Tag 3389 / Der Entlassungsbericht aus der Suchtklinik präsentiert mir nochmal, was hier Wunderbares aus meinem verkorksten Leben erwachsen ist.
Man wird mit Situationen fertig, wo man früher eingebrochen ist.

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Tag 3389 / Der Entlassungsbericht aus der Suchtklinik präsentiert mir nochmal, was hier Wunderbares aus meinem verkorksten Leben erwachsen ist.
Man wird mit Situationen fertig, wo man früher eingebrochen ist.
Tag 1983 / Jemand vorgelesen aus dem alten 24-Stunden-Buch
Jede Angst, jeder Zweifel sei ein Verrat an Gott
Ich vorgelesen, die 12 Versprechen
Tag 1068 / Eine neue Folge von “Versprechen werden Wirklichkeit”
(vgl. Tag 55) Das 11. Versprechen der AA: "Ohne lange nachzudenken werden wir jetzt mit Situationen fertig, die uns früher umgeworfen haben."
#Konflikte #Rechtsberatung #Ungewissheit #Kleidungkaufen #Einkaufszentrum #ÖffentlicheVerkehrsmittel #Streit #Tränen #unverstanden #verstanden #verzeihen #Abschied
Tag 870 / Heute mal die “Genesenste”
Positiver Wochenrückblick. Auf zufriedene Momente. Auf Glücksgefühl beim Nähen. Aufs mich selbst gelöst, frei, froh gestimmt erlebend beim Sportfest. Auf den Erfolg des Vorstellungsgesprächs. Die gute Vor- und Nachsorge an dem Tag, für den ich Urlaub einreichte. Dass ich auch berichten soll, wenn was gut läuft, hatte im Morgenmeeting der eine gesagt. Nun ist er zwar nicht da, aber ich trag trotzdem das Gute in die Gemeinschaft.
Als ich das Positive berichtete, sehr gezittert. Auch vorher schon, weil ich wusste, dass ich gleich dran bin. Einen kurzen Moment dachte ich, ich werde ohnmächtig. Ich spreche, obwohl es mir schwer fällt. Selbst über Gutes sprechen, fällt schwer.
Ich hatte hier erzählt, dass ich der Frau ein Bein gestellt hab. Dass ich wieder verkürzt hatte auf vier Stunden. Ich hatte erzählt vom unter Tränen Weglaufen beim Sommerfest. Ich hatte in diesem Raum gelassen, als Vati am Telefon klang wie besoffen. Hatte zitternd, weinerlich geklagt, dass das meine dritte Reha nach Saufstopp ist und dass ich die brauche, aber gerne nicht brauchen würde. Heute mal nur Gutes dalassen, aussprechen, berichten können.
Mich belastet nicht so sehr, dass die DRV noch nicht reagiert hat. Mich bedrückt nicht so sehr, dass ich wegen der Mieterhöhung noch nicht weiß, ob sie berechtigt ist.
Mir hat einer ein AA-Buch auf CDs mitgegeben. Ein AA-Hörbuch. Und ich freute mich ab dem Moment der Übergabe darauf, es bei meinen langen Praktikums-Hin- und Rückfahrten hören zu können.
Heute-Spruch: Gott entscheidet. So wie ich es Mittwoch am Morgen hier sagte. Ich entscheide nicht, ob das klappt mit dem Gespräch, mit dem Praktikumsplatz. Ich bin machtlos. In vielerlei Hinsicht. Und doch glaubte ich heute mehr zu haben. Mehr als ich hatte, mehr als ich oft empfinde, zu haben, mehr als viele andere.
Am Ende spricht mich eine an. Neu. In der Entgiftung. Wie lange ich schon dabei bin. In welche Meetings ich sonst noch gehe. Ich hole ihr die AA-Kontaktkarte. Sage was dazu. Einer anderen leihe ich mein Handy, damit sie einen Anruf tätigen kann, begleite sie zum Kiosk. Sie ist aus einer anderen AA-Region, kennt sich nicht aus. Heute geht es mir so gut, habe ich so viel, dass ich zugänglich bin, abgeben, helfen kann. Und da geht die Sonne unter.
Tag 811 / Heute nichts geschafft, außer...
drei Kannen Kaffee gekocht, zwei Kannen heißes Wasser, eingedeckt (mit Hilfe) für 14 Leute, AA-Meeting geleitet, aufgeräumt (mit Hilfe), Rückmeldung (sehr verändert zum Positiven, abgenommen, Gesicht, sprichst ganz anders, toll, Respekt) dankend angenommen, ohne ein "Aber" nachzuschieben.
Tag 665 / Rückblick auf ein ganzes Jahr in Trockenheit
2015 war ich nur 300 Tage trocken. 2016 waren es alle Tage, die es 2016 gab.
Top Tage Tag 374 / “This is the best day of my life” / http://tinyurl.com/go8cjea Tag 597 / Ahoi! Abstinent an der Elbe. / http://tinyurl.com/grrdsss Tag 544 / Ein Himmel wie in Italien / http://tinyurl.com/hwuo7qv Tag 561 / Durch die Nacht mit… Jahwe und Allah / http://tinyurl.com/jq99kkw Tag 422 / Neue innere und äußere Bereitzeit / http://tinyurl.com/hmvd974 Tag 547 / My first convention / http://tinyurl.com/hbhhpa6 Tag 533 / Umprogrammierungserfahrung / http://tinyurl.com/hjsdhho
Top neue abstinente Erfahrungen - erster trockener Sex seit Beginn der Abstinenz - erstes Konzert ohne Alkohol - erstes Ostsee-Nacktbaden im ersten abstinenten Urlaub - erste Demo in Trockenheit - erste Aromatherapieanwendung seit Genesungsbeginn - erste AA-Convention
Top Abstinenzlieder Ed Sheeran / Photograph (Felix Jaehn Remix) / https://www.youtube.com/watch?v=UaTTEx_LYIw Anna Naklab feat. Alle Farben & YOUNOTUS / Supergirl / https://www.youtube.com/watch?v=Sx6JUhftHHE Broods / Free / https://www.youtube.com/watch?v=fuz59vHQBbQ Black Honey / All My Pride / https://www.youtube.com/watch?v=lUxqHbSLQfk Sarah Connor / Wie schön du bist / https://www.youtube.com/watch?v=9YrBF4l1HvU Shlomo Artzi / Du und ich / https://www.youtube.com/watch?v=oFLYdarfGnA Macklemore & Ryan Lewis / St. Ides / https://www.youtube.com/watch?v=MONnwDYFtjM Philipp Dittberner / In Deiner Kleinen Welt (Marv Edit) / https://www.youtube.com/watch?v=APjXmmuxx2E
Top Einkäufe - Adidas Abstinenzschuhe - Bunte Primark Strickjacke - Philips Kopfhörer - getrockneter Chilli - Asos Curve Winterjacke - Fun Factory Dildo - New Look Plus Tunika
Top Skills - Musikhören - Luftboxen - Schreiben - Baden - Brausepulver - Situation verlassen - Entgegengesetzt Handeln (EfdnW, RA und IB sowieso)
Top Blogeinträge Tag 617 / Grow. / http://tinyurl.com/h7cuodx Tag 546 / I am a needing monster / http://tinyurl.com/htwwvpy Tag 489 / Was mich heilt, das sind Worte / http://tinyurl.com/zp5ghyl Tag 408 / fritz ist auf meiner Seite / http://tinyurl.com/z6w862v Tag 426 / Es gibt immer einen Grund zum Trinken // Es gibt keinen Grund zum Trinken / http://tinyurl.com/hrhhufc Tag 448 / An Keksen hochziehen / http://tinyurl.com/h2gg73a Tag 336 / Du bist Du / http://tinyurl.com/zcebdle Tag 435 / Faded / http://tinyurl.com/j2wczc8 Tag 310 / Alcohol is a destroyer / http://tinyurl.com/z9e35d9 Tag 504 / Handgemacht von einer trockenen Alkoholikerin / http://tinyurl.com/zwm8zfm Tag 525 / Exposé DIE TRINKERIN / http://tinyurl.com/jmx7zne Tag 383 / Mein Abstinenzprojekt / http://tinyurl.com/h2xxhv4
Top Meetingaussagen anderer - "...mein Leben so einrichten, dass kein Druck entsteht." - "Es ist so ein Geschenk, nicht mehr trinken zu müssen." - 'Dinge, über die ich mir Sorgen mache, vor denen ich Angst habe, aber keinen Einfluss auf sie, an die Höhere Macht abgeben' - "Die Sucht ist wie ein tropfender Wasserhahn." - "Rejection is God’s protection" - "Wenn's dir hilft, dann mach's doch." - "...Gott bitten, den Tag mit mir zu verbringen." - “Wer trocken bleibt, hat recht.”
Tag 632 / Abstinent im Museum
Einiges ist heute besser als früher: Ich bin aufnahmefähiger. Dreimal mehr Museen. In unterschiedlicheren Vierteln, Ecken, Straßen unterwegs als zur Suchtklinikzeit in der dort angrenzenden Großstadt. Weniger Meetings, weil es weniger gibt. Aber bestimmt auch, weil ich weniger “brauche”. Es ist im November 16 leichter, unbeschwerter, selbstverständlicher trocken zu bleiben als im November 15 - auch wenn Konsumgedanken, -wünsche, -druck nicht vollends erloschen sind. Mein Gehirn funktioniert besser, finde ich. Contra aushalten können (im Kleinen: Tischgespräche, im Großen: Arzt, Psychologin, Sozialarbeiterin). Freitag noch zur Psychologin gesagt, dass ich vor zwei Jahren um diese Zeit (als trinkende Alkoholikerin) kurz nach Beginn der AA-Meetings kam und am Ende sofort weg bin. Dialog- und Interaktionsunfähig. Hier traue mich, vom immer gleichen Weg in die Stadt abzuweichen. Andere Umstiege. Andere Verkehrsmittel. Ginge alles nicht ohne Google Maps.
So sehr ich auch die hohe Meetingdichte in Berlin schätze, so sehr mir das da geholfen hat, so denke ich doch: Ein Alkoholiker in Dresden, in Fulda, in Greifswald, in Saarbrücken ist möglicherweise freier. Gezwungen zur alternativen Freizeitgestaltung in Trockenheit.
Was ich als trockene Alkoholikerin gut machen kann: Museen Schlösser, Burgen Kirchen Einkaufszentren, ohne in die Supermärkte und zu den Fressbuden zu gehen Radtouren Spaziergänge Nachmittags ins Café Morgens / vormittags frühstücken gehen (Hat eine von AA vorgeschlagen, dass wir das mal machen, wenn ich zurück bin.) Tagsüber Kino
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Einiges war früher besser. Da malten Künstler nackte Frauen ohne Aufschrei. Oder es gab da Aufschreie und jetzt hängt es in Museen und man nennt die abartigen Bildnisse Meisterwerke. Früher ergötzten sich Männer an (halb-) nackten Tänzerinnen. Und befanden sich dabei vielleicht weniger in der Schmuddelecke. Politisch korrekt war das mit den exotischen Frauen auch nicht. Heute sitzen Männer vorm Computer. Frauen auch. Was sie da sehen, ist nicht Tanz, eine Ausdrucksform der Kunst, sondern Stand- oder Bewegtbilder von Geschlechtsanbahnungsakten. Heute dürfen auf dem Weihnachtsmarkt in Recklinghausen keine Liebesspielzeuge verkauft werden. Aber ganz viel Zellgift. (“Verwaltung verhindert Stand mit Erotikartikeln”) Heute darf das Hofbräuhaus in Dresden auf einem Banner mit einer Frau werben, der man bis zum Bauchnabel durch den semibedeckten Busen schauen kann. Es trinken Erwachsene um 11.15 Uhr Zellgift im Hotel, auf dem Weihnachtsmarkt um die Frauenkirche und auch in Begleitung ihrer einstelligjungen Kinder an den Stehtischen vor einem Restaurant. Heute wirbt auch der Wiener Feinbäcker mit Glühwein für die kalten Tage. Kein Tee, kein Kaffee, kein Kakao. “1 Glas Glühwein 2,00 €” Früher malten Künstler Stillleben. In den ersten drei Räumen der Neuen Meister hab ich nicht ein Stilleben mit Alkohol oder anderen Drogen gesehen. Obst, häufig Obst, Gemüse auch oder Blumen. Nicht, dass früher unbedingt weniger konsumiert wurde, aber ich glaube kaum, dass Alkohol so allgegenwärtig zur sonntagvormittäglichen Flüssigkeitszufuhr gehörte. Bei AA sagen sie mir manchmal, wenn ich mich über den allgegenwärtigen, belästigenden Konsum beschwere: “Du hast doch früher auch überall getrunken. Was kümmert’s dich?…” Kümmert mich sehr, wenn ich nur noch von Trinkenden umgeben bin, nur bei Trinkern kaufe (gestern), die ihre Kinder zu Trinkern erziehen.
Beim blauweißen sozialen Netzwerk haben wieder 75 bis 85% meiner sogenannten Freunde belanglosen Bullshit gepostet. Selfie mit Glühweinbecher. Selfie bei der Arbeit. Selfie mit Haustier. Nur einer hat mal was in die politische Wachrüttelrichtung geteilt, in der ich auch gerne Statements posten würde, es mich aber vor lauter Bedenken nicht traue. Die rechten Arschlöcher machen einfach. Die verbreiten jeden Tag spontan, unüberlegt mittel- bis dunkelbraunes Gedankenschlecht. Und das wird dann geliked, geteilt und gespeichert. Die Bildungs"elite", die mittlere bis obere Mittelschicht, sowie die Oberschicht verbreitet täglich Updates ihres sozioökonomischen Status. “Wer schweigt, stimmt zu.” Liken und Teilen ersetzt Sprechen, Schreiben und Handeln nicht.
Wenn ich hier im Museum die Tänzerinnen sehe, die Männer erfreuten, frage ich mich: “Was ist schon so schlimm daran, dass ich auch mal für einen Mann ein Korsett und Strapse tragen will, dass mich allein die Vorstellung schon erfreut, jemanden damit anzugeilen, die Mätressenrolle einzunehmen?” Den Aufschrei gegen die Degradierung zum Sexobjekt hat die Gesellschaft mehr verinnerlicht als die Gefahren permanenter Bewusstseinstrübung und Persönlichkeitsveränderung durch Suchtmittelkonsum. Sightseeing in Dresden und die Eltern trinken vormittags Bier. Also sind dann die Kinder den ganzen Tag mit Eltern unterwegs, die erst einen kleinen Alkoholpegel im Blut haben, der dann langsam abgebaut wird (sofern nichts nachkommt). Im Ausnüchterungsprozess der Erwachsenen ist Reizbarkeit keine Seltenheit. “Ich wär gern eine Anti-Alkohol-Aktivistin”, hab ich dem Pfleger am Freitag in einem Anflug von zu viel Mitteilungsbedürfnis offenbart. Freitagabend fühlte ich mich zwischen betrunken und verrückt. Vielleicht durch Übermüdung und Anspannungsabbau.
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Heute sag ich stumm: Tschüssi, Dresden, wor guddi mit dir, nu? Du hast mir gut gefallen. Du tust was gegen die, die deinem weltoffenen Ruf schaden. Du hast viel zu bieten. Ich konnte mir nur Teile erschließen. Dieses Panorama zur blauen Stunde jetzt von der Brücke zwischen Neustadt und Mitte! Schön bist du, Dresden! Und wahnsinnig sauber. “So sauber!” sagte begeistert eine Mitpatientin, die in meiner Geburtsstadt wohnt. So sauber, dass ich nicht wie in Berlin ständig mit gesenktem Blick auf den Bürgersteig starren muss. Wenn du nicht gewesen wärst, Dresden… Ich bin nicht so der Allein-in-die-Natur-Mensch. Hätt ich da viel machen können bei der Klinik. Wanderwege. Kleine sächsische Städte. Nö, Dresden, du warst genau richtig für mich. Anderes brauchte ich nicht. Einer meiner vielen Gründe gegen die große Klinikbustour am Freitag war auch, dass ich mich da nicht auskenne. Keine Fluchtwege zu sicheren Orten. Keine Orientierung. Du bist auch verwirrend, Dresden. Doch manchmal hab ich was wiedererkannt. Einiges hat sich mir erschlossen. Jetzt ist’s übermorgen vorbei. Innerhalb der sechs Wochen dachte ich mehrmals, sie fühlen sich länger an als die dreieinhalb Monate in der anderen Klinik. Jetzt bin ich aufgeregt vor der Fahrt, vor der Rückkehr. Tschüssi! Abstinent in Museen, abstinent in Dresden.
Tag 578 / Ein trockener Dienstag im Oktober
Ich habe einen Teil der bestellten Klamotten zum Hermes PaketShop gebracht. Ich habe die ausgeliehenen DVDs in der Bibliothek zurückgegeben. Ich habe ein Fotoselbstportrait mit Sonnenblume gemacht - so wie vor einer Handvoll Jahren, als ich in der einen Klinik war. Ich habe mich darüber geärgert, dass Beck's immer noch zum alltäglichen Konsum aufruft. (Tag 465) Ich habe einer Touristin das Fernsehturm-Gelber-Himmel-Rosa-Wolken-Foto nachgemacht. Ich habe an einer Gruppe für Suchtkranke teilgenommen.
Ich habe meine Vorhaben des Tages wie geplant umgesetzt, obwohl ich mittags zitterte vor Wut, als mir postalisch von einer Behörde vorgeworfen wurde, dass ich keinen exakten Termin für das Ende meiner Hilfebedürftigkeit nennen kann.
/ "Ohne lange nachzudenken, werden wir jetzt mit Situationen fertig, die uns früher umgeworfen haben." Das 11. Versprechen der Anonymen Alkoholiker (Blaues Buch, Kap. 6) /