Die Presse, von Trump als ‘Feind des Volkes’ beschimpft, demonstriert täglich, wie frei sie ist und auch künftig bleiben wird, und das Volk will das alles lesen. Die Bundesstaaten lehnen sich auf. Und selbst die Chefs jener amerikanischen Unternehmen, welche von europäischen Linken gern als die Superschurken und natürlichen Verbündeten aller Autokraten und Tyrannen identifiziert werden, sagen diesem Präsidenten ganz offen, dass sie ihn für inkompetent, überfordert und beschränkt halten.
Im Land der Freien, der Heimat der Tapferen kann man also gerade sehen, wie frei die Tapferen, wie tapfer die Freien sind - und womöglich war es noch nie so wichtig, so interessant und erkenntnisstiftend für Europäer, amerikanische Zeitungen, Magazine und Bücher zu lesen, an amerikanischen Universitäten zu studieren, auf youtube die bösesten der politischen Late-Night-Shows anzuschauen, ja teilzuhaben an der amerikanischen kultur, den amerikanischen Diskursen, welche sich, weil der Universalismus der Wesenskern der Vereinigten Staaten ist, nicht nur an Amerikaner, sondern immer auch an alle anderen richten. (…) Was meint also Sigmar Gabriel, immerhin der deutsche Außenminister, wenn er vom 'Ausfall der USA als wichtiger Nation’ spricht und davon, dass 'der Westen ein Stück kleiner’ geworden’ sei. Was meint die Kanzlerin, wenn sie ein ums andere Mal suggeriert, Europa müsse sich auf sich selbst besinnen? (…)
Auf Europa muss man sich nicht besinnen, denn Europa ist ja da (…). Der Westen (…) ist aber mehr, der Westen ist ein Projekt, das Versprechen der Freiheit, Teilhabe, Emanzipation. An diesem Projekt arbeiten weiterhin der Bürgermeister von Pittsburgh, die Reporter der 'New York Times’, die Gouverneure von Washington und New York. Und jener Ex-Gouverneur von Kalifornien, der, mit österreichischem Akzent, seinem Präsidenten diese Videobotschaft übermittelte: 'Ein einzelner Mann kann nicht in der Zeit zurückreisen. Das kann nur ich’. Hasta la vista, Baby!
Seidl, Claudius: Mon Ami, go home! In Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4. juni 2017, Nr. 22, Seite 41.
(via ratlosnetzwerk)