Route de l’Art 18 - Mont Doré, La Bourboule, Ussel - Michel Neuville
Freitag, 11. September Theoretisch geht mein Aufenthalt zu Ende. Praktisch rufe ich erst mal in der Werkstatt an um mich zu vergewissern ob mein Auto schon fertig ist. Und realistisch fehlt noch immer ein klitzekleiner, aber essentieller Ersatzteil. “Aber Madame, wir sind am Land” surrt mir die Dame ins Ohr. Eine Information die nicht Nichtssagender sein kann. Ich überlege, ob es Sinn macht, unrund und forsch zu werden. Ich hab ja auch sowas wie Verpflichtungen. Mit bestimmten Ton verkündige ich, vorm Schließen der Werkstatt da zu sein um mein Auto abzuholen. Basta.
Weil ich noch in Clermont-Ferrand bin, überlege ich, wie ich den Tag am besten anlegen kann um ihn noch optimal nützen zu können, weil es ab morgen ohnehin wieder zurück Richtung Heimat geht ... oder besser gesagt gehen muss. Von wollen kann hier kaum die Rede sein. Auf jeden Fall möchte ich durch das Vulkanland fahren, dass ich vor einigen Jahren schon mal in einem superkurzen Stop besucht habe und total begeistert war. Ich nehme mir meinen trassenatlas den Guide de la Route France von Readers Digest zur Hand, um mir die beste Strecke rauszusuchen. Ich mag ihn wegen der vielen Tipps und Markierungen im Atlas für Sehenswürdigkeiten. Außerdem habe ich mir angewöhnt gefahrene Strecken zu markieren um mich wieder daran erinnern zu können. Somit sind manche Landstriche in Frankreich schon voll fett zugeschmiert, eingeringelt, mit Ausrufezeichen versehen, Post-It’s mit Hotelempfehlungen. Was sich dann beflissentlich selbständig macht, schlägt Wälzer erst auf, und sich ungefragt im Wagen verteilt.
Ich suche mir eine Strecke am Mont Doré und dann auf die andere Seite, also in den Limousin geht. Also fahre ich zuerst immer mal Richtung Issoire und als ich den Mont Doré angeschrieben seh, halte ich mich auf dieser Straße. Ich nehme mal an dass es die D2089 ist, bestimmt sagen kann ich es nicht.
Es ist wunderschön, und es geht mitten ins Vulkanland. Irgendwann passieren wir den Lac de la Cassière wo wir kurze Rast machen. Wo die Riesen ihre Gallensteine im See versenkt haben und die jetzt als Megaliten herausragen. Wir fahren auf riesigen, ausladenden Hochebenen weiter Richtung Mont Doré wo in weiter Ferne die Kraterspitzen in die Höhe ragen und fruchtbare, grüne Weiden unter sich preisgeben. Dazwischen liegen kleine idyllische Weiler und Ortschaften, die wie vom Erdbeben ausgespuckt und zufällig platziert wirken, mit einem feinen, fast zerbrechlich wirkenden Strassennetz verbunden. Was es natürlich nicht ist, wenn man sieht welche monströse Landmaschinen darauf herumdonnern. Die Architektur ist geprägt von Vulkangestein, Dächern aus Granit und Holzfenstern mit blauen oder weißen Fensterläden, machmal auch braun. Die Güterwege bestehen aus rotem, feinen Sand und verschwinden am Horizont, dort wo der Himmel blitzeblau hervorlugt. Ziemlich schnell auch immer wieder mit etwas fies dreinblickenden Haufenwolken, die sich nicht so richtig entschließen können ob sie nun Gewitter machen wollen oder nicht. Wenn man in das Ortszentrum Mont Doré hinabfährt, was einem nicht erspart bleibt, denn die Durchzugsstrasse führt nunmal durch das Zentrum, empfiehlt es sich auf jeden Fall ein wenig in der Fußgängerzone herumzustromern um die Gerüche der Epicerien aufzunehmen, die geräucherte Würste aus der Auvergne, Käse aus dem Limousin und deliziöse französische Weine verkaufen. Sehr touristisch, aber da die Saison schon fast zu Ende ist, teilen wir uns den Marché und unsere Entdeckungstour hauptsächlich mit Einheimischen. Der Markt, den ich hier als sehr teuer empfinde, geht gerade zu Ende und die Standler packen ihre Zelte ein. Ein paar verlassene Hotel an denen bereits der Zahn der Zeit nagt fallen mir ins Auge, daneben prunkvolle Villen aus Vulkangestein mit parkählichen Gartenanlagen. Sowas wie Klein Versailles am Vulkan halt. Prunkvolle Parkhotels, wo Pagen vor der Tür ihre Gäste in Empfang nehmen, mit Balkon Richtung Berge, dessen Türen mit teuren, dicken Vorhängen verhangen sind, lassen ahnen, dass hier eine gewisse finanzkräftige Klientel angesprochen werden will.
In La Bourboule setzt sich der elegante Jet-Set Style mit Kurflair und schon weiter ausladendem Talaspekt weiter fort, die Skigebiete sind ja gleich um die Ecke. Eine elegante Restaurantmeile findet sich an der abgetrennten Durchzugsstrasse, auf der anderen Seite hoch über dem Fluss sind die Thermalquellen und ihre exquisiten Bäderbauten anzutreffen. Wellness, Luxus, Gesundheit mit diesen Schlagworten möchte man hier Besucher anziehen. Die sich wohl schon verzogen haben, oder aber erst auch kommen. Der Himmel ist mittlerweile dicht wolkenverhangen, und es sieht dramatisch nach Regen aus. Es ist 13.30 und ich habe Hunger. Die meisten Restaurants sind geschlossen, die anderen leer. Ich nehme das einzige offene, es sieht sympathisch aus ... Menü gibt’s aber keins mehr. So nehme ich eine Galette aux fromages, sowas wie eine Palatschinke mit 3 Käse drinnen. Sie ist so üppig dass ich sie beim besten Willen nicht bewältigen kann. Aber ich bin satt, pappsatt sogar. Es ist Zeit die Rückfahrt nach Ussel anzudenken, es sind noch 50 km Landstrasse zu bewältigen. Beim Überfahren der Grenze zum Limousin fallen ein paar gelangweilte Tropfen vom Himmel, so richtig mit Herz beginnts nicht zu regnen. In Ussel angekommen fahre ich gleich mal zur Garage und sehe dass der Mechaniker mein Auto gerade am Abstellplatz parkt. Er läuft wieder, wie ich mich freue. Ich parke mich ein und er erklärt mir was gemacht wurde, dass ich im Prinzip jetzt fast einen neuen Motor habe, da der Katalysator komplett ausgetauscht werde. „Mais elle marche maintenant, n’est-ce pas?“ Jetzt gibt er aber Gas, oder? Stellt er fragend fest. Ich gebe den Mietwagen zurück, räume mein Auto wieder ein und damit war’s das auch schon. Null Adminstration, alles klar, wird von Citroen bezahlt. Hach ist das herrlich. Keine Unterschrift, kein gar nix. Einfach superklasse.
So, nun liegt es an mir eine kleine Probefahrt zu machen, ich fahre in Ussel Stadtzentrum, wo es sich ganz herrlich staut, keine Ahnung warum, ist aber so. Ich parke mein Auto bei einer Schule und laufe zu Fuß durch das Zentrum. Eigentlich erwarte ich mir gar nichts weil der Eindruck als ich am Mittwoch hier weg fuhr war nicht berauschend, von wegen Bahnhofsviertel und so. Aber das mittelalterliche Zentrum hat durchaus seinen Reiz, mit seinen verwinkelten Gassen, den Bars und Cafés die bei schönem Frühherbstwetter nun ihre runden Caféhaustischchen mit ihren filigranen Stühlen zwischen den hochaufragenden Häuserzeilen stehen haben. Sie erhaschen gerade noch ein wenig der schon hinter den Giebeln verschwindenden Sonne. Ich stolpere geradewegs in eine Galerie und frage ob ich mich umsehen darf. Der nette Herr, der sich dann selbst als einer der ausstellenden Künstler herausstellt, bejaht freudig. Anscheinend dürften Besucher hier nicht allzuoft anzutreffen sein. Ich bewundere Messingskulpturen, da sie mich an ein Werk meines Kollegen Gerhard Kubassa erinnern, und der Künstler gibt sich zu erkennen. Er heisst Michel Neuville und ist Mitorganisator dieser Galerie. Er stellt sich auch sofort zur Verfügung um mir die anderen ausstellenden Künstler zu präsentieren. Dass mein letzter Tag in Frankreich mit einer Zufallsentdeckung einer Künstler und einer Galerie endet, freut mich ganz besonders. Diese Nacht werde ich in Ussel verbringen und morgen früh Richtung Österreich aufzubrechen. Das Auto ist fertig gepackt. Für diese Nacht habe ich das Grand Hotel ausgewählt, vis-a-vis des abgemoderten Terminus. Die Preise sind gleich, der Qualitätsunterschied haushoch. Davor fahre ich noch zur Werkstatt mit Tankstelle und denke mir, dass es nett wäre, Pierre nochmal zu treffen um mich zu bedanken. Als ich gerade den Tankdeckel öffne, kommt er schon aus der Werkstatt auf mich zu, als ob er auf nichts anderes gewartet hätte als dass ich nun daherkomme um meinen Wagen vollzutanken.Wir wechseln einige Worte bevor er mir den Weg zur Kassa zeigt und verschwindet. Als ich einsteige um loszufahren winkt er mir herzlich lachend zu. Hach, auch sowas gibts ... Ich checke im Grand Hotel ein, mache noch einen kleinen Spaziergang mit Coco, schreibe die letzten Ansichtskarten ... ja, vorher hatte ich halt keine Zeit, grrr ... und speichere die letzte Partie Fotos auf meinen Laptop. Das Zimmer ist sehr zweckgemäß, supersauber, sehr geräumig und ruhig. Das Personal supernett. Perfekt. Dann gibt’s Nachtmahl, in einem Salon der auch ein wenig démodé ist, oder besser ausgedrückt altvaterisch und überelegant. Es wird von den Gästen 85 aufwärts nur geflüstert. Jüngere gibt’s da nicht. Außer mir, das Salonküken sozusagen. Ich bestelle einen kleinen Salat und erhoffe Rettung, die dann aber doch nur in Form eines sehr rapiden Services kommt. Der Salat haut mich nicht aus den Latschen. Hab ja auch keinen Hunger. So gehe ich aufs Zimmer und werde mir bewusst, dass dies der schönste Aufenthalt meines Lebens war bevor ich mich auf die Rückfahrt mache ... Fortsetzung erwünscht ...









