Überwachung als Thema in der Kunst und der Philosophie
Die Vorstellung, dass es eine Entität gibt, die das Handeln der Menschen beobachtet und sanktioniert ist auch in der früheren Menschheitsgeschichte vorhanden. Ein allmächtiger Gott, der alles sieht und die Menschen für ihre Sünden bestraft ist auch Thema in der niederländischen Malerei des 16. Jahrhunderts, zum Beispiel bei Hieronymus Bosch. Auf der Tafel mit den Sieben Todsünden und den letzten vier Dingen (1505-1510), die dem spanischen König als Prunktisch diente, zeigt er die sieben Todsünden als Tondo in der Mitte des Bildes, deren Zentrum in einem weiteren Kreis Jesus bildet. Die Größenverhältnisse erinnern an ein Auge und verweisen zusammen mit dem Schriftzug „Cave cave d(omin)us videt“ (vgl. Museo Nacional del Prado) auf Gottes Omnipräsenz und Allwissenheit. Das Sehen wird hier mit dem Wissen um die Sünden gleichgesetzt.
Die Bedeutung und Instrumentalisierung von Strafe und Überwachung in Machtverhältnissen beschreibt Michel Foucault in seinem Buch „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“. Er beschreibt darin die Veränderung in der Art und Weise wie sich das Strafsystem in Europa seit dem 18. Jahrhundert verändert hat. Während zunächst die „peinlichen“, körperlichen Strafen vollzogen wurden, die nicht selten den Tod zur Folge hatten, bildet sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine neue Strategie heraus, die fordert, „daß nicht weniger, sondern besser gestraft wird; daß vielleicht mit einer gemilderten Strenge, aber jedenfalls mit größerer Universalität und Notwendigkeit gestraft wird; daß die Strafgewalt tiefer im Gesellschaftskörper verankert wird.“ (FOUCAULT (1976, S. 104) Die Ökonomie der Strafe soll dementsprechend verändert werden. Wenn sich „im Geiste der Menschen die Idee des Verbrechens mit der Idee der Züchtigung unlösbar verbinden [soll]“ (ebd., S. 124), dann darf keine Straftat, darf kein Fehlverhalten ungesehen bleiben. Der Exzess einer Hinrichtung soll durch Kontinuität und Dauer ersetzt (vgl. ebd. S. 111) und in seiner Wirksamkeit erhöht werden. In einem neuen, seine Effekte kalkulierenden Strafsystem, sollte die Strafgewalt mit Zeichen ausgestattet werden und die Strafe weniger mit dem Körper und mehr mit der Vorstellung zu tun haben (vgl. ebd. S. 120). Im Zuge der Disziplinierung der Gesellschaft soll laut Foucault jedem Individuum ein Platz zugewiesen werden (vgl. ebd. S. 184); Schulraum beispielsweise wird zu einer „Lernmaschine umgebaut - aber auch zu einer Überwachungs-, Hierarchisierungs-, Belohnungsmaschine.“ (Ebd. S. 189). Die Schüler werden individualisiert und kategorisiert, eine Vorstellung, die sich in der Idee des digitalen Klassenbuches widerspiegelt, das Leistungen erfasst und Prognosen für die Schüler aufstellt. So können möglichst viele Daten erfasst und genau zugewiesen werden. In der Disziplinierung ist die Strafe letztendlich nur ein Element, das beinahe unsichtbar ist; eine negative Strafe, die vielmehr aus dem Weglassen einer Belohnung besteht, denn so ist sie scheinbar umso weniger körperlich (vgl. ebd. S. 229).
Damit in der Disziplinargesellschaft, wie auch Gilles Deleuze sie beschreibt, alle Individuen beobachtet werden können, braucht es einen Beobachtungsapparat, wie ihn Jeremy Bentham mit seinem Panopticon Ende des 18. Jahrhunderts entworfen hat. Foucault sagt dazu in einem Interview: „In reality power is only exercised at a cost. Obviously, there is an economic cost, and Bentham talks about this. How many overseers will the panopticon need? How much will the machine then cost to run? But there is also a specifically political cost. If you are too violent, you risk provoking revolts.” (LEVIN (2002): S. 98). In demselben Interview sagt Michelle Perrot: „There is a phrase in the Panopticon: ’Each comrade becomes an overseer’.” (Ebd. S 97). Die beiden Zitate verdeutlichen, was für eine maximale Kontrolle notwendig ist und beinhalten auch schon die Idee für die Kontrollgesellschaft, die mit Computern operiert, wie Gilles Deleuze 1990 schreibt (DELEUZE (1990): S. 11).
Besonders interessant ist, wie sich der „Blick“ in der Zeit verändert hat. War es im 16. Jahrhundert der göttliche, moralisch urteilende, verbildlichende Blick, der die Menschen richtet, so tritt ab Ende des 20. Jahrhunderts der mathematische, analytische Blick des maschinellen Sehens an diese Stelle.
Diese Verschiebung wird auch in den Arbeiten von Künstler*innen wie Julia Scher oder Dan Graham deutlich. Julia Schers Videoinstallation „Predictive Engineering“ (1993) besteht aus Video und Soundinstallationen, Barrieren, Kameras, Sensoren, Mikrophonen und Spiegeln und zeigt so verschiedene Kontrollmechanismen. Predictive Engineering dreht sich um die Frage, wie Menschen handeln, wie sie vor allem in der nahen Zukunft handeln. Die Installation Predicitve Enigeering handelt aber auch von der Frage, wie man dafür sorgen kann, dass man tatsächlich das Verhalten der Menschen in der Ausstellung vorhersagen kann. In zwei identischen Fluren wurden die Besucher dazu veranlasst, in den anderen Flur zu laufen, zum Beispiel dadurch, dass sie auf einem Monitor den anderen Flur sahen, durch den nackte Personen liefen. Die Videos auf dem Monitor waren allerdings nicht echt, sondern vorher aufgenommen worden.
In der Arbeit „Time Delay Room I“ (1974) von Dan Graham befindet sich der Betrachter ebenfalls in einer Situation, in der er durch die Videoinstallation irritiert wird und aufgefordert ist, die Bilder auf dem Monitor mit der Wirklichkeit zu vergleichen. In der Installation werden „[z]wei Räume identischer Größe, durch einen Durchgang auf einer Seite verbunden, [...] von Videokameras am Durchgang überwacht. In die vordere Innenwand eines jeden Raums sind zwei Monitore eingelassen, die wiederum von den Überwachungskameras erfasst werden. Der Monitor, den der Besucher aus dem anderen Raum zuerst sieht, zeigt die Wiedergabe in Echtzeit des zweiten Raums. Der zweite Monitor in beiden Räumen zeigt das Verhalten der Besucher durch eine um acht Sekunden verzögerte Bildwiedergabe. Diese Zeitspanne von acht Sekunden ist die äußere Grenze der neurophysiologisch definierbaren Kurzzeitgedächtnisses, das einen unmittelbaren Teil unserer Wahrnehmung der Gegenwart formt und von ›innen‹ beeinflusst. Wenn man sein Abbild von vor acht Sekunden von ›außen‹ auf einem Videomonitor sieht, wird man kaum die zeitliche Distanz wahrnehmen, sondern eher das Bild mit dem gegenwärtigen Verhalten und dem entsprechenden Wahrnehmungszustand in eins setzen. Da dies zu unvereinbaren Eindrücken führt, beginnt man auf diese zu reagieren und befindet sich bereits in einer Feedbackschleife.“ (LEVIN (2002), S. 68). Die Arbeiten setzen sich also sowohl kritisch, als auch spielerisch mit dem Thema Überwachung auseinander.
Deleuze, Gilles (1990): Postskriptum über die Kontrollgesellschaft.
Foucault, Michel (1976): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Levin, Thomas Y. (2002): CTRL (space): rhetorics of surveillance from Bentham to Big Brother. Karlsruhe: ZKM.
Museo Nacional del Prado: https://www.museodelprado.es/en/the-collection/art-work/table-of-the-seven-deadly-sins/3fc0a84e-d77d-4217-b960-8a34b8873b70 (Zuletzt aufgerufen am: 07.03.2018)