Oman, Empty Quarter:
Feine Zelte aufschlagen
Luxuriöses WĂŒstenabenteuer
Von Marc Vorsatz
Es gibt Menschen, die sind mit einer einzigartigen Aura gesegnet. Sie strahlen WĂ€rme, Weisheit und eine positive Energie aus. Ali Asghar ist einer von ihnen. Der MittfĂŒnfziger hĂ€ngte vor 17 Jahren seinen Job auf einem Kreuzfahrtschiff an den Nagel und damit bewusst auch etliche Errungenschaften der modernen Zivilisation, deren Wert er immer öfter in Frage stellte. Seitdem lebt und arbeitet der charismatische Mann in der WĂŒste, ist mittlerweile Manager des Canvas Club Glamping Camps. âEin Handy? Ja natĂŒrlich, ich habe einesâ, lacht Ali. âUm Fotos zu gucken, wenn ich Sehnsucht nach meinen beiden erwachsenen Kindern habe. Hier drauĂen in der WĂŒste gibt es kein Netz, und das ist einer der GrĂŒnde, warum ich hier bin.â
Zum Sonnenuntergang erwarten Ali und sein Team eine kleine Gruppe aus dem deutschsprachigen Raum. Zeit, die komfortablen Zelte herzurichten, das orientalische Abendessen vorzubereiten und ein Holzfeuer im WĂŒstensand zu entfachen. GemĂŒse und Lammfleisch sollen spĂ€ter in der Glut gegart werden. Â
Sarwar, Faheem und Camp-Manager Ali (v.l.n.r.) bereiten das Abendessen fĂŒr die GĂ€ste vor. Foto: Marc Vorsatz
Im letzten wĂ€rmenden Tageslicht kommen die Urlauber stilecht auf Dromedaren daher. WĂŒste bedeutet fĂŒr sie maximale Reduktion zivilisatorischer ReizĂŒberflutung, Wegfall von Erreichbarkeit und AlltagslĂ€rm, dafĂŒr Stille und Entschleunigung sowie die liebenswerte Herausforderung, ein gĂ€nzlich anderes GefĂŒhl fĂŒr Zeit und Raum in einer eigentlich lebensfeindlichen Natur zu entwickeln. Das braucht meist zwei, drei Tage, weiĂ Ali. Oder, wie es der französische Kultautor und Pilot Antoine de Saint-ExupĂ©ry formulierte:
âUnd dennoch liebten wir die WĂŒste. Zuerst ist sie nur Leere und Schweigen, denn sie gibt sich nicht zu Liebschaften von einem Tag her.â
Bei einem Drink im offenen Majlis-Zelt, dem âWohnzimmerâ der Beduinen, lassen die neuen GĂ€ste nach dem Bezug ihrer komfortablen Zelte die ersten intensiven Tage im Oman Revue passieren.
Die Reise in das orientalische Weihrauchland beginnt stilvoll, und zwar im mehrfach preisgekrönten Strandresort The Chedi in der Hauptstadt Maskat, in dem der visionĂ€re belgische Architekt Jean-Michel Gathy traditionelle omanische Baukunst mit schlichtem asiatischem Zen-Design verband. Dann die obligatorischen Highlights: Königliches Opernhaus, die GroĂe Sultan Qaboos Moschee, die verfĂŒhrerisch duftenden LuxusparfĂŒmerien und der quirlige Mutrah Fisch- und GemĂŒsemarkt.
Wer sich bei Datteln oder GewĂŒrzen schon mal im Feilschen geĂŒbt hat, ist auf dem Old Souk klar im Vorteil. Das Angebot an Silber- und Goldschmuck sowie echten und angeblichen AntiquitĂ€ten, feinen Stoffen und weltbestem omanischen Weihrauch, dem âSchweiĂ der Götterâ, der selbst den Odem des Todes zu vertreiben vermochte, ist schier ĂŒberwĂ€ltigend. Die Startpreise allerdings oft auch. Handeln ist Teil der Marktkultur und kann richtig SpaĂ machen, so man sich auf das Ritual einlĂ€sst. Irgendwann einigt man sich in der Mitte und schlĂ€gt freudig ein.
Die Spur eines anderen betörenden Duftes fĂŒhrt ins schroffe Hadschar-Gebirge auf 2000 Meter Höhe. In jedem FrĂŒhjahr verwandeln sich ganze terrassenförmig angelegte BerghĂ€nge bei Jabal Akhdar in ein einziges pinkfarbenes RosenblĂŒtenmeer. Hier stellen die Einheimischen seit Menschgedenken hochwertiges Rosenwasser her. Yahya ist einer von ihnen. Mit seinem KrummsĂ€bel sieht er aus, als wĂ€re er einer von Ali Babas 40 RĂ€ubern und man weiĂ nicht so recht, ob man ihm freiwillig im Dunklen begegnen wollen wĂŒrde. Auch seine kleine ruĂverschmierte Werkstatt hat so gar nichts mit den schicken ParfĂŒmerien und den wohlbetuchten KĂ€uferinnen unten an der KĂŒste in Maskat zu tun, von der er noch nie eine aus der NĂ€he gesehen hat und vermutlich auch nie sehen wird. Seine edle Essens hingegen schon.
Obwohl er Rosenwasser in bester QualitĂ€t herstelle, sei der Markt viel schwieriger geworden. Yahya sieht das Problem neben den gestiegen Kosten seit Corona und der Ukraine auch in den preiswerteren synthetischen DĂŒften. Zudem machte ihm das unbestĂ€ndige Wetter der vergangenen Jahre zu schaffen. Zu lange Trockenphasen, gefolgt von sintflutartigen RegengĂŒssen verhagelten ihm dreimal die Ernte. Also entschieden er und seine Familie, Touristen im eignen Haus zu bekochen und ihnen bei einem gemeinsamen Abendessen einen kleinen Einblick in ihr Familienleben zu gewĂ€hren. FĂŒhlten sich die Besucher auf fernen LĂ€ndern anfangs manchmal wie Eindringlinge an, möchten sie sie heute nicht mehr missen. Die GesprĂ€che sind fĂŒr beide Seiten inspirierend. FĂŒr die Urlauber zudem eine authentische Alternative zum noblen Alila Jabal Akhdar Resort und seinen Restaurants, das in direkter Nachbarschaft am Rande eines steil abfallenden Canyons thront.Â
Das Hadschar-Gebirge bietet zudem fantastische Wanderwege durch tiefe Canyons und abenteuerliche Wadis, die teils recht anspruchsvoll sind und mitunter nach RegenfĂ€llen streckenweise sogar schwimmend gemeistert werden mĂŒssen. Als schönster gilt der Wadi Hawer, inzwischen ein Hotspot fĂŒr omanische und internationale Influencer, die oft weit mehr Haut zeigen als im Sultanat normalerweise ĂŒblich. An Orten wie diesem wird das toleriert, der Spagat zwischen den tradierten Normen des Islam und den visuellen Stimulanzen der Social Media Welt gelingt. Muss er auch, will man doch den internationalen Tourismus behutsam ausbauen. Ăberlaufen ist es zudem nirgends im Oman. Von Overtourism keine Spur.
Der Wadi Hawar im Hadschar-Gebirge gehört inzwischen zu den Hotspots der Influencer-Szene. Foto: Marc Vorsatz
Doch das eigentliche Abenteuer wartet ja noch, bevor die Reise mit einem Badeaufenthalt am tĂŒrkisfarbenen Arabischen Meer ganz im SĂŒden des Sultanats bei Salalah ausklingt:
Die sagenumwobene Rub al-Chali, die gröĂte SandwĂŒste der Welt, die sich von den Vereinigten Arabischen Emiraten ĂŒber Saudi Arabien bis in den Oman und Jemen zieht und so groĂ wie Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen ist. Ort der VerheiĂung und des Todes. Zumindest frĂŒher zu Zeiten der Baumharzkarawanen, als es noch keine StraĂen gab, auf dem Weg zur Königin von Saba und zu den Pharaonen im Alten Ăgypten. 1000 Kilometer nur Sand und Himmel, von ein paar Kamelgerippen und minimalem Bewuchs mal abgesehen. Ohne Kompass oder GPS. Bis zu 60 Grad im Schatten, der zudem Ă€uĂerst selten ist, und zuweilen sogar leichter Nachtfrost. Das Klima hyperarid im Empty Quarter, im Leeren Viertel, wie die WendekreiswĂŒste auch genannt wird. Mit heftigen SandstĂŒrmen, bei denen man nicht mal mehr die Hand vor Augen sieht. Trotzdem Lebensraum von WĂŒstenmĂ€usen und Spinnen und Sehnsuchtsziel von Abenteurern weltweit.
Noch ein kurzer Stopp am letzten Shop vorm Leeren Viertel. Mustapha freut sich ĂŒber jeden Besucher. Viele sind es nicht. Der eine oder andere braucht mal einen Keilriemen, ein paar Chilichips oder Ăl fĂŒr die Pfanne oder den ĂŒberhitzten Motor. Oder will einfach nur Reden, bevor es in die WĂŒste geht. Diejenigen, die den Weg zu dem Pakistani finden, werden sich sicher eine ganze Weile an das markante Gesicht und sein breites Grinsen erinnern. Mustapha könnte glatt die Nummer 419 aus FelliniÂŽs Faces sein.
Irgendwann heiĂt es raus aus den klimatisierten SUVs und aufsatteln. âDie letzten Kilometer hoch oben auf dem RĂŒcken eines Dromedars ist die perfekte Einstimmung auf das Empty Quarter.â Â Camp-Manager Ali spricht aus jahrelanger Erfahrung.
Im wĂ€rmenden Abendlicht erspĂ€ht die Gruppe das Zeltlager zwischen zwei langgezogenen DĂŒnen. Ali und seine Mannen bereiten ihren GĂ€sten einen herzlichen  Empfang. Jeder soll sich wie zuhause fĂŒhlen. Oder besser. Die Nacht bricht schnell herein in der WĂŒste, im Handumdrehen kĂŒhlt es empfindlich ab. KĂŒchenchef Faheem verteilt seine hölzerne Glut im WĂŒstensand, so dass die Funken nur so stieben. Das sei der beste Ofen der Welt, da ist sich Faheem sicher. Â
KĂŒchenchef Faheem verteilt Holzfeuer im WĂŒstensand. GemĂŒse und Fleisch wird in der Glut gegart.   Foto: Marc Vorsatz
Die Hobby-Abenteurer werden ihm spĂ€ter unisono Recht geben, denn die orientalisch abgerundeten  Auberginen, Paprikas und das zarte Lammfleisch sind einfach göttlich, die Vorspeisen aus Hummus, Tabouleh und Co. sowieso. Das fand wohl auch eine WĂŒstenmaus, die sich völlig ungeniert und ohne jegliche Scheu ĂŒber die Essensreste auf den Tellern im vollbesetzten Zelt hermachte. Futter ist schlieĂlich knapp da drauĂen in der WĂŒste und so ein Mensch eh viel zu langsam, um wirklich gefĂ€hrlich zu sein.
Ali beschreibt die Optionen der kommenden Tage. Faulenzen, Lesen des Buches, das man schon ewig lesen wollte, intensive GesprĂ€che, fĂŒr die er und sein Team jederzeit bereit stĂŒnden, ausgedehnte Dromedar-Ausritte in die endlose Weite, schweiĂtreibende Wanderungen auf DĂŒnen, die so hoch seien wie die FernsehtĂŒrme in Europa bis hin zum Sandboarding oder Dune-Bashing mit Jeep.
SpĂ€ter, die ersten Urlauber trĂ€umen lĂ€ngst in ihren gemĂŒtlichen Betten, beginnt Ali freudig im kleinen Kreis, Anekdoten aus der WĂŒste und von Freunden zu erzĂ€hlen. Sie zeichnen das Bild eines sich verĂ€ndernden Sultanats, das die sensible Balance zwischen Tradition und Moderne sucht. Nur bei seiner eigenen Geschichte dĂ€mpft sich Alis Stimme: Als er dem autoritĂ€ren Vater in jungen Jahren die Liebe seines Lebens vorstellte, versagte dieser seine Zustimmung. âWenig spĂ€ter verheirateten mich meine Eltern mit der Kindesmutter, die ich zwar schĂ€tze und achte, aber nicht liebe, nie geliebt habe. Scheidung ist leider noch immer keine Option.â
Nach ein paar Sekunden der Stille, die sich endlos anfĂŒhlen, klingt Alis Bariton wieder kraftvoll und optimistisch. âAber das Sultanat heute, fast vier Jahrzehnte spĂ€ter, ist ein anderes. Viele Omanis studieren in Europa und Amerika. Sie kehren mit liberalen Ideen zurĂŒck und dem Mut, auf neuen Wegen unseren orientalischen Zauber aus 1001 Nacht zu bewahren.â
© 2025 · Marc Vorsatz / MEDIA CREW MITTE
INFOS
AuskĂŒnfte: Offizielle Website des Ministry of Heritage and Tourism: https://experienceoman.om/
Angebot: The Oman Expedition heiĂt das luxuriöse Abenteuer des Spezial-Veranstalters Canvas Club Oman. Vom spektakulĂ€ren Jabal Akhdar Gebirge im Norden mit SUV quer durch die gröĂte SandwĂŒste der Welt, die Rub al-Chali, bis ganz in den SĂŒden nach Salalah ans tĂŒrkisfarbene Meer. 11 Tage inkl. Top-Hotels und edlen Beduinenzelten, Fahrern, Guides, Mahlzeiten, exkl. FlĂŒgen, ab 14.885 Euro, www.canvascluboman.com AuĂergewöhnliche Hotels: Im Gebirge: Auf 2000 Meter Höhe thront das spektakulĂ€r gelegene Alila Jabal Akhdar Resort direkt am Rande eines steil abfallenden Canyons im Herzen des Al Hajar Gebirges. DZ ab ca. 580 Euro inkl. FrĂŒhstĂŒck, www.alilahotels.com/jabalakhdar Am Meer: Das familienfreundliche Strandresort Anantara Al Baleed Salalah offeriert typische omanische WohlfĂŒhlatmosphĂ€re im SĂŒden des Sultanats am Arabischen Meer. Kids/Teens Club, Babysitting. DZ ab ca. 370 Euro. www.anantara.com/de/al-baleed-salalah
Literatur: Gerhard Heck, Nils Spruth: Oman mit extra Reisekarte. Sehr grĂŒndlich recherchierter ReisefĂŒhrer aus dem Hause DuMont. Mit vielen Insidertipps fĂŒr individuelles Entdecken. 25,95 Euro, www.dumontreise.de















