Hörspiel Operette als Gentrifizierungskritik
Das gräuliche Festmahl als Radioplay aus Berlin Zu Ostern veröffentlich das Berliner Kollektiv für zeitgenössische Oper*ette tutti d*amore ihre Produktion des Offenbach-Klassikers als Hörspiel. Kostenlos und leicht zugänglich schien es mir gerade die richtige Unterhaltung für einen wolkigen Sonntag.
Das Originalstück von Nestroy, sowie die französische Originaltextfassung ist inhaltlich sehr problematisch. Die rassistische „Indianer“-Faschingsburleske wäre als solche heute absolut nicht aufführbar. Das Berliner kollektiv schafft es die Operette inhaltlich in einen politisch/moralisch korrekten Kontext zu versetzen, und trotzdem die stupide Komik zu erhalten. Im neuen Setting geht es um einen Berliner Klubbesitzer namens Abendwind, der einer Allianz mit Biberhahn, einem Kollegen aus Leipzig erseht, um nicht von gefährlichen Investor:innen aufgekauft und gentrifiziert zu werden. Dabei kommen auch die Kinder der beiden, der Berliner Bär, ein Koch und fast ein wenig Kannibalismus ins Spiel.
So spielt die Operette nun in der Lebenswelt des Oper*ettenkollektivs und bringt auch die Probleme der heutigen Kulturbranche in Großstädten mit ein, wobei Berlin und die Bärensymbolik natürlich besonders präsent sind. Auch musikalisch ist das ganze modernisiert und der Klang dem Thema angepasst, so werden Offenbachs Sätze mit Technobeats ergänzt, was keine Epiphanien erzeugt, aber die eigenen Hörerwartungen unterhaltsam durchschleudert.
Zu Ostern wurde das ganz live über verschiedene Radiosender ausgestrahlt, jetzt gibt es alles zum nachhören einfach hier: https://sphere-radio.net/episoden/das-graeuliche-festmahl-die-ultimative-tutti-damore-radioshow/?fbclid=IwAR3IofB8rzt-XJ87NFq9kBK_oWlPUhEUfAbLaHMIS7sSmkAcA3UKBG0mLws
Corona nicht nur als Hindernis, sondern auch als Chance zu sehen ist eine der großen Herausforderungen dieser Tage. Wie im Einführungstext beschrieben, war die Produktion eigentlich als Live-Aufführung geplant und dann zum Hörspiel umgeschrieben. Sicherlich bestand darin ein großer Mehraufwand für das Team, jedoch gelangt die künstlerische Arbeit auf diese Weise überhaupt ans Licht. Das Hörspiel als Form ist mir selbst eher aus Kindertagen bekannt und ich musste mich wieder kurz daran gewöhnen, doch es stellt gerade für Musiktheaterkunst eine valide Möglichkeit dar, ihre Kunst öffentlich zu verbreiten.
Die gemischte Form ist vielleicht bei der Operette besonders geeignet, wo zum Sachverständnis immer genug Sprechtext vorhanden ist, das ganze aber nicht in einen schwer verdaulichen Podcast ausartet. Der genretypische Klamaukspaß ist dieser Tage natürlich auch jederzeit willkommen. Mir hat es sehr gefallen und hoffentlich gibt es noch ein paar mehr solcher Produktionen. Ach, ich vermisse das Theater, aber so ist es nicht ganz so schlimm.
Hier findet ihr mehr über das Kollektiv: http://www.tuttidamore.de/home.html














