war besser, sicherer sich auf Schalavsky zu konzentrieren und alles andere auszublenden.
Leider war Wespe noch nicht fertig damit das Krankenhauspersonal kennenzulernen. Der Dermatologe kam im Anschluss und als dann noch die Psychiaterin auftauchte und Wespe ihre Karte übergab, sah er sie verwirrt an: „Sie sind sich bewusst, dass ich Sie nicht hören kann, ja? Weil… ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Sie hier vorhaben.“
Wespe sah zu Schalavsky: „Lieg ich falsch? Macht es Sinn, dass sie hier ist?“
Schalavsky schüttelte den Kopf und beruhigte Wespe damit. Anscheinend komplimentierte Schalavsky sie dann auch aus dem Zimmer und sie wurden damit alleine gelassen.
Später lag Wespe in dem Krankenhausbett, was man ihm zugeteilt hatte in einem Einzelraum. Er war sich nicht ganz sicher warum, aber wahrscheinlich hatte Schalavsky da was gedreht. Wenn er das richtig gesehen hatte, stand mittlerweile auch ein uniformierter Beamter vor seiner Tür.
Wespe spürte sein Handy an seiner Seite vibrieren und zog es hervor. Tamina rief an.
„Können Sie ran gehen?“, fragte er Schalavsky.
Schalavsky nahm das Telefon und auch ohne Gehör wusste Wespe, dass Tamina zuerst fragen würde, warum Schalavsky an sein Handy ging. Schalavskys erzählte ihr, was passiert war. Wespe könnte an seinen Lippen Bewegungen „Explosion“ ausmachen und als Schalavsky seinen Blick sah, versuchte er mit seiner freien Hand zu untermalen was er erzählte. Er deutete auf sein Ohr, als er von Wespes Verletzung erzählte. Dann lauschte er Taminas Worten und hob demonstrativ eine Daumen von unten nach oben und deutete auf Wespe. Gute Besserung.
„Danke.“, sagte Wespe. Schalavsky hörte kurz Tamina zu, dann legt er das Handy auf Wespes Bauch und machte eine auffordernde Bewegung: „Okay? Schalavsky zeigt mir gerade an, dass ich reden soll. Also gehe ich davon aus, dass ich erzählen soll, was passiert ist. Also, ich wollte eigentlich nur dieses leerstehende Gebäude untersuchen, wegen den anonymen Tipp und oh... Schalavsky bedeutet mir leider zu reden. Sorry. Ähm ja, ich hab die Bombe gefunden und gesehen dass es keine ist, mit der ich vertraut bin. Schalavsky sieht mich fragend an. Oh ja, ich hab mich mal mit Bomben vertraut gemacht. Aber ich hatte keine Chance die zu zuordnen, also habe ich das Gebäude geräumt und am Auto nach Unterstützung gefunkt. Ich glaube, dabei wurde ich beobachtet weil die Bombe so ziemlich sofort danach gezündet wurde. Ich stand zum Glück hinter dem Auto aber die Druckwelle hat mich trotzdem umgehauen. Das hat ganz schön gescheppert. Oh, Schalavsky schaut, als sollte ich die Klappe halten.“
Wespe schwieg und Schalavskys hörte Tamina zu und runzelte die Stirn bevor er antwortete. Einen Moment später vibrierte das Handy mit einer neuen Nachricht. Tamina war anscheinend darüber übergegangen die komplizierten Fragen direkt zu stellen.
,Hast du gesehen, wer die Bombe gezündet hat?‘
„Ich glaub nicht. Aber um ehrlich zu sein, vertraue ich meinen Erinnerungen von diesem Momenten nicht mehr ganz.“, sagte Wespe und kratzte sich am Kopf.
,Warum wurde die Bombe erst gezündet, als du aus dem Gebäude raus warst?‘
„Wow, das ließt sich als wärst du richtig froh, dass ich überlebt habe.“, sagte Wespe sarkastisch. „Entweder wollte man mich nicht umbringen oder sie haben nicht gesehen, dass ich ins Haus gegangen bin. Ich bin hintenrum rein und vielleicht haben sie mich erst für einen Jogger gehalten, der am Haus vorbei in den Park will.“ Schalavsky bewegte seinen Mund und Wespe sah ihm fragend an. „Tamina, was hat er gesagt? Er hat den Gesichtsausdruck, mit dem er mich sonst auch immer beleidigt.“
,Er sagte, man hat sich wohl eher für einen Junkie gehalten.‘
„Na danke. Egal. Ich bin hinten rein aber vorne wieder raus, weil ich keine Zeit verlieren wollte. Vielleicht haben sie mich da erst gesehen und gezündet. Und weil es die Werkstatt der Pyros war hat das den ganzen Block umgehauen.“
,Du hast echt mehr Glück als Verstand.‘
Schalavsky sprach wieder mit einem frechen Funkeln in den Augen.
„Hat er gerade gesagt, das das keine Kunst ist weil ich keinen Verstand habe?“, fragte Wespe, aber er musste nicht auf Taminas Antwort warten, weil Schalavsky bereits antwortete und nickte. „Frechheit!“
Nach dem sich sie sich von Tamina verabschiedet hatten, ließ sich Wespe ein bisschen mehr in die Kissen sinken. Er dachte angestrengt, darüber nach ob er doch etwas gesehen hatte, vor der Explosion, die ihn fast das Leben gekostet hatte. War jemand in der Nähe gewesen? Er versuchte sich daran zu erinnern, wie alles abgelaufen war. Nach einigen Minuten seufzte er und schüttelte den Kopf: „Ich erinnere mich nicht daran irgendwas verdächtiges gesehen zu haben. Keine Ahnung, wer die Bombe gezündet hat.“
Schalavsky klopfte ihm sanft aus Bein zur Aufmunterung.
„Sie müssen aber nicht die ganze Zeit hier bleiben. Ich komm schon klar.“, sagte Wespe tapfer. Schalavsky schüttelte den Kopf und blieb demonstrativ sitzen.
Wespe lächelte und schaute auf sein Handy, um zu überprüfen, ob er irgendwelche Hinweis ein seinen Nachrichten oder der Bildergalerie fand. Er stellte fest, dass er ein Foto von der Bombe gemacht hatte. Nicht schlecht, Vergangenheits-Wespe.
Als er auf sah, bemerkte er, dass Schalavsky ihn amüsiert ansah und fragend eine Augenbraue hob. Wespe sah fragend zurück. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Fingerspitzen gegen Wespes Hals. Erst da bemerkt Wespe die Vibration. Anscheinend hatte er unbewusst gesummt. Wespe lächelt rund zuckte mit den Schultern: „Sorry. Hab ich gar nicht bemerkt.“ Schalavsky sagte etwas. „Jaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.“ Schalavsky lachte leicht auf. Und Wespe wollte mehr davon sehen, aber bevorzugt wenn er wieder hören könnte. Falls er wieder hören konnte. Wespe verzog ein bisschen das Gesicht und drückte diesen Gedanken wieder runter.
Schalavsky klopfte ihm aufs Bein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wespe räusperte sich und zeigte das Bild von der Bombe, dass er gemacht hatte. „Scheinbar habe ich ein Bild gemacht.“
Schalavsky griff nach dem Handy und sah sich das Bild an. Er deutete auf das Bild und dann auf sich.
„Ja, ich schicke Ihnen das.“, sagte Wespe.
„Ich glaub, ich werde versuchen ein bisschen zu Schlafen. Sie müssen nicht die ganze Zeit hier bleiben. Es ist schon spät.“
Schalavsky winkte ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Wespe lächelte ein wenig und schloss seine Augen. Er brauchte definitiv etwas Schlaf.
Wespe wurde aus seinem nahendem Schlummer gerissen, als er einen Luftzug spüre. Er öffnete die Augen und sah, wie Glockner in den Raum spazierte.
„Hey, Kommissar Glockner.“, begrüßte Wespe seinen Vorgesetzten und konnte an seinen Lippenbewegungen einen ähnlichen Gruß ablesen. Dann sah Glockner fragend aus und Wespe schaute nur zu Schalavsky, der in eine Erklärung überging, was geschehen war, welche Informationen sie bisher hatten und wie der aktuelle Stand war. Zumindest vermutete Wespe das. Das war am Wahrscheinlichsten. Als sie zu einer Pause gekommen waren sah meldete Wespe sich: „Warum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige der ihnen in die Quere kam.“
Glockner sagte etwas und Schalavsky machte eine eine Gebärde mit beiden Fäusten.
Wespe runzelte die Stirn und dachte scharf nach: „...Sicherheit? Zu meiner Sicherheit oder nur um sicher zu gehen?“
Schalavsky zeigte zwei Finger für die zweite Option.
Glockner nickte ihm anerkennend zu und schien sich dann zu verabschieden, weil er Wespe winkte.
„Nehmen Sie ihn endlich mit?“, fragte Wespe und deutete auf Schalavsky. „Er sollte auch etwas Schlaf bekommen.“ Glockner blickte Schalavsky an und eine kurze Diskussion entbrannte, in der Schalavsky wohl den Kürzeren zog. Seine Schultern sackten etwas ab, als er seufzte und seine Jacke nahm. Er klopfte Wespe zum Abschied auf das Bein. (Kein Gute-Nacht-Kuss?)
„Gute Nacht!“, rief Wespe ihnen nach und winkte. Schalavsky hob die Hand und schaute nochmal zu Wespe bevor er die Deckenbeleuchtung aus machte, sodass nur doch die kleiner Lampe über dem Bett Licht spendete.
Dann fiel die Tür zu und Wespe war alleine. Es war seltsam, dass sich nicht viel veränderte. Da er die ganze Zeit in Stille war, konnte er jetzt nicht mal den Unterschied ausmachen.
Er gähnte. Er sollte schlafen. Am nächsten Tag würde er mehr Untersuchungen und Therapien über sich ergehen lassen. Aber nach der Erfahrung zu schlafen fiel ihm auch schwer. Zu Hause hätte er sich vielleicht Meeresrauschen oder Regengeräusche angemacht, aber auch das ging jetzt nicht mehr. Vielleicht würde er nie wieder etwas hören.
Etwa 16 Stunden zuvor:
Für Schalavsky hatte dieser Tag wie so viele angefangen. Frühstück, (dass aus einer Tasse Kaffee bestand), Fahrt zur Arbeit, (die ihn den Glauben an die Menschheit kostete), Eintreffen im Präsidium (ein weiterer Kaffee), sich bei Salah darüber beschweren, dass Wespe beinahe zu spät war (nur um dann festzustellen, dass Wespe scheinbar privat Ermittlungen angestellt hatte). Aber natürlich würde der Tag nicht wie so viele andere enden.
„Wir hatten doch letztens diesen Einbruch bei dem Chemikalienhersteller.“, sagte Wespe aufgeregt und kaute einen knusprigen Toast herum. „Mhm, und ich habe erfahren, dass es Diebstähle in einem Baumarkt gegeben hat.“
Schalavsky beobachtete missbilligend die fallenden Krümmel: „Und?“
„Sehen Sie nicht die Sachen, die gestohlen wurden?“, fragte Wespe und hielt ihn demonstrativ die Liste hin.
Schalavsky blickte auf die Liste, die lauter Wörter hatte, die er nicht aussprechen konnte: „Ich sehe sie...“
„Himmel noch mal!“, rief Bienert und warf die Arme in die Luft. „Tamina! Siehst du es?“
„Dass du mal wieder zu wenig Schlaf hattest?“, fragte Tamina und klaute Wespes halbes Toast aus der Hand. „Ja, sehe ich.“
„Ihr beide habt im Chemieunterricht nicht aufgepasst.“, beschwerte sich Wespe ärgerlich. Schalavsky könnte dem nicht wieder sprechen. Von Chemie verstand er nur rudimentäre Abläufe. „Das hier sind die Grundbausteine für eine Bombe.“ Schalavsky richtete sich auf. Tamina fiel fast das Toast aus dem Mund: „Im Ernst?“
„Jaha!“
„Wie groß sprechen wir hier?“, fragte Schalavsky.
Wespe kratzte sich in Nacken: „Mit den Materialien und der richtigen Zusammensetzung kann es bestimmt ein Mehrfamilienhaus platt machen. Wenn allerdings noch mehr besorgt wurde, dessen Spuren wir noch nicht gefunden haben...“ Wespe machte ein unglückliches Gesicht. „Big Boom.“
„Wir müssen schnell was unternehmen.“, sagte Tamina.
„Im besten Fall finden wir die Bombenwerkstatt, aber wie wir das machen ist eine andere Frage.“, sagte Wespe.
„Wie haben Sie überhaupt das hier gefunden?“, fragte Schalavsky. Wespe machte eine beiläufige Handbewegung. „Seit ich den zweiten Einbruch bearbeitet habe, hat irgendwas in meinem Hinterkopf geklingelt. Ich hab aber eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich an dem ‚Zufall‘ störe, dass genau diese Komponenten zur fast gleiche Zeit gestohlen wurden.“
„Beeindruckend.“, sagte Schalavsky aufrichtig. Bienert lachte überrascht auf, als wüsste er nicht, ob er das Kompliment annehmen sollte oder nicht: „Ich werde mich mal ein bisschen umhören. Vielleicht weiß jemand von meinen Bekannten was."
Bienerts Bekannte waren die Kriminellen, die ihn genug mochten, um sich an ihn mit Problemen zu wenden und im Gegenzug auch halfen wenn er ein Anliegen hatte. Schalavsky hieß das nicht gut aber er kannte Wespe mittlerweile genug, um zu wissen, dass er niemanden aus falsch geleiteten Gefühlen der Verbundenheit laufen ließ.
„Gut.“ Schalavsky seufzte. „Ich werde mal die höheren Instanzen anklingeln, dass wir vielleicht bald ein Bombenräumkommando brauchen.“
Es war gegen Mittag, als sich Wespe sich seine Jacke über schmiss und ankündigte, dass er mit jemanden reden wollte.
Schalavsky hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache und fragte, ob er mitkommen sollte, aber Bienert winkte ab. Erstmal müsse er nur mit einer Topfpflanze reden. Es war dann schon Nachmittags, als Schalavsky einen Anruf bekam in dem Wespe angespannter klang. Er hatte einen Tipp zu einem Gebäude bekommen und wollte dem nachgehen.
Schalavsky hatte ihm noch gesagt, dass er warten sollte und ohne Durchsuchungsbefehl ohnehin nicht in ein privates Gebäude eindringen durfte, aber er kannte seinen Kollegen zu gut, um zu glauben, dass das Bienert tatsächlich aufhalten würde. Dennoch hatte er sich eilig aufgemacht zu der mitgeteilten Adresse.
Er war nicht mehr weit entfernt, als er den Knall hörte und einen Moment später spüre, wie sein Auto durchgeschüttelt wurde, als wäre plötzlich eine Sturmfront an ihm vorbeigezogen.
Schalavsky suchte die Skyline ab und erkannte wo in der Ferne Rauch aufstieg.
Kurz darauf kam die Ansage von der Zentrale: „Explosion im Industriegebiet beim Westbahnhof. Möglicherweise Beamter Vorort verletzt.“
Schalavsky trat das Gaspedal durch, als noch die weiteren Anweisungen gefunkt wurden und stellte das Blaulicht aufs Dach. So schnell wie er könnte, aber ohne andere allzu sehr Verkehrsteilnehmer zu gefährden, fuhr er zu dem Ort, den Wespe ihm genannt hatte. Hinter ihm tauchte die Feuerwehr mit dem gleichen Ziel auf.
Schalavsky sah die Rauchsäule nun dunkler und dichter über den Dächern der Millionenstadt aufsteigen. Drei endlose Minuten später sah er das Flackern und dann das brennende Gebäude. Er lenkte seinen Wagen über die entgegen kommende Fahrbahn und parkte auf dem weitläufigen Vorplatz einer der alten Fabriken, damit er der Feuerwehr nicht im Weg stand. Dann sprangt er aus dem Auto und lief die Straße weiter runter. Der Boden war mit Geröll übersät und er musste aufpassen nicht zu stolpern, aber sein Ziel hatte er schon gesehen. Bienerts Wagen stand halb auf der Straße mit zerbrochenen Fenstern und offensichtlich von der Druckwelle aus seiner Parkposition geschoben. Der Wagen war leer.
Schalavsky sah sich um und erkannte einige Meter weiter eine Gestalt deren schwarz gelbes Shirt und auffällige Lederjacke, die so wirkte als hätte sich ein Kleinkind darauf in Graffiti geübt, er immer erkannt hätte. Schalavsky rannte die letzten Meter im Sprint und kam schlitternd zum Stehen. Noch war kein Rettungswagen da, obwohl er auch angefordert worden war. Schalavsky war sich unsicher, ob er Wespe anfassen konnte. Wenn die Explosion sein Rückgrat verletzt hätte, könnte eine falsche Bewegung ihn umbringen. Wenn er denn noch lebte. Schalavsky presste seine Finger an Wespes Hals und spürte einen schnellen Puls.
Dann rührte sich Wespe. Er bewegte Arme und Beine, aber schaffte es nicht sich herumzudrehen. Wenn er sich noch bewegen kommt, war er wenigstens nicht schwerwiegend am Rückgrat verletzt, dachte/hoffte Schalavsky und packte Wespes Schulter, um ihn herumzuziehen. Wespe stieß einen schmerzverzerrten Fluch aus und sah ihm verwirrt an. Blut tropfte aus seinen Haare. Blut war auch unter ihm im sandigen Kiesboden, der in diesem Gebiet die Fußwege und Vorplätze darstellte.
Schalavsky brüllte nach einem Notarzt. Wespe versuchte tiefer einzuatmen und begann zu Husten, was kein Wunder war bei dem Staub, der in der Luft hing. Schalavsky selbst spürte schon das Gefühl von Sand und Staub auf der Haut.
„Bienert, wie geht es Ihnen?“ Wespe reagierte nicht. „Wissen Sie, wo Sie sind? Oder wer Sie sind?“
Es kam keine wirkliche Antwort, außer dass Wespe plötzlich sich zusammen krümmte und die Hände zu den Ohren zog: „Scheiße!“
Der Knall, dachte sich Schalavsky, Bienert hatte den Knall aus nächster Nähe erlebt. Schalavsky sank auf seine Knie und griff nach den Händen seines Kollegen. Wespe hob seinen Blick wieder.
„Der Notarzt ist schon verständigt.“, versuchte Schalavsky ihn zu beruhigen. Dieses Mal bekam er eine Antwort und sie ließ ihn eiskalt werden: „Ich höre Sie nicht.“
„Was?“, fragte Schalavsky und sah Wespe suchend an. Da waren Blutspuren an seinen Ohren. Mindestens geplatzte Trommelfelle.
„Wirklich nicht.“, sagte Bienert kopfschüttelnd. Schalavsky betrachtete seinen Kollegen und versuchte nachzudenken, was er mit einem Kollegen machte, mit dem er nicht mehr reden konnte. Dann erinnerte er sich an eine der wenigen Gebärden, die er konnte. Verletzung. Schalavskys Kenntnisse in der Gebärdensprache reichten gerade mal, um sich mit Vornamen vorzustellen und als Polizist auszuweisen und nach Verletzungen zu fragen. Bienert konnte wohl noch etwas mehr, weil sein letzter Kurs nicht so lange her war, wie Schalavskys. Er hoffte nur, dass Bienert aufgepasst hatte.
„Ob ich verletzt bin?“, riet Wespe und Schalavsky war etwas genervt, dass er verletzt war, verriet das Blut.
„Oh… Ja. Wie sehr ich verletzt bin?“, verstand Wespe nun und seufzte: „Ähm, meine Ohren… offensichtlich. Rede ich zu laut?“ Tatsächlich sprach Wespe unnatürlich laut, aber das war verständlich, wenn er sich selbst nicht mehr korrigieren konnte. Dennoch war die nächste Aussage ruhiger: „Ich habe ein paar Roadburns. Ich glaube, es ist nicht gebrochen, aber trotzdem tut mir alles weh.“ Bienert Hände waren blutig von der Straße und seine Hose hatte es auch an einigen Stellen zerfetzt, wenigstens die Lederjacke hatte ihn ein bisschen vor dem harten Grund geschützt. Allerdings begann nun Blut auch aus Wespes Nase zu laufen. Schalavsky griff schnell ein Taschentuch aus seiner Tasche und hielt es ihm unter die Nase. Wespe griff danach und schien erst beim Anblick des Blutes zu verstehen, dass seine Nase blutete: „Fuck.“
„Was ist passiert?“, fragte Wespe während, er sich das Tuch unter die Nase drückte. Schalavsky deutete auf das brennende Gebäude, dass auch bisher Hitze abstrahlte. Als er wieder angesehen wurde mimte Schalavsky eine Explosion.
„Oh Shit.“, sagte Wespe beeindruckt und erschrocken, als er verstand. „War’s eine Bombe?“ Schalavsky wusste das nicht mit Sicherheit und versuche Wespe verstehen zu geben, dass er der erste vor Ort gewesen war.
Natürlich reichte das Wespe nicht, er wollte auch noch wissen, ob er der Einzige war, der im Gefahrenradius war. Das wusste Schalavsky auch nicht mit Sicherheit. Es wahr kein bewohntes Gebäude, so viel war sicher. Aber ob sich jemand trotzdem innerhalb des Gebäudes befunden hat, war schwer zu sagen.
Schalavsky stand mit protestierenden Knien auf (er war zuvor etwas zu schnell auf die Knie gefallen, sonst war er noch ganz gut in Schuss, dankeschön) und bot Wespe eine Hand zum hoch helfen an. Wespe hob den Arm aber hielt seine verletzte Hand lieber geschlossen, also packte Schalavsky seinen Unterarm und zog ihn hoch.
„Verdammt.“, raunte Wespe und presste die frei Hand vor den Mund. „Uhhh, mir ist schwindelig. Oh man, ich glaub mir wird schlecht.“
Schalavsky griff ihn an den Schultern, um ihn zu stabilisieren: „Entschuldigung, ich hätte mir denken können, dass du keinen Gleichgewichtssinn mehr hast.“ Er bekam keine Antwort, nur angestrengtes Atmen und einige Flüche, bis Bienert sich vorsichtig aufrichtete, weil er nicht mehr der Meinung war sich jeden Moment zu übergeben.
Schalavsky nickte zum Auto und sein Vorschlag wurde angenommen. Auf dem Beifahrersitz konnte Bienert wenigstens bequem abwarten, bis ein Notarzt endlich da war. Schalavsky sah sich besorgt um. Kollegen von der Verkehrspolizei hatten das Gebiet gesperrt, wahrscheinlich war bereits die halbe Stadt in Panik verfallen und der Verkehr zu verstopft, dass er Rettungswagen extra lange brauchte.
Als Schalavsky endlich sah, dass der Rettungswagen kam, winkte er mit beiden Armen, um sie direkt zu ihm zu lotsen.
Einer der Sanitäter sprang aus dem Wagen und kam auf Schalavsky zu.
„Er war direkt vor dem Haus, als die Explosion passierte. Er ist bei Bewusstsein und konnte hier rüber laufen. Aber er hört wohl nichts.“, erklärte Schalavsky.
Der Sanitäter nickte und kniete sich vor in die offene Beifahrertür. Er sprach Wespe laut an, aber es kam keine Reaktion. Erst als er Wespe aufs Bein klopfte schreckte, dieser hoch und zog die Fäuste in einer Verteidigungsposition. Der Sanitäter hob die Hände: „Hey, hey, ganz ruhig. Ich bin vom Rettungsdienst und will Ihnen helfen.“
„Er ist Polizist und verletzt. Wenn Sie ihn erschrecken, wird er natürlich versuchen sich zu verteidigen.“, sagte Schalavsky missbilligend.
„Okay.“, sagte der Sanitäter ruhig. „Versuchen wir es nochmal. Was tut Ihnen weh?“
„Was?“, erwiderte Wespe.
„Ich werde mir einmal Ihren Kopf ansehen.“, erklärte der Sanitäter ruhig.
„Was?“, fragte Wespe etwas ungeduldiger.
Der Sanitäter blieb ruhig: „Ich möchte mir ansehen woher das Bl-“
Wespe unterbrach ihn: „Himmel nochmal, ich kann nichts hören!“
Schalavsky verdrehte die Augen und bemerkte, dass nun der zweite Sanitäter mit der Liege aufgetaucht war. Der erste Sanitäter stand auf und deutete auf die Liege. Immerhin hatte er nun verstanden, wie er sich mit Bienert verständigen konnte.
Als Bienert nun aber Widerworte gab sah Schalavsky ihn streng an. Dafür hatten sie nun wirklich keine Zeit. Bienert erkannte, dass es keinen Sinn hatte und stand schwerfällig aus dem Auto auf. Als der Sanitäter sah, wie sehr er dabei schwankte, hielt er ihn sofort fest und sorgte dafür, dass er sicher auf die Liege kam. Der zweite Sanitäter griff bereits nach Wespes Gesicht und sah ihm mit einer kleinen Stablampe in die Augen: „Was tut Ihnen weh?“
Wespe sah ihn und dann den anderen nachdenklich an. Schließlich blickte er zu Schalavsky. Schalavsky verstand, dass Wespe es schwerer fiel bei den beiden professionellen Fremden zu erraten, was sie wollten. Er entschied sich einzuschreiten und machte erneut die Gebärde für Verletzung.
Sobald er verstand, erklärte Wespe, was ihm wehtat und die Sanis machten sich daran ihn ins Auto zu verfrachten und zu verkabeln. Schalavsky sagte zu ihnen: „Ich werde mit Ihnen mitkommen. Geben Sie mir nur eine Sekunde.“
Schalavsky zog den Schlüssel vom Auto ab, schloss die offenen Türen und verschloss sie. Dann joggte er zu der nächsten Absperrung, wo Kollegen von der Verkehrspolizei eine Sperre errichtet haben.
„Hey, ich bin Schalavsky vom City Revier 1. Mein Partner ist derjenige, der verletzt wurde und ich werde jetzt mit ihm ins Krankenhaus fahren. Könnten Sie sich darum kümmern, dass jemand mein Auto zum Präsidium fährt und dort den Schlüssel abgibt? Sie können ansonsten auch Kommissar Glockner deswegen informieren, vielleicht schickt er dann jemanden her.“
Der Verkehrspolizist hatte einen harten Ausdruck, und nickte gehorsam. Er fühlte wohl so was wie Mitgefühl, dass Schalavsky Partner im Dienst verletzt worden war. „Ich kümmere mich darum.“
„Danke.“, sagte Schalavsky und joggte zurück zum Rettungswagen. Er kletterte hinein und sah, dass sich Wespes Gesichtsausdruck aufhellte, offensichtlich freute er sich, dass Schalavsky hier war. Schalavsky klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und setzte sich so hin, dass er den Sanitätern nicht im Weg war.
Im Krankenhaus blieb Schalavsky an Bienerts Seite, während allen Untersuchungen. Damit machte er sich nicht besonders beliebt, aber der HNO-Arzt hatte am meisten Verständnis dafür, dass ein Patient in dieser Situation gerne eine vertraute Person bei sich haben möchte. Der Unfallchirurg hingegen fand Schalavsky nicht gut.
„Sie können jetzt gehen.“, sagte der Arzt. „Viel können Sie hier ohnehin nicht mehr tun.“
Schalavsky verschränkte die Arme und nickte zu Wespe: „Ich werde nicht gehen, bevor er mir nicht sagt, dass ich gehen soll.“ Der Art sah unzufrieden aus und kritzelte etwas auf einen Zettel. Wespe wurde der Zettel hingehalten.
„Mannomann. Das kann ja keiner lesen!“, stellte Wespe erstaunt fest. Schalavsky klopfte gegen Wespes Schulter. Als Wespe ihn ansah zeigte er auf den Arzt, dann auf sich selbst und auf die Tür.
„Er will, dass Sie gehen?“, fragte Wespe. „Warum? Es wäre mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.“ Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und drehte sich zum Arzt: „Wie sie sehen, möchte er, dass ich hier bleibe!“
Der Arzt schien einen anderen Plan zu hegen: „Gut, sobald wir ihn aber auf die Intensivstation legen, dürfen nur noch Angehörige zu ihm... keine Kollegen.“
Schalavsky machte der Job zu lange, um nicht im Angesicht von Arschlöchern ruhig zu bleiben und schnell mit einem Bluff bei der Hand zu sein: „Wie gut, dass ich sein Verlobter bin.“ Schalavsky ging ganz stark davon aus das der Unsinn mit den Angehörigen erlogen war und daher hatte er kein Problem auch zu lügen.
Der Arzt sah zwischen ihnen umher. Wespe sah nachdenklich zurück, als würde er erraten wollen worum es ging.
Schalavsky hockte sich vor ihm hin und zwinkerte ihm auffällig zu: „Mach dir keine Sorgen, ich bleibe bei dir.“ Wespe lächelte und nickte, obwohl er noch nicht ganz verstand was los war. Als Schalavsky wieder aufstand, küsste er Wespes Stirn und der schaffte es haarscharf nicht seinen Shit zu verlieren.
„Stimmt was nicht?“ Wespe wusste, dass etwas nicht stimmen konnte, weil er gerade von Schalavsky geküsst worden war. Aber Wespe wäre auch für seinen Job ungeeignet gewesen, wenn er nicht die deutliche Anspannung gesehen hätte, die zwischen den Arzt und Schalavsky herrschte. Und man mochte eine Menge über Wespe sagen, aber ein schlechter Polizist war er nicht. „Du siehst besorgt aus.“
Schalavsky nickte leicht, aber legte eine Hand auf Wespe Schulter: „Es wird alles wieder gut."
Wespe seufzte erleichtert und legte sein Wange gegen Schalavsky Arm in einer oscarreifen Performance. Schalavsky dachte gerade, für den Moment waren sie in einer guten Situation, als er bemerkte, dass Wespe nicht richtig Atmete. Schalavsky versuchte erst mit sanften Kreisen auf seiner Brust ihn zu beruhigen, bevor er ihm einen richtig Rhythmus vorgab, an dem sich Wespe orientieren konnte.
Nach dem der Unfallchirurg, kam noch der Dermatologe, der zum Glück entspannt war und die Psychiaterin, die um diese Zeit eigentlich bestimmt keine Schicht mehr hatte. Vielleicht hätte sie mit der Panikattacke besser helfen können, aber nicht ohne ein Möglichkeit richtig zu kommunizieren.
Knalltrauma, beziehungsweise Explosionstrauma, hieß die erwartete Diagnose. Schalavsky hatte immer wieder nachgefragt, wie die Prognose aussah und es stellte sich raus, dass Wespe wie so häufig sehr viel Glück gehabt hatte. Dadurch dass er hinter seinem Auto gestanden hatte, war er vor der Druckwelle größtenteils geschützt gewesen, sonst hätte es schlimmer Enden können. Eine solche Druckwelle führte zu Rupturen und Kontusionen und im schlimmeren Fällen zu inneren Blutungen. Bienerts schlimmste Verletzung schien sein Gehör zu sein. Die aufgeschürfte Haut und Platzwunde am Kopf, waren keine großen Probleme. Selbst vor den Splittern, war er größtenteils geschützt gewesen.
Das rechte Ohr war mehr betroffen gewesen als das linke, wahrscheinlich weil Wespe seitlich zum Gebäude gestanden hatte. Allerdings hatten beide Ohren gerissene Trommelfelle und waren nun zum Schutz abgedeckt. Wespe wurde an Infusionen gehängt und möglicherweise würde man ihm am nächtens Tag operieren.
Es hatte einige Stunden gedauert, bis sie endlich in einem Einzelzimmer gebracht wurde, das für die nächsten Wochen Wespes neue Heimat sein würde. Schalavsky hatte dafür gesorgt, dass es ein Einzelzimmer war, weil sie noch nicht wussten, ob die Bombe ein gezielter Anschlag auf Bienert gewesen war, weil er vielleicht zu viel heraus gefunden hatte. Abgesehen davon, hielt der HNO-Arzt es auch besser ihn in einer möglichst ruhigen Umgebung zu halten. Schalavsky zog den Stuhl näher, sodass er neben dem Fußende des Bettes stand und ihn anblickte. Er hatte bemerkt, dass Wespe sprunghaft war, wenn jemand ihn plötzlich berührte, ohne dass er ihn vorher sehen konnte. Deswegen blieb Schalavsky näher bei Wespe, damit er ihn in seiner Nähe spüren konnte, auch wenn er sich nicht in dessen Sichtlinie befand. Und das schien Wespe zu beruhigen. Dort beim Fußende, hatte Wespe ihn die ganze Zeit im Blick, und wenn er seine Aufmerksamkeit erregen wollte, konnte er ihn gegen ein Bein klopfen.
„Können Sie ran gehen?“, fragte Wespe plötzlich und Schalavsky sah von seinem eigenen Handy auf und sah dass Wespe ihm seines reichte. Tamina rief an.
„Schalavsky hier.“
„Wa-warum gehen Sie an Wespes Handy?“, fragte Tamina und Besorgnis tropfte durch ihre Stimme.
„Weil sich unser lieber Kollege dachte, er sieht sich mal eine Explosion vom Nahem an.“ Schalavsky bemerkte Bienerts interessierten Blick und begann zu zeigen über was er sprach. „Er hört aktuell nichts mehr. Wir müssen schauen, wie lange das anhält.“
„Oh, richten Sie ihm Gute Besserung aus.“, sagte Tamina und Schalavsky versuchte das symbolisch rüberzubringen.
„Danke.“, sagte Wespe erfreut.
Tamina seufzte: „Es tut gut seine Stimme zu hören. Können Sie ihn bitten zu erzählen, was passiert ist?“
„Ich versuche es.“ Schalavsky legte das Hand auf Lautsprecher geschaltet (aber sehr leise eingestellt) auf Bienerts Bauch und deutete ihm an zu reden.
Wespe verstand und begann seine Ermittlungsarbeit wiederzugeben. Selbst in diesem Zustand brachte man ihn nur mit einem bösen Blick wieder zum Schweigen, aber Tamina wollte auch noch was sagen. „Warten Sie, ich schick ihm einfach meine Frage. Hast… du… gesehen… wer die… Bombe… gezündet... hat. Fragezeichen.“
Wespe antwortet und es war definitiv die bessere Version eine Konversation zu führen, als mit Händen und Füßen zu gestikulieren. Aber Schalavsky war bei weitem nicht so schnell dabei auf seinem Handy Nachrichten zu schreiben wie die jüngere Generation.
,Du hast echt mehr Glück als Verstand.‘, schickte Tamina zum Ende ihres Gesprächs.
„Bei dem bisschen Verstand, wäre weniger auch schwer möglich.“, murmelte Schalavsky und Tamina kicherte. Wespe sah das sofort und fragte nach, ob er gerade veralbert wurde, was Schalavsky mit einem ehrlichen Nicken bejahte.
Nach der seltsamen Kommunikation, war Bienert nachdenkliche, scheinbar schien er zu überlegen ob er irgendwas vergessen hatte oder eine Schlussfolgerung ziehen konnte. Erfolgreich war er dabei scheinbar nicht, denn ab und zu murmelte er einen Fluch vor sich hin. Schalavsky war sich nicht sicher, ob er sich darüber im Klaren war, dass er immer wieder fluchte. Er schien das fast beiläufig zu machen.
Wespe ging dazu über mit seinem Handy zu spielen und auf einmal summte er. Schalavsky beobachtete ihn interessiert. Bienert konnte sich zwar nicht hören, aber dennoch summte er eine Melodie leise vor sich hin.
Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Schalavsky ihn unentwegt ansah. Schalavsky hob amüsiert eine Augenbraue und Wespe sah fragend zurück. Offenbar hatte er wirklich nicht bemerkt, dass er summte. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Finger gegen Wespes Hals. Das Summen verstummte. „Sorry hab ich gar nicht bemerkt.“
„Ihr Spitzname passt zu Ihnen.“, sagte Schalavsky sanft.
Wespe verdrehte übertrieben die Augen: „Jaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.“ Schalavsky lachte leicht auf. Wenigstens kannte Bienert seine Schwächen. Dann verflog dieser leichte Moment. Bienert Gesichtsausdruck wurde auf eine Weise besorgt, die Schalavsky nicht mochte. Aber wer konnte ihm das verübeln? Er lag hier im Krankenhaus und wusste nicht, ob er gerade einen seiner wichtigsten Sinne eingebüßt hatte. Selbst wenn sein Gehör sich wieder besserte, bestand das Risiko so viel Schaden davon getragen zu haben, dass er seine Arbeit nicht mehr ausführen könnte. Schalavsky mochte nicht daran denken. Endlich hatte er Bienert so weit ein brauchbarer Partner zu sein und sich mit ihm verständigen zu können und da könnte das alles schon wieder vorbei sein?
Aber anstatt über mögliche Sorgen zu sprechen, zeigte Wespe ihm ein Bild von der Bombe, das er scheinbar nur Minuten vor der Explosion gemacht hatte. Das war sehr gut für die Ermittlungen. Schalavsky ließ sich das Bild schicken und mache sich dann daran Glockner zu informieren und das Bild an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Bienert entschied sich dafür etwas Schlaf zu bekommen.
Er schien nicht besonders schnell Schlaf finden zu können und wenn er einnickte, war er kurz darauf wieder wach. Schwierig nach so einem Trauma Schlaf zu finden.
Die Tür öffnete sich und Glockner kam ins Krankenzimmer.
„Hey, Kommissar Glockner,“, sagte Wespe und klang hellwach. Selbst ohne sein Gehör war er immer noch sehr aufmerksam.
„Hallo Wespe, wie geht es Ihnen?“, fragte Kommissar Glockner.
„Er hört nichts mehr.“, sagte Schalavsky. „Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wie sich das entwickelt.“ Schalavsky erzählte was sie bis hierher wussten.
Als er fertig war fragte Wespe: „Warum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige, der ihnen in die Quere kam.“ Selbstverständlich musste Bienert sogar in diesem Zustand erkennen, dass ein Beamter in Uniform vor der Tür stand.
„Sie haben das zu seiner Sicherheit angeordnet?“, fragte Glockner. Schalavsky nickte und machte eine Geste mit beiden Fäusten, die Sicherheit bedeutete.
„Gut, dann mach ich mich jetzt auf den Weg.“, sagte Glockner und winkte Wespe zu.
„Nehmen Sie ihn endlich mit?“ Wespe deutete auf Schalavsky. „Er sollte auch etwas Schlaf bekommen.“
„Er hat recht. Kommen Sie mit, Kollege.“, sagte Glockner freundlich. „Ich fahre Sie nach Hause.“
„Aber ich sollte Bienert nicht alleine lassen.“, sagte Schalavsky besorgt.
„Das ehrt Sie, Herr Kollege, aber wenn Sie hier auf dem Stuhl schlafen, geht’s Ihnen morgen schlechter als ihm.“, sagte Glockner neckend.
Schalavsky wollte nochmal widersprechen aber Glockner hielt ihn auf: „Sie können morgen wieder herkommen.“
Schalavsky gab sich geschlagen. Er nahm seine Jacke vom Stuhl und klopfte Bienert auf das Bein zum Abschied.
„Gute Nacht noch. Und danke.“, sagte Wespe. Schalavsky nickte ihm lächelnd zu und schaltete beim Rausgehen das Deckenlicht aus, sodass Wespe nur noch das Leselicht über seinem Bett hatte.
Als die Tür sich schloss, schaltete Wespe auch das Licht an seinem Bett aus. Er versuchte zu schlafen. Irgendwie. Die Gedanken auszublenden, die sich mit einem möglichen permanenten Hörverlust beschäftigten und die absolute Stille ignorieren, die ihn langsam nervös machte. Es war selten, dass Wespe wirklich nicht schlafen konnte, aber dann machte er sich ein Hörbuch an, oder Regengeräusche. Das ging nun nicht.
„Fuck!“, sagte Wespe in den leeren Raum und hasste es, dass er nicht mal das hören konnte.
Schalavsky hatte eine kurze Nacht. Mit Sicherheit hätte er auch später zur Arbeit kommen können als sonst, aber nach fünf Stunden unruhigem Schlafs war er wieder wach und konnte genau so gut zur Arbeit kommen. Das er das heute auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln tun musste, störte ihn immens.
Dementsprechend verzweifelt sah Schalavsky die Kaffeemaschine im Pausenraum an, die heute entschieden hatte in den Streik zu gehen.
„Guten Morgen!“, rief Tamina zu glücklich. Schalavsky grummelte ein leises „Morgen.“ und wunderte sich, warum er den Geruch von Kaffee halluzinierte. Als er sich umdrehte, stand da Tamina mit vier großen Kaffeebechern in einer Hand. Sie zog einen aus der Transportpappe und reichte ihn Schalavsky: „Ich dachte mir schon, dass Sie dringend einen brauchen. Wie geht’s Ihnen?“
„Okay…?“, antwortete Schalavsky verwirrt. „Mir ist ja nichts passiert.“
Tamina warf ihm einen ihrer nachdenklichen Blicke zu. Schalavsky war sich sicher, dass sie mit diesem Blick versuchte herauszufinden, ob einer ihrer Kollegen wirklich so doof war, wie er/sie sich stellte. Bienert und er bekamen diese Blicke regelmäßig ab.
„Sie haben gesehen, wie ein Kollege ernsthaft verletzt wurde und haben sich die ganze Zeit um ihn gekümmert. Das kann einen auch mitnehmen.“
Schalavsky nickte: „Ja… ich… ich hab schlecht geschlafen, aber ich komme klar.“
„Okay.“, sagte Tamina. „Ich hab heute morgen schon mit Wespe getextet. Ihm geht’s soweit gut. Sie wollen ihn heute Vormittag noch operieren, weil auf seinem rechten Ohr das Trommelfell zu sehr gerissen ist.“ Schalavsky nickte verstehend.
„Heute Nachmittag können wir ihn besuchen, wenn Sie möchten.“, sagte Tamina. Schalavsky nickte dankbar. Für den Moment musste er sich zusammenreißen. Er musste den Mistkerl finden, der die Bombe gebaut hatte.
„Ich habe die Beweise, der Einbrüche mit nochmal angesehen und ein paar Verdächtige, denen wir auf den Zahn fühlen können.“, sagte Tamina. „Die Spurensicherung ist noch nicht besonders weit.“ Schalavsky trank einen Schluck Kaffee: „Sehr gut, lassen Sie uns loslegen.“
„Fuck.“ Wespe schloss das verlorene Snake-Game auf seinem Handy. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Er hatte die Operation hinter sich, aber er sollte noch nicht viel herum laufen. Also war er brav in seinem Bett, zurück gelehnt, aber nicht flach liegend, weil er auch das nicht durfte und zählte die Deckenpaneele und überlegte, ob die Fenster den Regularien entsprachen, schätzte den Infusionsständer auf seine Funktion als mögliche Mordwaffe ein und begann seine Augen absichtlich zu akkommodieren und die gegenüberliegende Wand scharf und unscharf zu stellen. Mit anderen Worten, er war wahnsinnig gelangweilt und etwa eine dreiviertel Stunde davon entfernt sich mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo zu stechen.
Zu seiner Rettung kamen seine Kollegen.
„Hallo!“, sagte Wespe erfreut.
„Hey, Wespe.“, sagte Tamina lächelnd.
„Hallo.“, sagte Schalavsky zurückhaltender.
Wespe schmunzelte: „Ich war selten so froh Ihre Stimme zu hören.“ Schalavsky sah ihn überrascht an: „Sie können wieder hören?“
Bienert wog eine Hand hin und her: „Bisschen ja. Ist alles noch sehr wattig und ich hab konstantes Piepsen, aber immerhin höre ich ein bisschen.“
Tamina stemmte die Hände in die Hüften: „Moment mal, über meine Stimme freust du dich nicht?“
„Du bist wie ne kleine nervige Schwester.“, gab Wespe sofort zurück: „Ohne deine Stimme hätte ich noch ein paar Tage verkraftet.“
Tamina lachte auf: „Sehr frech.“
„Wie geht’s Ihnen?“, fragte Schalavsky. Bienert verzog ein wenig das Gesicht: „Unkraut vergeht nicht und so. Es hilft aber auch, dass sie mir die guten Drogen geben.“ Wespe zwinkerte Schalavsky zu.
„Wow. Das ist ja schlimm.“, stellte Tamina fest. „Ich cringe mich weg. Wie lange musst du noch hierblieben?“
„Ein paar Tage wohl noch.“, sagte Wespe. „Irgendwie machen Explosion die Leute nervös. Ich kann das ja nicht nachvollziehen, aber manche haben einfach dünne Nervenkostüme.“
Tamina lachte auf. Sie war sich bewusst, dass Wespe sie nicht besorgt oder traurig sehen wollte und aus diesem Grund absichtlich sich selbst unbeschwerter darstellte. „Ich dachte, ich fahre bei dir vorbei und hole dir deine Sache. Willst du irgendwas bestimmtes?“
„Bitte bring mir ein paar Bücher.“, bat Wespe aufrichtig. „Mir ist sooo langweilig.“
„Sonst noch was?“, fragte Tamina.
„Nur meine Reisetasche für Notfälle.“, sagte Wespe. Tamina nickte: „Alles klar, ich bin bald wieder da.“ Tamina verließ den Raum und ließ Schalavsky und Wespe alleine.
„Es freut mich, dass es dir besser geht.“, sagte Schalavsky und setzte sich an auf den Besucherstuhl. Wespe nickte: „Ich auch… hören Sie, vielen Dank für alles. Das Sie gestern bei mir waren, hat das Ganze so viel erträglicher gemacht. Und mich vor mehreren Panikattacken bewahrt.“
Schalavsky schüttelte leicht den Kopf: „Du musst sich nicht bedanken.“
„Oh doch.“, sagte Wespe. „Als die Bombe hoch ging, dachte ich wirklich….. das war’s jetzt. Und ich war mir danach noch nicht sicher, ob es nicht doch noch zu Ende gehen könnte mit mir. Aber Sie waren da, die ganze Zeit. Und ganz ehrlich… ich weiß nicht, wie ich das ohne Sie geschafft hätte.“ Wespe zwang sich zu einem langsamen Durchatmen, um die Tränen zurückzuhalten.
Schalavsky griff nach seiner Hand: „Hey… du hast das ganz alleine geschafft. Ich war nur dafür da, ein paar Fragen zu beantworten.“ Wespe lachte schwach auf, als nun doch die Tränen über seine Wangen rollten, er schüttelte den Kopf: „Du bist immer für mich da, wenn ich jemanden brauche. Als einziger.“
Schalavsky lächelte traurig und setzte sich auf Wespes Bettkante. Er griff nach dessen Gesicht und wischte die Tränen weg: „Du bist so beliebt und du hast so viele, die für dich da wären. Gestern war schlimm, und du wirst ein bisschen Zeit brauchen um das zu verarbeiten, aber das schaffst du auch.“
Wespe holte zittrig Atmen: „Sorry… das ist-“
„Das ist okay.“, sagte Schalavsky ruhig und zog ihn in seine Arme. Wespe legte seine Arme um Schalavskys Schultern und hing halb an ihm, als er weiter stockend einatmete und versuchte seine Tränen zu stoppen.
Schalavsky strich ihm mit einer Hand langsam über den Rücken und hatte die andere Hand in seinen Haaren vergraben.
Er ließ Wespe alle Zeit, um wieder zu Ruhe zu kommen und sich langsam aus der Umarmung zu lösen. Als er sich mit einer verbundenen Hand die Tränen aus dem fleckigen Gesicht wischte, hielt die andere weiter Schalavskys Hand fest.
„Ich versteht jetzt, warum die wollten, dass ich mit einer Psychiaterin rede.“, schniefte Wespe halb scherzend. Schalavsky nickte: „Ja. Wobei das nicht deine einzige Option ist.“
Wespe sah ihn fragend an.
„Erzähl deinen Freunden davon.“, sagte Schalavsky aber Wespe verzog das Gesicht, als wolle er das nicht.
„Ruf deine Eltern an.“, riet Schalavsky als Alternative.
Wespe machte eine wegwerfende Bewegung: „Geht nicht.“
Schalavsky horchte auf: „Wieso?“ Hatte er ein Fettnäpfchen erwischt? Nein, Bienerts Eltern lebten noch. Hätte er sich deswegen Sonderurlaub genommen, hätte Schalavsky das mitbekommen.
„Die sind in einem Dschungel ohne Empfang.“, erklärte Wespe. Schalavsky atmete auf: „Na du hast ja ein Glück. Du findest hier fast dein Ende und deine Eltern machen Urlaub.“
Wespe schüttelte schwach den Kopf: „Quatsch. Die machen keinen Urlaub. Die leben da.“
„Deine Eltern leben im Dschungel? Ohne Empfang?“, fragte Schalavsky.
„Meistens ohne Empfang.“, gab Wespe zu.
Schalavsky runzelte die Stirn: „Die wissen aber schon, dass du einen gefährlichen Beruf hast?“
Wespe nickte: „Ja. Schon. Aber sie haben uns so aufgezogen, dass wir unsere Leben eigenständig leben können. Ihr Lebenstraum war es auszuwandern, und als wir groß genug waren, haben sie das gemacht.“ Schalavsky hatte das Gefühl, das klärte eine Frage, die er bisher nicht gehabt hatte: „Wie alt warst du, als deine Eltern ausgewandert sind.“
„Neunzehn.“, sagte Wespe.
„Wann hast du deine Eltern zuletzt gesehen?“, fragte Schalavsky.
„In einem Videoanruf vor vier Monaten. In Echt? Ähm… dreieinhalb Jahre.“, sagte Wespe und sah ihn amüsiert an: „Bist du wirklich überrascht, dass meine Eltern alternde Hippies und Globetrotter sind?“
„Nein.“, sagte Schalavsky und hängte nicht an, dass es ihm darum nicht ging.
Schalavsky dachte an die Dienste, die er zu Weihnachten mit Wespe verbracht hatte und dass Wespe zwar mal einen freien Tag für den Geburtstag seinens Bruders genommen hatte, dass er aber nie die Geburtstage seine Eltern gefeiert hatte. Schalavsky fragte sich, ob er so offen mit allen war, weil ihm die nähere Bindung mit seiner Familie fehlte.
Schalavsky tastete sich weiter vor, obwohl er damit sehr persönlich wurde: „Und warum möchtest du nicht mit deinen Freunden sprechen?“
Wespe verzog das Gesicht: „Ich mag es nicht andere traurig zu machen.“ Schalavsky sah seinen Kollegen nachdenklich an. Hatte Bienert keine Freunde, an die er sich bei Problemen wandte? Aber gut. Scheinbar hatte Bienert sein gesamtes Erwachsenesleben alleine bewältigt. Und auch wenn Schalavsky in dieser Hinsicht nicht anders, war tat es ihm leid, dass Bienert alleine durch all das gegangen war.
„Vielleicht solltest du doch mit der Psychiaterin sprechen. Oder generell mit jemanden.“, sagte Schalavsky. Wespe blickte ihn an, als hätte Schalavsky ihn betrogen: „Und das von dir.“
„Nur weil ich schlechte Gewohnheiten habe, musst du die nicht auch haben.“
„So schlecht sind deine Gewohnheiten nicht.“, sagte Wespe. „Du bist immer da, wenn man dich braucht.“
Schalavsky nickte: „Ich versuche es.“
Wespe sah ihn nun fragend an: „Was war die Nummer mit dem Stirnkuss?“
Schalavsky merkte wie seine Ohren rot wurde: „Ah. Das. Die wollten mich raus werfen, aber ich wollte dich nicht alleine nicht lassen. Also habe ich behauptet, ich sei dein Verlobter.“
Wespe lächelte: „Ach so.“ Er begann zu lachen: „Ich hab wirklich angefangen an meiner geistigen Verfassung zu zweifeln.“ Schalavsky lächelte, halb aus Humor, halb weil er erleichtert war, dass Wespe es entspannt aufnahm. Wespes Lachen verebbte schnell wieder, als sein Kopf es noch nicht mochte: „Urgh, das sollte ich noch nicht machen.“
„Tut noch weh?“, fragte Schalavsky mitfühlend.
„Oh ja.“, sagte Wespe. „Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.“
„Weißt du schon, wie es weiter geht?“, fragte Schalavsky.
Wespe nickte: „Ein paar mal Sauerstofftherapien und wenn das gut anschlägt, darf ich in ein paar Tagen nach Hause und dann bin ich noch eine Weile krankgeschrieben, bis hoffentlich alles wieder in Ordnung ist.“
Schalavsky nickte: „Glaubst du, du bekommst in deiner WG Ruhe?“
Wespe verzog das Gesicht: „Wahrscheinlich nicht. Ich kann ja die Kollegen rufen, wenn die anderen zu laut werden.“
„Die Kollegen werden sich freuen.“, schmunzelte Schalavsky.
„In der Zwischenzeit muss du dir keine Sorge machen, dass jemand wieder die Dienstvorschriften verletzt.“, sagte Wespe.
„Das stimmt wohl.“, gab Schalavsky zu. „Da wird mir direkt was fehlen.“
Wespe lachte beinahe auf, aber hielt sich zurück: „Nicht zum Lachen bringen, bitte.“
„Entschuldige.“, sagte Schalavsky. „Dann sage ich halt nicht, dass ich dich vermissen werde.“
„Ach?“
„Ja, Salah ist unerträglich, wenn sie sich nicht täglich über Klatsch und Tratsch austauschen kann.“, sagte Schalavsky. Wespe grinste und sagte fest leidend: „Ja, das ist wahr… Wenn du mich aber tatsächlich vermisst, können wir uns nach deiner Arbeit treffen und was Essen gehen.“
Schalavsky schien einen Moment länger als nötig darüber nachzudenken: „Du willst mit mir Essen gehen?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich hab gehört, das machen Freunde so. Außerdem kann niemand in meiner WG außer mir kochen und mich lassen sie nicht krank oder verletzt kochen.“
„Oh… okay.“, sagte Schalavsky. „Wir können Essen gehen.“
„Gut.“, sagte Wespe. „Dann haben wir ein Date.“
Schalavsky erstarrte und Wespe hätte sich gegen die Stirn geschlagen wenn das nicht zu den Dingen gehörte, die er im Moment nicht machen sollte.
„Da bin ich wieder!“, rief Tamina, als sie die Tür aufstieß. „Habt ihr euch vertragen?“ Schalavsky stand von der Bettkante auf. Wespe hüstelte und nickte schnell: „Klar. Immer.“
„Hier ist deine Tasche mit fünf Büchern, die bereits Lesezeichen drin hatten.“ Tamina stellte die Tasche mit einem lauten Rumpsen auf den Tisch. Wespe zuckte zusammen: „Mhm… danke?“
„Ah. Sorry.“
„Schon gut.“, sagte Wespe.
Schalavsky räusperte sich: „Ich würde mich auf den Weg machen. Ähm… wir sehen uns.“
„Zum Essen?“, fragte Wespe hoffnungsvoll.
„...ja.“
Wespe strahlte, während Schalavsky das Zimmer verließ.
Tamina verschränkte die Arme: „Spuck’s aus. Was geht hier ab?“
Wespe sah sich die gut gezählten Deckenpaneele an. Als Tamina nicht aufhörte ihn anzustarren, bot er an: „Willst du mir mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo stechen?“
...Von meinem Ersten Teil zum Zweiten habe ich die Wortanzahl mehr als verdreifacht.
Und vom zweiten zum dritten Teil habe ich sie annähernd verdoppelt
Und ich bin immer noch nicht fertig! Ich kann so nicht weiter machen.... sonst werde ich nie fertig..... Ah. Und wenn ich morgen nicht arbeiten müsste, würde ich noch die halbe Nacht schreiben. Verdammt.
Die unrühmliche Aufgabe, neuen Mitarbeitenden das Polizeipräsidium zu zeigen, wurde unter den Mitgliedern des gehobenen Diensts aufgeteilt. Und nun hatte es halt mal wieder Klaus Schalavsky getroffen, der gerade die vier Neuen herumführte. Alle vier kamen frisch von der Polizeischule, waren noch grün hinter den Ohren und mit einem freudigen Funkeln in den Augen, gespannt darauf, was sie in diesem Gebäude erleben würden.
Schalavsky konnte sich nicht daran erinnern, ob er damals auch so gewesen war. Jedenfalls redete er sich ein, dass er nie so jung gewirkt hatte. Ausgesehen wohl wirklich nicht, denn er war schon als Jugendlicher deutlich älter geschätzt worden. Eigentlich immer noch, schliesslich war er erst knapp über vierzig und trotzdem zog sich schon ordentlich grau durch die schwarzen Haare. Und sich älter verhalten, ja, das wohl sowieso.
Er hatte den vier Frischlingen gerade die Asservatenkammer gezeigt und war auf dem Weg zu der Kaffeeküche, als ihn eine Stimme innehalten liess.
“Spielen Sie mal wieder Kinderschreck für die Neuen?”
Schalavsky verzog mürrisch das Gesicht, blieb stehen und drehte sich um. Tatsächlich war Wespe gerade aus einem der Büros gekommen - sicherlich hatte er mal wieder mit Sabine oder Dennis geschnackt, anstatt zu arbeiten - und grinste breit.
Die vier Neuankömmlinge musterten Wespe mit unverhohlenem Interesse, trug der Kriminalinspektor doch heute wieder eine besonders schrille Kombi: Rot-Grün gestreifte Hosen, ein gelbes Hemd über einem blauen T-Shirt mit verwaschenem, weissen Aufdruck. Dazu die Piercings in den Ohren und den Augenbrauen, die lackierten Fingernägel und die Ringe. Nein, Wespe sah nicht aus wie ein typischer Beamter. Und wie Schalavsky schon gar nicht, der ein weisses Hemd und ein dunkelblaues Anzugsjackett trug, mit denen er auch in das mittlere Management einer Bank gepasst hätte.
“Bienert”, sagte Schalavsky genervt und musterte ihn abschätzig über den Rand seiner Brille. “Sollten Sie nicht an dem Bericht über den Raubüberfall sitzen? Den will ich nämlich bis um zwei von Ihnen.”
Wespe grinste ihn auf eine selbstgefällig triumphierende Art an und lehnte sich seitlich mit verschränkten Armen gegen die Wand. “Den habe ich Ihnen schon längst geschickt. Aber anscheinend schauen Sie ja nicht auf ihr Mail.”
Schalavsky verzog unmutig das Gesicht und grummelte etwas. Dann wandte er sich an die vier Neuen.
“Das ist Inspektor Bienert. Macht mir einen Gefallen und nehmt ihn euch nicht als Vorbild. Mehr von seiner Sorte ertrage ich nämlich bis zur Pensionierung nicht.”
Wespe lachte. “Ach, Sie mögen mich doch”, sagte er augenzwinkernd. Schalavsky verdrehte seinerseits die Augen.
“Bilden Sie sich nichts ein. Ich ertrage Sie bloss, weil ich mit Ihnen zusammenarbeiten muss.”
Wespe grinste immer noch und schüttelte etwas amüsiert den Kopf, bevor er sich wieder an die Neuen wandte. “Lasst euch von Schalavsky nicht unterkriegen. Und sonst kommt zu mir, dann können wir eine Petition starten, dass er in ein Achtsamkeitsseminar muss.”
“Kommissar Schalavsky”, korrigierte Schalavsky ernst, denn Wespe untergrub seine Autoritätsposition gegenüber den Neuen schon sehr. Eine der jungen Neuankömmlinge - Salah? Irgendsowas? - hatte bei Wespes Worten nämlich bereits ein Schmunzeln mit einem Gähnen verstecken müssen.
“Gehen Sie wieder an die Arbeit”, blaffte er deshalb Wespe an. Wespe machte auch diese Demonstration von Autorität zunichte, indem er sich von der Wand abstiess und militärisch salutierte.
Schalavsky knurrte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und schüttelte den Kopf. “Warum probier ich es überhaupt noch?”, grummelte er frustriert. Dann bedeutete er den vier Neuen, ihm zu folgen.
Erst als sie beinahe bei der Kaffeeküche angekommen war, fiel ihm auf, dass er gar nie abgestritten hatte, Wespe zu mögen.
Die Millionenstadt ächzte unter der drückenden Hitze. Die Betriebsamkeit sank auf das absolute Minimum, die Eisverkäufer machten Rekordumsätze. Wer konnte, entledigte sich unnötigen Kleidungsschichten.
Die dürftige Klimaanlage im Präsidium war in den Monaten Juni bis August Alltagsgespräch in der Kaffeeküche und regelmässig erreichten den Polizeichef in diesen Zeiten Beschwerdebriefe zu diesem Thema. Deshalb hielten viele von Kommissar Schalavskys Kollegen bei fast vierzig Grad auch nicht mehr sonderlich viel von der Kleiderordnung.
Schalavsky hingegen wehrte sich vehement dagegen, selbst im Hochsommer von seinen üblichen Kleidergewohnheiten abzuweichen, weshalb er jetzt trotzdem mit langen Anzugshosen und weissem Hemd an seinem Schreibtisch sass und versuchte, die Hitze auszublenden. Das gelang ihm bestenfalls mässig und sein grösstenteils durchgeschwitztes Hemd half ihm dabei ganz und gar nicht. Eigentlich starrte er auch schon seit fünfzehn Minuten auf das gleiche Dokument, das langsam auf dem Bildschirm zu flimmern begann.
Eigentlich könnte man meinen, Kommissar Schalavsky käme gut mit der Hitze klar, da er eher hager geraten war. Tatsächlich aber schien ihn sein Körper in der warmen Jahreszeit mit Vorliebe daran zu erinnern, dass seine Vorfahren aus Sibirien kamen und er deshalb von Hitze nicht viel hielt. Und obwohl es schon mehr als ein Jahrhundert her war, dass jemand aus seiner Familie in Sibirien gewesen war - und Schalavsky stark bezweifelte, dass ihn das heute noch irgendwie beeinflusste - hatte er mit Hitze erhebliche Probleme. In einer sehr peinlichen Instanz vor ein paar Tagen hatte sogar sein Kreislauf schlapp gemacht und sein Hirn hatte während einer Besprechung in Glockners Büro beschlossen, es würde nach einer halben Stunde Stehen und bloss zwei Tassen Kaffee im Magen bei angenehmen 37 Grad jetzt gerne einen Neustart machen, Dankeschön.
Da klopfte es an der Tür und noch bevor Schalavsky hätte Herein sagen können, wurde die Tür geöffnet.
Schalavsky blickte missmutig von seinem Bildschirm weg, wollte den unhöflichen Besucher schon anschnauzen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Inspektor Bienert stand im Büro. Das an sich war nichts überraschendes. Was viel überraschender war, waren nämlich seine Kleider. Oder beziehungsweise, die Absenz davon: Wespe trug nämlich ein Oberteil, das so dünn war, dass es beinahe durchsichtig schien.
Schalavsky starrte ihn für einen Moment einfach nur an. Dann erst realisierte er, dass Wespe mit ihm gesprochen hatte und bemühte sich verzweifelt, den Blick zu heben.
“Was?”
“Ob Sie mir den Bericht über die Jakobsstrasse haben”, sagte Wespe und er klang etwas ungeduldig. Verständlich, auch Wespe setzte die Hitze zu und leider war Schalavskys Büro südseitig gelegen, was es im Sommer noch unerträglicher machte. Wespe zog dementsprechend auch an dem Kragen seines - für Schalavskys Konzentrationsfähigkeit - viel zu dünnen Oberteils und Schalavsky musste sich beherrschen, ihm nur ins Gesicht zu sehen.
“Klar”, sagte Schalavsky und war froh darüber, wie neutral seine Stimme klang. Er stand auf, kramte kurz in seinem Aktenschrank und wollte sich schon wieder umdrehen.
Genau im falschen Moment, denn er sah, wie Wespe das Oberteil benutzte, um sich über die Stirn zu wischen und ihm damit sehr viel Haut präsentierte. Schalavsky fühlte irrsinnigerweise, wie seine Ohren rot wurden und er wusste eigentlich, dass er jetzt wegsehen sollte. Doch es war wie damals in Glockners Büro: Sein Hirn schien die entsprechende Information nicht senden zu wollen, weshalb er jetzt einfach für ein paar Sekunden auf die nackte Haut an Wespes Körpermitte sah und die Akte gegen seine Brust presste. Immerhin blieb er dieses Mal bei Bewusstsein. Obwohl, vielleicht wäre so eine kurze Ohnmacht jetzt besser gewesen.
“Boah, ist ja unerträglich diese Hitze”, stöhnte Wespe und richtete sich das Oberteil wieder. “Und Ihr Büro ist ja noch schlimmer als meins. Haben Sie nicht warm?”
Schalavsky räusperte sich, einfach nur um sicherzugehen, dass er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte. “Man muss halt auch mit körperlich herausfordernden Situationen umgehen können”, sagte er betont beiläufig und fixierte einen Punkt zwischen Wespes Augen.
“Ist Ihnen nicht gut?”
“Hm? Warum denn?”
“Sie sind recht rot. Alles okay?”
“Jaja”, beeilte sich Schalavsky zu sagen, doch mit einem Mal schien Wespe sehr besorgt.
“Glockner hat mit gesagt, Sie haben mit Hitze Mühe. Warum haben Sie denn noch das lange Hemd an?”
“Unsere Kleiderordnung ist keine Wundertüte. Auch wenn Sie das glauben.”
Wespe verdrehte die Augen. “Ich bin im Innendienst. In dem Aufzug sehen nur Sie und Glockner mich. Und das ist allemal besser, als in meinem Büro zu zerfliessen.”
“Aha”, machte Schalavsky. Irgendwie war ihm jetzt doch warm unter dem Kragen.
“Geht es Ihnen wirklich gut?”, fragte Wespe noch einmal und ja, jetzt war da auch etwas in seinem Gesicht, das Schalavsky noch mal etwas wärmer werden liess. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er an seinem Kragen genestelt hatte und liess ertappt die Hand sinken. Wespe folgte der Bewegung mit der Hand und seine Augenbrauen zogen sich entschlossen zusammen.
Schalavsky meinte, ihm würde das Herz stillstehen, als Wespe ihn an den Schultern packte und resolut nach hinten dirigierte. Kurz zuckte ein Bild durch Schalavskys Kopf, wie Wespe ihn gegen die Bürowand presste, da wurde er auch schon in seinen Schreibtischstuhl gedrückt.
“Sie warten hier!”, befahl Wespe und hob sogar etwas mahnend eine Zeigefinger. Schalavsky konnte ihn bloss verdutzt anstarren, da war der Kriminalinspektor auch schon aus dem Zimmer geflitzt. Schalavsky sah immer noch etwas benebelt auf die Tür, während seine Gedanken rasten, die Akte immer noch gegen seine Brust gedrückt.
Vielleicht war ja wirklich etwas in seinem Kopf überhitzt. Sein Gehirn hätte auf Normaltemperatur sicherlich nicht dieses Bild von Wespe ausgespuckt. Schalavsky versuchte verzweifelt, das Bild zu verdrängen, sich nicht mehr vorzustellen, wie ihn starke Hände am Hemd packten, doch seine Synapsen schienen sich zu weigern, davon wegzugehen. Stattdessen bildete er sich sogar noch ein, Wespes Deo zu riechen…
Schalavsky zuckte beinahe zusammen, so schnell kam Wespe zurück. In der linken Hand hielt er ein Tuch, in der rechten ein Glas Wasser.
“Da”, sagte er und drückte Schalavsky das Glas Wasser in die Hand. “Trinken!”
Schalavsky blinzelte verwirrt, dann noch einmal. “Sind Sie jetzt meine…” Mutter hätte er noch hintendran hängen wollen, doch da hatte Wespe ihm einen eiskalten Lappen in den Nacken gepatzt. Schalavsky schnappte erschrocken nach Luft, als ihm kaltes Wasser in den Kragen rang.
“Bienert! Was soll das?”
“Helfen”, sagte Wespe ungerührt und musterte Schalavsky immer noch auf eine seltsame Art, die der Kommissar nicht ganz erkannte. “Na los, trinken Sie! Oder soll ich einen Strohhalm holen?”
Schalavsky grummelte, nahm aber tatsächlich einen Schluck. Erst da merkte er, dass er wohl wirklich Durst gehabt hatte, denn er trank das Glas in einem Zug leer. Wespe stand immer noch viel zu nah neben ihm, wirkte aber zufrieden.
“Noch eins?”
“Nein danke.”
Wespe nickte, nahm das Glas entgegen und setzte sich dann auf den Rand von Schalavskys Schreibtisch.
“He, runter da!”, murrte Schalavsky, doch sein Protest fiel bestenfalls halbherzig aus. Wespe honorierte das dementsprechend auch bloss mit einem müden Heben der Augenbrauen.
“Ist alles okay?”
Schalavsky war über die Frage so verblüfft, dass er kurzzeitig nicht wusste, was er antworten sollte. “Was?”
Wespe sah ihn mit uncharakteristisch ernstem Blick an und Schalavsky fühlte sich fast wie ein Insekt unter der Lupe, so wie Wespe auf dem Rand des Tisches sass und auf ihn herabblickte. Das fast durchsichtige Top half absolut nichts und es kostete Schalavsky alle Selbstbeherrschung, den Blick nicht von Wespes Augen wegzunehmen.
“Ob alles okay ist?”
Schalavsky war über diese ernste, aufrichtige Stimme überrascht, die jetzt aus Wespes Mund kam. Denn sonst waren es Sticheleien, Witze, Foppereien, die ihren Weg über Wespes Lippen fanden. Nicht diese Fragen, aufrichtig gestellt, mit einer Sorge, die Schalavsky so gar nicht von Wespe kannte. Er musterte ihn auch dementsprechend, als würde er ihn das erste Mal sehen. Schliesslich räusperte er sich.
“Natürlich.”
Wespe blickte noch etwas ernster. “Glockner hat mir gesagt, dass Sie zusammengeklappt sind.”
Schalavsky spürte, wie er erneut rot wurde, dieses Mal durch ein Gemisch aus Zorn und Scham. “Das war nichts”, brachte er hervor. Verdammt, natürlich hatte Glockner Wespe davon erzählt! Er hatte den Hauptkommissar fast anflehen müssen, damit der nicht den Dienstarzt rief, doch sein Gesicht war noch Stunden nachher auf eine grässliche Art besorgt gewesen, bei der es Schalavsky kalt den Rücken heruntergelaufen war. Und wenn Schalavsky eines hasste in seinem Leben, dann war es diese Art von Blick. Dieses Mitleid.
Wespes Gesicht verfinsterte sich.
“Mann, warum tun Sie das immer?”
“Was?”
“Nicht zu sich selbst schauen? Verdammt, haben Sie heute überhaupt schon etwas gegessen?”
Schalavsky presste die Lippen aufeinander und funkelte Wespe aus schmalen Augen an. “Was interessiert Sie das?”
“Darf ich mich etwa jetzt nicht mehr um Sie sorgen?”
“Oh, Sie sorgen sich um mich”, äffte Schalavsky Wespe schon fast giftig nach. “Das können Sie schön bleiben lassen, ich brauche ihre Fürsorge nicht!”
“Da! Da ist es schon wieder”, sagte Wespe und stiess Schalavsky anklagend den Zeigefinger in die Brust. Schalavsky zuckte zusammen und bevor er die Hand hätte wegwischen können, richtete Wespe seinen Zeigefinger auf Schalavskys Gesicht.
“Sobald man zu Ihnen schaut, igeln Sie sich ein! Dann werden Sie patzig und schnauzen die andere Person an! Kein Wunder, schaut niemand mehr hin, wenn es Ihnen Scheisse geht, man wird dafür ja bloss angemotzt.”
Schalavsky starrte Wespe an, als hätte dieser ihm gerade einen zweiten eiskalten Lappen in den Nacken gedrückt.
“Ich…”, begann er, doch irgendwie wusste er nicht, was er sagen sollte. Es wäre jetzt einfach gewesen, Wespe anzuschnauzen, ihm zu sagen, dass das alles nicht stimmte, dass er doch für sich selbst schauen sollte, ihn endlich in Ruhe lassen! Vielleicht hätte er genau das auch bei jeder anderen Person gesagt. Aber ausgerechnet bei Bienert, bei Wespe, konnte er das heute nicht. Nicht, wenn dieser ihm ein Glas Wasser geholt hatte, nicht wenn dieser jetzt auf dem Schreibtisch sass und trotz Schalavskys Anpfiff immer noch dort sass. Weil dessen Blick zwar zornig funkelte, doch weil dieses Feuer erst durch Besorgnis entflammt worden war.
Und hatte Wespe nicht Recht? Eigentlich frage ja schon niemand nach, wie es Schalavsky ging. Glockner vielleicht noch ein paar Mal, doch auch er hakte nie nach, wenn Schalavsky ein Geht schon, geht schon murmelte. Aber Wespe? Der machte seinem Namen alle Ehre, liess nicht locker, bis er der Sache auf den Grund gegangen war. Und jetzt war Schalavsky zu seinem Ziel geworden. Geworden? Nein, vielleicht schon länger gewesen. Warum? Womit hatte Schalavsky verdient, dass Wespe seine Wärme auch auf ihn ausdehnte?
Schalavsky konnte den Augenkontakt nicht weiter aufrecht erhalten. Stattdessen sah er zur Seite, zu dem Bildschirm, auf dem die Akte vor sich hin flimmerte. Er spürte weiterhin Wespes Blick auf sich, wie der Kriminalinspektor ihn musterte.
“Haben Sie Mittagspause gemacht?”, überraschte Wespe ihn.
Schalavsky sah kurz wieder verdutzt zu ihm. “Ich? Nein.”
Wespe nickte, als würde sich damit ein Verdacht bestätigen. “Dann haben Sie ja eine halbe Stunde zu gute”, sagte er und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. “Mitkommen.”
“Was?”, machte Schalavsky verdutzt, doch da war Wespe auch schon von seinem Schreibtisch gehüpft und zog Schalavsky auffordernd am Ärmel. Der Kommissar war darüber so verdutzt, dass er bloss schnell den Bildschirm per Tastenkombination sperrte - denn das war schliesslich Vorschrift! - sich aber dann von Wespe auf die Beine ziehen liess.
“Was haben Sie vor?”
“Einfach mitkommen!”
Der Stadtpark lag bloss fünf Minuten fussläufig vom Polizeipräsidium und Schalavsky kam eigentlich nach Dienstschluss gerne noch ein paar Minuten her, um sich an den Teich zu setzen und nachzudenken. Oder um sich zu beruhigen, wenn mal wieder vier besonders nervige Jugendliche im Polizeipräsidium aufgetaucht waren. Und das war in letzter Zeit so oft vorgekommen, dass er sich mittlerweile einbildete, die verschiedenen Enten auseinanderhalten zu können.
Dass die eine Bank im Schatten der grossen Eiche noch frei war, hatte sich als ausgesprochener Glückstreffer herausgestellt. Sonst war die nämlich besetzt, doch die hochsommerlichen Temperaturen hatten anscheinend den Park grösstenteils geleert. Kühler als im Polizeipräsidium war es jedoch trotzdem.
Wespe hatte Schalavsky auf die Bank gesetzt, ihm gesagt, er solle schön hier warten - Schalavsky hatte missmutig das Gesicht verzogen. Schliesslich war er ja kein Kind mehr - und war dann davongetrabt.
So viel zu, in dem Aufzug sehen nur Glockner und ich ihn, dachte Schalavsky und suchte mit den Augen den Teich nach den Enten ab. Doch die zeigten sich nicht. Vielleicht war ihnen auch zu warm und sie blieben lieber im hohen Schilf.
“So, da bin ich wieder”
Schalavsky zuckte zusammen. Er hatte Wespe gar nicht kommen gehört. Doch noch bevor er etwas hätte sagen können, drückte Wespe ihm schon etwas in die Hand.
Schalavsky sah verdutzt auf den Becher mit drei Kugeln hinab.
“Was ist das denn?”
“Das ist ein Eis”, erklärte Wespe, als würde er einem Kind etwas erklären und liess sich neben Schalavsky auf die Bank plumpsen, eine Waffel mit drei Kugeln in der Hand. “Das ist kalt und man kann es essen. Es wird hauptsächlich im Sommer konsumiert.”
“Ich weiss, was ein Eis ist”, gab Schalavsky patzig zurück. “Aber… warum?”
Wespe zuckte mit den Schultern und schleckte etwas von seinem Eis. “Ist doch das Wetter dafür.”
Schalavsky musste einen Kloss herunterschlucken, der sich sinnloserweise in seinem Hals gebildet hatte. Warum der da war, wusste er nicht ganz. Er sah wieder auf seinen Becher Eis herab. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, das nichts mit der drückenden Hitze über der Millionenstadt zu tun hatte.
“Ich habe Ihnen Vanille, Erdbeere und Stracciatella geholt”, sagte Wespe gut gelaunt. “Wenn Sie was davon nicht mögen, kein Problem, ich ess es auch!”
Schalavsky wusste immer noch nicht ganz, was er sagen sollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal ein Eis gekauft hatte. War das vor fünf Jahren gewesen? Länger her? Er wusste es beim besten Willen nicht mehr. Warum hatte er sich seit fünf Jahren kein Eis mehr geholt?
“Danke”, brachte er hervor und zuckte zusammen, denn seine Stimme brach. Wespe kommentierte das nicht, doch er hielt kurz in seinem Eis essen inne. Schalavsky betete innständig, dass Wespe nicht ahnte, was gerade in Schalavskys Kopf von sich ging. Bloss um etwas zu tun zu haben, begann er, das Eis zu löffeln. Unwillkürlich fühlte er sich in seine Kindheit zurückversetzt, an die langen Sommertage, an denen er und seine Geschwister sich von ihrem zusammengesparten Taschengeld ein paar Kugeln Eis geholt hatten. Schalavsky fühlte die Sehnsucht fast körperlich, als er sich an das Lachen zurückerinnerte, an die Nachmittage auf dem Fahrrad, am See, in den Wäldern. Damals war das Leben noch sorgloser gewesen.
“Was haben Sie sich geholt?”, fragte er Wespe, als er seiner Stimme wieder traute.
“Schlumpfeis, Pistazie und Kaffee… He, was verziehen Sie so das Gesicht?”
“Seltsame Kombi”, sagte Schalavsky ertappt und löffelte sein Eis weiter. Wespe folgte der Bewegung mit den Augen.
“Lag ich denn richtig?”
“Womit?”
“Mit den Eissorten. Oder was mögen Sie am liebsten?”
“Zitrone”, sagte Schalavsky, bevor er darüber nachdenken konnte. Das war damals sein Lieblingseis gewesen.
“Ah”, machte Wespe und plötzlich war da ein Lächeln auf seinem Gesicht, das strahlender war als es die Sommersonne je sein konnte. “Das merk ich mir für das nächste Mal.”
“Das nächste Mal?”
“Jemand muss doch schauen, dass Sie mal aus Ihrem Büro rauskommen”, meinte Wespe und zwinkerte Schalavsky gut gelaunt zu, der fühlte, wie ihm warm wurde. “Und der Park ist doch hübsch.”
“Hm”, machte Schalavsky. Erst da fiel ihm auf, dass sie eigentlich sehr nahe beinander sassen. Und von weitem hätte man sie wohl nicht für Arbeitskollegen gehalten. Eher für… Ach, das war jetzt ja nicht so wichtig. Wichtig war bloss, dass Wespe jetzt neben ihm sass.
Ich muss ihm das irgendwie zurückgeben, dachte Schalavsky, als er den ersten Löffel Erdbeereis ass. Er mag doch diesen Italiener. Kann man ja auch mal hingehen.
Normalerweise trugen sie die Uniform nur bei feierlichen Anlässen. Der heutige war nur auf dem Papier so einer. Aber der Fall war so lange und grässlich gewesen, dass sich die Belobigung durch den zweiten Bürgermeister ganz und gar nicht wie eine Feier anfühlte, sondern mehr wie eine Abdankung.
Wespe, der rechts neben Schalavsky sass, sah für einmal nicht so aus, als wäre er durch einen Secondhandladen gerobbt und hätte alles auch nur ansatzweise anziehbare übergestreift. Nein, mit seiner dunklen, förmlichen Polizeiuniform und den zurückgebundenen Haaren wirkte er an diesem Abend ernst und würdevoll. Schalavsky hatte sogar zweimal hinsehen müssen, um Wespe zu erkennen. Und jedes Mal wenn er aus den Augenwinkeln einen Blick stahl, musste er sich eingestehen, dass Wespe in der Uniform doch sehr schmuck aussah.
Doch Wespe schien sich in dieser förmlichen Uniform nicht wohl zu fühlen, denn er rutschte seit Anfang der Zeremonie auf seinem Stuhl hin und her. Schalavsky, der ihm seit fünf Minuten immer wieder pikierte Blicke zuwarf, wurde es langsam aber sicher zu bunt.
“Können Sie nicht stillhalten?”, zischte er scharf aus den Mundwinkeln. Wespe zuckte ertappt zusammen und hielt inne. Schalavsky war verdutzt, dass sein Anpfiff gewirkt hatte und fühlte sich beinahe etwas schlecht. Auch Wespe hatte dieser Fall zugesetzt, das hatte Schalavsky gemerkt. Und jetzt diese Uniform, die an dem Kriminalinspektor so fremd aussah und sich für ihn wohl auch genauso anfühlte. Ein Beweis dafür, was passiert war?
“Sorry”, murmelte Wespe zurück. Sie sassen in der zweiten Reihe, ganz rechts aussen, verdeckt durch die Vorderreihe. Schalavsky hörte nicht mehr, was der zweite Bürgermeister sagte, welche Floskeln er in diese Halle sprach, die den Bewohnern der Stadt suggerieren sollte, dass sie jetzt wieder sicherer waren. Zu sehr war er durch Wespe abgelenkt worden und wie ein Magnet hatte er seinen Fokus nur auf sich gelenkt.
Wespe konnte jedoch nicht lange stillhalten, genausowenig, wie er dazu im Büro in der Lage zu sein schien. Immer schien er in Bewegung sein zu müssen, als würde zuviel Energie durch jede Faser seines Körpers jagen. Und so hielt er es auch nur ein paar Sekunden aus, bevor er anfing, mit den Fingern auf dem Stoff seiner Anzugshose zu trommeln.
“Psst”, machte Schalavsky, den das Gezappel langsam aber sicher selbst nervös machte. Entschlossen lehnte er sich etwas nach Rechts und wollte Wespe die Hand wegpatschen. Da er jedoch immer noch entschlossen nach vorne sah, verschätzte er sich und legte ihm stattdessen die Hand auf den Oberschenkel.
Augenblicklich verharrte Wespe, als wäre er eingefroren. Schalavskys Kopf zuckte zur Seite und er wollte sich schon leise murmelnd entschuldigen, die Hand hastig wegziehen, doch etwas in Wespes Blick liess ihn innehalten. Wespe war zwar rot geworden - ein seltener Anblick in dem frechen Gesicht des Kriminalinspektors, aber der sah an diesem Abend sowieso ganz anders aus, fast wie ein anderer Mann - dennoch war da etwas in seinem Blick, das Schalavsky nicht kannte. Etwas… fragendes. Wartendes. Einladendes.
Die Zeit schien stillzustehen, elastisch zu werden, sich zu dehnen. Ein Raum voller Menschen und dennoch wurde Schalavskys Welt kleiner und kleiner, bis sie nur noch sie beide beinhaltete. Wespe, ihn und seine Hand auf Wespes Oberschenkel. Die Wärme von dessen Haut, die er selbst durch den Stoff der förmlichen Uniform spürte.
Für einen Moment, einen einzigen, sehnsuchtsvollen, stellte Schalavsky sich vor, wie seine Hand höher rutschen könnte…
Da riss das aufbrausende Klatschen der Anwesenden Schalavsky jäh aus diesem benebelnden Moment. Hastig zog er seine Hand weg, als hätte er sich verbrannt, die Augen wieder starr nach vorne gerichtet.
Er spürte Wespes Blick auf sich, als sie aufstanden, doch er wagte es nicht, zur Seite zu sehen. Wespe anzusehen, das wäre wie ein Eingeständnis von… irgendetwas gewesen. Schalavsky biss die Zähne zusammen und zwang sich, weiter nach vorne zu sehen. Dumm, dumm, dumm!, schalt er sich selbst in Gedanken und bemühte sich, nicht an das zu denken, was gerade passiert war. Was er sich überlegt hatte zu tun. Er fühlte die Schuld und Scham wie einen heissen Klumpen im Magen. Sicherlich hatte er sich Wespes Blick bloss eingebildet, sicherlich war der einfach so überrascht gewesen, dass er gar nicht die Zeit gehabt hatte, sich zu wehren. Schalavskys Hand wegzuwischen, ihn anzublaffen. Dass er nicht von Schalavsky angefasst werden wollte.
Und als der Applaus verebbte, schulterte sich Schalavsky durch die anderen Anwesenden nach draussen.
Er brauchte jetzt einen Drink.
Zwanzig Minuten später fand ihn Glockner in einer Ecke auf dem Terrasse, hinter einer halb vertrockneten Pflanze und mit einer Zigarette in der rechten Hand.
“Wollten Sie nicht aufhören?”
Schalavsky zuckte zusammen, so intensiv hatte er in die Nacht gestarrt. Fast etwas ertappt liess er die Zigarette sinken. “Eigentlich schon”, murmelte etwas peinlich berührt.
Glockner lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand. Auch er trug Uniform und hatte in der ersten Reihe gesessen, hatte vom zweiten Bürgermeister die Hand geschüttelt bekommen. Jetzt musterte er Schalavsky aufmerksam.
“Sie wirken irgendwie bedrückt. Ist es der Fall?”
Schalavsky verzog leicht das Gesicht. Natürlich, vor Kommissar Glockner konnte man nichts verstecken.
“Nein”, sagte er wahrheitsgemäss. Und Glockner schien ihm das auch zu glauben. Dennoch wurde sein Blick nachdenklich.
“Was ist es dann?”
Schalavsky zog noch einmal an der Zigarette. Er hatte denn doppelten Whiskey viel zu schnell getrunken und merkte die Wirkung auf nüchternen Magen. Seine Gedanken kreisten und waren irgendwie… wattig.
“Haben Sie schon mal was richtig Dummes getan?”
Glockner entwirrte seine verschränkten Arme. Kurz sah er seinen Kollegen verdutzt an, dann setzte er sich neben Schalavsky auf den zweiten Stuhl.
“Was haben Sie denn getan?”, fragte er. Nicht anklagend, sondern verständnisvoll.
Schalavsky blies den Rauch in die Nacht. “Noch nichts. Aber… ich hätte gerne.”
“Was ist los?”, fragte Glockner in diesem leisen, fast väterlichen Tonfall.
Schalavsky lehnte den Kopf gegen die kühle Wand und schloss die Augen.
“Ich glaube, ich bin verliebt”, murmelte er und diese Worte stolperten blutend aus seinem Inneren, bevor Schalavsky seine Hände auf die Wunde hätte pressen können.
Es war das erste Mal, dass er es laut sagte, dass er sich diesen Gedanken eingestand. Dass seine Hand auf Wespes Bein vielleicht doch kein Versehen gewesen war. Dass sich der Kriminalinspektor schon längst einen Weg in Schalavskys Herz geschultert hatte, obwohl Schalavsky irgendwie von Anfang an versucht hatte, ihn dort rauszuhalten. Aber spätestens mit dem Eis im Park war Schalavskys Schicksal besiegelt gewesen. Und anscheinend war auch diese Version von Wespe hartnäckig und hatte sich, ganz ohne seine Zustimmung, in Schalavskys Herzen festgekrallt. Schalavsky wusste, dass er ihn nicht von sich würde lösen können, ohne zu bluten. Hatte Wespe es sich deshalb dort bequem gemacht, egal, wie sehr sich Schalavsky wünschte, er könnte seinen Kollegen aus seinem Herzen verbannen? Seine Gefühle weiterhin unterdrücken?
Denn alles andere war unmöglich, Schalavsky war zu alt für ihn, zu förmlich, zu… wie sagte Wespe immer? Pedantisch. Ja genau. Zu einem Freigeist wie Wespe, der so beneidenswert offen mit seiner Liebe war, der so viel Wärme und Zuneigung in sich trug, der berührte und lachte und der einfach so voller Leben war… Und selbst wenn, in dem unwahrscheinlichsten aller Fälle, sie waren Kollegen! Es war gegen die Dienstordnung, gegen die Vorschriften, überhaupt gegen den gesunden Menschenverstand!
Nein, es war undenkbar, dass jemand wie Wespe ihn mögen könnte. Komplett unlogisch. Egal wie oft er ihn heute Abend angesehen hatte, egal wie anders Wespe in dieser Uniform aussah. Es war halt am Ende doch Wespe.
Aber Schalavskys Herz interessierte sich sowieso nicht dafür, was der Kopf für logisch hielt. Sein Herz hatte wohl schon längst gesagt ihn und keinen anderen und Schalavsky verfluchte dieses dumme Organ für seine aussichtslose Wahl.
“Aber das ist doch schön”, sagte Glockner und Schalavsky konnte selbst mit geschlossenen Augen sein Lächeln hören.
“Ist es nicht”, gab Schalavsky bitter zurück. “Es ist nämlich unmöglich.”
“Oh”, gab Glockner zurück. “Verheiratet?”
Schalavsky schnaubte. Natürlich, Glockner, der Familienmensch. Der dachte, der Ehering sei eine unüberwindbare Barriere. Hatten sie in ihrem Beruf nicht genug Fälle auf dem Tisch, die das Gegenteil bewiesen?
“Nein”, antwortete er trotzdem und hasste, wie resigniert seine Stimme klang.
“Ach? Was ist denn sonst das Problem?”
“Es… ach es geht einfach nicht!”, behauptete Schalavsky, fast wie ein trotzendes Kind.
Glockner war sehr, sehr lange still und Schalavsky meinte schon, er sei aufgestanden und gegangen.
“Denkt er das denn auch?”
Er. Das Pronomen jagte wie ein Stromschlag durch Schalavskys Körper und er riss die Augen auf, fixierte Glockner, der jedoch sehr ruhig und mit freundlichem Gesicht zurücksah.
“Was?”
“Schalavsky”, sagte Glockner leise und ohne jeglichen Groll in der Stimme. “Ich kenne Sie. Lange genug, würde ich jetzt sagen. Und… irgendwie habe ich dafür ein Gespür… denke ich. Aber wenn ich falsch liege, wenn ich mich täusche, dann hoffe ich, dass Sie es mir nicht übel nehmen.”
Schalavsky starrte ihn immer noch an. Dann schluckte er leer. “Es… Sie täuschen sich nicht”, sagte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern und Verdammt, warum tat es so gut, das endlich laut zu sagen? Warum fühlte es sich an, als würde da ein Gewicht von seiner Brust verschwinden?
Und Glockner lächelte, ganz sanft. Doch dann wurde sein Gesicht ernst. “Interessiert er sich nicht für Männer?”
Schalavsky schluckte leer. “Doch, ich glaube schon.” Jedenfalls hatte Wespe mal etwas von einem Ex-Freund erzählt (und Schalavsky hasste sich dafür, wie sein Herz bei dieser Erwähnung einen sinnlosen Hüpfer getan hatte).
“Ah”, machte Glockner. Er legte den Kopf etwas schief und musterte Schalavsky auf eine Art, die seine Haut kribbeln liess. Als würde Glockner versuchen, die Gedanken hinter seiner Stirn zu erahnen. “Warum versuchen Sie es denn nicht einfach?”
Schalavsky gestattete sich ein freudloses Lächeln und zog noch einmal an seiner Zigarette. “Weil das sowieso nicht klappen würde.”
“Warum denn nicht?”
“Würde es einfach nicht!”, gab Schalavsky zurück, schroffer als er es beabsichtigt hatte, doch Glockner schien es ihm nicht übel zu nehmen.
“Warum so pessimistisch?”, konterte der Hauptkommissar. “Sie sind doch keine üble Partie. Guter Job, gewissenhaft und schlecht sehen Sie auch nicht aus.”
Schalavsky schnaubte ungläubig. Vielleicht war es der Alkohol, aber irgendwie weigerte er sich trotzig dagegen, aufgemuntert zu werden. Er wollte sich gerade einfach ein bisschen in seiner Misere suhlen. “Aber wir passen nicht zusammen, er ist viel zu… ach egal.”
“Viel zu was?”
“Egal. Vergessen sie es!”
Glockner hob bloss eine Augenbraue und Schalavsky fragte sich, ob er bereits zu viel gesagt hatte. Ob Glockner sich aus den Hinweisen zusammenreimen konnte, wer denn dieser mysteriöse Mister X war. Schalavsky betete, dass er es nicht tat, denn er glaubte nicht, dass er es ertragen könnte, wenn Glockner ihm ins Gewissen reden würde, dass eine Beziehung - Schalavsky spürte einen Kloss im Hals, denn so weit würde es nie kommen - mit einem Kollegen völlig unangebracht wäre.
“Kommen Sie”, sagte Glockner schliesslich. “Ich fahr Sie nach Hause.”
“Was? Warum?”
“Mit Verlaub, Herr Kollege, ich rieche den Whiskey. Und ich hab gesehen, dass Sie mit dem Auto gekommen sind.”
Scheisse, daran hatte Schalavsky gar nicht mehr gedacht. Er war einfach nur froh gewesen, kurz nicht über seine Hand auf Wespes Bein nachzudenken. Doch noch bevor die Spirale in seinem Kopf wieder hätte anfangen können, sich zu drehen, bot Glockner ihm die Hand an und Schalavsky liess sich auf die Beine ziehen.
“Ach übrigens”, sagte Glockner beiläufig, als sie in Richtung des Parkplatzes gingen. “Bienert hat nach Ihnen gefragt.”
Schalavsky blieb wie vom Blitz getroffen stehen und starrte Glockner entsetzt an. “Wie bitte? Was wollte er?”
Glockner zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung.” Wieder musterte er Schalavsky. “Alles in Ordnung?”
Schalavsky schluckte leer, um die Panik zu verdrängen. “Ja. Klar. Natürlich.”
“Ah”, machte Glockner. Wieder ein wissender Blick, der jedoch von Schalavsky abprallte. “Kommen Sie. Wir fahren.”
An die Fahrt erinnerte sich Schalavsky am nächsten Tag mit keinem Wort. Auch das gesamte Gespräch mit Glockner auf der Terrasse wirkte in seiner Erinnerung etwas verwaschenen und sein pochender Kopf war ein Mahnmal daran, dass er auf nüchternen Magen den Alkoholkonsum in Zukunft lassen sollte. Schliesslich war er schon längst keine zwanzig mehr.
So stand er am nächsten Tag in dem Pausenraum und spülte ein Aspirin mit Kaffee runter, damit er sich wenigstens endlich den Akten zuwenden konnte, die sich auf seinem Bürotisch anhäuften.
Er wollte sich schon wieder umdrehen, als Inspektor Bienert durch die Tür kam. Natürlich trug er heute nicht seine förmliche Uniform, in der er so anders ausgesehen hatte, sondern wieder grelle Klamotten, deren Farben nicht nur kontrahierten, sondern sich gegenseitig zu zerfleischen schienen.
Wespe blieb stehen und blinzelte, als könnte er gar nicht wirklich glauben, dass Schalavsky jetzt vor ihm stand.
“Oh. Guten Morgen.”
Schalavsky seinerseits brachte kein Wort heraus, zu trocken war seine Kehle. Deshalb räusperte er sich umständlich, die Scham und das schlechte Gewissen wie ein Stein in seiner Brust. “Bienert”, begann er ernst. “Es… es tut mir aufrichtig Leid. Ich wollte Sie gestern wirklich nicht anfassen, das war ein Versehen.”
Schalavsky sah gerade zu Boden und verpasste deshalb die Emotionen, die über Wespes Gesicht huschten. “Verstehe”, sagte Wespe schliesslich und irgendwie klang seine Stimme blechern, so ganz und gar nicht wie der Wespe, der Schalavsky am liebsten triezte und foppte. Nein, diese Stimme klang kühl und irgendwie auch… distanziert. “Entschuldigung akzeptiert.”
“Gut”, sagte Schalavsky und wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte. Deshalb nickte er Wespe zu und ging dann aus dem Pausenraum hinaus.
Auf dem ganzen Weg in sein Büro hatte er das nagende Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Und das nicht nur gestern.
Eigentlich klang es recht simpel: Der Besitzer eines Musiklabels stand im Verdacht, der Arm eines weitreichenden Drogenrings zu sein und seine Musiker mit dem Stoff zu versorgen. So weit so simpel und der Auftrag sah es vor, dass zwei Ermittler sich Undercover in dem Label umsehen sollten um mögliche Hinweise aufzustöbern.
Trotzdem war Schalavsky sich nicht ganz sicher, warum Glockner ausgerechnet ihn für die Mission ausgewählt hatte.
Okay, Schalavsky mochte Musik, sammelte Schallplatten und verstand vielleicht schon etwas davon. Aber ein Instrument spielen? Nein, das konnte er eigentlich nicht. Gitarre hatte er in seiner Jugend mal probiert, aber über knappe Mittelmässigkeit war er nie herausgekommen. Seine Gitarre hatte zwar aus Nostalgiegründen schon drei Umzüge mitgemacht, aber darauf gespielt hatte er schon seit Jahren nicht mehr.
Und ausgerechnet mit Inspektor Bienert sollte er diesen Auftrag durchführen. Bienert, zu dem Schalavsky in letzter Zeit irgendwie ein… angespanntes Verhältnis hatte. Seit der Zeremonie. Vorher war es so gut gewesen, wie schon lange nicht mehr.
Aber Schalavsky musste zugeben, dass Wespe für die Mission passte wie die Faust aufs Auge. Der Kriminalinspektor war musikalisch, spielte Bass und Schlagzeug und hatte eine sehr schöne Singstimme, die Schalavsky bei dem Karaoke, zu dem Salah und Bienert ihn vor einigen Monaten mitgeschleppt hatten, doch sehr positiv überrascht hatte.
Glockner hatte unschuldig gelächelt, als Schalavsky ihn auf die seltsame Kombination angesprochen hatte. “Dann haben Sie ein Auge auf ihn”, hatte der Hauptkommissar gut gelaunt auf Schalavskys fast schon anklagendes warum ich und Bienert? geantwortet. “Aber am besten tarnen Sie sich trotzdem ein bisschen. Denn mit Verlaub, Herr Kollege, es wäre besser wenn sie weniger wie… Sie aussehen würden.”
Schwierig, schwierig, denn Schalavsky hatte mit der Hakennase, den fast schon unpassend dunklen Augen und dem hageren Körperbau Wiedererkennungswert. Dann am besten von diesen Merkmalen ablenken, weshalb Schalavsky sich etwas widerwillig in den letzten drei Wochen nicht rasiert hatte und dementsprechend jetzt ein kurzer, schwarz-grauer Bart sein Gesicht schmückte. Eigentlich hatte er viel Bartwuchs und musste sich täglich rasieren, damit er nicht mit Bartschatten herumlief. Er mochte das Gestrüpp im Gesicht auch nicht und bevorzugte es, glatt rasiert zu sein (Dass er jemand anderem mit Bart viel zu ähnlich sah, ignorierte er verbissen bei jedem Blick in den Spiegel).
Er hatte Hemd und Anzugsjacke gegen ein schlabbriges rot-kariertes Hemd und graues T-Shirt getauscht, die Anzugshosen und Schuhe gegen alte Jeans und Trainerschuhe, die er schon seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Missmutig betrachtete Schalavsky sich im Spiegel. Er fand, dass er albern aussah. Wie ein abgewrackter Kunstlehrer irgendwie. Oder halt der Manager eines mittelmässigen Musikers mit Starallüren.
Er fuhr zu dem vereinbarten Treffpunkt, an dem er Wespe aufgabeln sollte. Von dort ging es dann weiter zu dem Label, bei dem Wespe dem Chef eine Kostprobe seines Könnens geben sollte. An diesem Abend sollte zudem eine Labelparty steigen und wenn sie Glück hatten, würde der Chef sie zu dieser einladen.
Schalavsky trommelte etwas ungeduldig auf dem Lenkrad und blickte auf seine Uhr. Dass Wespe auch immer zu spät…
Da wurde die Beifahrertür aufgerissen und Schalavsky blieb beinahe das Herz stehen.
Wespes lange Haare schienen wilder als sonst zu sein, seine Fingernägel schwarz lackiert und an den Fingern trug er mehr Ringe als sonst. Ein silbernes Piercing im linken Ohr, das er sonst nicht trug, zwei Ohrringe mehr. Schwarzer Eyeliner an den Augen.
Doch das, was Schalavsky komplett aus der Fassung brachte, waren die Kleider.
Wespe trug nämlich eine enge, schwarze Lederhose sowie eine ärmellose, etwas zerfledderte Lederweste mit unzähligen Pins. Darunter trug er nichts.
Schalavsky starrte auf das Tattoo auf Wespes gut trainierter Brust, auf die dunkle Brustbehaarung, auf die… Er riss den Blick nach oben und wurde von Wespes Grinsen begrüsst.
“Wie sehen Sie denn aus?”, blaffte Schalavsky, bevor Wespe etwas hätte sagen können. Der Inspektor hob als Antwort bloss müde eine Augenbraue und lächelte immer noch.
“Ich soll ein aufstrebender Musiker sein. Schon vergessen? Und dazu gehört auch, dass man sich entsprechend kleidet.”
“Ah. Sind die Musiker heutzutage allergisch gegen Stoff?”
“Pff, Sie sind doch bloss neidisch.”
Schalavsky knurrte und war froh, dass das Geplänkel etwas von der Hitze zurückgedrängt hatte, die sich unter seinem Kragen gesammelt hatte. Als er anfuhr, spürte er Wespes Blick auf sich.
“Was ist los?”, fragte er, ohne den Blick von der Strasse zu nehmen. Wespe zuckte etwas ertappt zusammen.
“Sie sehen anders aus.”
“Das ist der Sinn einer Undercovermission.”
“Haha. Aber irgendwie sehen Sie… rauer aus.”
Schalavsky schnaubte. Was sollte das denn bedeuten?
“Ich habe Sie jedenfalls noch nie mit Bart gesehen”, fuhr Wespe fort. “Und eigentlich auch nicht ohne schickes Hemd. Das da könnten Sie mehr anziehen.”
“Schon gut, Bienert.”
“Ich meine es ernst!”
Schalavsky wusste immer noch nicht ganz, ob er Wespe das glauben sollte. Deshalb sagte er nichts mehr und starrte bloss verbissen auf die nächtliche Strasse. Er verpasste deswegen auch die Blicke, die Wespe ihm aus den Augenwinkeln zuwarf, wie der Inspektor ihn musterte, wie seine Augen über Schalavskys Körper huschten, bei den zurückgekrempelten Hemdsärmeln hängen blieben, wie Wespe mit angehaltenem Atem seine sehnigen Unterarme musterte, dann den Bart. Schalavsky verpasste die leichte Röte, die sich in Wespes Gesicht stahl, wie Wespe einmal leer schluckte, dann selbst wieder nach vorne sah.
Der Keller des Labels war geräumig und in diesem Moment voll mit Menschen. Es wurde getanzt, geschwatzt, connected und ordentlich Substanzen konsumiert. Schalavsky musste sich unter einem wild fuchtelnden Arm ducken, als er mit Wespe im Schlepptau in eine Ecke ging. Die Kostprobe war gut gelaufen, der Labelchef begeistert gewesen. Und Schalavsky musste zugeben, dass Wespe das wirklich gut gemacht hatte. Seine Stimme, seine Präsenz, seine musikalischen Fähigkeiten, das war ja alles an sich schon beeindruckend. Doch ausschlaggebend war wohl gewesen, dass Wespes in diesen Kleidern wirklich verdammt gut aussah und auch eine gewisse Selbstsicherheit ausstrahlte, die ihn ungemein attraktiv machte. Wäre er ein neues Sternchen am Musikhimmel, würden sich Teenager sein Bravoposter sicherlich an die Wand tackern (Nicht, dass Schalavsky je so etwas gemacht hätte. Aber davon gehört hatte er). Und Wespe hatte ihnen mit seinem Auftritt ein Ticket für die Afterparty besorgt.
“Das haben Sie gut gemacht”, flüsterte Schalavsky Wespe auch dementsprechend ins Ohr, als sie in der Ecke bei einem unbesetzten Sessel angekommen waren.
Wespe starrte Schalavsky gespielt entsetzt an und legte sich die Hand auf die nackte Brust. “Was, ein Lob aus Ihrem Mund? Ich werde mir diesen Tag im Kalender rot anstreichen!”
Schalavsky klopfte ihm mit einem Fingerknöchel sanft auf den Kopf. “Dummkopf”, schimpfte er leise. “Sie wissen, wie das gemeint war!”
“Tue ich auch”, gab Wespe zurück und richtete sich selbstgefällig die Haare. Schalavsky folgte gedankenverloren der Bewegung der Finger und verlor irgendwie gerade den mentalen Faden.
Da wurden Wespes Augen plötzlich gross.
“Shit”, fluchte der Kriminalinspektor panisch und zu Schalavskys grosser Überraschung packte Wespe ihn an den Schultern und drehte ihn resolut um. Schalavsky starrte ihn verdattert an, doch noch bevor er etwas hätte sagen können, drückte Wespe ihn auch schon in den Sessel. Jetzt wollte Schalavsky wirklich protestieren ob dieser unsanften Behandlung, da platzierte Wespe ein Knie neben ihm auf den Stuhl und setzte sich in seinen Schoss.
Schalavsky meinte, er würde jetzt wirklich einen Herzinfarkt erleiden.
“Bienert”, zischte er nach einer Schrecksekunde. “Was soll das?”
“Der Typ, der gerade mit dem Labelchef redet, kennt mich”, gab Wespe zurück, seine Lippen so nahe an Schalavskys Ohr, dass es dem Kommissar einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. “Ich war vor einem Jahr bei seiner Verhaftung dabei. Scheisse, wenn der mich erkennt…”
Das war wirklich schlecht. Nein, schlecht war gar kein Ausdruck, das wäre katastrophal. Dabei lief es ja bisher so gut... Schalavsky verzog unmutig das Gesicht und bemühte sich verbissen, zu verdrängen, dass Wespe ihm so verdammt nahe war.
Da spürte er eine Hand auf seinem Rücken und der Kommissar zuckte zusammen, als hätte er sich verbrannt. “Was tun Sie da?”
“Uns tarnen”, gab Wespe leise zurück, aber er klang abgelenkt. “Es ist zu auffällig, wenn wir einfach so da hocken.”
Schalavsky schluckte leer und musste Wespe innerlich zustimmen. Eine doch recht eindeutige Position in der Ecke eines dunklen Raums mit wummernder Musik und anderen Feiernden, die sich schon längst härteren Substanzen als Alkohol zugewandt hatten… Ein Paar wäre da nichts aussergewöhnliches, aber zwei Männer, die peinlich berührt in einer Ecke sassen würden zweifellos auffallen.
“Nehmen Sie ihre Hände hoch”, zischte Wespe auch dementsprechend. Schalavsky schloss kurz flehentlich die Augen und hob dann die Hände, ganz langsam und legte sie auf Wespes Rücken. Spürte das raue Leder der Weste unter seinen Fingern.
“Bin ich nicht Ihr Manager?”, fragte er in einem letzten Versuch, die Situation vielleicht auf eine andere Art zu lösen.
Wespe kommentierte die Frage bloss mit einem amüsierten Schnauben. “Denken Sie wirklich, Sie wären der erste Manager, der was mit einem Musiker anfängt? Das sind doch offene Geheimnisse.”
Bildete sich das Schalavsky nur ein, oder hätten Manager und Musiker auch für andere Worte stehen können? Kommissar und Kollege vielleicht? Oder war das bloss sein verzweifeltes Wunschdenken, das er schon seit längerer Zeit in Wespes Beisein nicht mehr vernünftig abstellen konnte?
“Beobachten Sie ihn”, murmelte Wespe, wieder viel zu nah an seinem Ohr.
Aber Schalavsky war abgelenkt. Zu benebelnd war der Geruch von Wespes Rasierwasser, zu warm war dessen Atem auf seiner Haut, zu drückend die Hitze, die von seinem Körper auszugehen schien. Schalavsky war, als fieberte er, so sehr kreisten seine Gedanken, so warm war ihm, so seltsam unwirklich schien ihm diese ganze Situation.
Er wollte nichts mehr, als seine Nase gegen Wespes Hals zu pressen, ihn zu sich zu ziehen und an sich zu drücken, mit seinen Händen jeden Quadratzentimeter Haut berühren, das Verlangen danach beinahe körperlich schmerzend. Er wollte sich von dem Geruch einlullen lassen, sich in dieser Wärme verlieren. Diesen Moment geniessen, denn der würde wohl nie wieder kommen. Wie würde es sich wohl anfühlen, seine Lippen gegen Wespes Hals zu pressen? Wie würde es sich anfühlen, ihn mit dem Bart zu…
Wespe schnappte erschrocken nach Luft und Schalavsky wurde eiskalt, als er realisierte, dass er gedankenverloren mit der Hand unter die Weste gefahren war, jetzt die nackte Haut am Rücken des Kriminalinspektors berührte.
“Tut mir…”, begann Schalavsky entsetzt und wollte die Hand schon zurückziehen, doch Wespe presste seine Stirn gegen die Schulter von Schalavsky.
“Schon gut”, murmelte er hastig. “Ihre Hand ist bloss kalt. Die sollten Sie aufwärmen.”
Es klang so stichelnd, so sehr wie Wespe, dass etwas von der Anspannung und Nervosität aus Schalavskys Körper herausfloss. Eine Herausforderung hatte in der Stimme mitgeschwungen, vielleicht unbeabsichtigt, doch Schalavsky beschloss, Wespe für bare Münze zu nehmen. Er fuhr mit der Hand höher, spürte die Muskeln unter seinen Fingern. Wespe war kräftig und trainiert, boulderte und bikete in seiner Freizeit leidenschaftlich. Den Beweis dafür hatte Schalavsky schon ein paar Mal gesehen, wenn Wespe zum Beispiel im Rapport schräg vor ihm sass und sich streckte. Oder wenn er ein T-Shirt trug, das seine Oberarme zur Geltung brachte. Aber jetzt mit den Fingern über den Rücken des Inspektors zu fahren, zu spüren, was er sich bislang nur beschämt vorgestellt hatte…
Er hörte, wie Wespe seufzte und dieses Geräusch benebelte seine Sinne noch zusätzlich. Es war eines, sich in Fantasien zu verlieren. Es war ein anderes, seine kalte Hand von warmer Haut aufwärmen zu lassen. Schalavsky presste die Lippen aufeinander und versuchte sich zusammenzureissen. Zu ignorieren, dass da gerade ein Kollege in seinem Schoss sass, der ihm vielleicht dann doch schon seit einiger Zeit den Kopf verdrehte. Der jetzt gerade seine Hand in Schalavskys Nacken legte und ihm dort über die Haare fuhr, der seine Wange an die von Schalavsky legte, die an diesem Abend von dem Bart bedeckt war
“Den sollten sie lassen”, flüsterte Wespe und rieb seine Wange demonstrativ an der von Schalavsky. “Steht Ihnen.”
“Als ob”, gab Schalavsky zurück und war stolz darauf, dass er seine Stimme neutral halten konnte und nichts von dem Sturm mitschwang, der in seinem Inneren tobte. Wespe sagte das sicher nur so, der spielte die Rolle, die er in diesem Moment spielen musste, damit ihr Auftrag nicht gefährdet war. Schalavsky schüttelte innerlich den Kopf und zwang sich, Wespe so gut wie möglich auszublenden und sich auf eben diese Mission zu konzentrieren.
So spähte er über Wespes Schulter hinweg und sah tatsächlich, wie ein grossgewachsener, blonder Mann mit dem Labelchef sprach. Wenn Schalavsky sich nicht täuschte, dann stritten sie leise. Jedenfalls liess ihre Körpersprache darauf schliessen, dass es sich nicht um harmonisches Geplänkel handelte, aber verstehen konnte Schalavsky natürlich nichts. Dafür waren sie viel zu weit weg, die Musik zu laut und eigentlich auch Wespe viel zu nah bei ihm. Selbst wenn die zwei Männer direkt vor ihnen gestanden und sich angeschrien hätten, bezweifelte Schalavsky, dass er viel von dem Gespräch mitbekommen könnte. Doch jetzt zog der Labelchef gerade etwas aus seiner Anzugsjacke, einen kleinen, weissen Umschlag. Steckte ihn dem Blonden zu.
Schalavsky war so in seine Beobachtung versunken, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie seine Hand tiefer und tiefer gerutscht war…
Da machte Wespe plötzlich ein Geräusch, eine Mischung aus Seufzen und Stöhnen, das Schalavsky wie einen Stromstoss in jeder Faser seines Körpers spürte. Und ganz besonders an einer bestimmten Körperstelle, die sich bislang zum Glück noch nicht gemeldet hatte.
Das Entsetzen darüber riss ihn aus dieser wattigen Unwirklichkeit und liess ihn hastig seine Hand zurückziehen. Scheisse, warum hatte er nicht besser aufgepasst, warum hatte er sich so treiben lassen, warum hatte er sich auch nur für einen Moment eingebildet, dass das okay war?
Zum Glück tat ihr Verdächtiger in diesem Moment einen Gefallen, zischte noch etwas zu dem Typ mit Sonnenbrille und ging dann mit forschem Schritt zu einer der Türen hinüber.
“Ich folge der Zielperson”, flüsterte er in Wespes Ohr und schob ihn unsanft zur Seite, damit er aufstehen konnte. Das war vielleicht unhöflich, aber Wespe sollte ja nicht mitbekommen, dass Schalavsky ein kleines Problem hatte. Denn Schalavsky wollte sich gar nicht ausmalen, welche Hölle dann los wäre… Wenn Wespe Glockner davon erzählen würde, dann könnte Schalavsky seine Sachen packen. Denn wer wollte schon einen Kollegen, der bei einer Undercovermission nicht sachlich bleiben konnte, der sich stattdessen von völlig absurden Gefühlen leiten liess? Der schon wiederholt einen anderen Kollegen völlig unangebracht angefasst hatte? Wespe hatte allen Grund, ihn mittlerweile bei der Dienstaufsicht zu melden. Schalavsky wurde schlecht bei diesem Gedanken und er biss die Zähne zusammen. Deshalb schob er diesen Gedanken auch hastig zur Seite. Später. Erstmal musste er die Mission zu Ende führen, später konnte er sich wieder selbst dafür hassen, dass er sich nicht gut genug unter Kontrolle hatte.
Und im Ignorieren von Gefühlen war er gut. Schliesslich hatte er ein Leben lang Übung darin.
Eine halbe Stunde hatte Schalavsky alle Informationen, die er brauchte und er war auch körperlich wieder dazu bereit, Wespe gegenüberzutreten. Diesen fand er schliesslich immer noch am gleichen Ort, wo er es sich auf dem Sessel bequem gemacht hatte und gerade mit einer jungen Frau plauderte.
“Ah”, sagte er, als Schalavsky näher trat. “Da kommt mein Manager. Jetzt geht es ums geschäftliche.”
Irgendwie klang geschäftliche so grässlich ironisch und zumindest die Frau lächelte auch etwas wissend.
“Na dann”, sagte sie und bildete sich Schalavsky das Zwinkern in dem schummrigen Licht nur ein? Jedenfalls verschwand sie kurz darauf und zurück blieben nur Wespe und Schalavsky.
“Auch wieder da?”
Jetzt klang Wespe aber wirklich etwas verstimmt. Schalavsky bemühte sich, seinen Unmut zu schlucken und um eine feste Stimme. “Ich habe gesehen, wie er einen Umschlag mit Geld versteckt hat”, flüsterte Schalavsky. “Draussen. Ich habe es gefilmt. Damit haben wir Beweise.”
Wespe wirkte kurz verdutzt, dann lächelte er. “Voller Erfolg”, sagte er. Doch dann verschwand sein Lächeln und er musterte Schalavsky viel zu ernst für das sonst so fröhliche Gesicht.
“Ist was?”, fragte Schalavsky schliesslich, als er dieses ernste Gesicht nicht mehr ertrug.
“Das sollte ich Sie fragen.”
Verdammt, hatte Wespe etwas bemerkt? Schalavsky wurde eiskalt und er bemühte sich um Fassung, verpasste seinem Gesicht eine kühle Maske.
“Wir haben getan, was getan werden musste, um den Auftrag zu erfüllen”, sagte er trocken. “Das war alles für die Mission.”
Eine seltsame Verwandlung ging über Wespes Gesicht. Unglauben, Schmerz, Enttäuschung und schliesslich Wut. Verdattert starrte Schalavsky ihn an, doch da war Wespe auch schon aufgestanden. “Verstanden. Na dann, Auftrag erfüllt”, zischte der Kriminalinspektor giftig und ohne ein weiteres Wort schulterte er sich an Schalavsky vorbei. Dieser blieb noch für einen Moment verdattert stehen. Dann rieb er sich mit beiden Händen über das Gesicht, über den so ungewohnten Bart, von dem Wespe früher am Abend behauptet hatte, er solle ihn doch lassen.
Das war definitiv das Falsche gewesen. Wespes Reaktion sprach doch Bände. Doch Schalavsky wusste beim besten Willen nicht, was denn Richtig gewesen wäre.
Als Kommissar Glockner zwei Tage später in den Pausenraum kam, stand Kommissar Schalavsky an der Kaffeemaschine und rührte gerade in seinem Kaffee, obwohl er den wie immer schwarz trank.
“Glückwunsch”, sagte Glockner zufrieden. “Kocher hat gestanden. Damit wäre zumindest dieser Arm des Syndikats abgehackt.”
“Toll”, sagte Schalavsky, doch er klang müde. Und irgendwie auch abgelenkt.
Glockner musterte ihn dementsprechend auch etwas verdutzt. “Sie haben den Bart aber schnell abrasiert”, sagte Glockner schliesslich gedehnt.
“Ich mag das Zeug nicht”, murmelte Schalavsky und trank noch einen Schluck. Wie zur Bestätigung fuhr er sich gedankenverloren mit der Hand über die Wange und dann über den Nacken.
“Wie war es denn mit Bienert?”
“In Ordnung.”
Glockner wartete noch eine Sekunde, dann hob er etwas skeptisch eine Augenbraue. “In Ordnung?”
“Ja, lief alles gut”, sagte Schalavsky knapp. Noch ein Schluck, doch er begegnete Glockners Blick nicht. Von Wespe hatte Glockner vor einer Stunde eine ähnlich knappe Antwort gekriegt. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass die beiden Kriminalisten gerade irgendwie schlecht aufeinander zu sprechen waren. Aber wenn sie nicht darüber sprechen wollten, dann würde man sie auch nicht dazu zwingen können. Da waren beide ausgesprochene Sturköpfe. Und leider in anderen Aspekten auch…
“Ich muss wieder an die Arbeit”, sagte Schalavsky kurz angebunden. “Der Bericht. Bis später dann.”
“Tschüss”, sagte Glockner verdutzt, da war Schalavsky auch schon an ihm vorbeigegangen, die Schultern uncharakteristisch gesenkt.
Glockner gestattete sich in dem leeren Pausenraum ein frustriertes Schnauben.
Manchmal kam man zu spät. Das gehörte zum Job dazu. Aber als Klaus Schalavsky am Tatort ankam, kniete Inspektor Bienert noch neben dem unbeweglichen Körper, fluchend und mit dieser verzweifelten Hoffnung ausgestattet, die Wespe hoffentlich niemals ganz verlieren würde.
Nur der Arzt konnte jemanden für tot erklären. Deshalb drückte man weiter, selbst wenn der Verstand wusste, dass es da nichts mehr zu retten gab.
Wespes Hemd war voller Blut. Vorher war es gelb-schwarz gestreift gewesen, ein älteres Stück, das der Inspektor gerne trug und zu seinem Spitznamen passte. Jetzt war es rot. Der Junge hatte im Todeskampf offensichtlich nach ihm gegriffen, hatte Wespe ein Hemd aus Blut verpasst.
„Ich übernehme“, sagte Schalavsky und streifte die Einmalhandschuhe über, denn das war das Einzige, was er tun konnte. Weiterdrücken, bis die Notärzte eintrafen. Bis sie sagten, dass es da nichts zurückzuholen gab.
Wespe schlang die Arme um den Oberkörper und beugte sich nach vorne. Er stiess einen erstickten Schrei aus und Schalavsky zog sich das Herz zusammen. Am liebsten hätte er über den stillen Körper gegriffen, hätte Wespe zu sich gezogen, doch jetzt musste noch weitergearbeitet werden, egal wie sehr er sich jetzt lieber um Wespe gekümmert hätte.
Die Notärzte trafen drei Minuten später ein. Und Schalavsky packte Wespe am Arm, zog ihn hoch und führte ihn weg.
Der Inspektor zitterte am ganzen Körper. Adrenalin pumpte ihm zweifellos noch durch jede Ader und Schalavsky spürte die Anspannung unter seiner Hand. Deshalb griff er noch beherzter zu und führte Wespe weiter, immer weiter. Weg von dem toten Jungen, nicht einmal so alt wie TKKG. Hatte Wespe zum ersten Mal realisiert, dass es eines Tages auch einer von ihnen sein könnte?
Eine weitere Notärztin kam angerannt. Schalavsky wollte Wespe schon loslassen, ihn ihr überlassen, doch Wespe griff nach seinem Handgelenk. Schalavsky sah verblüfft nach unten, dann in Wespes Gesicht.
Wespe sah ihn aus grossen, flehenden Augen an. Lass mich nicht allein, schrie dieser Blick, der eiserne Griff um das Handgelenkt. Schalavsky nickte überrumpelt und beschloss, stehen zu bleiben.
Wespe zog den Pullover und die Hosen aus, stopfte sie in einen der Müllsäcke. Er warf die Einmalhandschuhe weg, die er sich übergestreift hatte, Schalavsky seine auch. Wespe wusch sich das Gesicht mit dem mitgebrachten Wasser, dann die Arme und nahm schliesslich von der Notärztin mit einem knappen Nicken ein Set Wechselklamotten entgegen, zog die grauen Jogginghose und das graue Shirt an.
Fremd sahen diese Farben an Wespe aus. Aber genauso fremd war dieser apathische Gesichtsausdruck, diese starren Augen. Und Schalavsky verfluchte sich dafür, dass er auch nur für eine Sekunde überlegt hatte, Wespe allein zu lassen.
„Kommen Sie“, sagte er, nachdem die Notärztin mit ihrer Untersuchung fertig war und Wespe mit einem Nicken entlassen hatte.
Wespe liess sich auf die Beine ziehen und lehnte sich sogleich gegen Schalavsky. Dieser tätschelte ihm etwas unbeholfen die Schulter und führte ihn dann sanft weg. Zu seinem Polizeiauto, etwas abseits gelegen.
Einsatzleiter war Kommissar Wimmel, dem Schalavsky mit Handzeichen zu verstehen gab, dass er sich um Wespe kümmern würde. Wimmel bestätigte ihm das mit einem Daumen nach oben. Dann sah der Kommissar wieder zu dem Haus, wo gerade von den Notärzten auf einer Bahre ein schwarzer Leichensack herausgetragen wurde. Schalavsky beeilte sich, sich umzudrehen, damit er sicher gehen konnte, dass Wespe nicht zurückblickte. Doch der Inspektor sah auf seine Schuhe, die Schultern gesenkt, als würde ihn die letzten Stunden physisch niederdrücken.
„Alles in Ordnung?“, fragte Schalavsky und verzog sogleich das Gesicht. Wie dumm. Natürlich war es nicht in Ordnung.
Wespe würdigte die Frage auch mit einem freudlosen Lächeln, das mehr etwas von einer Grimasse hatte.
„Das meinen Sie aber jetzt nicht Ernst, oder?“, gab er matt zurück.
Schalavsky wusste nicht ganz, was er sagen sollte, weshalb er Wespe zu der Beifahrerseite führte. Doch noch bevor er die Tür hätte öffnen können, legte Wespe sich die Hände auf die Oberschenkel, lehnte sich nach vorne und machte ein würgendes Geräusch, als müsse er sich übergeben. Schalavsky zuckte zusammen und griff instinktiv nach Wespe, stützte ihn. Wespe ging in die Knie und Schalavsky folgte ihm, sein Herz wild pochend. Sollte er nach den Notärzten rufen?
Wespe nahm ihm die Entscheidung ab, indem er ihn umarmte. Schalavskys Atem stockte und das nicht nur, weil Wespe ihn mit seinen - doch recht starken - Armen so umschlang, als möchte er ihn zerdrücken. Er hob die Schultern etwas, damit er Wespes eisernen Griff lockern konnte, damit er sich mit dem Rücken gegen das Polizeiauto hocken konnte, Wespe mit sich ziehend.
Wespe presste sein Gesicht gegen Schalavskys Hemd und Schalavsky sah in dem Zucken seiner Schultern, dass er weinte. Schalavskys Herz zog sich bei diesem Anblick zusammen und er konnte nichts anderes tun, als seine Arme um Wespe zu legen und ihn festzuhalten.
Es war nichts Neues für ihn, er hatte das schon oft gesehen. Schock. Manchmal kam er sofort, manchmal verzögert, manchmal mit Tränen, manchmal mit Wut. Einige rissen sich die Haare aus, andere lachten, wieder andere zogen sich zurück, sprachen kein Wort. Ertränken ihre Sorgen Stunden später in Alkohol oder drückten das Gaspedal des Autos durch.
Er hatte nicht gewusst, wie Wespe reagieren würde. Noch nie hatte er Wespe blutbefleckt gesehen.
Schalavsky war nicht sonderlich gut darin, Menschen zu trösten. Die richtigen Worte fand er nur selten. Er stellte lieber sicher, dass andere gar nicht erst in diese Situationen kamen. Dann halt lieber selbst den Kopf herhalten, selbst einen Schlag kassieren, selbst die Verwesung und den Tod riechen.
Wespe verstärkte den Griff, drückte sich gegen Schalavsky, als ob er mit dessen Körper verschmelzen möchte. Als wären Schalavskys Arme irgendwie ein Schutzschild gegen das, was er gerade gesehen hatte. Deshalb griff Schalavsky noch fester zu, zog Wespe zu sich, so dass Wespe wieder fast in seinem Schoss sass, so wie er es damals während ihrer Undercovermission getan hatte.
Hinter ihnen, hinter dem Polizeiauto wuselten Kollegen herum, doch alles geschah ohne Hast. Mit Blaulicht war eine Ambulanz davongefahren, eine weitere langsamer gefolgt. Dennoch war Schalavsky, als wäre das alles meilenweit entfernt. Jetzt in diesem Moment existierte in Schalavskys Welt nur der weinende Wespe.
Schalavsky schloss die Augen und vergrub sein Gesicht in Wespes Haaren. Nahm eine Hand hoch und strich ihm beruhigend über den Kopf. Das schien richtig, denn langsam verebbten die Schluchzer, das Zucken der Schultern nahm ab, Wespes eiserner Griff wurde etwas sanfter.
“Geht’s?”, fragte Schalavsky leise und strich Wespe über den Hinterkopf.
“Besser”, krächzte Wespe matt. “Sorry, ich rotz Ihnen das Hemd voll.”
“Schon gut”, murmelte Schalavsky. Noch einmal strich er Wespe durch die Haare und der Inspektor drückte als Antwort seinen Kopf gegen Schalavskys Brust. Wie lange sie so sitzen blieben, wusste Schalavsky nicht, doch langsam beruhigte sich Wespes Atem.
Gerne wäre Schalavsky weiter so dagesessen, hätte Wespe noch ewig sanft durch die Haare gestrichen, um diese Dämonen fernzuhalten, doch sein rechtes Bein schlief langsam ein.
“Können Sie aufstehen?”, fragte er deshalb.
Wespe nickte. Dennoch schien er fast etwas widerwillig das eine Bein über Schalavsky zu schwingen. Schalavsky liess sich von Wespe auf die Beine ziehen und klopfte sich die Hosen sauber. Dann liess er Wespe in das Auto einsteigen und setzte sich selbst auf die Fahrerseite.
Sie waren gerade von dem Platz gefahren, als Wespe sich leise räusperte.
“Das war peinlich.”
“War es nicht!”, konterte Schalavsky, so vehement, dass Wespe verdutzt zu ihm hinübersah. “Es ist gut, dass Sie das rauslassen können”, sagte er schliesslich.
“Können Sie das nicht?”
“Es geht jetzt hier gerade nicht um mich”, sagte Schalavsky sachlich und warf Wespe einen bedeutungsschweren Blick zu. “Geht es Ihnen gut?”
“Den Umständen entsprechend”, antwortete Wespe, doch Schalavsky glaubte ihm das nicht ganz, zu forciert war sein Lächeln, zu leer dieser Blick.
“Möchten Sie mit der Psychologin sprechen?”
“Nein”, sagte Wespe, schärfer als beabsichtigt, denn er setzte ein leiseres “das muss ich nicht”, hinterher.
“Sind Sie sicher?”
“Sind Sie jetzt mein Vater?”
“Würde der Sie denn zum Psychologen schleifen?”
Jetzt lachte Wespe und Schalavsky war, als würde ihm bei diesem Geräusch ein Stein vom Herzen fallen. Jetzt lächelte Wespe und dieses Mal wirkte es schon fast ehrlich.
“Dann fahre ich Sie nach Hause”, bestimmte Schalavsky.
“Nicht ins Präsidium?”
“Nein”, antwortete Schalavsky. “Morgen können Sie auch noch Ihre Aussage machen. Ich informiere Glockner.”
Schalavsky tat dann auch genau das. Der Funkspruch war kurz, Glockner verständnisvoll.
“Dann bis Morgen, Bienert. Passen Sie auf ihn auf, Schalavsky. City 21 Ende.”
“City 7 verstanden. Ende.”
“Haben Sie das gehört? Sie sollen auf mich aufpassen. Also sind Sie wohl doch zu meinem Vater aufgestiegen”, wiederholte Wespe, fast schon etwas stichelnd.
Schalavsky hätte zu einem anderen Zeitpunkt wohl geseufzt, die Augen verdreht. Aber in diesem Moment war er einfach nur so erleichtert darüber, dass Wespe nicht mehr weinte, dass er einfach nur fein lächelte. “Befehl von oben”, sagte er. “Dem muss ich wohl Folge leisten.”
“Dann kutschieren Sie mich jetzt nach Hause? Auf Aufforderung von Glockner hin?”
“Für Sie würde ich das auch sonst tun”, murmelte Schalavsky abgelenkt, denn er hatte gerade einen Radfahrer im Blick, der sich nicht ganz sicher war, ob er jetzt links oder rechts abbiegen sollte.
Wespe musterte Schalavsky überrascht, dann lächelte er sanft. Beides bemerkte Schalavsky nicht, denn er sah konsequent auf die Strasse. Schliesslich sah Wespe aus dem Seitenfenster, legte die Stirn gegen das Glas und schloss die Augen.
Schalavsky wusste, wo Wespe wohnte. Er hatte ihn schon zweimal für einen Einsatz von dort abholen müssen. Aber während diesen Fahrten hatte Wespe die Stille immer mit Gesprächen und Witzen gefüllt, auch wenn Schalavsky sich damals gewünscht hatte, er würde doch bitte etwas weniger reden. Jetzt sehnte er sich nach dem redseligen und witzelnden Wespe, denn der ihm war tausendmal lieber als dieser nachdenkliche Wespe, der jetzt gerade neben ihm sass. Schalavsky wusste jedoch selbst auch nicht, was er denn sagen sollte, um diese Stille in dem Auto zu durchbrechen, weshalb er schwieg. Und wieder war er sich bewusst, dass das zweifellos falsch war.
Sie kamen bei Wespes Wohnung an. Wespe blinzelte und wandte Schalavsky dann langsam den Kopf zu. “Kommen Sie noch schnell mit rauf?”
Da war etwas seltsames in seiner Stimme, das Schalavsky aufhorchen liess, ihn in Alarmbereitschaft versetzte. Deshalb nickte er. Folgte Wespe in den zweiten Stock.
“Sind Ihre Mitbewohner nicht da?”, fragte Schalavsky, als Wespe die dunkle Wohnung aufschloss.
“Nein. Beide fürs Wochenende weggefahren.”
Schalavsky folgte Wespe in die Wohnung und kaum hatte er die Tür hinte sich geschlossen, als Wespe ihn auch schon packte, gegen die Tür drückte und küsste.
Schalavsky war darüber so verdutzt, dass er zunächst gar nicht reagierte. Dann schloss er die Augen und liess sich von der Sensation treiben, genoss das Gefühl von Wespes Lippen auf seinen, von den Händen in seinem Hemd. Eine Sekunde, nur eine Sekunde, liess er sich treiben. Doch dann holte ihn die Realität ein und er stiess Wespe von sich weg.
Der Inspektor stolperte rückwärts, fing sich wieder und starrte Schalavsky dann an.
„Das ist eine dumme Idee“, sagte Schalavsky schliesslich in die drückende Stille.
Die Verwirrung auf Wespes Gesicht machte einem Ausdruck Platz, den Schalavsky am besten als Welpe-der-gekickt-wurde beschrieben hätte.
„Wenn Sie nichts von mir wollen, ist das okay“, sagte Wespe und seine Stimme klang roh und blutend. „Aber hören Sie auf, mir solch verwirrende Signale zu senden.“
„Ich…“, begann Schalavsky, doch er wusste nicht weiter. Wespe ballte eine Faust an seiner Seite und seine Stimme klang belegt als er weitersprach.
„Sie legen mir die Hand auf den Oberschenkel und rennen dann weg, Sie umarmen mich, streichen mir über den Rücken, berühren mich, dann stossen Sie mich weg. Dann kümmern Sie sich um mich, halten mich, fahren mich nach Hause… Hören Sie auf, mir gottverdammt nochmal Hoffnung zu machen!“
Die letzten Worte hatte Wespe lauter gesagt als beabsichtigt und schien etwas überrascht über sich selbst zu sein. Schalavsky starrte ihn seinerseits an.
„Das ist das Trauma“, sagte er beschwichtigend. „Sie wollen nicht…“
„Herrgott!“, stiess Wespe genervt aus, was Schalavsky sogleich verstummen liess. Wespe raufte sich frustriert die halblangen Haare und machte sie damit noch wilder als sonst. „Hören Sie auf, mich zu bevormunden! Hören Sie auf, mir Worte in den Mund zu legen! Was, wenn ich Sie küssen will? Schon seit langem? Und ich dachte… dass Sie auch…“
Wespe sprach nicht weiter. Stattdessen sah er zur Seite, tat einen tiefen Atemzug. Schalavsky starrte ihn an, dieses so vertraute Gesicht, das jetzt ganz ungewohnte Emotionen präsentierte. Schmerz, Enttäuschung, Resignation.
Wespe wollte ihn also küssen. Schalavskys Herz tat einen Sprung bei diesem Gedanken.
„Ich bin zu alt für Sie“, wiegelte er trotzdem ab, sein Rücken immer noch gegen die Tür gelehnt. Gegen die Wespe ihn vor einigen Minuten noch gedrückt hatte. Was, wenn Schalavsky das zugelassen hätte, die nervige Stimme in seinem Inneren niedergerungen? Wären Sie dann schon in Wespes Schlafzimmer?
Wespe schnaubte missbilligend. „Da ist es schon wieder!“, beklagte er. „Keine klare Antwort. Drücken Sie sich nicht so umständlich aus, Herr Kollege! Das ist eine Ja Nein Frage, keine wissenschaftliche Abhandlung.“
Jetzt spürte auch Schalavsky, wie Wut in ihm aufstieg. Wespes Gefühlswelt mochte simpler sein als die von Schalavsky, wurde nicht von den gleichen Stürmen heimgesucht.
„Wir arbeiten zusammen, es gibt so etwas wie eine Dienstordnung“, konterte Schalavsky.
Wespe lachte bitter und verwarf die Hände. „Ja genau, die ach so heilige Dienstordnung! Ihr Schwert und Ihre Rüstung! Dahinter können Sie sich verstecken, denn was nicht sein darf, ist nicht, oder wie? Mann, ich will doch bloss eine Antwort von Ihnen, von Klaus Schalavsky, nicht von Kommissar Schalavsky!“
Aber diese beiden Männer waren untrennbar miteinander verbunden, einer der andere. Und momentan versuchten beide, den jeweils anderen zu ersticken, obwohl es ihr eigener Untergang bedeutete.
„Warum ich?“, brachten beide Schalavskys schliesslich hervor, eine Frage, die ihm schon seit Ewigkeiten auf der Zunge brannte. Eigentlich seit Wespe ihm das Wasser gebracht hatte. Das Eis gekauft.
Die Frage schien viel von der Wut zu verpuffen, die Wespe noch vor einigen Sekunden gespürt hatte. Stattdessen nistete sich jetzt ein verdutzter Ausdruck auf seinem Gesicht ein.
„Was?“
„Warum ich?“, wiederholte Schalavsky, immer noch das solide Gewicht der Tür im Rücken. „Sie könnten so viel Bessere haben. Warum jemand wie ich? Ich weiss doch, dass ich ernst bin, auf die Dienstordnung poche… Es gäbe tausende, ach was, Millionen, die besser für Sie wären. Sie haben jemand besseres verdient!“
Wespe starrte ihn an, als ob ihm ein zweiter Kopf gewachsen wäre. Und jetzt, da Schalavsky diesen Damm gebrochen hatte, konnte er die Worte nicht mehr zurückhalten. „Sie sind so clever, so jung, so… so voller Lebenslust. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wie Sie zu sein haben. Einer wie ich würde Sie doch bloss runterziehen. Wie… wie könnte ich Ihnen das antun?“ Er sah zur Seite. „Egal, wie sehr ich es vielleicht möchte.“
Schalavsky sah aus den Augenwinkeln die Bewegung. Sah, wie Wespe einen Schritt auf ihn zumachte. Spürte, wie sein Gesicht in sanfte Hände genommen wurde, wie Wespe seinen Kopf drehte und ihn zwang, ihm ins Gesicht zu sehen.
Wespes Blick aus braunen Augen war sanft, verständnisvoll und irgendwie auch… traurig.
„Sie denken, Sie verdienen mich nicht?“, fragte er leise.
Schalavsky wusste darauf keine Antwort. Stattdessen starrte er bloss in Wespes Augen. Die Wärme der Hände benebelte seine Sinne. Trotzdem nickte er.
„Als ich es realisiert habe, dass ich mich in Sie verliebt habe (Schalavskys Atem stockte bei dem Wort verliebt), da dachte ich mir schon Nein, warum er?‘“, begann Wespe. Schalavsky schnaubte freudlos, doch Wespe verstärkte den Griff nur noch. „Vielleicht haben wir oberflächlich nicht viel gemeinsam. Aber… Sie sind treu. Gewissenhaft. Sie tun, was getan werden muss, vielleicht nicht ohne sich ordentlich auf dem Weg dorthin zu beschweren, aber Sie tun es! Sie bleiben Ihren Prinzipien treu und Sie sind so verdammt aufopferungsvoll!“ Jetzt griff Wespe zu, als möchte er Schalavsky nie wieder loslassen. Zwischen seinen warmen Händen behalten für den Rest der Zeit. „Sie stellen sich selbst an letzte Stelle, weil Sie denken, dass das Ihre Pflicht verlangt. Aber bitte, bitte, opfern Sie sich nicht selbst, nur weil Sie denken, es sei das Richtige. Verdammt, Sie sind doch nicht Atlas!“
Schalavsky war darüber so verdutzt, dass er Wespe einfach nur anstarrte. „Sie kennen den Mythos von Atlas?“
Jetzt lachte Wespe und das Geräusch wärmte Schalavskys Herz. Wespes Griff wurde sanfter, seine Daumen strichen über Schalavskys Wangen.
„Kommissar Schalavsky sagt, das sei gegen die Dienstordnung“, murmelte Wespe. „Aber was sagt Klaus?“
Klaus sagte gar nichts. Klaus lehnte sich nach vorne und küsste Wespe.
Wespe seufzte gegen seine Lippen, zog ihn mehr zu sich herunter, griff nach seinem Gesicht, als möchte er Schalavsky davon abhalten, wieder einmal davonzurennen.
Schalavsky dachte immer noch, dass das eine dumme Idee war. Dass er Wespe eigentlich nicht küssen sollte, dass er jetzt vorhin ein Machtwort hätte sprechen sollen. Ein besserer Mann hätte das wohl getan. Aber verdammt, Schalavsky wollte Wespe küssen. Wollte die warme Haut wieder unter seinen Fingern spüren, wollte ihm diese grässlichen Kleider, die nicht zu ihm passten, ausziehen und jeden Quadratzentimeter Haut kartographieren, bis er sie auswendig kannte.
Er zog an Wespes Pullover und Wespe unterbrach den Kuss nur widerwillig, damit Schalavsky ihm das Kleidungsstück hastig abstreifen konnte.
„Sie verlieren keine Zeit“, murmelte Wespe atemlos, aber er klang nicht unzufrieden. Im Gegenteil sogar. Schalavsky antwortete nicht. Eigentlich hatte er schon viel zu viel Zeit verloren. Hatte sich in seinem Leben schon so viele Dinge nicht gestattet. Hätte auch seine Gefühle für Wespe nicht zugelassen, wenn Wespe nicht so hartnäckig geblieben wäre. Deshalb presste er dankbar seine Lippen gegen Wespes Hals. So wie er es im Nachtclub am liebsten getan hätte. So wie er es in seinen viel zu vielen schwachen Momenten vorgestellt hatte, zu tun.
„Tiefer“, mahnte Wespe ihn und schob Schalavskys Kopf etwas weiter. „Sonst hat Glockner morgen Fragen.“
Schalavsky brummte bestätigend. Vielleicht hätte der Gedanke an Glockner ihn aus dieser Situation herausreissen sollen. Dieses Mal tat er es jedoch nicht, stattdessen küsste er Wespes Schulter, fuhr mit seinen Händen über Wespes Rücken, den er schon einmal so unter den Fingern gespürt hatte. Damals hatten sich die Berührungen gestohlen und hastig angefühlt. Jetzt waren sie langsam, bewusst.
Wespe wollte das, wollte ihn! Schalavsky beschloss, für einmal selbstsüchtig zu sein und dieses Geschenk anzunehmen, es gegen seine Brust zu drücken und wie ein trotziges Kind nicht wieder hergeben zu wollen. Wespe hätte einen anderen verdient, dennoch, dennoch, ausgerechnet ihn auserkoren. Und Schalavsky würde verdammt sein, wenn er zuliess, dass Wespe seine Wahl bereute.
Wespe zog ihm das Hemd aus der Hose, nestelte hastig an den Knöpfen, presste einen Kuss gegen Schalavskys Ohr, gegen die Wange.
„Ich hätte Sie im Club küssen sollen“, murmelte Wespe keuchend, Knopf um Knopf mehr Haut offenbarend. „Mit dem Bart. Ich frage mich immer noch, wie der sich anfühlt.“
„Ich kann mir wieder einen stehen lassen“, gab Schalavsky zurück, während er mit den Händen über Wespes Seite fuhr, was den Inspektor wohlig erschaudern liess. „Dann wissen Sie’s.“
Wespe brummte zufrieden. Dann zog er auffordernd an Schalavsky. Eindeutig. Hungrig. Schalavsky liess sich bereitwillig mit sich ziehen.
Als Wespe ihn auf das Bett schubste, auf ihn kletterte, da umschlang Schalavsky ihn. Drückte Wespe gegen sich, genoss die Wärme, die durch seine Haut zu dringen schien, sein Herz umschloss und seinen ganzen Körper fiebrig warm werden liess.
Wespe küsste ihn noch einmal, sanfter, als Schalavsky es in dieser Situation erwartet hätte.
“Ich werde mein bestes geben, damit du das nicht bereust”, murmelte Wespe. Schalavsky hätte beinahe gelacht. Hatte er nicht etwas ähnliches vor einigen Minuten gedacht? Deshalb griff er Wespes Gesicht und küsste ihn noch einmal. Versuchte die kleine, nagende Stimme in seinem Hinterkopf zu ersticken, die nie ganz Ruhe zu geben schien.
Und als Wespe seine Hand tiefer wandern liess, zugriff, da war es in Schalavskys Kopf endlich einmal still. Zurück blieb nur Wespe.
Zwei Stunden später starrte Klaus Schalavsky an die Decke.
Der Lärm der nächtlichen Grossstadt drang durch die Fenster, die schlechter isolierter waren, als die in Schalavskys Wohnung. Doch nicht nur deshalb konnte er nicht schlafen. Nein, der Grund für seine Schlaflosigkeit lag neben ihn, hatte einen Arm über seine Brust geworfen und den Kopf in seine Armbeuge gekuschelt.
Normalerweise blieb Schalavsky nicht lange genug, um zu kuscheln. Aber normalerweise hatte er sich auch gut genug im Griff, um nicht mit einem Kollegen ins Bett zu steigen. Mit einem Kollegen, in den er - gottverdammt nochmal - sogar verliebt war.
Schalavsky war es sich gewohnt, dass seine Liebe unerwidert blieb. Die wenigen Schwärmereien in der Schule, der Kollege auf der Polizeischule, einer der Jungen aus dem Handballclub seiner Jugend. Dann noch sein Mentor in seiner zweiten Abteilung, der immer nur mit einem Mundwinkel gelächelt hatte und Schalavsky einmal einen ‘guten Mann’ genannt hatte. Und eigentlich auch für eine kurze Zeit Kommissar Glockner, der wohl der heimliche Schwarm und Traum schlafloser Nächte ihrer gesamten Abteilung war.
Gemein war diesen Männern, dass sie seine Gefühle nie erwidert hätten. Es war Schalavskys Sicherheitsnetz, diese Gewissheit. Zwar konnte sein Herz vor Sehnsucht hüpfen bei einem Wort, einem Blick, doch er musste niemals etwas tun. Er war geborgen in dieser Einsamkeit, dieser Distanz, denn wenn es von Anfang an aussichtslos war, dann musste er es gar nicht erst probieren. Lief nicht in Gefahr, sich zu offenbaren, verletzlich zu machen.
Und dann schulterte sich Wespe in sein Leben.
Wespe, der halt eben doch auf Männer stand. Aber doch sicherlich nicht auf Männer wie Schalavsky. Eingeredet hatte er das sich, bis er es selbst geglaubt hatte. Hätte sich auf ewig damit begnügt, auch hier wieder auf Distanz zu bleiben, bis dieses kleine, nervige Gefühl namens Liebe wie gewohnt ausbrannte.
Doch Wespe blieb. Nicht nur das, Wespe war auch hartnäckig. Je mehr er stichelte, triezte, foppte, desto mehr schien sich Schalavskys Herz an ihn zu klammern. Desto schwieriger wurde es von Mal zu Mal, Wespe wegzustossen.
Heute hatte er es getan. Physisch sogar. Doch selbst da war Wespe geblieben. Obwohl Schalavsky ihn ganz sicherlich nicht verdient hatte.
“Ich kann dich Denken hören”, murmelte Wespe unterbrach damit sein Gedankenkarussell. Sein Kopf kuschelte sich noch etwas mehr in Schalavskys Armbeuge und er legte Schalavsky die Hand auf die Brust. “Was ist los?”
“Normalerweise bleibe ich nicht”, flüsterte er wahrheitsgemäss.
Wespe hielt kurz inne. “Echt nicht?”
Schalavsky schüttelte den Kopf. Jetzt sah Wespe ihn von unten an, das spürte er, doch er nahm den Blick nicht von der Decke. Wespes nächste Worte waren vorsichtig.
“Hattest du denn schon einmal einen Freund?”
Schalavsky presste die Lippen aufeinander. Freund. Eine feste Beziehung. Das, was er sich nie gestattet (erträumt?) hatte.
“Nein”, sagte er schliesslich und das Wort war schwer auf seiner Zunge. Zu viel Geschichte, zu viel Wahrheit, zu viel Schmerz steckte hinter diesem Wort. Die tausend Gründe, warum es eben doch ein Nein war, untrennbar mit ihm verbunden.
“Oh”, machte Wespe und Schalavsky spürte, wie seine Ohren rot wurden. Wespe war ihm trotz seines jüngeren Alters in dieser Hinsicht meilenweit voraus. Weil er halt eben nicht Schalavsky war, nicht sein Leben gelebt hatte. Fühlte sich deshalb dieses Nein wie eine Beichte an? Weil es viel zu viel über ihn aussagte?
Es war eines, die Kleider auszuziehen. Es war ein anderes, sich sein Herz aus der Brust zu reissen und es einem anderen auf den Knien zu offenbaren.
“Möchtest du es denn versuchen?”, fragte Wespe mit einer Stimme, als möchte er die Worte nicht zu weit von seinem Mund weglassen. Jetzt blickte Schalavsky verdutzt zu Wespe, der ihn aus aufrichtigen, braunen Augen ansah. Augen, die Schalavsky nie ganz aus seinen Tagträumen hatte verbannen können.
Schalavsky schluckte einmal leer. Vor dieser Nacht hatte er sich tausend Gründe zusammengelegt, warum das eine dumme Idee sei, warum das sowieso nie etwas werden könnte, egal wie sehr er es sich wünschte. Doch Wespe hatte sein bestes getan, diese Einwände und Beanstandungen wegzuküssen. Einmal mutig sein. Über seinen eigenen Schatten springen.
“Gerne”, antwortete er, obwohl er vor diesem Wort Angst hatte wie vor keinem anderen.
Wespes Strahlen vertrieb einige der dunklen Wolken. Und um den Rest endgültig zu vertreiben, küsste Schalavsky ihn.
Glockner wusste, dass Schalavsky sich nicht an die Autofahrt erinnerte. Denn sonst hätte der sich am nächsten Tag um Glockner herum ganz anders verhalten. Nein, Schalavsky wusste sicher nicht mehr, dass ihm bei seinem Leidklagen einmal der Name Wespe herausgerutscht war.
Glockner würde behaupten, dass scharfes Beobachten bei ihm zur Berufskrankheit geworden war. Deshalb hatte er auch schon lange, wohl als Einziger, gesehen, wie Schalavskys Blick immer länger auf Wespe verweilte, wenn dieser meinte, er wäre unbeobachtet. Wie Schalavsky manchmal ein Lächeln ob Wespes Witzen verstecken musste, wie die Sticheleien zwischen ihnen schon längst eine routinierte Familiarität gewonnen hatten. Und dann auch, wie Wespe in einem grossen Raum immer häufiger zuerst nach Schalavsky sah, wie der Kriminalinspektor manchmal Schalavsky etwas ins Ohr flüsterte, für das er ein anklagendes Bienert oder einen kleinen Klaps kassierte, wie Wespe sich ganz besonders bemühte, wenn Schalavsky ihm einen Auftrag gab.
Glockner war der einzige, der die Puzzlestücke zusammensetzte, weil er der einzige war, der wusste, welches Motiv gesucht war. Schalavskys Beichte im Auto, genährt durch Alkohol und eine tiefe Resignation, waren da bloss noch das Sahnehäubchen gewesen. Glockner hatte schon längst gewusst, was Sache war.
Eigentlich wäre das ein Problem gewesen. Die beiden waren in der gleichen Abteilung und Schalavsky ranghöher als Bienert. Glockner hätte als Abteilungsleiter da eigentlich ein ernstes Gespräch mit Schalavsky führen müssen, selbst wenn Schalavskys wehmütige Worte verlauten liessen, dass noch nichts vorgefallen war.
Aber Glockner legte die Dienstordnung nicht so strikt aus wie Kollege Schalavsky. Sonst hätte er vier Jugendlichen schon vor langer Zeit Hausverbot erteilen müssen. Nein, wenn es um das Wohlergehen von Menschen ging, hielt Glockner sich auch mal nicht an die Regeln. Und jetzt ging es um zwei liebgewordene Kollegen, die umeinander herumschlichen. Glockner würde in diesem Fall gerne beide Augen zudrücken.
Glockner hatte vollstes Vertrauen in Schalavsky. Denn wenn einer professionell bleiben konnte, dann er. Und wenn einer hartnäckig bleiben konnte, dann Wespe.
Für die Idee, die beiden zusammen auf Undercovermission zu schicken, hatte er sich selbst metaphorisch auf die Schulter geklopft. Aber dann waren die beiden zurückgekommen und sich drei Wochen lang konsequent aus dem Weg gegangen. Wespe versuchte es nicht einmal mehr mit seinen üblichen Sticheleien und Schalavsky hatte sich in Arbeit vergraben, mehr noch als sonst. Glockner hatte bei ihm schliesslich sogar ein Machtwort sprechen müssen und ihn konsequent nach Hause geschickt, als er sich ziemlich sicher war, dass Schalavsky den Schlafmangel versuchte rein durch Koffein wettzumachen. Ob da noch anderes war, wollte er - noch - nicht erfragen, denn leider war er sich sehr sicher, dass Schalavsky ihn in diesem Fall angelogen hätte.
Er hatte Tamina gefragt, ob sie etwas wusste und seine junge Assistentin hatte verneint, ohne ihm in die Augen zu schauen. Spätestens da wusste Glockner, dass etwas passiert war. Höchstwahrscheinlich hatte Wespe sein Glück versucht und Schalavsky ihn zurückgewiesen, weil der halt - genau wie Glockner - wusste, dass das eigentlich gegen die Vorschriften war. Aber der Kommissar konnte nur schwer seinem Kollegen bei einem Bierchen oder zwei vermitteln, dass es vielleicht in diesem Fall ganz okay war, wenn sich Schalavsky halt mal nicht an die Dienstordnung hielt.
Aber wie so oft änderte sich die Beweislage.
Glockner wusste nicht ganz, was wirklich passiert war - Wimmel hatte ihm nur gesagt, dass die beiden irgendwie bei Schalavskys Auto geredet hatten oder so - aber nachher beruhigte sich das Verhältnis der beiden.
Und Glockner wusste erneut, dass etwas vorgefallen sein musste. Nur, dass es dieses Mal positiv war.
Die beiden redeten wieder miteinander, ganz in alter Manier. Wespe witzelte, Schalavsky mahnte, doch da war noch etwas in ihren Stimmen, dass vorher nicht dagewesen war. Etwas… warmes.
Immer häufiger sassen sie beieinander, diskutierten nicht mehr nur über Fälle, sondern auch über dieses und jenes. Wespe lungerte solange unruhig in Schalavskys Büro herum, bis dieser mit einem Augenrollen den PC herunterfuhr, sich die Jacke schnappte und mit Wespe zum Abendessen ging. Schalavsky brachte Wespe Kaffee und Frühstück, wenn Wespe Spätschicht und der Kommissar Frühschicht hatte. Und dann einmal, als die beiden sich gegenüber sassen und hitzig diskutierten, untermalte Wespe seinen Punkt dadurch, dass er sich nach vorne lehnte und Schalavsky dreimal energisch auf den Oberschenkel tippte.
Schalavsky, der generell ein kontaktscheuer Mensch war, hätte noch vor ein paar Monaten Wespes Hand weggewischt, ihn vielleicht sogar angeblafft. Doch jetzt hob er bloss skeptisch eine Augenbraue, als hätte er die Berührung gar nicht wahrgenommen und fuhr unbeirrt mit seinem Argument fort.
Vorher hatte Schalavsky manchmal sein Lächeln versteckt. Jetzt lachte er und schüttelte amüsiert den Kopf, wenn Wespe einen Scherz machte. Der Kriminalinspektor strahlte dann immer, als würde durch Schalavskys Lachen die Sonne aufgehen. Und als Wespe einmal für die Lösung eines Falls belobigt wurde, wirkte Schalavsky so verdammt stolz, dass Glockner sich ernsthaft fragte, ob er immer noch der Einzige war, der etwas gemerkt hatte.
Nach fünf Monaten duzten die sich bei der Arbeit. “War halt an der Zeit”, gähnte Schalavsky einmal beiläufig, als Glockner ihn bei einer Observation danach fragte. Glockner nickte und sah zur Seite, damit Schalavsky sein wissendes Lächeln nicht sah.
Rules: You will be given a word. Then you share one sentence/excerpt from your wip(s) that start with each letter of your word.
Danke fürs taggen @cappuccino-milchstrasse! Das Wort war STERNE
S - Schalavsky fand das eine gewagte These von einem Mann, der außerhalb seiner Dienstklamotten immer die gleichen Sachen trug, die ihm seine letzte Freundin vor einer Dekade besorgt hatte.
T - Tamina machte sehr klar, dass sie von ihm erwartete Schalavsky zu einem Partnerkostüm zu überreden, ganz egal was er dafür machen musste.
E - Er ließ seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
R - Räuber, Flegel, Rüpel, Barbaren, Sandflöhe, Diebe - soll ich weiter machen?
N - Nur zu gerne würde er in in den Bart fassen, ihn zu sich ziehen und---
E - Er fuhr mit dem Auto zu Bienert, weil er einerseits bei Partys ohnehin nicht viel trank und außerdem niemanden begenen wollte, der ihn auf sein Kostüm ansprach bevor er nicht auf Bienert verweisen konnte.
Alle bis auf eines sind aus meinem unvollendeten Halloween-Wesky One Shot und ich denke das merkt man.
Ich ich hab ehrlich gesagt, gerad keinen Überblick wer noch schreibt und noch nicht getaggt wurde, und deswegen tagge ich alle die sich angesprochen fühlen.
Das Wort ist Hypercalifra- nein ich mach nur Spaß. Das Wort ist Whiskey.
Die unrühmliche Aufgabe, neuen Mitarbeitenden das Polizeipräsidium zu zeigen, wurde unter den Mitgliedern des gehobenen Diensts aufgeteilt. Und nun hatte es halt mal wieder Klaus Schalavsky getroffen, der gerade die vier Neuen herumführte. Alle vier kamen frisch von der Polizeischule, waren noch grün hinter den Ohren und mit einem freudigen Funkeln in den Augen, gespannt darauf, was sie in diesem Gebäude erleben würden.
Schalavsky konnte sich nicht daran erinnern, ob er damals auch so gewesen war. Jedenfalls redete er sich ein, dass er nie so jung gewirkt hatte. Ausgesehen wohl wirklich nicht, denn er war schon als Jugendlicher deutlich älter geschätzt worden. Eigentlich immer noch, schliesslich war er erst knapp über vierzig und trotzdem zog sich schon ordentlich grau durch die schwarzen Haare. Und sich älter verhalten, ja, das wohl sowieso.
Er hatte den vier Frischlingen gerade die Asservatenkammer gezeigt und war auf dem Weg zu der Kaffeeküche, als ihn eine Stimme innehalten liess.
“Spielen Sie mal wieder Kinderschreck für die Neuen?”
Schalavsky verzog mürrisch das Gesicht, blieb stehen und drehte sich um. Tatsächlich war Wespe gerade aus einem der Büros gekommen - sicherlich hatte er mal wieder mit Sabine oder Dennis geschnackt, anstatt zu arbeiten - und grinste breit.
Die vier Neuankömmlinge musterten Wespe mit unverhohlenem Interesse, trug der Kriminalinspektor doch heute wieder eine besonders schrille Kombi: Rot-Grün gestreifte Hosen, ein gelbes Hemd über einem blauen T-Shirt mit verwaschenem, weissen Aufdruck. Dazu die Piercings in den Ohren und den Augenbrauen, die lackierten Fingernägel und die Ringe. Nein, Wespe sah nicht aus wie ein typischer Beamter. Und wie Schalavsky schon gar nicht, der ein weisses Hemd und ein dunkelblaues Anzugsjackett trug, mit denen er auch in das mittlere Management einer Bank gepasst hätte.
“Bienert”, sagte Schalavsky genervt und musterte ihn abschätzig über den Rand seiner Brille. “Sollten Sie nicht an dem Bericht über den Raubüberfall sitzen? Den will ich nämlich bis um zwei von Ihnen.”
Wespe grinste ihn auf eine selbstgefällig triumphierende Art an und lehnte sich seitlich mit verschränkten Armen gegen die Wand. “Den habe ich Ihnen schon längst geschickt. Aber anscheinend schauen Sie ja nicht auf ihr Mail.”
Schalavsky verzog unmutig das Gesicht und grummelte etwas. Dann wandte er sich an die vier Neuen.
“Das ist Inspektor Bienert. Macht mir einen Gefallen und nehmt ihn euch nicht als Vorbild. Mehr von seiner Sorte ertrage ich nämlich bis zur Pensionierung nicht.”
Wespe lachte. “Ach, Sie mögen mich doch”, sagte er augenzwinkernd. Schalavsky verdrehte seinerseits die Augen.
“Bilden Sie sich nichts ein. Ich ertrage Sie bloss, weil ich mit Ihnen zusammenarbeiten muss.”
Wespe grinste immer noch und schüttelte etwas amüsiert den Kopf, bevor er sich wieder an die Neuen wandte. “Lasst euch von Schalavsky nicht unterkriegen. Und sonst kommt zu mir, dann können wir eine Petition starten, dass er in ein Achtsamkeitsseminar muss.”
“Kommissar Schalavsky”, korrigierte Schalavsky ernst, denn Wespe untergrub seine Autoritätsposition gegenüber den Neuen schon sehr. Eine der jungen Neuankömmlinge - Salah? Irgendsowas? - hatte bei Wespes Worten nämlich bereits ein Schmunzeln mit einem Gähnen verstecken müssen.
“Gehen Sie wieder an die Arbeit”, blaffte er deshalb Wespe an. Wespe machte auch diese Demonstration von Autorität zunichte, indem er sich von der Wand abstiess und militärisch salutierte.
Schalavsky knurrte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und schüttelte den Kopf. “Warum probier ich es überhaupt noch?”, grummelte er frustriert. Dann bedeutete er den vier Neuen, ihm zu folgen.
Erst als sie beinahe bei der Kaffeeküche angekommen war, fiel ihm auf, dass er gar nie abgestritten hatte, Wespe zu mögen.
Die Millionenstadt ächzte unter der drückenden Hitze. Die Betriebsamkeit sank auf das absolute Minimum, die Eisverkäufer machten Rekordumsätze. Wer konnte, entledigte sich unnötigen Kleidungsschichten.
Die dürftige Klimaanlage im Präsidium war in den Monaten Juni bis August Alltagsgespräch in der Kaffeeküche und regelmässig erreichten den Polizeichef in diesen Zeiten Beschwerdebriefe zu diesem Thema. Deshalb hielten viele von Kommissar Schalavskys Kollegen bei fast vierzig Grad auch nicht mehr sonderlich viel von der Kleiderordnung.
Schalavsky hingegen wehrte sich vehement dagegen, selbst im Hochsommer von seinen üblichen Kleidergewohnheiten abzuweichen, weshalb er jetzt trotzdem mit langen Anzugshosen und weissem Hemd an seinem Schreibtisch sass und versuchte, die Hitze auszublenden. Das gelang ihm bestenfalls mässig und sein grösstenteils durchgeschwitztes Hemd half ihm dabei ganz und gar nicht. Eigentlich starrte er auch schon seit fünfzehn Minuten auf das gleiche Dokument, das langsam auf dem Bildschirm zu flimmern begann.
Eigentlich könnte man meinen, Kommissar Schalavsky käme gut mit der Hitze klar, da er eher hager geraten war. Tatsächlich aber schien ihn sein Körper in der warmen Jahreszeit mit Vorliebe daran zu erinnern, dass seine Vorfahren aus Sibirien kamen und er deshalb von Hitze nicht viel hielt. Und obwohl es schon mehr als ein Jahrhundert her war, dass jemand aus seiner Familie in Sibirien gewesen war - und Schalavsky stark bezweifelte, dass ihn das heute noch irgendwie beeinflusste - hatte er mit Hitze erhebliche Probleme. In einer sehr peinlichen Instanz vor ein paar Tagen hatte sogar sein Kreislauf schlapp gemacht und sein Hirn hatte während einer Besprechung in Glockners Büro beschlossen, es würde nach einer halben Stunde Stehen und bloss zwei Tassen Kaffee im Magen bei angenehmen 37 Grad jetzt gerne einen Neustart machen, Dankeschön.
Da klopfte es an der Tür und noch bevor Schalavsky hätte Herein sagen können, wurde die Tür geöffnet.
Schalavsky blickte missmutig von seinem Bildschirm weg, wollte den unhöflichen Besucher schon anschnauzen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Inspektor Bienert stand im Büro. Das an sich war nichts überraschendes. Was viel überraschender war, waren nämlich seine Kleider. Oder beziehungsweise, die Absenz davon: Wespe trug nämlich ein Oberteil, das so dünn war, dass es beinahe durchsichtig schien.
Schalavsky starrte ihn für einen Moment einfach nur an. Dann erst realisierte er, dass Wespe mit ihm gesprochen hatte und bemühte sich verzweifelt, den Blick zu heben.
“Was?”
“Ob Sie mir den Bericht über die Jakobsstrasse haben”, sagte Wespe und er klang etwas ungeduldig. Verständlich, auch Wespe setzte die Hitze zu und leider war Schalavskys Büro südseitig gelegen, was es im Sommer noch unerträglicher machte. Wespe zog dementsprechend auch an dem Kragen seines - für Schalavskys Konzentrationsfähigkeit - viel zu dünnen Oberteils und Schalavsky musste sich beherrschen, ihm nur ins Gesicht zu sehen.
“Klar”, sagte Schalavsky und war froh darüber, wie neutral seine Stimme klang. Er stand auf, kramte kurz in seinem Aktenschrank und wollte sich schon wieder umdrehen.
Genau im falschen Moment, denn er sah, wie Wespe das Oberteil benutzte, um sich über die Stirn zu wischen und ihm damit sehr viel Haut präsentierte. Schalavsky fühlte irrsinnigerweise, wie seine Ohren rot wurden und er wusste eigentlich, dass er jetzt wegsehen sollte. Doch es war wie damals in Glockners Büro: Sein Hirn schien die entsprechende Information nicht senden zu wollen, weshalb er jetzt einfach für ein paar Sekunden auf die nackte Haut an Wespes Körpermitte sah und die Akte gegen seine Brust presste. Immerhin blieb er dieses Mal bei Bewusstsein. Obwohl, vielleicht wäre so eine kurze Ohnmacht jetzt besser gewesen.
“Boah, ist ja unerträglich diese Hitze”, stöhnte Wespe und richtete sich das Oberteil wieder. “Und Ihr Büro ist ja noch schlimmer als meins. Haben Sie nicht warm?”
Schalavsky räusperte sich, einfach nur um sicherzugehen, dass er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte. “Man muss halt auch mit körperlich herausfordernden Situationen umgehen können”, sagte er betont beiläufig und fixierte einen Punkt zwischen Wespes Augen.
“Ist Ihnen nicht gut?”
“Hm? Warum denn?”
“Sie sind recht rot. Alles okay?”
“Jaja”, beeilte sich Schalavsky zu sagen, doch mit einem Mal schien Wespe sehr besorgt.
“Glockner hat mit gesagt, Sie haben mit Hitze Mühe. Warum haben Sie denn noch das lange Hemd an?”
“Unsere Kleiderordnung ist keine Wundertüte. Auch wenn Sie das glauben.”
Wespe verdrehte die Augen. “Ich bin im Innendienst. In dem Aufzug sehen nur Sie und Glockner mich. Und das ist allemal besser, als in meinem Büro zu zerfliessen.”
“Aha”, machte Schalavsky. Irgendwie war ihm jetzt doch warm unter dem Kragen.
“Geht es Ihnen wirklich gut?”, fragte Wespe noch einmal und ja, jetzt war da auch etwas in seinem Gesicht, das Schalavsky noch mal etwas wärmer werden liess. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er an seinem Kragen genestelt hatte und liess ertappt die Hand sinken. Wespe folgte der Bewegung mit der Hand und seine Augenbrauen zogen sich entschlossen zusammen.
Schalavsky meinte, ihm würde das Herz stillstehen, als Wespe ihn an den Schultern packte und resolut nach hinten dirigierte. Kurz zuckte ein Bild durch Schalavskys Kopf, wie Wespe ihn gegen die Bürowand presste, da wurde er auch schon in seinen Schreibtischstuhl gedrückt.
“Sie warten hier!”, befahl Wespe und hob sogar etwas mahnend eine Zeigefinger. Schalavsky konnte ihn bloss verdutzt anstarren, da war der Kriminalinspektor auch schon aus dem Zimmer geflitzt. Schalavsky sah immer noch etwas benebelt auf die Tür, während seine Gedanken rasten, die Akte immer noch gegen seine Brust gedrückt.
Vielleicht war ja wirklich etwas in seinem Kopf überhitzt. Sein Gehirn hätte auf Normaltemperatur sicherlich nicht dieses Bild von Wespe ausgespuckt. Schalavsky versuchte verzweifelt, das Bild zu verdrängen, sich nicht mehr vorzustellen, wie ihn starke Hände am Hemd packten, doch seine Synapsen schienen sich zu weigern, davon wegzugehen. Stattdessen bildete er sich sogar noch ein, Wespes Deo zu riechen…
Schalavsky zuckte beinahe zusammen, so schnell kam Wespe zurück. In der linken Hand hielt er ein Tuch, in der rechten ein Glas Wasser.
“Da”, sagte er und drückte Schalavsky das Glas Wasser in die Hand. “Trinken!”
Schalavsky blinzelte verwirrt, dann noch einmal. “Sind Sie jetzt meine…” Mutter hätte er noch hintendran hängen wollen, doch da hatte Wespe ihm einen eiskalten Lappen in den Nacken gepatzt. Schalavsky schnappte erschrocken nach Luft, als ihm kaltes Wasser in den Kragen rang.
“Bienert! Was soll das?”
“Helfen”, sagte Wespe ungerührt und musterte Schalavsky immer noch auf eine seltsame Art, die der Kommissar nicht ganz erkannte. “Na los, trinken Sie! Oder soll ich einen Strohhalm holen?”
Schalavsky grummelte, nahm aber tatsächlich einen Schluck. Erst da merkte er, dass er wohl wirklich Durst gehabt hatte, denn er trank das Glas in einem Zug leer. Wespe stand immer noch viel zu nah neben ihm, wirkte aber zufrieden.
“Noch eins?”
“Nein danke.”
Wespe nickte, nahm das Glas entgegen und setzte sich dann auf den Rand von Schalavskys Schreibtisch.
“He, runter da!”, murrte Schalavsky, doch sein Protest fiel bestenfalls halbherzig aus. Wespe honorierte das dementsprechend auch bloss mit einem müden Heben der Augenbrauen.
“Ist alles okay?”
Schalavsky war über die Frage so verblüfft, dass er kurzzeitig nicht wusste, was er antworten sollte. “Was?”
Wespe sah ihn mit uncharakteristisch ernstem Blick an und Schalavsky fühlte sich fast wie ein Insekt unter der Lupe, so wie Wespe auf dem Rand des Tisches sass und auf ihn herabblickte. Das fast durchsichtige Top half absolut nichts und es kostete Schalavsky alle Selbstbeherrschung, den Blick nicht von Wespes Augen wegzunehmen.
“Ob alles okay ist?”
Schalavsky war über diese ernste, aufrichtige Stimme überrascht, die jetzt aus Wespes Mund kam. Denn sonst waren es Sticheleien, Witze, Foppereien, die ihren Weg über Wespes Lippen fanden. Nicht diese Fragen, aufrichtig gestellt, mit einer Sorge, die Schalavsky so gar nicht von Wespe kannte. Er musterte ihn auch dementsprechend, als würde er ihn das erste Mal sehen. Schliesslich räusperte er sich.
“Natürlich.”
Wespe blickte noch etwas ernster. “Glockner hat mir gesagt, dass Sie zusammengeklappt sind.”
Schalavsky spürte, wie er erneut rot wurde, dieses Mal durch ein Gemisch aus Zorn und Scham. “Das war nichts”, brachte er hervor. Verdammt, natürlich hatte Glockner Wespe davon erzählt! Er hatte den Hauptkommissar fast anflehen müssen, damit der nicht den Dienstarzt rief, doch sein Gesicht war noch Stunden nachher auf eine grässliche Art besorgt gewesen, bei der es Schalavsky kalt den Rücken heruntergelaufen war. Und wenn Schalavsky eines hasste in seinem Leben, dann war es diese Art von Blick. Dieses Mitleid.
Wespes Gesicht verfinsterte sich.
“Mann, warum tun Sie das immer?”
“Was?”
“Nicht zu sich selbst schauen? Verdammt, haben Sie heute überhaupt schon etwas gegessen?”
Schalavsky presste die Lippen aufeinander und funkelte Wespe aus schmalen Augen an. “Was interessiert Sie das?”
“Darf ich mich etwa jetzt nicht mehr um Sie sorgen?”
“Oh, Sie sorgen sich um mich”, äffte Schalavsky Wespe schon fast giftig nach. “Das können Sie schön bleiben lassen, ich brauche ihre Fürsorge nicht!”
“Da! Da ist es schon wieder”, sagte Wespe und stiess Schalavsky anklagend den Zeigefinger in die Brust. Schalavsky zuckte zusammen und bevor er die Hand hätte wegwischen können, richtete Wespe seinen Zeigefinger auf Schalavskys Gesicht.
“Sobald man zu Ihnen schaut, igeln Sie sich ein! Dann werden Sie patzig und schnauzen die andere Person an! Kein Wunder, schaut niemand mehr hin, wenn es Ihnen Scheisse geht, man wird dafür ja bloss angemotzt.”
Schalavsky starrte Wespe an, als hätte dieser ihm gerade einen zweiten eiskalten Lappen in den Nacken gedrückt.
“Ich…”, begann er, doch irgendwie wusste er nicht, was er sagen sollte. Es wäre jetzt einfach gewesen, Wespe anzuschnauzen, ihm zu sagen, dass das alles nicht stimmte, dass er doch für sich selbst schauen sollte, ihn endlich in Ruhe lassen! Vielleicht hätte er genau das auch bei jeder anderen Person gesagt. Aber ausgerechnet bei Bienert, bei Wespe, konnte er das heute nicht. Nicht, wenn dieser ihm ein Glas Wasser geholt hatte, nicht wenn dieser jetzt auf dem Schreibtisch sass und trotz Schalavskys Anpfiff immer noch dort sass. Weil dessen Blick zwar zornig funkelte, doch weil dieses Feuer erst durch Besorgnis entflammt worden war.
Und hatte Wespe nicht Recht? Eigentlich frage ja schon niemand nach, wie es Schalavsky ging. Glockner vielleicht noch ein paar Mal, doch auch er hakte nie nach, wenn Schalavsky ein Geht schon, geht schon murmelte. Aber Wespe? Der machte seinem Namen alle Ehre, liess nicht locker, bis er der Sache auf den Grund gegangen war. Und jetzt war Schalavsky zu seinem Ziel geworden. Geworden? Nein, vielleicht schon länger gewesen. Warum? Womit hatte Schalavsky verdient, dass Wespe seine Wärme auch auf ihn ausdehnte?
Schalavsky konnte den Augenkontakt nicht weiter aufrecht erhalten. Stattdessen sah er zur Seite, zu dem Bildschirm, auf dem die Akte vor sich hin flimmerte. Er spürte weiterhin Wespes Blick auf sich, wie der Kriminalinspektor ihn musterte.
“Haben Sie Mittagspause gemacht?”, überraschte Wespe ihn.
Schalavsky sah kurz wieder verdutzt zu ihm. “Ich? Nein.”
Wespe nickte, als würde sich damit ein Verdacht bestätigen. “Dann haben Sie ja eine halbe Stunde zu gute”, sagte er und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. “Mitkommen.”
“Was?”, machte Schalavsky verdutzt, doch da war Wespe auch schon von seinem Schreibtisch gehüpft und zog Schalavsky auffordernd am Ärmel. Der Kommissar war darüber so verdutzt, dass er bloss schnell den Bildschirm per Tastenkombination sperrte - denn das war schliesslich Vorschrift! - sich aber dann von Wespe auf die Beine ziehen liess.
“Was haben Sie vor?”
“Einfach mitkommen!”
Der Stadtpark lag bloss fünf Minuten fussläufig vom Polizeipräsidium und Schalavsky kam eigentlich nach Dienstschluss gerne noch ein paar Minuten her, um sich an den Teich zu setzen und nachzudenken. Oder um sich zu beruhigen, wenn mal wieder vier besonders nervige Jugendliche im Polizeipräsidium aufgetaucht waren. Und das war in letzter Zeit so oft vorgekommen, dass er sich mittlerweile einbildete, die verschiedenen Enten auseinanderhalten zu können.
Dass die eine Bank im Schatten der grossen Eiche noch frei war, hatte sich als ausgesprochener Glückstreffer herausgestellt. Sonst war die nämlich besetzt, doch die hochsommerlichen Temperaturen hatten anscheinend den Park grösstenteils geleert. Kühler als im Polizeipräsidium war es jedoch trotzdem.
Wespe hatte Schalavsky auf die Bank gesetzt, ihm gesagt, er solle schön hier warten - Schalavsky hatte missmutig das Gesicht verzogen. Schliesslich war er ja kein Kind mehr - und war dann davongetrabt.
So viel zu, in dem Aufzug sehen nur Glockner und ich ihn, dachte Schalavsky und suchte mit den Augen den Teich nach den Enten ab. Doch die zeigten sich nicht. Vielleicht war ihnen auch zu warm und sie blieben lieber im hohen Schilf.
“So, da bin ich wieder”
Schalavsky zuckte zusammen. Er hatte Wespe gar nicht kommen gehört. Doch noch bevor er etwas hätte sagen können, drückte Wespe ihm schon etwas in die Hand.
Schalavsky sah verdutzt auf den Becher mit drei Kugeln hinab.
“Was ist das denn?”
“Das ist ein Eis”, erklärte Wespe, als würde er einem Kind etwas erklären und liess sich neben Schalavsky auf die Bank plumpsen, eine Waffel mit drei Kugeln in der Hand. “Das ist kalt und man kann es essen. Es wird hauptsächlich im Sommer konsumiert.”
“Ich weiss, was ein Eis ist”, gab Schalavsky patzig zurück. “Aber… warum?”
Wespe zuckte mit den Schultern und schleckte etwas von seinem Eis. “Ist doch das Wetter dafür.”
Schalavsky musste einen Kloss herunterschlucken, der sich sinnloserweise in seinem Hals gebildet hatte. Warum der da war, wusste er nicht ganz. Er sah wieder auf seinen Becher Eis herab. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, das nichts mit der drückenden Hitze über der Millionenstadt zu tun hatte.
“Ich habe Ihnen Vanille, Erdbeere und Stracciatella geholt”, sagte Wespe gut gelaunt. “Wenn Sie was davon nicht mögen, kein Problem, ich ess es auch!”
Schalavsky wusste immer noch nicht ganz, was er sagen sollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal ein Eis gekauft hatte. War das vor fünf Jahren gewesen? Länger her? Er wusste es beim besten Willen nicht mehr. Warum hatte er sich seit fünf Jahren kein Eis mehr geholt?
“Danke”, brachte er hervor und zuckte zusammen, denn seine Stimme brach. Wespe kommentierte das nicht, doch er hielt kurz in seinem Eis essen inne. Schalavsky betete innständig, dass Wespe nicht ahnte, was gerade in Schalavskys Kopf von sich ging. Bloss um etwas zu tun zu haben, begann er, das Eis zu löffeln. Unwillkürlich fühlte er sich in seine Kindheit zurückversetzt, an die langen Sommertage, an denen er und seine Geschwister sich von ihrem zusammengesparten Taschengeld ein paar Kugeln Eis geholt hatten. Schalavsky fühlte die Sehnsucht fast körperlich, als er sich an das Lachen zurückerinnerte, an die Nachmittage auf dem Fahrrad, am See, in den Wäldern. Damals war das Leben noch sorgloser gewesen.
“Was haben Sie sich geholt?”, fragte er Wespe, als er seiner Stimme wieder traute.
“Schlumpfeis, Pistazie und Kaffee… He, was verziehen Sie so das Gesicht?”
“Seltsame Kombi”, sagte Schalavsky ertappt und löffelte sein Eis weiter. Wespe folgte der Bewegung mit den Augen.
“Lag ich denn richtig?”
“Womit?”
“Mit den Eissorten. Oder was mögen Sie am liebsten?”
“Zitrone”, sagte Schalavsky, bevor er darüber nachdenken konnte. Das war damals sein Lieblingseis gewesen.
“Ah”, machte Wespe und plötzlich war da ein Lächeln auf seinem Gesicht, das strahlender war als es die Sommersonne je sein konnte. “Das merk ich mir für das nächste Mal.”
“Das nächste Mal?”
“Jemand muss doch schauen, dass Sie mal aus Ihrem Büro rauskommen”, meinte Wespe und zwinkerte Schalavsky gut gelaunt zu, der fühlte, wie ihm warm wurde. “Und der Park ist doch hübsch.”
“Hm”, machte Schalavsky. Erst da fiel ihm auf, dass sie eigentlich sehr nahe beinander sassen. Und von weitem hätte man sie wohl nicht für Arbeitskollegen gehalten. Eher für… Ach, das war jetzt ja nicht so wichtig. Wichtig war bloss, dass Wespe jetzt neben ihm sass.
Ich muss ihm das irgendwie zurückgeben, dachte Schalavsky, als er den ersten Löffel Erdbeereis ass. Er mag doch diesen Italiener. Kann man ja auch mal hingehen.
Normalerweise trugen sie die Uniform nur bei feierlichen Anlässen. Der heutige war nur auf dem Papier so einer. Aber der Fall war so lange und grässlich gewesen, dass sich die Belobigung durch den zweiten Bürgermeister ganz und gar nicht wie eine Feier anfühlte, sondern mehr wie eine Abdankung.
Wespe, der rechts neben Schalavsky sass, sah für einmal nicht so aus, als wäre er durch einen Secondhandladen gerobbt und hätte alles auch nur ansatzweise anziehbare übergestreift. Nein, mit seiner dunklen, förmlichen Polizeiuniform und den zurückgebundenen Haaren wirkte er an diesem Abend ernst und würdevoll. Schalavsky hatte sogar zweimal hinsehen müssen, um Wespe zu erkennen. Und jedes Mal wenn er aus den Augenwinkeln einen Blick stahl, musste er sich eingestehen, dass Wespe in der Uniform doch sehr schmuck aussah.
Doch Wespe schien sich in dieser förmlichen Uniform nicht wohl zu fühlen, denn er rutschte seit Anfang der Zeremonie auf seinem Stuhl hin und her. Schalavsky, der ihm seit fünf Minuten immer wieder pikierte Blicke zuwarf, wurde es langsam aber sicher zu bunt.
“Können Sie nicht stillhalten?”, zischte er scharf aus den Mundwinkeln. Wespe zuckte ertappt zusammen und hielt inne. Schalavsky war verdutzt, dass sein Anpfiff gewirkt hatte und fühlte sich beinahe etwas schlecht. Auch Wespe hatte dieser Fall zugesetzt, das hatte Schalavsky gemerkt. Und jetzt diese Uniform, die an dem Kriminalinspektor so fremd aussah und sich für ihn wohl auch genauso anfühlte. Ein Beweis dafür, was passiert war?
“Sorry”, murmelte Wespe zurück. Sie sassen in der zweiten Reihe, ganz rechts aussen, verdeckt durch die Vorderreihe. Schalavsky hörte nicht mehr, was der zweite Bürgermeister sagte, welche Floskeln er in diese Halle sprach, die den Bewohnern der Stadt suggerieren sollte, dass sie jetzt wieder sicherer waren. Zu sehr war er durch Wespe abgelenkt worden und wie ein Magnet hatte er seinen Fokus nur auf sich gelenkt.
Wespe konnte jedoch nicht lange stillhalten, genausowenig, wie er dazu im Büro in der Lage zu sein schien. Immer schien er in Bewegung sein zu müssen, als würde zuviel Energie durch jede Faser seines Körpers jagen. Und so hielt er es auch nur ein paar Sekunden aus, bevor er anfing, mit den Fingern auf dem Stoff seiner Anzugshose zu trommeln.
“Psst”, machte Schalavsky, den das Gezappel langsam aber sicher selbst nervös machte. Entschlossen lehnte er sich etwas nach Rechts und wollte Wespe die Hand wegpatschen. Da er jedoch immer noch entschlossen nach vorne sah, verschätzte er sich und legte ihm stattdessen die Hand auf den Oberschenkel.
Augenblicklich verharrte Wespe, als wäre er eingefroren. Schalavskys Kopf zuckte zur Seite und er wollte sich schon leise murmelnd entschuldigen, die Hand hastig wegziehen, doch etwas in Wespes Blick liess ihn innehalten. Wespe war zwar rot geworden - ein seltener Anblick in dem frechen Gesicht des Kriminalinspektors, aber der sah an diesem Abend sowieso ganz anders aus, fast wie ein anderer Mann - dennoch war da etwas in seinem Blick, das Schalavsky nicht kannte. Etwas… fragendes. Wartendes. Einladendes.
Die Zeit schien stillzustehen, elastisch zu werden, sich zu dehnen. Ein Raum voller Menschen und dennoch wurde Schalavskys Welt kleiner und kleiner, bis sie nur noch sie beide beinhaltete. Wespe, ihn und seine Hand auf Wespes Oberschenkel. Die Wärme von dessen Haut, die er selbst durch den Stoff der förmlichen Uniform spürte.
Für einen Moment, einen einzigen, sehnsuchtsvollen, stellte Schalavsky sich vor, wie seine Hand höher rutschen könnte…
Da riss das aufbrausende Klatschen der Anwesenden Schalavsky jäh aus diesem benebelnden Moment. Hastig zog er seine Hand weg, als hätte er sich verbrannt, die Augen wieder starr nach vorne gerichtet.
Er spürte Wespes Blick auf sich, als sie aufstanden, doch er wagte es nicht, zur Seite zu sehen. Wespe anzusehen, das wäre wie ein Eingeständnis von… irgendetwas gewesen. Schalavsky biss die Zähne zusammen und zwang sich, weiter nach vorne zu sehen. Dumm, dumm, dumm!, schalt er sich selbst in Gedanken und bemühte sich, nicht an das zu denken, was gerade passiert war. Was er sich überlegt hatte zu tun. Er fühlte die Schuld und Scham wie einen heissen Klumpen im Magen. Sicherlich hatte er sich Wespes Blick bloss eingebildet, sicherlich war der einfach so überrascht gewesen, dass er gar nicht die Zeit gehabt hatte, sich zu wehren. Schalavskys Hand wegzuwischen, ihn anzublaffen. Dass er nicht von Schalavsky angefasst werden wollte.
Und als der Applaus verebbte, schulterte sich Schalavsky durch die anderen Anwesenden nach draussen.
Er brauchte jetzt einen Drink.
Zwanzig Minuten später fand ihn Glockner in einer Ecke auf dem Terrasse, hinter einer halb vertrockneten Pflanze und mit einer Zigarette in der rechten Hand.
“Wollten Sie nicht aufhören?”
Schalavsky zuckte zusammen, so intensiv hatte er in die Nacht gestarrt. Fast etwas ertappt liess er die Zigarette sinken. “Eigentlich schon”, murmelte etwas peinlich berührt.
Glockner lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand. Auch er trug Uniform und hatte in der ersten Reihe gesessen, hatte vom zweiten Bürgermeister die Hand geschüttelt bekommen. Jetzt musterte er Schalavsky aufmerksam.
“Sie wirken irgendwie bedrückt. Ist es der Fall?”
Schalavsky verzog leicht das Gesicht. Natürlich, vor Kommissar Glockner konnte man nichts verstecken.
“Nein”, sagte er wahrheitsgemäss. Und Glockner schien ihm das auch zu glauben. Dennoch wurde sein Blick nachdenklich.
“Was ist es dann?”
Schalavsky zog noch einmal an der Zigarette. Er hatte denn doppelten Whiskey viel zu schnell getrunken und merkte die Wirkung auf nüchternen Magen. Seine Gedanken kreisten und waren irgendwie… wattig.
“Haben Sie schon mal was richtig Dummes getan?”
Glockner entwirrte seine verschränkten Arme. Kurz sah er seinen Kollegen verdutzt an, dann setzte er sich neben Schalavsky auf den zweiten Stuhl.
“Was haben Sie denn getan?”, fragte er. Nicht anklagend, sondern verständnisvoll.
Schalavsky blies den Rauch in die Nacht. “Noch nichts. Aber… ich hätte gerne.”
“Was ist los?”, fragte Glockner in diesem leisen, fast väterlichen Tonfall.
Schalavsky lehnte den Kopf gegen die kühle Wand und schloss die Augen.
“Ich glaube, ich bin verliebt”, murmelte er und diese Worte stolperten blutend aus seinem Inneren, bevor Schalavsky seine Hände auf die Wunde hätte pressen können.
Es war das erste Mal, dass er es laut sagte, dass er sich diesen Gedanken eingestand. Dass seine Hand auf Wespes Bein vielleicht doch kein Versehen gewesen war. Dass sich der Kriminalinspektor schon längst einen Weg in Schalavskys Herz geschultert hatte, obwohl Schalavsky irgendwie von Anfang an versucht hatte, ihn dort rauszuhalten. Aber spätestens mit dem Eis im Park war Schalavskys Schicksal besiegelt gewesen. Und anscheinend war auch diese Version von Wespe hartnäckig und hatte sich, ganz ohne seine Zustimmung, in Schalavskys Herzen festgekrallt. Schalavsky wusste, dass er ihn nicht von sich würde lösen können, ohne zu bluten. Hatte Wespe es sich deshalb dort bequem gemacht, egal, wie sehr sich Schalavsky wünschte, er könnte seinen Kollegen aus seinem Herzen verbannen? Seine Gefühle weiterhin unterdrücken?
Denn alles andere war unmöglich, Schalavsky war zu alt für ihn, zu förmlich, zu… wie sagte Wespe immer? Pedantisch. Ja genau. Zu einem Freigeist wie Wespe, der so beneidenswert offen mit seiner Liebe war, der so viel Wärme und Zuneigung in sich trug, der berührte und lachte und der einfach so voller Leben war… Und selbst wenn, in dem unwahrscheinlichsten aller Fälle, sie waren Kollegen! Es war gegen die Dienstordnung, gegen die Vorschriften, überhaupt gegen den gesunden Menschenverstand!
Nein, es war undenkbar, dass jemand wie Wespe ihn mögen könnte. Komplett unlogisch. Egal wie oft er ihn heute Abend angesehen hatte, egal wie anders Wespe in dieser Uniform aussah. Es war halt am Ende doch Wespe.
Aber Schalavskys Herz interessierte sich sowieso nicht dafür, was der Kopf für logisch hielt. Sein Herz hatte wohl schon längst gesagt ihn und keinen anderen und Schalavsky verfluchte dieses dumme Organ für seine aussichtslose Wahl.
“Aber das ist doch schön”, sagte Glockner und Schalavsky konnte selbst mit geschlossenen Augen sein Lächeln hören.
“Ist es nicht”, gab Schalavsky bitter zurück. “Es ist nämlich unmöglich.”
“Oh”, gab Glockner zurück. “Verheiratet?”
Schalavsky schnaubte. Natürlich, Glockner, der Familienmensch. Der dachte, der Ehering sei eine unüberwindbare Barriere. Hatten sie in ihrem Beruf nicht genug Fälle auf dem Tisch, die das Gegenteil bewiesen?
“Nein”, antwortete er trotzdem und hasste, wie resigniert seine Stimme klang.
“Ach? Was ist denn sonst das Problem?”
“Es… ach es geht einfach nicht!”, behauptete Schalavsky, fast wie ein trotzendes Kind.
Glockner war sehr, sehr lange still und Schalavsky meinte schon, er sei aufgestanden und gegangen.
“Denkt er das denn auch?”
Er. Das Pronomen jagte wie ein Stromschlag durch Schalavskys Körper und er riss die Augen auf, fixierte Glockner, der jedoch sehr ruhig und mit freundlichem Gesicht zurücksah.
“Was?”
“Schalavsky”, sagte Glockner leise und ohne jeglichen Groll in der Stimme. “Ich kenne Sie. Lange genug, würde ich jetzt sagen. Und… irgendwie habe ich dafür ein Gespür… denke ich. Aber wenn ich falsch liege, wenn ich mich täusche, dann hoffe ich, dass Sie es mir nicht übel nehmen.”
Schalavsky starrte ihn immer noch an. Dann schluckte er leer. “Es… Sie täuschen sich nicht”, sagte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern und Verdammt, warum tat es so gut, das endlich laut zu sagen? Warum fühlte es sich an, als würde da ein Gewicht von seiner Brust verschwinden?
Und Glockner lächelte, ganz sanft. Doch dann wurde sein Gesicht ernst. “Interessiert er sich nicht für Männer?”
Schalavsky schluckte leer. “Doch, ich glaube schon.” Jedenfalls hatte Wespe mal etwas von einem Ex-Freund erzählt (und Schalavsky hasste sich dafür, wie sein Herz bei dieser Erwähnung einen sinnlosen Hüpfer getan hatte).
“Ah”, machte Glockner. Er legte den Kopf etwas schief und musterte Schalavsky auf eine Art, die seine Haut kribbeln liess. Als würde Glockner versuchen, die Gedanken hinter seiner Stirn zu erahnen. “Warum versuchen Sie es denn nicht einfach?”
Schalavsky gestattete sich ein freudloses Lächeln und zog noch einmal an seiner Zigarette. “Weil das sowieso nicht klappen würde.”
“Warum denn nicht?”
“Würde es einfach nicht!”, gab Schalavsky zurück, schroffer als er es beabsichtigt hatte, doch Glockner schien es ihm nicht übel zu nehmen.
“Warum so pessimistisch?”, konterte der Hauptkommissar. “Sie sind doch keine üble Partie. Guter Job, gewissenhaft und schlecht sehen Sie auch nicht aus.”
Schalavsky schnaubte ungläubig. Vielleicht war es der Alkohol, aber irgendwie weigerte er sich trotzig dagegen, aufgemuntert zu werden. Er wollte sich gerade einfach ein bisschen in seiner Misere suhlen. “Aber wir passen nicht zusammen, er ist viel zu… ach egal.”
“Viel zu was?”
“Egal. Vergessen sie es!”
Glockner hob bloss eine Augenbraue und Schalavsky fragte sich, ob er bereits zu viel gesagt hatte. Ob Glockner sich aus den Hinweisen zusammenreimen konnte, wer denn dieser mysteriöse Mister X war. Schalavsky betete, dass er es nicht tat, denn er glaubte nicht, dass er es ertragen könnte, wenn Glockner ihm ins Gewissen reden würde, dass eine Beziehung - Schalavsky spürte einen Kloss im Hals, denn so weit würde es nie kommen - mit einem Kollegen völlig unangebracht wäre.
“Kommen Sie”, sagte Glockner schliesslich. “Ich fahr Sie nach Hause.”
“Was? Warum?”
“Mit Verlaub, Herr Kollege, ich rieche den Whiskey. Und ich hab gesehen, dass Sie mit dem Auto gekommen sind.”
Scheisse, daran hatte Schalavsky gar nicht mehr gedacht. Er war einfach nur froh gewesen, kurz nicht über seine Hand auf Wespes Bein nachzudenken. Doch noch bevor die Spirale in seinem Kopf wieder hätte anfangen können, sich zu drehen, bot Glockner ihm die Hand an und Schalavsky liess sich auf die Beine ziehen.
“Ach übrigens”, sagte Glockner beiläufig, als sie in Richtung des Parkplatzes gingen. “Bienert hat nach Ihnen gefragt.”
Schalavsky blieb wie vom Blitz getroffen stehen und starrte Glockner entsetzt an. “Wie bitte? Was wollte er?”
Glockner zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung.” Wieder musterte er Schalavsky. “Alles in Ordnung?”
Schalavsky schluckte leer, um die Panik zu verdrängen. “Ja. Klar. Natürlich.”
“Ah”, machte Glockner. Wieder ein wissender Blick, der jedoch von Schalavsky abprallte. “Kommen Sie. Wir fahren.”
An die Fahrt erinnerte sich Schalavsky am nächsten Tag mit keinem Wort. Auch das gesamte Gespräch mit Glockner auf der Terrasse wirkte in seiner Erinnerung etwas verwaschenen und sein pochender Kopf war ein Mahnmal daran, dass er auf nüchternen Magen den Alkoholkonsum in Zukunft lassen sollte. Schliesslich war er schon längst keine zwanzig mehr.
So stand er am nächsten Tag in dem Pausenraum und spülte ein Aspirin mit Kaffee runter, damit er sich wenigstens endlich den Akten zuwenden konnte, die sich auf seinem Bürotisch anhäuften.
Er wollte sich schon wieder umdrehen, als Inspektor Bienert durch die Tür kam. Natürlich trug er heute nicht seine förmliche Uniform, in der er so anders ausgesehen hatte, sondern wieder grelle Klamotten, deren Farben nicht nur kontrahierten, sondern sich gegenseitig zu zerfleischen schienen.
Wespe blieb stehen und blinzelte, als könnte er gar nicht wirklich glauben, dass Schalavsky jetzt vor ihm stand.
“Oh. Guten Morgen.”
Schalavsky seinerseits brachte kein Wort heraus, zu trocken war seine Kehle. Deshalb räusperte er sich umständlich, die Scham und das schlechte Gewissen wie ein Stein in seiner Brust. “Bienert”, begann er ernst. “Es… es tut mir aufrichtig Leid. Ich wollte Sie gestern wirklich nicht anfassen, das war ein Versehen.”
Schalavsky sah gerade zu Boden und verpasste deshalb die Emotionen, die über Wespes Gesicht huschten. “Verstehe”, sagte Wespe schliesslich und irgendwie klang seine Stimme blechern, so ganz und gar nicht wie der Wespe, der Schalavsky am liebsten triezte und foppte. Nein, diese Stimme klang kühl und irgendwie auch… distanziert. “Entschuldigung akzeptiert.”
“Gut”, sagte Schalavsky und wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte. Deshalb nickte er Wespe zu und ging dann aus dem Pausenraum hinaus.
Auf dem ganzen Weg in sein Büro hatte er das nagende Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Und das nicht nur gestern.
Eigentlich klang es recht simpel: Der Besitzer eines Musiklabels stand im Verdacht, der Arm eines weitreichenden Drogenrings zu sein und seine Musiker mit dem Stoff zu versorgen. So weit so simpel und der Auftrag sah es vor, dass zwei Ermittler sich Undercover in dem Label umsehen sollten um mögliche Hinweise aufzustöbern.
Trotzdem war Schalavsky sich nicht ganz sicher, warum Glockner ausgerechnet ihn für die Mission ausgewählt hatte.
Okay, Schalavsky mochte Musik, sammelte Schallplatten und verstand vielleicht schon etwas davon. Aber ein Instrument spielen? Nein, das konnte er eigentlich nicht. Gitarre hatte er in seiner Jugend mal probiert, aber über knappe Mittelmässigkeit war er nie herausgekommen. Seine Gitarre hatte zwar aus Nostalgiegründen schon drei Umzüge mitgemacht, aber darauf gespielt hatte er schon seit Jahren nicht mehr.
Und ausgerechnet mit Inspektor Bienert sollte er diesen Auftrag durchführen. Bienert, zu dem Schalavsky in letzter Zeit irgendwie ein… angespanntes Verhältnis hatte. Seit der Zeremonie. Vorher war es so gut gewesen, wie schon lange nicht mehr.
Aber Schalavsky musste zugeben, dass Wespe für die Mission passte wie die Faust aufs Auge. Der Kriminalinspektor war musikalisch, spielte Bass und Schlagzeug und hatte eine sehr schöne Singstimme, die Schalavsky bei dem Karaoke, zu dem Salah und Bienert ihn vor einigen Monaten mitgeschleppt hatten, doch sehr positiv überrascht hatte.
Glockner hatte unschuldig gelächelt, als Schalavsky ihn auf die seltsame Kombination angesprochen hatte. “Dann haben Sie ein Auge auf ihn”, hatte der Hauptkommissar gut gelaunt auf Schalavskys fast schon anklagendes warum ich und Bienert? geantwortet. “Aber am besten tarnen Sie sich trotzdem ein bisschen. Denn mit Verlaub, Herr Kollege, es wäre besser wenn sie weniger wie… Sie aussehen würden.”
Schwierig, schwierig, denn Schalavsky hatte mit der Hakennase, den fast schon unpassend dunklen Augen und dem hageren Körperbau Wiedererkennungswert. Dann am besten von diesen Merkmalen ablenken, weshalb Schalavsky sich etwas widerwillig in den letzten drei Wochen nicht rasiert hatte und dementsprechend jetzt ein kurzer, schwarz-grauer Bart sein Gesicht schmückte. Eigentlich hatte er viel Bartwuchs und musste sich täglich rasieren, damit er nicht mit Bartschatten herumlief. Er mochte das Gestrüpp im Gesicht auch nicht und bevorzugte es, glatt rasiert zu sein (Dass er jemand anderem mit Bart viel zu ähnlich sah, ignorierte er verbissen bei jedem Blick in den Spiegel).
Er hatte Hemd und Anzugsjacke gegen ein schlabbriges rot-kariertes Hemd und graues T-Shirt getauscht, die Anzugshosen und Schuhe gegen alte Jeans und Trainerschuhe, die er schon seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Missmutig betrachtete Schalavsky sich im Spiegel. Er fand, dass er albern aussah. Wie ein abgewrackter Kunstlehrer irgendwie. Oder halt der Manager eines mittelmässigen Musikers mit Starallüren.
Er fuhr zu dem vereinbarten Treffpunkt, an dem er Wespe aufgabeln sollte. Von dort ging es dann weiter zu dem Label, bei dem Wespe dem Chef eine Kostprobe seines Könnens geben sollte. An diesem Abend sollte zudem eine Labelparty steigen und wenn sie Glück hatten, würde der Chef sie zu dieser einladen.
Schalavsky trommelte etwas ungeduldig auf dem Lenkrad und blickte auf seine Uhr. Dass Wespe auch immer zu spät…
Da wurde die Beifahrertür aufgerissen und Schalavsky blieb beinahe das Herz stehen.
Wespes lange Haare schienen wilder als sonst zu sein, seine Fingernägel schwarz lackiert und an den Fingern trug er mehr Ringe als sonst. Ein silbernes Piercing im linken Ohr, das er sonst nicht trug, zwei Ohrringe mehr. Schwarzer Eyeliner an den Augen.
Doch das, was Schalavsky komplett aus der Fassung brachte, waren die Kleider.
Wespe trug nämlich eine enge, schwarze Lederhose sowie eine ärmellose, etwas zerfledderte Lederweste mit unzähligen Pins. Darunter trug er nichts.
Schalavsky starrte auf das Tattoo auf Wespes gut trainierter Brust, auf die dunkle Brustbehaarung, auf die… Er riss den Blick nach oben und wurde von Wespes Grinsen begrüsst.
“Wie sehen Sie denn aus?”, blaffte Schalavsky, bevor Wespe etwas hätte sagen können. Der Inspektor hob als Antwort bloss müde eine Augenbraue und lächelte immer noch.
“Ich soll ein aufstrebender Musiker sein. Schon vergessen? Und dazu gehört auch, dass man sich entsprechend kleidet.”
“Ah. Sind die Musiker heutzutage allergisch gegen Stoff?”
“Pff, Sie sind doch bloss neidisch.”
Schalavsky knurrte und war froh, dass das Geplänkel etwas von der Hitze zurückgedrängt hatte, die sich unter seinem Kragen gesammelt hatte. Als er anfuhr, spürte er Wespes Blick auf sich.
“Was ist los?”, fragte er, ohne den Blick von der Strasse zu nehmen. Wespe zuckte etwas ertappt zusammen.
“Sie sehen anders aus.”
“Das ist der Sinn einer Undercovermission.”
“Haha. Aber irgendwie sehen Sie… rauer aus.”
Schalavsky schnaubte. Was sollte das denn bedeuten?
“Ich habe Sie jedenfalls noch nie mit Bart gesehen”, fuhr Wespe fort. “Und eigentlich auch nicht ohne schickes Hemd. Das da könnten Sie mehr anziehen.”
“Schon gut, Bienert.”
“Ich meine es ernst!”
Schalavsky wusste immer noch nicht ganz, ob er Wespe das glauben sollte. Deshalb sagte er nichts mehr und starrte bloss verbissen auf die nächtliche Strasse. Er verpasste deswegen auch die Blicke, die Wespe ihm aus den Augenwinkeln zuwarf, wie der Inspektor ihn musterte, wie seine Augen über Schalavskys Körper huschten, bei den zurückgekrempelten Hemdsärmeln hängen blieben, wie Wespe mit angehaltenem Atem seine sehnigen Unterarme musterte, dann den Bart. Schalavsky verpasste die leichte Röte, die sich in Wespes Gesicht stahl, wie Wespe einmal leer schluckte, dann selbst wieder nach vorne sah.
Der Keller des Labels war geräumig und in diesem Moment voll mit Menschen. Es wurde getanzt, geschwatzt, connected und ordentlich Substanzen konsumiert. Schalavsky musste sich unter einem wild fuchtelnden Arm ducken, als er mit Wespe im Schlepptau in eine Ecke ging. Die Kostprobe war gut gelaufen, der Labelchef begeistert gewesen. Und Schalavsky musste zugeben, dass Wespe das wirklich gut gemacht hatte. Seine Stimme, seine Präsenz, seine musikalischen Fähigkeiten, das war ja alles an sich schon beeindruckend. Doch ausschlaggebend war wohl gewesen, dass Wespes in diesen Kleidern wirklich verdammt gut aussah und auch eine gewisse Selbstsicherheit ausstrahlte, die ihn ungemein attraktiv machte. Wäre er ein neues Sternchen am Musikhimmel, würden sich Teenager sein Bravoposter sicherlich an die Wand tackern (Nicht, dass Schalavsky je so etwas gemacht hätte. Aber davon gehört hatte er). Und Wespe hatte ihnen mit seinem Auftritt ein Ticket für die Afterparty besorgt.
“Das haben Sie gut gemacht”, flüsterte Schalavsky Wespe auch dementsprechend ins Ohr, als sie in der Ecke bei einem unbesetzten Sessel angekommen waren.
Wespe starrte Schalavsky gespielt entsetzt an und legte sich die Hand auf die nackte Brust. “Was, ein Lob aus Ihrem Mund? Ich werde mir diesen Tag im Kalender rot anstreichen!”
Schalavsky klopfte ihm mit einem Fingerknöchel sanft auf den Kopf. “Dummkopf”, schimpfte er leise. “Sie wissen, wie das gemeint war!”
“Tue ich auch”, gab Wespe zurück und richtete sich selbstgefällig die Haare. Schalavsky folgte gedankenverloren der Bewegung der Finger und verlor irgendwie gerade den mentalen Faden.
Da wurden Wespes Augen plötzlich gross.
“Shit”, fluchte der Kriminalinspektor panisch und zu Schalavskys grosser Überraschung packte Wespe ihn an den Schultern und drehte ihn resolut um. Schalavsky starrte ihn verdattert an, doch noch bevor er etwas hätte sagen können, drückte Wespe ihn auch schon in den Sessel. Jetzt wollte Schalavsky wirklich protestieren ob dieser unsanften Behandlung, da platzierte Wespe ein Knie neben ihm auf den Stuhl und setzte sich in seinen Schoss.
Schalavsky meinte, er würde jetzt wirklich einen Herzinfarkt erleiden.
“Bienert”, zischte er nach einer Schrecksekunde. “Was soll das?”
“Der Typ, der gerade mit dem Labelchef redet, kennt mich”, gab Wespe zurück, seine Lippen so nahe an Schalavskys Ohr, dass es dem Kommissar einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. “Ich war vor einem Jahr bei seiner Verhaftung dabei. Scheisse, wenn der mich erkennt…”
Das war wirklich schlecht. Nein, schlecht war gar kein Ausdruck, das wäre katastrophal. Dabei lief es ja bisher so gut... Schalavsky verzog unmutig das Gesicht und bemühte sich verbissen, zu verdrängen, dass Wespe ihm so verdammt nahe war.
Da spürte er eine Hand auf seinem Rücken und der Kommissar zuckte zusammen, als hätte er sich verbrannt. “Was tun Sie da?”
“Uns tarnen”, gab Wespe leise zurück, aber er klang abgelenkt. “Es ist zu auffällig, wenn wir einfach so da hocken.”
Schalavsky schluckte leer und musste Wespe innerlich zustimmen. Eine doch recht eindeutige Position in der Ecke eines dunklen Raums mit wummernder Musik und anderen Feiernden, die sich schon längst härteren Substanzen als Alkohol zugewandt hatten… Ein Paar wäre da nichts aussergewöhnliches, aber zwei Männer, die peinlich berührt in einer Ecke sassen würden zweifellos auffallen.
“Nehmen Sie ihre Hände hoch”, zischte Wespe auch dementsprechend. Schalavsky schloss kurz flehentlich die Augen und hob dann die Hände, ganz langsam und legte sie auf Wespes Rücken. Spürte das raue Leder der Weste unter seinen Fingern.
“Bin ich nicht Ihr Manager?”, fragte er in einem letzten Versuch, die Situation vielleicht auf eine andere Art zu lösen.
Wespe kommentierte die Frage bloss mit einem amüsierten Schnauben. “Denken Sie wirklich, Sie wären der erste Manager, der was mit einem Musiker anfängt? Das sind doch offene Geheimnisse.”
Bildete sich das Schalavsky nur ein, oder hätten Manager und Musiker auch für andere Worte stehen können? Kommissar und Kollege vielleicht? Oder war das bloss sein verzweifeltes Wunschdenken, das er schon seit längerer Zeit in Wespes Beisein nicht mehr vernünftig abstellen konnte?
“Beobachten Sie ihn”, murmelte Wespe, wieder viel zu nah an seinem Ohr.
Aber Schalavsky war abgelenkt. Zu benebelnd war der Geruch von Wespes Rasierwasser, zu warm war dessen Atem auf seiner Haut, zu drückend die Hitze, die von seinem Körper auszugehen schien. Schalavsky war, als fieberte er, so sehr kreisten seine Gedanken, so warm war ihm, so seltsam unwirklich schien ihm diese ganze Situation.
Er wollte nichts mehr, als seine Nase gegen Wespes Hals zu pressen, ihn zu sich zu ziehen und an sich zu drücken, mit seinen Händen jeden Quadratzentimeter Haut berühren, das Verlangen danach beinahe körperlich schmerzend. Er wollte sich von dem Geruch einlullen lassen, sich in dieser Wärme verlieren. Diesen Moment geniessen, denn der würde wohl nie wieder kommen. Wie würde es sich wohl anfühlen, seine Lippen gegen Wespes Hals zu pressen? Wie würde es sich anfühlen, ihn mit dem Bart zu…
Wespe schnappte erschrocken nach Luft und Schalavsky wurde eiskalt, als er realisierte, dass er gedankenverloren mit der Hand unter die Weste gefahren war, jetzt die nackte Haut am Rücken des Kriminalinspektors berührte.
“Tut mir…”, begann Schalavsky entsetzt und wollte die Hand schon zurückziehen, doch Wespe presste seine Stirn gegen die Schulter von Schalavsky.
“Schon gut”, murmelte er hastig. “Ihre Hand ist bloss kalt. Die sollten Sie aufwärmen.”
Es klang so stichelnd, so sehr wie Wespe, dass etwas von der Anspannung und Nervosität aus Schalavskys Körper herausfloss. Eine Herausforderung hatte in der Stimme mitgeschwungen, vielleicht unbeabsichtigt, doch Schalavsky beschloss, Wespe für bare Münze zu nehmen. Er fuhr mit der Hand höher, spürte die Muskeln unter seinen Fingern. Wespe war kräftig und trainiert, boulderte und bikete in seiner Freizeit leidenschaftlich. Den Beweis dafür hatte Schalavsky schon ein paar Mal gesehen, wenn Wespe zum Beispiel im Rapport schräg vor ihm sass und sich streckte. Oder wenn er ein T-Shirt trug, das seine Oberarme zur Geltung brachte. Aber jetzt mit den Fingern über den Rücken des Inspektors zu fahren, zu spüren, was er sich bislang nur beschämt vorgestellt hatte…
Er hörte, wie Wespe seufzte und dieses Geräusch benebelte seine Sinne noch zusätzlich. Es war eines, sich in Fantasien zu verlieren. Es war ein anderes, seine kalte Hand von warmer Haut aufwärmen zu lassen. Schalavsky presste die Lippen aufeinander und versuchte sich zusammenzureissen. Zu ignorieren, dass da gerade ein Kollege in seinem Schoss sass, der ihm vielleicht dann doch schon seit einiger Zeit den Kopf verdrehte. Der jetzt gerade seine Hand in Schalavskys Nacken legte und ihm dort über die Haare fuhr, der seine Wange an die von Schalavsky legte, die an diesem Abend von dem Bart bedeckt war
“Den sollten sie lassen”, flüsterte Wespe und rieb seine Wange demonstrativ an der von Schalavsky. “Steht Ihnen.”
“Als ob”, gab Schalavsky zurück und war stolz darauf, dass er seine Stimme neutral halten konnte und nichts von dem Sturm mitschwang, der in seinem Inneren tobte. Wespe sagte das sicher nur so, der spielte die Rolle, die er in diesem Moment spielen musste, damit ihr Auftrag nicht gefährdet war. Schalavsky schüttelte innerlich den Kopf und zwang sich, Wespe so gut wie möglich auszublenden und sich auf eben diese Mission zu konzentrieren.
So spähte er über Wespes Schulter hinweg und sah tatsächlich, wie ein grossgewachsener, blonder Mann mit dem Labelchef sprach. Wenn Schalavsky sich nicht täuschte, dann stritten sie leise. Jedenfalls liess ihre Körpersprache darauf schliessen, dass es sich nicht um harmonisches Geplänkel handelte, aber verstehen konnte Schalavsky natürlich nichts. Dafür waren sie viel zu weit weg, die Musik zu laut und eigentlich auch Wespe viel zu nah bei ihm. Selbst wenn die zwei Männer direkt vor ihnen gestanden und sich angeschrien hätten, bezweifelte Schalavsky, dass er viel von dem Gespräch mitbekommen könnte. Doch jetzt zog der Labelchef gerade etwas aus seiner Anzugsjacke, einen kleinen, weissen Umschlag. Steckte ihn dem Blonden zu.
Schalavsky war so in seine Beobachtung versunken, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie seine Hand tiefer und tiefer gerutscht war…
Da machte Wespe plötzlich ein Geräusch, eine Mischung aus Seufzen und Stöhnen, das Schalavsky wie einen Stromstoss in jeder Faser seines Körpers spürte. Und ganz besonders an einer bestimmten Körperstelle, die sich bislang zum Glück noch nicht gemeldet hatte.
Das Entsetzen darüber riss ihn aus dieser wattigen Unwirklichkeit und liess ihn hastig seine Hand zurückziehen. Scheisse, warum hatte er nicht besser aufgepasst, warum hatte er sich so treiben lassen, warum hatte er sich auch nur für einen Moment eingebildet, dass das okay war?
Zum Glück tat ihr Verdächtiger in diesem Moment einen Gefallen, zischte noch etwas zu dem Typ mit Sonnenbrille und ging dann mit forschem Schritt zu einer der Türen hinüber.
“Ich folge der Zielperson”, flüsterte er in Wespes Ohr und schob ihn unsanft zur Seite, damit er aufstehen konnte. Das war vielleicht unhöflich, aber Wespe sollte ja nicht mitbekommen, dass Schalavsky ein kleines Problem hatte. Denn Schalavsky wollte sich gar nicht ausmalen, welche Hölle dann los wäre… Wenn Wespe Glockner davon erzählen würde, dann könnte Schalavsky seine Sachen packen. Denn wer wollte schon einen Kollegen, der bei einer Undercovermission nicht sachlich bleiben konnte, der sich stattdessen von völlig absurden Gefühlen leiten liess? Der schon wiederholt einen anderen Kollegen völlig unangebracht angefasst hatte? Wespe hatte allen Grund, ihn mittlerweile bei der Dienstaufsicht zu melden. Schalavsky wurde schlecht bei diesem Gedanken und er biss die Zähne zusammen. Deshalb schob er diesen Gedanken auch hastig zur Seite. Später. Erstmal musste er die Mission zu Ende führen, später konnte er sich wieder selbst dafür hassen, dass er sich nicht gut genug unter Kontrolle hatte.
Und im Ignorieren von Gefühlen war er gut. Schliesslich hatte er ein Leben lang Übung darin.
Eine halbe Stunde hatte Schalavsky alle Informationen, die er brauchte und er war auch körperlich wieder dazu bereit, Wespe gegenüberzutreten. Diesen fand er schliesslich immer noch am gleichen Ort, wo er es sich auf dem Sessel bequem gemacht hatte und gerade mit einer jungen Frau plauderte.
“Ah”, sagte er, als Schalavsky näher trat. “Da kommt mein Manager. Jetzt geht es ums geschäftliche.”
Irgendwie klang geschäftliche so grässlich ironisch und zumindest die Frau lächelte auch etwas wissend.
“Na dann”, sagte sie und bildete sich Schalavsky das Zwinkern in dem schummrigen Licht nur ein? Jedenfalls verschwand sie kurz darauf und zurück blieben nur Wespe und Schalavsky.
“Auch wieder da?”
Jetzt klang Wespe aber wirklich etwas verstimmt. Schalavsky bemühte sich, seinen Unmut zu schlucken und um eine feste Stimme. “Ich habe gesehen, wie er einen Umschlag mit Geld versteckt hat”, flüsterte Schalavsky. “Draussen. Ich habe es gefilmt. Damit haben wir Beweise.”
Wespe wirkte kurz verdutzt, dann lächelte er. “Voller Erfolg”, sagte er. Doch dann verschwand sein Lächeln und er musterte Schalavsky viel zu ernst für das sonst so fröhliche Gesicht.
“Ist was?”, fragte Schalavsky schliesslich, als er dieses ernste Gesicht nicht mehr ertrug.
“Das sollte ich Sie fragen.”
Verdammt, hatte Wespe etwas bemerkt? Schalavsky wurde eiskalt und er bemühte sich um Fassung, verpasste seinem Gesicht eine kühle Maske.
“Wir haben getan, was getan werden musste, um den Auftrag zu erfüllen”, sagte er trocken. “Das war alles für die Mission.”
Eine seltsame Verwandlung ging über Wespes Gesicht. Unglauben, Schmerz, Enttäuschung und schliesslich Wut. Verdattert starrte Schalavsky ihn an, doch da war Wespe auch schon aufgestanden. “Verstanden. Na dann, Auftrag erfüllt”, zischte der Kriminalinspektor giftig und ohne ein weiteres Wort schulterte er sich an Schalavsky vorbei. Dieser blieb noch für einen Moment verdattert stehen. Dann rieb er sich mit beiden Händen über das Gesicht, über den so ungewohnten Bart, von dem Wespe früher am Abend behauptet hatte, er solle ihn doch lassen.
Das war definitiv das Falsche gewesen. Wespes Reaktion sprach doch Bände. Doch Schalavsky wusste beim besten Willen nicht, was denn Richtig gewesen wäre.
Als Kommissar Glockner zwei Tage später in den Pausenraum kam, stand Kommissar Schalavsky an der Kaffeemaschine und rührte gerade in seinem Kaffee, obwohl er den wie immer schwarz trank.
“Glückwunsch”, sagte Glockner zufrieden. “Kocher hat gestanden. Damit wäre zumindest dieser Arm des Syndikats abgehackt.”
“Toll”, sagte Schalavsky, doch er klang müde. Und irgendwie auch abgelenkt.
Glockner musterte ihn dementsprechend auch etwas verdutzt. “Sie haben den Bart aber schnell abrasiert”, sagte Glockner schliesslich gedehnt.
“Ich mag das Zeug nicht”, murmelte Schalavsky und trank noch einen Schluck. Wie zur Bestätigung fuhr er sich gedankenverloren mit der Hand über die Wange und dann über den Nacken.
“Wie war es denn mit Bienert?”
“In Ordnung.”
Glockner wartete noch eine Sekunde, dann hob er etwas skeptisch eine Augenbraue. “In Ordnung?”
“Ja, lief alles gut”, sagte Schalavsky knapp. Noch ein Schluck, doch er begegnete Glockners Blick nicht. Von Wespe hatte Glockner vor einer Stunde eine ähnlich knappe Antwort gekriegt. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass die beiden Kriminalisten gerade irgendwie schlecht aufeinander zu sprechen waren. Aber wenn sie nicht darüber sprechen wollten, dann würde man sie auch nicht dazu zwingen können. Da waren beide ausgesprochene Sturköpfe. Und leider in anderen Aspekten auch…
“Ich muss wieder an die Arbeit”, sagte Schalavsky kurz angebunden. “Der Bericht. Bis später dann.”
“Tschüss”, sagte Glockner verdutzt, da war Schalavsky auch schon an ihm vorbeigegangen, die Schultern uncharakteristisch gesenkt.
Glockner gestattete sich in dem leeren Pausenraum ein frustriertes Schnauben.
Manchmal kam man zu spät. Das gehörte zum Job dazu. Aber als Klaus Schalavsky am Tatort ankam, kniete Inspektor Bienert noch neben dem unbeweglichen Körper, fluchend und mit dieser verzweifelten Hoffnung ausgestattet, die Wespe hoffentlich niemals ganz verlieren würde.
Nur der Arzt konnte jemanden für tot erklären. Deshalb drückte man weiter, selbst wenn der Verstand wusste, dass es da nichts mehr zu retten gab.
Wespes Hemd war voller Blut. Vorher war es gelb-schwarz gestreift gewesen, ein älteres Stück, das der Inspektor gerne trug und zu seinem Spitznamen passte. Jetzt war es rot. Der Junge hatte im Todeskampf offensichtlich nach ihm gegriffen, hatte Wespe ein Hemd aus Blut verpasst.
„Ich übernehme“, sagte Schalavsky und streifte die Einmalhandschuhe über, denn das war das Einzige, was er tun konnte. Weiterdrücken, bis die Notärzte eintrafen. Bis sie sagten, dass es da nichts zurückzuholen gab.
Wespe schlang die Arme um den Oberkörper und beugte sich nach vorne. Er stiess einen erstickten Schrei aus und Schalavsky zog sich das Herz zusammen. Am liebsten hätte er über den stillen Körper gegriffen, hätte Wespe zu sich gezogen, doch jetzt musste noch weitergearbeitet werden, egal wie sehr er sich jetzt lieber um Wespe gekümmert hätte.
Die Notärzte trafen drei Minuten später ein. Und Schalavsky packte Wespe am Arm, zog ihn hoch und führte ihn weg.
Der Inspektor zitterte am ganzen Körper. Adrenalin pumpte ihm zweifellos noch durch jede Ader und Schalavsky spürte die Anspannung unter seiner Hand. Deshalb griff er noch beherzter zu und führte Wespe weiter, immer weiter. Weg von dem toten Jungen, nicht einmal so alt wie TKKG. Hatte Wespe zum ersten Mal realisiert, dass es eines Tages auch einer von ihnen sein könnte?
Eine weitere Notärztin kam angerannt. Schalavsky wollte Wespe schon loslassen, ihn ihr überlassen, doch Wespe griff nach seinem Handgelenk. Schalavsky sah verblüfft nach unten, dann in Wespes Gesicht.
Wespe sah ihn aus grossen, flehenden Augen an. Lass mich nicht allein, schrie dieser Blick, der eiserne Griff um das Handgelenkt. Schalavsky nickte überrumpelt und beschloss, stehen zu bleiben.
Wespe zog den Pullover und die Hosen aus, stopfte sie in einen der Müllsäcke. Er warf die Einmalhandschuhe weg, die er sich übergestreift hatte, Schalavsky seine auch. Wespe wusch sich das Gesicht mit dem mitgebrachten Wasser, dann die Arme und nahm schliesslich von der Notärztin mit einem knappen Nicken ein Set Wechselklamotten entgegen, zog die grauen Jogginghose und das graue Shirt an.
Fremd sahen diese Farben an Wespe aus. Aber genauso fremd war dieser apathische Gesichtsausdruck, diese starren Augen. Und Schalavsky verfluchte sich dafür, dass er auch nur für eine Sekunde überlegt hatte, Wespe allein zu lassen.
„Kommen Sie“, sagte er, nachdem die Notärztin mit ihrer Untersuchung fertig war und Wespe mit einem Nicken entlassen hatte.
Wespe liess sich auf die Beine ziehen und lehnte sich sogleich gegen Schalavsky. Dieser tätschelte ihm etwas unbeholfen die Schulter und führte ihn dann sanft weg. Zu seinem Polizeiauto, etwas abseits gelegen.
Einsatzleiter war Kommissar Wimmel, dem Schalavsky mit Handzeichen zu verstehen gab, dass er sich um Wespe kümmern würde. Wimmel bestätigte ihm das mit einem Daumen nach oben. Dann sah der Kommissar wieder zu dem Haus, wo gerade von den Notärzten auf einer Bahre ein schwarzer Leichensack herausgetragen wurde. Schalavsky beeilte sich, sich umzudrehen, damit er sicher gehen konnte, dass Wespe nicht zurückblickte. Doch der Inspektor sah auf seine Schuhe, die Schultern gesenkt, als würde ihn die letzten Stunden physisch niederdrücken.
„Alles in Ordnung?“, fragte Schalavsky und verzog sogleich das Gesicht. Wie dumm. Natürlich war es nicht in Ordnung.
Wespe würdigte die Frage auch mit einem freudlosen Lächeln, das mehr etwas von einer Grimasse hatte.
„Das meinen Sie aber jetzt nicht Ernst, oder?“, gab er matt zurück.
Schalavsky wusste nicht ganz, was er sagen sollte, weshalb er Wespe zu der Beifahrerseite führte. Doch noch bevor er die Tür hätte öffnen können, legte Wespe sich die Hände auf die Oberschenkel, lehnte sich nach vorne und machte ein würgendes Geräusch, als müsse er sich übergeben. Schalavsky zuckte zusammen und griff instinktiv nach Wespe, stützte ihn. Wespe ging in die Knie und Schalavsky folgte ihm, sein Herz wild pochend. Sollte er nach den Notärzten rufen?
Wespe nahm ihm die Entscheidung ab, indem er ihn umarmte. Schalavskys Atem stockte und das nicht nur, weil Wespe ihn mit seinen - doch recht starken - Armen so umschlang, als möchte er ihn zerdrücken. Er hob die Schultern etwas, damit er Wespes eisernen Griff lockern konnte, damit er sich mit dem Rücken gegen das Polizeiauto hocken konnte, Wespe mit sich ziehend.
Wespe presste sein Gesicht gegen Schalavskys Hemd und Schalavsky sah in dem Zucken seiner Schultern, dass er weinte. Schalavskys Herz zog sich bei diesem Anblick zusammen und er konnte nichts anderes tun, als seine Arme um Wespe zu legen und ihn festzuhalten.
Es war nichts Neues für ihn, er hatte das schon oft gesehen. Schock. Manchmal kam er sofort, manchmal verzögert, manchmal mit Tränen, manchmal mit Wut. Einige rissen sich die Haare aus, andere lachten, wieder andere zogen sich zurück, sprachen kein Wort. Ertränken ihre Sorgen Stunden später in Alkohol oder drückten das Gaspedal des Autos durch.
Er hatte nicht gewusst, wie Wespe reagieren würde. Noch nie hatte er Wespe blutbefleckt gesehen.
Schalavsky war nicht sonderlich gut darin, Menschen zu trösten. Die richtigen Worte fand er nur selten. Er stellte lieber sicher, dass andere gar nicht erst in diese Situationen kamen. Dann halt lieber selbst den Kopf herhalten, selbst einen Schlag kassieren, selbst die Verwesung und den Tod riechen.
Wespe verstärkte den Griff, drückte sich gegen Schalavsky, als ob er mit dessen Körper verschmelzen möchte. Als wären Schalavskys Arme irgendwie ein Schutzschild gegen das, was er gerade gesehen hatte. Deshalb griff Schalavsky noch fester zu, zog Wespe zu sich, so dass Wespe wieder fast in seinem Schoss sass, so wie er es damals während ihrer Undercovermission getan hatte.
Hinter ihnen, hinter dem Polizeiauto wuselten Kollegen herum, doch alles geschah ohne Hast. Mit Blaulicht war eine Ambulanz davongefahren, eine weitere langsamer gefolgt. Dennoch war Schalavsky, als wäre das alles meilenweit entfernt. Jetzt in diesem Moment existierte in Schalavskys Welt nur der weinende Wespe.
Schalavsky schloss die Augen und vergrub sein Gesicht in Wespes Haaren. Nahm eine Hand hoch und strich ihm beruhigend über den Kopf. Das schien richtig, denn langsam verebbten die Schluchzer, das Zucken der Schultern nahm ab, Wespes eiserner Griff wurde etwas sanfter.
“Geht’s?”, fragte Schalavsky leise und strich Wespe über den Hinterkopf.
“Besser”, krächzte Wespe matt. “Sorry, ich rotz Ihnen das Hemd voll.”
“Schon gut”, murmelte Schalavsky. Noch einmal strich er Wespe durch die Haare und der Inspektor drückte als Antwort seinen Kopf gegen Schalavskys Brust. Wie lange sie so sitzen blieben, wusste Schalavsky nicht, doch langsam beruhigte sich Wespes Atem.
Gerne wäre Schalavsky weiter so dagesessen, hätte Wespe noch ewig sanft durch die Haare gestrichen, um diese Dämonen fernzuhalten, doch sein rechtes Bein schlief langsam ein.
“Können Sie aufstehen?”, fragte er deshalb.
Wespe nickte. Dennoch schien er fast etwas widerwillig das eine Bein über Schalavsky zu schwingen. Schalavsky liess sich von Wespe auf die Beine ziehen und klopfte sich die Hosen sauber. Dann liess er Wespe in das Auto einsteigen und setzte sich selbst auf die Fahrerseite.
Sie waren gerade von dem Platz gefahren, als Wespe sich leise räusperte.
“Das war peinlich.”
“War es nicht!”, konterte Schalavsky, so vehement, dass Wespe verdutzt zu ihm hinübersah. “Es ist gut, dass Sie das rauslassen können”, sagte er schliesslich.
“Können Sie das nicht?”
“Es geht jetzt hier gerade nicht um mich”, sagte Schalavsky sachlich und warf Wespe einen bedeutungsschweren Blick zu. “Geht es Ihnen gut?”
“Den Umständen entsprechend”, antwortete Wespe, doch Schalavsky glaubte ihm das nicht ganz, zu forciert war sein Lächeln, zu leer dieser Blick.
“Möchten Sie mit der Psychologin sprechen?”
“Nein”, sagte Wespe, schärfer als beabsichtigt, denn er setzte ein leiseres “das muss ich nicht”, hinterher.
“Sind Sie sicher?”
“Sind Sie jetzt mein Vater?”
“Würde der Sie denn zum Psychologen schleifen?”
Jetzt lachte Wespe und Schalavsky war, als würde ihm bei diesem Geräusch ein Stein vom Herzen fallen. Jetzt lächelte Wespe und dieses Mal wirkte es schon fast ehrlich.
“Dann fahre ich Sie nach Hause”, bestimmte Schalavsky.
“Nicht ins Präsidium?”
“Nein”, antwortete Schalavsky. “Morgen können Sie auch noch Ihre Aussage machen. Ich informiere Glockner.”
Schalavsky tat dann auch genau das. Der Funkspruch war kurz, Glockner verständnisvoll.
“Dann bis Morgen, Bienert. Passen Sie auf ihn auf, Schalavsky. City 21 Ende.”
“City 7 verstanden. Ende.”
“Haben Sie das gehört? Sie sollen auf mich aufpassen. Also sind Sie wohl doch zu meinem Vater aufgestiegen”, wiederholte Wespe, fast schon etwas stichelnd.
Schalavsky hätte zu einem anderen Zeitpunkt wohl geseufzt, die Augen verdreht. Aber in diesem Moment war er einfach nur so erleichtert darüber, dass Wespe nicht mehr weinte, dass er einfach nur fein lächelte. “Befehl von oben”, sagte er. “Dem muss ich wohl Folge leisten.”
“Dann kutschieren Sie mich jetzt nach Hause? Auf Aufforderung von Glockner hin?”
“Für Sie würde ich das auch sonst tun”, murmelte Schalavsky abgelenkt, denn er hatte gerade einen Radfahrer im Blick, der sich nicht ganz sicher war, ob er jetzt links oder rechts abbiegen sollte.
Wespe musterte Schalavsky überrascht, dann lächelte er sanft. Beides bemerkte Schalavsky nicht, denn er sah konsequent auf die Strasse. Schliesslich sah Wespe aus dem Seitenfenster, legte die Stirn gegen das Glas und schloss die Augen.
Schalavsky wusste, wo Wespe wohnte. Er hatte ihn schon zweimal für einen Einsatz von dort abholen müssen. Aber während diesen Fahrten hatte Wespe die Stille immer mit Gesprächen und Witzen gefüllt, auch wenn Schalavsky sich damals gewünscht hatte, er würde doch bitte etwas weniger reden. Jetzt sehnte er sich nach dem redseligen und witzelnden Wespe, denn der ihm war tausendmal lieber als dieser nachdenkliche Wespe, der jetzt gerade neben ihm sass. Schalavsky wusste jedoch selbst auch nicht, was er denn sagen sollte, um diese Stille in dem Auto zu durchbrechen, weshalb er schwieg. Und wieder war er sich bewusst, dass das zweifellos falsch war.
Sie kamen bei Wespes Wohnung an. Wespe blinzelte und wandte Schalavsky dann langsam den Kopf zu. “Kommen Sie noch schnell mit rauf?”
Da war etwas seltsames in seiner Stimme, das Schalavsky aufhorchen liess, ihn in Alarmbereitschaft versetzte. Deshalb nickte er. Folgte Wespe in den zweiten Stock.
“Sind Ihre Mitbewohner nicht da?”, fragte Schalavsky, als Wespe die dunkle Wohnung aufschloss.
“Nein. Beide fürs Wochenende weggefahren.”
Schalavsky folgte Wespe in die Wohnung und kaum hatte er die Tür hinte sich geschlossen, als Wespe ihn auch schon packte, gegen die Tür drückte und küsste.
Schalavsky war darüber so verdutzt, dass er zunächst gar nicht reagierte. Dann schloss er die Augen und liess sich von der Sensation treiben, genoss das Gefühl von Wespes Lippen auf seinen, von den Händen in seinem Hemd. Eine Sekunde, nur eine Sekunde, liess er sich treiben. Doch dann holte ihn die Realität ein und er stiess Wespe von sich weg.
Der Inspektor stolperte rückwärts, fing sich wieder und starrte Schalavsky dann an.
„Das ist eine dumme Idee“, sagte Schalavsky schliesslich in die drückende Stille.
Die Verwirrung auf Wespes Gesicht machte einem Ausdruck Platz, den Schalavsky am besten als Welpe-der-gekickt-wurde beschrieben hätte.
„Wenn Sie nichts von mir wollen, ist das okay“, sagte Wespe und seine Stimme klang roh und blutend. „Aber hören Sie auf, mir solch verwirrende Signale zu senden.“
„Ich…“, begann Schalavsky, doch er wusste nicht weiter. Wespe ballte eine Faust an seiner Seite und seine Stimme klang belegt als er weitersprach.
„Sie legen mir die Hand auf den Oberschenkel und rennen dann weg, Sie umarmen mich, streichen mir über den Rücken, berühren mich, dann stossen Sie mich weg. Dann kümmern Sie sich um mich, halten mich, fahren mich nach Hause… Hören Sie auf, mir gottverdammt nochmal Hoffnung zu machen!“
Die letzten Worte hatte Wespe lauter gesagt als beabsichtigt und schien etwas überrascht über sich selbst zu sein. Schalavsky starrte ihn seinerseits an.
„Das ist das Trauma“, sagte er beschwichtigend. „Sie wollen nicht…“
„Herrgott!“, stiess Wespe genervt aus, was Schalavsky sogleich verstummen liess. Wespe raufte sich frustriert die halblangen Haare und machte sie damit noch wilder als sonst. „Hören Sie auf, mich zu bevormunden! Hören Sie auf, mir Worte in den Mund zu legen! Was, wenn ich Sie küssen will? Schon seit langem? Und ich dachte… dass Sie auch…“
Wespe sprach nicht weiter. Stattdessen sah er zur Seite, tat einen tiefen Atemzug. Schalavsky starrte ihn an, dieses so vertraute Gesicht, das jetzt ganz ungewohnte Emotionen präsentierte. Schmerz, Enttäuschung, Resignation.
Wespe wollte ihn also küssen. Schalavskys Herz tat einen Sprung bei diesem Gedanken.
„Ich bin zu alt für Sie“, wiegelte er trotzdem ab, sein Rücken immer noch gegen die Tür gelehnt. Gegen die Wespe ihn vor einigen Minuten noch gedrückt hatte. Was, wenn Schalavsky das zugelassen hätte, die nervige Stimme in seinem Inneren niedergerungen? Wären Sie dann schon in Wespes Schlafzimmer?
Wespe schnaubte missbilligend. „Da ist es schon wieder!“, beklagte er. „Keine klare Antwort. Drücken Sie sich nicht so umständlich aus, Herr Kollege! Das ist eine Ja Nein Frage, keine wissenschaftliche Abhandlung.“
Jetzt spürte auch Schalavsky, wie Wut in ihm aufstieg. Wespes Gefühlswelt mochte simpler sein als die von Schalavsky, wurde nicht von den gleichen Stürmen heimgesucht.
„Wir arbeiten zusammen, es gibt so etwas wie eine Dienstordnung“, konterte Schalavsky.
Wespe lachte bitter und verwarf die Hände. „Ja genau, die ach so heilige Dienstordnung! Ihr Schwert und Ihre Rüstung! Dahinter können Sie sich verstecken, denn was nicht sein darf, ist nicht, oder wie? Mann, ich will doch bloss eine Antwort von Ihnen, von Klaus Schalavsky, nicht von Kommissar Schalavsky!“
Aber diese beiden Männer waren untrennbar miteinander verbunden, einer der andere. Und momentan versuchten beide, den jeweils anderen zu ersticken, obwohl es ihr eigener Untergang bedeutete.
„Warum ich?“, brachten beide Schalavskys schliesslich hervor, eine Frage, die ihm schon seit Ewigkeiten auf der Zunge brannte. Eigentlich seit Wespe ihm das Wasser gebracht hatte. Das Eis gekauft.
Die Frage schien viel von der Wut zu verpuffen, die Wespe noch vor einigen Sekunden gespürt hatte. Stattdessen nistete sich jetzt ein verdutzter Ausdruck auf seinem Gesicht ein.
„Was?“
„Warum ich?“, wiederholte Schalavsky, immer noch das solide Gewicht der Tür im Rücken. „Sie könnten so viel Bessere haben. Warum jemand wie ich? Ich weiss doch, dass ich ernst bin, auf die Dienstordnung poche… Es gäbe tausende, ach was, Millionen, die besser für Sie wären. Sie haben jemand besseres verdient!“
Wespe starrte ihn an, als ob ihm ein zweiter Kopf gewachsen wäre. Und jetzt, da Schalavsky diesen Damm gebrochen hatte, konnte er die Worte nicht mehr zurückhalten. „Sie sind so clever, so jung, so… so voller Lebenslust. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wie Sie zu sein haben. Einer wie ich würde Sie doch bloss runterziehen. Wie… wie könnte ich Ihnen das antun?“ Er sah zur Seite. „Egal, wie sehr ich es vielleicht möchte.“
Schalavsky sah aus den Augenwinkeln die Bewegung. Sah, wie Wespe einen Schritt auf ihn zumachte. Spürte, wie sein Gesicht in sanfte Hände genommen wurde, wie Wespe seinen Kopf drehte und ihn zwang, ihm ins Gesicht zu sehen.
Wespes Blick aus braunen Augen war sanft, verständnisvoll und irgendwie auch… traurig.
„Sie denken, Sie verdienen mich nicht?“, fragte er leise.
Schalavsky wusste darauf keine Antwort. Stattdessen starrte er bloss in Wespes Augen. Die Wärme der Hände benebelte seine Sinne. Trotzdem nickte er.
„Als ich es realisiert habe, dass ich mich in Sie verliebt habe (Schalavskys Atem stockte bei dem Wort verliebt), da dachte ich mir schon Nein, warum er?‘“, begann Wespe. Schalavsky schnaubte freudlos, doch Wespe verstärkte den Griff nur noch. „Vielleicht haben wir oberflächlich nicht viel gemeinsam. Aber… Sie sind treu. Gewissenhaft. Sie tun, was getan werden muss, vielleicht nicht ohne sich ordentlich auf dem Weg dorthin zu beschweren, aber Sie tun es! Sie bleiben Ihren Prinzipien treu und Sie sind so verdammt aufopferungsvoll!“ Jetzt griff Wespe zu, als möchte er Schalavsky nie wieder loslassen. Zwischen seinen warmen Händen behalten für den Rest der Zeit. „Sie stellen sich selbst an letzte Stelle, weil Sie denken, dass das Ihre Pflicht verlangt. Aber bitte, bitte, opfern Sie sich nicht selbst, nur weil Sie denken, es sei das Richtige. Verdammt, Sie sind doch nicht Atlas!“
Schalavsky war darüber so verdutzt, dass er Wespe einfach nur anstarrte. „Sie kennen den Mythos von Atlas?“
Jetzt lachte Wespe und das Geräusch wärmte Schalavskys Herz. Wespes Griff wurde sanfter, seine Daumen strichen über Schalavskys Wangen.
„Kommissar Schalavsky sagt, das sei gegen die Dienstordnung“, murmelte Wespe. „Aber was sagt Klaus?“
Klaus sagte gar nichts. Klaus lehnte sich nach vorne und küsste Wespe.
Wespe seufzte gegen seine Lippen, zog ihn mehr zu sich herunter, griff nach seinem Gesicht, als möchte er Schalavsky davon abhalten, wieder einmal davonzurennen.
Schalavsky dachte immer noch, dass das eine dumme Idee war. Dass er Wespe eigentlich nicht küssen sollte, dass er jetzt vorhin ein Machtwort hätte sprechen sollen. Ein besserer Mann hätte das wohl getan. Aber verdammt, Schalavsky wollte Wespe küssen. Wollte die warme Haut wieder unter seinen Fingern spüren, wollte ihm diese grässlichen Kleider, die nicht zu ihm passten, ausziehen und jeden Quadratzentimeter Haut kartographieren, bis er sie auswendig kannte.
Er zog an Wespes Pullover und Wespe unterbrach den Kuss nur widerwillig, damit Schalavsky ihm das Kleidungsstück hastig abstreifen konnte.
„Sie verlieren keine Zeit“, murmelte Wespe atemlos, aber er klang nicht unzufrieden. Im Gegenteil sogar. Schalavsky antwortete nicht. Eigentlich hatte er schon viel zu viel Zeit verloren. Hatte sich in seinem Leben schon so viele Dinge nicht gestattet. Hätte auch seine Gefühle für Wespe nicht zugelassen, wenn Wespe nicht so hartnäckig geblieben wäre. Deshalb presste er dankbar seine Lippen gegen Wespes Hals. So wie er es im Nachtclub am liebsten getan hätte. So wie er es in seinen viel zu vielen schwachen Momenten vorgestellt hatte, zu tun.
„Tiefer“, mahnte Wespe ihn und schob Schalavskys Kopf etwas weiter. „Sonst hat Glockner morgen Fragen.“
Schalavsky brummte bestätigend. Vielleicht hätte der Gedanke an Glockner ihn aus dieser Situation herausreissen sollen. Dieses Mal tat er es jedoch nicht, stattdessen küsste er Wespes Schulter, fuhr mit seinen Händen über Wespes Rücken, den er schon einmal so unter den Fingern gespürt hatte. Damals hatten sich die Berührungen gestohlen und hastig angefühlt. Jetzt waren sie langsam, bewusst.
Wespe wollte das, wollte ihn! Schalavsky beschloss, für einmal selbstsüchtig zu sein und dieses Geschenk anzunehmen, es gegen seine Brust zu drücken und wie ein trotziges Kind nicht wieder hergeben zu wollen. Wespe hätte einen anderen verdient, dennoch, dennoch, ausgerechnet ihn auserkoren. Und Schalavsky würde verdammt sein, wenn er zuliess, dass Wespe seine Wahl bereute.
Wespe zog ihm das Hemd aus der Hose, nestelte hastig an den Knöpfen, presste einen Kuss gegen Schalavskys Ohr, gegen die Wange.
„Ich hätte Sie im Club küssen sollen“, murmelte Wespe keuchend, Knopf um Knopf mehr Haut offenbarend. „Mit dem Bart. Ich frage mich immer noch, wie der sich anfühlt.“
„Ich kann mir wieder einen stehen lassen“, gab Schalavsky zurück, während er mit den Händen über Wespes Seite fuhr, was den Inspektor wohlig erschaudern liess. „Dann wissen Sie’s.“
Wespe brummte zufrieden. Dann zog er auffordernd an Schalavsky. Eindeutig. Hungrig. Schalavsky liess sich bereitwillig mit sich ziehen.
Als Wespe ihn auf das Bett schubste, auf ihn kletterte, da umschlang Schalavsky ihn. Drückte Wespe gegen sich, genoss die Wärme, die durch seine Haut zu dringen schien, sein Herz umschloss und seinen ganzen Körper fiebrig warm werden liess.
Wespe küsste ihn noch einmal, sanfter, als Schalavsky es in dieser Situation erwartet hätte.
“Ich werde mein bestes geben, damit du das nicht bereust”, murmelte Wespe. Schalavsky hätte beinahe gelacht. Hatte er nicht etwas ähnliches vor einigen Minuten gedacht? Deshalb griff er Wespes Gesicht und küsste ihn noch einmal. Versuchte die kleine, nagende Stimme in seinem Hinterkopf zu ersticken, die nie ganz Ruhe zu geben schien.
Und als Wespe seine Hand tiefer wandern liess, zugriff, da war es in Schalavskys Kopf endlich einmal still. Zurück blieb nur Wespe.