Dies ist im Grunde der Schrottplatz, äh, Gebrauchtwarencenter für all die Ideen, die mich hinterrücks niederknüppeln, als wäre ich für Reche
Falls jemand interessiert ist, ich schreibe Drabbles zu den Drei ???.
Momentan Poste ich jeden dritten Tag ein neues Drabbles. Heute kam das 10.
Und fertig geschrieben habe ich im Moment 186, also das wird noch eine Weile so weitergehen.
Wir sind uns doch einig, dass Skinny Norris als Cocktail 🍸 Skinny Bitch trinkt. Hauptsächlich weil seine Freunde darauf bestehen bei seinem Eintreffen "It's Skinny, bitch!" zu singen. Jedes Mal.
Eine Idee zu Wespe die zumindest als snippet geschrieben werden wollte. Ich mach das gerade im Zug fertig also alle Fehler sind Features
„Bienert?“ Schalavsky platzte in das Büro mit etwas, das Wespe als seinen irritiert- grummeligen Gesichtsausdruck kategorisieren konnte. Besser als der wütend-grummelige Ausdruck, aber schlechter als der neutral-grummelige Ausdruck, den Schalavsky nur in bester Laune zur Schau trug. Vor allem wusste Wespe nicht, was er jetzt eigentlich gemacht hatte. Er hatte ihm weder den Kaffee gestohlen, noch etwas freches gesagt. Sogar sein Outfit war eines seiner üblichen, über das sich Schalavsky schon zu oft beschwert hatte, um noch eine Miene zu verziehen. „Warum werden Sie zu spezifisch zu einem Einsatz gerufen?“
Wespe runzelte verblüfft die Stirn: „Woher soll ich das wissen? Ich wusste nicht mal, dass ich gerufen wurde.“
„Vielleicht sagt Ihnen diese Adresse was.“ Schalavsky legte einen Zettel auf Wespes Tisch. Er las die Adresse und sein Herz sank auf diese spezielle Art, wenn man schlechte Nachrichten bekam. „...ach fuck.“
Schalavsky verschränkte die Arme: „Wie wäre es mit einer Erklärung? Was geht hier ab? Man kann sich nicht einfach einen Polizisten aussuchen.“
„Man kann, wenn man derartig reich ist.“, murmelte Wespe resigniert und stand auf.
„Sie kennen sie also.“, stellte Schalavsky fest.
Wespe griff nach seiner Jacke und murmelte viel zu schnell: „Dasistdashauptanwesenmeinerfamilie.
Schalavsky griff nach seinem Arm und stoppte ihn: „Was?“
Wespe seufzte und sagte langsamer: „Das ist... das Hauptanwesen... meiner Familie.“
Schalavsky glaubte sich verhört zu haben: „Ihrer Familie?“
„Jep. Ich fahr dann mal.“
Schalavsky ließ es zwar zu, dass Wespe sich losmachte, aber er war nicht einverstanden: „Sie sollten da nicht arbeiten, wenn sie persönlich involviert sind.“
Wespe lachte bitter auf: „Glauben Sie mir, dass die ein Nein nicht akzeptieren werden.“
Schalavsky sah die deutlichen Anzeichen von Stress und Angst vor dem Ungewissen in Wespe und entschied: „...ich komme mit Ihnen.“
Wespe blickte ihn nur suchend an und als er überzeugt war, dass Schalavsky es ernst meinte sagte: „Fein. Da Sie mich eh nicht leiden können, wird es dadurch auch nicht mehr schlimmer.“
Schalavsky wusste nicht was er von Wespes Aussage halten sollte, aber als sie dann im nobelsten Villenviertel vor einem Prachtbunker standen, der wahrscheinlich ebenso teuer wie hässlich war, ahnte er, dass ihm noch etliche Puzzelteile fehlte.
Das Tor wurde automatisch geöffnet und als sie die lange Auffahrt hinauf gefahren waren und vor dem Eingang parkten, hatte ein Herr im Anzug bereits die Türen geöffnet und stand würdevoll im Eingang. Als Wespe aber ausstieg, verlor er plötzlich die würdevolle Haltung und eilte die Stufen hinunter.
„Junger Herr Kasimir.“, sagte und streckte die Hände nach Wespe aus. „Es freut mich so Sie zu sehen.“
„Hektor.“, lächelte Wespe verlegen und seine Anspannung verlor sich ein bisschen. „Es ist auch schön dich zu sehen.“
„Geht es Ihnen gut? Essen Sie auch immer genug?“
Wespe schmunzelte: „Ja Hektor, es geht mir gut. Weißt du, warum man uns hierher beordert hat?“
Hektor schüttelte schnell den Kopf: „Ich wusste nicht mal, dass Sie kommen. Aber ich denke, es hat mit Ihrer Großmutter zu tun.“
Wespe runzelte die Stirn: „Was ist mit Oma?“
„Es tut mir leid ihnen mitteilen zu müssen, dass sie in den frühen Morgenstunden verstorben ist.“, sagte Hektor mit sanften Gesichtsausdruck.
Wespe atmet erschrocken ein. Schalavsky trat dichter an seine Seite und legte eine Hand auf seinen Rücken: „Bienert? Wollen Sie-?“
„Schon gut, schon gut.“, unterbrach Wespe. „Danke, dass Du mich vorgewarnt hast Hektor.“
„Es ist nicht ganz klar, was geschehen ist.“, sagte Hektor vorsichtig. „Sie war außerhalb ihres Bettes und... Nun vielleicht ist sie nur gestürzt.“
Schalavsky runzelte die Stirn: „Ich werde mir das ansehen.“ Er wollte Bienert anbieten sich das zu ersparen oder zu seiner Familie zu gehen. Aber Bienert trat bereits auf die Eingangstreppe zu. Schalavsky hatte das Gefühl, er würde er in ein Museum laufen oder einen Designerladen, den man ohne das entsprechende Budget nicht mal betreten dürfe. Alles hieran schrie nach Geld und Reichtum (und wie Schalavsky fand ziemlich schlechten Geschmack). Wespe bewegte sich zielsicher durch die Eingangshalle. Er kannte offensichtlich den Weg und bis auf ein zwei Blicke zu Seite nahm er sich auch nicht die Zeit alles zu betrachten. Er schien auch zu wissen, wo er in diesem großen Haus hin musste. Hektor folgte ihnen beflissen ohne eine Richtung vorgeben zu müssen. Wespe fand seine Oma. Sie lag in einem Fleck aus getrocknetem Blut. Offensichtlich hatte jemand versucht, sie wegzubewegen und es dann aufgegeben. Das Blut stammte aus einer Kopfwunde. Die alte Dame war in einen seidenen Schlafanzug gekleidet und hatte ihre weißen Haare zu einem Zopf geflochten.
Wespe presste eine Hand vor den Mund und kniff die Augen zu.
Schalavsky legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sprach leise zu ihm: „Bienert, ich kann das hier übernehmen.“
Wespe sah ihn an und schüttelte den Kopf: „Nein. Das kann ich Ihnen nicht antun. Ich muss mich nur sammeln, bevor ich meiner Familie unter die Augen trete.“
Schalavsky empfand diese Aussage etwas seltsam, aber manchmal war es schwer, die professionelle Fassade im Anblick von engen Freunden und Familie aufrecht zu erhalten. Aber Wespe wirkte angespannt und ängstlich.
Wespe riss sich in den nächsten zwei Minuten so sehr zusammen, dass ihm nicht mehr anzusehen war, dass er im gleichen Raum mit der Leiche seiner Großmutter stand.
„Wo finde ich die anderen?“, fragte Wespe.
„In der Lounge.“, sagte Hektor hilfreich.
Wespe nickte und schritt voran. Schalavsky folgte ihm bis in einem Raum, der ähnlich farblos wie der Rest des Hauses ausgestattet war und dessen Möbel ihn daran zweifeln ließen, ob sie für Menschen designt worden waren.
Im Raum waren fünf Personen anwesend. Die drei Erwachsenen standen von ihren Sitzplätzen auf, als sie den Raum betraten, die beiden Teenager blieben in ihren Sesseln sitzen.
„Ah Rembold, du bist endlich eingetroffen.“, sagte die Frau mit einem strengen Blick. Sie trug einen Hosenanzug und High Heels, was sie bestimmt sehr erfolgreich im Job machte, aber in ihrem eigenen Zuhause wie eine Verkleidung und damit verdächtig wirkte.
„Guten Tag, Mama.“, sagte Bienert trocken. Schalavsky sah überrascht die Frau an, um zu sehen, ob er Ähnlichkeiten in ihr zu seinem Kollegen erkennen konnte. Stattdessen fand er ein missbilligendes Zucken der Mundwinkel, dass ihm eine sehr schlechte Vorahnung bereitete.
„Sohn.“, sagte nun auch einer der beiden anwesenden Männer. Er sah ähnlich streng aus wie die Frau und trug einen so teuren Anzug, dass Schalavsky noch nicht mal den Namen der Firma aussprechen konnte, ohne bankrott zu gehen.
„Papa.“, sagte Bienert trocken und ging dann auf Angriff. „Habt ihr mich nur informieren wollen, oder habt ihr mich in meiner Funktion als Polizist gerufen?“
„Als Polizist natürlich.“, sagte die Mutter. Weil es natürlich undenkbar war, den eigenen Sohn vom Tod seiner Großmutter zu benachrichtigen.
Der zweite Mann stand nun auf und fragte mit einem Nicken zu Schalavsky: „Wer ist das?“
Wespe drehte sich halb zu Schalavsky um und sagte zu ihm: „Oh, tschuldigung.“ Wespe deutete zu den Teenagern, die schüchtern nickten: „Das sind Ottilie und Konrad, meine Geschwister und das sind Erdmute von Zauderstein und Edelbert der Vierte von Zauderstein, meine Eltern. Und das ist Wenzel von Zauderstein, mein Onkel.“ Erst danach wandte er sich an seine Familie: „Das ist Kommissar Schalavsky.“
„Warum hast du ihn mitgebracht?“, fragte Onkel Wenzel.
„Ihr habt nach mir verlangt und wir sind ein Team.“, sagte Wespe stumpf.
Wenzel machte ein auffälliges Geräusch, aber es war Erdmute, die erklärte, was sie wollten: „Wir wollen das in kleinem Kreis halten und keine unnötigen Personen einmischen.“
Schalavsky verstand, dass sie Wespe nur gerufen hatten, um seinen Einfluss zu nutzen.
Wespe runzelte die Stirn: „Ich kann mich nicht involvieren, wenn die Todesursache ungeklärt ist.“
Schalavsky stellte überrascht fest, dass Bienert doch einen Sinn für die Dienstordnung zu haben schien. Wenn auch nur dann, wenn es ihm genehm war.
„Dann kannst du auch wieder gehen.“, sagte Edelbert. „Du hattest einmal die Chance nützlich zu sein, und nicht mal das bekommst du hin, du wertloses-“
Schalavsky räusperte sich laut: „Ich würde Ihnen dringend davon abraten, meinen Kollegen zu beleidigen, sonst lasse ich Sie wegen Beamtenbeleidigung belangen. Darüber hinaus handelt mein Kollege vollkommen korrekt und vorbildlich, weswegen ich die Ermittlungen übernehmen werde. Bitte halten Sie sich zur Verfügung.“ Er sah zu seinem Kollegen und sagte sanfter: „Bienert, ich würde Sie gerne zuerst befragen.“
Wespe nickte und folgte Schalavsky aus dem Raum. Wespe steuerte einen Raum an, der aussah wie ein Arbeitszimmer, das zu selten genutzt wurde.
„Ich habe Fragen.“, sagte Schalavsky. Bienert nickte und ließ sich auf der Tischkante des metallenen Monstrums, dass den Schreibtisch bildete, nieder.
„Was ist mit den Namen?“
„Ich benutzte nur noch meinen dritten Vornamen und habe jung geheiratet.“, sagte Wespe
Schalavsky glaubte sich verhört zu haben: „Moment, Sie sind verheiratet?“
Wespe schüttelte den Kopf: „War verheiratet, jetzt sind wir geschieden… Ich hab seinen Nachnamen behalten.“
Schalavsky vermerkte das als gedanklich unter Informationen, denen er später nachgehen musste. Es war gerade wirklich nicht wichtig herauszufinden, wer dieser Mann war, den Wespe geheiratet hatte, auch wenn es ihn interessierte.
„Warum sind die da drin so…“
„Bitchig?“, schlug Wespe vor. Er verschränkte die Arme vor der Brust: „Können wir das später klären? Wir kommen halt nicht gut miteinander aus und ich hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen.“
„Okay.“, sagte Schalavsky. „Glauben Sie, irgendjemand hätte einen Grund, Ihre Großmutter zu töten?“
Wespe verzog den Mund: „Bestimmt. Sie haben gesehen, wie die sich darin verhalten, wenn sie gerade einen Verlust erlitten haben. Was meinen Sie, wie die drauf sind, wenn sie sich unantastbar fühlen?“
Schalavsky nickte: „Ich rufe die Kollegen und wir werden das untersuchen lassen. Bienert, wenn das hier zu viel ist… Möchten Sie gehen?“
Wespe schüttelte den Kopf: „Nein, ich möchte helfen… Ich weiß, ich sollte nicht. Ich werde Ihren ausnahmslos Anweisungen folgen.“
„Das wäre ja mal was ganz neues.“, rutschte es Schalavsky raus, bevor er es verhindern konnte. Aber Wespe nahm keinen Anstoß daran. Ernsthaft beteuerte: „Ich verspreche es.“
Schalavsky nickte: „Schon gut. Wir versuchen aber, es nicht an die große Glocke zu hängen.“
Die Kollegen von der Spurensicherung kamen und untersuchten alles. Wespes Großmutter wurde abtransportiert und würde auch untersucht werden.
Schalavsky kam in das Vergnügen die gesamte Familie befragen zu können. Er stellte schnell fest, dass es von Vorteil war, wenn Wespe dabei war, vor allem wenn er sich in den Rücken der Befragten stellte und immer mal wieder leicht den Kopf schüttelte, wenn er eine Lüge erkannte. Schalavsky stellte in diesen Gesprächen fest, dass er die gesamte Familie nicht besonders leiden konnte und beschloss die gesamten Angelegenheiten haarklein durchzugehen, um zu schauen, ob sie irgendwelche Leichen im Keller hatten, auch wenn sich Großmutters Tod als natürlich herausstellte.
Die beiden Teenager durfte er nicht befragen, weil sich ihre Eltern lautstark dagegen aussprachen. Allerdings waren sie gerade dabei, das Haus zu verlassen, als die beiden Teenager sie abfingen und in das Arbeitszimmer zogen, dass sie bisher für ihre Besprechungen verwendet hatten.
Ottilie und Konrad stürmten zu Wespe und warfen sich in seine Arme. Er fing seine Geschwister ab und presste sie dicht an sich. Schalavsky nickte ihm zu und verließ den Raum, um ihnen Privatsphäre zu geben, und auch jeden anderen davon abzuhalten zu stören.
Als er und Bienert später wieder im Auto saßen, war sein Kollege ungewöhnlich ruhig. Natürlich hatte er auch gerade einen Verlust erlitten, aber die Stimmung in der Familie war so seltsam, dass bei Schalavsky alle Alarmglocken schrillten. Also fragte er als sie gerade an einer roten Ampel standen: „Sind sie okay?“
Bienert nickte kurz: „Klar.“
„Sie sind ungewöhnlich still. Normalerweise krieg ich Sie gar nicht dazu, auch mal nur fünf Minuten still zu sein.“, versuchte Schalavsky mehr aus ihm herauszulocken.
Wespe schnaubte missbilligend: „Man spricht ja nicht jeden Tag mit der Familie, die einen verstoßen hat, oder?“
Schalavsky müsste schon wirklich sehr dumm sein, um nicht so etwas in der Art vermutet zu haben: „Was ist passiert?“
Bienert Stimme nahm eine ätzende Färbung an, die sonst vollkommen unbekannt war: „Sie kennen mich doch. Ich kann mich nicht anständig kleiden oder so benehmen, wie es von mir erwartet wird. Meine Familie hat irgendwann die Reißleine gezogen.“
Schalavsky machte ein nachdenkliches Geräusch.
„Ich habe ja fast erwartet, dass Sie sich gut mit denen verstehen. Dann hätten sie alle gemeinsam mich für meine Lebensentscheidungen zusammenstauchen können.“, fauchte Wespe bösartig.
Schalavsky lenkte den Wagen in eine Parklücke und schaltete den Motor aus: „Bienert.“
Bienert hatte die Augen konzentriert geschlossen und seine Kieferpartie war zum Zerreißen angespannt: „Entschuldigen Sie, ich sollte Sie nicht mit denen in einen Topf werfen. Sie haben mich nicht wegen meiner Sexualität angegriffen. Noch nicht.“
Schalavsky legte eine Hand auf Wespes geballte Faust: „Bie- Wespe, tut mir leid dass Sie sowas mitmachen mussten.“
Wespe machte ein ersticktes überraschtes Geräusch.
„Kein Kind sollte die Unterstützung seiner Familie verlieren wegen etwas auf das man keinen Einfluss hat.“, sagte Schalavsky und sah wie sich Bienert Gesicht verzog als er mit aller Macht versuchte die Tränen zurück zu halten.
„Wollen Sie mir erzählen, was los ist?“, fragte Schalavsky.
Es folgte ein paar Minuten nichts, außer dass ab und zu sich still eine Träne durchkämpfte und Wespe sie schnell wegwischte. Dann kam sehr leise die Erklärung: „Ich war immer anders… aber als Teenager hatte ich es satt, mich immer perfekt zu präsentieren und hab was Neues ausprobiert. Von da an habe ich ständig mit meinen Eltern gestritten. Das hat sich über Jahre hingezogen und dann haben sie rausgefunden, dass ich nicht nur Freundinnen hatte. Ab da… sie haben das nicht akzeptiert. Eines Abends bin ich mit meinem Vater richtig aneinander gerasselt und habe ihm gesagt, dass ich mich nicht ändern werde und er nichts dagegen machen konnte. Er hat mich verprügelt und dann rausgeschmissen.“
Schalavsky verstärkte den Druck auf Wespes Hand aber blieb still.
„Ich hatte nicht viele Chancen wohin und bin zu meinem damaligen Freund. Ich war gerade achtzehn, er einundzwanzig und er schlug vor, dass wir heiraten sollten. Wir wussten beide, dass es nichts für immer war, aber so konnte ich meinen Namen ändern und konnte bei ihm Leben ohne dass noch mehr Fragen aufkamen.“
„Wie lange waren sie verheiratet?“
„Drei Jahre.“, sagte Wespe. „Dann war meine Ausbildung und Studium vorbei und er hatte sein Referendariat abgeschlossen und wir wollten verschiedene Dinge vom Leben. Naja seit dem hatte ich keinen Kontakt mehr zur Familie. Meinen Geschwistern ist es strengstens verboten, mit mir Kontakt aufzunehmen und ich will sie nicht in Probleme bringen, aber ich möchte auch, dass ich ihnen im Notfall ein sicherer Harfen sein kann.“
„Das ist sehr nett von Ihnen.“, sagte Schalavsky aufrichtig. „Okay, was brauchen Sie? Essen? Ablenkung? Was würde Ihnen helfen?”
Wespe sah ihn sprachlos an.
Am nächsten Tag und damit wesentlich schneller, als Schalavsky erwartet hatte, teilte ihm Bienert mit, dass er von Hektor erfahren hatte, dass die Familie unbedingt das Testament eröffnen wollte.
Schalavsky musste nicht mehr hören, um zu wissen, dass Bienert dabei sein wollte, aber nicht von seiner Familie direkt informiert wurde.
„Kommen Sie, wir hören uns das an.“, sagte Schalavsky entschieden.
Schalavsky gab sich alle Mühe als erster der Familie unter die Augen zu treten und mit jeder Faser seines Körpers auszustrahlen, dass sie genau hierher gehörten.
Er hörte zwar dennoch die Beschwerden der einzelnen Familienmitglieder, aber keiner versuchte sie rauszuschmeißen.
Schalavsky und Wespe standen hinten im Raum, während die Familie dem Notar gegenüber saß. Der Herr, Johannes Endinger, versuchte sein Möglichstes, um würdevoll auf den modernen Stühlen zu sitzen.
„Kommen wir direkt zum Testament. 'Ich, Annegret von Zauderstein und Unsicher, im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten, hinterlasse im Falle meines Todes meinen Besitz, wie hier im Folgenden aufgeführt. Notar Erdinger setzte ich als meinen Nachlassverwalter-“
„Können Sie bitte zu den wichtigen Teilen kommen?“, unterbrach Edelbert ungeduldig. Der Notar runzelte die Stirn, aber sprang ein paar Sätze vor: „Meinen treuen Angestellten Hektor vermache ich 10.000 Euro für all die Jahre der Treue und Vertrautheit. Meinen Enkeln Ottilie und Konrad vermache ich jeweils 50.000€. Das Geld steht ihnen zur Verfügung, sobald sie 18 Jahre alt sind. Bis dahin ist dieses Geld von niemandem anzurühren.“
Ottilie und Konrad sahen sich erstaunt an.
„Meinen gesamten restlichen Besitz hinterlassen ich Edelbert“ Wespes Vater lachte auf. „Dem Fünften von Zauderstein.“ Das Lachen von Wespes Vater fiel. „Sie meinen den Vierten!"
„Nein, hier steht ganz deutlich der fünfte.”, sagte der Notar streng. Schalavsky lehnte sich zu Wespe und fragte leise. „Wer ist das?”
Wespe drehte ihm das Gesicht zu und sah regelrecht verängstigt aus: „Das bin ich."
"Darf ich weiter lesen?", fragte Endinger streng und wurde mit widerwilliger Stile belohnt.
Der Notar nickte zufrieden.
„Edelbert Rembold Kasimir von Zauderstein, als mein ältester Enkel wurde von unserer Familie verstoßen, als er sich als Bisexuell geroutet hat. Ich möchte, dass man ihn in meinen Namen um Verzeihung bittet. Ich habe erst zu spät mehr von der LGBTQ-Bewegung erfahren und erkannt, was wir dem armen Jungen angetan hatten. Ich konnte ihn leider nicht finden und meine Familie war keine Hilfe, da sie ihre Fehler nicht einsehen können. Sollte er nach meinem Tod nicht zufinden sein so mag Hektor den Besitz bis zu 10 Jahren verwalten und keine Mühen scheuen Rembold zu finden. Wenn das auch in dieser Zeit nicht möglich ist oder mein armer Enkel schon aus dieser Welt gegangen sein, soll alles an gemeinnützige Organisationen gespendet werden."
„Das kann nicht ihr Ernst sein!”, rief Edelbert. „Meine Mutter muss senil gewesen sein.”
Endinger nickte: „Das hatte ihre Mutter befürchtet, also hat sie sich im Voraus zu diesem Testament von drei Ärzten bescheinigen lassen, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten war.”
„Was ist mit uns? Und dem Pflichtteil?“
„Das war in dem Teil erzählt, den sie überspringen wollten. Ihre Mutter schrieb, dass sie alle schon ihre Anteile aus dem Erbe ausgezahlt bekommen haben und damit keinen Anspruch mehr haben.” Drei Zaudernstein fingen an lautstark zu diskutieren.
„Sie können sich so sehr aufregen wie sie wollen aber das Testament ist rechtsgültig.", sagte Notar Endinger.
„Unser Nichtsnutziger Sohn soll alles bekommen, nach all den Jahren, in den er nicht Teil der Familie war?“, fragte Edelbert und deutete auf Wespe.
Der Notar nickte: „Soweit es hier vermerkt ist, ist seine Distanz zur Familie von Ihrer Seite ausgegangen.“ Er blickte zu Wespe und sShalavsky: „Ich verstehe richtig, dass sie der Enkel von Frau Zauderstein sind?"
Wespe nickte: „Ja, aber ich habe geheiratet. Bienert. Kasimir Bienert."
„Scheiß Schwuchtel”, fluchte Edelbert leise aber nicht leise genug, dass Schalavsky vortrat. „Edelbert von Zauderstein, ich verhaften Sie hiermit wegen Beamtenbeleidigung. Ich habe Sie gewarnt, wenn Sie meinen Kollegen beleidigen, werde ich Sie belangen."
„Das ist mein Sohn!”
„Lustig, das merkt man Ihnen gar nicht an.”, sagte Schalavsky trocken und missbilligend.
Wespes Mutter rang nach Worten: „Aber das hier ist unser Zuhause. Müssen wir das jetzt verlassen? Wohin sollen wir?”
„…die anderen Anwesen…” begann Edelbert.
„Gehören ebenfalls Ihren Sohn, sofern sie die nicht gekauft oder überschrieben bekommen haben.”, sagte Notar Endinger. Edelbert wandte sich mit düsteren Gesichtsausdruck an Wespe: „Was planst du jetzt zu tun? Wirst du ja rausschmeißen oder Miete verlangen?”
„Papa.”, sagte Wespe überraschend sanft. „Ihr könnt hier wohnen bleiben. Ich verlange nicht mal Miete, nur dass ihr die Kosten des Hauses selbst tragt.”
Wespes Vater sah ihn misstrauisch an: „Du willst kein Geld dafür?”
„Ich will keinen Cent von deinem Geld, Papa.”, sagte Wespe. „Um ehrlich zu sein, hätte ich am liebsten nie wieder was mit euch zu tun. Aber meine kleinen Geschwister sind in eurer Obhut und ihretwegen nehme ich das auf mich. Ihr dürft also hier wohnen, bis die beiden ausziehen. Aber... Wenn du sie einmal so schlägst, wie du mich geschlagen hast, musst du dir keine Sorgen mehr darum machen, wo du wohnst.”
„Na, wie geht's einem so als Neu-Schnösel und Großgrundbesitzer?”, fragte Tamina.
Wespe lachte auf. „Ich glaube, du stellst dir das alles ein wenig zu groß vor.”
Tamina grinste: „Ich schätze, du wirst jetzt die besten Partys feiern.”
„Das habe ich doch schon immer.”, sagte Wespe mit gespielter Empörung. „Aber nein, ich lasse meine Familie weiterhin darin wohnen.”
„Wirklich?” Tamina sah fragens zu Schalavsky, der nickte.
Wespe erklärte: „Ich möchte nicht meine kleinen Geschwister entwurzeln. Außerdem finde ich das Haus hässlich.”
„Zahlen deine Eltern wenigstens Miete?”
„Nur genug, um das Haus am Laufen zu halten. Ich will deren Geld nicht.”
„Was ist, wenn sie Ihr Vertrauen ausnutzen?", fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab: „Ich habe einen guten Draht zum Personal. Die können mich anrufen, sobald sich einer der Familie daneben benimmt.”
„ Was ist, wenn deine Geschwister nie ausziehen?”
„Unsinn.”, sagte Wespe. „Meine Eltern sind so kontrollierend, dass sie die beiden schon seit Jahren von sich weg stoßen. Wenn die sich nur einen Hauch von Freiheit erfahren sind die weg. Und dank Oma haben sie ein gutes Startkapital."
„Und einen verdammt guten großen Bruder.” sagte Tamina und Schalavsky stimmte innerlich zu.
„Schaut euch die beiden an.“, sagte Klößchen und deutete rüber zu Konny und Tili. Die beiden Geschwister vibrieren fast vor Aufregung und sprangen lachend umeinander.
„Die scheinen ja sehr fröhlich zu sein.“, sagte Gaby lächelnd. „So offen kennt man die gar nicht.“
Als die Geschwister an ihnen lachend vorbei taumelten fragte Tim: „Hey Konny, was versetzt euch denn in so gute Stimmung?“
Der ältere Schüler fasste sich etwas, aber er grinste immer noch breit und wuschelte seiner kleinen Schwester durch die Haare: „Wir haben auch guten Grund dafür. Unser großer Bruder holt uns heute ab und will mit uns in den Freizeitpark.“
„Ich wusste gar nicht, dass ihr einen großen Bruder habt.“, sagte Karl Stirn runzelnd.
Tili verzog den Mund. Sie war ein Jahr jünger als die TKKG Bande: „Er versteht sich nicht gut mit unseren Eltern und jetzt ist es das erste Mal, dass sie uns erlaubt haben ihn zu treffen.“
Konny nickte: „In der Vergangenheit hat Remi uns heimlich besucht. Er hat herausgefunden, wann wir unsere Vereine haben und hat uns dann angefangen. Aber er musste sich immer vor unseren Eltern und dem Chauffeur verstecken.“
„Außer wenn Hektor gefahren ist.“, sagte Tili. „Dann durfte Remi mitfahren und wir können reden.“
„Wie ist denn dieser Remi so?“, fragte Klößchen.
„Er ist der Coolste.“, sagte Tili. „Er sieht aus wie ein Rockstar.“
Konny lachte: „Er ist aber kein Rockstar. Er ist Beamter.“
Klößchen lächelte wortlos.
Weil die Geschwister kaum zu halten waren, zogen sie schnell weiter.
Klößchen grinste schief: „Einen Rockstar Bruder hätte ich mir bei den beiden steifen Gestalten nicht vorstellen können. Beamter sehe ich da schon eher.“
Die restliche Bande grinste.
„Ich glaube, die Eltern der Beiden sind sehr streng.“, sagte Karl. „Ich habe mal bei einem Schulfest gesehen, wie die miteinander umgehen. Da heiß es nur 'sitzt gerade', 'sprich deutlich' und 'mach nicht so ein Gesicht'. Ich will nicht wissen, wie das Zuhause bei denen ist.“
„Schon wahr. Können ja nicht alle Superreichen wollen, dass ihre Kinder vor allem glücklich werden. Gut, dass meine Erzeuger zu der Fraktion gehören.“, sagte Klößchen.
„Die beiden wirken aber anders seit ihre Großmutter gestorben ist.“, gab Gaby zu bedenken.
„Meinst du, sie war es, die alle unterdrückt hat als alte Mat- Matri- Mata Hari?“, fragte Klößchen.
Karl lachte auf: „Du meinst Matriarchin.“
„Ich denke nicht, dass es so war.“, sagte Gaby. „Sie wirkten ernsthaft traurig, als es passiert ist. Erst danach schienen sie langsam aufzuatmen.“
TKKG hatte gerade das Schulgebäude verlassen, als ein Wagen vor dem Schulgebäude hielt.
„Das ist aber nicht ihr üblicher Schlitten.“, sagte Klößchen.
„Sie haben doch auch gesagt, dass ihr Bruder kommt.“, sagte Karl. „Klar, dass das der in eigenen Auto kommt.“
„Klar, wie er das schwarze Schaf der Familie ist.“, sagte Klößchen.
Der Fahrer hatte kaum die Fahrertür auf und seine Füße auf den Boden gestellt, als die beiden Geschwister ihm schon um den Hals fielen. Er nahm sie beide fest in den Arm und lachte.
TKKG erstarrten. Sie kannten das Lachen und als die jungen Geschwister den Blick auf ihren Bruder freigaben, erkannten sie auch diese Gestalt.
„Wespe!“, riefen sie alle wie aus einem Mund.
Besagter schaute auf und grinste: „Oh, wenn das mal nicht der Schrecken der Unterwelt ist. Ich hatte eigentlich gehofft die beiden hier einzusacken und zu verschwinden, ohne von euch in ein neues Verbrechen gezogen zu werden.“
„Haben wir auch nicht vor.“, sagte Tim „Wir wollen dich nicht von deinem Familientag abhalten. Auch wenn es kaum zu glauben ist, dass jemand wie du Familie hat.“
„Tja, mein lieber Tim, du bist halt noch jung und musst viel lernen.“, sagte Wespe gönnerisch.
„Warte mal, Remi, du kennst TKKG?", fragte Tili.
Wespe nickte betont ernst: „Na klar. Ich bin immer wieder drauf und dran die zu verhaften. Furchtbare Halunken sind das! Haltet euch bloß fern!“
TKKG fingen herzhaft an zu lachen.
„Warte mal,“, sagte Klößchen nachdenklich. „wenn du ihr Bruder bist, dann gehörst du zu einer der reichsten Familien der Stadt… des Landes.“
„Stimmt.“, sagte Wespe.
„Und du bist Bulle gewordenen?“, rief Klößchen.
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich hab von dem Geld nichts mehr gesehen seit ich achtzehn war und rausgeschmissen wurde.“
„Zumindest bis jetzt.“ merkte Konny an.
Wespe nickte.
„Was heißt denn das? Bist du wieder in die gute Meinung deiner Eltern gerutscht?“, fragte Tim.
„Oh kein Stück. Die sind homophob wie eh und je, aber Oma hat mir alles vermacht.“, grinste Wespe. „Und da sich nun endlich meine Eltern in meine gute Meinung bringen müssen, darf ich endlich meine Geschwister treffen ohne ihnen auflauern zu müssen.“
„Und du kannst die immer noch keine Hosen ohne Löcher leisten?“, fragte Tim.
„Das nennt sich Style, du Stadtaffe.“ beschwerte sich Wespe.
Klößchen pfiff durch die Zähne: „Wespe als Alleinerbe? Nicht schlecht.“
„Ist die Familie wirklich so reich?“, fragte Gaby.
„Lasst es mich mal so sagen: Selbst mit allem, was ich erben werde, wirke ich neben Wespe wie ein armer Betteljunge.“
„Zu was macht es mich dann?“, fragte Tim amüsiert.
„Wespe könnte dich kaufen, ohne dass du es merkst.“
Tim runzelte die Stirn: „Menschen kauft man aber nicht mehr.“
Klößchen schmunzelte: „Er könnte sich die Schule, deine Clubs, den Wohnblock deiner Mom, ihren Arbeitsplatz und den Arbeitsplatz deines Stiefvaters kaufen und hätte das Geld in einer Stunde Nichtstun wieder drin.“
Tim pfiff anerkennend.
„Etwas Gutes hat das Ganze.“, sagte Klößchen.
„Und was?“
„Sobald meine Mutter wieder eine ihrer Schicki-Micki-Partys veranstaltet, lade ich Wespe ein.“, grinste Klößchen. „Der wird die Gesellschaft schon auf Trab halten.“
„Sie sind nicht der Einzige, der eine Familie mit jungen Kindern darin hat.“ sagte Schalavsky. „Meine Neffen und Nichten lieben den Film.“
Schalavsky sah zufällig auf das Display von Wespes Handy.
Dort stand die Nachricht von Tili: „Hat sehr viel Spaß gemacht vielen Dank, Remi. 😁“
„Remi?“, sagte Schalavsky zweifelnd.
Wespe sah auf.
„Wie die Ratte.“, sagte Schalavsky.
Wespe schnappte nach Luft: „Sie kennen Ratatouille?“
Als TKKG das nächste mal Wespe trafen, hatte Klößchen schon lange darüber nachgedacht, was sie über ihren Freund gelernt haben.
„Wespe, ich muss dich mal was fragen.“, fragte Klößchen nachdem die Verbrecher, die sie überführt hatten, von Wespes Kollegen abtransportiert worden waren.
„Sicher Willi, was gibt denn?“, fragte Wespe und lehnte sich gegen seinen Polizeiwagen.
„Wenn du der älteste Sohn der Zaudersteins bist, warum heißt du dann Bienert?“, fragte Klößchen. „Bist du der uneheliche Sohn oder so?“
Wespe lachte auf: „Ich wünschte, aber nein. Ich hab geheiratet und einen anderen Namen angenommen.“
„Ahhh!“, machte Klößchen verstehend.
„Du bist verheiratet?“, fragte Gaby überrascht.
„Geschieden.“, sagte Wespe leichthin.
„Warte, deine Geschwister haben dich Remi genannt.“, sagte Tim. „Aber dein Polizeiausweis sagt Kasimir.“
Wespe sah Tim skeptisch an: „Wann hast du meinen Ausweis gesehen?“
Tim zuckte unschuldig mit den Schultern: „Irgendwann… bin nicht sicher.“
„Tim hat recht.“, sagte Gaby. „Dein Berichte haben auch den Namen Kasimir.“
Wespe seufzte: „Das ist auch mein Name.“
„Und wie leitet sich daraus Remi ab?“, fragte Karl.
„Mein kompletter Geburtsname ist Edelbert Rembold Kasimir von Zauderschein.“, sagte Wespe seufzend.
„Edelbert?“, fragte Tim mit kaum unterdrücktem Schmunzeln.
„Lach nur, Timotheus.“, schmunzelte Wespe.
Bevor die beiden sich noch mehr Kabbeln konnten schaltete sich Karl ein: „Du hast also geheiratet und nur noch deinen dritten Vornamen benutzt. Wenn hast du denn geheiratet? Bienert ist nicht so ein üblicher Name und wir haben Doktor Bienert…“
„Hast du in die Familie unseres Lehrers eingeheiratet?“, fragte Klößchen geschockt, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass irgendwer seine Lehrer heiraten wollte.
Wespe rang kurz nach Worten und sagte dann: „Jaaa, kann man so sagen.“
„Wie meinst du denn das?“, fragte Karl, weil er durchaus den seltsamen Tonfall gehört hat. Wespe starrte die Kinder wortlos an und wartete, dass bei ihnen die zwanzig Cent fielen. Klößchen hatte zuerst die Erkenntnis und verzog angewidert das Gesicht: „Du hast mit einem Lehrer rumgemacht? Das ist ja widerlich.“
„Er war damals noch kein Lehrer.“, sagte Wespe. „Er war noch in seinem Referendariat.“
„Eh.“, machte Klößchen. „Das macht es nicht viel besser. Ich brauch doch keinen Partner der mir Hausaufgaben gibt.“
Wespe lachte und errötete leicht: „Die Aufgaben, die er mir gegeben hat, mochte ich.“
Mittlerweile hatten auch die anderen verarbeitete, was sie da hörten.
„Warum habt ihr euch scheiden lassen?“, fragte Gaby.
„Wir wussten beide, dass es nichts für immer ist.“, sagte Wespe. „Wir haben überhaupt nur geheiratet, damit ich meinen Namen ändern konnte.“
„Ist das nicht… strafbar?“, fragte Karl. Wespe zuckte mit den Schultern: „Ne, wir haben das ja nicht für Steuervorteile oder so gemacht. Und wir waren in einer Beziehung. Wenn du glaubst, das ist das erste Mal, dass jemand früh heiratet, um ihren Familien zu entkommen, bist du ganz schön naiv.“
Karl nickte einsichtig.
„So.“, sagte Wespe. „Wars das? Oder gibt’s noch mehr Fragen?“
„Unser Job ist es nicht Fragen zu beantworten.“, sagte Schalavsky, der nun dazu kam und missbilligend sah, wie Wespe auf dem Polizeiauto saß. „Das ist nicht Ihr Auto, hören Sie auf darauf zu sitzen.“
Wespe stieß sich mit einem übertriebenen Seufzen vom Wagen ab: „Da ruft die Arbeit oder in meinem Fall der Arbeitskollege. Machts gut, TKKG!“
„Warte,“, sagte Klößchen. „eins noch, meine Mutter schmeißt nächstes Wochenende eine Party für alle die… ähm… für die Superreichen, um ehrlich zu sein. Kommst du auch?“
Wespe sah ihn einen Moment abschätzend an: „Darf ich meinem Freund mitbringen?“
„J-ja klar.“, sagte Klößchen überrascht.
„Okay.“, sagte Wespe.
„Steigen Sie endlich ein, wir müssen weiter.“, sagte Schalavsky und Wespe warf den Kids noch einen verschwörerischen Blick zu, bevor er in das Auto einstieg.
Schalavsky stieg auch ein und startete den Motor. Als sie um die nächste Kreuzung bogen und TKKG aus dem Rückspiegel verschwanden fragte er: „Haben Sie nicht gestern noch gesagt, Sie wären Single?“
Wespe brummte zustimmend: „Jep. Und? Haben Sie schon was am nächsten Wochenende vor?“
Schalavsky schwieg einen Moment und fragte dann: „Sie wollen, dass ich mit Ihnen zu einer Party von Superreichen gehe?“
„Stellen Sie sich die Gesichter von TKKG vor.“, sagte Wespe.
„…“ Schalavsky begann zu nickten: „Okay. Ich bin dabei.“
Gerade in den frühen TKKG Folgen wird ja immer wieder erwähnt, dass Gaby zuvor auf einer Mädchenschule war und was bedeutet das für uns?
War das eine Mädchengrundschule oder Mädchen-Orientierungsstufe und Gaby ist danach einfach auf as Internat als weiterführende Schule gewechselt? Oder war das auch schon einer weiterführende Schule und Gaby ist aus einem anderen Grund gewechselt.
Weil ich möchte, dass Gaby achtkantig von einer Mädchenschule geflogen ist.
Mir auch! Mal abgesehen davon dass Karls Erklärungen ein rabbithole an sich sein können und er der menschliche Wikipedia-simulator ist, hat er genau die Art von Aufmerksamkeit, die ihn an einer Tiffany-Lampe im Hintergrund festhängen lässt bis er sich erinnern kann wo er das schon mal gesehen hat, wie viel die wert ist und wann die in etwa gefertigt wurde.
Eine Idee zu Wespe die zumindest als snippet geschrieben werden wollte. Ich mach das gerade im Zug fertig also alle Fehler sind Features
„Bienert?“ Schalavsky platzte in das Büro mit etwas, das Wespe als seinen irritiert- grummeligen Gesichtsausdruck kategorisieren konnte. Besser als der wütend-grummelige Ausdruck, aber schlechter als der neutral-grummelige Ausdruck, den Schalavsky nur in bester Laune zur Schau trug. Vor allem wusste Wespe nicht, was er jetzt eigentlich gemacht hatte. Er hatte ihm weder den Kaffee gestohlen, noch etwas freches gesagt. Sogar sein Outfit war eines seiner üblichen, über das sich Schalavsky schon zu oft beschwert hatte, um noch eine Miene zu verziehen. „Warum werden Sie zu spezifisch zu einem Einsatz gerufen?“
Wespe runzelte verblüfft die Stirn: „Woher soll ich das wissen? Ich wusste nicht mal, dass ich gerufen wurde.“
„Vielleicht sagt Ihnen diese Adresse was.“ Schalavsky legte einen Zettel auf Wespes Tisch. Er las die Adresse und sein Herz sank auf diese spezielle Art, wenn man schlechte Nachrichten bekam. „...ach fuck.“
Schalavsky verschränkte die Arme: „Wie wäre es mit einer Erklärung? Was geht hier ab? Man kann sich nicht einfach einen Polizisten aussuchen.“
„Man kann, wenn man derartig reich ist.“, murmelte Wespe resigniert und stand auf.
„Sie kennen sie also.“, stellte Schalavsky fest.
Wespe griff nach seiner Jacke und murmelte viel zu schnell: „Dasistdashauptanwesenmeinerfamilie.
Schalavsky griff nach seinem Arm und stoppte ihn: „Was?“
Wespe seufzte und sagte langsamer: „Das ist... das Hauptanwesen... meiner Familie.“
Schalavsky glaubte sich verhört zu haben: „Ihrer Familie?“
„Jep. Ich fahr dann mal.“
Schalavsky ließ es zwar zu, dass Wespe sich losmachte, aber er war nicht einverstanden: „Sie sollten da nicht arbeiten, wenn sie persönlich involviert sind.“
Wespe lachte bitter auf: „Glauben Sie mir, dass die ein Nein nicht akzeptieren werden.“
Schalavsky sah die deutlichen Anzeichen von Stress und Angst vor dem Ungewissen in Wespe und entschied: „...ich komme mit Ihnen.“
Wespe blickte ihn nur suchend an und als er überzeugt war, dass Schalavsky es ernst meinte sagte: „Fein. Da Sie mich eh nicht leiden können, wird es dadurch auch nicht mehr schlimmer.“
Schalavsky wusste nicht was er von Wespes Aussage halten sollte, aber als sie dann im nobelsten Villenviertel vor einem Prachtbunker standen, der wahrscheinlich ebenso teuer wie hässlich war, ahnte er, dass ihm noch etliche Puzzelteile fehlte.
Das Tor wurde automatisch geöffnet und als sie die lange Auffahrt hinauf gefahren waren und vor dem Eingang parkten, hatte ein Herr im Anzug bereits die Türen geöffnet und stand würdevoll im Eingang. Als Wespe aber ausstieg, verlor er plötzlich die würdevolle Haltung und eilte die Stufen hinunter.
„Junger Herr Kasimir.“, sagte und streckte die Hände nach Wespe aus. „Es freut mich so Sie zu sehen.“
„Hektor.“, lächelte Wespe verlegen und seine Anspannung verlor sich ein bisschen. „Es ist auch schön dich zu sehen.“
„Geht es Ihnen gut? Essen Sie auch immer genug?“
Wespe schmunzelte: „Ja Hektor, es geht mir gut. Weißt du, warum man uns hierher beordert hat?“
Hektor schüttelte schnell den Kopf: „Ich wusste nicht mal, dass Sie kommen. Aber ich denke, es hat mit Ihrer Großmutter zu tun.“
Wespe runzelte die Stirn: „Was ist mit Oma?“
„Es tut mir leid ihnen mitteilen zu müssen, dass sie in den frühen Morgenstunden verstorben ist.“, sagte Hektor mit sanften Gesichtsausdruck.
Wespe atmet erschrocken ein. Schalavsky trat dichter an seine Seite und legte eine Hand auf seinen Rücken: „Bienert? Wollen Sie-?“
„Schon gut, schon gut.“, unterbrach Wespe. „Danke, dass Du mich vorgewarnt hast Hektor.“
„Es ist nicht ganz klar, was geschehen ist.“, sagte Hektor vorsichtig. „Sie war außerhalb ihres Bettes und... Nun vielleicht ist sie nur gestürzt.“
Schalavsky runzelte die Stirn: „Ich werde mir das ansehen.“ Er wollte Bienert anbieten sich das zu ersparen oder zu seiner Familie zu gehen. Aber Bienert trat bereits auf die Eingangstreppe zu. Schalavsky hatte das Gefühl, er würde er in ein Museum laufen oder einen Designerladen, den man ohne das entsprechende Budget nicht mal betreten dürfe. Alles hieran schrie nach Geld und Reichtum (und wie Schalavsky fand ziemlich schlechten Geschmack). Wespe bewegte sich zielsicher durch die Eingangshalle. Er kannte offensichtlich den Weg und bis auf ein zwei Blicke zu Seite nahm er sich auch nicht die Zeit alles zu betrachten. Er schien auch zu wissen, wo er in diesem großen Haus hin musste. Hektor folgte ihnen beflissen ohne eine Richtung vorgeben zu müssen. Wespe fand seine Oma. Sie lag in einem Fleck aus getrocknetem Blut. Offensichtlich hatte jemand versucht, sie wegzubewegen und es dann aufgegeben. Das Blut stammte aus einer Kopfwunde. Die alte Dame war in einen seidenen Schlafanzug gekleidet und hatte ihre weißen Haare zu einem Zopf geflochten.
Wespe presste eine Hand vor den Mund und kniff die Augen zu.
Schalavsky legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sprach leise zu ihm: „Bienert, ich kann das hier übernehmen.“
Wespe sah ihn an und schüttelte den Kopf: „Nein. Das kann ich Ihnen nicht antun. Ich muss mich nur sammeln, bevor ich meiner Familie unter die Augen trete.“
Schalavsky empfand diese Aussage etwas seltsam, aber manchmal war es schwer, die professionelle Fassade im Anblick von engen Freunden und Familie aufrecht zu erhalten. Aber Wespe wirkte angespannt und ängstlich.
Wespe riss sich in den nächsten zwei Minuten so sehr zusammen, dass ihm nicht mehr anzusehen war, dass er im gleichen Raum mit der Leiche seiner Großmutter stand.
„Wo finde ich die anderen?“, fragte Wespe.
„In der Lounge.“, sagte Hektor hilfreich.
Wespe nickte und schritt voran. Schalavsky folgte ihm bis in einem Raum, der ähnlich farblos wie der Rest des Hauses ausgestattet war und dessen Möbel ihn daran zweifeln ließen, ob sie für Menschen designt worden waren.
Im Raum waren fünf Personen anwesend. Die drei Erwachsenen standen von ihren Sitzplätzen auf, als sie den Raum betraten, die beiden Teenager blieben in ihren Sesseln sitzen.
„Ah Rembold, du bist endlich eingetroffen.“, sagte die Frau mit einem strengen Blick. Sie trug einen Hosenanzug und High Heels, was sie bestimmt sehr erfolgreich im Job machte, aber in ihrem eigenen Zuhause wie eine Verkleidung und damit verdächtig wirkte.
„Guten Tag, Mama.“, sagte Bienert trocken. Schalavsky sah überrascht die Frau an, um zu sehen, ob er Ähnlichkeiten in ihr zu seinem Kollegen erkennen konnte. Stattdessen fand er ein missbilligendes Zucken der Mundwinkel, dass ihm eine sehr schlechte Vorahnung bereitete.
„Sohn.“, sagte nun auch einer der beiden anwesenden Männer. Er sah ähnlich streng aus wie die Frau und trug einen so teuren Anzug, dass Schalavsky noch nicht mal den Namen der Firma aussprechen konnte, ohne bankrott zu gehen.
„Papa.“, sagte Bienert trocken und ging dann auf Angriff. „Habt ihr mich nur informieren wollen, oder habt ihr mich in meiner Funktion als Polizist gerufen?“
„Als Polizist natürlich.“, sagte die Mutter. Weil es natürlich undenkbar war, den eigenen Sohn vom Tod seiner Großmutter zu benachrichtigen.
Der zweite Mann stand nun auf und fragte mit einem Nicken zu Schalavsky: „Wer ist das?“
Wespe drehte sich halb zu Schalavsky um und sagte zu ihm: „Oh, tschuldigung.“ Wespe deutete zu den Teenagern, die schüchtern nickten: „Das sind Ottilie und Konrad, meine Geschwister und das sind Erdmute von Zauderstein und Edelbert der Vierte von Zauderstein, meine Eltern. Und das ist Wenzel von Zauderstein, mein Onkel.“ Erst danach wandte er sich an seine Familie: „Das ist Kommissar Schalavsky.“
„Warum hast du ihn mitgebracht?“, fragte Onkel Wenzel.
„Ihr habt nach mir verlangt und wir sind ein Team.“, sagte Wespe stumpf.
Wenzel machte ein auffälliges Geräusch, aber es war Erdmute, die erklärte, was sie wollten: „Wir wollen das in kleinem Kreis halten und keine unnötigen Personen einmischen.“
Schalavsky verstand, dass sie Wespe nur gerufen hatten, um seinen Einfluss zu nutzen.
Wespe runzelte die Stirn: „Ich kann mich nicht involvieren, wenn die Todesursache ungeklärt ist.“
Schalavsky stellte überrascht fest, dass Bienert doch einen Sinn für die Dienstordnung zu haben schien. Wenn auch nur dann, wenn es ihm genehm war.
„Dann kannst du auch wieder gehen.“, sagte Edelbert. „Du hattest einmal die Chance nützlich zu sein, und nicht mal das bekommst du hin, du wertloses-“
Schalavsky räusperte sich laut: „Ich würde Ihnen dringend davon abraten, meinen Kollegen zu beleidigen, sonst lasse ich Sie wegen Beamtenbeleidigung belangen. Darüber hinaus handelt mein Kollege vollkommen korrekt und vorbildlich, weswegen ich die Ermittlungen übernehmen werde. Bitte halten Sie sich zur Verfügung.“ Er sah zu seinem Kollegen und sagte sanfter: „Bienert, ich würde Sie gerne zuerst befragen.“
Wespe nickte und folgte Schalavsky aus dem Raum. Wespe steuerte einen Raum an, der aussah wie ein Arbeitszimmer, das zu selten genutzt wurde.
„Ich habe Fragen.“, sagte Schalavsky. Bienert nickte und ließ sich auf der Tischkante des metallenen Monstrums, dass den Schreibtisch bildete, nieder.
„Was ist mit den Namen?“
„Ich benutzte nur noch meinen dritten Vornamen und habe jung geheiratet.“, sagte Wespe
Schalavsky glaubte sich verhört zu haben: „Moment, Sie sind verheiratet?“
Wespe schüttelte den Kopf: „War verheiratet, jetzt sind wir geschieden… Ich hab seinen Nachnamen behalten.“
Schalavsky vermerkte das als gedanklich unter Informationen, denen er später nachgehen musste. Es war gerade wirklich nicht wichtig herauszufinden, wer dieser Mann war, den Wespe geheiratet hatte, auch wenn es ihn interessierte.
„Warum sind die da drin so…“
„Bitchig?“, schlug Wespe vor. Er verschränkte die Arme vor der Brust: „Können wir das später klären? Wir kommen halt nicht gut miteinander aus und ich hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen.“
„Okay.“, sagte Schalavsky. „Glauben Sie, irgendjemand hätte einen Grund, Ihre Großmutter zu töten?“
Wespe verzog den Mund: „Bestimmt. Sie haben gesehen, wie die sich darin verhalten, wenn sie gerade einen Verlust erlitten haben. Was meinen Sie, wie die drauf sind, wenn sie sich unantastbar fühlen?“
Schalavsky nickte: „Ich rufe die Kollegen und wir werden das untersuchen lassen. Bienert, wenn das hier zu viel ist… Möchten Sie gehen?“
Wespe schüttelte den Kopf: „Nein, ich möchte helfen… Ich weiß, ich sollte nicht. Ich werde Ihren ausnahmslos Anweisungen folgen.“
„Das wäre ja mal was ganz neues.“, rutschte es Schalavsky raus, bevor er es verhindern konnte. Aber Wespe nahm keinen Anstoß daran. Ernsthaft beteuerte: „Ich verspreche es.“
Schalavsky nickte: „Schon gut. Wir versuchen aber, es nicht an die große Glocke zu hängen.“
Die Kollegen von der Spurensicherung kamen und untersuchten alles. Wespes Großmutter wurde abtransportiert und würde auch untersucht werden.
Schalavsky kam in das Vergnügen die gesamte Familie befragen zu können. Er stellte schnell fest, dass es von Vorteil war, wenn Wespe dabei war, vor allem wenn er sich in den Rücken der Befragten stellte und immer mal wieder leicht den Kopf schüttelte, wenn er eine Lüge erkannte. Schalavsky stellte in diesen Gesprächen fest, dass er die gesamte Familie nicht besonders leiden konnte und beschloss die gesamten Angelegenheiten haarklein durchzugehen, um zu schauen, ob sie irgendwelche Leichen im Keller hatten, auch wenn sich Großmutters Tod als natürlich herausstellte.
Die beiden Teenager durfte er nicht befragen, weil sich ihre Eltern lautstark dagegen aussprachen. Allerdings waren sie gerade dabei, das Haus zu verlassen, als die beiden Teenager sie abfingen und in das Arbeitszimmer zogen, dass sie bisher für ihre Besprechungen verwendet hatten.
Ottilie und Konrad stürmten zu Wespe und warfen sich in seine Arme. Er fing seine Geschwister ab und presste sie dicht an sich. Schalavsky nickte ihm zu und verließ den Raum, um ihnen Privatsphäre zu geben, und auch jeden anderen davon abzuhalten zu stören.
Als er und Bienert später wieder im Auto saßen, war sein Kollege ungewöhnlich ruhig. Natürlich hatte er auch gerade einen Verlust erlitten, aber die Stimmung in der Familie war so seltsam, dass bei Schalavsky alle Alarmglocken schrillten. Also fragte er als sie gerade an einer roten Ampel standen: „Sind sie okay?“
Bienert nickte kurz: „Klar.“
„Sie sind ungewöhnlich still. Normalerweise krieg ich Sie gar nicht dazu, auch mal nur fünf Minuten still zu sein.“, versuchte Schalavsky mehr aus ihm herauszulocken.
Wespe schnaubte missbilligend: „Man spricht ja nicht jeden Tag mit der Familie, die einen verstoßen hat, oder?“
Schalavsky müsste schon wirklich sehr dumm sein, um nicht so etwas in der Art vermutet zu haben: „Was ist passiert?“
Bienert Stimme nahm eine ätzende Färbung an, die sonst vollkommen unbekannt war: „Sie kennen mich doch. Ich kann mich nicht anständig kleiden oder so benehmen, wie es von mir erwartet wird. Meine Familie hat irgendwann die Reißleine gezogen.“
Schalavsky machte ein nachdenkliches Geräusch.
„Ich habe ja fast erwartet, dass Sie sich gut mit denen verstehen. Dann hätten sie alle gemeinsam mich für meine Lebensentscheidungen zusammenstauchen können.“, fauchte Wespe bösartig.
Schalavsky lenkte den Wagen in eine Parklücke und schaltete den Motor aus: „Bienert.“
Bienert hatte die Augen konzentriert geschlossen und seine Kieferpartie war zum Zerreißen angespannt: „Entschuldigen Sie, ich sollte Sie nicht mit denen in einen Topf werfen. Sie haben mich nicht wegen meiner Sexualität angegriffen. Noch nicht.“
Schalavsky legte eine Hand auf Wespes geballte Faust: „Bie- Wespe, tut mir leid dass Sie sowas mitmachen mussten.“
Wespe machte ein ersticktes überraschtes Geräusch.
„Kein Kind sollte die Unterstützung seiner Familie verlieren wegen etwas auf das man keinen Einfluss hat.“, sagte Schalavsky und sah wie sich Bienert Gesicht verzog als er mit aller Macht versuchte die Tränen zurück zu halten.
„Wollen Sie mir erzählen, was los ist?“, fragte Schalavsky.
Es folgte ein paar Minuten nichts, außer dass ab und zu sich still eine Träne durchkämpfte und Wespe sie schnell wegwischte. Dann kam sehr leise die Erklärung: „Ich war immer anders… aber als Teenager hatte ich es satt, mich immer perfekt zu präsentieren und hab was Neues ausprobiert. Von da an habe ich ständig mit meinen Eltern gestritten. Das hat sich über Jahre hingezogen und dann haben sie rausgefunden, dass ich nicht nur Freundinnen hatte. Ab da… sie haben das nicht akzeptiert. Eines Abends bin ich mit meinem Vater richtig aneinander gerasselt und habe ihm gesagt, dass ich mich nicht ändern werde und er nichts dagegen machen konnte. Er hat mich verprügelt und dann rausgeschmissen.“
Schalavsky verstärkte den Druck auf Wespes Hand aber blieb still.
„Ich hatte nicht viele Chancen wohin und bin zu meinem damaligen Freund. Ich war gerade achtzehn, er einundzwanzig und er schlug vor, dass wir heiraten sollten. Wir wussten beide, dass es nichts für immer war, aber so konnte ich meinen Namen ändern und konnte bei ihm Leben ohne dass noch mehr Fragen aufkamen.“
„Wie lange waren sie verheiratet?“
„Drei Jahre.“, sagte Wespe. „Dann war meine Ausbildung und Studium vorbei und er hatte sein Referendariat abgeschlossen und wir wollten verschiedene Dinge vom Leben. Naja seit dem hatte ich keinen Kontakt mehr zur Familie. Meinen Geschwistern ist es strengstens verboten, mit mir Kontakt aufzunehmen und ich will sie nicht in Probleme bringen, aber ich möchte auch, dass ich ihnen im Notfall ein sicherer Harfen sein kann.“
„Das ist sehr nett von Ihnen.“, sagte Schalavsky aufrichtig. „Okay, was brauchen Sie? Essen? Ablenkung? Was würde Ihnen helfen?”
Wespe sah ihn sprachlos an.
Am nächsten Tag und damit wesentlich schneller, als Schalavsky erwartet hatte, teilte ihm Bienert mit, dass er von Hektor erfahren hatte, dass die Familie unbedingt das Testament eröffnen wollte.
Schalavsky musste nicht mehr hören, um zu wissen, dass Bienert dabei sein wollte, aber nicht von seiner Familie direkt informiert wurde.
„Kommen Sie, wir hören uns das an.“, sagte Schalavsky entschieden.
Schalavsky gab sich alle Mühe als erster der Familie unter die Augen zu treten und mit jeder Faser seines Körpers auszustrahlen, dass sie genau hierher gehörten.
Er hörte zwar dennoch die Beschwerden der einzelnen Familienmitglieder, aber keiner versuchte sie rauszuschmeißen.
Schalavsky und Wespe standen hinten im Raum, während die Familie dem Notar gegenüber saß. Der Herr, Johannes Endinger, versuchte sein Möglichstes, um würdevoll auf den modernen Stühlen zu sitzen.
„Kommen wir direkt zum Testament. 'Ich, Annegret von Zauderstein und Unsicher, im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten, hinterlasse im Falle meines Todes meinen Besitz, wie hier im Folgenden aufgeführt. Notar Erdinger setzte ich als meinen Nachlassverwalter-“
„Können Sie bitte zu den wichtigen Teilen kommen?“, unterbrach Edelbert ungeduldig. Der Notar runzelte die Stirn, aber sprang ein paar Sätze vor: „Meinen treuen Angestellten Hektor vermache ich 10.000 Euro für all die Jahre der Treue und Vertrautheit. Meinen Enkeln Ottilie und Konrad vermache ich jeweils 50.000€. Das Geld steht ihnen zur Verfügung, sobald sie 18 Jahre alt sind. Bis dahin ist dieses Geld von niemandem anzurühren.“
Ottilie und Konrad sahen sich erstaunt an.
„Meinen gesamten restlichen Besitz hinterlassen ich Edelbert“ Wespes Vater lachte auf. „Dem Fünften von Zauderstein.“ Das Lachen von Wespes Vater fiel. „Sie meinen den Vierten!"
„Nein, hier steht ganz deutlich der fünfte.”, sagte der Notar streng. Schalavsky lehnte sich zu Wespe und fragte leise. „Wer ist das?”
Wespe drehte ihm das Gesicht zu und sah regelrecht verängstigt aus: „Das bin ich."
"Darf ich weiter lesen?", fragte Endinger streng und wurde mit widerwilliger Stile belohnt.
Der Notar nickte zufrieden.
„Edelbert Rembold Kasimir von Zauderstein, als mein ältester Enkel wurde von unserer Familie verstoßen, als er sich als Bisexuell geroutet hat. Ich möchte, dass man ihn in meinen Namen um Verzeihung bittet. Ich habe erst zu spät mehr von der LGBTQ-Bewegung erfahren und erkannt, was wir dem armen Jungen angetan hatten. Ich konnte ihn leider nicht finden und meine Familie war keine Hilfe, da sie ihre Fehler nicht einsehen können. Sollte er nach meinem Tod nicht zufinden sein so mag Hektor den Besitz bis zu 10 Jahren verwalten und keine Mühen scheuen Rembold zu finden. Wenn das auch in dieser Zeit nicht möglich ist oder mein armer Enkel schon aus dieser Welt gegangen sein, soll alles an gemeinnützige Organisationen gespendet werden."
„Das kann nicht ihr Ernst sein!”, rief Edelbert. „Meine Mutter muss senil gewesen sein.”
Endinger nickte: „Das hatte ihre Mutter befürchtet, also hat sie sich im Voraus zu diesem Testament von drei Ärzten bescheinigen lassen, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten war.”
„Was ist mit uns? Und dem Pflichtteil?“
„Das war in dem Teil erzählt, den sie überspringen wollten. Ihre Mutter schrieb, dass sie alle schon ihre Anteile aus dem Erbe ausgezahlt bekommen haben und damit keinen Anspruch mehr haben.” Drei Zaudernstein fingen an lautstark zu diskutieren.
„Sie können sich so sehr aufregen wie sie wollen aber das Testament ist rechtsgültig.", sagte Notar Endinger.
„Unser Nichtsnutziger Sohn soll alles bekommen, nach all den Jahren, in den er nicht Teil der Familie war?“, fragte Edelbert und deutete auf Wespe.
Der Notar nickte: „Soweit es hier vermerkt ist, ist seine Distanz zur Familie von Ihrer Seite ausgegangen.“ Er blickte zu Wespe und sShalavsky: „Ich verstehe richtig, dass sie der Enkel von Frau Zauderstein sind?"
Wespe nickte: „Ja, aber ich habe geheiratet. Bienert. Kasimir Bienert."
„Scheiß Schwuchtel”, fluchte Edelbert leise aber nicht leise genug, dass Schalavsky vortrat. „Edelbert von Zauderstein, ich verhaften Sie hiermit wegen Beamtenbeleidigung. Ich habe Sie gewarnt, wenn Sie meinen Kollegen beleidigen, werde ich Sie belangen."
„Das ist mein Sohn!”
„Lustig, das merkt man Ihnen gar nicht an.”, sagte Schalavsky trocken und missbilligend.
Wespes Mutter rang nach Worten: „Aber das hier ist unser Zuhause. Müssen wir das jetzt verlassen? Wohin sollen wir?”
„…die anderen Anwesen…” begann Edelbert.
„Gehören ebenfalls Ihren Sohn, sofern sie die nicht gekauft oder überschrieben bekommen haben.”, sagte Notar Endinger. Edelbert wandte sich mit düsteren Gesichtsausdruck an Wespe: „Was planst du jetzt zu tun? Wirst du ja rausschmeißen oder Miete verlangen?”
„Papa.”, sagte Wespe überraschend sanft. „Ihr könnt hier wohnen bleiben. Ich verlange nicht mal Miete, nur dass ihr die Kosten des Hauses selbst tragt.”
Wespes Vater sah ihn misstrauisch an: „Du willst kein Geld dafür?”
„Ich will keinen Cent von deinem Geld, Papa.”, sagte Wespe. „Um ehrlich zu sein, hätte ich am liebsten nie wieder was mit euch zu tun. Aber meine kleinen Geschwister sind in eurer Obhut und ihretwegen nehme ich das auf mich. Ihr dürft also hier wohnen, bis die beiden ausziehen. Aber... Wenn du sie einmal so schlägst, wie du mich geschlagen hast, musst du dir keine Sorgen mehr darum machen, wo du wohnst.”
„Na, wie geht's einem so als Neu-Schnösel und Großgrundbesitzer?”, fragte Tamina.
Wespe lachte auf. „Ich glaube, du stellst dir das alles ein wenig zu groß vor.”
Tamina grinste: „Ich schätze, du wirst jetzt die besten Partys feiern.”
„Das habe ich doch schon immer.”, sagte Wespe mit gespielter Empörung. „Aber nein, ich lasse meine Familie weiterhin darin wohnen.”
„Wirklich?” Tamina sah fragens zu Schalavsky, der nickte.
Wespe erklärte: „Ich möchte nicht meine kleinen Geschwister entwurzeln. Außerdem finde ich das Haus hässlich.”
„Zahlen deine Eltern wenigstens Miete?”
„Nur genug, um das Haus am Laufen zu halten. Ich will deren Geld nicht.”
„Was ist, wenn sie Ihr Vertrauen ausnutzen?", fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab: „Ich habe einen guten Draht zum Personal. Die können mich anrufen, sobald sich einer der Familie daneben benimmt.”
„ Was ist, wenn deine Geschwister nie ausziehen?”
„Unsinn.”, sagte Wespe. „Meine Eltern sind so kontrollierend, dass sie die beiden schon seit Jahren von sich weg stoßen. Wenn die sich nur einen Hauch von Freiheit erfahren sind die weg. Und dank Oma haben sie ein gutes Startkapital."
„Und einen verdammt guten großen Bruder.” sagte Tamina und Schalavsky stimmte innerlich zu.
„Schaut euch die beiden an.“, sagte Klößchen und deutete rüber zu Konny und Tili. Die beiden Geschwister vibrieren fast vor Aufregung und sprangen lachend umeinander.
„Die scheinen ja sehr fröhlich zu sein.“, sagte Gaby lächelnd. „So offen kennt man die gar nicht.“
Als die Geschwister an ihnen lachend vorbei taumelten fragte Tim: „Hey Konny, was versetzt euch denn in so gute Stimmung?“
Der ältere Schüler fasste sich etwas, aber er grinste immer noch breit und wuschelte seiner kleinen Schwester durch die Haare: „Wir haben auch guten Grund dafür. Unser großer Bruder holt uns heute ab und will mit uns in den Freizeitpark.“
„Ich wusste gar nicht, dass ihr einen großen Bruder habt.“, sagte Karl Stirn runzelnd.
Tili verzog den Mund. Sie war ein Jahr jünger als die TKKG Bande: „Er versteht sich nicht gut mit unseren Eltern und jetzt ist es das erste Mal, dass sie uns erlaubt haben ihn zu treffen.“
Konny nickte: „In der Vergangenheit hat Remi uns heimlich besucht. Er hat herausgefunden, wann wir unsere Vereine haben und hat uns dann angefangen. Aber er musste sich immer vor unseren Eltern und dem Chauffeur verstecken.“
„Außer wenn Hektor gefahren ist.“, sagte Tili. „Dann durfte Remi mitfahren und wir können reden.“
„Wie ist denn dieser Remi so?“, fragte Klößchen.
„Er ist der Coolste.“, sagte Tili. „Er sieht aus wie ein Rockstar.“
Konny lachte: „Er ist aber kein Rockstar. Er ist Beamter.“
Klößchen lächelte wortlos.
Weil die Geschwister kaum zu halten waren, zogen sie schnell weiter.
Klößchen grinste schief: „Einen Rockstar Bruder hätte ich mir bei den beiden steifen Gestalten nicht vorstellen können. Beamter sehe ich da schon eher.“
Die restliche Bande grinste.
„Ich glaube, die Eltern der Beiden sind sehr streng.“, sagte Karl. „Ich habe mal bei einem Schulfest gesehen, wie die miteinander umgehen. Da heiß es nur 'sitzt gerade', 'sprich deutlich' und 'mach nicht so ein Gesicht'. Ich will nicht wissen, wie das Zuhause bei denen ist.“
„Schon wahr. Können ja nicht alle Superreichen wollen, dass ihre Kinder vor allem glücklich werden. Gut, dass meine Erzeuger zu der Fraktion gehören.“, sagte Klößchen.
„Die beiden wirken aber anders seit ihre Großmutter gestorben ist.“, gab Gaby zu bedenken.
„Meinst du, sie war es, die alle unterdrückt hat als alte Mat- Matri- Mata Hari?“, fragte Klößchen.
Karl lachte auf: „Du meinst Matriarchin.“
„Ich denke nicht, dass es so war.“, sagte Gaby. „Sie wirkten ernsthaft traurig, als es passiert ist. Erst danach schienen sie langsam aufzuatmen.“
TKKG hatte gerade das Schulgebäude verlassen, als ein Wagen vor dem Schulgebäude hielt.
„Das ist aber nicht ihr üblicher Schlitten.“, sagte Klößchen.
„Sie haben doch auch gesagt, dass ihr Bruder kommt.“, sagte Karl. „Klar, dass das der in eigenen Auto kommt.“
„Klar, wie er das schwarze Schaf der Familie ist.“, sagte Klößchen.
Der Fahrer hatte kaum die Fahrertür auf und seine Füße auf den Boden gestellt, als die beiden Geschwister ihm schon um den Hals fielen. Er nahm sie beide fest in den Arm und lachte.
TKKG erstarrten. Sie kannten das Lachen und als die jungen Geschwister den Blick auf ihren Bruder freigaben, erkannten sie auch diese Gestalt.
„Wespe!“, riefen sie alle wie aus einem Mund.
Besagter schaute auf und grinste: „Oh, wenn das mal nicht der Schrecken der Unterwelt ist. Ich hatte eigentlich gehofft die beiden hier einzusacken und zu verschwinden, ohne von euch in ein neues Verbrechen gezogen zu werden.“
„Haben wir auch nicht vor.“, sagte Tim „Wir wollen dich nicht von deinem Familientag abhalten. Auch wenn es kaum zu glauben ist, dass jemand wie du Familie hat.“
„Tja, mein lieber Tim, du bist halt noch jung und musst viel lernen.“, sagte Wespe gönnerisch.
„Warte mal, Remi, du kennst TKKG?", fragte Tili.
Wespe nickte betont ernst: „Na klar. Ich bin immer wieder drauf und dran die zu verhaften. Furchtbare Halunken sind das! Haltet euch bloß fern!“
TKKG fingen herzhaft an zu lachen.
„Warte mal,“, sagte Klößchen nachdenklich. „wenn du ihr Bruder bist, dann gehörst du zu einer der reichsten Familien der Stadt… des Landes.“
„Stimmt.“, sagte Wespe.
„Und du bist Bulle gewordenen?“, rief Klößchen.
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich hab von dem Geld nichts mehr gesehen seit ich achtzehn war und rausgeschmissen wurde.“
„Zumindest bis jetzt.“ merkte Konny an.
Wespe nickte.
„Was heißt denn das? Bist du wieder in die gute Meinung deiner Eltern gerutscht?“, fragte Tim.
„Oh kein Stück. Die sind homophob wie eh und je, aber Oma hat mir alles vermacht.“, grinste Wespe. „Und da sich nun endlich meine Eltern in meine gute Meinung bringen müssen, darf ich endlich meine Geschwister treffen ohne ihnen auflauern zu müssen.“
„Und du kannst die immer noch keine Hosen ohne Löcher leisten?“, fragte Tim.
„Das nennt sich Style, du Stadtaffe.“ beschwerte sich Wespe.
Klößchen pfiff durch die Zähne: „Wespe als Alleinerbe? Nicht schlecht.“
„Ist die Familie wirklich so reich?“, fragte Gaby.
„Lasst es mich mal so sagen: Selbst mit allem, was ich erben werde, wirke ich neben Wespe wie ein armer Betteljunge.“
„Zu was macht es mich dann?“, fragte Tim amüsiert.
„Wespe könnte dich kaufen, ohne dass du es merkst.“
Tim runzelte die Stirn: „Menschen kauft man aber nicht mehr.“
Klößchen schmunzelte: „Er könnte sich die Schule, deine Clubs, den Wohnblock deiner Mom, ihren Arbeitsplatz und den Arbeitsplatz deines Stiefvaters kaufen und hätte das Geld in einer Stunde Nichtstun wieder drin.“
Tim pfiff anerkennend.
„Etwas Gutes hat das Ganze.“, sagte Klößchen.
„Und was?“
„Sobald meine Mutter wieder eine ihrer Schicki-Micki-Partys veranstaltet, lade ich Wespe ein.“, grinste Klößchen. „Der wird die Gesellschaft schon auf Trab halten.“
„Sie sind nicht der Einzige, der eine Familie mit jungen Kindern darin hat.“ sagte Schalavsky. „Meine Neffen und Nichten lieben den Film.“
Schalavsky sah zufällig auf das Display von Wespes Handy.
Dort stand die Nachricht von Tili: „Hat sehr viel Spaß gemacht vielen Dank, Remi. 😁“
„Remi?“, sagte Schalavsky zweifelnd.
Wespe sah auf.
„Wie die Ratte.“, sagte Schalavsky.
Wespe schnappte nach Luft: „Sie kennen Ratatouille?“
Eine Idee zu Wespe die zumindest als snippet geschrieben werden wollte. Ich mach das gerade im Zug fertig also alle Fehler sind Features
„Bienert?“ Schalavsky platzte in das Büro mit etwas, das Wespe als seinen irritiert- grummeligen Gesichtsausdruck kategorisieren konnte. Besser als der wütend-grummelige Ausdruck, aber schlechter als der neutral-grummelige Ausdruck, den Schalavsky nur in bester Laune zur Schau trug. Vor allem wusste Wespe nicht, was er jetzt eigentlich gemacht hatte. Er hatte ihm weder den Kaffee gestohlen, noch etwas freches gesagt. Sogar sein Outfit war eines seiner üblichen, über das sich Schalavsky schon zu oft beschwert hatte, um noch eine Miene zu verziehen. „Warum werden Sie zu spezifisch zu einem Einsatz gerufen?“
Wespe runzelte verblüfft die Stirn: „Woher soll ich das wissen? Ich wusste nicht mal, dass ich gerufen wurde.“
„Vielleicht sagt Ihnen diese Adresse was.“ Schalavsky legte einen Zettel auf Wespes Tisch. Er las die Adresse und sein Herz sank auf diese spezielle Art, wenn man schlechte Nachrichten bekam. „...ach fuck.“
Schalavsky verschränkte die Arme: „Wie wäre es mit einer Erklärung? Was geht hier ab? Man kann sich nicht einfach einen Polizisten aussuchen.“
„Man kann, wenn man derartig reich ist.“, murmelte Wespe resigniert und stand auf.
„Sie kennen sie also.“, stellte Schalavsky fest.
Wespe griff nach seiner Jacke und murmelte viel zu schnell: „Dasistdashauptanwesenmeinerfamilie.
Schalavsky griff nach seinem Arm und stoppte ihn: „Was?“
Wespe seufzte und sagte langsamer: „Das ist... das Hauptanwesen... meiner Familie.“
Schalavsky glaubte sich verhört zu haben: „Ihrer Familie?“
„Jep. Ich fahr dann mal.“
Schalavsky ließ es zwar zu, dass Wespe sich losmachte, aber er war nicht einverstanden: „Sie sollten da nicht arbeiten, wenn sie persönlich involviert sind.“
Wespe lachte bitter auf: „Glauben Sie mir, dass die ein Nein nicht akzeptieren werden.“
Schalavsky sah die deutlichen Anzeichen von Stress und Angst vor dem Ungewissen in Wespe und entschied: „...ich komme mit Ihnen.“
Wespe blickte ihn nur suchend an und als er überzeugt war, dass Schalavsky es ernst meinte sagte: „Fein. Da Sie mich eh nicht leiden können, wird es dadurch auch nicht mehr schlimmer.“
Schalavsky wusste nicht was er von Wespes Aussage halten sollte, aber als sie dann im nobelsten Villenviertel vor einem Prachtbunker standen, der wahrscheinlich ebenso teuer wie hässlich war, ahnte er, dass ihm noch etliche Puzzelteile fehlte.
Das Tor wurde automatisch geöffnet und als sie die lange Auffahrt hinauf gefahren waren und vor dem Eingang parkten, hatte ein Herr im Anzug bereits die Türen geöffnet und stand würdevoll im Eingang. Als Wespe aber ausstieg, verlor er plötzlich die würdevolle Haltung und eilte die Stufen hinunter.
„Junger Herr Kasimir.“, sagte und streckte die Hände nach Wespe aus. „Es freut mich so Sie zu sehen.“
„Hektor.“, lächelte Wespe verlegen und seine Anspannung verlor sich ein bisschen. „Es ist auch schön dich zu sehen.“
„Geht es Ihnen gut? Essen Sie auch immer genug?“
Wespe schmunzelte: „Ja Hektor, es geht mir gut. Weißt du, warum man uns hierher beordert hat?“
Hektor schüttelte schnell den Kopf: „Ich wusste nicht mal, dass Sie kommen. Aber ich denke, es hat mit Ihrer Großmutter zu tun.“
Wespe runzelte die Stirn: „Was ist mit Oma?“
„Es tut mir leid ihnen mitteilen zu müssen, dass sie in den frühen Morgenstunden verstorben ist.“, sagte Hektor mit sanften Gesichtsausdruck.
Wespe atmet erschrocken ein. Schalavsky trat dichter an seine Seite und legte eine Hand auf seinen Rücken: „Bienert? Wollen Sie-?“
„Schon gut, schon gut.“, unterbrach Wespe. „Danke, dass Du mich vorgewarnt hast Hektor.“
„Es ist nicht ganz klar, was geschehen ist.“, sagte Hektor vorsichtig. „Sie war außerhalb ihres Bettes und... Nun vielleicht ist sie nur gestürzt.“
Schalavsky runzelte die Stirn: „Ich werde mir das ansehen.“ Er wollte Bienert anbieten sich das zu ersparen oder zu seiner Familie zu gehen. Aber Bienert trat bereits auf die Eingangstreppe zu. Schalavsky hatte das Gefühl, er würde er in ein Museum laufen oder einen Designerladen, den man ohne das entsprechende Budget nicht mal betreten dürfe. Alles hieran schrie nach Geld und Reichtum (und wie Schalavsky fand ziemlich schlechten Geschmack). Wespe bewegte sich zielsicher durch die Eingangshalle. Er kannte offensichtlich den Weg und bis auf ein zwei Blicke zu Seite nahm er sich auch nicht die Zeit alles zu betrachten. Er schien auch zu wissen, wo er in diesem großen Haus hin musste. Hektor folgte ihnen beflissen ohne eine Richtung vorgeben zu müssen. Wespe fand seine Oma. Sie lag in einem Fleck aus getrocknetem Blut. Offensichtlich hatte jemand versucht, sie wegzubewegen und es dann aufgegeben. Das Blut stammte aus einer Kopfwunde. Die alte Dame war in einen seidenen Schlafanzug gekleidet und hatte ihre weißen Haare zu einem Zopf geflochten.
Wespe presste eine Hand vor den Mund und kniff die Augen zu.
Schalavsky legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sprach leise zu ihm: „Bienert, ich kann das hier übernehmen.“
Wespe sah ihn an und schüttelte den Kopf: „Nein. Das kann ich Ihnen nicht antun. Ich muss mich nur sammeln, bevor ich meiner Familie unter die Augen trete.“
Schalavsky empfand diese Aussage etwas seltsam, aber manchmal war es schwer, die professionelle Fassade im Anblick von engen Freunden und Familie aufrecht zu erhalten. Aber Wespe wirkte angespannt und ängstlich.
Wespe riss sich in den nächsten zwei Minuten so sehr zusammen, dass ihm nicht mehr anzusehen war, dass er im gleichen Raum mit der Leiche seiner Großmutter stand.
„Wo finde ich die anderen?“, fragte Wespe.
„In der Lounge.“, sagte Hektor hilfreich.
Wespe nickte und schritt voran. Schalavsky folgte ihm bis in einem Raum, der ähnlich farblos wie der Rest des Hauses ausgestattet war und dessen Möbel ihn daran zweifeln ließen, ob sie für Menschen designt worden waren.
Im Raum waren fünf Personen anwesend. Die drei Erwachsenen standen von ihren Sitzplätzen auf, als sie den Raum betraten, die beiden Teenager blieben in ihren Sesseln sitzen.
„Ah Rembold, du bist endlich eingetroffen.“, sagte die Frau mit einem strengen Blick. Sie trug einen Hosenanzug und High Heels, was sie bestimmt sehr erfolgreich im Job machte, aber in ihrem eigenen Zuhause wie eine Verkleidung und damit verdächtig wirkte.
„Guten Tag, Mama.“, sagte Bienert trocken. Schalavsky sah überrascht die Frau an, um zu sehen, ob er Ähnlichkeiten in ihr zu seinem Kollegen erkennen konnte. Stattdessen fand er ein missbilligendes Zucken der Mundwinkel, dass ihm eine sehr schlechte Vorahnung bereitete.
„Sohn.“, sagte nun auch einer der beiden anwesenden Männer. Er sah ähnlich streng aus wie die Frau und trug einen so teuren Anzug, dass Schalavsky noch nicht mal den Namen der Firma aussprechen konnte, ohne bankrott zu gehen.
„Papa.“, sagte Bienert trocken und ging dann auf Angriff. „Habt ihr mich nur informieren wollen, oder habt ihr mich in meiner Funktion als Polizist gerufen?“
„Als Polizist natürlich.“, sagte die Mutter. Weil es natürlich undenkbar war, den eigenen Sohn vom Tod seiner Großmutter zu benachrichtigen.
Der zweite Mann stand nun auf und fragte mit einem Nicken zu Schalavsky: „Wer ist das?“
Wespe drehte sich halb zu Schalavsky um und sagte zu ihm: „Oh, tschuldigung.“ Wespe deutete zu den Teenagern, die schüchtern nickten: „Das sind Ottilie und Konrad, meine Geschwister und das sind Erdmute von Zauderstein und Edelbert der Vierte von Zauderstein, meine Eltern. Und das ist Wenzel von Zauderstein, mein Onkel.“ Erst danach wandte er sich an seine Familie: „Das ist Kommissar Schalavsky.“
„Warum hast du ihn mitgebracht?“, fragte Onkel Wenzel.
„Ihr habt nach mir verlangt und wir sind ein Team.“, sagte Wespe stumpf.
Wenzel machte ein auffälliges Geräusch, aber es war Erdmute, die erklärte, was sie wollten: „Wir wollen das in kleinem Kreis halten und keine unnötigen Personen einmischen.“
Schalavsky verstand, dass sie Wespe nur gerufen hatten, um seinen Einfluss zu nutzen.
Wespe runzelte die Stirn: „Ich kann mich nicht involvieren, wenn die Todesursache ungeklärt ist.“
Schalavsky stellte überrascht fest, dass Bienert doch einen Sinn für die Dienstordnung zu haben schien. Wenn auch nur dann, wenn es ihm genehm war.
„Dann kannst du auch wieder gehen.“, sagte Edelbert. „Du hattest einmal die Chance nützlich zu sein, und nicht mal das bekommst du hin, du wertloses-“
Schalavsky räusperte sich laut: „Ich würde Ihnen dringend davon abraten, meinen Kollegen zu beleidigen, sonst lasse ich Sie wegen Beamtenbeleidigung belangen. Darüber hinaus handelt mein Kollege vollkommen korrekt und vorbildlich, weswegen ich die Ermittlungen übernehmen werde. Bitte halten Sie sich zur Verfügung.“ Er sah zu seinem Kollegen und sagte sanfter: „Bienert, ich würde Sie gerne zuerst befragen.“
Wespe nickte und folgte Schalavsky aus dem Raum. Wespe steuerte einen Raum an, der aussah wie ein Arbeitszimmer, das zu selten genutzt wurde.
„Ich habe Fragen.“, sagte Schalavsky. Bienert nickte und ließ sich auf der Tischkante des metallenen Monstrums, dass den Schreibtisch bildete, nieder.
„Was ist mit den Namen?“
„Ich benutzte nur noch meinen dritten Vornamen und habe jung geheiratet.“, sagte Wespe
Schalavsky glaubte sich verhört zu haben: „Moment, Sie sind verheiratet?“
Wespe schüttelte den Kopf: „War verheiratet, jetzt sind wir geschieden… Ich hab seinen Nachnamen behalten.“
Schalavsky vermerkte das als gedanklich unter Informationen, denen er später nachgehen musste. Es war gerade wirklich nicht wichtig herauszufinden, wer dieser Mann war, den Wespe geheiratet hatte, auch wenn es ihn interessierte.
„Warum sind die da drin so…“
„Bitchig?“, schlug Wespe vor. Er verschränkte die Arme vor der Brust: „Können wir das später klären? Wir kommen halt nicht gut miteinander aus und ich hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen.“
„Okay.“, sagte Schalavsky. „Glauben Sie, irgendjemand hätte einen Grund, Ihre Großmutter zu töten?“
Wespe verzog den Mund: „Bestimmt. Sie haben gesehen, wie die sich darin verhalten, wenn sie gerade einen Verlust erlitten haben. Was meinen Sie, wie die drauf sind, wenn sie sich unantastbar fühlen?“
Schalavsky nickte: „Ich rufe die Kollegen und wir werden das untersuchen lassen. Bienert, wenn das hier zu viel ist… Möchten Sie gehen?“
Wespe schüttelte den Kopf: „Nein, ich möchte helfen… Ich weiß, ich sollte nicht. Ich werde Ihren ausnahmslos Anweisungen folgen.“
„Das wäre ja mal was ganz neues.“, rutschte es Schalavsky raus, bevor er es verhindern konnte. Aber Wespe nahm keinen Anstoß daran. Ernsthaft beteuerte: „Ich verspreche es.“
Schalavsky nickte: „Schon gut. Wir versuchen aber, es nicht an die große Glocke zu hängen.“
Die Kollegen von der Spurensicherung kamen und untersuchten alles. Wespes Großmutter wurde abtransportiert und würde auch untersucht werden.
Schalavsky kam in das Vergnügen die gesamte Familie befragen zu können. Er stellte schnell fest, dass es von Vorteil war, wenn Wespe dabei war, vor allem wenn er sich in den Rücken der Befragten stellte und immer mal wieder leicht den Kopf schüttelte, wenn er eine Lüge erkannte. Schalavsky stellte in diesen Gesprächen fest, dass er die gesamte Familie nicht besonders leiden konnte und beschloss die gesamten Angelegenheiten haarklein durchzugehen, um zu schauen, ob sie irgendwelche Leichen im Keller hatten, auch wenn sich Großmutters Tod als natürlich herausstellte.
Die beiden Teenager durfte er nicht befragen, weil sich ihre Eltern lautstark dagegen aussprachen. Allerdings waren sie gerade dabei, das Haus zu verlassen, als die beiden Teenager sie abfingen und in das Arbeitszimmer zogen, dass sie bisher für ihre Besprechungen verwendet hatten.
Ottilie und Konrad stürmten zu Wespe und warfen sich in seine Arme. Er fing seine Geschwister ab und presste sie dicht an sich. Schalavsky nickte ihm zu und verließ den Raum, um ihnen Privatsphäre zu geben, und auch jeden anderen davon abzuhalten zu stören.
Als er und Bienert später wieder im Auto saßen, war sein Kollege ungewöhnlich ruhig. Natürlich hatte er auch gerade einen Verlust erlitten, aber die Stimmung in der Familie war so seltsam, dass bei Schalavsky alle Alarmglocken schrillten. Also fragte er als sie gerade an einer roten Ampel standen: „Sind sie okay?“
Bienert nickte kurz: „Klar.“
„Sie sind ungewöhnlich still. Normalerweise krieg ich Sie gar nicht dazu, auch mal nur fünf Minuten still zu sein.“, versuchte Schalavsky mehr aus ihm herauszulocken.
Wespe schnaubte missbilligend: „Man spricht ja nicht jeden Tag mit der Familie, die einen verstoßen hat, oder?“
Schalavsky müsste schon wirklich sehr dumm sein, um nicht so etwas in der Art vermutet zu haben: „Was ist passiert?“
Bienert Stimme nahm eine ätzende Färbung an, die sonst vollkommen unbekannt war: „Sie kennen mich doch. Ich kann mich nicht anständig kleiden oder so benehmen, wie es von mir erwartet wird. Meine Familie hat irgendwann die Reißleine gezogen.“
Schalavsky machte ein nachdenkliches Geräusch.
„Ich habe ja fast erwartet, dass Sie sich gut mit denen verstehen. Dann hätten sie alle gemeinsam mich für meine Lebensentscheidungen zusammenstauchen können.“, fauchte Wespe bösartig.
Schalavsky lenkte den Wagen in eine Parklücke und schaltete den Motor aus: „Bienert.“
Bienert hatte die Augen konzentriert geschlossen und seine Kieferpartie war zum Zerreißen angespannt: „Entschuldigen Sie, ich sollte Sie nicht mit denen in einen Topf werfen. Sie haben mich nicht wegen meiner Sexualität angegriffen. Noch nicht.“
Schalavsky legte eine Hand auf Wespes geballte Faust: „Bie- Wespe, tut mir leid dass Sie sowas mitmachen mussten.“
Wespe machte ein ersticktes überraschtes Geräusch.
„Kein Kind sollte die Unterstützung seiner Familie verlieren wegen etwas auf das man keinen Einfluss hat.“, sagte Schalavsky und sah wie sich Bienert Gesicht verzog als er mit aller Macht versuchte die Tränen zurück zu halten.
„Wollen Sie mir erzählen, was los ist?“, fragte Schalavsky.
Es folgte ein paar Minuten nichts, außer dass ab und zu sich still eine Träne durchkämpfte und Wespe sie schnell wegwischte. Dann kam sehr leise die Erklärung: „Ich war immer anders… aber als Teenager hatte ich es satt, mich immer perfekt zu präsentieren und hab was Neues ausprobiert. Von da an habe ich ständig mit meinen Eltern gestritten. Das hat sich über Jahre hingezogen und dann haben sie rausgefunden, dass ich nicht nur Freundinnen hatte. Ab da… sie haben das nicht akzeptiert. Eines Abends bin ich mit meinem Vater richtig aneinander gerasselt und habe ihm gesagt, dass ich mich nicht ändern werde und er nichts dagegen machen konnte. Er hat mich verprügelt und dann rausgeschmissen.“
Schalavsky verstärkte den Druck auf Wespes Hand aber blieb still.
„Ich hatte nicht viele Chancen wohin und bin zu meinem damaligen Freund. Ich war gerade achtzehn, er einundzwanzig und er schlug vor, dass wir heiraten sollten. Wir wussten beide, dass es nichts für immer war, aber so konnte ich meinen Namen ändern und konnte bei ihm Leben ohne dass noch mehr Fragen aufkamen.“
„Wie lange waren sie verheiratet?“
„Drei Jahre.“, sagte Wespe. „Dann war meine Ausbildung und Studium vorbei und er hatte sein Referendariat abgeschlossen und wir wollten verschiedene Dinge vom Leben. Naja seit dem hatte ich keinen Kontakt mehr zur Familie. Meinen Geschwistern ist es strengstens verboten, mit mir Kontakt aufzunehmen und ich will sie nicht in Probleme bringen, aber ich möchte auch, dass ich ihnen im Notfall ein sicherer Harfen sein kann.“
„Das ist sehr nett von Ihnen.“, sagte Schalavsky aufrichtig. „Okay, was brauchen Sie? Essen? Ablenkung? Was würde Ihnen helfen?”
Wespe sah ihn sprachlos an.
Am nächsten Tag und damit wesentlich schneller, als Schalavsky erwartet hatte, teilte ihm Bienert mit, dass er von Hektor erfahren hatte, dass die Familie unbedingt das Testament eröffnen wollte.
Schalavsky musste nicht mehr hören, um zu wissen, dass Bienert dabei sein wollte, aber nicht von seiner Familie direkt informiert wurde.
„Kommen Sie, wir hören uns das an.“, sagte Schalavsky entschieden.
Schalavsky gab sich alle Mühe als erster der Familie unter die Augen zu treten und mit jeder Faser seines Körpers auszustrahlen, dass sie genau hierher gehörten.
Er hörte zwar dennoch die Beschwerden der einzelnen Familienmitglieder, aber keiner versuchte sie rauszuschmeißen.
Schalavsky und Wespe standen hinten im Raum, während die Familie dem Notar gegenüber saß. Der Herr, Johannes Endinger, versuchte sein Möglichstes, um würdevoll auf den modernen Stühlen zu sitzen.
„Kommen wir direkt zum Testament. 'Ich, Annegret von Zauderstein und Unsicher, im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten, hinterlasse im Falle meines Todes meinen Besitz, wie hier im Folgenden aufgeführt. Notar Erdinger setzte ich als meinen Nachlassverwalter-“
„Können Sie bitte zu den wichtigen Teilen kommen?“, unterbrach Edelbert ungeduldig. Der Notar runzelte die Stirn, aber sprang ein paar Sätze vor: „Meinen treuen Angestellten Hektor vermache ich 10.000 Euro für all die Jahre der Treue und Vertrautheit. Meinen Enkeln Ottilie und Konrad vermache ich jeweils 50.000€. Das Geld steht ihnen zur Verfügung, sobald sie 18 Jahre alt sind. Bis dahin ist dieses Geld von niemandem anzurühren.“
Ottilie und Konrad sahen sich erstaunt an.
„Meinen gesamten restlichen Besitz hinterlassen ich Edelbert“ Wespes Vater lachte auf. „Dem Fünften von Zauderstein.“ Das Lachen von Wespes Vater fiel. „Sie meinen den Vierten!"
„Nein, hier steht ganz deutlich der fünfte.”, sagte der Notar streng. Schalavsky lehnte sich zu Wespe und fragte leise. „Wer ist das?”
Wespe drehte ihm das Gesicht zu und sah regelrecht verängstigt aus: „Das bin ich."
"Darf ich weiter lesen?", fragte Endinger streng und wurde mit widerwilliger Stile belohnt.
Der Notar nickte zufrieden.
„Edelbert Rembold Kasimir von Zauderstein, als mein ältester Enkel wurde von unserer Familie verstoßen, als er sich als Bisexuell geroutet hat. Ich möchte, dass man ihn in meinen Namen um Verzeihung bittet. Ich habe erst zu spät mehr von der LGBTQ-Bewegung erfahren und erkannt, was wir dem armen Jungen angetan hatten. Ich konnte ihn leider nicht finden und meine Familie war keine Hilfe, da sie ihre Fehler nicht einsehen können. Sollte er nach meinem Tod nicht zufinden sein so mag Hektor den Besitz bis zu 10 Jahren verwalten und keine Mühen scheuen Rembold zu finden. Wenn das auch in dieser Zeit nicht möglich ist oder mein armer Enkel schon aus dieser Welt gegangen sein, soll alles an gemeinnützige Organisationen gespendet werden."
„Das kann nicht ihr Ernst sein!”, rief Edelbert. „Meine Mutter muss senil gewesen sein.”
Endinger nickte: „Das hatte ihre Mutter befürchtet, also hat sie sich im Voraus zu diesem Testament von drei Ärzten bescheinigen lassen, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten war.”
„Was ist mit uns? Und dem Pflichtteil?“
„Das war in dem Teil erzählt, den sie überspringen wollten. Ihre Mutter schrieb, dass sie alle schon ihre Anteile aus dem Erbe ausgezahlt bekommen haben und damit keinen Anspruch mehr haben.” Drei Zaudernstein fingen an lautstark zu diskutieren.
„Sie können sich so sehr aufregen wie sie wollen aber das Testament ist rechtsgültig.", sagte Notar Endinger.
„Unser Nichtsnutziger Sohn soll alles bekommen, nach all den Jahren, in den er nicht Teil der Familie war?“, fragte Edelbert und deutete auf Wespe.
Der Notar nickte: „Soweit es hier vermerkt ist, ist seine Distanz zur Familie von Ihrer Seite ausgegangen.“ Er blickte zu Wespe und sShalavsky: „Ich verstehe richtig, dass sie der Enkel von Frau Zauderstein sind?"
Wespe nickte: „Ja, aber ich habe geheiratet. Bienert. Kasimir Bienert."
„Scheiß Schwuchtel”, fluchte Edelbert leise aber nicht leise genug, dass Schalavsky vortrat. „Edelbert von Zauderstein, ich verhaften Sie hiermit wegen Beamtenbeleidigung. Ich habe Sie gewarnt, wenn Sie meinen Kollegen beleidigen, werde ich Sie belangen."
„Das ist mein Sohn!”
„Lustig, das merkt man Ihnen gar nicht an.”, sagte Schalavsky trocken und missbilligend.
Wespes Mutter rang nach Worten: „Aber das hier ist unser Zuhause. Müssen wir das jetzt verlassen? Wohin sollen wir?”
„…die anderen Anwesen…” begann Edelbert.
„Gehören ebenfalls Ihren Sohn, sofern sie die nicht gekauft oder überschrieben bekommen haben.”, sagte Notar Endinger. Edelbert wandte sich mit düsteren Gesichtsausdruck an Wespe: „Was planst du jetzt zu tun? Wirst du ja rausschmeißen oder Miete verlangen?”
„Papa.”, sagte Wespe überraschend sanft. „Ihr könnt hier wohnen bleiben. Ich verlange nicht mal Miete, nur dass ihr die Kosten des Hauses selbst tragt.”
Wespes Vater sah ihn misstrauisch an: „Du willst kein Geld dafür?”
„Ich will keinen Cent von deinem Geld, Papa.”, sagte Wespe. „Um ehrlich zu sein, hätte ich am liebsten nie wieder was mit euch zu tun. Aber meine kleinen Geschwister sind in eurer Obhut und ihretwegen nehme ich das auf mich. Ihr dürft also hier wohnen, bis die beiden ausziehen. Aber... Wenn du sie einmal so schlägst, wie du mich geschlagen hast, musst du dir keine Sorgen mehr darum machen, wo du wohnst.”
„Na, wie geht's einem so als Neu-Schnösel und Großgrundbesitzer?”, fragte Tamina.
Wespe lachte auf. „Ich glaube, du stellst dir das alles ein wenig zu groß vor.”
Tamina grinste: „Ich schätze, du wirst jetzt die besten Partys feiern.”
„Das habe ich doch schon immer.”, sagte Wespe mit gespielter Empörung. „Aber nein, ich lasse meine Familie weiterhin darin wohnen.”
„Wirklich?” Tamina sah fragens zu Schalavsky, der nickte.
Wespe erklärte: „Ich möchte nicht meine kleinen Geschwister entwurzeln. Außerdem finde ich das Haus hässlich.”
„Zahlen deine Eltern wenigstens Miete?”
„Nur genug, um das Haus am Laufen zu halten. Ich will deren Geld nicht.”
„Was ist, wenn sie Ihr Vertrauen ausnutzen?", fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab: „Ich habe einen guten Draht zum Personal. Die können mich anrufen, sobald sich einer der Familie daneben benimmt.”
„ Was ist, wenn deine Geschwister nie ausziehen?”
„Unsinn.”, sagte Wespe. „Meine Eltern sind so kontrollierend, dass sie die beiden schon seit Jahren von sich weg stoßen. Wenn die sich nur einen Hauch von Freiheit erfahren sind die weg. Und dank Oma haben sie ein gutes Startkapital."
„Und einen verdammt guten großen Bruder.” sagte Tamina und Schalavsky stimmte innerlich zu.
Snippet zum Chaostrio, bit sad. Thema: Warum sind sie zur Polizei gegangen?
Tamina und Wespe hatten Schalavsky miteinbezogen, als sie gesagt hatten, dass sie feiern wollten. Schalavsky hatte versucht sich herauszuwinden, aber Wespe hatte sich bei ihm untergeharkt und versprochen, dass sie nur im kleinen Kreise feiern wollten und man es wirklich nicht oft schaffte so einen Erfolg zu erreichen. Außerdem würde er eingeladen werden.
Schalavsky hatte nachgegeben und so endeten sie in einer Bar, die mitten in der Woche angenehm ruhig war und Tamina und Wespe probierten die verschiedenen Cocktails aus, während sich Schalavsky erst an Bier hielt und dann einen der Whiskeys probierte.
Es dauerte nicht lange bis die drei nach einem zu geringen Abendessen deutlich angetrunken durcheinander quatschen. Wespe und Tamina hatten nach dem zweiten Cocktail angefangen Schalavsky zu duzen und er ließ es ihnen durchgehen, weil er sich dann nicht so alt fühlte und nicht als wäre er in der Verantwortung den Moralapostel für die beiden zu spielen. Sie sprachen über Gott und die Welt und stellten Fragen übereinander von den sie manchmal tatsächlich noch nicht die Antwort kannten.
Irgendwann sah Tamina fragend in die Runde: „Warum seid ihr zur Polizei gegangen?“
„Weil meine Boyband nicht so steil gegangen ist, wie erwartet.“, grinste Wespe und steckte sich sein Cocktailschirmchen in die Haare.
Tamina schlug spielerisch nach ihm: „Ich mein’ das ernst. Ich bin zur Polizei gegang’n, weil ich was verändern wollte. Weil meine Eltern immer Angst hatten sich an die Polizei zu wenden, weil sie nich von hier sind und nie wussten, ob man ihnen helfen würde oder nich. Und ich dachte das könnte ich besser machen.“
Wespe lächelte sie an wie ein stolzer großer Bruder und stahl einen Schluck von ihrem Cocktail.
Schalavsky ließ sich hinreißen zusagen: „Ich wollte etwas weniger Ungerechtigkeit. Oder zumindest zur Gerechtigkeit beitragen.“
Zwei Augenpaare richteten erwartend auf Wespe.
Der zeigte ein konzentrierten Ausdruck: „Wegen Schalavsky.“
Tamina machte ein fragendes Geräusch. Schalavsky hielt das für einen Scherz: „Als wir uns kennengelernt haben, waren Sie bereits ausgelernt.“
Wespe schüttelte etwas zu sehr den Kopf und musste sich am Tisch festhalten: „Nein, du hast den Mord an meinem kleinen Bruder aufgeklärt.“
Tamina runzelte die Stirn: „Ich kenne doch deinen Bruder.“
„Das ist mein großer Bruder. Ermordet wurde mein kleiner.“, sagte Wespe klang nun erstaunlich nüchtern.
Schalavsky schluckte und fragte: „Wann war das?“
„Vor einundzwanzig Jahren.“, sagte Wespe ohne auch nur einen Moment darüber nachdenken zu müssen. Schalavsky brauchte etwas länger, um sich an den Fall zu erinnern, weil sein Gehirn ihm eiskalt klar machte, wie alt Wespe vor einundzwanzig Jahren gewesen war. Und dann würde ihm klar wie jung der kleine Bruder gewesen sein musste. Und das ließ nur noch einen Fall übrig, der sich in Schalavskys Gehirn eingebrannt hatte. Er hatte die Eltern des Kindes noch gut im Gedächtnis und den Täter. Weniger klar erinnerte er sich an die beiden älteren Brüder des Ermordeten, die noch zur Grundschule gingen und nicht im Kreis der Verdächtigen waren.
Der Jüngere von ihnen wurde ständig Spatz genannt und war ein sehr süßes Kind gewesen das bittere Krokodilstränen geweint hatte und seinen kleinen Bruder zurück haben wollte.
„Spatz? Das waren Sie?“, fragte Schalavsky entgeistert. Wespe nickte.
„Was ist passiert?“, rief Schalavsky. Wespe runzelte die Stirn und antwortete fragend: „Mein Bruder wurde ermordet?“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Ich meine den Kleidungsstil! Sie waren so ein süßes Kind.“
Es kam selten vor, dass Wespe sprachlos war, aber das war so ein Moment. Er starrte seinen Vorgesetzten nur unterwältigt an.
Tamina hingegen trat Schalavsky volle Möhre vors Schienbein. Zu seinem Glück konnte sie im Sitzen nicht viel Schwung holen, sonst wäre das noch stärker ausgefallen: „Was ist denn falsch mit dir?“
„Tschuldigung.“, sagte Schalavsky kleinlaut und schmerzverzehrt. Wespe nickte ein wenig verwirrt, weil er nicht gesehen hatte, was Tamina gemacht hatte, und nur Schalavskys Reaktion als Anhaltspunkt hatte.
Tamina blickte Wespe an: „Willst du drüber reden?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Gibt nicht viel darüber zu reden.“
„Wie alt war dein Bruder als es passiert ist.“, wagte sich Tamina vor. Wespe nahm einen großen Schluck aus seinem Cocktail und Schalavsky antwortete schneller als er: „Er war 5.“
Wespe sah ihn interessiert an. Aber Schalavsky sprach nicht weiter. Er wusste nicht wie viel Wespe über den Fall wusste. Seine Eltern hatten ihm damals mit Sicherheit nicht alles gesagt.
Wespe machte eine auffordernde Handbewegung: „Ich habe die Akte gelesen.“
„Das ist nicht Ihre Abteilung.“
„Ich habe sie in meiner Grundausbildung gelesen.“ Damit gab Wespe zu, dass er sich auf irgendeinem Weg Zugang verschafft hatte, der ihm nicht gebührte. Aber Schalavsky sagte nichts dazu. Er hätte nicht weniger gemacht. „Und Sie sind meinetwegen zur Polizei? Ich war nicht mal der leitende Beamte damals.“
„Nein, aber du warst ehrlich. Du hast mir gesagt, was los war und dass du dein Bestes gibst um den Täter zu finden aber dass du es trotzdem nicht garantieren kannst.“, sagte Wespe. „Und du warst da, als man den Täter gefasst hat und hast uns davon zu erzählt. Du warst auf der Beerdigung da.“
„Sie und ihr älterer Bruder haben auch in das Opferprofil passen können. Sie hatten die gesamte Ermittlung über Personenschutz.“
Wespe nickte: „Ich weiß. Aber für mich als Kind... Du warst dabei, als man uns gesagt hatte, dass man ihn tot gefunden hat und auch als wir uns von ihm verabschiedet haben und du warst derjenige, der uns gesagt hat, dass der Täter gefasst ist.“
Schalavsky verarbeitete die Information.
„Was ist mit dem Täter?“, fragte Tamina vorsichtig.
„Tot.“, sagte Wespe und Schalavsky horchte auf. „Er war nicht besonders beliebt bei den anderen Insassen nachdem bekannt wurde, was er mit kleinen Kindern machte.“
„Kindern? Mehrzahl?“, fragte Tamina schockiert.
„Mein Bruder war der dritte.“, sagte Wespe düster. „Von denen, die er gestanden hat.“
„Wie ist der Täter gestorben?“, fragte Schalavsky nun.
„Zu Tode geprügelt.“, sagte Wespe kalt. „Von einem Insasse der lebenslänglich und eine Herzkrankheit hatte. Er war der Meinung, dass er ohnehin nicht mehr lebend den Knast verlässt und dass der andere Typ auch nicht weiterleben dürfte.“
„Woher weist du das?“, fragte Tamina.
„Ich habe ihn gefragt. Nachdem ich gehört habe, was geschehen ist, habe ich ihn im Gefängnis besucht.“, sagte Wespe.
„Warum?“
„Um danke zu sagen.“, sagte Wespe. „Der Mörder meines Bruders wäre irgendwann wieder frei gekommen und hätte wieder Kinder quälen und töten können… das hat er verhindert."
„Sie sind doch nicht für Selbstjustiz?“, fragte Schalavsky nach.
„Nein. Aber ich bin auch froh, dass ich nicht in Versuchung geführt wurde.“, sagte Wespe und trank seinen Cocktail aus.
Tamina runzelte die Stirn und Schalavsky wirkte als hätte sein 1000 Teile Puzzle gerade eine alternatives zweites Motiv bekommen.
Nur mal so unter uns... Die 28 zuschlagen dürfte doch kein Problem sein, oder? Ich meine, ich hab 2 die ich heute Abend direkt posten werde und dann arbeite ich an einer dritten. Nur so aus Liebe zum Chaos würde ich das schon feiern, wenn Wesky toppairing wäre.
Ich kann nicht sagen wie glücklich mich das macht. Wir haben halt schon ein Pair der Hauptcharakter überholt. So gesehen muss wir nur noch die Freundschaft von TKKG in den Schatten stellen und Tim und Gabys Liebe übertreffen. Kein großes Ding oder?
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Zeit für Teil 5, der noch länger als alle anderen wurde
5. Eingefangen.
Wespe stemmte sich gegen das Panzerband. Er lag auf einer muffigen Matratze, seine Arme waren vor seinem Körper zusammen geklebt und ein Streifen Panzerband war über seinen Mund und ein weiterer über seine Augen geklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo er war aber die Gerüche waren ihm unbekannt. Von den Geräuschen her war er in einem größtenteils leeren Raum. Er hörte keine Straßengeräusche oder Vogelgesang, die man vielleicht durch ein geschlossenes Fensterge hört hätte. Nicht mal ein Uhrticken. Vielleicht ein elektrisches Summen, wie eine Lampe. Sonst nur seinen eigener Atem und das Rascheln auf der Matratze. Dass er mit Panzerband gefesselt war, war ehrlich gesagt nur eine Vermutung aufgrund des Gefühls auf der Haut und dem Plastikgeräuschen.
Eigentlich war es klar, dass er an keinem Ort war, den er kannte. Niemand von seinen rechtschaffenen Bekanntschaften würde ihn gegen seinen Willen fesseln und dann einfach irgendwo liegen lassen. Und niemand der ihn entführen wollte, würde ihn in einer bekannten Umgebung lassen. Also wer zur Hölle hatte ihn gefangen? Wespe versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Er wusste, dass er zur Arbeit wollte – mehr nicht.
Schalavsky sah verärgert zu dem anderem Schreibtisch im Büro, an dem Wespe durch Abwesenheit glänzte.
Wieder stemmte er sich gegen das Panzerband. Irgendwer hatte sich Gedanken gemacht, als man ihn gefesselt hatte. Man hatte nicht einfach seine Hände zusammengelegt und mit dem Klebeband umwickelt, sondern seine Unterarme aneinander gelegt, fast wie man es bei verschränkten Armen machte und dann alles mit Klebeband umwickelt. Auf diese Art konnte Wespe nicht mal seine Hände an sein Gesicht bringen, um die Klebebänder über Mund und Augen zu entfernen. Das einzige, was er versuchen konnte war, seine Finger soweit freizuwackeln, dass er mit den Fingernägeln unter das Panzerband an seinen Ellenbogen kam und es langsam abzog.
Salah trat in den Raum und hatte einen besorgten Gesichtsausdruck: „Hey, haben Sie was von Wespe gehört?“
„Nein.“, antwortete Schalavsky mit einem harten Klang. Seit ihrem Streit war es Wespe gelungen ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm mal nicht entgehen konnte, war Wespe ungewöhnlich wortkarg. Er begann keine Gespräche, stellte keine Fragen und hatte für seine Verhältnisse Kleidung an, die kaum die Vorschriften verletzte.
Tamina brummte unzufrieden: „Er hat Kommissar Glockner eine Mail geschickt, dass er krank ist. Aber er hat nicht auf meine Nachrichten geantwortet.“
Schalavsky runzelte die Stirn. Er hatte nicht krank gewirkt, aber er ließ sich bekannterweise nichts anmerken: „Vielleicht schläft er.“
„Kann sein.“, sagte Tamina unzufrieden.
„Wollen Sie heute mit mir kommen?“, sagte Schalavsky, er war die letzten Tage die meiste Zeit alleine unterwegs gewesen, weil Wespe einerseits nicht mitkommen wollte und andererseits nach seinem letzten Stunt auch noch nicht seinen Schreibtisch verlassen durfte.
Ein Geräusch riss Wespe aus seinen Versuchen sich zu befreien. Eine metallene Tür, die aufgestoßen wurde und dann schwere Schritte.
„Ist auf jeden Fall besser, als mich weiter durch die Akten zu wühlen.“, sagte Tamina und schickte Wespe eine freche Nachricht, dass sie seinen Platz einnehmen würde, wenn er sich nicht bald meldete.
„Biste schon wach, Bulle?“, fragte eine raue Stimme, die klang als trüge der Mann eine Maske. Wespe drehte seinen Kopf in die Richtung in der er den Mann vermutete.
„Oh… du bist ja ein hartnäckiger Bulle. Haste dich schon fast durch das Klebeband gekämpft.“, sagte der Mann. Er war nicht besonders nah heran gekommen. Wespe würde schätzen, dass er vier Meter von ihm entfernt war. Aber Wespes Hoffnung schwand, wenn er wieder und noch mehr verklebt wurde, würde er hier nie raus kommen. Aber der Mann machte keine Anstalten zu ihm zu kommen, um ihn weiter zu fesseln: „Wenn du das ab hast, steht hier Wasser für dich.“
Wespe runzelte die Stirn. Er durfte sich befreien? Was wurde hier gespielt?
„Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis du hier wieder rauskommst, Bulle.“ Der Mann lachte düster: „Deine Bullenfreunde sind zumindest nicht besonders helle. Ach ja, Kommissar Glockner und Tamina wünschen dir Gute Besserung. Tamina sagt auch, dass sie deinen Job übernimmt, wenn du weiter ausfällst.“
Wespe ließ den Kopf auf die Matratze sinken. Scheinbar glaubten seine Kollegen, dass er krank war, was hieß, dass niemand nach ihm suchte. Ihm wurde etwas schlecht. Aber wenn der Mann das wusste, hatte er Wespes Handy und das konnte nachverfolgt werden. Zumindest wenn man ihn irgendwann tatsächlich vermisste.
Er hörte nur halb, dass sich die Schritte wieder entfernten und die schwere Tür wieder verschlossen wurde. Er schluckte die Panik runter. Noch ging es ihm gut, wenn er jetzt verzweifelte und anfangen würde zu weinen, würde seine Nase anfangen zu laufen und im schlimmsten Fall würde er ersticken.
„Mhm… Das ist seltsam.“, sagte Tamina. „Sonst kann ich immer sehen, wann er eine Nachricht gelesen hat, jetzt hat er das aber ausgeschaltet.“
Kein Grund zur Panik. Wenn seine Kollegen ihm nicht zur Hilfe eilen würden, dann musste er es selbst schaffen.
„Vielleicht hat er Angst, dass man bemerkt, dass zu sehr am Handy hängt, während er eigentlich krank ist.“, schlug Schalavsky vor.
„Wenn er krank sich krank meldetet, dann ist er es auch.“, sagte Tamina missbilligend. „Ihr ganzes Problem mit ihm war doch, dass er nicht genügend Rücksicht auf sich nimmt und auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung weiter arbeiten will.“
„Schon gut.“, lenkte Schalavsky ein. Tamina sah ihn fragend an: „Hat er sich bei Ihnen gemeldet?“
Wespe nahm nochmal alle Kräfte zusammen und versuchte seine Arme von dem Klebeband loszureißen und endlich nach Stunden des Probierens, Aufgebens, Einnickens und wieder Probierens, löste sich das Band schmerzhaft von seiner Haut. Zum Glück hatten ihm seine Hobbys ordentliche Armkraft eingebracht, sonst hätte er noch länger gebraucht, um sich davon zu befreien. Er drückte sich sofort hoch in eine sitzende Position und rollte seine Schultern zurück nachdem sie eine Ewigkeit nach vorne gezwungen geworden war. Dann griff er nach dem Klebeband über seinem Mund und begann das zu lösen. Den Mund freizubekommen verringerte das Risiko zu ersticken. Er war dabei vorsichtig. Er hatte kein Bock sich auch noch Bart und Haut abzureißen. Das dauerte zwar länger, aber mehr Wunden bedeuteten mehr potentielle Probleme und ein höheres Risiko für Infektionen. Als er das Klebeband schon mal zur Hälfte ab hatte, atmete er erstmals wieder richtig durch. Jetzt konnte er sich ein bisschen seiner Verzweiflung hingeben und Tränen wallten in ihm auf. Er zog sich langsam weiter das Klebeband vom Gesicht, während sein Körper sich mit leisen Wimmern krümmte. Endlich war es ab und Wespe verschwende keine Zeit und versuchte auch das Band über seinen Augen abzubekommen. Seine Tränen machten es leichter das es von den Wimpern los zu bekommen, aber an seinen Augenbrauen und Piercing hing es schmerzhaft. Als seine erstes Auge frei war blinzelte er dem Licht entgegen. Er stellte fest, dass das Summen, das er zu Beginn wahrgenommen hatte, tatsächlich zu einer Neonröhre unter der Decke gehörte und er verstand auch warum der Mann nicht näher an ihn heran gekommen war. Vor Wespe war ein Gitter. Er war in das, was er wohl als improvisierte Gefängniszelle beschreiben würde, vier Meter lang und anderthalb tief. Die Matratze am Boden und eine Toilette in der Ecke, sonst drei gekachelte Wände und ein Gitter, welches die vierte darstellte. Vor ihm in dem weiten Raum, der nicht seine Zelle war stand eine Kamera auf einem Stativ. Das erklärte, warum Licht die ganze Zeit an war. Man überwachte ihn.
„Nein.“ sagte Schalavsky bitter. Das würde Wespe auch nicht machen. Sie sprachen noch nicht wieder miteinander.
Am Gitter stand eine Wasserflasche einer Marke, die man bei hunderten Supermärkten in der Millionenstadt bekommen könnte. Wespe kroch etwas nach vorne und griff nach der Flasche. Sie war noch immer komplett verschlossen. Aber das war nicht die einzige Art, wie man die Flasche manipulieren konnte. Und man mochte ihn für misstrauisch halten, aber er vertraute niemanden der ihn ohne Erlaubnis fesselte. Wespe zog sich auf die Matratze zurück und öffnete die Flasche. Er beobachtete, ob sich irgendwo ein Leck bildete, aber die Flasche wirkte intakt. Gierig trank er ein paar Schlucke, dann kippte er eine kleine Menge in eine Hand und fuhr sich damit über das Gesicht. Endlich begann er auch den Rest das Klebebands abzuziehen. Und als er es geschafft hatte wischte er sich erneut über das Gesicht. Die Klebereste waren deutlich zu spüren. Als letzte Fessel löste er noch das Klebeband um seine Beine. Dann stand er endlich auf und streckte sich.
Zeit einen Ausweg zu finden.
Wespe trat an das Gitter und wollte es untersuchen, aber kaum, dass er es berührt hatte, zog er die Hand mit einem Japsen zurück und wäre fast umgefallen.
Er betrachtete seine Hand. Es sah so aus als hätte er sich verbrannt. Dieser Wichser hatte das Gitter unter Strom gesetzt und wenn Wespe wetten müsste, vermutete er, dass es Starkstrom war. Er verzweifelte etwas. Wie sollte er hier raus kommen, wenn er nicht mal das Gitter anfassen konnte? Boden und Decken waren aus massiven Beton und die Wände unter den Fliesen wahrscheinlich auch. Wespe klopfte sich seine Hosentaschen ab. Leer. Natürlich. Er setzte sich auf die Matratze und stürzte die Arme auf die angezogenen Knie und den Kopf in die Hände. Fuck.
„Hey, Klaus.“, sagte Glockner ruhig. „Kommst du mal zu mir ins Büro?“
Schalavsky folgte ihm in sein Büro und sah ihn fragend an: „Was gibt’s?“
„Ich hab Rückmeldung von der Personalabteilung bekommen.“, sagte Glockner in einen angespannten Tonfall. „Scheinbar ist Bienerts Krankmeldung gefälscht.“
Schalavsky sah ihn verwirrt an: „Was?“
„Der Arzt, der die AU ausgestellt hat, existiert nicht.“, sagte Kommissar Glockner deutlich.
Schalavsky wurde unwohl: „Emil, du glaubst doch nicht-“
„Nein!“, sagte Glockner sofort. „Ich glaube nicht, dass Bienert eine Krankmeldung fälschen würde.“
„Wofür auch? Er könnte behauptet, dass seine Stichverletzung beim langen Sitzen im Innendienst mehr wehtut und sich deswegen krankschreiben lassen.“, sagte Schalavsky. Er hatte ohnehin die Vermutung, das Wespe das lange Sitzen noch nicht bekam. Glockner nickte: „Ich hab versucht ihn anzurufen, aber bisher konnte ich ihn nicht erreichen. Seine Mailbox geht direkt ran. Sonst war er immer zu erreichen.“
Schalavsky legte die Stirn in Falten: „Ich werde mal, was anderes probieren.“
Glockner nickte: „Danke, Klaus.“
Schalavsky lief aus dem Büro und rief laut: „Tamina!“
Besagte Frau sah überrascht auf, weil sie sonst nicht mit dem Vornamen von Schalavsky angeredet wurde, aber sie folgte seinem Fingerzeig sofort und ging in sein Büro.
„Was ist los?“
„Wespes Krankmeldung ist gefälscht. Glockner kann ihn per Handy nicht erreichen.“, sagte Schalavsky schnell. „Du hast du Kontakte zu seinen Mitbewohnern, ja?“
„Oh ja.“ Tamian holte ihr Handy aus der Tasche und suchte sich die Nummer von Wespes Mitbewohnern raus.
„Hallo Marco, hier ist Tamina. Bist du gerade Zuhause?“, fragte sie als der Anruf angenommen wurde. Sie hörte kurz zu und sagte dann: „Nicht jetzt, es ist ernst, ist Wespe auch da?“ Wieder lauschte sie und sah Schalavsky mit alarmierten Ausdruck an, während sie den Kopf schüttelte. „Und seit dem hast du nichts mehr von ihm gehört?“ Sie wartete wieder und kritzelte etwas auf einen Zettel auf Wespes Schreibtisch. 2-3 Tage verschwunden. „Das wissen wir nicht.“, sagte Tamina sanfter. „Weißt du wo er zuletzt hinwollte?“ Wieder lauschte sie. „Hat er sein Auto genommen?“ Schließlich nickte sie: „Danke für die Infos. Ich melde mich, wenn sich was ergibt.“
Sie beendete das Telefonat und sah Schalavsky verbissen an: „Er ist vor drei Tagen zuletzt in seiner WG gewesen und wollte als nächstes nur zur Arbeit. Sein Auto steht noch vor der Tür. Wahrscheinlich hat er sein Fahrrad genommen.“
„Und hier kam er nicht an.“, stellte Schalavsky düster fest.
„Jep. Seine Mitbewohner haben eine Nachricht bekommen, dass er beruflich weg müsse.“ Tamina atmete tief durch. „Ich werde die Krankenhäuser anfragen. Vielleicht hatte er einen Unfall.“
„Bei dem jemand dann seinen Mitbewohnern was vorlügt und eine falsche Krankmeldung schickt?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Meinen Sie, er wurde… entführt?“
Schalavsky verzog unzufrieden des Gesicht: „Das scheint am Wahrscheinlichsten. Ich sag Emil Bescheid.“
„Okay… Ich versuche sein Handy zu orten. ...und ich probiere trotzdem die Krankenhäuser.“
Er war in der zusammen gekrümmten Position eingenickt und konnte nicht sagen, ob er für drei Tage geschlafen hatte oder drei Sekunden. Was ihn weckte war das Geräusch der schweren Tür, die wieder geöffnet wurde. Der Mann mit den schweren Schritten nähertet sich wieder. Die Tür musste irgendwo in Wespes toten Winkel liegen. Rechts von seiner Zelle.
„Na Bulle, wieder wach?“ Der Mann trug wirklich eine Maske und er war noch größer als Schalavsky und bestimmt doppelt so breit. Er trug einen schwarzen Anzug, der schick, aber nicht teuer war, er hatte einen Stock in einer Hand, eine Flasche unter dem Arm und ein Handy in der anderen Hand. „Lara ist sauer auf dich, dass du einfach so zu einem Spezialeinsatz abhaust, wenn du eigentlich mit der Wäsche dran wärst. Dafür wirst du einen Monat lang den Abwasch machen müssen.“
Wespe starrte den Mann düster an. Seine Mitbewohner dachten also er war dienstlich unterwegs. Wespe betrachtete das Handy. Es war schwarz. Ein Smartphone Allerweltsmodell und ganz bestimmt nicht sein eigenes.
Der Mann bemerkte seinen Blick und lachte: „Mach dir keine Gedanken, Bulle. Dein Handy macht gerade eine schöne Rundreise. Das hier ist bloß ein Klon, dass mir all deine Nachrichten anzeigt.“
Er steckte das Handy wieder weg und nahm die Flasche in die Hand. Es war eine Flasche dieser Trinkmahlzeiten, die überall beworben wurden. Clever. Einfach durch die Stäbe zu reichen. Kein Grund die Tür aufzuschließen. Nicht mal einen Löffel musste man dem Gefangenen geben. Gar nicht mal schlecht geplant. Wespe war sich außerdem sehr sicher, bei der Bewegung die verräterische Abzeichnung einer versteckten Waffe im Jackett gesehen zu haben.
„Hier ist dein Abendessen.“ Abend? War es Abend? Fragte sich Wespe innerlich. Dieses Mal stellte der Mann die Flasche vor dem Gitter, ab sodass Wespe die Hand nach draußen stecken musste, um sie zu erreichen. Als sich der Mann noch bückte schnellte Wespe vor, griff mit einer Hand nach dem Kragen der Anzugjacke und versuche ihn gegen das Stromgitter zu reißen. Der Mann war aber zu schwer, um sich einfach so bewegen zu lassen. Stattdessen riss er seinen Stock hoch und stieß ihn in Wespes Magen. Er krümmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel wie ein Sack um. Sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und vielleicht brauchte er deswegen erbärmlich lange, um den Stock als Viehtreiber zu identifizierten.
„Schlechter Versuch, Bulle.“, sagte der Mann gelassen. „Weiß du, ich war nie einer der großen Pläneschmieder, aber ich kann mit Rindvieh ganz gut umgehen.“
Wespe krümmte sich am Boden.
„Lass es dir schmecken, Bulle.“
Glockner brüllte nicht durch das Revier. Er bewegte sich geschmeidig und bestimmt durch die Kollegen, und holte sich Salah und Schalavsky in sein Büro. Seine Anspannung war so deutlich zu sehen, dass sie sich auf die anderen beiden übertrug.
„Ich habe ein Video erhalten.“, sagte Glockner und bedeutete seinen Kollegen sich vor den Schreibtisch zusetzen. Er drehte den Bildschirm herum und spielte das Video ab.
Schalavsky schluckte, Tamina machte einen erstickten Laut und schlug die Hände vor den Mund. Das Video wurde zeigte einen Ausschnitt eines Raumes, der vergittert war. Hinter dem Gitter lag eine Person auf einer Matratze und kämpfte gegen die Fesseln an. Sowohl Augen als auch Mund waren verklebt, aber es war keinen Zweifel, dass die mehrfarbigen Haare und das gemusterte T-Shirt mit den glänzenden Jeans zu Wespe gehörte. Das Video hatte keinen Ton, aber es zeigte, wie sich Wespe Minuten lang damit abmühte sich von dem Klebeband zu befreien.
„Wissen wir woher es stammt?“, fragte Schalavsky mit belegter Stimme. Glockner schüttelte den Kopf: „Es wird gerade untersucht. Es wurde scheinbar von Wespes Handy geschickt.“ Schalavsky sah zu Tamina, der Tränen in den Augen standen: „Hat die Suche nach dem Handy schon was ergeben?“
Tamina schluckte und schüttelte den Kopf. Als sie zunächst versuchte zu sprechen, versagte ihr die Stimme und sie musste ein weiteres Mal ansetzen: „Das Handy bewegt sich ständig. Sieht nicht so aus, als würde jemand versuchen digital die Spuren zu verwischen, sondern eher, als hätte jemand es tatsächlich auf eine Reise geschickt.“
Schalavsky stieß Luft aus: „Vielleicht ist jemand damit unterwegs.“
Glockner nickte: „Zumindest hat noch jemand Zugriff darauf und konnte mir das Video schicken.“
„Richtig.“
Tamina stand auf: „Ich schau mir die Verkehrskameras an. Wespes Arbeitsweg.“ Schalavsky nickte und Tamina wischte sich über die Augen, als sie das Büro verließ. Schalavsky sah Kommissar Glockner an: „Waren Forderungen beim Video?“
Emil schüttelte den Kopf: „Nein, nur ein Videotitel.“ Schalavsky sah auf den Bildschirm.
Was verloren?, fragte der Titel bloß.
„Ich muss die zuständigen Stellen benachrichtigen.“, sagte Emil sachlich.
Schalavsky nickte: „Natürlich.“
„Wir finden ihn, Klaus.“
Schalavsky schwieg.
Wespe war sich nicht sicher, wie viel Zeit verging. An Hand der Flaschen, die sich in seiner Behausung ansammelten, wusste er, dass er bisher 2 Mahlzeiten bekomme hatte. Wenn er drei Mahlzeit am Tag bekommen würde dann wäre nicht mal ein Tage vergangen aber das kam vorne und hinten nicht hin. Vielleicht wurde er nur ein Mal am Tag gefüttert. Das würde sein deutliches Hungergefühl zwischen den Mahlzeiten erklären und den Durst. Der Typ erwartete nicht, dass er mit einer Flasche einen Tag lang auskam, oder? Gut, er verlor wenig Flüssigkeit, weil er sich nicht bewegte oder schwitzte, aber er hatte eben auch vor Kurzem erst eine kleinere Menge Blut verloren, die sein Körper noch immer wieder aufbauen musste.
„Wie lange bin ich hier?“, fragt er bei seiner nächsten Mahlzeit.
„Hast kein Zeitgefühl mehr, was?“, lachte der Mann auf. „Macht nichts. Hast keine Termine, die du verpasst.“
Wespe würde versuchen seinen Rhythmus den des Mannes anzupassen. Er hatte bemerkt, dass er manchmal viele Stunden nicht da war und vermutlich schlief er dann oder arbeitete. Wespe würde es so abzupassen, dass er in dieser Zeit auch schlief.
„Kann ich etwas mehr Wasser haben?“, fragte Wespe.
Der Mann lachte leicht auf: „Du säufst ja wie ein Pferd, Bulle.“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich habe vor Kurzem viel Blut verloren und mein Körper baut es noch auf.“
Der Man wirkte so interessiert, wie es hinter der Maske möglich war: „Was ist passiert?
„Wurde abgestochen.“ Wespe hob sein Shirt und zeigte die Narbe.
„Mhm, das ist scheiße.“, sagte der Mann mit so etwas wie Mitgefühl. „Hab ich auch schon durch.“ Er holte tatsächlich mehr Wasser.
TKKG kamen in Schalavskys Büro ohne anzuklopfen oder Begrüßung. Aber das konnte Schalavsky unter den aktuellen Umständen verzeihen, denn ihre erste Frage war: „Wissen Sie schon was von Wespe?“
Schalavskys Nerven waren gespannt, aber er sah auch ihre besorgten Gesichter und verstand wie hilflos sie sich vorkommen mussten: „Nein, noch nicht.“ Sie hatten wahrscheinlich erst am letzten Abend von Kommissar Glockner erfahren, warum er heillos Überstunden schob und gestresst war.
„Gibt es denn keine Spuren? Keine Aufzeichnungen?“, fragte Karl berechtigter Weise. „Unser Millionenstadt ist doch von Verkehrskameras übersät.“
„Das ist richtig, aber nicht Bienerts Hinterhofeingang. Und von da an hat er schon drei mögliche Wege. Und wir kennen nicht genaue die Uhrzeit, zu der er unterwegs war. Also haben wir sehr viel Material zu sichten. Salah ist dabei.“
Karl nickte verständig. Wenn es um Datenanalyse ging, hatte er eine sehr genaue Vorstellung, wie aufwendig die Arbeit war.
„Haben sich die Entführer schon gemeldet?“, fragte Gaby besorgt.
Schalavsky sah sie streng an: „Das gehört zu den Dienstgeheimnissen.“
„Bitte, wir wollen nur wissen, wie es um Wespe steht.“, bat Gaby.
Schalavsky verzog den Mund. Wahrscheinlich wussten die Kinder ohnehin schon mehr, als sie sollten. „Es gab noch keine Forderung. Nur ein Video.“
„Können wir es sehen?“, fragte Tim sofort.
„Nein.“, sagte Schalavsky entschieden. „Das ist nichts für eure Augen und ich bezweifle, dass Wespe es gutheißen würde, dass ihr ihn so seht.“
Tim schien widersprechen zu wollen, aber Klößchen mischte sich ein: „Verständlich. Wie war Ihr Eindruck von Wespe? Sah er unverletzt aus?“ Schalavsky sah ein, dass er den Kindern irgendwas geben musste, damit sie sich zurückzogen: „Ja. Er schien okay zu sein.“ Nach den erwartungsvollen Blicken sagte er: „Er war zu Beginn mit Klebeband gefesselt, konnte sich aber davon befreien. Er ist in einer Zelle eingesperrt.“
TKKG sahen sich bestürzt an.
„Der arme Wespe.“, murmelte Klößchen betroffen. Karl legte überlegend den Kopf schief: „Eine Zelle wirkt, als hätten die Entführer geplanten ihn länger zu behalten.“
Schalavsky nickte: „Dafür spricht auch, dass die uns bisher keine Forderungen geschickt haben.“
„Wahrscheinlich will man Sie nervös machen, damit Sie leichter den Forderungen nachgeben.“, vermutete Karl.
„Stimmt.“, gab Schalavsky frustriert zu. „Und es funktioniert.“
„Sie werden alles tun um Wespe frei zubekommen?“, fragte Tim.
„Selbstverständlich.“
Später war es Glockner der in sein Büro kam.
„Klaus. Geh nach Hause.“, sagte er. „Es bringt nichts, wenn du nicht bei klarem Verstand bleibst.“
Schalavsky nickte. Er wusste ja da Emil Recht hatte. Er selbst hatte Tamina nach Hause geschickt, weil er ihr die Müdigkeit ansehen konnte. Schalavsky packte seine Sachen.
„Wenn was wichtiges kommt, melde ich mich bei dir.“, versprach Glockner. Er war den Abend zuvor Zuhause gewesen und hatte da wahrscheinlich seiner Tochter beichten müssen, dass Wespe weg war. Schalavsky konnte nicht mal mehr sagen, wann er zuletzt Zuhause gewesen war. Selbst wenn, schlief er dort nur unruhig, sah in seinen Träumen Wespe in den schlimmsten Szenarien und machte sich sobald er wach war wieder auf den Weg zur Arbeit.
Da war eine Hoffnungslosigkeit die sich Schalavsky langsam bemächtigte mit jedem Tag, der verging, war er nicht sicher, ob er seinen Kollegen jemals wieder sehen würde.
Die Video waren das einzige Lebenszeichen und von dem wussten sie nicht, ob es noch aktuell war.
Wespe gab noch nicht auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und auf die Fliesen eingetreten, bis diese zerbrochen waren. Dann hatte er sich sein Augenbrauenpiercing entfernt und mit dem kleinen Stahlbogen durch die Fugen gekratzt, bis er die Fugenmasse raus gelöst hatte und er mit den Fingernägeln unter die heilen Fließen kam, bis er diese von den Wänden reißen konnte. Er hatte sechs halbwegs vollständig rausgelöst, bevor er entschied, dass es genug war. Hinter den Fliesen war, wie befürchtet, die Betonwand. Aber Wespe wollte die Fliesen haben. Er zog das Panzerband, dass ihn gefesselt hatte auseinander und klebte es über die Rückseite der arrangierten Fliesen. Außerdem klebte er etwas von den Panzerband auf seine nackten Fußsohlen. Die ganze Zeit bemühte er sich die Kamera im Rücken zu haben, damit nicht so schnell ersichtlich war, was er da trieb.
Es war überraschend, als Wespes Bruder Thomas plötzlich in Revier stand. Da man nicht so richtig wusste, was man mit ihm anfangen sollte, übergab man ihn an Tamina. Sie kannte einander zumindest ein wenig.
„Ist mein Bruder hier?“, fragte Thomas besorgt.
Tamina sah ihn mit großen Augen an und realisierte, dass sie etwas vergessen hatten: „Oh Shit.“ Sie griff Thomas’ Arm und zog ihn in Schalavskys momentan leeres Büro.
„Thomas, es tut mir so leid, wir hatten die längst Bescheid sagen sollen.“, sagte sie aufrichtig geknickt.
Thomas wurde bleich: „Ist ihm was passiert?“
Tamina verzog das Gesicht: „Er wurde entführt.“
„Was? Wann?“, fragte Thomas geschockt.
„Vor fünf Tagen.“, sagte Tamina schuldbewusst.
„Was?!“
Tamina bedeutete ihm sich zu setzten: „Wann hast du zuletzt was von ihm gehört?“
Thomas blickte verwirrt mir leerem Blick umher: „V-vor einer Woche. Er hat sich heute nicht zum Videocall mit unseren Eltern eingeloggt und war nicht zu erreichen. Deswegen bin ich ihn suchen gegangen, bei ihm Zuhause hat niemand aufgemacht...“
„Na Bulle, biste wach?“, fragte der Mann mit der tiefen Stimme.
„Bin ich.“, sagte Wespe.
Der Mann lachte: „Und gut geschlafen?“
„Warum bin ich hier? Was willst du von mir?“, fragte Wespe in einem versöhnlichen Tonfall. Der Mann hatte den Viehtreiber dabei. Und eine Bekanntschaft damit reichte.
Er deutete ein Schulterzucken an: „Ein klassischer Geiselaustausch. Dein Bullenarsch, gegen jemanden, den ich wieder frei sehen möchte.“
„Wer?“
„Morphius.“
„Der Drogenbaron?“, fragte Wespe lachend. „Ich wusste nicht, dass ich so hoch gehandelt werde.“
Der Mann wog den Kopf hin und her: „Die Leute mögen eine Underdogstory.“
„Danke?“, fragte Wespe. „Und wie laufen die Verhandlungen?“
„Noch gar nicht.“, sagte der Mann. „Wir lassen deine Bullenfreunde noch etwas zappeln. Dann bewegen sie sich später um so schneller.“
Wespe nickte, als würde er das als sinnvoll erachten: „Wie lange ist meine Anwesenheit hier noch geplant?“
„So lange, wie es braucht. Dein Bruder macht sich Sorgen, weil du nicht eure Eltern angerufen hast.“, teilte der Mann mit.
„Ja das. Kann mal passieren, wenn man entführt wird.", sagte Wespe.
„Klugscheißer.“
Wespe sah sich um: „Hast du die Zelle extra für mich gebaut?“
„Nein, ich musste nur ein bisschen Hand anlegen.“ Der Mann war der Zelle näher gekommen und Wespe versuchte das, was man als Wahnsinn definierte: Das Gleiche wie zuvor. Er packte sich den Kragen des Mannes und zog ihn mit alle Kraft gegen die Gitter. Einen Fuß stemmte er von innen dagegen, um mehr Kraft aufbauen zu kommen und er schaffte es tatsächlich, dass der Mann gegen das Gitter kam und aufschrie. Der Viehtreiber zuckte nach vorne, unkoordiniert aber er erwischte Wespe dennoch an der Brust.
Und rutschte mit einem Klonk ab. Der Mann warf sich zur Seite, so dass Wespe beinah seinen Halt verloren hätte. Der Mann griff zur Seite, wo anscheinend so etwas wie ein Notausschalter verborgen war. Plötzlich war das Gitter nicht mehr unter Strom. Der Mann sackte herab. Wespe zog sein Shirt aus, schlang es um den Hals des Mannes und knotete es so fest er konnte.
Dann tastete er nach den Taschen des Entführers. Irgendwo musste der Schlüssel sein. Der Mann lachte rau auf: „Gar nicht schlecht, Bulle. Aber ich habe keinen Schlüssel. Schau dir mal die Tür mal genauer an.“
Wespe hatte alle Taschen leer vorgefunden. Nicht mal die Waffe hatte er gerade bei sich. Er trat zu der Tür und sah sie sich an. Und etwas stockte in ihm. Die Tür war nicht verschlossen. Sie war verschweißt. Wespe wurde kalt. Er kam hier nicht raus.
„Tja, Bulle.“, sagte der Mann und riss das T-Shirt um seinen Hals durch. „Du kommst hier nicht raus bevor, ich es nicht will.“ Er griff nach dem Viehtreiber, den Wespe wirklich aus seiner Reichweite hätte entfernen sollte, und stand wieder auf. Wespe starrte ihn wütend an. Der Mann deutete mit dem Viehtreiber beeindruckt auf Wespes Oberkörper auf dem mit dem Panzerband die Fliesen angebracht worden waren. „Das ist keine schlechte Idee.“ Er schaltete den Strom für das Gitter wieder ein und Wespe trat unwillkürlich einen Schritt nach hinten: „Ich bin wie Iron Man.“
„Oh Bulle, du hast ja Humor.“, sagte der Mann. „Hoffen wir mal, dass der dich nicht noch umbringt.“
„Wäre nicht das erste Mal.“, sagte Wespe verbissen.
„So Bulle, hast du endlich verstanden, dass du keinen Ausweg hast?“, fragte der Mann, als er sich seinen Anzug abklopfte.
Wespe nickte stockend. Er hatte ja recht. Nichts, was er noch tat, würde ihn hier rausholen.
„Gut. Weißt du, ich nehm dir deinen Ausbruchsversuch nicht mal übel. Jedes Tier versucht sich zu befreien, bevor es weiß, dass die Konsequenzen schlimmer sind. Aber du hast das jetzt gelernt, oder?"
„Ja.“, sagte Wespe verbissen.
Der Mann klang als würde er lächeln: „Gut. Das nächste Mal, dass ich den Viehtreiber benutzen muss, hat er volle Power. Und du kannst doch nicht ewig hinter Fliesen verstecken.“
Glockner kam in Schalavskys Büro: „Ich hab ein neues Video bekommen. Ich hab’s dir weitergeleitet.“
Schalavsky schluckte und sah auf seine Nachrichten. Als er das Video aufrief bemerkte er sofort, dass Wespe sich alle Mühe gab sich von seinen Fesseln zu befreien.
„Was ist das da?“, murmelte Schalavsky und deutete auf einen Fleck.
„Eine Wasserflasche.“, sagte Glockner. In diesem Moment gab es einen Schnitt und Wespe saß nun. Seine Arme waren frei und er kämpfte mit dem letzten bisschen des Bandes über seinem Mund. Er schien mittlerweile zu weinen. Sein Körper schüttelte sich. Alles in Schalavsky zog sich zusammen. Als würde er den emotionalen Zusammenbruch seines Körpers nicht bemerken, begann Wespe methodisch auch das Klebeband über seinen Augen zu lösen und als er das eine Auge aufhatte, bewegte er sich nach vorne zu dem Fleck, der sich als Wasserflasche herausstellte. Er untersuchte sie genau und trank erst, als er mit seiner Untersuchung zufrieden war. Guter Junge, dachte sich Schalavsky. Wespe wischte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und löste das Klebeband auch über dem anderen Auge. Er befreite seine Beine und stand auf. Sich streckend sah er sich bereits um und dann ging er dazu über das Gitter zu untersuchen, von dem er aber sofort zurück zuckte, als hätte er einen Schlag bekommen.
„Die haben das Gitter unter Strom gesetzt.“, sagte Schalavsky fassungslos. Glockner brummte in einem Tonfall der verriet, dass das noch nicht alles war.
Wieder war da ein Schnitt und Wespe horchte aus seiner sitzenden Position heraus auf. Er beobachtete etwas jenseits der Kamera. Wespe bewegte nicht den Mund. Es gab ohnehin keinen Ton. Hörte er zu? Ein Schatten trat an der Kamera vorbei. Groß und breit und komplett unscharf. Er stellte etwas vor die Gitter und in dem Moment griff Wespe an. Schalavsky stellte anerkennend fest, dass es nicht der schlechteste Plan in einer so eingeschränkten Situation war. Den Mann packen, gegen das Gitter ziehen, bis er gebrutzelt wurde und dann versuchen ihm die Schlüssel abzunehmen wenn er sich nicht mehr wehren konnte.
Aber natürlich war es nicht so einfach. Der Mann stieß etwas nach Wespe, es blitzte und Wespe fiel zusammen gekrümmt zu Boden. Der Mann zog den Stock zurück, denn Schalavsky als einen Viehtreiber erkannte und schlenderte davon. Das Video endete.
Schalavsky atmete tief durch und sagte beherrscht: „Gabs eine Nachricht dazu?“
„Ja. Sie wollen einen Geiselaustausch.“, erklärte Glockner.
„Wer?“
„Haben sie noch nicht gesagt.“
„Scheiße.“
Glockner nickte verbissen: „Sie schreiben auch, dass wir uns beeilen sollen, weil Bienert weitere Angriffe, wie diesen nicht überleben wird.“
Schalavsky biss die Zähne fest zusammen: „Haben wir Befehle, wie wir verfahren?“
„Noch nicht.“
„Wir müssen was tun, Emil.“, sagte Schalavsky leise.
„Ganz meiner Meinung. Aber was?“, fragte Kommissar Glockner.
„Können wir ihnen eine Nachricht senden?“, fragte Schalavsky. Glockner verzog das Gesicht: „Offiziell sollten wir das nicht.“
Schalavsky nickte: „Aber Unfälle passieren.“
„Natürlich.“
Wespe saß gegen die Wand gelehnt auf der Matratze und summte vor hin. Gelegentlich kam auch etwas Songtext mit durch: „Baby, you can’t stomp me out – You know, you can’t even slow me down – You know I spread thsi wild around – so of you’re sure, you better shoot me now-“ Wespe unterbrach sich als die Tür sich öffnete.
Der Mann kam ungewöhnlicher Weise ohne etwas zubringen, was seltsam war: „Wer ist Schalavsky?“
Wespe horchte auf: „...mein Dienstpartner und Vorgesetzter.“
„Meinst du, er möchte dich wieder haben?“, fragte der Mann und starrte auf sein Handy.
„Wahrscheinlich nicht.“, sagte Wespe düster.
Der Mann lachte: „Machst Probleme, was?“ Wespe zuckte mit den Schultern.
„Er hat versucht anzurufen.“, sagte der Mann. Wespe versuchte nicht zu reagieren. Aber vielleicht sah man ihm seine Hoffnung an.
„Scheinbar werden deine Freunde nervös.“ Der Mann ging wieder und Wespe hatte die Vermutung, dass er vorerst sein Recht auf Wasser und Essen verspielt hatte.
„Wir haben ein Problem.“, sagte Glockner düster noch bevor Schalavsky seinen Morgenkaffee hatte. Nicht, dass es sich wie ein Morgen anfühlte, weil er gar nicht erst Zuhause war: „Sie wollen Wespe gegen Morphius tauschen.“
„Den Drogenbaron?“
„Ja. Der ist nur leider im Zeugenschutzprogramm.“, sagte Glockner düster. „Wir kommen nicht an den ran.“
Schalavsky fluchte auf Russisch. Glockner nickte zustimmend.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Schalavsky, aber bekam keine Antwort.
„Dem Täter beibringen, dass er das alles umsonst gemacht hat?“, fragte Glockner. „Wobei wir das wahrscheinlich jetzt abgeben müssen.“
Tamina kam so schnell durch die Tür, dass die Scheibe darin bedenklich klapperte: „Ich hab was!“ Sie war außer Atem und platzierte ihren Laptop auf der Tisch und zeigte auf etwas: „Ich habe Wespes Arbeitsweg am Tag, als er verschwand überwacht und konnte eingrenzen, wo er verschwunden ist. Wer auch immer ihn geschnappt hat, hatte eine Idee wo die Verkehrskameras sind. Aber! Nicht welche Läden Kamera überwacht sind. Die dürfen zwar auch rechtlichen Gründen nicht die Straße filmen, ein bisschen was ist trotzdem zu sehen und ich konnte durch die Zeiten feststellen, wo Wespe mit samt Fahrrad verschwindet und welches Auto von da aus weiter fährt. Ein grauer Lieferwagen. Groß genug, um Wespe und Fahrrad zu verstauen. Und von da aus konnte ich auch den Wagen mit den Verkehrskameras verfolgen und das Kennzeichen feststellen. Ich lasse bereits danach fahnden. Das Auto ist Richtung Süden gefahren, als es mit Wespe abgehauen ist. Der Wagen selbst gehört einer Mietwagenfirma und wurde noch nicht zurückgegeben. Ich versuche die Mietwagenfirma dazu zu bringen den Wagen zu orten, weil wir vermuten, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist.“
„Das ist fantastisch, Salah.“, sagte Glockner aufgeregt.
„Nur gründliche Arbeit.“, sagte Tamina entschlossen. Sie wollte ihren besten Freund wieder haben. Schalavsky schenkte ihr ein hoffnungsvolles Lächeln. Sie würde wahrscheinlich in einer freien Minute auch TKKG stecken, dass sei einen kleinen Fortschritt gemacht haben. Aber das dämmte die Sorge nur ein.
Wespe hörte den Mann wieder in den Raum kommen. Er redete bereits. „Nein, ich will mit seinem Partner sprechen. Schalavsky. – Es ist mir schon klar, dass Sie dafür ausgebildet sind, aber ich mag es Dinge im kleinen Kreis zu halten. Geben Sie mir Schalavsky.“
Wespe ließ die Schultern hängen. Keine Chance, dass das gut für ihn ausging.
„Hör mal, ich glaube, das läuft nicht.“, sagte er. „Man tauscht keine Geiseln. Das ist Bullen-Ein-mal-Eins. Und Schalavsky ist einer der korrektesten Polizisten, den es je gab.“
„Glaubst du nicht, dass dein Partner dich wieder haben will?“, fragte der Mann spielerisch erstaunt.
„Eher nicht.“, sagte Wespe trocken.
„Dann müssen wir mal schauen, ob sich nach ein paar Einzelteilen seine Meinung ändert.“, sagte der Mann. Wespe warf den Arme hoch und lehnte sich an die hintere Wand.
„Kommissar Schalavsky, nehme ich kann.“, sagte der Mann in einem ungewöhnlich höflichen Tonfall. Er hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und so konnte Wespe hören, wie Schalavsky antwortete: „Ja. Das ist richtig. Bienert ist wohl auf, wie ich höre?“
Der Mann nickte ihm auffordernd zu.
„Es geht mir gut.“, sagte Wespe neutral.
„Sie wissen, dass ich bereit bin Morphius gegen Bienert zu tauschen.“, sagte der Entführer.
„Das ist nicht so einfach.“, sagte Schalavsky und Wespe warf seinem Entführer seinen besten Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick zu. „Morphius ist nicht verhaftet.“
„Was?“, fragte der Mann ehrlich skeptisch.
Schalavsky stockte ein wenig vor der nächsten Infromation: „Er ist in einem Zeugenschutzprogramm.“
Wespe lachte bitter auf. Damit war auch diese Hoffnung dahin.
„Was soll das heißen?“, sagte der Mann.
„Dass dein geehrter Morphius alle verraten hat, für einen Neuanfang.“, sagte Wespe bitter. „Er wird irgendwo vollkommen frei unter neuem Namen leben und hat sich dafür entschieden keinen Kontakt zu seinen alten Freunden zu haben. Wahrscheinlich hat er dich mit verraten, während du hier deinen Masterplan abziehst und auf den besten Weg bist, selbst in den Knast zu wandern.“
Der Mann stürmte nach vorne, schaltete den Strom auf dem Gittern ab und stocherte mit dem Viehtreiber nach Wespe bis er ihn trotz Fliesen erwischte und Wespe schreiend zu Boden ging.
„Hören Sie auf!“, brüllte Schalavsky durch das Telefon. „Wie gesagt, es ist schwierig, aber wir können herausfinden wo Morphius mittlerweile lebt.“ Wespe krümmte sich. Das war gelogen. Sie hatten keinen Zugriff auf das Zeugenschutzprogramm.
Der Mann schien kurz nachzudenken und nickte dann: „Gut, Sie verraten mir, wo er sich befindet und ich lasse Ihren nervigen Kollegen frei.“
„Gut. Wir brauchen nur etwas mehr Zeit.“
„Ich lasse Ihnen alle Zeit der Welt.“, sagte der Mann ungerührt. „Wie lange Bienert das allerdings noch mitmacht….“ Er erwischte Wespe wieder mit dem Viehtreiber. Wespe wand sich am Boden als seine Muskeln unkontrolliert zuckten. Zerbrochene Fliesen schnitten in seinen Oberkörper, aber nicht mal das nahm er wahr.
Schalavsky sah auf das Handy, als der Anruf endete. Die Abteilung für Geiselnahmen hatte ihn nur widerwillig an das Telefon gelassen, aber der Entführer hatte darauf bestanden.
Glockner legte Schalavsky eine Hand auf die Schultern: „Komm mit mir, Klaus.“ Glockner konnte ihn ohne Widerwehr aus dem Raum,, der die neue Zentrale der Wespe-Operation war, lenken und sie endeten in Glockners Büro, wo er die Jalousie vor den Fenstern schloss.
Schalavsky setzte auf einen der Stühle ohne dazu gezwungen zu sein und atmete zu flach.
Glockner zog den zweiten Stuhl, so dass er ihn direkt gegenüber saß: „Klaus? Tief einatmen.“
Schalavsky zwang sich tiefer zu atmen: „Du hast gehört, was Wespe gesagt hat… er glaubt nicht, dass ich ihn wieder hier haben möchte.“
„Das ist Bienert. Der hat nur versucht den Entführer aus dem Konzept zu bringen.“, sagte Emil sanft.
Schalavsky vergrub das Gesicht in den Händen: „Ich hab ihn letztens angeschrien.“
Glockner brummte. Das war ihm durch aus bewusst. Wie auch dem Rest des Hauses.
Schalavsky ließ die Hände in den Schoß fallen und den Kopf zurück sinken: „Ich wollte doch nur, dass er mehr Acht auf sich gibt und jetzt das. Ich hätte früher bemerken müssen, dass er verschwunden ist.“
„Bienert weiß, was er tut.“, sagte Kommissar Glockner. „Und du konntest nicht wissen was dieser Entführer geplant hatte.
Schalavsky lachte schwach auf: „Er kümmert sich nicht um seine eigene Sicherheit.“
„Wenn er das nicht tun würde, dann wäre er nicht bis hierher gekommen.“, sagte Glockner entschieden. „Du musst ihm ein bisschen vertrauen, dass er weiß, was er sich zumuten kann. Und dass er nach Hilfe fragt, wenn er sie braucht.“
„Tut er das?“
„Ich hab gehört, er ist besser darin geworden.“, sagte Glockner mit bedeutungsvollen Blick. Schalavsky verzog das Gesicht, aber sah auch ein, dass Emil recht hatte: „Ich will ihn wieder haben.“ Es schwang eine Wahrheit in den Worten, die Glockner nicht ganz so erwartet hatte. Aber sie überraschte ihn auch nicht. Wenn irgendjemand eine so harte Nuss wie Schalavsky knacken konnte, dann wohl Bienert.
„Komm, wir müssen schauen, dass wir Bienert da endlich raus bekommen.“, sagte Emil freundlich und Schalavksy nahm sich zusammen. Wespe ging vor. Und sie hatten endlich einen Anhaltspunkt in wessen Dunstkreis sie ihren Entführer suchen mussten.
Wespe lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Sein Muskeln brannten. Er war müde und wollte schlafen. Und vielleicht tat er das auch, denn das Nächste, was er merkte war der mittlerweile vertraute Schmerz, wenn er mit dem Viehtreiber erwischt wurde.
Wespe streckte mit einem erstickten Atem hoch. „Was ist denn jetzt?“
„Ich fürchte deine Kollegen halten sich nicht an Abmachungen.“, sagte der Mann düster.
„Aha.“, machte Wespe und zog sich zur hinteren Wand zurück.
„Sie haben das Haus umstellt.“
„Und ich bin jetzt deine Geisel, hinter der du dich nicht verstecken kannst, weil du mich hier drin eingeschweißt hast, tja, scheiße gelaufen für dich.“ Wespe setzte sich so bequem, wie es ging gegen die Wand: „Und nu?“
„Ich kann dich immer noch umbringen.“, sagte der Mann.
„Dann hättest du gar kein Druckmittel mehr.“, stellt Wespe fest. „Clever.“
„Was werden deine Kollegen machen?“, fragte der Mann. Wespe sah ihn kurz an bevor er geschäftig in seinen Taschen wühlte: „Lass mich nur kurz mein unsichtbares Funkgerät suchen, dann frag ich einfach nach.“ Sehr viel schärfer setzte er hinterher: „Ich bin seit Tagen hier eingesperrt, woher soll ich das wissen?!“
Der Mann schwieg kurz, dann grollte er: „Komm nach vorne.“
Wespe bewegte sich nicht. Der Mann machte den Storm aus und richtete eine Waffe auf Wespes Kopf. Das war ein überzeugendes Argument. Wespe trat nach vorne an das Gitter. Das Panzerband kam wieder zum Einsatz und dieses mal klebte er beide Hände von Wespe an Gitterstreben und außerdem mehrere Streifen des Klebeband so um seinen Hals, dass er direkt gegen das Gitter gedrückt wurde. Er holte mehrere Schwerlastregale, die er zu einer Barrikade aufeinander legte.
„So. Wenn deine Kollegen mich erschießen, wirst wirst du gebraten.“, sagte der Mann und setzte sich genau gegen den Stromhebel, eine Hand auf dem Schalter.
„Kreativ.“, meinte Wespe bissig.
„Brutus Sövit, kommen Sie mit erhobenen Händen raus, Sie sind umstellt!“, tönte es von außen her. Es war nur leise zu hören. Scheinbar war das Gebäude gut isoliert. Am Megafon war es Glockner gewesen, was wahrscheinlich hieß, dass Schalavsky zu den gehörte, die bald das Gebäude stürmen wurden. Wespe konnte natürlich nicht sagen, ob es noch weitere Komplizen gab, aber bisher kam ihm Brutus wie ein Einzelgänger vor. Seine Kollegen draußen wussten wahrscheinlich schon mehr.
Schalavsky war per Funk mit Glockner verbunden: „Keine Reaktion. Wärmebild Kameras zeigen nur zwei Personen, eine steht unbeweglich, möglicherweise gefesselt, die andere sitzt zwei Meter weiter. Startet den Zugriff.“ Schalavsky bestätigte den Befehl und sah sich nach seinem Team um. Salah war dabei, weil sie darauf bestanden hatte. Schalavsky überprüfte mit einem kurzen Blick, ob ihre Schutzweste richtig saß. Dann deutete er dem Team an, dass es los ging. Geübt brachen sie die Tür auf und schwärmten in den Raum. Die untere Etage war erwartungsgemäß leer. Sie sahen sich trotzdem vorschriftsgemäß um und stiegen dann die Treppe hinauf. Im oberen Geschoss war ein Raum scheinbar provisorisch zum Leben gebraucht worden und ein weiterer war abgeschlossen und wurde auch aufgebrochen. Schalavsky lief mit der Waffe im Anschlag in den Raum. Er behielt die Wand im Rücken und drehte sich in die Richtung, in der er die beiden Personen von der Wärmebildkamera vermutete. Er sah zuerst Wespe, der an das Gitter gefesselt stand.
Dann sah er den Kopf von Brutus hinter seiner Barrikade und dessen Knarre: „Lassen Sie die Waffe fallen, heben Sie die Hände und kommen Sie da raus!“
„Wenn Sie einen Schritt näher kommen, brate ich Ihren Kollegen.“, warnte Brutus. Schalavsky blieb stehen: „In Ordnung. Brutus Sövit, Sie kommen hier nicht mehr raus. Wenn Sie sich jetzt ergeben, wird das vor Gericht berücksichtigt.“
„Pah, liegt Ihnen so wenig an dem Jungen, dass Sie mich damit abspeisen wollen?“, fragte Brustus. „Zunächst mal schicken Sie Ihre Kollegen weg. Außer Ihnen bleibt niemand im Raum.“ Schalavsky zögerte. „JETZT!“
„Zieht euch zurück!“, rief Schalavsky. „Alle den Raum verlassen.“ Das Team bewegte sich rückwärts aus dem Raum, bis auf Tamina, die es nutzte, dass die Tür im Totenwinkel lag und sich an die Außenwand von Wespes Zelle presste. Sie konnte zwar nicht sehen, was Sövit machte aber sie konnte Schalavsky beobachten. Schalavsky nahm die Bewegung wahr, aber sah nicht hin.
„Ist das Schalavsky?“, fragte Brutus.
„Kommissar Schalavsky.“, korrigierte Wespe.
Brutus lachte auf: „Ihm scheint ja doch was an dir zu liegen. Ist er dein Lover?“
„Nein, leider nicht.“, sagte Wespe trocken. Brutus ging nicht drauf ein, weil er versuchte sich auf die Situation zu konzentrieren.
„Komm schon, Brutus, was ist dein Plan? Mich umzubringen, in dem ich eine Thrombose vom Stehen bekomme?“, fragte Wespe missbilligend.
Brutus schüttelt leicht den Kopf: „Sie werden mich mit meiner Geisel gehen lassen.“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Das kann ich nicht zulassen.“
„Das funktioniert auch nicht, weil er die Tür zu geschweißt hat.“, sagte Wespe hilfreich. „Nicht mal er bekommt mich hier einfach so raus.“
Brutus drückte kurz den Schalter für den Strom und Wespe schrie und wand sich ohne los kommen zu können.
„Aufhören!“, brüllte Schalavsky und feuerte einen Warnschuss ab. Brutus hatte den Schalter wie der ausgestellt und Wespe erschlaffte an den Gittern.
„Sie sehen, Ihr Liebling hier, wird es nicht lange mitmachen, wenn Sie mich nicht gehen lassen.“, verkündete Brutus.
„Das kann ich nicht tun.“, sagte Schalavsky.
„Hab ich doch gesagt.“, sagte Wespe schlapp, als er seine Füße wieder runter sich bekam. „Der bricht keine Regeln und ganz bestimmt nicht für mich.“
Brutus starrte Schalavsky an: „Was soll es werden? Wenn Sie mich erschießen, wird ihr Verehrer gebraten oder ich könnte immer noch schauen, wie viele ich erschießen kann, bevor mich einer von euch erwischt und dann der Kleine gebraten wird.“
Schalavsky verzog das Gesicht: „Was wollen Sie?“
„Waffe runter.“, sagte Brutus.
„Das wird nicht passieren.“, sagte Wespe. „Schalavsky, erschieß ihn einfach. Ist schon okay. Ich hab’s bisher alles überstanden. Testen wir mein Glück.“
Brustus lachte: „Hast ein Todeswunsch, he? Hättest du mir früher sagen können.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky zur Überraschung von beiden und hielt seine Waffe hoch. Langsam ging er in die Hocke und legte sie auf den Boden.
„Mhm, vielleicht hast du doch noch eine Chance, Casanova.“, sagte Brutus verschwörerisch.
„Wie viele Spitznamen hast du eigentlich noch für mich?“, fragte Wespe verzweifelt.
„Ein paar.“
Schalavsky richtete sich mit offenen Händen wieder auf. Unbewaffnet. Zumindest scheinbar.
„Weg von der Waffe.“
Schalavsky ging einige langsame Schritte von seiner Waffe weg weiter in den Raum. Brutus’ Augen folgten ihm genau. In diesem Moment schoss Tamina – im zweifachen Sinne des Wortes – um die Ecke: Sie wirbelte aus ihrem Versteck und verpasste Brutus eine zielsichere Kugel in die Schulter, der schrie auf, betätigte den Stromhebel und riss seine Waffe herum. In diesem Moment war Schalavsky in die Hocke gegangen, hatte seine Zweitwaffe aus dem Knöchelholster gezogen und erschoss ihn zielsicher.
Wespe schrie nicht mehr, sondern zuckte nur. Tamina rannte vor und sprang über die Ecke der Barrikade, um den Strom wieder abzuschalten. Wespe wurde still und hing nur dank der Fesseln noch aufrecht. Schalavsky rannte nach vorne. Tamina überprüfte Brutus Sövit. „Er ist tot.“
„Holen Sie die Kollegen und die Notärzte. Jemand muss die Tür aufschweißen.“, rief Schalavsky, als er vor Wespe zum Stehen kam und einen Arm um ihn schlang. Er zog ihn etwas hoch und drückte ihn an das Gitter, damit er nicht noch erstickte. Mit der anderen Hand zog er sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und schnitt das Klebeband, dass Wespes Hals an die Streben zwang, durch. Dann auch die Fesseln an den Händen und er ließ sich langsam mit Wespe auf die Knie sinken. Wespe atmete noch, und Schalavsky dankte den Sternen dafür, denn wenn der Strom endgültig sein Herz gestoppt hätte, hätte niemand aus dieser Position eine Herzdruckmassage durchführen können und er hätte nur mit ansehen müssen, wie sein Freund langsam starb.
Wespe blinzelte ihn langsam an und sagte mit leiser Stimme: „Klaus?“
Schalavskys Herz stoppte fast: „Ja?“
„Danke, dass du mich gerettet hast.“ Die Stimme war schwach. Wespe lehnte sich gegen die Gitter.
„Hey, Wespe.“ Schalavsky griff nach Wespes Wangen und streichelte sie sanft um, die verbrannte Haut nicht noch mehr zu irritieren. „Ich werde dich immer retten. Und ich würde alles tun, um dich zu retten. Es tut mir leid, dass du daran gezweifelt hast. Es tut mir leid, dass ich dir Grund zum Zweifeln gegeben habe.“ Schalavsky traten Tränen in die Augen. „Ich will dich nicht verlieren.“
Wespe griff durch die Gitter nach Schalavskys Hand und lächelte matt: „Wirst du nicht.“
Die anderen Polizisten und die Sanitäter und der Notarzt kamen in den Raum. Der Notarzt und ein Sanitäter kam direkt zu Wespe. Schalavsky rutschte aus dem Weg. Ein anderer Sanitäter sah sich Brutus an, aber Schalavsky hatte zu gut getroffen. Bei dem war nichts mehr zu machen.
Durch das Gitter hindurch wurden die ersten Werte erhoben und Wespes Atmung überprüft. Salah koordinierte im Hintergrund, das man das Schweißgerät von Brutus finden und dazu einen der Kollegen, der Schweißen konnte. Oder die Feuerwehr nach zu ordern.
Schalavsky ließ Wespes Hand los zeigte sie den medizinischen Helfern. Die Gitter hatten beide Hände verbrannt.
Wespe war bereits so gut wie möglich versorgt worden – seine Verbrennungen und Verletzungen verbunden, Wasser und Nahrung gegeben – bevor die Tür geöffnet werden konnte.
Wespe kam steif und langsam laufend aus der Zelle und durfte sogleich auf der Liege der Sanitäter Platz nehmen. Schalavsky blieb an seiner Seite und fuhr auch mit zum Krankenhaus. Glockner erwartete ohnehin, dass er Wespes Aussage aufnehmen würde.
Schalavsky blieb die ganze Zeit bei ihm und Wespe sah ihn oft so an, als würde er in Tränen ausbrechen, wenn er sich nicht stark zusammen riss.
Als Wespe komplett durchuntersucht worden war und alles weitere warten musste, wurde Schalavsky erlaubt die Aussage aufzunehmen unter dem Vorbehalt, dass es nicht lange dauern dürfe.
Wespe erzählte ihm alles an das er sich erinnerte, was viel war. Er glaubte, dass Brutus ihn auf der Straße abgedrängt hatte, bis er mit seinem Rad stürzte und ihn dann irgendwie betäubt hatte. Und den Rest der Zeit hatte er in der Zelle verbracht. Ein paar Dinge aus Wespes Nacherzählung kannte Schalavsky aus den Videos. Aber nicht wie er zum zweiten Mal versucht hatte Brutus mit dem Gitter auszuschalten und fest gestellt hatte, dass er hoffnungslos verloren war. Wespe unterdrückte einen Laut und presste sich die verbundenen Hände gegen die Augen. Schalavsky war an seiner Seite und zog die Hände vorsichtig runter.
„Schon gut, Wespe.“, sagte er leise. „Ich bin für dich da. Ich werde dich nie einfach so aufgeben.“ Er erinnerte sich, wie er Wespe nach der Explosion im Krankenhaus gehalten hatte. Warum hielt er ihn eigentlich nur, wenn er davor fast drauf gegangen war. Er würde ihn gerne auch sonst so halten können. Aber das war nicht der Moment, um diese Diskussion anzufangen.
„Entschuldige… das ist keine gute Befragung.“, murmelte Wespe gegen seine Schulter.
„Wir können das morgen machen.“, sagte Schalavsky. „Die Krankenschwestern möchten ohnehin, dass du schläfst.“ Wespe nickte schwach und löste sich von Schalavsky, um sich hinzulegen. Schalavsky lächelte ihm aufmunternd zu und sagte einer der Schwestern Bescheid, dass sie Wespe seine verordneten Schlaftabletten bringen konnten und dann verabschiedete sich Schalavsky, in dem er Wespes Stirn küsste. Wespe seufzte zufrieden, aber sagte nichts mehr dazu.
Es war Nachmittag des Folgetages als Schalavsky zurück im Krankenhaus war. Wespe war mittlerweile wieder etwas präsentabler. Er saß halbwegs aufrecht im Bett und war wohl gewaschen worden. Tamina hatte ihm wohl wieder seine Sachen gebracht.
„Wie gehts dir?“
„Nur noch zur Hälfte, wie ein gebratenes Hähnchen.“, sagte Wespe.
Schalavsky lächelte leicht: „Das klingt zumindest viel versprechend. Was sagen die Ärzte?“
„Ein paar Verbrennung. Aber wohl keine Schäden an meinem Herz. Sie testen noch Nervenströme oder so.“ Wespe winkte ab. „Wie laufen die Ermittlungen?“
„Wir haben genug über Brutus, um ihn für zwei Leben einzuknasten. Und das ohne das was er dir angetan hat.“, sagte Schalavsky. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf Wespes Oberschenkel. „Ich bin echt froh, dass du wieder da bist und nicht… Naja.“
Schalavsky lächelte gezwungen: „Das, ja das auch. Was ich sagen will ist… ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst. Und ich habe dich mehrfach von Dingen wieder aufstehen sehen, die andere zerstört hätten. Ich habe Angst, dass es irgendwann nicht mehr klappt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann zu spät bin.“
„Bisher hast du mich noch immer gerettet.“, neckte Wespe gutmütig. „Mein edelmütiger Blaulicht-Ritter.“
„Kannst du mal kurz die Klappe halten?!“, fragte Schalavsky halb lachend.
„Fällt mir schwer.“, gab Wespe zu. „Vielleicht ist doch irgendwas in meinem Gehirn durchgeschmort.“
„Das wäre aber nichts neues.“, bemerkte Schalavsky. „Willst du mir kurz zuhören?“
„Du musst dir keine Gedanken machen.“, sagte Wespe. „Unser Streit ist schon vergessen. Ich weiß, dass du es nur gut mit mir meinst. Und dich sorgst. Manchmal zu viel.“
Schalavsky nickte: „Das ist gut… und teil von dem, was ich sagen wollte, aber ich wäre dir sozusagen persönlich verbunden, wenn du mir kurz nur zuhören könntest.“
Wespe deutete an seinen Mund zu verschließen und warf den Schlüssel weg.
Schalavsky holte tief Luft: „Das hier ist nicht- ähm. Meine Sorge um dich ist nicht nur beruflicher Natur. Uuund, ähm w-wie soll ich sagen? We-wenn du das gestern ernst gemeint hast, könnten wir was an dem dem »leider« ändern.“ Wespe zog verwirrt eine Augenbraue hoch und Schalavsky versuchte deutlicher zu werden: „Es ist nicht direkt was die Dienstordnung vorsieht… aber das. Hat dich ja noch nie gekümmert.“ Wespe verdrehte die Augen. „Tschuldige, das war kein Vorwurf. Ähm… Sekunde ich muss mich kurz sammeln.“ Wespe konnte hören, wie er kaum hörbar etwas murmelte. „Я тебя люблю. Я тебя люблю.“ Schalavsky sah Wespe wieder an und schluckte: „Ich habe Gefühle für dich, die ich nicht für einen Kollegen haben sollte und ich kann sie nicht ignorieren. Und ich hoffe, dass du mir eine Chance gibst, mir zu beweisen, dass ich das alles ernst meine.“
Wespe warf sich slapstickartig zur Seite, wo er zuvor den imaginären Schlüssel für seinen Mund hingeworfen hatte und ‚schloss‘ seinen Mund wieder auf. Schalavsky sah ihn etwas ungläubig an.
„Wow.“, sagte Wespe. „Ich habe fast erwartet, dass du mich feuerst.“
„Was?“
„Das war die schwierigste Geburt einer Liebeserklärung, die ich je erlebt habe und unter anderen Umständen, hätte ich nicht die Geduld dafür gehabt.“, sagte Wespe. „Zu deinem Glück, bin ich noch als Bett gefesselt und habe auf so was schon sehr lange gehofft.“
„Wirklich?“, fragte Schalavsky erstaunt.
Wespe griff nach seinen Nacken und zog ihn an sich heran, um ihn endlich so zu küssen, wie er es schon seit langer Zeit wollte.
Das mit der Aussage aufnehmen wurde etwas ungewöhnlich gestaltet. Normalerweise gab es dabei weniger Körperkontakt und Speichelaustausch. Aber die Arbeit wurde gemacht und was die Vorgesetzten nicht wussten, konnten sie einem nicht vorwerfen. Schweren Herzens verließ Schalavsky seinen neuen Freund, aber er hatte noch einiges zu tun und Wespe musste sich ohnehin noch auskurieren.
So berüchtigt Schalavskys schlechte Laune auch war, genau so gefürchtet war seine gute Laune. Niemand war sich sicher, was sie mit einem Schalavsky anfangen sollten, der beschwingten Schrittes durch das Revier lief und beinahe ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Glockner sah ihn zwar aber schmunzelte nur für sich selbst und entschied sich, dass er nicht alles wissen musste. Es konnte hunderte Gründe für Schalavskys gute Laune geben.
Tamina hatte weniger Probleme damit einem Kollegen auf die Pelle zu rücken. Sie schlüpfte in das Büro, in dem Schalavsky eine Pflanze goss, die seit Wespes Verschwinden keine Zuwendung mehr erfahren hatte.
„Wie geht es Wespe?“, fragte Tamina unverbindlich.
Schalavsky sah zu ihr und stellte den Kaffeebecher, mit dem er die Pflanze gegossen hatte ab: „Gut. Also besser. Wird noch etwas dauern. Aber soweit scheint er es gut überstanden zu haben. Keine Herzschäden oder so. Die Verbrennungen natürlich aber da wird sich zeigen, wie die sich entwickeln.“
Tamina lächelte: „Das ist ja schön zu hören. Sind Sie deswegen so glücklich?“
Schalavsky sah sie mit offenen Mund an und suchte nach einer Antwort: „Sicher. Bienert geht es gut, wir haben einen gefährlichen Verbrecher hinter Schloss und Riegel. So sollte es doch sein.“
Tamina schmunzelte: „Natürlich. Und ich schätze ihr Streit mit Bienert ist nun beigelegt?“
„Ähm. Ja.“, bestätigte Schalavsky. „Wir haben uns ausgesprochen.“
„Sehr gut.“, sagte Tamina und fragte betont unschuldig: „Und hat das zu irgendwelchen persönlichen Änderungen geführt.“
„Persönliche Änderungen?“, wiederholte Schalavsky und sah sehr nachdenklich drein, bevor er den Kopf schüttelte: „Nicht das ich wüsste. Ne.“
„Sie können mir das ja mitteilen, falls es Ihnen noch einfällt.“, sagte Tamina und schlenderte zur Tür. „Ach und Glückwunsch.“
„W-wofür?“, fragte Schalavsky.
„Ach nur so.“ Tamina grinste und verschwand aus dem Büro.
Schalavsky stellte fest, dass er Probleme hat seine Gedanken von Wespe wegzubewegen und dem Gefühl seiner Lippen. Während der Arbeit bemühte er sich diese Gedanken zurück zu drängen, aber sobald er Zuhause ließ er sie zu. Sie kamen mit einer konstanten Aufregung, die vermutlich Verliebtsein mit sich brachte und ein bisschen Panik mit sich, wie es in Zukunft laufen sollte.
Schalavsky griff sich einen Rotwein, der solange in seiner Wohnung war, dass er eine sehr deutliche Staubschicht hatte. Möglicherweise war er mal ein Einzugsgeschenk gewesen. Normalerweise trank er mal ein Bier nach der Arbeit. Aber Schalavsky hatte noch nie diese Gefühle in dieser Intensität gespürt, zumindest nicht seit er alt genug war zu trinken und manchmal musste man neue Dinge ausprobieren.
Er war durch ein halbes Glas Rotwein, als es an seiner Tür klingelte. Schalavsky antwortete durch die Gegensprechanlage.
„Mach auf!“, klang es durch die Anlage.
„Wespe?“, fragte Schalavsky verwirrt und öffnete die Wohnungstür. Er hörte Schritte und das schwere Atmen von jemanden der sich nicht in best Verfassung die Treppe hochkämpfte.
Wespe tauchte auf der letzten Treppe auf und lächelte ihn außer Atem an: „Hey.“ Die letzten Schritte nahm er schneller und streckte seine Arme nach Schalavsky aus. Dieser nahm ihn sofort, wenn auch überrascht in die Arme: „Was machst du denn hier?“
„Hab, hach, hab ich selbst entlassen.“, sagte Wespe und ließ Schalavsky genug los, damit sie beide in die Wohnung treten konnten.
„Aber du solltest dich doch noch ausruhen.“, sagte Schalavsky und nahm Wespe seine kleine Reisetasche von der Schulter. Wespe nickte und trat sich im Flur die Schuhe von den Füßen: „Ich weiß, und ja ich sollte besser auf mich Acht geben, aber ich kann da nicht schlafen und schon gar nicht nach heute.“
Schalavsky sah ihn sprachlos an.
„Ich verspreche, ich gehe zu all meinen Behandlungen, aber ich will nicht den ganzen Tag im Krankenhaus sitzen.“, sagte Wespe, in der Hoffnung eine Standpauke abzuwenden.
Schalavsky fasste sanft seinen Hinterkopf und drückte ihm einen Kuss gegen die Schläfe: „Hast du Hunger?“
„Nee. Alles gut.“, sagte Wespe. „Ich muss mich nur Hinsetzten.“
Schalavsky deutete ihm ins Wohnzimmer. Wespe sah das Weinglas und fragte: „Oh, habe ich dich gestört?“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Ich wusste ohnehin nicht, was ich mit mit anfangen sollte. Ich würde dir, was anbieten aber du bist wahrscheinlich noch voll medikamentiert.“
„Stimmt.“, lächelte Wespe. „Hey, ich wollte mir dir reden.“
Schalavsky zog die Augenbrauen hoch und Wepse runzelte die Stirn: „Wow, das klang viel düsterer, als ich es gemeint habe. Ich möchte wissen, wie es mit uns weiter geht. Weil ich hoffe, dass es weiter geht.“
Schalavsky lächelte und griff nach Wespes Hand: „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders viel Erfahrung mit Beziehungen, geschweige den erfolgreichen Beziehungen habe, also…“ Schalavsky zuckte mit den Schultern.
„Möchtest du denn dass es eine erfolgreiche Beziehung wird?“
Schalavsky nickte und fragte: „Was möchtest du? Etwas ernstes oder…?“
„Ich kenn meinen Ruf, aber ich hätte gerne was ernstes mit dir.“, sagte Wespe. „Aber wie wirst du das in Bezug auf unseren Job finden?“
Schalavsky sah ernst drein: „Ich möchte, das hier nicht aufgaben.“ Er griff nach Wespes Hand. „Ich musste den ganzen Tag an dich denken und daran, wie froh ich bin, dass du noch lebst. Ich will dich nicht verlieren, und ich denke, wir können es schaffen uns weiterhin auf der Arbeit professionell zu verhalten.“
„Und wenn wir das irgendwann nicht mehr schaffen?“, fragte Wespe vorsichtig.
„Dann können wir immer noch eine Lösung finden.“, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn kurz an bevor er sich vorbeugte und küsste.
Schalavsky lehnte sich mehr zu Wespe, weil er ihn nicht einfach zu sich ziehen wollte, solange er noch verletzt war. Aber er küsste ihn tiefer als noch im Krankenhaus, und leidenschaftlicher.
Wespe seufzte in den Kuss und öffnete einladend seine Lippen, was Schalavsky sogleich ausnutzte.
„Danke.“, sagte Wespe, als sich ihre Lippen schließlich doch trennten. „Diese Versicherung habe ich gebraucht.“ Er lehnte sich erschöpft gegen Schalavsky.
„Alles gut.“ Wespe unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin nur müde.“
Schalavsky nickte: „Na dann, ab ins Bett.“
„Kommst du mit mir?“, fragte Wespe ein wenig zwischen verlegen und frech.
Schalavsky schmunzelte: „Es ist immerhin mein Bett.“
Wespe nickte: „Sehr wahr.“
„Geh schon, ich räume noch kurz auf.“, sagte Schalavsky. Und während er sich daran machte die Spuren seines Abendessens zu beseitigen, machte sich Wespe bettfertig.
Wespe kam aus dem Schlafzimmer, weil er bemerkt hatte, dass er mehr Durst hatte, als er gewillt war zum Schlafen gehen zu akzeptieren. Er hatte sich mittlerweile seine Schlafhose angezogen, die eigentlich nur eine alte Jogginghose war, irgendwo aus den 90ern, mit zu vielen intensiven Farben und von Wespe in einem Second Hand Shop als das bunteste Item vor Ort aufgegriffen worden war.
Sein Schlafshirt, ein Bandshirt, dass zwar schwarz war aber die abstruse Zeichnung von zwei halb ineinander gemorphten bewaffneten Kaninchen zeigte, ließ er in seiner Tasche. So tapste er barfuß in die Küche, wo Schalavsky gerade noch eine angefangene falsche Wein verstaute.
„Ich brauche etwas Wasser bevor ich Schlafen kann.“, sagte Wespe und Schalavsky begann sogleich ihm ein Glas einzuschenken. Wespe trank es in einem Zug auf und lächelte zufrieden: „Ich würde jetzt zu Bett gehen.“
Schalavsky blinzelte bei dem Tonfall etwas fasziniert und folgte Wespe die Lichter in der Wohnung ausmachend. Im Schlafzimmer machte es sich Wespe auf dem Bett bequem. Schalavsky zog sich sein Hemd aus und bemerkte das Wespe nicht die Scham besaß dabei weg zu schauen.
Schalavsky ging noch seine Zähne putzen (und sich sammeln) und betrachtete sich im Spiegel. Noch trug seine Anzughose und das Unterhemd. Einer Eingebung folgend ließ er beides im Wäschekorb zurück. Nur in Boxershorts ging er wieder ins Schlafzimmer. Sein Schlafanzug lag auf dem Bett und er zog sich die Hose an, während Wespe ihm zuschaute.
Als er nach dem Shirt griff zog es Wespe aus seiner Reichweite: „Brauchst du das wirklich?“
„Schätze nicht.“
Wespe lächelte und warf das Shirt zu einem Stuhl rüber.
Schalavsky stieg zu Wespe in das Bett und hielt sich noch höflich Abstand, doch Wespe kuschelte sich an ihm und legte seinen Kopf auf Schalavskys Schulter.
„Ist das hier okay für dich?“, fragte Wespe.
Schalavsky legte einen Arm um Wepse und lächtelte: „Ja, sehr okay.“ Wespe lächelte. Sie löschten das Licht und genossen das Gefühl in de Dunkelheit nicht alleine zu sein.
„Ich habe Angst, dass ich dir zu viel bin.“, sagte Wespe leise aber aufrichtig. Schalavsky hatte ihn deutlich gehört: „Wenn dem so wäre, wäre es nie hierzu gekommen.“
„Aber bisher hast du mich nur auf der Arbeit um dich und jetzt auch noch privat.“, sagte Wespe und strich in einem verschlungenen Muster über Schalavskys Oberkörper.
„Das bekomme ich auch noch hin.“, versicherte Schalavsky und entschied, dass es Zeit für eine Wahrheit über ihn war. „Ich habe Angst, dass ich dir kein guter Partner bin.“
„Was?“
„Ich bin älter als du.“, sagte Schalavsky. „Und störrisch und nicht so frei wie du.“
„Das war mir durchaus bewusst, bevor ich mich in dich verliebt habe.“, sagte Wespe. „Und es hat mich nicht aufgehalten.“
Schalavsky drückt ein der Dunkelheit einen Kuss auf Wespes Scheitel.
Und der finale Teil, leider etwas kürzer als gewollt, aber mir kam das Leben dazuwischen
6. Gefallen.
Schalavskys Handy klingelte. »Bienert« zeigte das Display mit einer Reihe von Emojis dahinter. Keines davon hatte Schalavsky ausgesucht und dem Kontakt zugefügt: „Ja?“
„Es tut mir so leid, Klausi, ich schaffe es nicht zum Essen.“, sagte Wespe entschuldigend. Er klang außer Atem, als würde er sich gerade beeilen. „Ich wurde leider aufgehalten, ich werde jetzt nach Hause fahren und mich umziehen und dann direkt zum Theater kommen. Wir können uns danach was holen oder essen gehen. Ist das okay?“
„Ja, kein Problem.“, sagte Schalavsky beruhigend. Er wusste genug, dass sie in ihrem Job nur selten fest planen konnten.
„Danke.“, sagte Wespe aufrichtig.
„Schlimmer Tag bei der Arbeit?“, fragte Schalavsky.
Wespe lachte bitter auf: „Sei froh, dass du frei hattest. Ich erzählt dir nachher alles. Sorry, ich muss auflegen. Bis nach her. Liebe dich.“
„Liebe dich auch.“, lächelte Schalavsky.
Er wartete vor dem Theater. Er hatte einen hellgrauen, dreiteiligen Anzug an, mit einem weißen Hemd. Die Krawatte und Einstecktuch waren die farblichen Eyecatcher in einem tiefen, samtigen rot. Es war nicht unbedingt eine Farbe, zu der er tendieren würde, aber Wespe schwor, bei allem was ihm heilig war, dass es fantastisch zum Outfit und Anlass passte.
Er trat von einem Fuß auf den anderen und schaute auf sein Handy. Es war noch zwei Minuten bis der Einlass beginnen würde und Wespe hatte nichts weiter geschrieben. Das bedeutete aber in der Regel, dass er auch wie angekündigt auftauchen würde.
Schalavsky sah die ihm bekannten Haare zuerst. Sie waren ungewohnt ordentlich gekämmt und kamen gerade die Stufe aus der U-Bahn hoch. Wespe sah sich suchend um und als er ihn sah lächelte er breit. Schalavsky sah, dass er seinen fliederfarbenen Anzug anhatte, mit einer dunkelvioletten Krawatte.
Was Schalavsky aber mehr auffiel war, dass Wespes rechter Arm in einer Schlinge war: „Was hast du denn gemacht?“
Wespe steckt ihm seine linke Hand entgegen, weil Schalavsky noch nicht entspannt mit Küssen in der Öffentlichkeit war. Schalavsky nahm seine Hand halbherzig aber blickte nur auf den rechten Arm.
„Ist nicht schlimm.“, versicherte Wespe und betrachtete seinen Partner von oben bis unten: „Du siehst fantastisch aus! Ich muss aufpassen, dass keiner dich stiehlt.“
Schalavsky registrierte kaum das Kompliment und fragte dringlich: „Was ist mit deinem Arm?“
Wespe seufzte und erklärte dann: „Ich habe mir die Schulter ausgekugelt. Aber nach dir keine Sorgen. Ich war schon beim Arzt und habe diese Schlinge bekommen. Hier! Ich habe sogar Tamina als Zeugin.“ Er holte umständlich sein Handy hervor und spielte eine Sprachaufnahme ab, in der Tamina sprach: „Hallo, Kommissar Schalavsky. Wespe hat sich heute den rechte Schulter ausgekugelt. Er war beim Arzt und die Schulter wurde wieder eingerenkt und geröntgt. Bisher scheint sonst nicht Schlimmes passiert zu sein. Aber er soll für sechs bis acht Wochen die Schulter ruhig halten.“
Wespe sah Schalavsky lächelnd an: „Zufrieden?“
Schalavsky sah noch unentschieden aus: „Fürs erste.“
„Gut.“, grinste Wespe unbekümmert: „Dann komm mit. Der Einlass hat begonnen.“ Wespe und zog Schalavsky mit sich.
Sie gingen hinein und durch die Taschenkontrolle. Im Vorraum wurden Getränke und Brezeln verkauft.
„Willst du schon was zu essen haben?“, fragte Wespe mit Nicken zu der Theke.
„Ich kann auf später warten.“, sagte Schalavsky.
„Dann lass uns unsere Plätze suchen.“ Wespe hatte ihnen gute Plätze besorgt in der fünften den Reihe relativ mittig.
„Was ist auf der Arbeit passiert?“, fragte Schalavsky. Wespe schüttelte den Kopf: „Nicht hier.“ Schalavsky neigte einverstanden den Kopf.
„Hey, ich danke dir, dass du mit mir hierher kommst. Ich weiß, dass das nicht so dein Ding ist.“, sagte Wespe und lehnte sich soweit rüber zu Schalavsky, dass ihre Schultern sich berührten.
„Das heißt nicht, dass ich es nicht trotzdem genießen kann.“, sagte Schalavsky. Er würde sich jedes Stück anschauen, dass ein Glitzern in Wespes Augen und ein Lächeln auf seine Lippen zauberten. Deswegen hatte er auch seinen besten Anzug herausgeholt. Wespe hatte mehr als einmal erzählt, dass er es schade fand, dass sich die Leute fürs Theater nicht mehr schick machten. Auch wenn Wespes Style sich stark von dem gemeinhin anerkannten Stil unterschied, schaffte er es trotzdem elegant und besonders auszusehen und nicht als würde er an einem Dienstagnachmittag noch schnell ein Brot holen gehen. Wespe hätte sich wahrscheinlich noch auffälliger gekleidet, wenn er nicht mit Schalavsky da gewesen wäre. Aber Schalavsky musste ihm recht geben. Die meisten anderen Besucher schienen sich nicht schick gemacht zu haben. Die einzigen bei denen Schalavsky auf Anhieb erkennen konnte, dass Gedanken und Aufwand in ihre Outfits geflossen waren, waren zwei junge Frauen zwei Reihen schräg vor ihnen. Die beiden tuschelten die ganze Zeit miteinander und hatten permanenten Körperkontakt. Schalavsky fragte sich ob er mit Wespe auch sehr so wirkte, als hätten sie ein Date. Natürlich hatten sie ein Date, aber fiel das allen auf? Schalavsky riss seine Gedanken davon los.
„Die scheinen schon mal gut Stimmung zu machen.“ Er sah sich im Raum um. Trockeneis kroch in langsamen Wolken durch den Saal und die Lautsprecher spielten gruselige Nachtgeräusche ab.
„Es ist zwar Jahre her, dass ich es zu letzte gesehen habe aber damals war es wirklich gut.“, sagte Wespe. „Fantastische Effekte.“
„Siehst du dir oft Musicals an?“, fragte Schalavsky. Wespe schüttelte lächelnd den Kopf: „Nicht so oft, wie ich gerne würde. Aber ich versuche eines im Jahr zu schaffen.“
„Mhm.“, sagte Schalavsky. „Ich nehme dich mal zu einem Konzert mit.“
Wespe hatte das Gefühl, dass ihre Definitionen von Konzerten auseinander gingen und fragte deswegen: „Was für ein Konzert?“
„Ein ordentliches. Ein Orchesterkonzert.“, sagte Schalavsky. Wespe nickte lächelnd. Ihm war schon klar, dass das, was er als ein Konzert ansah für Schalavsky ein Rave wäre. Und das, was für Wespe ein Rave war, war eine Katastrophe für Schalavsky.
„Worum gehts in dem Musical?“, fragte Schalavsky. Wespe lachte auf: „Du meinst das, was der Titel noch nicht verrät?“
„Ich hoffe, du willst mir nicht sagen, dass wir die nächsten drei Stunden tanzende Vampire sehen.“
„Nein, in der Mitte ist noch ein Pause.“
Schalavsky warf Wespe einen unbeeindruckten Blick zu und Wespe grinste ihn an: „Es gibt noch mehr Story.“
Schalavsky lernte sehr schnell das das Musical ein Komödie war und er musste Wespe recht geben: Die Effekte waren sehr gut. Schlussendlich genoss Schalavsky das Musical mehr, als er erwartet hätte.
Als der Applaus endlich vorbei war und die Leute langsam aufstanden, grinste Wespe ihn an. Schalavsky zog eine Augenbraue hoch.
„Du hast gelacht.“, sagte Wespe glücklich. „Dir hat es gefallen.“
Schalavsky nickte: „Das stimmt. Und was gibt es da zu grinsen?“
„Ich bin nur froh, dass es dir gefallen hat.“, sagte Wespe. „Und ich höre dich selten so lachen.“
„Es passiert häufiger mit dir.“, gab Schalavsky zu.
Sie schlugen sich durch das Gewimmel der Besucher zu Schalavskys Auto durch und entschieden sich für ein Restaurant bei dem sie auch noch zu der fortgeschrittenen Stunde ein gutes Abendessen bekommen würden. Das war einer der Vorteile in der Millionenstadt zu leben. Die Auswahl war groß genug, um auch später abends noch was zu finden.
„Sagst du mir nun, was passiert ist?“, fragte Schalavsky, als sie im Restaurant saßen und bestellt hatten.
Wespe lächelte ihn traurig an, weil er verstand, dass er ihn nicht länger auf die Folter spannen konnten: „Wir waren gerade auf dem Weg zurück, als wir über Funk hörten, dass jemand auf der Eisenbahnbrücke gesehen wurde. Wir waren am nächsten und sind hin gefahren. Ich bin auf die Brücke und habe gesehen, dass jemand gerade über das Geländer klettert.“ Wespe verzog den Mund. „Ein Teenager. 15 oder so. Ich hab mich bemerkbar gemacht und versucht ihn zum Rückzug zu bewegen, aber…“ Schalavsky hatte bereits gesehen, wie Wespe solche Situationen händelte. Er konnte von Natur aus gut mit Teenagern und Kindern umgehen und darüber hinaus hatte Schalavsky am Anfang ihrer Zusammenarbeit überrascht gelernt, dass Wespe eine Weiterbildung zum Krisenberater abgeschlossen hatte und ziemlich gut darin war. Der Ausdruck, den Wespe jetzt aber auf dem Gesicht hatte, verriet ihm, dass es dieses mal nicht geklappt hatte. „Er war verängstigt und hat losgelassen. Ich bin zum Geländer und bekam ihn gerade noch zu fassen, aber meine rechte Schulter hat es etwas mitgenommen. Zum Glück konnte ich den Teen mit links genug fest halten, bis Kleinert kam.“
„Mir dem warst du schon wieder unterwegs?“, hinterfragte Schalavsky zynisch. Kleinert war immer noch auf dünnem Eis bei ihm.
„Sei froh.“, sagte Wespe schmunzelnd. „Der Riese konnte mit seinen langen Armen den Teen direkt greifen und mit hochziehen. Und! Er hat darauf bestanden mich im Krankenhaus abzuladen.“ Wespe machte ein wichtiges Gesicht. Schalavsky erkannte das an. Vielleicht war Kleinert doch kompetenter als gedacht.
Schalavsky seufzte: „Danke, dass du dich besser um dich kümmerst.“
Wespe zwinkerte ihm zu: „Ich kann dich ja nicht ewig in Sorge leiden lassen.“ Seine gesunde Hand Griff unter dem Tisch nach Schalavsky Hand: „Wenn wir alleine waren, würde ich dich jetzt küssen.“
Schalavskys Mundwinkel zuckte. Einer Seite war er sehr zufrieden das zu hören, andererseits hasste er es dass er immer noch Probleme damit hatte, sich in der Öffentlichkeit romantisch zu zeigen.
Wespe hatte sich damit abgefunden. Lieber war er im Verborgen mit Schalavsky zusammen, als gar nicht. Und immerhin konnten sie miteinander ausgehen.
Wespe war vorausschauend genug gewesen, dass er sein Essen danach bestellt hatte, dass er es größtenteils einhändig essen konnte. Wobei ihm Schalavsky dann doch mit der ein oder anderen Sache half, wenn sie klein geschnitten werden wurde.
Sie waren mit ihrem Essen am Ende, als Schalavsky etwas ansprach, was er schon die ganze Zeit bemerkt hatte: „Wespe, warum starrst du mich die ganze Zeit an?“
„Mhm?“, macht Wespe übertrieben unschuldig. „Ich schenke dir nur meine Aufmerksamkeit.“
„Das wäre ja mal was neues.“, sagte Schalavsky. „Es wirkt eher so, als würdest du vor dich träumen, während du starrst.“
„Du kannst wirklich nicht erwarten, dass du dich so anziehst und ich mich dann noch konzentrieren kann.“, sagte Wespe und einem bedeutungsvollen Blick auf den Anzug.
Schalavsky sah ihn etwas verwirrt an: „Du siehst mich jeden Tag im Anzug.“
„Aber nicht in diesem Anzug.“, sagte Wespe bedeutsam. „Warum eigentlich nicht?“
„Den habe ich für besondere Anlässe. Hochzeiten und so.“, sagte Schalavsky.
Wespe blinzelte ihn an: „Ich werde morgen sofort einen Ring kaufen gehen.“
Schalavsky schnaubte: „Ist klar.“
„Der Anzug macht wirklich was für dich. Deine breiten Schultern werden akzentuiert und das blassgrau steht dir richtig gut. Mit dem Einstecktuch und der roten Krawatte könntest du selbst einer der verführerischen Vampire sein.“
„Bist du sicher, dass du keine Kopfverletzung hast?“, fragte Schalavsky skeptisch.
„Wirklich!“, sagte Wespe. „Außerdem hast du dich verändert. Du siehst mittlerweile aus, als würdest du regelmäßig und genug schlafen. Außerdem hilft es, dass du mich nicht permanent angrollst. Du siehst junger aus, wenn du lächelst.“
Der Punkt mit „jünger“ traf etwas in Schalavsky. Er kam sich oft zu alt für Wespe vor, der ohne Bart noch undercover in einer weiterführenden Schule durchgehen konnte. Vielleicht hatte eine Feuchtigkeitscreme für Männer es bis sein Badezimmer und tägliche Routine geschafft, auch wenn er das unter Eid abstreiten würde.
„Ich mag es auch, dass deine Haare etwas länger sind.“, sagte Wespe.
Schalavsky strich sich verlegen durch die Haare: „Ich wollte eigentlich schon längst zum Friseur.“
„Ich will dir nichts einreden, Klausi.“, sagte Wespe. „Aber ich mag es, wenn deine Haare anfangen sich zu Wellen.“ Schalavsky suchte nach der Wahrheit in den Worten und fand sie.
Sie fuhren zu Schalavskys Wohnung. Meistens waren sie da, weil Schalavsky ungerne mit Wespes Mitbewohnern seine Beziehung diskutieren wollte. Wer Wespe kannte sollte wirklich meinen, seine Mitbewohner könnten nicht schlimmer sein, aber da konnte man sich täuschen.
Auf der Fahrt legte Wespe eine Hand auf Schalavsky Bein und starrte ihn von der Seite an.
„Was hast du, Wespe?“
„Ich hab dich und das macht mich sehr glücklich.“, sagte Wespe breit lächelnd.
„Sind das die Schmerzmedikamente, die aus dir sprechen?“, fragte Schalavsky kritisch.
„Nein. Es ist der Gedanke nach einem Scheißtag zu dir zu kommen zu können, was mich sehr glücklich macht.“
Schalavsky legte kurz seine Hand auf Wespes und drückte sie.
Wespe hielt Schalavskys Hand, als sie zu seiner Wohnung gingen.
Schalavsky schloss mit seiner freien Hand die Tür auf und sie traten ein. Schalavsky trat sich die Schuhe von den Füßen und wollte seine Jackett ausziehen, als Wespe ihn stoppte. „Warte noch. Ich habe mich noch nicht satt gesehen.“
Schalavsky hatte die ganze Zeit versucht einzuschätzen, wie ernst es Wespe mit dem war, was er sagte und er kam zu dem Schluss, dass es Wespe tatsächlich ernst meinte. Und Schalavsky entschied sich das zu testen.
„Du magst den Anzug wirklich sehr?“, fragte Schalavsky und legte einen Arm um Wespe Taille.
Wespe nickte und stahl einen Kuss, wie er es schon die ganze Zeit machen wollte: „Du weißt, dass es nicht nur der Anzug ist, aber es hilft, dass du selbst wie ein vampirischer Graf aussieht.“
„Ist das so?“ Schalavsky hatte nicht oft den Schalk im Nacken aber jetzt war es ein Moment in dem er sich vorbeugte und Wespes Hals küsste und mit den Zähnen malträtierte.
Wespe schnappte nach Luft wie eine Jungfrau in Nöten und spürte wie sich eine Hitze durch seinen Körper in seine Mitte wälzte. Dass Schalavsky ihn dann nach hinten kippte und er ohnehin nur eine Hand hatte um sich festzuhalten machte es aufregend und dass Schalavsky eine besitzergreifende Richtung einschlug war ihm auch neu.
„Schlafzimmer.“, keuchte Wespe und würde sogleich wieder aufgerichtet.
Sie drängten einander ins Schlafzimmer. Wespe brachte Schalavsky dazu sich auf das Bett zu setzen und kam direkt hinterher in sich auf seinen Schoß zu setzten. Seine gesunde Hand fand Schalavskys Nacken und zog ihn in einen Kuss.
„Sei vorsichtig.“, sagte Schalavsky danach und hielt Wespe fest. Er wollte verhindern dass er noch fiel und sich nicht abfangen konnte.
Wespe lächelte breit. Er liebte es, wie Schalavsky immer auf ihn aufpasste. „Nur weil mein Arm kaputt ist, kann ich trotzdem andere Dinge machen.“
Schalavsky schluckte sichtbar. Wespe zog an der roten Krawatte, bis er sie locker genug hatte und schmiss sie achtlos aufs Bett. Dann begann er die Hemdknöpfe zu öffnen, was nicht ganz so einfach war, wenn man nur eine Hand hatte. Aber er schaffte es die ersten paar Knöpfe zu öffnen und setzte seinen Kuss gegen Schalavskys Kehle. Schalavsky hob das Kinn und schloss genießerisch die Augen. Er bot Wespe noch mehr Angriffsfläche und konnte dessen Shampoo riechen.
Wespe rutschte langsam nach hinten und bis er in einer geschmeidigen Bewegung vor Schalavsky auf den Boden sinken konnte.
„We-“ Schalavsky wollte etwas einwenden, aber Wespe schaffte es ihn verstummen zu lassen. Denn er brauchte nicht beide Hände um einen Hosenknopf zu öffnen. Er brauchte nicht mal eine. Er war absolut fähig Schalavsky Hosenknopf nur mit seinen Zähnen zu öffnen. Er grinste frech zu Schalavsky und der fluchte in seiner Muttersprache. Wespe zog am Bund von Schalavskys Unterhose, bis ihm das entgegen sprang, was Schalavskys Gehirn schon seit einer Weile verzweifelte Signale sendete. Wespe war selten zaghaft oder ging nicht all-in. Dies war keiner dieser Momente. Wespes Mund umschloss Schalavsky mit einer Hitze, die in unwillkürlich aufstöhnen ließ. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, um selbige nicht in Wespes Haaren zu vergraben und mehr zu verlangen. Obwohl das nicht mal schlecht angekommen wäre. Wespes nächste Handlung ließ ihn nach hinten aufs Bett fallen. Er hatte nicht bemerkt, dass Wespe heute sein Zungenpiercing trug und Wespe bewies, dass er damit umgehen konnte.
Schalavsky kämpfte sich hoch und auf seine Ellenbogen gestützt, vergrub er nun doch die Finger einer Hand in Wespes Haaren, aber nur um seine Aufmerksamkeit zu bekommen: „Wespe, wenn du so weiter machst ist es gleich vorbei.“
Wespe entließ ihn aus seinem Mund und grinste ihn stolz an. Seine Lippen glänzen feucht und rot und Schalavsky wollte nichts lieber als diese Lippen zu küssen.
Wespe schien ähnliches zu denken. Und kletterte wieder zu Schalavsky aufs Bett. Er stützte seinen linken Arm neben Schalavsky ab und lehnte sich vor bis er ihn in einem Kuss treffen konnte. Schalavsky vertiefte den Kuss, um das Piercing genauer zu untersuchen, was Wespe ihm schwer machte, so wie er die meisten Dinge etwas schwieriger machte, als nötig war.
Allerdings zog Wespe sich schneller als gewünscht wieder aus dem Kuss zurück und verzog ein bisschen das Gesicht. Die Schlinge, die seine Schulter ruhig halten sollte, arbeitete am Besten wenn er senkrecht stand und nicht wenn er halb über seinen Kollegen kroch.
Schalavsky sah den Gesichtsausdruck und konnte sich schon denken was es war, als Wespe sich zurück lehnte und sich wieder entspannte.
„Schulter?“
Wespe nickte leicht: „Kein Doggy style.“
Schalavsky verdrehte die Augen: „Ich seh dich dabei ohnehin lieber an.“
„Aww.“, sagte Wespe. Schalavsky griff nun nach ihm und lenkte ihn von der hockenden Position dahin, dass sich Wespe hinlegte.
„Ist das okay?“
Wespe nickte: „Ja. So kann ich sogar die doofe Schlinge abnehmen.“ Er löste die Klettverschlüsse und schmiss die Schlinge von sich.
Schalavsky trat sich nun die Anzughose und Unterhose von den Beinen, da sie mehr im Weg waren und streifte sich das Jackett ab. Er lehnte sich nun langsam über Wespe und küsste ihn wieder. Er begann die Knöpfe an Wespes Hemd zu öffnen und die zwei gelegte Haut mit seinem Mund zu erkunden.
Eine Sache die Wespe überrascht hatte, als es intimer zwischen ihnen beiden geworden war, war wie viel Zeit sich Schalavsky nahm. Wespe hatte einige Exen, wo er mehr die Aktion gebracht hatte und dann hatte er welche gehabt, die irgendwann versucht hatten der Effizienz wegen Schnell-Ficker Hose ins Spiel zu bringen und da hatte Wespe dann auch alles weitere beendet.
Wespe griff nach Schalavsky, weil er ihn gerne durch die Haare strich, aber Schalavsky fing seine Hand ein und drückte sie sanft wieder aufs das Bett. „Nicht mit dem Arm.“
Wespe lachte leicht auf und ließ seine rechten Arm wieder locker auf dem Bett liegen.
„Mhm. Sehe ich nicht.“, sagte Schalavsky neckend und strich mit einem Finger bedächtig über den Reißverschluss an Wespes Hose, hinter der sich mittlerweile schmerzhaft etwas merkbar machte.
„Bitte, Klausi.“, wimmerte Wespe. „Bitte.“
„Oh, wenn du so nett fragst, muss ich dich auch belohnen.“
Wespe schnappte nach Luft: „Wo hast du das gelernt?“
Schalavsky zuckte mit den Schultern: „Schien dir gefallen zu haben.“
„Ja, offensichtlich.“ Wespe schluckte und versuchte seinen Atem zu kontrollieren. Er setzte sich langsam auf. Seine Muskeln fühlten sich noch sehr weich an und zog das mittlerweile vollkommen zerknitterte Hemd und Jackett aus. Schalavsky beäugte dabei genau, dass er vorsichtig mit der rechten Schulter war. Dann zog auch er das Hemd und die Weste aus, die noch um seine Schultern hingen und legte sich neben Wespe: „Wir werden morgen kleben.“
„Das ist okay für mich.“, sagte Wespe. „Dann kannst du das Gleiche nochmal unter der Dusche machen.“
Schalavsky lachte auf: „Ganz bestimmt nicht. Das ist viel zu gefährlich und du bist schon verletzt.“
Wespe grummelte unzufrieden aber akzeptierte das auch.
„Ich kann andere Dinge in der Dusche mit dir machen.“, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn an: „Wie was?“
„Das erfährst du morgen.“, sagte Schalavsky. „Vielleicht.“
„Willst du mich wirklich zu hängen lassen?“
„Wieso? Könntest du nochmal?“
„….definitiv nicht.“, gab Wespe zu.
„Dann ist morgen noch früh genug.“
Wespe sah ein, dass er in diesem Moment nicht weiter kommen wurde und kuschelte sich stattdessen an Schalavsky. Er legte seinen verletzten Arm über dessen Oberkörper ab und schwang ein Bein über dessen Hüfte.
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Zeit für Teil 5, der noch länger als alle anderen wurde
5. Eingefangen.
Wespe stemmte sich gegen das Panzerband. Er lag auf einer muffigen Matratze, seine Arme waren vor seinem Körper zusammen geklebt und ein Streifen Panzerband war über seinen Mund und ein weiterer über seine Augen geklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo er war aber die Gerüche waren ihm unbekannt. Von den Geräuschen her war er in einem größtenteils leeren Raum. Er hörte keine Straßengeräusche oder Vogelgesang, die man vielleicht durch ein geschlossenes Fensterge hört hätte. Nicht mal ein Uhrticken. Vielleicht ein elektrisches Summen, wie eine Lampe. Sonst nur seinen eigener Atem und das Rascheln auf der Matratze. Dass er mit Panzerband gefesselt war, war ehrlich gesagt nur eine Vermutung aufgrund des Gefühls auf der Haut und dem Plastikgeräuschen.
Eigentlich war es klar, dass er an keinem Ort war, den er kannte. Niemand von seinen rechtschaffenen Bekanntschaften würde ihn gegen seinen Willen fesseln und dann einfach irgendwo liegen lassen. Und niemand der ihn entführen wollte, würde ihn in einer bekannten Umgebung lassen. Also wer zur Hölle hatte ihn gefangen? Wespe versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Er wusste, dass er zur Arbeit wollte – mehr nicht.
Schalavsky sah verärgert zu dem anderem Schreibtisch im Büro, an dem Wespe durch Abwesenheit glänzte.
Wieder stemmte er sich gegen das Panzerband. Irgendwer hatte sich Gedanken gemacht, als man ihn gefesselt hatte. Man hatte nicht einfach seine Hände zusammengelegt und mit dem Klebeband umwickelt, sondern seine Unterarme aneinander gelegt, fast wie man es bei verschränkten Armen machte und dann alles mit Klebeband umwickelt. Auf diese Art konnte Wespe nicht mal seine Hände an sein Gesicht bringen, um die Klebebänder über Mund und Augen zu entfernen. Das einzige, was er versuchen konnte war, seine Finger soweit freizuwackeln, dass er mit den Fingernägeln unter das Panzerband an seinen Ellenbogen kam und es langsam abzog.
Salah trat in den Raum und hatte einen besorgten Gesichtsausdruck: „Hey, haben Sie was von Wespe gehört?“
„Nein.“, antwortete Schalavsky mit einem harten Klang. Seit ihrem Streit war es Wespe gelungen ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm mal nicht entgehen konnte, war Wespe ungewöhnlich wortkarg. Er begann keine Gespräche, stellte keine Fragen und hatte für seine Verhältnisse Kleidung an, die kaum die Vorschriften verletzte.
Tamina brummte unzufrieden: „Er hat Kommissar Glockner eine Mail geschickt, dass er krank ist. Aber er hat nicht auf meine Nachrichten geantwortet.“
Schalavsky runzelte die Stirn. Er hatte nicht krank gewirkt, aber er ließ sich bekannterweise nichts anmerken: „Vielleicht schläft er.“
„Kann sein.“, sagte Tamina unzufrieden.
„Wollen Sie heute mit mir kommen?“, sagte Schalavsky, er war die letzten Tage die meiste Zeit alleine unterwegs gewesen, weil Wespe einerseits nicht mitkommen wollte und andererseits nach seinem letzten Stunt auch noch nicht seinen Schreibtisch verlassen durfte.
Ein Geräusch riss Wespe aus seinen Versuchen sich zu befreien. Eine metallene Tür, die aufgestoßen wurde und dann schwere Schritte.
„Ist auf jeden Fall besser, als mich weiter durch die Akten zu wühlen.“, sagte Tamina und schickte Wespe eine freche Nachricht, dass sie seinen Platz einnehmen würde, wenn er sich nicht bald meldete.
„Biste schon wach, Bulle?“, fragte eine raue Stimme, die klang als trüge der Mann eine Maske. Wespe drehte seinen Kopf in die Richtung in der er den Mann vermutete.
„Oh… du bist ja ein hartnäckiger Bulle. Haste dich schon fast durch das Klebeband gekämpft.“, sagte der Mann. Er war nicht besonders nah heran gekommen. Wespe würde schätzen, dass er vier Meter von ihm entfernt war. Aber Wespes Hoffnung schwand, wenn er wieder und noch mehr verklebt wurde, würde er hier nie raus kommen. Aber der Mann machte keine Anstalten zu ihm zu kommen, um ihn weiter zu fesseln: „Wenn du das ab hast, steht hier Wasser für dich.“
Wespe runzelte die Stirn. Er durfte sich befreien? Was wurde hier gespielt?
„Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis du hier wieder rauskommst, Bulle.“ Der Mann lachte düster: „Deine Bullenfreunde sind zumindest nicht besonders helle. Ach ja, Kommissar Glockner und Tamina wünschen dir Gute Besserung. Tamina sagt auch, dass sie deinen Job übernimmt, wenn du weiter ausfällst.“
Wespe ließ den Kopf auf die Matratze sinken. Scheinbar glaubten seine Kollegen, dass er krank war, was hieß, dass niemand nach ihm suchte. Ihm wurde etwas schlecht. Aber wenn der Mann das wusste, hatte er Wespes Handy und das konnte nachverfolgt werden. Zumindest wenn man ihn irgendwann tatsächlich vermisste.
Er hörte nur halb, dass sich die Schritte wieder entfernten und die schwere Tür wieder verschlossen wurde. Er schluckte die Panik runter. Noch ging es ihm gut, wenn er jetzt verzweifelte und anfangen würde zu weinen, würde seine Nase anfangen zu laufen und im schlimmsten Fall würde er ersticken.
„Mhm… Das ist seltsam.“, sagte Tamina. „Sonst kann ich immer sehen, wann er eine Nachricht gelesen hat, jetzt hat er das aber ausgeschaltet.“
Kein Grund zur Panik. Wenn seine Kollegen ihm nicht zur Hilfe eilen würden, dann musste er es selbst schaffen.
„Vielleicht hat er Angst, dass man bemerkt, dass zu sehr am Handy hängt, während er eigentlich krank ist.“, schlug Schalavsky vor.
„Wenn er krank sich krank meldetet, dann ist er es auch.“, sagte Tamina missbilligend. „Ihr ganzes Problem mit ihm war doch, dass er nicht genügend Rücksicht auf sich nimmt und auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung weiter arbeiten will.“
„Schon gut.“, lenkte Schalavsky ein. Tamina sah ihn fragend an: „Hat er sich bei Ihnen gemeldet?“
Wespe nahm nochmal alle Kräfte zusammen und versuchte seine Arme von dem Klebeband loszureißen und endlich nach Stunden des Probierens, Aufgebens, Einnickens und wieder Probierens, löste sich das Band schmerzhaft von seiner Haut. Zum Glück hatten ihm seine Hobbys ordentliche Armkraft eingebracht, sonst hätte er noch länger gebraucht, um sich davon zu befreien. Er drückte sich sofort hoch in eine sitzende Position und rollte seine Schultern zurück nachdem sie eine Ewigkeit nach vorne gezwungen geworden war. Dann griff er nach dem Klebeband über seinem Mund und begann das zu lösen. Den Mund freizubekommen verringerte das Risiko zu ersticken. Er war dabei vorsichtig. Er hatte kein Bock sich auch noch Bart und Haut abzureißen. Das dauerte zwar länger, aber mehr Wunden bedeuteten mehr potentielle Probleme und ein höheres Risiko für Infektionen. Als er das Klebeband schon mal zur Hälfte ab hatte, atmete er erstmals wieder richtig durch. Jetzt konnte er sich ein bisschen seiner Verzweiflung hingeben und Tränen wallten in ihm auf. Er zog sich langsam weiter das Klebeband vom Gesicht, während sein Körper sich mit leisen Wimmern krümmte. Endlich war es ab und Wespe verschwende keine Zeit und versuchte auch das Band über seinen Augen abzubekommen. Seine Tränen machten es leichter das es von den Wimpern los zu bekommen, aber an seinen Augenbrauen und Piercing hing es schmerzhaft. Als seine erstes Auge frei war blinzelte er dem Licht entgegen. Er stellte fest, dass das Summen, das er zu Beginn wahrgenommen hatte, tatsächlich zu einer Neonröhre unter der Decke gehörte und er verstand auch warum der Mann nicht näher an ihn heran gekommen war. Vor Wespe war ein Gitter. Er war in das, was er wohl als improvisierte Gefängniszelle beschreiben würde, vier Meter lang und anderthalb tief. Die Matratze am Boden und eine Toilette in der Ecke, sonst drei gekachelte Wände und ein Gitter, welches die vierte darstellte. Vor ihm in dem weiten Raum, der nicht seine Zelle war stand eine Kamera auf einem Stativ. Das erklärte, warum Licht die ganze Zeit an war. Man überwachte ihn.
„Nein.“ sagte Schalavsky bitter. Das würde Wespe auch nicht machen. Sie sprachen noch nicht wieder miteinander.
Am Gitter stand eine Wasserflasche einer Marke, die man bei hunderten Supermärkten in der Millionenstadt bekommen könnte. Wespe kroch etwas nach vorne und griff nach der Flasche. Sie war noch immer komplett verschlossen. Aber das war nicht die einzige Art, wie man die Flasche manipulieren konnte. Und man mochte ihn für misstrauisch halten, aber er vertraute niemanden der ihn ohne Erlaubnis fesselte. Wespe zog sich auf die Matratze zurück und öffnete die Flasche. Er beobachtete, ob sich irgendwo ein Leck bildete, aber die Flasche wirkte intakt. Gierig trank er ein paar Schlucke, dann kippte er eine kleine Menge in eine Hand und fuhr sich damit über das Gesicht. Endlich begann er auch den Rest das Klebebands abzuziehen. Und als er es geschafft hatte wischte er sich erneut über das Gesicht. Die Klebereste waren deutlich zu spüren. Als letzte Fessel löste er noch das Klebeband um seine Beine. Dann stand er endlich auf und streckte sich.
Zeit einen Ausweg zu finden.
Wespe trat an das Gitter und wollte es untersuchen, aber kaum, dass er es berührt hatte, zog er die Hand mit einem Japsen zurück und wäre fast umgefallen.
Er betrachtete seine Hand. Es sah so aus als hätte er sich verbrannt. Dieser Wichser hatte das Gitter unter Strom gesetzt und wenn Wespe wetten müsste, vermutete er, dass es Starkstrom war. Er verzweifelte etwas. Wie sollte er hier raus kommen, wenn er nicht mal das Gitter anfassen konnte? Boden und Decken waren aus massiven Beton und die Wände unter den Fliesen wahrscheinlich auch. Wespe klopfte sich seine Hosentaschen ab. Leer. Natürlich. Er setzte sich auf die Matratze und stürzte die Arme auf die angezogenen Knie und den Kopf in die Hände. Fuck.
„Hey, Klaus.“, sagte Glockner ruhig. „Kommst du mal zu mir ins Büro?“
Schalavsky folgte ihm in sein Büro und sah ihn fragend an: „Was gibt’s?“
„Ich hab Rückmeldung von der Personalabteilung bekommen.“, sagte Glockner in einen angespannten Tonfall. „Scheinbar ist Bienerts Krankmeldung gefälscht.“
Schalavsky sah ihn verwirrt an: „Was?“
„Der Arzt, der die AU ausgestellt hat, existiert nicht.“, sagte Kommissar Glockner deutlich.
Schalavsky wurde unwohl: „Emil, du glaubst doch nicht-“
„Nein!“, sagte Glockner sofort. „Ich glaube nicht, dass Bienert eine Krankmeldung fälschen würde.“
„Wofür auch? Er könnte behauptet, dass seine Stichverletzung beim langen Sitzen im Innendienst mehr wehtut und sich deswegen krankschreiben lassen.“, sagte Schalavsky. Er hatte ohnehin die Vermutung, das Wespe das lange Sitzen noch nicht bekam. Glockner nickte: „Ich hab versucht ihn anzurufen, aber bisher konnte ich ihn nicht erreichen. Seine Mailbox geht direkt ran. Sonst war er immer zu erreichen.“
Schalavsky legte die Stirn in Falten: „Ich werde mal, was anderes probieren.“
Glockner nickte: „Danke, Klaus.“
Schalavsky lief aus dem Büro und rief laut: „Tamina!“
Besagte Frau sah überrascht auf, weil sie sonst nicht mit dem Vornamen von Schalavsky angeredet wurde, aber sie folgte seinem Fingerzeig sofort und ging in sein Büro.
„Was ist los?“
„Wespes Krankmeldung ist gefälscht. Glockner kann ihn per Handy nicht erreichen.“, sagte Schalavsky schnell. „Du hast du Kontakte zu seinen Mitbewohnern, ja?“
„Oh ja.“ Tamian holte ihr Handy aus der Tasche und suchte sich die Nummer von Wespes Mitbewohnern raus.
„Hallo Marco, hier ist Tamina. Bist du gerade Zuhause?“, fragte sie als der Anruf angenommen wurde. Sie hörte kurz zu und sagte dann: „Nicht jetzt, es ist ernst, ist Wespe auch da?“ Wieder lauschte sie und sah Schalavsky mit alarmierten Ausdruck an, während sie den Kopf schüttelte. „Und seit dem hast du nichts mehr von ihm gehört?“ Sie wartete wieder und kritzelte etwas auf einen Zettel auf Wespes Schreibtisch. 2-3 Tage verschwunden. „Das wissen wir nicht.“, sagte Tamina sanfter. „Weißt du wo er zuletzt hinwollte?“ Wieder lauschte sie. „Hat er sein Auto genommen?“ Schließlich nickte sie: „Danke für die Infos. Ich melde mich, wenn sich was ergibt.“
Sie beendete das Telefonat und sah Schalavsky verbissen an: „Er ist vor drei Tagen zuletzt in seiner WG gewesen und wollte als nächstes nur zur Arbeit. Sein Auto steht noch vor der Tür. Wahrscheinlich hat er sein Fahrrad genommen.“
„Und hier kam er nicht an.“, stellte Schalavsky düster fest.
„Jep. Seine Mitbewohner haben eine Nachricht bekommen, dass er beruflich weg müsse.“ Tamina atmete tief durch. „Ich werde die Krankenhäuser anfragen. Vielleicht hatte er einen Unfall.“
„Bei dem jemand dann seinen Mitbewohnern was vorlügt und eine falsche Krankmeldung schickt?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Meinen Sie, er wurde… entführt?“
Schalavsky verzog unzufrieden des Gesicht: „Das scheint am Wahrscheinlichsten. Ich sag Emil Bescheid.“
„Okay… Ich versuche sein Handy zu orten. ...und ich probiere trotzdem die Krankenhäuser.“
Er war in der zusammen gekrümmten Position eingenickt und konnte nicht sagen, ob er für drei Tage geschlafen hatte oder drei Sekunden. Was ihn weckte war das Geräusch der schweren Tür, die wieder geöffnet wurde. Der Mann mit den schweren Schritten nähertet sich wieder. Die Tür musste irgendwo in Wespes toten Winkel liegen. Rechts von seiner Zelle.
„Na Bulle, wieder wach?“ Der Mann trug wirklich eine Maske und er war noch größer als Schalavsky und bestimmt doppelt so breit. Er trug einen schwarzen Anzug, der schick, aber nicht teuer war, er hatte einen Stock in einer Hand, eine Flasche unter dem Arm und ein Handy in der anderen Hand. „Lara ist sauer auf dich, dass du einfach so zu einem Spezialeinsatz abhaust, wenn du eigentlich mit der Wäsche dran wärst. Dafür wirst du einen Monat lang den Abwasch machen müssen.“
Wespe starrte den Mann düster an. Seine Mitbewohner dachten also er war dienstlich unterwegs. Wespe betrachtete das Handy. Es war schwarz. Ein Smartphone Allerweltsmodell und ganz bestimmt nicht sein eigenes.
Der Mann bemerkte seinen Blick und lachte: „Mach dir keine Gedanken, Bulle. Dein Handy macht gerade eine schöne Rundreise. Das hier ist bloß ein Klon, dass mir all deine Nachrichten anzeigt.“
Er steckte das Handy wieder weg und nahm die Flasche in die Hand. Es war eine Flasche dieser Trinkmahlzeiten, die überall beworben wurden. Clever. Einfach durch die Stäbe zu reichen. Kein Grund die Tür aufzuschließen. Nicht mal einen Löffel musste man dem Gefangenen geben. Gar nicht mal schlecht geplant. Wespe war sich außerdem sehr sicher, bei der Bewegung die verräterische Abzeichnung einer versteckten Waffe im Jackett gesehen zu haben.
„Hier ist dein Abendessen.“ Abend? War es Abend? Fragte sich Wespe innerlich. Dieses Mal stellte der Mann die Flasche vor dem Gitter, ab sodass Wespe die Hand nach draußen stecken musste, um sie zu erreichen. Als sich der Mann noch bückte schnellte Wespe vor, griff mit einer Hand nach dem Kragen der Anzugjacke und versuche ihn gegen das Stromgitter zu reißen. Der Mann war aber zu schwer, um sich einfach so bewegen zu lassen. Stattdessen riss er seinen Stock hoch und stieß ihn in Wespes Magen. Er krümmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel wie ein Sack um. Sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und vielleicht brauchte er deswegen erbärmlich lange, um den Stock als Viehtreiber zu identifizierten.
„Schlechter Versuch, Bulle.“, sagte der Mann gelassen. „Weiß du, ich war nie einer der großen Pläneschmieder, aber ich kann mit Rindvieh ganz gut umgehen.“
Wespe krümmte sich am Boden.
„Lass es dir schmecken, Bulle.“
Glockner brüllte nicht durch das Revier. Er bewegte sich geschmeidig und bestimmt durch die Kollegen, und holte sich Salah und Schalavsky in sein Büro. Seine Anspannung war so deutlich zu sehen, dass sie sich auf die anderen beiden übertrug.
„Ich habe ein Video erhalten.“, sagte Glockner und bedeutete seinen Kollegen sich vor den Schreibtisch zusetzen. Er drehte den Bildschirm herum und spielte das Video ab.
Schalavsky schluckte, Tamina machte einen erstickten Laut und schlug die Hände vor den Mund. Das Video wurde zeigte einen Ausschnitt eines Raumes, der vergittert war. Hinter dem Gitter lag eine Person auf einer Matratze und kämpfte gegen die Fesseln an. Sowohl Augen als auch Mund waren verklebt, aber es war keinen Zweifel, dass die mehrfarbigen Haare und das gemusterte T-Shirt mit den glänzenden Jeans zu Wespe gehörte. Das Video hatte keinen Ton, aber es zeigte, wie sich Wespe Minuten lang damit abmühte sich von dem Klebeband zu befreien.
„Wissen wir woher es stammt?“, fragte Schalavsky mit belegter Stimme. Glockner schüttelte den Kopf: „Es wird gerade untersucht. Es wurde scheinbar von Wespes Handy geschickt.“ Schalavsky sah zu Tamina, der Tränen in den Augen standen: „Hat die Suche nach dem Handy schon was ergeben?“
Tamina schluckte und schüttelte den Kopf. Als sie zunächst versuchte zu sprechen, versagte ihr die Stimme und sie musste ein weiteres Mal ansetzen: „Das Handy bewegt sich ständig. Sieht nicht so aus, als würde jemand versuchen digital die Spuren zu verwischen, sondern eher, als hätte jemand es tatsächlich auf eine Reise geschickt.“
Schalavsky stieß Luft aus: „Vielleicht ist jemand damit unterwegs.“
Glockner nickte: „Zumindest hat noch jemand Zugriff darauf und konnte mir das Video schicken.“
„Richtig.“
Tamina stand auf: „Ich schau mir die Verkehrskameras an. Wespes Arbeitsweg.“ Schalavsky nickte und Tamina wischte sich über die Augen, als sie das Büro verließ. Schalavsky sah Kommissar Glockner an: „Waren Forderungen beim Video?“
Emil schüttelte den Kopf: „Nein, nur ein Videotitel.“ Schalavsky sah auf den Bildschirm.
Was verloren?, fragte der Titel bloß.
„Ich muss die zuständigen Stellen benachrichtigen.“, sagte Emil sachlich.
Schalavsky nickte: „Natürlich.“
„Wir finden ihn, Klaus.“
Schalavsky schwieg.
Wespe war sich nicht sicher, wie viel Zeit verging. An Hand der Flaschen, die sich in seiner Behausung ansammelten, wusste er, dass er bisher 2 Mahlzeiten bekomme hatte. Wenn er drei Mahlzeit am Tag bekommen würde dann wäre nicht mal ein Tage vergangen aber das kam vorne und hinten nicht hin. Vielleicht wurde er nur ein Mal am Tag gefüttert. Das würde sein deutliches Hungergefühl zwischen den Mahlzeiten erklären und den Durst. Der Typ erwartete nicht, dass er mit einer Flasche einen Tag lang auskam, oder? Gut, er verlor wenig Flüssigkeit, weil er sich nicht bewegte oder schwitzte, aber er hatte eben auch vor Kurzem erst eine kleinere Menge Blut verloren, die sein Körper noch immer wieder aufbauen musste.
„Wie lange bin ich hier?“, fragt er bei seiner nächsten Mahlzeit.
„Hast kein Zeitgefühl mehr, was?“, lachte der Mann auf. „Macht nichts. Hast keine Termine, die du verpasst.“
Wespe würde versuchen seinen Rhythmus den des Mannes anzupassen. Er hatte bemerkt, dass er manchmal viele Stunden nicht da war und vermutlich schlief er dann oder arbeitete. Wespe würde es so abzupassen, dass er in dieser Zeit auch schlief.
„Kann ich etwas mehr Wasser haben?“, fragte Wespe.
Der Mann lachte leicht auf: „Du säufst ja wie ein Pferd, Bulle.“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich habe vor Kurzem viel Blut verloren und mein Körper baut es noch auf.“
Der Man wirkte so interessiert, wie es hinter der Maske möglich war: „Was ist passiert?
„Wurde abgestochen.“ Wespe hob sein Shirt und zeigte die Narbe.
„Mhm, das ist scheiße.“, sagte der Mann mit so etwas wie Mitgefühl. „Hab ich auch schon durch.“ Er holte tatsächlich mehr Wasser.
TKKG kamen in Schalavskys Büro ohne anzuklopfen oder Begrüßung. Aber das konnte Schalavsky unter den aktuellen Umständen verzeihen, denn ihre erste Frage war: „Wissen Sie schon was von Wespe?“
Schalavskys Nerven waren gespannt, aber er sah auch ihre besorgten Gesichter und verstand wie hilflos sie sich vorkommen mussten: „Nein, noch nicht.“ Sie hatten wahrscheinlich erst am letzten Abend von Kommissar Glockner erfahren, warum er heillos Überstunden schob und gestresst war.
„Gibt es denn keine Spuren? Keine Aufzeichnungen?“, fragte Karl berechtigter Weise. „Unser Millionenstadt ist doch von Verkehrskameras übersät.“
„Das ist richtig, aber nicht Bienerts Hinterhofeingang. Und von da an hat er schon drei mögliche Wege. Und wir kennen nicht genaue die Uhrzeit, zu der er unterwegs war. Also haben wir sehr viel Material zu sichten. Salah ist dabei.“
Karl nickte verständig. Wenn es um Datenanalyse ging, hatte er eine sehr genaue Vorstellung, wie aufwendig die Arbeit war.
„Haben sich die Entführer schon gemeldet?“, fragte Gaby besorgt.
Schalavsky sah sie streng an: „Das gehört zu den Dienstgeheimnissen.“
„Bitte, wir wollen nur wissen, wie es um Wespe steht.“, bat Gaby.
Schalavsky verzog den Mund. Wahrscheinlich wussten die Kinder ohnehin schon mehr, als sie sollten. „Es gab noch keine Forderung. Nur ein Video.“
„Können wir es sehen?“, fragte Tim sofort.
„Nein.“, sagte Schalavsky entschieden. „Das ist nichts für eure Augen und ich bezweifle, dass Wespe es gutheißen würde, dass ihr ihn so seht.“
Tim schien widersprechen zu wollen, aber Klößchen mischte sich ein: „Verständlich. Wie war Ihr Eindruck von Wespe? Sah er unverletzt aus?“ Schalavsky sah ein, dass er den Kindern irgendwas geben musste, damit sie sich zurückzogen: „Ja. Er schien okay zu sein.“ Nach den erwartungsvollen Blicken sagte er: „Er war zu Beginn mit Klebeband gefesselt, konnte sich aber davon befreien. Er ist in einer Zelle eingesperrt.“
TKKG sahen sich bestürzt an.
„Der arme Wespe.“, murmelte Klößchen betroffen. Karl legte überlegend den Kopf schief: „Eine Zelle wirkt, als hätten die Entführer geplanten ihn länger zu behalten.“
Schalavsky nickte: „Dafür spricht auch, dass die uns bisher keine Forderungen geschickt haben.“
„Wahrscheinlich will man Sie nervös machen, damit Sie leichter den Forderungen nachgeben.“, vermutete Karl.
„Stimmt.“, gab Schalavsky frustriert zu. „Und es funktioniert.“
„Sie werden alles tun um Wespe frei zubekommen?“, fragte Tim.
„Selbstverständlich.“
Später war es Glockner der in sein Büro kam.
„Klaus. Geh nach Hause.“, sagte er. „Es bringt nichts, wenn du nicht bei klarem Verstand bleibst.“
Schalavsky nickte. Er wusste ja da Emil Recht hatte. Er selbst hatte Tamina nach Hause geschickt, weil er ihr die Müdigkeit ansehen konnte. Schalavsky packte seine Sachen.
„Wenn was wichtiges kommt, melde ich mich bei dir.“, versprach Glockner. Er war den Abend zuvor Zuhause gewesen und hatte da wahrscheinlich seiner Tochter beichten müssen, dass Wespe weg war. Schalavsky konnte nicht mal mehr sagen, wann er zuletzt Zuhause gewesen war. Selbst wenn, schlief er dort nur unruhig, sah in seinen Träumen Wespe in den schlimmsten Szenarien und machte sich sobald er wach war wieder auf den Weg zur Arbeit.
Da war eine Hoffnungslosigkeit die sich Schalavsky langsam bemächtigte mit jedem Tag, der verging, war er nicht sicher, ob er seinen Kollegen jemals wieder sehen würde.
Die Video waren das einzige Lebenszeichen und von dem wussten sie nicht, ob es noch aktuell war.
Wespe gab noch nicht auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und auf die Fliesen eingetreten, bis diese zerbrochen waren. Dann hatte er sich sein Augenbrauenpiercing entfernt und mit dem kleinen Stahlbogen durch die Fugen gekratzt, bis er die Fugenmasse raus gelöst hatte und er mit den Fingernägeln unter die heilen Fließen kam, bis er diese von den Wänden reißen konnte. Er hatte sechs halbwegs vollständig rausgelöst, bevor er entschied, dass es genug war. Hinter den Fliesen war, wie befürchtet, die Betonwand. Aber Wespe wollte die Fliesen haben. Er zog das Panzerband, dass ihn gefesselt hatte auseinander und klebte es über die Rückseite der arrangierten Fliesen. Außerdem klebte er etwas von den Panzerband auf seine nackten Fußsohlen. Die ganze Zeit bemühte er sich die Kamera im Rücken zu haben, damit nicht so schnell ersichtlich war, was er da trieb.
Es war überraschend, als Wespes Bruder Thomas plötzlich in Revier stand. Da man nicht so richtig wusste, was man mit ihm anfangen sollte, übergab man ihn an Tamina. Sie kannte einander zumindest ein wenig.
„Ist mein Bruder hier?“, fragte Thomas besorgt.
Tamina sah ihn mit großen Augen an und realisierte, dass sie etwas vergessen hatten: „Oh Shit.“ Sie griff Thomas’ Arm und zog ihn in Schalavskys momentan leeres Büro.
„Thomas, es tut mir so leid, wir hatten die längst Bescheid sagen sollen.“, sagte sie aufrichtig geknickt.
Thomas wurde bleich: „Ist ihm was passiert?“
Tamina verzog das Gesicht: „Er wurde entführt.“
„Was? Wann?“, fragte Thomas geschockt.
„Vor fünf Tagen.“, sagte Tamina schuldbewusst.
„Was?!“
Tamina bedeutete ihm sich zu setzten: „Wann hast du zuletzt was von ihm gehört?“
Thomas blickte verwirrt mir leerem Blick umher: „V-vor einer Woche. Er hat sich heute nicht zum Videocall mit unseren Eltern eingeloggt und war nicht zu erreichen. Deswegen bin ich ihn suchen gegangen, bei ihm Zuhause hat niemand aufgemacht...“
„Na Bulle, biste wach?“, fragte der Mann mit der tiefen Stimme.
„Bin ich.“, sagte Wespe.
Der Mann lachte: „Und gut geschlafen?“
„Warum bin ich hier? Was willst du von mir?“, fragte Wespe in einem versöhnlichen Tonfall. Der Mann hatte den Viehtreiber dabei. Und eine Bekanntschaft damit reichte.
Er deutete ein Schulterzucken an: „Ein klassischer Geiselaustausch. Dein Bullenarsch, gegen jemanden, den ich wieder frei sehen möchte.“
„Wer?“
„Morphius.“
„Der Drogenbaron?“, fragte Wespe lachend. „Ich wusste nicht, dass ich so hoch gehandelt werde.“
Der Mann wog den Kopf hin und her: „Die Leute mögen eine Underdogstory.“
„Danke?“, fragte Wespe. „Und wie laufen die Verhandlungen?“
„Noch gar nicht.“, sagte der Mann. „Wir lassen deine Bullenfreunde noch etwas zappeln. Dann bewegen sie sich später um so schneller.“
Wespe nickte, als würde er das als sinnvoll erachten: „Wie lange ist meine Anwesenheit hier noch geplant?“
„So lange, wie es braucht. Dein Bruder macht sich Sorgen, weil du nicht eure Eltern angerufen hast.“, teilte der Mann mit.
„Ja das. Kann mal passieren, wenn man entführt wird.", sagte Wespe.
„Klugscheißer.“
Wespe sah sich um: „Hast du die Zelle extra für mich gebaut?“
„Nein, ich musste nur ein bisschen Hand anlegen.“ Der Mann war der Zelle näher gekommen und Wespe versuchte das, was man als Wahnsinn definierte: Das Gleiche wie zuvor. Er packte sich den Kragen des Mannes und zog ihn mit alle Kraft gegen die Gitter. Einen Fuß stemmte er von innen dagegen, um mehr Kraft aufbauen zu kommen und er schaffte es tatsächlich, dass der Mann gegen das Gitter kam und aufschrie. Der Viehtreiber zuckte nach vorne, unkoordiniert aber er erwischte Wespe dennoch an der Brust.
Und rutschte mit einem Klonk ab. Der Mann warf sich zur Seite, so dass Wespe beinah seinen Halt verloren hätte. Der Mann griff zur Seite, wo anscheinend so etwas wie ein Notausschalter verborgen war. Plötzlich war das Gitter nicht mehr unter Strom. Der Mann sackte herab. Wespe zog sein Shirt aus, schlang es um den Hals des Mannes und knotete es so fest er konnte.
Dann tastete er nach den Taschen des Entführers. Irgendwo musste der Schlüssel sein. Der Mann lachte rau auf: „Gar nicht schlecht, Bulle. Aber ich habe keinen Schlüssel. Schau dir mal die Tür mal genauer an.“
Wespe hatte alle Taschen leer vorgefunden. Nicht mal die Waffe hatte er gerade bei sich. Er trat zu der Tür und sah sie sich an. Und etwas stockte in ihm. Die Tür war nicht verschlossen. Sie war verschweißt. Wespe wurde kalt. Er kam hier nicht raus.
„Tja, Bulle.“, sagte der Mann und riss das T-Shirt um seinen Hals durch. „Du kommst hier nicht raus bevor, ich es nicht will.“ Er griff nach dem Viehtreiber, den Wespe wirklich aus seiner Reichweite hätte entfernen sollte, und stand wieder auf. Wespe starrte ihn wütend an. Der Mann deutete mit dem Viehtreiber beeindruckt auf Wespes Oberkörper auf dem mit dem Panzerband die Fliesen angebracht worden waren. „Das ist keine schlechte Idee.“ Er schaltete den Strom für das Gitter wieder ein und Wespe trat unwillkürlich einen Schritt nach hinten: „Ich bin wie Iron Man.“
„Oh Bulle, du hast ja Humor.“, sagte der Mann. „Hoffen wir mal, dass der dich nicht noch umbringt.“
„Wäre nicht das erste Mal.“, sagte Wespe verbissen.
„So Bulle, hast du endlich verstanden, dass du keinen Ausweg hast?“, fragte der Mann, als er sich seinen Anzug abklopfte.
Wespe nickte stockend. Er hatte ja recht. Nichts, was er noch tat, würde ihn hier rausholen.
„Gut. Weißt du, ich nehm dir deinen Ausbruchsversuch nicht mal übel. Jedes Tier versucht sich zu befreien, bevor es weiß, dass die Konsequenzen schlimmer sind. Aber du hast das jetzt gelernt, oder?"
„Ja.“, sagte Wespe verbissen.
Der Mann klang als würde er lächeln: „Gut. Das nächste Mal, dass ich den Viehtreiber benutzen muss, hat er volle Power. Und du kannst doch nicht ewig hinter Fliesen verstecken.“
Glockner kam in Schalavskys Büro: „Ich hab ein neues Video bekommen. Ich hab’s dir weitergeleitet.“
Schalavsky schluckte und sah auf seine Nachrichten. Als er das Video aufrief bemerkte er sofort, dass Wespe sich alle Mühe gab sich von seinen Fesseln zu befreien.
„Was ist das da?“, murmelte Schalavsky und deutete auf einen Fleck.
„Eine Wasserflasche.“, sagte Glockner. In diesem Moment gab es einen Schnitt und Wespe saß nun. Seine Arme waren frei und er kämpfte mit dem letzten bisschen des Bandes über seinem Mund. Er schien mittlerweile zu weinen. Sein Körper schüttelte sich. Alles in Schalavsky zog sich zusammen. Als würde er den emotionalen Zusammenbruch seines Körpers nicht bemerken, begann Wespe methodisch auch das Klebeband über seinen Augen zu lösen und als er das eine Auge aufhatte, bewegte er sich nach vorne zu dem Fleck, der sich als Wasserflasche herausstellte. Er untersuchte sie genau und trank erst, als er mit seiner Untersuchung zufrieden war. Guter Junge, dachte sich Schalavsky. Wespe wischte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und löste das Klebeband auch über dem anderen Auge. Er befreite seine Beine und stand auf. Sich streckend sah er sich bereits um und dann ging er dazu über das Gitter zu untersuchen, von dem er aber sofort zurück zuckte, als hätte er einen Schlag bekommen.
„Die haben das Gitter unter Strom gesetzt.“, sagte Schalavsky fassungslos. Glockner brummte in einem Tonfall der verriet, dass das noch nicht alles war.
Wieder war da ein Schnitt und Wespe horchte aus seiner sitzenden Position heraus auf. Er beobachtete etwas jenseits der Kamera. Wespe bewegte nicht den Mund. Es gab ohnehin keinen Ton. Hörte er zu? Ein Schatten trat an der Kamera vorbei. Groß und breit und komplett unscharf. Er stellte etwas vor die Gitter und in dem Moment griff Wespe an. Schalavsky stellte anerkennend fest, dass es nicht der schlechteste Plan in einer so eingeschränkten Situation war. Den Mann packen, gegen das Gitter ziehen, bis er gebrutzelt wurde und dann versuchen ihm die Schlüssel abzunehmen wenn er sich nicht mehr wehren konnte.
Aber natürlich war es nicht so einfach. Der Mann stieß etwas nach Wespe, es blitzte und Wespe fiel zusammen gekrümmt zu Boden. Der Mann zog den Stock zurück, denn Schalavsky als einen Viehtreiber erkannte und schlenderte davon. Das Video endete.
Schalavsky atmete tief durch und sagte beherrscht: „Gabs eine Nachricht dazu?“
„Ja. Sie wollen einen Geiselaustausch.“, erklärte Glockner.
„Wer?“
„Haben sie noch nicht gesagt.“
„Scheiße.“
Glockner nickte verbissen: „Sie schreiben auch, dass wir uns beeilen sollen, weil Bienert weitere Angriffe, wie diesen nicht überleben wird.“
Schalavsky biss die Zähne fest zusammen: „Haben wir Befehle, wie wir verfahren?“
„Noch nicht.“
„Wir müssen was tun, Emil.“, sagte Schalavsky leise.
„Ganz meiner Meinung. Aber was?“, fragte Kommissar Glockner.
„Können wir ihnen eine Nachricht senden?“, fragte Schalavsky. Glockner verzog das Gesicht: „Offiziell sollten wir das nicht.“
Schalavsky nickte: „Aber Unfälle passieren.“
„Natürlich.“
Wespe saß gegen die Wand gelehnt auf der Matratze und summte vor hin. Gelegentlich kam auch etwas Songtext mit durch: „Baby, you can’t stomp me out – You know, you can’t even slow me down – You know I spread thsi wild around – so of you’re sure, you better shoot me now-“ Wespe unterbrach sich als die Tür sich öffnete.
Der Mann kam ungewöhnlicher Weise ohne etwas zubringen, was seltsam war: „Wer ist Schalavsky?“
Wespe horchte auf: „...mein Dienstpartner und Vorgesetzter.“
„Meinst du, er möchte dich wieder haben?“, fragte der Mann und starrte auf sein Handy.
„Wahrscheinlich nicht.“, sagte Wespe düster.
Der Mann lachte: „Machst Probleme, was?“ Wespe zuckte mit den Schultern.
„Er hat versucht anzurufen.“, sagte der Mann. Wespe versuchte nicht zu reagieren. Aber vielleicht sah man ihm seine Hoffnung an.
„Scheinbar werden deine Freunde nervös.“ Der Mann ging wieder und Wespe hatte die Vermutung, dass er vorerst sein Recht auf Wasser und Essen verspielt hatte.
„Wir haben ein Problem.“, sagte Glockner düster noch bevor Schalavsky seinen Morgenkaffee hatte. Nicht, dass es sich wie ein Morgen anfühlte, weil er gar nicht erst Zuhause war: „Sie wollen Wespe gegen Morphius tauschen.“
„Den Drogenbaron?“
„Ja. Der ist nur leider im Zeugenschutzprogramm.“, sagte Glockner düster. „Wir kommen nicht an den ran.“
Schalavsky fluchte auf Russisch. Glockner nickte zustimmend.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Schalavsky, aber bekam keine Antwort.
„Dem Täter beibringen, dass er das alles umsonst gemacht hat?“, fragte Glockner. „Wobei wir das wahrscheinlich jetzt abgeben müssen.“
Tamina kam so schnell durch die Tür, dass die Scheibe darin bedenklich klapperte: „Ich hab was!“ Sie war außer Atem und platzierte ihren Laptop auf der Tisch und zeigte auf etwas: „Ich habe Wespes Arbeitsweg am Tag, als er verschwand überwacht und konnte eingrenzen, wo er verschwunden ist. Wer auch immer ihn geschnappt hat, hatte eine Idee wo die Verkehrskameras sind. Aber! Nicht welche Läden Kamera überwacht sind. Die dürfen zwar auch rechtlichen Gründen nicht die Straße filmen, ein bisschen was ist trotzdem zu sehen und ich konnte durch die Zeiten feststellen, wo Wespe mit samt Fahrrad verschwindet und welches Auto von da aus weiter fährt. Ein grauer Lieferwagen. Groß genug, um Wespe und Fahrrad zu verstauen. Und von da aus konnte ich auch den Wagen mit den Verkehrskameras verfolgen und das Kennzeichen feststellen. Ich lasse bereits danach fahnden. Das Auto ist Richtung Süden gefahren, als es mit Wespe abgehauen ist. Der Wagen selbst gehört einer Mietwagenfirma und wurde noch nicht zurückgegeben. Ich versuche die Mietwagenfirma dazu zu bringen den Wagen zu orten, weil wir vermuten, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist.“
„Das ist fantastisch, Salah.“, sagte Glockner aufgeregt.
„Nur gründliche Arbeit.“, sagte Tamina entschlossen. Sie wollte ihren besten Freund wieder haben. Schalavsky schenkte ihr ein hoffnungsvolles Lächeln. Sie würde wahrscheinlich in einer freien Minute auch TKKG stecken, dass sei einen kleinen Fortschritt gemacht haben. Aber das dämmte die Sorge nur ein.
Wespe hörte den Mann wieder in den Raum kommen. Er redete bereits. „Nein, ich will mit seinem Partner sprechen. Schalavsky. – Es ist mir schon klar, dass Sie dafür ausgebildet sind, aber ich mag es Dinge im kleinen Kreis zu halten. Geben Sie mir Schalavsky.“
Wespe ließ die Schultern hängen. Keine Chance, dass das gut für ihn ausging.
„Hör mal, ich glaube, das läuft nicht.“, sagte er. „Man tauscht keine Geiseln. Das ist Bullen-Ein-mal-Eins. Und Schalavsky ist einer der korrektesten Polizisten, den es je gab.“
„Glaubst du nicht, dass dein Partner dich wieder haben will?“, fragte der Mann spielerisch erstaunt.
„Eher nicht.“, sagte Wespe trocken.
„Dann müssen wir mal schauen, ob sich nach ein paar Einzelteilen seine Meinung ändert.“, sagte der Mann. Wespe warf den Arme hoch und lehnte sich an die hintere Wand.
„Kommissar Schalavsky, nehme ich kann.“, sagte der Mann in einem ungewöhnlich höflichen Tonfall. Er hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und so konnte Wespe hören, wie Schalavsky antwortete: „Ja. Das ist richtig. Bienert ist wohl auf, wie ich höre?“
Der Mann nickte ihm auffordernd zu.
„Es geht mir gut.“, sagte Wespe neutral.
„Sie wissen, dass ich bereit bin Morphius gegen Bienert zu tauschen.“, sagte der Entführer.
„Das ist nicht so einfach.“, sagte Schalavsky und Wespe warf seinem Entführer seinen besten Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick zu. „Morphius ist nicht verhaftet.“
„Was?“, fragte der Mann ehrlich skeptisch.
Schalavsky stockte ein wenig vor der nächsten Infromation: „Er ist in einem Zeugenschutzprogramm.“
Wespe lachte bitter auf. Damit war auch diese Hoffnung dahin.
„Was soll das heißen?“, sagte der Mann.
„Dass dein geehrter Morphius alle verraten hat, für einen Neuanfang.“, sagte Wespe bitter. „Er wird irgendwo vollkommen frei unter neuem Namen leben und hat sich dafür entschieden keinen Kontakt zu seinen alten Freunden zu haben. Wahrscheinlich hat er dich mit verraten, während du hier deinen Masterplan abziehst und auf den besten Weg bist, selbst in den Knast zu wandern.“
Der Mann stürmte nach vorne, schaltete den Strom auf dem Gittern ab und stocherte mit dem Viehtreiber nach Wespe bis er ihn trotz Fliesen erwischte und Wespe schreiend zu Boden ging.
„Hören Sie auf!“, brüllte Schalavsky durch das Telefon. „Wie gesagt, es ist schwierig, aber wir können herausfinden wo Morphius mittlerweile lebt.“ Wespe krümmte sich. Das war gelogen. Sie hatten keinen Zugriff auf das Zeugenschutzprogramm.
Der Mann schien kurz nachzudenken und nickte dann: „Gut, Sie verraten mir, wo er sich befindet und ich lasse Ihren nervigen Kollegen frei.“
„Gut. Wir brauchen nur etwas mehr Zeit.“
„Ich lasse Ihnen alle Zeit der Welt.“, sagte der Mann ungerührt. „Wie lange Bienert das allerdings noch mitmacht….“ Er erwischte Wespe wieder mit dem Viehtreiber. Wespe wand sich am Boden als seine Muskeln unkontrolliert zuckten. Zerbrochene Fliesen schnitten in seinen Oberkörper, aber nicht mal das nahm er wahr.
Schalavsky sah auf das Handy, als der Anruf endete. Die Abteilung für Geiselnahmen hatte ihn nur widerwillig an das Telefon gelassen, aber der Entführer hatte darauf bestanden.
Glockner legte Schalavsky eine Hand auf die Schultern: „Komm mit mir, Klaus.“ Glockner konnte ihn ohne Widerwehr aus dem Raum,, der die neue Zentrale der Wespe-Operation war, lenken und sie endeten in Glockners Büro, wo er die Jalousie vor den Fenstern schloss.
Schalavsky setzte auf einen der Stühle ohne dazu gezwungen zu sein und atmete zu flach.
Glockner zog den zweiten Stuhl, so dass er ihn direkt gegenüber saß: „Klaus? Tief einatmen.“
Schalavsky zwang sich tiefer zu atmen: „Du hast gehört, was Wespe gesagt hat… er glaubt nicht, dass ich ihn wieder hier haben möchte.“
„Das ist Bienert. Der hat nur versucht den Entführer aus dem Konzept zu bringen.“, sagte Emil sanft.
Schalavsky vergrub das Gesicht in den Händen: „Ich hab ihn letztens angeschrien.“
Glockner brummte. Das war ihm durch aus bewusst. Wie auch dem Rest des Hauses.
Schalavsky ließ die Hände in den Schoß fallen und den Kopf zurück sinken: „Ich wollte doch nur, dass er mehr Acht auf sich gibt und jetzt das. Ich hätte früher bemerken müssen, dass er verschwunden ist.“
„Bienert weiß, was er tut.“, sagte Kommissar Glockner. „Und du konntest nicht wissen was dieser Entführer geplant hatte.
Schalavsky lachte schwach auf: „Er kümmert sich nicht um seine eigene Sicherheit.“
„Wenn er das nicht tun würde, dann wäre er nicht bis hierher gekommen.“, sagte Glockner entschieden. „Du musst ihm ein bisschen vertrauen, dass er weiß, was er sich zumuten kann. Und dass er nach Hilfe fragt, wenn er sie braucht.“
„Tut er das?“
„Ich hab gehört, er ist besser darin geworden.“, sagte Glockner mit bedeutungsvollen Blick. Schalavsky verzog das Gesicht, aber sah auch ein, dass Emil recht hatte: „Ich will ihn wieder haben.“ Es schwang eine Wahrheit in den Worten, die Glockner nicht ganz so erwartet hatte. Aber sie überraschte ihn auch nicht. Wenn irgendjemand eine so harte Nuss wie Schalavsky knacken konnte, dann wohl Bienert.
„Komm, wir müssen schauen, dass wir Bienert da endlich raus bekommen.“, sagte Emil freundlich und Schalavksy nahm sich zusammen. Wespe ging vor. Und sie hatten endlich einen Anhaltspunkt in wessen Dunstkreis sie ihren Entführer suchen mussten.
Wespe lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Sein Muskeln brannten. Er war müde und wollte schlafen. Und vielleicht tat er das auch, denn das Nächste, was er merkte war der mittlerweile vertraute Schmerz, wenn er mit dem Viehtreiber erwischt wurde.
Wespe streckte mit einem erstickten Atem hoch. „Was ist denn jetzt?“
„Ich fürchte deine Kollegen halten sich nicht an Abmachungen.“, sagte der Mann düster.
„Aha.“, machte Wespe und zog sich zur hinteren Wand zurück.
„Sie haben das Haus umstellt.“
„Und ich bin jetzt deine Geisel, hinter der du dich nicht verstecken kannst, weil du mich hier drin eingeschweißt hast, tja, scheiße gelaufen für dich.“ Wespe setzte sich so bequem, wie es ging gegen die Wand: „Und nu?“
„Ich kann dich immer noch umbringen.“, sagte der Mann.
„Dann hättest du gar kein Druckmittel mehr.“, stellt Wespe fest. „Clever.“
„Was werden deine Kollegen machen?“, fragte der Mann. Wespe sah ihn kurz an bevor er geschäftig in seinen Taschen wühlte: „Lass mich nur kurz mein unsichtbares Funkgerät suchen, dann frag ich einfach nach.“ Sehr viel schärfer setzte er hinterher: „Ich bin seit Tagen hier eingesperrt, woher soll ich das wissen?!“
Der Mann schwieg kurz, dann grollte er: „Komm nach vorne.“
Wespe bewegte sich nicht. Der Mann machte den Storm aus und richtete eine Waffe auf Wespes Kopf. Das war ein überzeugendes Argument. Wespe trat nach vorne an das Gitter. Das Panzerband kam wieder zum Einsatz und dieses mal klebte er beide Hände von Wespe an Gitterstreben und außerdem mehrere Streifen des Klebeband so um seinen Hals, dass er direkt gegen das Gitter gedrückt wurde. Er holte mehrere Schwerlastregale, die er zu einer Barrikade aufeinander legte.
„So. Wenn deine Kollegen mich erschießen, wirst wirst du gebraten.“, sagte der Mann und setzte sich genau gegen den Stromhebel, eine Hand auf dem Schalter.
„Kreativ.“, meinte Wespe bissig.
„Brutus Sövit, kommen Sie mit erhobenen Händen raus, Sie sind umstellt!“, tönte es von außen her. Es war nur leise zu hören. Scheinbar war das Gebäude gut isoliert. Am Megafon war es Glockner gewesen, was wahrscheinlich hieß, dass Schalavsky zu den gehörte, die bald das Gebäude stürmen wurden. Wespe konnte natürlich nicht sagen, ob es noch weitere Komplizen gab, aber bisher kam ihm Brutus wie ein Einzelgänger vor. Seine Kollegen draußen wussten wahrscheinlich schon mehr.
Schalavsky war per Funk mit Glockner verbunden: „Keine Reaktion. Wärmebild Kameras zeigen nur zwei Personen, eine steht unbeweglich, möglicherweise gefesselt, die andere sitzt zwei Meter weiter. Startet den Zugriff.“ Schalavsky bestätigte den Befehl und sah sich nach seinem Team um. Salah war dabei, weil sie darauf bestanden hatte. Schalavsky überprüfte mit einem kurzen Blick, ob ihre Schutzweste richtig saß. Dann deutete er dem Team an, dass es los ging. Geübt brachen sie die Tür auf und schwärmten in den Raum. Die untere Etage war erwartungsgemäß leer. Sie sahen sich trotzdem vorschriftsgemäß um und stiegen dann die Treppe hinauf. Im oberen Geschoss war ein Raum scheinbar provisorisch zum Leben gebraucht worden und ein weiterer war abgeschlossen und wurde auch aufgebrochen. Schalavsky lief mit der Waffe im Anschlag in den Raum. Er behielt die Wand im Rücken und drehte sich in die Richtung, in der er die beiden Personen von der Wärmebildkamera vermutete. Er sah zuerst Wespe, der an das Gitter gefesselt stand.
Dann sah er den Kopf von Brutus hinter seiner Barrikade und dessen Knarre: „Lassen Sie die Waffe fallen, heben Sie die Hände und kommen Sie da raus!“
„Wenn Sie einen Schritt näher kommen, brate ich Ihren Kollegen.“, warnte Brutus. Schalavsky blieb stehen: „In Ordnung. Brutus Sövit, Sie kommen hier nicht mehr raus. Wenn Sie sich jetzt ergeben, wird das vor Gericht berücksichtigt.“
„Pah, liegt Ihnen so wenig an dem Jungen, dass Sie mich damit abspeisen wollen?“, fragte Brustus. „Zunächst mal schicken Sie Ihre Kollegen weg. Außer Ihnen bleibt niemand im Raum.“ Schalavsky zögerte. „JETZT!“
„Zieht euch zurück!“, rief Schalavsky. „Alle den Raum verlassen.“ Das Team bewegte sich rückwärts aus dem Raum, bis auf Tamina, die es nutzte, dass die Tür im Totenwinkel lag und sich an die Außenwand von Wespes Zelle presste. Sie konnte zwar nicht sehen, was Sövit machte aber sie konnte Schalavsky beobachten. Schalavsky nahm die Bewegung wahr, aber sah nicht hin.
„Ist das Schalavsky?“, fragte Brutus.
„Kommissar Schalavsky.“, korrigierte Wespe.
Brutus lachte auf: „Ihm scheint ja doch was an dir zu liegen. Ist er dein Lover?“
„Nein, leider nicht.“, sagte Wespe trocken. Brutus ging nicht drauf ein, weil er versuchte sich auf die Situation zu konzentrieren.
„Komm schon, Brutus, was ist dein Plan? Mich umzubringen, in dem ich eine Thrombose vom Stehen bekomme?“, fragte Wespe missbilligend.
Brutus schüttelt leicht den Kopf: „Sie werden mich mit meiner Geisel gehen lassen.“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Das kann ich nicht zulassen.“
„Das funktioniert auch nicht, weil er die Tür zu geschweißt hat.“, sagte Wespe hilfreich. „Nicht mal er bekommt mich hier einfach so raus.“
Brutus drückte kurz den Schalter für den Strom und Wespe schrie und wand sich ohne los kommen zu können.
„Aufhören!“, brüllte Schalavsky und feuerte einen Warnschuss ab. Brutus hatte den Schalter wie der ausgestellt und Wespe erschlaffte an den Gittern.
„Sie sehen, Ihr Liebling hier, wird es nicht lange mitmachen, wenn Sie mich nicht gehen lassen.“, verkündete Brutus.
„Das kann ich nicht tun.“, sagte Schalavsky.
„Hab ich doch gesagt.“, sagte Wespe schlapp, als er seine Füße wieder runter sich bekam. „Der bricht keine Regeln und ganz bestimmt nicht für mich.“
Brutus starrte Schalavsky an: „Was soll es werden? Wenn Sie mich erschießen, wird ihr Verehrer gebraten oder ich könnte immer noch schauen, wie viele ich erschießen kann, bevor mich einer von euch erwischt und dann der Kleine gebraten wird.“
Schalavsky verzog das Gesicht: „Was wollen Sie?“
„Waffe runter.“, sagte Brutus.
„Das wird nicht passieren.“, sagte Wespe. „Schalavsky, erschieß ihn einfach. Ist schon okay. Ich hab’s bisher alles überstanden. Testen wir mein Glück.“
Brustus lachte: „Hast ein Todeswunsch, he? Hättest du mir früher sagen können.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky zur Überraschung von beiden und hielt seine Waffe hoch. Langsam ging er in die Hocke und legte sie auf den Boden.
„Mhm, vielleicht hast du doch noch eine Chance, Casanova.“, sagte Brutus verschwörerisch.
„Wie viele Spitznamen hast du eigentlich noch für mich?“, fragte Wespe verzweifelt.
„Ein paar.“
Schalavsky richtete sich mit offenen Händen wieder auf. Unbewaffnet. Zumindest scheinbar.
„Weg von der Waffe.“
Schalavsky ging einige langsame Schritte von seiner Waffe weg weiter in den Raum. Brutus’ Augen folgten ihm genau. In diesem Moment schoss Tamina – im zweifachen Sinne des Wortes – um die Ecke: Sie wirbelte aus ihrem Versteck und verpasste Brutus eine zielsichere Kugel in die Schulter, der schrie auf, betätigte den Stromhebel und riss seine Waffe herum. In diesem Moment war Schalavsky in die Hocke gegangen, hatte seine Zweitwaffe aus dem Knöchelholster gezogen und erschoss ihn zielsicher.
Wespe schrie nicht mehr, sondern zuckte nur. Tamina rannte vor und sprang über die Ecke der Barrikade, um den Strom wieder abzuschalten. Wespe wurde still und hing nur dank der Fesseln noch aufrecht. Schalavsky rannte nach vorne. Tamina überprüfte Brutus Sövit. „Er ist tot.“
„Holen Sie die Kollegen und die Notärzte. Jemand muss die Tür aufschweißen.“, rief Schalavsky, als er vor Wespe zum Stehen kam und einen Arm um ihn schlang. Er zog ihn etwas hoch und drückte ihn an das Gitter, damit er nicht noch erstickte. Mit der anderen Hand zog er sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und schnitt das Klebeband, dass Wespes Hals an die Streben zwang, durch. Dann auch die Fesseln an den Händen und er ließ sich langsam mit Wespe auf die Knie sinken. Wespe atmete noch, und Schalavsky dankte den Sternen dafür, denn wenn der Strom endgültig sein Herz gestoppt hätte, hätte niemand aus dieser Position eine Herzdruckmassage durchführen können und er hätte nur mit ansehen müssen, wie sein Freund langsam starb.
Wespe blinzelte ihn langsam an und sagte mit leiser Stimme: „Klaus?“
Schalavskys Herz stoppte fast: „Ja?“
„Danke, dass du mich gerettet hast.“ Die Stimme war schwach. Wespe lehnte sich gegen die Gitter.
„Hey, Wespe.“ Schalavsky griff nach Wespes Wangen und streichelte sie sanft um, die verbrannte Haut nicht noch mehr zu irritieren. „Ich werde dich immer retten. Und ich würde alles tun, um dich zu retten. Es tut mir leid, dass du daran gezweifelt hast. Es tut mir leid, dass ich dir Grund zum Zweifeln gegeben habe.“ Schalavsky traten Tränen in die Augen. „Ich will dich nicht verlieren.“
Wespe griff durch die Gitter nach Schalavskys Hand und lächelte matt: „Wirst du nicht.“
Die anderen Polizisten und die Sanitäter und der Notarzt kamen in den Raum. Der Notarzt und ein Sanitäter kam direkt zu Wespe. Schalavsky rutschte aus dem Weg. Ein anderer Sanitäter sah sich Brutus an, aber Schalavsky hatte zu gut getroffen. Bei dem war nichts mehr zu machen.
Durch das Gitter hindurch wurden die ersten Werte erhoben und Wespes Atmung überprüft. Salah koordinierte im Hintergrund, das man das Schweißgerät von Brutus finden und dazu einen der Kollegen, der Schweißen konnte. Oder die Feuerwehr nach zu ordern.
Schalavsky ließ Wespes Hand los zeigte sie den medizinischen Helfern. Die Gitter hatten beide Hände verbrannt.
Wespe war bereits so gut wie möglich versorgt worden – seine Verbrennungen und Verletzungen verbunden, Wasser und Nahrung gegeben – bevor die Tür geöffnet werden konnte.
Wespe kam steif und langsam laufend aus der Zelle und durfte sogleich auf der Liege der Sanitäter Platz nehmen. Schalavsky blieb an seiner Seite und fuhr auch mit zum Krankenhaus. Glockner erwartete ohnehin, dass er Wespes Aussage aufnehmen würde.
Schalavsky blieb die ganze Zeit bei ihm und Wespe sah ihn oft so an, als würde er in Tränen ausbrechen, wenn er sich nicht stark zusammen riss.
Als Wespe komplett durchuntersucht worden war und alles weitere warten musste, wurde Schalavsky erlaubt die Aussage aufzunehmen unter dem Vorbehalt, dass es nicht lange dauern dürfe.
Wespe erzählte ihm alles an das er sich erinnerte, was viel war. Er glaubte, dass Brutus ihn auf der Straße abgedrängt hatte, bis er mit seinem Rad stürzte und ihn dann irgendwie betäubt hatte. Und den Rest der Zeit hatte er in der Zelle verbracht. Ein paar Dinge aus Wespes Nacherzählung kannte Schalavsky aus den Videos. Aber nicht wie er zum zweiten Mal versucht hatte Brutus mit dem Gitter auszuschalten und fest gestellt hatte, dass er hoffnungslos verloren war. Wespe unterdrückte einen Laut und presste sich die verbundenen Hände gegen die Augen. Schalavsky war an seiner Seite und zog die Hände vorsichtig runter.
„Schon gut, Wespe.“, sagte er leise. „Ich bin für dich da. Ich werde dich nie einfach so aufgeben.“ Er erinnerte sich, wie er Wespe nach der Explosion im Krankenhaus gehalten hatte. Warum hielt er ihn eigentlich nur, wenn er davor fast drauf gegangen war. Er würde ihn gerne auch sonst so halten können. Aber das war nicht der Moment, um diese Diskussion anzufangen.
„Entschuldige… das ist keine gute Befragung.“, murmelte Wespe gegen seine Schulter.
„Wir können das morgen machen.“, sagte Schalavsky. „Die Krankenschwestern möchten ohnehin, dass du schläfst.“ Wespe nickte schwach und löste sich von Schalavsky, um sich hinzulegen. Schalavsky lächelte ihm aufmunternd zu und sagte einer der Schwestern Bescheid, dass sie Wespe seine verordneten Schlaftabletten bringen konnten und dann verabschiedete sich Schalavsky, in dem er Wespes Stirn küsste. Wespe seufzte zufrieden, aber sagte nichts mehr dazu.
Es war Nachmittag des Folgetages als Schalavsky zurück im Krankenhaus war. Wespe war mittlerweile wieder etwas präsentabler. Er saß halbwegs aufrecht im Bett und war wohl gewaschen worden. Tamina hatte ihm wohl wieder seine Sachen gebracht.
„Wie gehts dir?“
„Nur noch zur Hälfte, wie ein gebratenes Hähnchen.“, sagte Wespe.
Schalavsky lächelte leicht: „Das klingt zumindest viel versprechend. Was sagen die Ärzte?“
„Ein paar Verbrennung. Aber wohl keine Schäden an meinem Herz. Sie testen noch Nervenströme oder so.“ Wespe winkte ab. „Wie laufen die Ermittlungen?“
„Wir haben genug über Brutus, um ihn für zwei Leben einzuknasten. Und das ohne das was er dir angetan hat.“, sagte Schalavsky. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf Wespes Oberschenkel. „Ich bin echt froh, dass du wieder da bist und nicht… Naja.“
Schalavsky lächelte gezwungen: „Das, ja das auch. Was ich sagen will ist… ich weiß, dass du auf dich aufpassen kannst. Und ich habe dich mehrfach von Dingen wieder aufstehen sehen, die andere zerstört hätten. Ich habe Angst, dass es irgendwann nicht mehr klappt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann zu spät bin.“
„Bisher hast du mich noch immer gerettet.“, neckte Wespe gutmütig. „Mein edelmütiger Blaulicht-Ritter.“
„Kannst du mal kurz die Klappe halten?!“, fragte Schalavsky halb lachend.
„Fällt mir schwer.“, gab Wespe zu. „Vielleicht ist doch irgendwas in meinem Gehirn durchgeschmort.“
„Das wäre aber nichts neues.“, bemerkte Schalavsky. „Willst du mir kurz zuhören?“
„Du musst dir keine Gedanken machen.“, sagte Wespe. „Unser Streit ist schon vergessen. Ich weiß, dass du es nur gut mit mir meinst. Und dich sorgst. Manchmal zu viel.“
Schalavsky nickte: „Das ist gut… und teil von dem, was ich sagen wollte, aber ich wäre dir sozusagen persönlich verbunden, wenn du mir kurz nur zuhören könntest.“
Wespe deutete an seinen Mund zu verschließen und warf den Schlüssel weg.
Schalavsky holte tief Luft: „Das hier ist nicht- ähm. Meine Sorge um dich ist nicht nur beruflicher Natur. Uuund, ähm w-wie soll ich sagen? We-wenn du das gestern ernst gemeint hast, könnten wir was an dem dem »leider« ändern.“ Wespe zog verwirrt eine Augenbraue hoch und Schalavsky versuchte deutlicher zu werden: „Es ist nicht direkt was die Dienstordnung vorsieht… aber das. Hat dich ja noch nie gekümmert.“ Wespe verdrehte die Augen. „Tschuldige, das war kein Vorwurf. Ähm… Sekunde ich muss mich kurz sammeln.“ Wespe konnte hören, wie er kaum hörbar etwas murmelte. „Я тебя люблю. Я тебя люблю.“ Schalavsky sah Wespe wieder an und schluckte: „Ich habe Gefühle für dich, die ich nicht für einen Kollegen haben sollte und ich kann sie nicht ignorieren. Und ich hoffe, dass du mir eine Chance gibst, mir zu beweisen, dass ich das alles ernst meine.“
Wespe warf sich slapstickartig zur Seite, wo er zuvor den imaginären Schlüssel für seinen Mund hingeworfen hatte und ‚schloss‘ seinen Mund wieder auf. Schalavsky sah ihn etwas ungläubig an.
„Wow.“, sagte Wespe. „Ich habe fast erwartet, dass du mich feuerst.“
„Was?“
„Das war die schwierigste Geburt einer Liebeserklärung, die ich je erlebt habe und unter anderen Umständen, hätte ich nicht die Geduld dafür gehabt.“, sagte Wespe. „Zu deinem Glück, bin ich noch als Bett gefesselt und habe auf so was schon sehr lange gehofft.“
„Wirklich?“, fragte Schalavsky erstaunt.
Wespe griff nach seinen Nacken und zog ihn an sich heran, um ihn endlich so zu küssen, wie er es schon seit langer Zeit wollte.
Das mit der Aussage aufnehmen wurde etwas ungewöhnlich gestaltet. Normalerweise gab es dabei weniger Körperkontakt und Speichelaustausch. Aber die Arbeit wurde gemacht und was die Vorgesetzten nicht wussten, konnten sie einem nicht vorwerfen. Schweren Herzens verließ Schalavsky seinen neuen Freund, aber er hatte noch einiges zu tun und Wespe musste sich ohnehin noch auskurieren.
So berüchtigt Schalavskys schlechte Laune auch war, genau so gefürchtet war seine gute Laune. Niemand war sich sicher, was sie mit einem Schalavsky anfangen sollten, der beschwingten Schrittes durch das Revier lief und beinahe ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Glockner sah ihn zwar aber schmunzelte nur für sich selbst und entschied sich, dass er nicht alles wissen musste. Es konnte hunderte Gründe für Schalavskys gute Laune geben.
Tamina hatte weniger Probleme damit einem Kollegen auf die Pelle zu rücken. Sie schlüpfte in das Büro, in dem Schalavsky eine Pflanze goss, die seit Wespes Verschwinden keine Zuwendung mehr erfahren hatte.
„Wie geht es Wespe?“, fragte Tamina unverbindlich.
Schalavsky sah zu ihr und stellte den Kaffeebecher, mit dem er die Pflanze gegossen hatte ab: „Gut. Also besser. Wird noch etwas dauern. Aber soweit scheint er es gut überstanden zu haben. Keine Herzschäden oder so. Die Verbrennungen natürlich aber da wird sich zeigen, wie die sich entwickeln.“
Tamina lächelte: „Das ist ja schön zu hören. Sind Sie deswegen so glücklich?“
Schalavsky sah sie mit offenen Mund an und suchte nach einer Antwort: „Sicher. Bienert geht es gut, wir haben einen gefährlichen Verbrecher hinter Schloss und Riegel. So sollte es doch sein.“
Tamina schmunzelte: „Natürlich. Und ich schätze ihr Streit mit Bienert ist nun beigelegt?“
„Ähm. Ja.“, bestätigte Schalavsky. „Wir haben uns ausgesprochen.“
„Sehr gut.“, sagte Tamina und fragte betont unschuldig: „Und hat das zu irgendwelchen persönlichen Änderungen geführt.“
„Persönliche Änderungen?“, wiederholte Schalavsky und sah sehr nachdenklich drein, bevor er den Kopf schüttelte: „Nicht das ich wüsste. Ne.“
„Sie können mir das ja mitteilen, falls es Ihnen noch einfällt.“, sagte Tamina und schlenderte zur Tür. „Ach und Glückwunsch.“
„W-wofür?“, fragte Schalavsky.
„Ach nur so.“ Tamina grinste und verschwand aus dem Büro.
Schalavsky stellte fest, dass er Probleme hat seine Gedanken von Wespe wegzubewegen und dem Gefühl seiner Lippen. Während der Arbeit bemühte er sich diese Gedanken zurück zu drängen, aber sobald er Zuhause ließ er sie zu. Sie kamen mit einer konstanten Aufregung, die vermutlich Verliebtsein mit sich brachte und ein bisschen Panik mit sich, wie es in Zukunft laufen sollte.
Schalavsky griff sich einen Rotwein, der solange in seiner Wohnung war, dass er eine sehr deutliche Staubschicht hatte. Möglicherweise war er mal ein Einzugsgeschenk gewesen. Normalerweise trank er mal ein Bier nach der Arbeit. Aber Schalavsky hatte noch nie diese Gefühle in dieser Intensität gespürt, zumindest nicht seit er alt genug war zu trinken und manchmal musste man neue Dinge ausprobieren.
Er war durch ein halbes Glas Rotwein, als es an seiner Tür klingelte. Schalavsky antwortete durch die Gegensprechanlage.
„Mach auf!“, klang es durch die Anlage.
„Wespe?“, fragte Schalavsky verwirrt und öffnete die Wohnungstür. Er hörte Schritte und das schwere Atmen von jemanden der sich nicht in best Verfassung die Treppe hochkämpfte.
Wespe tauchte auf der letzten Treppe auf und lächelte ihn außer Atem an: „Hey.“ Die letzten Schritte nahm er schneller und streckte seine Arme nach Schalavsky aus. Dieser nahm ihn sofort, wenn auch überrascht in die Arme: „Was machst du denn hier?“
„Hab, hach, hab ich selbst entlassen.“, sagte Wespe und ließ Schalavsky genug los, damit sie beide in die Wohnung treten konnten.
„Aber du solltest dich doch noch ausruhen.“, sagte Schalavsky und nahm Wespe seine kleine Reisetasche von der Schulter. Wespe nickte und trat sich im Flur die Schuhe von den Füßen: „Ich weiß, und ja ich sollte besser auf mich Acht geben, aber ich kann da nicht schlafen und schon gar nicht nach heute.“
Schalavsky sah ihn sprachlos an.
„Ich verspreche, ich gehe zu all meinen Behandlungen, aber ich will nicht den ganzen Tag im Krankenhaus sitzen.“, sagte Wespe, in der Hoffnung eine Standpauke abzuwenden.
Schalavsky fasste sanft seinen Hinterkopf und drückte ihm einen Kuss gegen die Schläfe: „Hast du Hunger?“
„Nee. Alles gut.“, sagte Wespe. „Ich muss mich nur Hinsetzten.“
Schalavsky deutete ihm ins Wohnzimmer. Wespe sah das Weinglas und fragte: „Oh, habe ich dich gestört?“
Schalavsky schüttelte den Kopf: „Ich wusste ohnehin nicht, was ich mit mit anfangen sollte. Ich würde dir, was anbieten aber du bist wahrscheinlich noch voll medikamentiert.“
„Stimmt.“, lächelte Wespe. „Hey, ich wollte mir dir reden.“
Schalavsky zog die Augenbrauen hoch und Wepse runzelte die Stirn: „Wow, das klang viel düsterer, als ich es gemeint habe. Ich möchte wissen, wie es mit uns weiter geht. Weil ich hoffe, dass es weiter geht.“
Schalavsky lächelte und griff nach Wespes Hand: „Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders viel Erfahrung mit Beziehungen, geschweige den erfolgreichen Beziehungen habe, also…“ Schalavsky zuckte mit den Schultern.
„Möchtest du denn dass es eine erfolgreiche Beziehung wird?“
Schalavsky nickte und fragte: „Was möchtest du? Etwas ernstes oder…?“
„Ich kenn meinen Ruf, aber ich hätte gerne was ernstes mit dir.“, sagte Wespe. „Aber wie wirst du das in Bezug auf unseren Job finden?“
Schalavsky sah ernst drein: „Ich möchte, das hier nicht aufgaben.“ Er griff nach Wespes Hand. „Ich musste den ganzen Tag an dich denken und daran, wie froh ich bin, dass du noch lebst. Ich will dich nicht verlieren, und ich denke, wir können es schaffen uns weiterhin auf der Arbeit professionell zu verhalten.“
„Und wenn wir das irgendwann nicht mehr schaffen?“, fragte Wespe vorsichtig.
„Dann können wir immer noch eine Lösung finden.“, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn kurz an bevor er sich vorbeugte und küsste.
Schalavsky lehnte sich mehr zu Wespe, weil er ihn nicht einfach zu sich ziehen wollte, solange er noch verletzt war. Aber er küsste ihn tiefer als noch im Krankenhaus, und leidenschaftlicher.
Wespe seufzte in den Kuss und öffnete einladend seine Lippen, was Schalavsky sogleich ausnutzte.
„Danke.“, sagte Wespe, als sich ihre Lippen schließlich doch trennten. „Diese Versicherung habe ich gebraucht.“ Er lehnte sich erschöpft gegen Schalavsky.
„Alles gut.“ Wespe unterdrückte ein Gähnen. „Ich bin nur müde.“
Schalavsky nickte: „Na dann, ab ins Bett.“
„Kommst du mit mir?“, fragte Wespe ein wenig zwischen verlegen und frech.
Schalavsky schmunzelte: „Es ist immerhin mein Bett.“
Wespe nickte: „Sehr wahr.“
„Geh schon, ich räume noch kurz auf.“, sagte Schalavsky. Und während er sich daran machte die Spuren seines Abendessens zu beseitigen, machte sich Wespe bettfertig.
Wespe kam aus dem Schlafzimmer, weil er bemerkt hatte, dass er mehr Durst hatte, als er gewillt war zum Schlafen gehen zu akzeptieren. Er hatte sich mittlerweile seine Schlafhose angezogen, die eigentlich nur eine alte Jogginghose war, irgendwo aus den 90ern, mit zu vielen intensiven Farben und von Wespe in einem Second Hand Shop als das bunteste Item vor Ort aufgegriffen worden war.
Sein Schlafshirt, ein Bandshirt, dass zwar schwarz war aber die abstruse Zeichnung von zwei halb ineinander gemorphten bewaffneten Kaninchen zeigte, ließ er in seiner Tasche. So tapste er barfuß in die Küche, wo Schalavsky gerade noch eine angefangene falsche Wein verstaute.
„Ich brauche etwas Wasser bevor ich Schlafen kann.“, sagte Wespe und Schalavsky begann sogleich ihm ein Glas einzuschenken. Wespe trank es in einem Zug auf und lächelte zufrieden: „Ich würde jetzt zu Bett gehen.“
Schalavsky blinzelte bei dem Tonfall etwas fasziniert und folgte Wespe die Lichter in der Wohnung ausmachend. Im Schlafzimmer machte es sich Wespe auf dem Bett bequem. Schalavsky zog sich sein Hemd aus und bemerkte das Wespe nicht die Scham besaß dabei weg zu schauen.
Schalavsky ging noch seine Zähne putzen (und sich sammeln) und betrachtete sich im Spiegel. Noch trug seine Anzughose und das Unterhemd. Einer Eingebung folgend ließ er beides im Wäschekorb zurück. Nur in Boxershorts ging er wieder ins Schlafzimmer. Sein Schlafanzug lag auf dem Bett und er zog sich die Hose an, während Wespe ihm zuschaute.
Als er nach dem Shirt griff zog es Wespe aus seiner Reichweite: „Brauchst du das wirklich?“
„Schätze nicht.“
Wespe lächelte und warf das Shirt zu einem Stuhl rüber.
Schalavsky stieg zu Wespe in das Bett und hielt sich noch höflich Abstand, doch Wespe kuschelte sich an ihm und legte seinen Kopf auf Schalavskys Schulter.
„Ist das hier okay für dich?“, fragte Wespe.
Schalavsky legte einen Arm um Wepse und lächtelte: „Ja, sehr okay.“ Wespe lächelte. Sie löschten das Licht und genossen das Gefühl in de Dunkelheit nicht alleine zu sein.
„Ich habe Angst, dass ich dir zu viel bin.“, sagte Wespe leise aber aufrichtig. Schalavsky hatte ihn deutlich gehört: „Wenn dem so wäre, wäre es nie hierzu gekommen.“
„Aber bisher hast du mich nur auf der Arbeit um dich und jetzt auch noch privat.“, sagte Wespe und strich in einem verschlungenen Muster über Schalavskys Oberkörper.
„Das bekomme ich auch noch hin.“, versicherte Schalavsky und entschied, dass es Zeit für eine Wahrheit über ihn war. „Ich habe Angst, dass ich dir kein guter Partner bin.“
„Was?“
„Ich bin älter als du.“, sagte Schalavsky. „Und störrisch und nicht so frei wie du.“
„Das war mir durchaus bewusst, bevor ich mich in dich verliebt habe.“, sagte Wespe. „Und es hat mich nicht aufgehalten.“
Schalavsky drückt ein der Dunkelheit einen Kuss auf Wespes Scheitel.
Gaby: *zu Klößchen* warum fragst du eigentlich immer direkt nach wenn du ein Wort von Karl nicht verstehst? Meistens erklärt er es doch ohnehin in seinen Vorträgen oder es ergibt sich im Kontext.
Klößchen: ja aber wenn ich frage wird seine Erklärung ausführlicher.
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Überwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nützlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein Gespräch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsächlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das Gespräch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens Mühe gegeben, um Bienert von Monologen und unermüdlichen Gesprächsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegähnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drückte den Rücken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
„Was ist los, Bienert?“, fragte Schalavsky ruhig.
„Ich habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.“, murrte der junge Kollege.
„Haben Sie sich verlegen?“
„Nee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.“ Bienert hatte allerdings einen Zusammenstoß mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert ließ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: „Haben Sie ein Schleudertrauma?“
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: „Glaube nicht.“
„Sie sollten zum Arzt gehen.“ Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: „Doch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.“
„Sie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!“
„Entschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.“, schnappte Bienert, etwas schärfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubüßen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein Nervenkostüm dünn.
Schalavsky griff über und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
„Sie sind ziemlich verspannt.“, bemerkte Schalavsky. „Haben Sie Schmerztabletten genommen?“
Bienert sah irritiert rüber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
„Kein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.“, sagte Schalavsky tadelnd.
„Ich hatte keine Schmerztabletten mehr da.“, verteidigte sich Bienert.
„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des Präsidiums reden?“, fragte Schalavsky.
„Ich rede nicht mit jedem.“, widersprach Bienert. „Ich vermeide die Rassisten und Homophoben.“
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es überraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
„Ich hatte keine Zeit.“, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen Verdächtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafür keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsächlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen über dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkürlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rüber: „Tuts weh?“
„Wird gerade besser.“, sagte Wespe aus Befürchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte später nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem für Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen ließ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurückzog, konnte Wespe sich gegen den Kopfstütze lehnen ohne das Gefühl zu haben seine Position ändern zu müssen. Für den Rest der Überwachung saß Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das Gebäude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darüber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fühlte, dass Bienert überhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wäre, hatte der Verdächtige ihn nicht umgerannt. Außerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. Während es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen ließ. Dass Bienert außerdem tatsächlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen ließ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys Beschützerinstinkt, wenn Bienert nicht sein übliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
„Das hat keinen Sinn mehr. Wir können die Überwachung hier abbrechen.“, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurück zum Präsidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft überlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
„Oh, dan-“, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drückt, was sofort an seiner Haut haftete.
„Wärmepflaster.“, erklärte Schalavsky. „Das sollte in ein paar Minuten warm sein.“
„Danke.“, sagte Wespe leicht überfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: „Schon gut.“
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hätte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kümmern würde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeinträchtigte. Und jetzt kümmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Es folgt Teil 2 von dem ich das Gefühl habe, dass er nicht an zweiter Stelle stehen sollte, aber ich hab ihn halt schon fertig und... keiner hat je behauptet, dass ich mich an einen linearen Zeitablauf halten müsste.
2. Durchgeschleudert.
„Gehen Sie zum Arzt!“, hatte Glockner in einem ungewöhnlich strengen Tonfall angeordnet. Er hatte das allerdings auch schon zweimal zuvor gesagt. Wespe hatte genickt und das auch ernst gemeint. Allerdings hatte die Zusammenarbeit mit Schalavsky ihre Spuren hinterlassen und Wespe bevorzugte mittlerweile seine Berichte zu schreiben, bevor er einen Arzt aufsuchte und womöglich sediert wurde, was seine Erinnerungen beeinträchtigen könnte. Wie es so oft bei der Arbeit war, kam eines zum anderen und plötzlich häuften sich die Aufgaben, die er noch erledigen wollte.
Eine der Neulinge schlich sich an einem Punkt in sein Büro und fragte ihn wie sie ihre Arbeit richtig machte. Wespe war zwar nicht für die junge Danielle zuständig, aber er kannte ihren tatsächlichen Partner, der zwar ein guter Bulle war, aber weder Empathie, noch Geduld oder die Gabe hatte, etwas verständlich zu erklären. Wespe hatte Mitleid und so erklärte er Danielle, warum und wie sie ihre Arbeit machten sollten, damit alle Kollegen es nachvollziehen konnten. Das kostete ihn mindestens eine halbe Stunde, aber wenig später tauchte Danielle auch mit einem Kaffee als Dankeschön in seinem Büro auf, bevor sie sich an ihre eigene Arbeit machte. Wespe trank dankbar den Kaffee, versuchte die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren und tippte seinen Bericht.
„Hey Wespe“, erklang es als sich die Bürotür erneut öffnete. Tamina sah ihn kritisch an und runzelte die Stirn. „hat Glockner dir nicht vor 2 Stunden oder so gesagt, dass du zum Arzt sollst?“
So lange war es bestimmt noch nicht her, versuchte sich Wespe einzureden.
„Ja, ich hab nur schnell meinen Bericht getippt.“, winkte Wespe ab.
„Soll ich dich zum Arzt fahren?“, bot Tamina an.
Wespe schüttelte den Kopf: „Nein, Quatsch. Ich mach das nur schnell fertig und dann fahre ich selbst.“
Tamina sah ihn unzufrieden an: „Mir wäre es lieber, wenn du nicht selbst fahren würdest.“
„Okay, ich ruf mir nen Uber.“, lenkte Wespe ein. „Ich mach das nur fertig und pack dann meine Sachen ein.“
„Okay. Gute Besserung.“, sagte Tamina und brachte ihren Kollegen nur zum Schmunzeln, denn so schlimm war das ganze nicht.
Wespe konzentriere sich wieder auf seine Arbeit, in dem Versuch die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Er tippte etwas langsamer als sonst, weil seine linke Hand bei manchen Bewegungen wehtat.
„Hey Wespe.“, erklang nun die Stimme von Jeske. Wespe nickte ihm fragend zu.
„Kannst du runterkommen? Ich hab da ein Mädel sitzen, die ihre Aussage nur bei dir machen will.“, erklärte Jeske. Bienert hatte diesen Tag bereits abgeschrieben, also überraschte ihn auch das nicht mehr: „Wer ist es denn?“
„Sie nennt sich Monstera. Aber ihr richtiger Name ist Lena.“, verriet Jeske und Wespe ging ein Kronleuchter auf. Monstera hatte wie ihr Name schon verriet einen grünen Daumen. Leider nicht nur bei ihren Namensvettern, sondern vor allem bei Gras, dass sie illegal unter die Leute brachte und gelegentlich dabei auch an die falschen geriet. Wespe wusste dass sie einige Vertrauensprobleme hatte und nachdem er ihre Strafakte, sowie die Strafakten ihrer Eltern gelesen hatte, wunderte ihn das auch kein Stück. Wann immer Monstera von der Polizei aufgegriffen wurde, weigerte sie sich mit jemanden zu reden, es sei denn Wespe sprach mit ihr. Er hatte ihr Vertrauen auf die harte Weise erworben und existierte in ihrer Vorstellung nun als einziger guter Bulle der gesamten Millionenstadt. Auch wenn Wespe versprochen hatte längst beim Arzt zu sein und sein Dienst eigentlich schon vorbei war, so konnte er nicht Monstera einfach so sitzen lassen. Also steuerte er im Großraumbüro den Tisch an, an dem die junge Frau mit den grünen Haaren saß. Dass sie hier war und nicht in einem Vernehmungsraum, verriet Wespe schon, dass man sie erst mal nur für eine Aussage hier hatte.
Wespe setzte sich an den Tisch und begrüße Monstera.
„Sie sehen ja Scheiße aus.“, sagte Monstera seltsam mitfühlend klingend, trotz ihrer kruden Wortwahl.
„Es ist einer dieser Tage.“, lenkte Wespe ein.
Monstera lachte auf: „Davon können Sie ein Lied singen.“
„Wie wär’s wenn du für mich singst?“, schlug Wespe vor. „Was ist los?“
Es war anderthalb Stunde später, als Wespe sichergestellt hatte, dass Monstera sicher nach Hause kam und machte er sich auf zurück in sein Büro zu gehe, um alles was er gerade durch Monstera erfahren hatte nochmal ins Reine zuschreiben. Auf dem Weg besorgte er sich noch einen Kaffee und legte dann los.
„Guten Morgen, Bienert.“, sagte Schalavsky, als er das gemeinsame Büro betrat und seine Anzugjacke über seine Stuhllehne hängte. Schalavsky wollte gerade einen Kommentar dazu abgeben, dass sein Kollege ungewöhnlich früh dran war, als ihm die drei Kaffeebecher auf dem Tisch auffielen und die Berichte, die fertiggestellt und bereit zum abheften dalagen.
„Waren Sie Zuhause?“, fragte Schalavsky misstrauisch.
Bienert schüttelte den Kopf: „Ich mach das nur schnell fertig.“
Schalavsky seufzte: „Waren Sie beim Arzt?“
„Wieso denn?“ Wespe versuchte dumm zu spielen.
„Salah hat mir geschrieben, dass es sein kann, dass Sie heute nicht da sind, weil Sie einen Autounfall hatten.“, sagte Schalavsky. „Und dass Glockner Sie drei Mal aufgefordert hat zum Arzt zu gehen.“
„Ah… ja. Das.“, sagte Wespe abfällig. „Es ist nichts schlimmes. Wenn heute passt würde ich gerne etwas früher Feierabend machen.“
„Hackts bei Ihnen?“, fragte Schalavsky ungläubig.
„Ich habe genügend Überstunden und ich bin seit … 15 Stunden im Dienst?“, verteidigte sich Wespe, doch er hatte seinen Kollegen missverstanden: „Sie machen sofort Feierabend und begeben sich zum Arzt!“
„Aber ich hab noch was zu tun.“ Wespe deutete auf den Computer. „Und der Unfall war nicht schlimm.“
Schalavsky sah ihn kritisch an: „Hat sich das Auto nicht überschlagen?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Nur einmal. Schauen Sie, ich hol mir nur einen Kaffee dann kann ich meine Schicht normal antreten.“ Sehr schnell trat Schalavsky ihm in den Weg und hielt ihn auf: „Sie gehen heute nur noch zum Arzt.“
„Das ist nicht nötig.“, sagte Wespe und versuchte Schalavsky aus seinem Weg zu drücken. Schalavsky, der ein gutes Stück größer und ausgeschlafen war und sich nicht mit den Nachwirkungen eines Unfalls umschlagen musste, ließ sich nicht wegschieben.
Im Gegenteil schob er Wespe zurück bis die Wand in seinem Rücken war. Wespe starrte seinen Kollegen an, als sein Gehirn einen Kurzschluss hatte. Anders war es nicht zu erklären, warum sein Gehirn sofort die Erinnerung hochholte, als Wespe das letzte Mal gegen eine Wand gepresst wurde. Auch da war es ein Mann gewesen, der etwas größer als Wespe war und der anschließend noch einiges gemacht hatte, dass ihm in besonders guter Erinnerung geblieben war. Eben dieser Erinnerung gab Wespe jetzt auch die Schuld, dass seine Knie versagten. Oder es waren die Nachwirkungen des Unfalls. Wespe hielt sich reflexartig an Schalavsky Schulter fest, um nicht zu fallen und musste etwas verängstigt aussehen, denn Schalavskys Blick wurde sogleich sanfter. Er geleitete Wespe zu seinem Bürostuhl, damit er sich hinsetzte.
„Hey Wespe.“ Oh verdammt, dachte sich der Angesprochene. Schalavsky nannte ihn nur Wespe, wenn er befürchtete, dass etwas wirklich falsch war. „Hast du Schmerzen?“ Duzen auch noch? Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Er musste praktisch im Sterben liegen.
„Kopf.“, sagte Wespe einsilbig.
„Kannst du mir erzählen was passiert ist?“, fragte Schalavsky.
„Musste einem Geisterfahrer ausweichen.“, sagte Wespe. „Wollte ihn stoppen, aber er hatte einen Kind auf dem Rücksitz. Dann war da ein Baum und ein Graben.“
„Verstehe.“ Schalavsky begann durch Wespes Haare zu streichen.
Wespes Augen fielen ihm halb zu: „Was machen Sie?“
„Ich schaue, ob du eine Kopfverletzung hast.“ Right. Keine Streicheleinheiten. Methodische Überprüfung seiner Gesundheit. Wespe drehte den Kopf leicht zur Seite, um die Stelle zu zeigen, die ihm am meisten wehtat und die vor einigen Stunden auch definitiv noch feucht gewesen war. Schalavsky sah blutverkrustete Haare und darunter etwas das mindestens eine Platzwunde war.
„So was ist äußerst gefährlich. Du hättest längst beim Arzt sein sollen.“, seufzte Schalavsky und schaute ob sich noch weitere Verletzungen unter Wespes Haaren verbargen. Als er sich soweit sicher war, dass Wespe nur eine Platzwunde hatte.
„Tut dir sonst etwas weh?“, fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab und schüttelte den Kopf, wobei er bewusst vermied Schalavsky direkt anzuschauen. Das war eine schlechte Entscheidung, wenn man bedachte, dass Schalavsky ein sehr aufmerksamer Polizist war und ein Experte, wenn es um Verhöre ging. Nun kannte er Wespe auch noch gut genug, dass er mit ihm anders umging, als mit einem Verdächtigen. Schalavsky griff nach Wespes Kinn und zwang ihn den Kopf zu heben bis er ihn ansehen musste. Wespe schluckte, während sich sein Magen auf links drehte und sein Puls deutlich zunahm.
„Was tut dir weh?!“, fragte Schalavsky streng.
Wespe sah ihn mit großen Augen an, versank in dem intensiven Blick und schafft es nicht sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Sein ohnehin schon loses Mundwerk, endete mit der Wahrheit: „Meine linke Hand, generell meine linke Seite.“ Als der Überschlag passierte hatte es Wespe Kopf und Hand gegen die Seitenscheibe gehauen. Der Gurt hatte ihn vor Schlimmerem bewahrt und nur leicht seinen Oberkörper gequetscht. Der Airbag hatte ihm seine Sonnenbrille im Gesicht zerbrochen und damit seine Wange ein wenig aufgeschnitten. Aber der Schnitt war nach alle den Stunden schon vergessen.
„Sonst noch was?“
„Knie. Hab sie aufgeschnitten beim raus klettern aus dem Auto. Sonst nur mein Kopf.“
„Okay.“, sagte Schalavsky sanfter und ließ Wespe los. „Kannst du stehen?“
Wespe nickte und bemühte sich sofort aufzustehen. Zum Glück war Schalavsky da um ihn zu stabilisieren als er schwankte und er zog Wespes rechten Arm über seine Schultern und hielt ihn mit einem Arm dicht an seiner Seite. Wespe ließ den Kopf hängen als müsse er sehen wohin er trat, wenn er einfach nur hoffte dass seine Haare ihm genug ins Gesicht fielen um seine Rötung zu verstecken.
„Ich kann alleine gehen.“, sagte Wespe schwach. „Ich gehe zum Arzt, jetzt. Versprochen.“
Schalavsky schnaubte: „Die Chance hattest du. Ich fahre dich jetzt.“ Schalavsky führte ihn so aus dem Büro.
Wespe wusste, was jetzt kam. Stundenlanges Warten im Krankenhaus darauf, dass man ihn untersuchte. Dabei wollte er gerade nur ins Bett, seine Schmerzen ignorieren und auch all die Gedanken, die er in Bezug auf Schalavsky hatte. Warum musste dieser Mann so verlässlich sein? So fürsorglich? Wespe hatte wirklich gedacht, dass er ihn genug genervt hatte, dass man ihn im Falle des Falles in seinem eigenen Blut liegen ließ. Aber Schalavsky sah das anders. Egal, wie sehr Wespe auch nervte, wenn er Hilfe brauchte war er da. Mit sanften Händen und bestimmter Strenge. Immer im Versuch dafür zu sorgen, dass es Wespe besser ging. Wie konnte man es da verübeln, dass sich in Wespe etwas regte.
Beim Krankenhaus bemühte sich Wespe selbstständig in die Notaufnahme hineinzulaufen, auch wenn Schalavsky an seiner Seite blieb, als würde er jeden Moment erwarten, dass er zusammenklappte.
„Guten Tag. Was ist passiert?“, fragte die Dame hinter dem Tresen.
Schalavsky nickte zu Wespe: „Der Idiot hatte vor etwa 10 Stunden einen Autounfall und hat sich noch nicht untersuchen lassen, obwohl er eine Kopfwunde hat.“
Wespe nickte der Krankenschwester zu, die sehr ruhig blieb und ein Klemmbrett aushändigte: „Bitte Platz nehmen und ausfüllen.“
Schalavsky nahm das Klemmbrett an sich und schob Wespe zu einigen Sitzen. Zum Glück war nicht allzu viel los, was ein wenig seine Hoffnung steigerte schnell nach Hause zu kommen, um endlich zu schlafen. Sie setzten sich und Wespe nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Schalavsky begann das Formular auszufüllen. Er dachte noch, dass es seltsam war, dass sein Kollege seine gesamten Daten kannte, aber dann ließ er schon den Kopf an die Wand hinter ihm sinken und nickte ein. Er wusste nicht wie lange er so geschlafen hatten, als eine sanft Hand an seiner Schulter ihn weckte: „Komm mit, Wespe.“
Wespe gähnte leicht und folgte Schalavsky und einem anderen Mann, der anscheinend sein Doktor war. Sie gingen in ein Behandlungszimmer, in dem sich Wespe auf die Liege setzen sollte. Dann begann der Arzt seinen Kopf zu untersuchen, und ihm dabei Fragen zustellen. Wespe versuchte sie so gut wie möglich zu beantworten, aber schon bald antwortete Schalavsky für ihn, wenn er selbst die Antwort nicht kannte. Der Arzt begann mit einem feuchten Tupfer die Kopfverletzung zu reinigen, da das Blut dort mittlerweile einiges an Schmutz festgeklebt hatte. Zwar blutete die Verletzung dadurch wieder geringfügig, aber wenigstens musste man nicht befürchten, dass noch Glassplitter oder Steinchen einwuchsen. Dafür bekam Wespe nun einen schicken Kopfverband. Bevor auch die Wunden an seiner Wange, und Knien gereinigt und versorgt wurden. Seine Hand war nur geprellt.
Als der Arzt ihm mit einer Lampe in die Augen leuchtete, zuckte Wespe zurück.
„Das könnte eine leichte Gehirnerschütterung sein.“, sagte der Arzt aber er sprach so, als würde er nicht mit Wespe reden. „Er sollte eine Weile wach bleiben.“
„Er ist seit über 20 Stunden wach. Viel Glück damit.“, sagte Schalavsky.
„Wie lange ist der Unfall her?“, fragte der Arzt.
„Etwa 11 Stunden.“, sagte Schalavsky.
„Okay.“, sagte der Arzt mit kritischem Blick auf Wespe. „Dann machen wir einen CT-Scan. Warten Sie kurz.“
Einen Moment später kam der Arzt mit einem Rollstuhl wieder.
Schalavsky griff nach Wespes Arm und zog ihn hoch, damit er sich in den Rollstuhl setzte. Er war ganz froh, dass sein Kollege nicht weiterhin Gefahr lief umzukippen.
Sie wechselten den Raum, waren für einen Moment in einem Fahrstuhl und dann in einem neuen Raum und Wespe konnte nicht im Geringsten sagen, wo sie hergekommen waren.
Jemand rief nach ihm, aber irgendwas war daran falsch.
„Nennen Sie ihn Wespe.“
Man hatte ihn bei seinen Vornamen gerufen. Aber niemand nannte ihn mehr so.
Es war der Name seines Urgroßvaters gewesen und seine Eltern hatten ihn ausgewählt, obwohl seine Großmutter dagegen gewesen war. In seiner Kindheit war er schon aufmerksam genug gewesen, um festzustellen, dass Oma ihn nie beim Namen nannte. Liebling, Schätzchen und andere Kosewörter waren an der Tagesordnung gewesen, aber nicht sein Name. Als er Oma danach fragte, sah sie unendlich traurig aus und eröffnete ihm dann ein lange gehegtes Geheimnis. Ihr Vater, sein Urgroßvater, war ein Schläger gewesen, wobei man ihm zu seiner Zeit das als seine Pflichten ausgelegt hatte, wenn er Ehefrau und Kinder züchtigte. Im Alter war er ruhiger geworden und so immobil, dass er niemanden mehr gefährlich werden konnte. Und Mutter und Tochter hatten beschlossen diese Gewalt nicht an die nächste Generation weiterzutragen. Sie hatten es geschafft, denn bis auf die kindischen Raufereien mit seinen Bruder hatte Wespe keine Gewalt in seiner Familie gekannt. Ebenso wenig wie seine Eltern, als sie sich unwissend für seinen Vornamen entschieden. Seine Oma gab ihm zu verstehen, dass sie nichts davon ihm ankreidete, aber dass sie es bedauerte, dass er den gleichen Namen wie dieser Mistkerl trug, wo er doch so ein sanfter und liebenswürdiger Junge war. In diesem Moment bot er ihr damals an, dass sie ihn Wespe nennen könnte, wie es schon sein Onkel machte. Und von da an wurde er langsam von allen Wespe genannt. Wenn er die Chance hatte gelb-schwarze Kleidung zu bekommen nutzte er das um seinen Spitznamen zu zementieren. Es war Scherz, dann ein Fakt und schließlich eine unangezweifelte Gegebenheit. Vielleicht waren es auch diese Farben, die zuerst sein Interesse an der Punk-Bewegung geweckt hatten.
„Wespe? Wissen Sie wo Sie sind?“, fragte die Stimme. Wespe nickte: „Mhm, Krankenhaus.“
„Ja, wir möchten einen CT-Scan mit Ihnen machen.“, erklärte der Arzt. Wespe nickte.
„Bitte legen sie alle Metallgegenstände ab. Ich hole jemanden, der damit hilft, während ich das Gerät vorbereite.“
„Schon gut, ich helfe ihm.“, sagte Schalavsky und sah Wespe an: „Ist das okay?“
Wespe nickte dümmlich grinsend. Somit half Schalavsky ihm. Er begann damit die Ohrringe und Augenbrauenpiercings zu entfernen, weil Wespe zu unkoordiniert war, um das selbst zu machen.
Schalavsky sammelte alles in einer kleinen Schale, die bereitstand und dann half er Wespe aus seinem Shirt. Dabei fiel ihm auf, dass Wespe noch mehr Piercings an sich hatte.
Schalavsky sah ein bisschen entgeistert auf die beiden Barbells, die jeweils Wespes Nippel zierten. Wespe lächelte noch immer dümmlich vor sich hin. Vielleicht verstand er nicht mehr was los war, vielleicht fand sein übermüdeter Verstand es witzig. (Vielleicht war er sogar in diesem Zustand erfreut darüber, wenn sein Kollege ihn sanft anfasste und langsam auszog.)
„Sag mir bitte, das das die letzten beiden Piercings sind.“, sagte Schalavsky, als er sich vor Wespe hinkniete. Der schaute an sich herab und stellte fest: „Kein Bauchnabelpiercing, dann ja.“
„Hast du ein Bauchnabelpiercing?“ Schalavsky versuchte sich und seinen Kollegen abzulenken, während er vorsichtig die Barbells aufschraubte und dabei ignorierte, dass der Körper seines Kollegen darauf reagierte. Nicht nur, dass Wespes gute trainierte Brustmuskeln zuckten, die Brustwarzen verhärteten sich unter den Berührungen und luden dazu ein sie ein wenig zu malträtieren.
Schalavsky hielt die Luft an. Vielleicht würde sein Gehirn ohne Sauerstoff nicht so einen Blödsinn verzapfen.
„Ja.“, sagte Wespe versonnen. „Meine Freundin in der Oberstufe wollte eines, aber hatte auch Angst davor.“
„Also hast du es dir auch stechen lassen.“, stellte Schalavsky fest als er die Piercings auch in die Schale fallen ließ und endlich wieder aufstand.
„Ja.“
„War klar.“ Schalavsky seufzte bevor er über seinen Schatten sprang und Wespes Hose öffnete. Dann zog er Wespe aus dem Stuhl hoch und ließ ihn aus seiner Hose steigen. Nach einem kurzen Blick zu seiner Unterwäsche, war Schalavsky froh, dass er die ihm nicht auch noch ausziehen musste.
„Du bist dir sicher, dass du keine weiteren Piercings hast?“, fragte Schalavsky um absolut sicher zu gehen.
Wespe zog den Bund seine Boxershorts auf und warf einen prüfenden Blick nach unten: „Ne, alles gut.“
Schalavsky, der gerade wesentlich mehr gesehen hatte als erwartet, starrte die Decke an. Vielleicht sollte er sich selbst einfach bei der Dienstaufsicht melden und woandershin versetzten lassen. Wenn Bienert auch nur einen Bruchteil von dem erzählte, was hier abhing konnte ihn das seinen Job kosten. Und er konnte nicht mal behauptet, dass es zu unrecht wäre.
Schalavsky griff nach der Krankenhausbekleidung und zog sie Wespe über, bevor er sich wieder setzen durfte. Schalavsky ging in den nächsten Raum, um den Doktor mitzuteilen, dass sie bereit waren. So ging es als nächstes für Wespe in den CT-Raum, in dem er sich auf die Liege legen durfte. Schalavsky und der Rollstuhl mussten in den angrenzenden Raum, von dem der Arzt und ein Helfer alles steuerten.
„Muss ich dabei wach bleiben?“, fragte Wespe.
„Ja, das wäre gut.“, sagte der Arzt.
Wespe seufzte: „Können Sie mir was erzählen?“
Der Arzt sah zu Schalavsky: „Wollen Sie?“
Schalavsky nickte und trat zum Mikrofon: „Wenn man dich heute noch entlässt, kannst du dir schon mal überlegen, was du gerne zum Essen hättest. Ich habe nämlich die Vermutung das du schon zu lange nichts mehr gegessen hast. Ich würde dir sogar diese überzuckerten Waffeln mit den Alibifrüchten holen, die du magst. Oder die Ente von dem Asialaden in der Plaza Mall.“
Wespe brummte, als Zeichen, dass er noch zuhörte, während Schalavsky ihm belanglose Dinge erzählte. Schalavsky sprach von allem, was so getan werden musste, und versuchte nicht daran zu denken, was er gerne tun würde.
Als die Untersuchung endlich vorüber war, konnte sich Wespe wenigstens mit Schalavskys Hilfe wieder die Hose anziehen, bevor sie auf die Rückmeldung warteten, ob Wespe hier bleiben musste, oder nach Hause konnte.
„Sie haben Glück gehabt.“, sagte der Arzt. „Bis auf die Platzwunde, scheint Ihrem Kopf nichts weiter passiert zu sein.
„Heißt das, ich kann nach Hause und schlafen?“, fragte Wespe hoffnungsvoll.
„Ja, das wäre sogar meine Empfehlung. Und Wasser trinken.“, ermahnte der Doktor.
Wespe seufzte erleichtert: „Danke, Doc.“
Schalavsky nickte dem Arzt dankbar zu.
„Ich mache noch den Papierkram fertig. Sie können sich schon wieder anziehen.“, sagte der Arzt. Wespe ließ sich das nicht zweimal sagen, auch wenn er Hilfe brauchte und Schalavsky seine Piercings bloß in eine Tasche seiner Jacke stopfte. Der Arzt übergab ihnen die Unterlagen, ließ sich das was nötig war unterschreiben und schickte sie dann ihres Weges. Wespe weigerte sich wieder in den Rollstuhl zusetzen. Er sagte, er könnte selbst laufen und so ein bisschen Müdigkeit würde ihn nicht daran hindern. Schalavsky argumentierte, dass es nicht das bisschen Müdigkeit war, dass ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, sondern der Autounfall, der bewiesen hatte, dass Wespe mehr Glück als Verstand hatte. Aber das hielt Wespe nicht davon ab zu laufen. Schalavsky fiel auf jeden Fall ein Stein von Herzen als er ihn wieder sicher im Auto hatte.
„Weißt du, was du essen möchtest?“, fragte Schalavsky.
„Ente klingt sehr gut.“
„In Ordnung.“, sagte Schalavsky und fuhr los. Während ihrem Zwischenstopp ließ er Wespe im Auto, der vor sich hin schlummerte. Davon dort aus war es nicht mehr weit zu Wespe. Es war noch knapp vormittags und Wespes Mitbewohner waren außer Haus. Sie setzten sich ins Wohnzimmer und Schalavsky sah Wespe dabei zu wie er Ente und Reis in sich rein schaufelte und noch etwas mehr als der Hälfte des Gerichts aufgab: „Okay. Das war sehr gut. Jetzt: Bett.“
Schalavsky nickte und bot Wespe eine Hand an um ihn vom Sofa hoch zu sehen.
Nun wirklich nur noch wenige Meter von seinem Bett entfernt, überkam Wespe die volle Müdigkeit. Er taumelte an Schalavskys Seite ins Schlafzimmer und bekam wieder ein mal Hilfe von Schalavsky sich auszuziehen. Als er in seiner Boxershorts vor Schalavsky stand, schwang er einen Arm um dessen Schulter und grinste ihn an: „Vielen Dank, dass Sie immer für mich da sind. Sie sind der Beste.“ Mit diesen Worten platzierte Wespe einen Kuss, der vermutlich auf die Wange gehen sollte, aber halb noch Schalavskys Lippen erwischte und den älteren Kollegen starr vor Schock hinterließ. Wespe bemerkte das nicht mal und löste nur seinen Arm von den breiten Schultern, bevor er ins Bett kroch.
Schalavsky schluckte und zog mit mechanischen Bewegungen die Decke hoch bis zu Wespes Schultern. Dann stellte er noch eine Flasche Wasser an sein Bett, bevor er das Jalousien schloss und Wespe alleine ließ. Auf dem Flur stützte er sich am Türrahmen ab und atmete stoßweise durch die Nase aus. Was war das gewesen? Was hatte das zu bedeuten? Und warum löste diese Berührung so viel in ihm aus?
Als er bestimmt vier Minuten unbeweglich auf dem Flur gestanden hatte, zwang er sich, zur Ruhe und räumte methodisch noch kurz das Wohnzimmer auf, stellte das Essen in den Kühlschrank und machte sich dann auf den Weg zurück zur Arbeit.
Wespes Handy machte einen kurzen Laut. Groggy sah Wespe auf die Nachricht, die er bekommen hatte. Sie war von Tamina und es war ein Foto. Von dem Moment als Schalavsky ihn aus dem Büro geführt hatte, er hing an ihm wie ein Schluck Wasser und Schalavsky sah zu tiefst unzufrieden mit der Welt aus. Wer auch immer das Bild gemacht hatte, musste es Tamina zukommen gelassen haben. Der Text dazu las: Wärst du mal alleine zum Arzt gegangen, als wir es dir gesagt haben.
Wespe ließ das Handy neben sich aufs Bett fallen. Wenn er tatsächlich alleine zum Arzt gegangen wäre, hätte er nie erlebt, wie Schalvsky seine Piercings entfernte, dachte er und fasste nach seinen Brust. Vielleicht hätte er unter anderen Umständen noch mehr gemacht, fantasierte Wespe mit einem wohligen Schauern. Vielleicht hätte er mit seinem Mund-
Wespe schreckte hoch und saß senkrecht im Bett. Hatte er seinen Kollegen geküsst?!
Und hier ist Teil 3 der so viel länger geworden ist als erwartet, und bestimmt noch fehler drin hat, weil ich beim Durchlesen bestimmt zehn mal eingenickt bin
3. Umgerissen
Wespe blinzelte gegen gleißendes Licht an. Seine Haut schmerzte, wie bei einer üblen Verbrennung und er spürte die Hitze von etwas in der Nähe ausgehend. Er hob den Kopf und musste sich korrigieren: Seine Knochen taten auch weg. Und seine Muskeln. Und er war sich ziemlich sicher, dass auch seine Mitochondrien nicht glücklich waren.
Er blickte sich um, in der Hoffnung sich orientieren zu können, aber er konnte kaum die Augen öffnen. Staub und Rauch hing in der Luft und schon die kleine Bewegung war ihm zu viel. Er ließ seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
Eine Hand packte seine Schulter und drehte ihn herum. Mehr Schmerzen schossen durch seinen Körper. Wespe schnappte nach Luft und sah erschrocken hoch zu demjenigen, der ihn angefasst hatte.
Wespe registrierte langsam, dass über ihm ein wütender Schalavsky stand.
Er schien ihn anzuschreien, aber er wirkte nicht auf die Art wütend, wie er es war, wenn Wespe ihn auf die Palme brachte. Es war mehr die Wut, wenn jemand Wespe angriff und er ihm danach das Blut aus dem Gesicht wischen mussten. Wobei das nicht ganz stimmte, dieses Mal wirkten seine Augen feucht, als hätte er Angst um Wespe.
Wespe versuchte seinen Atem zu kontrollieren, er hustete und spuckte Dreck und Staub aus. Dabei krümmte er sich noch mehr in sich zusammen und griff nach seinen Ohren, in denen er ein stechendes Gefühl hatte. Zwei Hände griffen nach seinen und vor ihm kniete mittlerweile Schalavsky und suchte seinen Blick. Wespe sah seinen Kollegen noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Schalavskys Lippen bewegten sich, aber bei Wespe kam nichts an.
„Ich höre Sie nicht.“, sagte Wespe und er spürte seine eigenen Worte mehr in seinen Knochen, als dass er sie hörte. Schalavsky sah ihn entgeistert an und bewegte wieder die Lippen.
Wespe schüttelte leicht den Kopf: „Wirklich nicht.“
Schalavsky musterte ihn von oben bis unten. Dann machte er so was wie zwei Peace-Zeichen und deutete eine Schnittbewegung an. Wespe runzelte die Stirn und erinnerte sich dunkel, dass das die Gebärde für Verletzung war.
„Ob ich verletzt bin?“, fragte Wespe und Schalavsky Gesichtsausdruck fiel, als er ungeduldig auf ihn deute.
„Oh… Ja. Wie sehr ich verletzt bin?“ Schalavsky nickte.
Wespe seufzte: „Ähm, meine Ohren… offensichtlich. Rede ich zu laut?“
Schalavsky verzog das Gesicht und deutete ein kleines Bisschen an. Wespe bemühte sich leiser zu reden: „Ich hab ein paar Roadburns.“ Wespe zeigte seine Hände, die schön über den Asphalt geschlittert waren. Das erinnerte ihn an seine Jugend, als er gelegentlich beim BMX fahren die Fleischbremse gezogen hatte. „Ich glaube, es ist nichts gebrochen. Aber trotzdem tut mir alles weh.“
Schalavskys Blick huschte aufgeregt umher und er fummelte aus seiner Tasche eine Packung Taschentücher, von der er eines Wespe unter die Nase hielt. Wespe griff irritiert danach und stellte fest, dass er das Taschentuch sehr schnell rotfärbte. Wespe fluchte und drückte sich seine Nase zu.
„Was ist passiert?“, fragte Wespe undeutlich und Schalavsky deutete zur Seite, wo ein Gebäude in Flammen stand und wo gerade ein weiteres Feuerwehrfahrzeug ankam. Wespe sah wieder zu Schalavsky, der eine Explosion mimte.
„Wars eine Bombe?“, fragte Wespe. Schalavsky zuckte mit den Schultern und deutete auf Wespe und hielt einen Finger hoch.
„Ich war der Erste? Okay. War das Haus leer?“
Schalavsky verzog das Gesicht nickte etwas unsicher. Wahrscheinlich.
Schalavsky stand vom Asphalt auf und hielt Wespe eine Hand hin. Er nahm das Angebot an und ließ sich auf die Füße ziehen. Kaum stand er griff er nach Schalavsky und presste sich eine Hand vor den Mund.
„Uhhh, mir ist schwindelig.“, sagte Wespe. „Oh man, ich glaub mir wird schlecht.“
Schalavsky griff ihn an beiden Schultern, um ihn zu stabilisieren. Wespe machte ein paar schwerfällige Atemzüge, bis er nicht mehr das Gefühl hatte sich übergeben zu müssen. Schalavsky hatte ihn dabei ruhig beobachtet, oder vielleicht ihm auch gut zugeredet, aber das würde Wespe nie wissen. Sein Kollege nickte rüber zu seinem Auto und sah fragend aus.
„Ja, Auto ist gut. Hinsetzen.“, sagte Wespe abgehackt und wurde von Schalavsky zu seinem Auto gebracht. Auf dem Beifahrersitz verstaut konnte Wespe die Augen schließen und den Schwindel bezwingen.
Wespe lag noch immer bewegungslos auf dem Beifahrersitz, als plötzlich etwas fest auf sein Bein klopfte. Wespe schrecke hoch und sah sich einem fremden Mann gegenüber, woraufhin er noch mehr erschrak und die Hände zur Verteidigung hochzog. Der Mann zuckte nun auch zurück und hob die Hände. Er sagte etwas, was Wespe nicht verstand, aber er erkannte das der Mann die Uniform eines Sanitäters an hatte. Hinter ihm tauchte Schalavsky wie ein böser Schatten auf und sprach mit dem Gesichtsausdruck, mit dem er sonst Neulinge belehrte. Der Sanitäter sah zu Wespe und sagte was.
„Was?“, erwiderte Wespe.
Der Sanitäter sagte noch etwas.
„Was?“, fragte Wespe nochmal wieder und fragte sich, ob das ein längeres Spiel werden würde. Der Sanitäter hatte noch nicht genug und bevor er dieses Mal ausgeredet hatte, fuhr Wespe schon auf: „Himmel nochmal, ich kann nichts hören!“
Schalavsky verdrehte die Augen, weil er ihm zuvor bestimmt genau das gesagt hatte.
Ein zweiter Sanitäter tauchte mit einer Liege auf und der erste ging Wespe aus dem Weg und deutete auf die Liege.
„Aber-“ Wespe unterbrach sich selbst, als er Schalavskys Gesichtsausdruck sah und seinen deutlichen Fingerzeig, dass er sich gefälligst auf die Liege legen sollte. Grummelnd folgte er dem Befehl. Der zweite Sanitäter sagte etwas zu ihm. Wespe stellte fest, dass es ihm schwerer fiel nachzuvollziehen was die Sanis zu ihm sagten, weil ihre Gesichtsausdrücke professionell neutral blieb. Also blickte er stattdessen Schalavsky an. Seinen Gesichtsausdruck konnte er wesentlich besser lesen. Schalavsky sah nicht besorgter als vorher aus, wobei er Wespes Aufmerksamkeit auf ihm bemerkte und genervter wurde, als er verstand, dass die Sanis Wespe nicht viel gaben, mit dem er arbeiten konnte. Natürlich hätte Wespe nachfragen können, aber er wusste nicht genau welche Fragen er stellen sollte. Schalavsky deutete auf Wespe, dann auf seinen Mund und die beiden Sanitäter. Dann machte er wieder die Gebärde für Verletzungen.
„Ah.“, machte Wespe. „Sie haben nach meinen Verletzungen gefragt.“ Die Sanitäter nickten.
„Also meine Ohren tun weh und ich höre nichts, ich habe Roadburns und vielleicht auch normale burns. Ich glaube nicht, dass was gebrochen ist. Aber ich wurde ordentlich umgehauen.“
Die Sanitäter nickten und machten sich an die Arbeit Wespe zu verkabeln und zu untersuchen.
Wespe hatte wirklich wenig Lust ins Krankenhaus zu kommen, wo er keinen Anhaltspunkt hatte, was los war. Aber als die Sanis ihn abfahrbereit machen, kam kletterte Schalavsky mit an Bord. Und klopfte ihn beruhigend auf die Schulter.
Das Gute an Explosionen war, dass man nicht erst warten musste, bis man untersucht wurde und dass man umfassend das Personal des Krankenhauses kennenlernen durfte. Der HNO-Arzt kam zu erst und dann der Unfallchirurg, der irgendwas gegen Schalavsky hatte. Wespe wusste nicht woran es lag. Vielleicht, weil Schalavsky ihm ein bisschen im Weg war und ihn genau beobachtete. Wespe war umso dankbarer dafür. Er fühlte sich unsicher. Er versuchte die ganze Zeit seine Umgebung im Blick zuhalten. Sein Gehör fehlte ihm besonders, wenn andere Menschen, um ihn waren. Mehr als einmal hatte Wespe sich erschrocken wenn jemand zu dicht an ihm vorbeigegangen war oder ihn angefasst hatte, bevor er die Bewegung gesehen hatte.
Schalavsky bemerkte das natürlich, was auch sonst? Er war nicht umsonst gut in seinem Job. Seit er das gemerkt hatte, war er immer in Wespes Nähe. Entweder hatte er eine Hand an Wespes Schulter oder Arm oder er stand so nah bei ihm, dass Wespe seine Körperwärme spüren konnte. Wenn er doch mal etwas weiter wegging, blieb er in Wespes Sichtfeld und stellte sicher, dass er ihn erst sah bevor er ihm zu nahe kam. Wespe fand es erleichternd sich auf Schalavsky zu konzentrieren. Er war eine Konstante in dem, was die Explosion von ihm hinterlassen hatte. Beinahe hätte sie gar nichts von ihm hinterlassen.
Sein Überlebensinstinkt schob seit der Explosion Überstunden, obwohl er wusste, dass niemand im Krankenhaus ihm etwas tun wollte, aber das hier war nicht logisch. Das hier war, dem Tod so knapp zu entgehen, wie er nur wenige Male erlebt hatte. (Jedes Mal war davon zu viel.) Aber es war das erste Mal, dass er mit einer Verletzung endete, die er nicht versorgen konnte. Er konnte mit einer Schuss- oder Stichwunde umgehen, er konnte gebrochene Knochen schienen, aber wie rettete man einen Sinn?
Außerdem hatte er das Gefühl, dass sich eine Gefahr anschlich, die er nicht sehen konnte. Wespe hatte diese Beschreibung schon in der Vergangenheit gehört. Sie kam von Leuten, die Panikattacken hatten. Wespe hatte oft genug die Hand von jemanden auf seine Brust gelegt und deutliche Atemzüge vorgeführt. Jetzt könnte er nicht mal Schalavsky atmen hören. Aber er war da. Bei seiner rechten Schulter. Er strahlte Wärme ab und Wespe wollte von dieser Wärme in gewickelt werden. Am Rande seines Bewusstseins realisierte Wespe, dass ihm ein Zettel hingehalten wurde. Nach einen Blick darauf stellte Wespe fest, dass er nichts davon lesen konnte.
Schalavsky klopfte sanft gegen seine Schulter. Er deutete auf den Arzt, sich selbst und die Tür.
„Er will, dass Sie gehen?“ Die Vermutung lag nahe, wenn man die Körpersprache der beiden sah. „Warum? Es wäre mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.“ Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und redete wieder mit dem Arzt.
Dann geschah etwas seltsames. Schalavsky hatte diese leicht steife Haltung, die sein Tell bei Lügen war. Warum log er den Arzt an? Der Arzt sah nun zwischen ihnen hin und her.
Bevor Wespe erraten konnte, was los war, hockte sein Kollege auf einmal vor ihm und zwinkerte ihm zu, als hätte nicht bemerkt, dass etwas im Busch war. Schalavsky sprach zu ihm in einer Art und Weise, die sicherlich aufmunternd gewesen wäre, wenn er hören könnte. Als Schalavsky wieder aufstand, beugte er sich etwas mehr vor und küsste Wespes Stirn.
Möglicherweise war Wespe doch tot. Das hier konnte das letzte Delirium sein, dass sein Gehirn noch durchspielte während es ihm schon durch die durchbrochene Schädeldecke auf den Asphalt tropfte. Das Problem war, das hier fühlte sich nicht nach Sterben an, das fühlte sich nach dem Anfang von einigen sehr langen Wochen des Heilungsprozesses an.
„Stimmt was nicht?“ In dem er all seine schauspielerischen Fähigkeiten zusammennahm schaffte er es die Frage gänzlich unbedarft zu stellen. Zumindest glaubte er das, er konnte sich ja nicht hören. „Du siehst besorgt aus.“
Wieder war da die Hand auf seiner Schulter. Warm. Verlässlich. Vielleicht war das hier gar nicht der schlechteste Weg zu gehen, dachte Wespe und lehnte seine Wange gegen Schalavsky Arm. Wieder war da dieses Gefühl, es wäre da eine Gefahr.
Schalavsky trat in sein Blickfeld und sah ihn kritisch an. Er legte eine Hand auf seine Brust und rieb in beruhigenden Kreisen darüber. Wespe hatte was sagen sollten. Dass alles in Ordnung war, aber die Luft zum sprechen fehlte. Schalavskys Hand stoppte ihre Bewegung und drückte stattdessen, leicht gegen das Brustbein, bis Wespe seinen Atem ausstieß, dann hob sich die Hand wieder und Wespe zog einen Atemzug ein, um nahe bei der Hand zu bleiben. Nach ein paar Mal war es einfacher, weil ihm nicht mehr schwindelig war und Sauerstoff wieder bei seinem Gehirn ankam. Es war besser, sicherer sich auf Schalavsky zu konzentrieren und alles andere auszublenden.
Leider war Wespe noch nicht fertig damit das Krankenhauspersonal kennenzulernen. Der Dermatologe kam im Anschluss und als dann noch die Psychiaterin auftauchte und Wespe ihre Karte übergab, sah er sie verwirrt an: „Sie sind sich bewusst, dass ich Sie nicht hören kann, ja? Weil… ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Sie hier vorhaben.“
Wespe sah zu Schalavsky: „Lieg ich falsch? Macht es Sinn, dass sie hier ist?“
Schalavsky schüttelte den Kopf und beruhigte Wespe damit. Anscheinend komplimentierte Schalavsky sie dann auch aus dem Zimmer und sie wurden damit alleine gelassen.
Später lag Wespe in dem Krankenhausbett, was man ihm zugeteilt hatte in einem Einzelraum. Er war sich nicht ganz sicher warum, aber wahrscheinlich hatte Schalavsky da was gedreht. Wenn er das richtig gesehen hatte, stand mittlerweile auch ein uniformierter Beamter vor seiner Tür.
Wespe spürte sein Handy an seiner Seite vibrieren und zog es hervor. Tamina rief an.
„Können Sie ran gehen?“, fragte er Schalavsky.
Schalavsky nahm das Telefon und auch ohne Gehör wusste Wespe, dass Tamina zuerst fragen würde, warum Schalavsky an sein Handy ging. Schalavskys erzählte ihr, was passiert war. Wespe könnte an seinen Lippen Bewegungen „Explosion“ ausmachen und als Schalavsky seinen Blick sah, versuchte er mit seiner freien Hand zu untermalen was er erzählte. Er deutete auf sein Ohr, als er von Wespes Verletzung erzählte. Dann lauschte er Taminas Worten und hob demonstrativ eine Daumen von unten nach oben und deutete auf Wespe. Gute Besserung.
„Danke.“, sagte Wespe. Schalavsky hörte kurz Tamina zu, dann legt er das Handy auf Wespes Bauch und machte eine auffordernde Bewegung: „Okay? Schalavsky zeigt mir gerade an, dass ich reden soll. Also gehe ich davon aus, dass ich erzählen soll, was passiert ist. Also, ich wollte eigentlich nur dieses leerstehende Gebäude untersuchen, wegen den anonymen Tipp und oh... Schalavsky bedeutet mir leider zu reden. Sorry. Ähm ja, ich hab die Bombe gefunden und gesehen dass es keine ist, mit der ich vertraut bin. Schalavsky sieht mich fragend an. Oh ja, ich hab mich mal mit Bomben vertraut gemacht. Aber ich hatte keine Chance die zu zuordnen, also habe ich das Gebäude geräumt und am Auto nach Unterstützung gefunkt. Ich glaube, dabei wurde ich beobachtet weil die Bombe so ziemlich sofort danach gezündet wurde. Ich stand zum Glück hinter dem Auto aber die Druckwelle hat mich trotzdem umgehauen. Das hat ganz schön gescheppert. Oh, Schalavsky schaut, als sollte ich die Klappe halten.“
Wespe schwieg und Schalavskys hörte Tamina zu und runzelte die Stirn bevor er antwortete. Einen Moment später vibrierte das Handy mit einer neuen Nachricht. Tamina war anscheinend darüber übergegangen die komplizierten Fragen direkt zu stellen.
,Hast du gesehen, wer die Bombe gezündet hat?‘
„Ich glaub nicht. Aber um ehrlich zu sein, vertraue ich meinen Erinnerungen von diesem Momenten nicht mehr ganz.“, sagte Wespe und kratzte sich am Kopf.
,Warum wurde die Bombe erst gezündet, als du aus dem Gebäude raus warst?‘
„Wow, das ließt sich als wärst du richtig froh, dass ich überlebt habe.“, sagte Wespe sarkastisch. „Entweder wollte man mich nicht umbringen oder sie haben nicht gesehen, dass ich ins Haus gegangen bin. Ich bin hintenrum rein und vielleicht haben sie mich erst für einen Jogger gehalten, der am Haus vorbei in den Park will.“ Schalavsky bewegte seinen Mund und Wespe sah ihm fragend an. „Tamina, was hat er gesagt? Er hat den Gesichtsausdruck, mit dem er mich sonst auch immer beleidigt.“
,Er sagte, man hat sich wohl eher für einen Junkie gehalten.‘
„Na danke. Egal. Ich bin hinten rein aber vorne wieder raus, weil ich keine Zeit verlieren wollte. Vielleicht haben sie mich da erst gesehen und gezündet. Und weil es die Werkstatt der Pyros war hat das den ganzen Block umgehauen.“
,Du hast echt mehr Glück als Verstand.‘
Schalavsky sprach wieder mit einem frechen Funkeln in den Augen.
„Hat er gerade gesagt, das das keine Kunst ist weil ich keinen Verstand habe?“, fragte Wespe, aber er musste nicht auf Taminas Antwort warten, weil Schalavsky bereits antwortete und nickte. „Frechheit!“
Nach dem sich sie sich von Tamina verabschiedet hatten, ließ sich Wespe ein bisschen mehr in die Kissen sinken. Er dachte angestrengt, darüber nach ob er doch etwas gesehen hatte, vor der Explosion, die ihn fast das Leben gekostet hatte. War jemand in der Nähe gewesen? Er versuchte sich daran zu erinnern, wie alles abgelaufen war. Nach einigen Minuten seufzte er und schüttelte den Kopf: „Ich erinnere mich nicht daran irgendwas verdächtiges gesehen zu haben. Keine Ahnung, wer die Bombe gezündet hat.“
Schalavsky klopfte ihm sanft aus Bein zur Aufmunterung.
„Sie müssen aber nicht die ganze Zeit hier bleiben. Ich komm schon klar.“, sagte Wespe tapfer. Schalavsky schüttelte den Kopf und blieb demonstrativ sitzen.
Wespe lächelte und schaute auf sein Handy, um zu überprüfen, ob er irgendwelche Hinweis ein seinen Nachrichten oder der Bildergalerie fand. Er stellte fest, dass er ein Foto von der Bombe gemacht hatte. Nicht schlecht, Vergangenheits-Wespe.
Als er auf sah, bemerkte er, dass Schalavsky ihn amüsiert ansah und fragend eine Augenbraue hob. Wespe sah fragend zurück. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Fingerspitzen gegen Wespes Hals. Erst da bemerkt Wespe die Vibration. Anscheinend hatte er unbewusst gesummt. Wespe lächelt rund zuckte mit den Schultern: „Sorry. Hab ich gar nicht bemerkt.“ Schalavsky sagte etwas. „Jaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.“ Schalavsky lachte leicht auf. Und Wespe wollte mehr davon sehen, aber bevorzugt wenn er wieder hören könnte. Falls er wieder hören konnte. Wespe verzog ein bisschen das Gesicht und drückte diesen Gedanken wieder runter.
Schalavsky klopfte ihm aufs Bein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wespe räusperte sich und zeigte das Bild von der Bombe, dass er gemacht hatte. „Scheinbar habe ich ein Bild gemacht.“
Schalavsky griff nach dem Handy und sah sich das Bild an. Er deutete auf das Bild und dann auf sich.
„Ja, ich schicke Ihnen das.“, sagte Wespe.
„Ich glaub, ich werde versuchen ein bisschen zu Schlafen. Sie müssen nicht die ganze Zeit hier bleiben. Es ist schon spät.“
Schalavsky winkte ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Wespe lächelte ein wenig und schloss seine Augen. Er brauchte definitiv etwas Schlaf.
Wespe wurde aus seinem nahendem Schlummer gerissen, als er einen Luftzug spüre. Er öffnete die Augen und sah, wie Glockner in den Raum spazierte.
„Hey, Kommissar Glockner.“, begrüßte Wespe seinen Vorgesetzten und konnte an seinen Lippenbewegungen einen ähnlichen Gruß ablesen. Dann sah Glockner fragend aus und Wespe schaute nur zu Schalavsky, der in eine Erklärung überging, was geschehen war, welche Informationen sie bisher hatten und wie der aktuelle Stand war. Zumindest vermutete Wespe das. Das war am Wahrscheinlichsten. Als sie zu einer Pause gekommen waren sah meldete Wespe sich: „Warum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige der ihnen in die Quere kam.“
Glockner sagte etwas und Schalavsky machte eine eine Gebärde mit beiden Fäusten.
Wespe runzelte die Stirn und dachte scharf nach: „...Sicherheit? Zu meiner Sicherheit oder nur um sicher zu gehen?“
Schalavsky zeigte zwei Finger für die zweite Option.
Glockner nickte ihm anerkennend zu und schien sich dann zu verabschieden, weil er Wespe winkte.
„Nehmen Sie ihn endlich mit?“, fragte Wespe und deutete auf Schalavsky. „Er sollte auch etwas Schlaf bekommen.“ Glockner blickte Schalavsky an und eine kurze Diskussion entbrannte, in der Schalavsky wohl den Kürzeren zog. Seine Schultern sackten etwas ab, als er seufzte und seine Jacke nahm. Er klopfte Wespe zum Abschied auf das Bein. (Kein Gute-Nacht-Kuss?)
„Gute Nacht!“, rief Wespe ihnen nach und winkte. Schalavsky hob die Hand und schaute nochmal zu Wespe bevor er die Deckenbeleuchtung aus machte, sodass nur doch die kleiner Lampe über dem Bett Licht spendete.
Dann fiel die Tür zu und Wespe war alleine. Es war seltsam, dass sich nicht viel veränderte. Da er die ganze Zeit in Stille war, konnte er jetzt nicht mal den Unterschied ausmachen.
Er gähnte. Er sollte schlafen. Am nächsten Tag würde er mehr Untersuchungen und Therapien über sich ergehen lassen. Aber nach der Erfahrung zu schlafen fiel ihm auch schwer. Zu Hause hätte er sich vielleicht Meeresrauschen oder Regengeräusche angemacht, aber auch das ging jetzt nicht mehr. Vielleicht würde er nie wieder etwas hören.
Etwa 16 Stunden zuvor:
Für Schalavsky hatte dieser Tag wie so viele angefangen. Frühstück, (dass aus einer Tasse Kaffee bestand), Fahrt zur Arbeit, (die ihn den Glauben an die Menschheit kostete), Eintreffen im Präsidium (ein weiterer Kaffee), sich bei Salah darüber beschweren, dass Wespe beinahe zu spät war (nur um dann festzustellen, dass Wespe scheinbar privat Ermittlungen angestellt hatte). Aber natürlich würde der Tag nicht wie so viele andere enden.
„Wir hatten doch letztens diesen Einbruch bei dem Chemikalienhersteller.“, sagte Wespe aufgeregt und kaute einen knusprigen Toast herum. „Mhm, und ich habe erfahren, dass es Diebstähle in einem Baumarkt gegeben hat.“
Schalavsky beobachtete missbilligend die fallenden Krümmel: „Und?“
„Sehen Sie nicht die Sachen, die gestohlen wurden?“, fragte Wespe und hielt ihn demonstrativ die Liste hin.
Schalavsky blickte auf die Liste, die lauter Wörter hatte, die er nicht aussprechen konnte: „Ich sehe sie...“
„Himmel noch mal!“, rief Bienert und warf die Arme in die Luft. „Tamina! Siehst du es?“
„Dass du mal wieder zu wenig Schlaf hattest?“, fragte Tamina und klaute Wespes halbes Toast aus der Hand. „Ja, sehe ich.“
„Ihr beide habt im Chemieunterricht nicht aufgepasst.“, beschwerte sich Wespe ärgerlich. Schalavsky könnte dem nicht wieder sprechen. Von Chemie verstand er nur rudimentäre Abläufe. „Das hier sind die Grundbausteine für eine Bombe.“ Schalavsky richtete sich auf. Tamina fiel fast das Toast aus dem Mund: „Im Ernst?“
„Jaha!“
„Wie groß sprechen wir hier?“, fragte Schalavsky.
Wespe kratzte sich in Nacken: „Mit den Materialien und der richtigen Zusammensetzung kann es bestimmt ein Mehrfamilienhaus platt machen. Wenn allerdings noch mehr besorgt wurde, dessen Spuren wir noch nicht gefunden haben...“ Wespe machte ein unglückliches Gesicht. „Big Boom.“
„Wir müssen schnell was unternehmen.“, sagte Tamina.
„Im besten Fall finden wir die Bombenwerkstatt, aber wie wir das machen ist eine andere Frage.“, sagte Wespe.
„Wie haben Sie überhaupt das hier gefunden?“, fragte Schalavsky. Wespe machte eine beiläufige Handbewegung. „Seit ich den zweiten Einbruch bearbeitet habe, hat irgendwas in meinem Hinterkopf geklingelt. Ich hab aber eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich an dem ‚Zufall‘ störe, dass genau diese Komponenten zur fast gleiche Zeit gestohlen wurden.“
„Beeindruckend.“, sagte Schalavsky aufrichtig. Bienert lachte überrascht auf, als wüsste er nicht, ob er das Kompliment annehmen sollte oder nicht: „Ich werde mich mal ein bisschen umhören. Vielleicht weiß jemand von meinen Bekannten was."
Bienerts Bekannte waren die Kriminellen, die ihn genug mochten, um sich an ihn mit Problemen zu wenden und im Gegenzug auch halfen wenn er ein Anliegen hatte. Schalavsky hieß das nicht gut aber er kannte Wespe mittlerweile genug, um zu wissen, dass er niemanden aus falsch geleiteten Gefühlen der Verbundenheit laufen ließ.
„Gut.“ Schalavsky seufzte. „Ich werde mal die höheren Instanzen anklingeln, dass wir vielleicht bald ein Bombenräumkommando brauchen.“
Es war gegen Mittag, als sich Wespe sich seine Jacke über schmiss und ankündigte, dass er mit jemanden reden wollte.
Schalavsky hatte ein schlechtes Gefühl bei der Sache und fragte, ob er mitkommen sollte, aber Bienert winkte ab. Erstmal müsse er nur mit einer Topfpflanze reden. Es war dann schon Nachmittags, als Schalavsky einen Anruf bekam in dem Wespe angespannter klang. Er hatte einen Tipp zu einem Gebäude bekommen und wollte dem nachgehen.
Schalavsky hatte ihm noch gesagt, dass er warten sollte und ohne Durchsuchungsbefehl ohnehin nicht in ein privates Gebäude eindringen durfte, aber er kannte seinen Kollegen zu gut, um zu glauben, dass das Bienert tatsächlich aufhalten würde. Dennoch hatte er sich eilig aufgemacht zu der mitgeteilten Adresse.
Er war nicht mehr weit entfernt, als er den Knall hörte und einen Moment später spüre, wie sein Auto durchgeschüttelt wurde, als wäre plötzlich eine Sturmfront an ihm vorbeigezogen.
Schalavsky suchte die Skyline ab und erkannte wo in der Ferne Rauch aufstieg.
Kurz darauf kam die Ansage von der Zentrale: „Explosion im Industriegebiet beim Westbahnhof. Möglicherweise Beamter Vorort verletzt.“
Schalavsky trat das Gaspedal durch, als noch die weiteren Anweisungen gefunkt wurden und stellte das Blaulicht aufs Dach. So schnell wie er könnte, aber ohne andere allzu sehr Verkehrsteilnehmer zu gefährden, fuhr er zu dem Ort, den Wespe ihm genannt hatte. Hinter ihm tauchte die Feuerwehr mit dem gleichen Ziel auf.
Schalavsky sah die Rauchsäule nun dunkler und dichter über den Dächern der Millionenstadt aufsteigen. Drei endlose Minuten später sah er das Flackern und dann das brennende Gebäude. Er lenkte seinen Wagen über die entgegen kommende Fahrbahn und parkte auf dem weitläufigen Vorplatz einer der alten Fabriken, damit er der Feuerwehr nicht im Weg stand. Dann sprangt er aus dem Auto und lief die Straße weiter runter. Der Boden war mit Geröll übersät und er musste aufpassen nicht zu stolpern, aber sein Ziel hatte er schon gesehen. Bienerts Wagen stand halb auf der Straße mit zerbrochenen Fenstern und offensichtlich von der Druckwelle aus seiner Parkposition geschoben. Der Wagen war leer.
Schalavsky sah sich um und erkannte einige Meter weiter eine Gestalt deren schwarz gelbes Shirt und auffällige Lederjacke, die so wirkte als hätte sich ein Kleinkind darauf in Graffiti geübt, er immer erkannt hätte. Schalavsky rannte die letzten Meter im Sprint und kam schlitternd zum Stehen. Noch war kein Rettungswagen da, obwohl er auch angefordert worden war. Schalavsky war sich unsicher, ob er Wespe anfassen konnte. Wenn die Explosion sein Rückgrat verletzt hätte, könnte eine falsche Bewegung ihn umbringen. Wenn er denn noch lebte. Schalavsky presste seine Finger an Wespes Hals und spürte einen schnellen Puls.
Dann rührte sich Wespe. Er bewegte Arme und Beine, aber schaffte es nicht sich herumzudrehen. Wenn er sich noch bewegen kommt, war er wenigstens nicht schwerwiegend am Rückgrat verletzt, dachte/hoffte Schalavsky und packte Wespes Schulter, um ihn herumzuziehen. Wespe stieß einen schmerzverzerrten Fluch aus und sah ihm verwirrt an. Blut tropfte aus seinen Haare. Blut war auch unter ihm im sandigen Kiesboden, der in diesem Gebiet die Fußwege und Vorplätze darstellte.
Schalavsky brüllte nach einem Notarzt. Wespe versuchte tiefer einzuatmen und begann zu Husten, was kein Wunder war bei dem Staub, der in der Luft hing. Schalavsky selbst spürte schon das Gefühl von Sand und Staub auf der Haut.
„Bienert, wie geht es Ihnen?“ Wespe reagierte nicht. „Wissen Sie, wo Sie sind? Oder wer Sie sind?“
Es kam keine wirkliche Antwort, außer dass Wespe plötzlich sich zusammen krümmte und die Hände zu den Ohren zog: „Scheiße!“
Der Knall, dachte sich Schalavsky, Bienert hatte den Knall aus nächster Nähe erlebt. Schalavsky sank auf seine Knie und griff nach den Händen seines Kollegen. Wespe hob seinen Blick wieder.
„Der Notarzt ist schon verständigt.“, versuchte Schalavsky ihn zu beruhigen. Dieses Mal bekam er eine Antwort und sie ließ ihn eiskalt werden: „Ich höre Sie nicht.“
„Was?“, fragte Schalavsky und sah Wespe suchend an. Da waren Blutspuren an seinen Ohren. Mindestens geplatzte Trommelfelle.
„Wirklich nicht.“, sagte Bienert kopfschüttelnd. Schalavsky betrachtete seinen Kollegen und versuchte nachzudenken, was er mit einem Kollegen machte, mit dem er nicht mehr reden konnte. Dann erinnerte er sich an eine der wenigen Gebärden, die er konnte. Verletzung. Schalavskys Kenntnisse in der Gebärdensprache reichten gerade mal, um sich mit Vornamen vorzustellen und als Polizist auszuweisen und nach Verletzungen zu fragen. Bienert konnte wohl noch etwas mehr, weil sein letzter Kurs nicht so lange her war, wie Schalavskys. Er hoffte nur, dass Bienert aufgepasst hatte.
„Ob ich verletzt bin?“, riet Wespe und Schalavsky war etwas genervt, dass er verletzt war, verriet das Blut.
„Oh… Ja. Wie sehr ich verletzt bin?“, verstand Wespe nun und seufzte: „Ähm, meine Ohren… offensichtlich. Rede ich zu laut?“ Tatsächlich sprach Wespe unnatürlich laut, aber das war verständlich, wenn er sich selbst nicht mehr korrigieren konnte. Dennoch war die nächste Aussage ruhiger: „Ich habe ein paar Roadburns. Ich glaube, es ist nicht gebrochen, aber trotzdem tut mir alles weh.“ Bienert Hände waren blutig von der Straße und seine Hose hatte es auch an einigen Stellen zerfetzt, wenigstens die Lederjacke hatte ihn ein bisschen vor dem harten Grund geschützt. Allerdings begann nun Blut auch aus Wespes Nase zu laufen. Schalavsky griff schnell ein Taschentuch aus seiner Tasche und hielt es ihm unter die Nase. Wespe griff danach und schien erst beim Anblick des Blutes zu verstehen, dass seine Nase blutete: „Fuck.“
„Was ist passiert?“, fragte Wespe während, er sich das Tuch unter die Nase drückte. Schalavsky deutete auf das brennende Gebäude, dass auch bisher Hitze abstrahlte. Als er wieder angesehen wurde mimte Schalavsky eine Explosion.
„Oh Shit.“, sagte Wespe beeindruckt und erschrocken, als er verstand. „War’s eine Bombe?“ Schalavsky wusste das nicht mit Sicherheit und versuche Wespe verstehen zu geben, dass er der erste vor Ort gewesen war.
Natürlich reichte das Wespe nicht, er wollte auch noch wissen, ob er der Einzige war, der im Gefahrenradius war. Das wusste Schalavsky auch nicht mit Sicherheit. Es wahr kein bewohntes Gebäude, so viel war sicher. Aber ob sich jemand trotzdem innerhalb des Gebäudes befunden hat, war schwer zu sagen.
Schalavsky stand mit protestierenden Knien auf (er war zuvor etwas zu schnell auf die Knie gefallen, sonst war er noch ganz gut in Schuss, dankeschön) und bot Wespe eine Hand zum hoch helfen an. Wespe hob den Arm aber hielt seine verletzte Hand lieber geschlossen, also packte Schalavsky seinen Unterarm und zog ihn hoch.
„Verdammt.“, raunte Wespe und presste die frei Hand vor den Mund. „Uhhh, mir ist schwindelig. Oh man, ich glaub mir wird schlecht.“
Schalavsky griff ihn an den Schultern, um ihn zu stabilisieren: „Entschuldigung, ich hätte mir denken können, dass du keinen Gleichgewichtssinn mehr hast.“ Er bekam keine Antwort, nur angestrengtes Atmen und einige Flüche, bis Bienert sich vorsichtig aufrichtete, weil er nicht mehr der Meinung war sich jeden Moment zu übergeben.
Schalavsky nickte zum Auto und sein Vorschlag wurde angenommen. Auf dem Beifahrersitz konnte Bienert wenigstens bequem abwarten, bis ein Notarzt endlich da war. Schalavsky sah sich besorgt um. Kollegen von der Verkehrspolizei hatten das Gebiet gesperrt, wahrscheinlich war bereits die halbe Stadt in Panik verfallen und der Verkehr zu verstopft, dass er Rettungswagen extra lange brauchte.
Als Schalavsky endlich sah, dass der Rettungswagen kam, winkte er mit beiden Armen, um sie direkt zu ihm zu lotsen.
Einer der Sanitäter sprang aus dem Wagen und kam auf Schalavsky zu.
„Er war direkt vor dem Haus, als die Explosion passierte. Er ist bei Bewusstsein und konnte hier rüber laufen. Aber er hört wohl nichts.“, erklärte Schalavsky.
Der Sanitäter nickte und kniete sich vor in die offene Beifahrertür. Er sprach Wespe laut an, aber es kam keine Reaktion. Erst als er Wespe aufs Bein klopfte schreckte, dieser hoch und zog die Fäuste in einer Verteidigungsposition. Der Sanitäter hob die Hände: „Hey, hey, ganz ruhig. Ich bin vom Rettungsdienst und will Ihnen helfen.“
„Er ist Polizist und verletzt. Wenn Sie ihn erschrecken, wird er natürlich versuchen sich zu verteidigen.“, sagte Schalavsky missbilligend.
„Okay.“, sagte der Sanitäter ruhig. „Versuchen wir es nochmal. Was tut Ihnen weh?“
„Was?“, erwiderte Wespe.
„Ich werde mir einmal Ihren Kopf ansehen.“, erklärte der Sanitäter ruhig.
„Was?“, fragte Wespe etwas ungeduldiger.
Der Sanitäter blieb ruhig: „Ich möchte mir ansehen woher das Bl-“
Wespe unterbrach ihn: „Himmel nochmal, ich kann nichts hören!“
Schalavsky verdrehte die Augen und bemerkte, dass nun der zweite Sanitäter mit der Liege aufgetaucht war. Der erste Sanitäter stand auf und deutete auf die Liege. Immerhin hatte er nun verstanden, wie er sich mit Bienert verständigen konnte.
Als Bienert nun aber Widerworte gab sah Schalavsky ihn streng an. Dafür hatten sie nun wirklich keine Zeit. Bienert erkannte, dass es keinen Sinn hatte und stand schwerfällig aus dem Auto auf. Als der Sanitäter sah, wie sehr er dabei schwankte, hielt er ihn sofort fest und sorgte dafür, dass er sicher auf die Liege kam. Der zweite Sanitäter griff bereits nach Wespes Gesicht und sah ihm mit einer kleinen Stablampe in die Augen: „Was tut Ihnen weh?“
Wespe sah ihn und dann den anderen nachdenklich an. Schließlich blickte er zu Schalavsky. Schalavsky verstand, dass Wespe es schwerer fiel bei den beiden professionellen Fremden zu erraten, was sie wollten. Er entschied sich einzuschreiten und machte erneut die Gebärde für Verletzung.
Sobald er verstand, erklärte Wespe, was ihm wehtat und die Sanis machten sich daran ihn ins Auto zu verfrachten und zu verkabeln. Schalavsky sagte zu ihnen: „Ich werde mit Ihnen mitkommen. Geben Sie mir nur eine Sekunde.“
Schalavsky zog den Schlüssel vom Auto ab, schloss die offenen Türen und verschloss sie. Dann joggte er zu der nächsten Absperrung, wo Kollegen von der Verkehrspolizei eine Sperre errichtet haben.
„Hey, ich bin Schalavsky vom City Revier 1. Mein Partner ist derjenige, der verletzt wurde und ich werde jetzt mit ihm ins Krankenhaus fahren. Könnten Sie sich darum kümmern, dass jemand mein Auto zum Präsidium fährt und dort den Schlüssel abgibt? Sie können ansonsten auch Kommissar Glockner deswegen informieren, vielleicht schickt er dann jemanden her.“
Der Verkehrspolizist hatte einen harten Ausdruck, und nickte gehorsam. Er fühlte wohl so was wie Mitgefühl, dass Schalavsky Partner im Dienst verletzt worden war. „Ich kümmere mich darum.“
„Danke.“, sagte Schalavsky und joggte zurück zum Rettungswagen. Er kletterte hinein und sah, dass sich Wespes Gesichtsausdruck aufhellte, offensichtlich freute er sich, dass Schalavsky hier war. Schalavsky klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und setzte sich so hin, dass er den Sanitätern nicht im Weg war.
Im Krankenhaus blieb Schalavsky an Bienerts Seite, während allen Untersuchungen. Damit machte er sich nicht besonders beliebt, aber der HNO-Arzt hatte am meisten Verständnis dafür, dass ein Patient in dieser Situation gerne eine vertraute Person bei sich haben möchte. Der Unfallchirurg hingegen fand Schalavsky nicht gut.
„Sie können jetzt gehen.“, sagte der Arzt. „Viel können Sie hier ohnehin nicht mehr tun.“
Schalavsky verschränkte die Arme und nickte zu Wespe: „Ich werde nicht gehen, bevor er mir nicht sagt, dass ich gehen soll.“ Der Art sah unzufrieden aus und kritzelte etwas auf einen Zettel. Wespe wurde der Zettel hingehalten.
„Mannomann. Das kann ja keiner lesen!“, stellte Wespe erstaunt fest. Schalavsky klopfte gegen Wespes Schulter. Als Wespe ihn ansah zeigte er auf den Arzt, dann auf sich selbst und auf die Tür.
„Er will, dass Sie gehen?“, fragte Wespe. „Warum? Es wäre mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.“ Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und drehte sich zum Arzt: „Wie sie sehen, möchte er, dass ich hier bleibe!“
Der Arzt schien einen anderen Plan zu hegen: „Gut, sobald wir ihn aber auf die Intensivstation legen, dürfen nur noch Angehörige zu ihm... keine Kollegen.“
Schalavsky machte der Job zu lange, um nicht im Angesicht von Arschlöchern ruhig zu bleiben und schnell mit einem Bluff bei der Hand zu sein: „Wie gut, dass ich sein Verlobter bin.“ Schalavsky ging ganz stark davon aus das der Unsinn mit den Angehörigen erlogen war und daher hatte er kein Problem auch zu lügen.
Der Arzt sah zwischen ihnen umher. Wespe sah nachdenklich zurück, als würde er erraten wollen worum es ging.
Schalavsky hockte sich vor ihm hin und zwinkerte ihm auffällig zu: „Mach dir keine Sorgen, ich bleibe bei dir.“ Wespe lächelte und nickte, obwohl er noch nicht ganz verstand was los war. Als Schalavsky wieder aufstand, küsste er Wespes Stirn und der schaffte es haarscharf nicht seinen Shit zu verlieren.
„Stimmt was nicht?“ Wespe wusste, dass etwas nicht stimmen konnte, weil er gerade von Schalavsky geküsst worden war. Aber Wespe wäre auch für seinen Job ungeeignet gewesen, wenn er nicht die deutliche Anspannung gesehen hätte, die zwischen den Arzt und Schalavsky herrschte. Und man mochte eine Menge über Wespe sagen, aber ein schlechter Polizist war er nicht. „Du siehst besorgt aus.“
Schalavsky nickte leicht, aber legte eine Hand auf Wespe Schulter: „Es wird alles wieder gut."
Wespe seufzte erleichtert und legte sein Wange gegen Schalavsky Arm in einer oscarreifen Performance. Schalavsky dachte gerade, für den Moment waren sie in einer guten Situation, als er bemerkte, dass Wespe nicht richtig Atmete. Schalavsky versuchte erst mit sanften Kreisen auf seiner Brust ihn zu beruhigen, bevor er ihm einen richtig Rhythmus vorgab, an dem sich Wespe orientieren konnte.
Nach dem der Unfallchirurg, kam noch der Dermatologe, der zum Glück entspannt war und die Psychiaterin, die um diese Zeit eigentlich bestimmt keine Schicht mehr hatte. Vielleicht hätte sie mit der Panikattacke besser helfen können, aber nicht ohne ein Möglichkeit richtig zu kommunizieren.
Knalltrauma, beziehungsweise Explosionstrauma, hieß die erwartete Diagnose. Schalavsky hatte immer wieder nachgefragt, wie die Prognose aussah und es stellte sich raus, dass Wespe wie so häufig sehr viel Glück gehabt hatte. Dadurch dass er hinter seinem Auto gestanden hatte, war er vor der Druckwelle größtenteils geschützt gewesen, sonst hätte es schlimmer Enden können. Eine solche Druckwelle führte zu Rupturen und Kontusionen und im schlimmeren Fällen zu inneren Blutungen. Bienerts schlimmste Verletzung schien sein Gehör zu sein. Die aufgeschürfte Haut und Platzwunde am Kopf, waren keine großen Probleme. Selbst vor den Splittern, war er größtenteils geschützt gewesen.
Das rechte Ohr war mehr betroffen gewesen als das linke, wahrscheinlich weil Wespe seitlich zum Gebäude gestanden hatte. Allerdings hatten beide Ohren gerissene Trommelfelle und waren nun zum Schutz abgedeckt. Wespe wurde an Infusionen gehängt und möglicherweise würde man ihm am nächtens Tag operieren.
Es hatte einige Stunden gedauert, bis sie endlich in einem Einzelzimmer gebracht wurde, das für die nächsten Wochen Wespes neue Heimat sein würde. Schalavsky hatte dafür gesorgt, dass es ein Einzelzimmer war, weil sie noch nicht wussten, ob die Bombe ein gezielter Anschlag auf Bienert gewesen war, weil er vielleicht zu viel heraus gefunden hatte. Abgesehen davon, hielt der HNO-Arzt es auch besser ihn in einer möglichst ruhigen Umgebung zu halten. Schalavsky zog den Stuhl näher, sodass er neben dem Fußende des Bettes stand und ihn anblickte. Er hatte bemerkt, dass Wespe sprunghaft war, wenn jemand ihn plötzlich berührte, ohne dass er ihn vorher sehen konnte. Deswegen blieb Schalavsky näher bei Wespe, damit er ihn in seiner Nähe spüren konnte, auch wenn er sich nicht in dessen Sichtlinie befand. Und das schien Wespe zu beruhigen. Dort beim Fußende, hatte Wespe ihn die ganze Zeit im Blick, und wenn er seine Aufmerksamkeit erregen wollte, konnte er ihn gegen ein Bein klopfen.
„Können Sie ran gehen?“, fragte Wespe plötzlich und Schalavsky sah von seinem eigenen Handy auf und sah dass Wespe ihm seines reichte. Tamina rief an.
„Schalavsky hier.“
„Wa-warum gehen Sie an Wespes Handy?“, fragte Tamina und Besorgnis tropfte durch ihre Stimme.
„Weil sich unser lieber Kollege dachte, er sieht sich mal eine Explosion vom Nahem an.“ Schalavsky bemerkte Bienerts interessierten Blick und begann zu zeigen über was er sprach. „Er hört aktuell nichts mehr. Wir müssen schauen, wie lange das anhält.“
„Oh, richten Sie ihm Gute Besserung aus.“, sagte Tamina und Schalavsky versuchte das symbolisch rüberzubringen.
„Danke.“, sagte Wespe erfreut.
Tamina seufzte: „Es tut gut seine Stimme zu hören. Können Sie ihn bitten zu erzählen, was passiert ist?“
„Ich versuche es.“ Schalavsky legte das Hand auf Lautsprecher geschaltet (aber sehr leise eingestellt) auf Bienerts Bauch und deutete ihm an zu reden.
Wespe verstand und begann seine Ermittlungsarbeit wiederzugeben. Selbst in diesem Zustand brachte man ihn nur mit einem bösen Blick wieder zum Schweigen, aber Tamina wollte auch noch was sagen. „Warten Sie, ich schick ihm einfach meine Frage. Hast… du… gesehen… wer die… Bombe… gezündet... hat. Fragezeichen.“
Wespe antwortet und es war definitiv die bessere Version eine Konversation zu führen, als mit Händen und Füßen zu gestikulieren. Aber Schalavsky war bei weitem nicht so schnell dabei auf seinem Handy Nachrichten zu schreiben wie die jüngere Generation.
,Du hast echt mehr Glück als Verstand.‘, schickte Tamina zum Ende ihres Gesprächs.
„Bei dem bisschen Verstand, wäre weniger auch schwer möglich.“, murmelte Schalavsky und Tamina kicherte. Wespe sah das sofort und fragte nach, ob er gerade veralbert wurde, was Schalavsky mit einem ehrlichen Nicken bejahte.
Nach der seltsamen Kommunikation, war Bienert nachdenkliche, scheinbar schien er zu überlegen ob er irgendwas vergessen hatte oder eine Schlussfolgerung ziehen konnte. Erfolgreich war er dabei scheinbar nicht, denn ab und zu murmelte er einen Fluch vor sich hin. Schalavsky war sich nicht sicher, ob er sich darüber im Klaren war, dass er immer wieder fluchte. Er schien das fast beiläufig zu machen.
Wespe ging dazu über mit seinem Handy zu spielen und auf einmal summte er. Schalavsky beobachtete ihn interessiert. Bienert konnte sich zwar nicht hören, aber dennoch summte er eine Melodie leise vor sich hin.
Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Schalavsky ihn unentwegt ansah. Schalavsky hob amüsiert eine Augenbraue und Wespe sah fragend zurück. Offenbar hatte er wirklich nicht bemerkt, dass er summte. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Finger gegen Wespes Hals. Das Summen verstummte. „Sorry hab ich gar nicht bemerkt.“
„Ihr Spitzname passt zu Ihnen.“, sagte Schalavsky sanft.
Wespe verdrehte übertrieben die Augen: „Jaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.“ Schalavsky lachte leicht auf. Wenigstens kannte Bienert seine Schwächen. Dann verflog dieser leichte Moment. Bienert Gesichtsausdruck wurde auf eine Weise besorgt, die Schalavsky nicht mochte. Aber wer konnte ihm das verübeln? Er lag hier im Krankenhaus und wusste nicht, ob er gerade einen seiner wichtigsten Sinne eingebüßt hatte. Selbst wenn sein Gehör sich wieder besserte, bestand das Risiko so viel Schaden davon getragen zu haben, dass er seine Arbeit nicht mehr ausführen könnte. Schalavsky mochte nicht daran denken. Endlich hatte er Bienert so weit ein brauchbarer Partner zu sein und sich mit ihm verständigen zu können und da könnte das alles schon wieder vorbei sein?
Aber anstatt über mögliche Sorgen zu sprechen, zeigte Wespe ihm ein Bild von der Bombe, das er scheinbar nur Minuten vor der Explosion gemacht hatte. Das war sehr gut für die Ermittlungen. Schalavsky ließ sich das Bild schicken und mache sich dann daran Glockner zu informieren und das Bild an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Bienert entschied sich dafür etwas Schlaf zu bekommen.
Er schien nicht besonders schnell Schlaf finden zu können und wenn er einnickte, war er kurz darauf wieder wach. Schwierig nach so einem Trauma Schlaf zu finden.
Die Tür öffnete sich und Glockner kam ins Krankenzimmer.
„Hey, Kommissar Glockner,“, sagte Wespe und klang hellwach. Selbst ohne sein Gehör war er immer noch sehr aufmerksam.
„Hallo Wespe, wie geht es Ihnen?“, fragte Kommissar Glockner.
„Er hört nichts mehr.“, sagte Schalavsky. „Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wie sich das entwickelt.“ Schalavsky erzählte was sie bis hierher wussten.
Als er fertig war fragte Wespe: „Warum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige, der ihnen in die Quere kam.“ Selbstverständlich musste Bienert sogar in diesem Zustand erkennen, dass ein Beamter in Uniform vor der Tür stand.
„Sie haben das zu seiner Sicherheit angeordnet?“, fragte Glockner. Schalavsky nickte und machte eine Geste mit beiden Fäusten, die Sicherheit bedeutete.
„Gut, dann mach ich mich jetzt auf den Weg.“, sagte Glockner und winkte Wespe zu.
„Nehmen Sie ihn endlich mit?“ Wespe deutete auf Schalavsky. „Er sollte auch etwas Schlaf bekommen.“
„Er hat recht. Kommen Sie mit, Kollege.“, sagte Glockner freundlich. „Ich fahre Sie nach Hause.“
„Aber ich sollte Bienert nicht alleine lassen.“, sagte Schalavsky besorgt.
„Das ehrt Sie, Herr Kollege, aber wenn Sie hier auf dem Stuhl schlafen, geht’s Ihnen morgen schlechter als ihm.“, sagte Glockner neckend.
Schalavsky wollte nochmal widersprechen aber Glockner hielt ihn auf: „Sie können morgen wieder herkommen.“
Schalavsky gab sich geschlagen. Er nahm seine Jacke vom Stuhl und klopfte Bienert auf das Bein zum Abschied.
„Gute Nacht noch. Und danke.“, sagte Wespe. Schalavsky nickte ihm lächelnd zu und schaltete beim Rausgehen das Deckenlicht aus, sodass Wespe nur noch das Leselicht über seinem Bett hatte.
Als die Tür sich schloss, schaltete Wespe auch das Licht an seinem Bett aus. Er versuchte zu schlafen. Irgendwie. Die Gedanken auszublenden, die sich mit einem möglichen permanenten Hörverlust beschäftigten und die absolute Stille ignorieren, die ihn langsam nervös machte. Es war selten, dass Wespe wirklich nicht schlafen konnte, aber dann machte er sich ein Hörbuch an, oder Regengeräusche. Das ging nun nicht.
„Fuck!“, sagte Wespe in den leeren Raum und hasste es, dass er nicht mal das hören konnte.
Schalavsky hatte eine kurze Nacht. Mit Sicherheit hätte er auch später zur Arbeit kommen können als sonst, aber nach fünf Stunden unruhigem Schlafs war er wieder wach und konnte genau so gut zur Arbeit kommen. Das er das heute auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln tun musste, störte ihn immens.
Dementsprechend verzweifelt sah Schalavsky die Kaffeemaschine im Pausenraum an, die heute entschieden hatte in den Streik zu gehen.
„Guten Morgen!“, rief Tamina zu glücklich. Schalavsky grummelte ein leises „Morgen.“ und wunderte sich, warum er den Geruch von Kaffee halluzinierte. Als er sich umdrehte, stand da Tamina mit vier großen Kaffeebechern in einer Hand. Sie zog einen aus der Transportpappe und reichte ihn Schalavsky: „Ich dachte mir schon, dass Sie dringend einen brauchen. Wie geht’s Ihnen?“
„Okay…?“, antwortete Schalavsky verwirrt. „Mir ist ja nichts passiert.“
Tamina warf ihm einen ihrer nachdenklichen Blicke zu. Schalavsky war sich sicher, dass sie mit diesem Blick versuchte herauszufinden, ob einer ihrer Kollegen wirklich so doof war, wie er/sie sich stellte. Bienert und er bekamen diese Blicke regelmäßig ab.
„Sie haben gesehen, wie ein Kollege ernsthaft verletzt wurde und haben sich die ganze Zeit um ihn gekümmert. Das kann einen auch mitnehmen.“
Schalavsky nickte: „Ja… ich… ich hab schlecht geschlafen, aber ich komme klar.“
„Okay.“, sagte Tamina. „Ich hab heute morgen schon mit Wespe getextet. Ihm geht’s soweit gut. Sie wollen ihn heute Vormittag noch operieren, weil auf seinem rechten Ohr das Trommelfell zu sehr gerissen ist.“ Schalavsky nickte verstehend.
„Heute Nachmittag können wir ihn besuchen, wenn Sie möchten.“, sagte Tamina. Schalavsky nickte dankbar. Für den Moment musste er sich zusammenreißen. Er musste den Mistkerl finden, der die Bombe gebaut hatte.
„Ich habe die Beweise, der Einbrüche mit nochmal angesehen und ein paar Verdächtige, denen wir auf den Zahn fühlen können.“, sagte Tamina. „Die Spurensicherung ist noch nicht besonders weit.“ Schalavsky trank einen Schluck Kaffee: „Sehr gut, lassen Sie uns loslegen.“
„Fuck.“ Wespe schloss das verlorene Snake-Game auf seinem Handy. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Er hatte die Operation hinter sich, aber er sollte noch nicht viel herum laufen. Also war er brav in seinem Bett, zurück gelehnt, aber nicht flach liegend, weil er auch das nicht durfte und zählte die Deckenpaneele und überlegte, ob die Fenster den Regularien entsprachen, schätzte den Infusionsständer auf seine Funktion als mögliche Mordwaffe ein und begann seine Augen absichtlich zu akkommodieren und die gegenüberliegende Wand scharf und unscharf zu stellen. Mit anderen Worten, er war wahnsinnig gelangweilt und etwa eine dreiviertel Stunde davon entfernt sich mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo zu stechen.
Zu seiner Rettung kamen seine Kollegen.
„Hallo!“, sagte Wespe erfreut.
„Hey, Wespe.“, sagte Tamina lächelnd.
„Hallo.“, sagte Schalavsky zurückhaltender.
Wespe schmunzelte: „Ich war selten so froh Ihre Stimme zu hören.“ Schalavsky sah ihn überrascht an: „Sie können wieder hören?“
Bienert wog eine Hand hin und her: „Bisschen ja. Ist alles noch sehr wattig und ich hab konstantes Piepsen, aber immerhin höre ich ein bisschen.“
Tamina stemmte die Hände in die Hüften: „Moment mal, über meine Stimme freust du dich nicht?“
„Du bist wie ne kleine nervige Schwester.“, gab Wespe sofort zurück: „Ohne deine Stimme hätte ich noch ein paar Tage verkraftet.“
Tamina lachte auf: „Sehr frech.“
„Wie geht’s Ihnen?“, fragte Schalavsky. Bienert verzog ein wenig das Gesicht: „Unkraut vergeht nicht und so. Es hilft aber auch, dass sie mir die guten Drogen geben.“ Wespe zwinkerte Schalavsky zu.
„Wow. Das ist ja schlimm.“, stellte Tamina fest. „Ich cringe mich weg. Wie lange musst du noch hierblieben?“
„Ein paar Tage wohl noch.“, sagte Wespe. „Irgendwie machen Explosion die Leute nervös. Ich kann das ja nicht nachvollziehen, aber manche haben einfach dünne Nervenkostüme.“
Tamina lachte auf. Sie war sich bewusst, dass Wespe sie nicht besorgt oder traurig sehen wollte und aus diesem Grund absichtlich sich selbst unbeschwerter darstellte. „Ich dachte, ich fahre bei dir vorbei und hole dir deine Sache. Willst du irgendwas bestimmtes?“
„Bitte bring mir ein paar Bücher.“, bat Wespe aufrichtig. „Mir ist sooo langweilig.“
„Sonst noch was?“, fragte Tamina.
„Nur meine Reisetasche für Notfälle.“, sagte Wespe. Tamina nickte: „Alles klar, ich bin bald wieder da.“ Tamina verließ den Raum und ließ Schalavsky und Wespe alleine.
„Es freut mich, dass es dir besser geht.“, sagte Schalavsky und setzte sich an auf den Besucherstuhl. Wespe nickte: „Ich auch… hören Sie, vielen Dank für alles. Das Sie gestern bei mir waren, hat das Ganze so viel erträglicher gemacht. Und mich vor mehreren Panikattacken bewahrt.“
Schalavsky schüttelte leicht den Kopf: „Du musst sich nicht bedanken.“
„Oh doch.“, sagte Wespe. „Als die Bombe hoch ging, dachte ich wirklich….. das war’s jetzt. Und ich war mir danach noch nicht sicher, ob es nicht doch noch zu Ende gehen könnte mit mir. Aber Sie waren da, die ganze Zeit. Und ganz ehrlich… ich weiß nicht, wie ich das ohne Sie geschafft hätte.“ Wespe zwang sich zu einem langsamen Durchatmen, um die Tränen zurückzuhalten.
Schalavsky griff nach seiner Hand: „Hey… du hast das ganz alleine geschafft. Ich war nur dafür da, ein paar Fragen zu beantworten.“ Wespe lachte schwach auf, als nun doch die Tränen über seine Wangen rollten, er schüttelte den Kopf: „Du bist immer für mich da, wenn ich jemanden brauche. Als einziger.“
Schalavsky lächelte traurig und setzte sich auf Wespes Bettkante. Er griff nach dessen Gesicht und wischte die Tränen weg: „Du bist so beliebt und du hast so viele, die für dich da wären. Gestern war schlimm, und du wirst ein bisschen Zeit brauchen um das zu verarbeiten, aber das schaffst du auch.“
Wespe holte zittrig Atmen: „Sorry… das ist-“
„Das ist okay.“, sagte Schalavsky ruhig und zog ihn in seine Arme. Wespe legte seine Arme um Schalavskys Schultern und hing halb an ihm, als er weiter stockend einatmete und versuchte seine Tränen zu stoppen.
Schalavsky strich ihm mit einer Hand langsam über den Rücken und hatte die andere Hand in seinen Haaren vergraben.
Er ließ Wespe alle Zeit, um wieder zu Ruhe zu kommen und sich langsam aus der Umarmung zu lösen. Als er sich mit einer verbundenen Hand die Tränen aus dem fleckigen Gesicht wischte, hielt die andere weiter Schalavskys Hand fest.
„Ich versteht jetzt, warum die wollten, dass ich mit einer Psychiaterin rede.“, schniefte Wespe halb scherzend. Schalavsky nickte: „Ja. Wobei das nicht deine einzige Option ist.“
Wespe sah ihn fragend an.
„Erzähl deinen Freunden davon.“, sagte Schalavsky aber Wespe verzog das Gesicht, als wolle er das nicht.
„Ruf deine Eltern an.“, riet Schalavsky als Alternative.
Wespe machte eine wegwerfende Bewegung: „Geht nicht.“
Schalavsky horchte auf: „Wieso?“ Hatte er ein Fettnäpfchen erwischt? Nein, Bienerts Eltern lebten noch. Hätte er sich deswegen Sonderurlaub genommen, hätte Schalavsky das mitbekommen.
„Die sind in einem Dschungel ohne Empfang.“, erklärte Wespe. Schalavsky atmete auf: „Na du hast ja ein Glück. Du findest hier fast dein Ende und deine Eltern machen Urlaub.“
Wespe schüttelte schwach den Kopf: „Quatsch. Die machen keinen Urlaub. Die leben da.“
„Deine Eltern leben im Dschungel? Ohne Empfang?“, fragte Schalavsky.
„Meistens ohne Empfang.“, gab Wespe zu.
Schalavsky runzelte die Stirn: „Die wissen aber schon, dass du einen gefährlichen Beruf hast?“
Wespe nickte: „Ja. Schon. Aber sie haben uns so aufgezogen, dass wir unsere Leben eigenständig leben können. Ihr Lebenstraum war es auszuwandern, und als wir groß genug waren, haben sie das gemacht.“ Schalavsky hatte das Gefühl, das klärte eine Frage, die er bisher nicht gehabt hatte: „Wie alt warst du, als deine Eltern ausgewandert sind.“
„Neunzehn.“, sagte Wespe.
„Wann hast du deine Eltern zuletzt gesehen?“, fragte Schalavsky.
„In einem Videoanruf vor vier Monaten. In Echt? Ähm… dreieinhalb Jahre.“, sagte Wespe und sah ihn amüsiert an: „Bist du wirklich überrascht, dass meine Eltern alternde Hippies und Globetrotter sind?“
„Nein.“, sagte Schalavsky und hängte nicht an, dass es ihm darum nicht ging.
Schalavsky dachte an die Dienste, die er zu Weihnachten mit Wespe verbracht hatte und dass Wespe zwar mal einen freien Tag für den Geburtstag seinens Bruders genommen hatte, dass er aber nie die Geburtstage seine Eltern gefeiert hatte. Schalavsky fragte sich, ob er so offen mit allen war, weil ihm die nähere Bindung mit seiner Familie fehlte.
Schalavsky tastete sich weiter vor, obwohl er damit sehr persönlich wurde: „Und warum möchtest du nicht mit deinen Freunden sprechen?“
Wespe verzog das Gesicht: „Ich mag es nicht andere traurig zu machen.“ Schalavsky sah seinen Kollegen nachdenklich an. Hatte Bienert keine Freunde, an die er sich bei Problemen wandte? Aber gut. Scheinbar hatte Bienert sein gesamtes Erwachsenesleben alleine bewältigt. Und auch wenn Schalavsky in dieser Hinsicht nicht anders, war tat es ihm leid, dass Bienert alleine durch all das gegangen war.
„Vielleicht solltest du doch mit der Psychiaterin sprechen. Oder generell mit jemanden.“, sagte Schalavsky. Wespe blickte ihn an, als hätte Schalavsky ihn betrogen: „Und das von dir.“
„Nur weil ich schlechte Gewohnheiten habe, musst du die nicht auch haben.“
„So schlecht sind deine Gewohnheiten nicht.“, sagte Wespe. „Du bist immer da, wenn man dich braucht.“
Schalavsky nickte: „Ich versuche es.“
Wespe sah ihn nun fragend an: „Was war die Nummer mit dem Stirnkuss?“
Schalavsky merkte wie seine Ohren rot wurde: „Ah. Das. Die wollten mich raus werfen, aber ich wollte dich nicht alleine nicht lassen. Also habe ich behauptet, ich sei dein Verlobter.“
Wespe lächelte: „Ach so.“ Er begann zu lachen: „Ich hab wirklich angefangen an meiner geistigen Verfassung zu zweifeln.“ Schalavsky lächelte, halb aus Humor, halb weil er erleichtert war, dass Wespe es entspannt aufnahm. Wespes Lachen verebbte schnell wieder, als sein Kopf es noch nicht mochte: „Urgh, das sollte ich noch nicht machen.“
„Tut noch weh?“, fragte Schalavsky mitfühlend.
„Oh ja.“, sagte Wespe. „Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.“
„Weißt du schon, wie es weiter geht?“, fragte Schalavsky.
Wespe nickte: „Ein paar mal Sauerstofftherapien und wenn das gut anschlägt, darf ich in ein paar Tagen nach Hause und dann bin ich noch eine Weile krankgeschrieben, bis hoffentlich alles wieder in Ordnung ist.“
Schalavsky nickte: „Glaubst du, du bekommst in deiner WG Ruhe?“
Wespe verzog das Gesicht: „Wahrscheinlich nicht. Ich kann ja die Kollegen rufen, wenn die anderen zu laut werden.“
„Die Kollegen werden sich freuen.“, schmunzelte Schalavsky.
„In der Zwischenzeit muss du dir keine Sorge machen, dass jemand wieder die Dienstvorschriften verletzt.“, sagte Wespe.
„Das stimmt wohl.“, gab Schalavsky zu. „Da wird mir direkt was fehlen.“
Wespe lachte beinahe auf, aber hielt sich zurück: „Nicht zum Lachen bringen, bitte.“
„Entschuldige.“, sagte Schalavsky. „Dann sage ich halt nicht, dass ich dich vermissen werde.“
„Ach?“
„Ja, Salah ist unerträglich, wenn sie sich nicht täglich über Klatsch und Tratsch austauschen kann.“, sagte Schalavsky. Wespe grinste und sagte fest leidend: „Ja, das ist wahr… Wenn du mich aber tatsächlich vermisst, können wir uns nach deiner Arbeit treffen und was Essen gehen.“
Schalavsky schien einen Moment länger als nötig darüber nachzudenken: „Du willst mit mir Essen gehen?“
Wespe zuckte mit den Schultern: „Ich hab gehört, das machen Freunde so. Außerdem kann niemand in meiner WG außer mir kochen und mich lassen sie nicht krank oder verletzt kochen.“
„Oh… okay.“, sagte Schalavsky. „Wir können Essen gehen.“
„Gut.“, sagte Wespe. „Dann haben wir ein Date.“
Schalavsky erstarrte und Wespe hätte sich gegen die Stirn geschlagen wenn das nicht zu den Dingen gehörte, die er im Moment nicht machen sollte.
„Da bin ich wieder!“, rief Tamina, als sie die Tür aufstieß. „Habt ihr euch vertragen?“ Schalavsky stand von der Bettkante auf. Wespe hüstelte und nickte schnell: „Klar. Immer.“
„Hier ist deine Tasche mit fünf Büchern, die bereits Lesezeichen drin hatten.“ Tamina stellte die Tasche mit einem lauten Rumpsen auf den Tisch. Wespe zuckte zusammen: „Mhm… danke?“
„Ah. Sorry.“
„Schon gut.“, sagte Wespe.
Schalavsky räusperte sich: „Ich würde mich auf den Weg machen. Ähm… wir sehen uns.“
„Zum Essen?“, fragte Wespe hoffnungsvoll.
„...ja.“
Wespe strahlte, während Schalavsky das Zimmer verließ.
Tamina verschränkte die Arme: „Spuck’s aus. Was geht hier ab?“
Wespe sah sich die gut gezählten Deckenpaneele an. Als Tamina nicht aufhörte ihn anzustarren, bot er an: „Willst du mir mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo stechen?“
Und hier kommt Teil 4, nicht solang wie der vorherige Teil aber mit ein bisschen mehr reiberein
4. Abgestochen.
Wespe wusste, dass er nicht gut darin war Hilfe anzunehmen. Die einzigen, bei denen er das überhaupt durchgehen ließ, waren Tamina und Schalavsky. Bei letzterem hatte er auch keine große Wahl, da Schalavsky aus Prinzip das tat, was nötig war und das inkludierte sich um ihn zu kümmern, auch wenn er sonst immer eine Nervensäge war. Mittlerweile fiel es Wespe auch leichter, Probleme nicht einfach mit sich selbst auszumachen. Das lag auch daran, dass sie mittlerweile mehrfach miteinander Essen waren, während Wespe sich von seinem Bombenstunt erholt hatte. In dieser Zeit war Wespe etwas dünnhäutig gewesen, aber das war für Schalavsky kein Problem gewesen. Er hatte genug Geduld und Aufmunterung für ihn parat gehabt. Schnell wurden diese gemeinsamen Essen zum Highlight in Wespes Genesungstagen. Ihm fiel auch auf, dass nach einigen dieser Dates Schalavsky seine guten Hemden anzog. Vielleicht weil sie sich für ein vornehmeres Restaurant entschieden hatten, als Rico’s Saloon & Bar in dem man Rippchen, Burger und Cocktails zum Bowlen, Billard und Darts spielen gereicht bekam. Wespe selbst hatte sich für dieses Essen auch mehr herausgeputzt. Sein Hemd war zwar immer noch leuchtend orange, aber auch körperbetont und voller spitzer Nieten, weswegen er es sonst nicht zur Arbeit trug. Schalavsky schien es zu zusagen. Zumindest beklagte er sich nicht über das Shirt. Aber bei weiteren gemeinsamen Essen, blieben die besseren Hemden, trotz anderer Lokale.
Wegen diesen Erfahrungen fand Wespe es nun leichter sich an Schalavsky zu wenden, wenn etwas schief lief. Was nicht hieß, dass er das auf die normale Weise machte. Das war ihm von Natur aus zu wider.
Wespe schlenderte in ihr Büro, wo Schalavsky an seinem Schreibtisch saß, und fragte beiläufig: „Hey, Lieblingskollege! Würdest du meinen Antrag für eine neue Stichschutzweste unterschreiben?“
Schalavsky sah langsam von seinem Bildschirm auf und musterte Wespe warnend: „....wenn das deine Art ist mir mitzuteilen, dass du abgestochen wurdest, gibt's Ärger.“
Wespe hatte eine Hand in die Seite gestemmt und winkte mit der anderen Hand ab: „Ach Quatsch.“
Schalavsky seufzte und fragte: „Warum stemmst du die Hand in die Seite?“
„Weil ich von Natur aus sassy bin.“, sagte Wespe stolz. „Könntest du mir bei der Gelegenheit, völlig zufällig natürlich, auch noch den Erste-Hilfe-Kasten geben? Ich würde den ja selbst holen, aber der liegt oben auf dem Schrank und ich muss mir was gezerrt haben, das Strecken fällt mir gerade schwer.“
Schalavsky erhob sich von seinem Stuhl und zeigte befehlend auf Wespes Bürostuhl: „Du setzt dich jetzt sofort in diesem Moment hin!“
Wespe zuckte noch immer ruhig mit den Schultern: „Wenn du das unbedingt willst. Ich hab ja nicht das Gefühl, dass ich sitzen müsste…“
Schalavsky deutete auf den Teppich vor Wespes Füßen: „Und das Blut ist auch kein Grund?“
„Das ist nur dieser neue TikTok Trend. Aderlass. Der letzte Schrei.“
„Ich schreie auch gleich.“, sagte Schalavsky trocken und deutete auf den Stuhl. „Hinsetzten. Ich holte den Kasten.“
Wespe setzte sich sehr langsam auf seinen Schreibtischstuhl und manipulierte ihn so dass er sich weiter zurück legen konnte. Er atmete zittrig aus. Schalavsky kam mit dem Erste-Hilfe-Kasten ins Büro und zog sich Einmalhandschuhe an, obwohl es ein Wunder wäre, wenn Wespe sich nicht schon alle Bestandteile für eine klassische Infektion zugelegt hatte. Schalavsky ging auf die Knie und er zog vorsichtig Wespes Hand weg. Dann hob er das T-Shirt hoch und Wespe hielt es mit der Hand von der kein Blut tropfte hilfreich fest. Schalavsky besah sich die Wunde, was sich schwierig gestaltete, da mittlerweile der ganze Bereich mit verwischtem Blut beschmiert war. Es wirkte so als sei der Stich von vorne gekommen und dann zur Seite hin aus Wespes Fleisch gerissen worden.
„Ah.“, sagte Schalavsky, im Versuch ruhig zu wirken. „Das Messer hatte nicht rausgezogen werden sollen.“
„Oh danke.“, sagte Wespe sarkastisch. „Das sage ich dem Nächsten, der etwas von meinem Bacon haben will.“
Schalavsky brummte nur. Zum Glück war die Stichwunde soweit außen, dass sie nur Fleisch erwischt hatte, aber es blieb die Frage, wie viel Blut Wespe schon verloren hatte.
„Warum bist du nicht direkt zum Arzt?“, fragte Schalavsky, während er sich im Kopf für einen Schlachtplan entschied.
„War mit Kleinert unterwegs.“, sagte Wespe. „Konnte ihn nicht seine erste Verhaftung ganz alleine regeln lassen.“
„Himmel nochmal, Wespe. Eigensicherung geht vor!“, tadelte Schalavsky und drückte eine Kompresse auf die Wunde. „Halt das fest. Mit der sauberen Hand, bitte.“
Wespe ließ seine blutverschmierte Hand wieder sinken: „Zu Befehl, Herr Sanitäter.“ Er schob sich den Saum seines Shirts zwischen die Zähne, um die saubere Hand auf die Kompresse zu drücken.
„Vielleicht ist es dein Mundwerk, dass viele Leute dazu verleitet dich abstechen zu wollen.“, sagte Schalavsky düster und wischte einiges von dem Blut weg.
„Du kenn’ noch mehr die das woll’n?“, fragte Wespe undeutlich.
Schalavsky antwortete ungerührt, als er die Kompresse mit Tape aus dem Verbandskasten festklebte, damit Wespe seine Hand wegnehmen konnte: „Mindestens einen.“
„Oh meinste Messer-Matze. Der will alle abstech’n."
„Dann kenne ich zwei.“, sagte Schalavsky und nahm eine Verbandsrolle.
Wespes nächster Kommentare blieb ihm Hals stecken, als Schalavsky die Rolle auf die Wunde drückte und auch festklebte.
„Kannst du dich ein bisschen aufsetzten?“ Wespe griff nach Schalavskys Schulter, um sich hochzuziehen.
„Du hattest echt Schwein, dass es nur ein bisschen Haut und Polster erwischt hat.“, sagte Schalavsky, während er den Verband um Wespe wickelte.
Wespe fiel sein Shirt aus dem Mund. Er wusste, dass er in den letzten Wochen regelmäßig gut essen war und keine seiner üblichen Sportarten betreiben könnte, aber hatte Schalavsky ihn gerade beleidigt? „Willst du mir gerade sagen, dass mich das Messer nicht getroffen hatte, wenn ich nicht so fett wäre?“
Schalavsky schnaubte und drückte ihm das Shirt wieder in die Hand: „Im Gegenteil, mit noch weniger auf den Knochen hättest es wahrscheinlich deine Organe erwischt.“
Schalavsky wickelte den Verband weiter um Wespe und zog ihn unangenehm fest. Wespe stockte der Atem.
„Ich weiß, sorry.“, sagte Schalavsky. „Aber du hast schon zu viel Blut verloren und wir müssen dich noch lebendig zum Arzt bringen.“
Wespe seufzte: „Ich weiß...“
„Heißt das ich muss dich mal nicht zum Arzt treten?“ Schalavsky wirkte erstaunt.
„.. fährst du mich?“
„Klar.“
Wespe hielt eine Hand hoch und Schalavsky ergriff sie, um ihm aus dem Stuhl zu helfen. Das laufen fiel etwas einfach, wenn er nicht selbst den Druck auf die Wunde aufrecht erhalten musste.
Als Wespe im Auto Probleme damit hatte sich anzuschnallen, ohne alles mit Blut voll zu schmieren, gab Schalavsky ihm feuchte Reinigungstücher aus dem Handschuhfach, den denen er behauptete sie aus Prinzip immer dabei zu haben, aber tatsächlich hatte er sie erst, seit er öfter mit Wespe und Salah zusammen arbeiten musste und die beiden wie Kleinkinder sein konnten.
Wespe schnallte sich an, aber hielt den Gurt von seiner Wunde weg. Sonst starrte er nur aus dem Fenster und summte leise vor sich hin. Schalavsky hatte nun schon mehrfach bemerkt, dass Wespe oft summte. Meistens wenn er alleine war und dann hörte er auch auf, sobald jemand zu ihm kam. Manchmal aber auch, wenn er in Gedanken war oder sich nicht gut fühlte. Wahrscheinlich war es eine Art Selbstberuhigung, die er da betrieb. Am Krankenhaus parkte Schalavsky und Wespe blieb solange im Wagen sitzen bis er herum gekommen war, um ihn raus zu helfen. Das nahm Schalavsky als Erfolg wahr. Normalerweise probierte Wespe erst und gab dann auf wenn er keine Wahl mehr hatte.
Schalavsky ging zum Empfang der Notaufnahme zeigte seinen Ausweis, was meistens ein wenig mit der Wartezeit half und teilte mit was mit Wespe war. Wespe griff sich den Fragebogen und füllte ihn in einer so hohen Geschwindigkeit aus, dass Schalavsky sich wunderte, wie oft Wespe tatsächlich in der Notaufnahme auftauchte.
Warten mussten sie auch dieses Mal nicht lange, was wahrscheinlich daran lag, dass keiner sagen konnte wie viel Blut Wespe zuvor verloren hatte.
Sie wurden in eines der Zimmer geführt.
Eine junge Ärztin kam energisch in den Raum: „Guten Tag, ich bin Dr. Sticherle, was gibt es denn?“
„Guten Tag.“, sagte Wespe höflich und zog sein Shirt aus. „Ich hätte gerne 7 bis 9 Stiche auf der linken Seite.“
Die Ärztin sah ihn kritisch an und griff sich eine Schere, um den Verband zu durchtrennen, als sie die Wundeauflage hob nickte sie anerkennend: „Das war keine schlechte Einschätzung der nötigen Stiche. Wie ist das passiert?“
„Jemand hat mein Style mit Handschellen nicht gefallen.“, sagte Wespe ironisch.
„Wir sind Polizisten und er wurde während einer Verhaftung angegriffen.“, sagte Schalavsky trocken. Der Ärztin nickte: „Verstehe. Na dann wollen wir das mal wieder zumachen.“
Als Wespe wieder zusammen genäht und medikamentiert war bestand er darauf, dass Schalavsky ihn wieder mit zum Revier nahm, obwohl er es sich verdient hätte nach Hause zu gehen. Sie einigten sich drauf, dass Wespe seinen Bericht schreiben durfte, nachdem er sich etwas auf dem Sofa in ihrem Büro ausgeruht hatte.
Während Wespe es sich auf dem Sofa bequem machte, dass niemals zum Liegen konzipiert worden war, ließ Schalavsky ihn etwas Ruhe. Er wollte da ohnehin noch etwas rausfinden.
Schalavsky stellte fest, dass die Beschreibung von Wespe nicht ganz der Wahrheit entsprach. Zuvor war er sich nicht mal sicher, ob die Anfrage nach einer neuen Weste nur ein Gesprächsanfang gewesen war oder ob der Angriff mit dem einen Glückstreffer tatsächlich den seitlichen Gurt erwischt hatte und damit die Weste unbrauchbar geworden war. Aber nun da er sich die Schutzweste ansah, wusste er es besser. Es war nicht nur ein Glückstreffer der Wespe erwischt hatte. Es war einer von mindestens 10 Messerstichen, nur das die anderen von der Weste aufgehalten worden waren. Nur der eine hatte das Seitenband getroffen und durchtrennt. Das brachte Schalavsky aber auch den Gedanken, dass Wespe nicht vor dem Täter gestanden hatte, sondern dass er am Boden gelegen haben musste, während mehrfach auf ihn eingestochen worden war. Schalavsky atmete tief durch. Er war sehr unzufrieden.
Schalavsky fand Max Kleinert im Großraumbüro und kommandierte ihn in einen leeren Vernehmungsraum. Kleiner, der ihn ansah, wie ein getretener Welpe, der noch mehr Ärger erwartete, folgte anstandslos. Kleinert war annähernd so groß wie Schalavsky, aber schlaksig und außerdem stand er nie gerade, sondern machte sich gerne etwas kleiner. Schalavsky sah ihn mit strengen Blick an: „Erzählen Sie mir was passiert ist.“
Kleinert verzog schuldig das Gesicht und trat nervös von einem Bein aufs andere: „Ich bin eingefroren. Wir hatten gerade die drei gestellt, als einer der drei auf Inspektor Bienert losging und ihn Umriss. Und dann sah ich das Messer und ich bin einfach eingefroren. Es tut mir leid.“ Schalavsky runzelte die Stirn. Er hoffte, dass Kleinert seine Berichte strukturierter schrieb. „Was ist dann passiert?“
„Inspektor Bienert hat irgendeinen… Ringkampfmove gemacht und den Typen mit seinen Beinen von sich runter gerissen. Erst da hab ich meine Waffe auf ihn gerichtet.“, sagte Kleinert nervös.
Schalavsky war einerseits froh, dass Kleinert seine Waffe nicht schon vorher auf Wespe und den Angreifer gerichtet hatte, denn wer konnte ahnen was dann passiert wäre? Schalavsky nickte und ließ Kleinert stehen.
„Bienert!“, polterte Schalavsky, als er ins Büro trat. Wespe, der nicht mehr auf dem Sofa lag, sondern an seinem Schreibtisch saß und trotz allem arbeitete, sah überrascht auf: „Was hab ich denn jetzt angestellt?“
„Ich habe die Weste gesehen.“, verkündete Schalavsky düster. Wespe runzelte die Stirn und versuchte den Grund für die Verärgerung zu erraten: „Ah. Sorry, dass ich eine neue brauche?“
Schalavsky machte einen ungeduldigen Laut: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du am Boden lagst und mehrfach auf dich eingestochen wurde?“
„Weil das nicht weiter wichtig war.“, sagte Wepse sofort.
„Nicht wichtig?!“, rief Schalavsky ungläubig.
Wespe zuckte mit den Schultern: „Das ist unser Arbeitsalltag. Dafür haben wir die Westen.“
„Der Typ hatte sich umbringen können!“, schimpfte Schalavsky.
„Wenn das passiert, sage ich sofort Bescheid.“, versprach Wespe flapsig.
Schalavsky ballte frustriert die Fäuste: „Das ist nicht lustig.“
Wespe verdrehte die Augen: „Das ist aber auch kein Grund sich aufzuregen.“ Hätte der Angreifer nicht versucht Wespes Seite zu treffen, sondern den Hals wäre es so schnell zu Ende gewesen, dass Wespe es nicht mal ins Büro geschafft hatte.
„Du sollst mir Bescheid sagen, wenn du verletzt wirst!“, zürnte Schalavsky.
„Hab ich doch!“
Schalavsky reichte das nicht, denn er wetterte weiter: „In vollem Umfang! Was ist, wenn er dir die Rippen gebrochen hätte und du mit Knochensplitter in deiner Lunge endest?“
„Er hat mir aber nichts gebrochen.“, sagte Wespe matt.
Schalavsky zog die Augenbrauen zusammen und sagte entschlossen: „Geh nach Hause.“
Wespe sah ihn verwirrt an und deute auf den PC mit dem halb fertiggestellten Bericht: „Was? Ich dachte, ich-“
Schalavsky unterbrach ihn: „Geh nach Hause! Lass dich von Salah fahren oder ruf dir ein Taxi.“
Wespe schüttelte den Kopf: „Ich kann selbst fahren.“
„Kannst du nicht einmal Rücksicht auf dich nehmen!“, grollte Schalavsky.
Wespe war verwirrt woher all diese Wut kam: „Was?“
„Du kümmerst dich nicht um Dienstvorschriften und nicht um dich selbst! Ist dir irgendwas nicht egal?“
Wespe sah seinen Kollegen entgeistert an: „Was ist denn falsch mit dir? Vorhin war alles gut und jetzt drehst du durch?“
„Weil ich jetzt weiß, was du mir vorhin verschwiegen hast. Warum bist du nicht direkt zum Arzt gefahren?“, tobte Schalavsky. „Und komm mir nicht mit Kleiner nicht alleine lassen. Den hättest du an einen Kollegen verweisen können.“
„Als würdest du nicht jedem Arzt Spinnenfeind sein.“, zankte Wespe sauer. „Ich habe gesehen wie du versucht hast eine Schusswunde zu einem Nadelstich runter zu spielen. Verdammter Heuchler.“
„Ich hab mein Blut nicht einmal quer durchs Revier verteilt!“, brüllte Schalavsky.
„Ja, dieses Mal nicht.“, rief Wespe bissig.
Schalavsky schüttelte wütend über so viel fehlende Einsicht den Kopf: „Geh nach Hause! Und mach dir mal Gedanken zu deiner Arbeitseinstellung!“
Wespe schnaubte und griff nach seiner Jacke: „Die konntest du bei mir doch noch nie leiden.“ Er stürmte aus dem Raum.
Einerseits wollte Schalavsky wissen, wenn er sich verletzte und dann wurde er sauer, wenn ihm Wespe nicht jedes Detail erzählte? Als würde er es nicht ohnehin im Bericht lesen. Oder vertraute er Wespes Berichten nicht? Er mochte nicht immer die beste Arbeitsmoral haben und seine Berichte hatten manchmal noch Tippfehler drin, wenn er zu müde war aber an Details und Kohärenz konnte ihm noch nie jemand was vorwerfen.
Wespe hatte wirklich gehofft, dass sie einander mittlerweile besser verstanden. Schalavsky hatte nichts gesagt, als Wespe ihn im halb weg getretenen Zustand geküsst hatte, er war bei Wespe geblieben, als dieser sich komplett verloren gefühlt hatte. Er war mit ihm Essen gegangen, obwohl Wespe es als Dates bezeichnet hatte und das waren Dates gewesen. Sie hatten über Persönliches geredet, nicht nur über die Arbeit und es war wirklich nett gewesen so die Zeit miteinander zu verbringen. Mit einer anderen Person hätte Wespe am Ende eines solchen Abends einen Kuss geteilt. Bei Schalavsky beschränkte er sich auf neckende Kommantere.
Wespe endete in seinem Auto und taufte die sich die mehrfarbigen Haare.
Schalavsky wollte nicht, dass er noch Auto fuhr, aber Wespe war sauer. Er versuchte wirklich sich in Schalavskys Augen zu beweisen, aber das schien nichts zu bringen. Egal, was er machte es schien Schalavsky nicht zu reichen. Wespe schlug gegen das Lenkrad und fluchte farbenfroh.
Vor einigen Monaten hätte Wespe noch nicht mal den Angriff vor seinen Kollegen erwähnt. Er hätte den Vorgesetzten Bescheid gegeben, die es wissen müsste und den Papierkram erledigt. Damit wäre es dann durch gewesen. Es war auch kein großer Deal gewesen. Wespe war jahrelang auf Steife gewesen und von allen möglichen Leuten angegriffen worden. Wichtig ist nur, dass man sich selbst verteidige und den Angreifer verhaftete. Und genau das hatte er gemacht.
Wespe war sich bewusst, dass es gefährlicher war mit dem jungen Gemüse unterwegs zu sein, als mit erfahrenen Kollegen. Deswegen tat es ihm für Kleinert leid. So früh in seiner Karriere so etwas erlebt zu haben.
Wespe fluchte nochmal und startete dann den Motor. Vielleicht sollte er sich doch krankschreiben lassen. Bisher hatte er sich nur zur Schreibtischarbeit verdonnern lassen. Aber bei so einem Büropartner würde das unerträglich werden.
Schalavsky wurde den Rest des Tages von den meisten Kollegen gemieden. Seine schlechte Laune war legendär und gefürchtet. Wer nichts mit ihm zu besprechen hatte, ging ihm aus dem Weg.
Die Ausnahme dazu war Salah.
Tamina trat in sein und Wespes Büro und setzte sich auf den Stuhl vor Schalavskys Schreibtisch. Sie betrachtete kurz den Blutfleck, den Wespe im Teppich hinterlassen hatte, und sah dann zu Schalavsky: „Was ist passiert?“
„Nichts.“ Schalavsky wusste, dass die Türen nicht dicht genug waren, dass man ihr Streitgespräch nicht auch davor gehört haben musste. Und natürlich hatte es sich herum gesprochen.
„Sie haben sich mit Wespe angeschrien. Das ist seit Jahren nicht mehr passiert.“, sagte Tamina ruhig. „Ich hab schon mitbekommen, dass Wespe verletzt wurde, aber das ist noch kein Grund für einen Streit.“
Schalavsky raufte sich die Haare. Er wollte doch nur, dass Bienert mehr auf sich Acht gab und ehrlich erzählte, was passiert war. Was wenn sich eine Verletzung erst später zeigt sind keiner wusste was passiert war? Schalavsky war nicht gut darin sich zu öffnen. Lieber entfernte er sich eine Kugel, als über seine Gefühle zusprechen. Das hatte er auch schon öfter gemacht. Aber dann wiederum war es vielleicht Zeit was Neues auszuprobieren und Salah hatte eine gute emotionale Intelligenz. Also begann er zu erzählen: „Er hat mir zwar gesagt, dass er verletzt wurde, aber als ich die Weste gesehen habe, habe ich verstanden, dass er am Boden war und mindestens 10 Mal auf ihn eingestochen worden war.“
Tamina stockte der Atmen und sah ihn mit großen Augen an: „Was? War er allein?“ Wenigstens sie hatte eine angemessene Reaktion dazu, stellte Schalavsky zufrieden fest: „Kleinert war bei ihm. Ist eingefroren.“
Taminas Blick verdüsterte sich und unter anderem Umständen hätte er Mitleid mit Kleinert gehabt. Wenn Tamina diesen Blick hatte, wusste jeder dass man richtig Mist gebaut hatte und dass Konsequenzen haben würde.
„Wespe hat es so dargestellt, als wäre es nichts weiter gewesen, nicht dass sich jemand alle Mühe gegeben hatte, ihn durch die Schutzweste hindurch umzubringen.“, sagte Schalavsky. „Warum kann er denn nicht auf sich selbst aufpassen?“
Tamina hatte eine steile Falte auf der Stirn und schien sich ähnliches zu fragen. Aber sie war auch verständnisvoller. „Wespe erkennt Gefahr bei sich selbst nicht an. Er ist da etwas stumpf. Das heißt aber nicht, dass er zu viel Risiken eingeht. Nur, dass er seine Gesundheit nicht an oberster Priorität steht. Er macht das gerne mit sich selbst ab, ohne jemanden zu informieren.“
„Sie müssen mir nicht sagen, dass er ein guter Polizist ist.“, sagte Schalavsky versöhnlich. „Das weiß ich. Ich würde es nur begrüßen, wenn er das noch ein paar Jahre bleiben könnte.“
Tamina seufzte: „Geben Sie ihm etwas Zeit. Er wird schon noch verstehen, dass er so nicht weiter machen kann, ohne uns zu verärgern.“
„Uns?“, harkte Schalavsky nach.
„Oh ja. Sie sind nicht der Einzige, der dem Idioten den Kopf waschen möchte.“, sagte Tamina.
Schalavsky nickte dankbar. Wenigstens war er mit seiner Sorge nicht alleine.
Es war sehr viel später und Schalavsky saß auf seinem Bett, bereit sich Schlafen zu legen, als ihm der Gedanke kam, dass das was Tamina gesagt hatte nicht stimmte. Sie meinte Wespe würde niemanden informieren, wenn er verletzt war. Aber Wespe war zu ihm gekommen. Spezifisch zu ihm ins Büro, wo er nichts anderes zu tun hatte. Auf seine eigene verschrobene Art war Wespe tatsächlich zu ihm gekommen, als er Hilfe brauchte. Schalavsky seufzte.
Nur mal so unter uns... Die 28 zuschlagen dürfte doch kein Problem sein, oder? Ich meine, ich hab 2 die ich heute Abend direkt posten werde und dann arbeite ich an einer dritten. Nur so aus Liebe zum Chaos würde ich das schon feiern, wenn Wesky toppairing wäre.