Oldenburgisches Staatstheater – Korea, Frünnen und Demokratie
In letzter Zeit war ich sehr beschäftigt; leider bin ich nicht dazu gekommen meine Einträge hier aufrecht zu erhalten, dafür schreibe ich jetzt recht kurz über die Stücke, die ich kürzlich hier in Oldenburg am Staatstheater sehen konnte (und die ab September wieder zu sehen sind).
Die Wiedervereinigung der beiden Koreas
Ich dachte bei dem Titel zunächst auch gleich an komplizierte Politik, doch es handelt sich um eine Collage meist leichtherziger Liebesszenen, gespielt in immer neuen Konstellationen von einem elfköpfigen Ensemble, das gleichzeitig auch die Zwischenmusiken und Songs performt. Dieser Abend ist perfekt für das ein Date, das erste Treffen mit der Schwiegermutter oder ähnliche soziale Situationen, in denen man gute Stimmung, aber auch Gesprächsthemen braucht. Es gibt eine breite Palette von leichter Unterhaltung und ersten Themen. Letztere, zum Beispiel Abtreibung, Gewalt in der Partnerschaft und Pädophilie werden ausreichend angeschnitten, um beim Getränk nach der Vorstellung gut diskutiert zu werden. Romantische und Verwirrungsreiche Szenen sorgen aber für genug Komik, um nicht zu lang ins Grübeln zu kommen und die Einschübe aus beliebten Popsongs schaffen eine positive Grundstimmung. Mir gefiel besonders der offene Wechsel zwischen verschiedenen Szenen oder der Musiktätigkeiten in der tieferen Bühnenebene. Außerdem fiel mir auf, wie Regisseur Peter Hailer und Bühnenbildner Dirk Becker Boden und Hintergrund aus ihrer Produktion von Gott von Ferdinand von Schirach (vom Beginn der SZ20/21) kreativ wiederverwenden und dadurch die Produktion ein Stück nachhaltiger machen.
https://staatstheater.de/programm/schauspiel/stuecke/die-wiedervereinigung-der-beiden-koreas
Teemlich beste Frünnen
Ich verstehe leider nicht so viel Plattdeutsch, wie meinem Großvater lieb wäre, trotzdem gucke ich mir hin und wieder Produktion aus dem Niederdeutschen Schauspiel an. Teemlich beste Frünnen ist eine plattdeutsche Theaterfassung des populären Films Ziemlich beste Freunde von Olivier Nakache und Éric Toledano. Mir ist besonders aufgefallen, dass der Humor des Stückes (wie der des Filmes) mindestens gute zehn Jahre zurück liegt und unter anderem männliche Homosexualität implizit abwertet; dem Rest das Publikums schien es nicht zu missfallen, das Lachen der Anderen gab mir eher Anlass über den Stand der Gesellschaft nachzudenken.
Für gewöhnlich ist mein Plattdeutsch-Verständnis recht gut, in dieser Produktion sollte jedoch ein bewusster sprachlicher Code geschaffen werden, sodass zunächst nur der Pfleger Driss, der aus einem problematischen sozialen Milieu stammt, hochdeutsch spricht. Der gelähmte Philippe samt betuchter Familie sprechen Platt. Durch die vielen Wechsel kann man sich in das Platt nicht recht eingewöhnen und der Wechsel zwischen schauspielerisch rezitiertem Platt vom professionell dargestellten Phillipe und seinen von Laienschauspieler:innen gespielten Familie erschwert das Verständnis zusätzlich. Generell bin ich für die Modernisierung des Niederdeutschen Theaters, indem wie zum Beispiel hier nicht nur traditionelle, plattdeutsche Themen, zum Beispiel aus dem maritimen Bereich behandelt werden. Allerdings ist die Entwicklung hier nicht ganz gelungen. Trotzdem macht man den Großeltern damit eine Freude.
https://staatstheater.de/programm/stuecke/teemlich-beste-fruennen
Demokratische Sinfonie
Hierzu kann ich leider/zum Glück keinen unvoreingenommenen Beitrag liefern, da ich in einer Hospitanz einen kleinen Beitrag zur Produktion selbst geleistet habe. Aber gerade deshalb möchte ich diese dokumentarische Theaterproduktion hier vorstellen.
Das Ambitionierte Projekt wurde initiiert von Regisseur Kevin Barz und spiegelt mittels direkter Zitate die letzten vier Jahre der aktuellen Legislaturperiode des Bundestages wieder. Die mit Feingefühl gewählten Sätze wurden zu einer Tonspur zusammengefügt und dann wurden sie von Paul Brody direkt auskomponiert, indem er Rhythmus und Melodie der Sprache in Noten ausgedrückt hat. In der Aufführung hören die Schauspieler:innen den Originalton und sprechen simultan mit, damit eine theatral polierte Version im Raum erklingt. Für die Nachvollziehbarkeit kann man die Protokolle zu den Sitzungen, aus denen die Sätze übernommen wurden, online beim Oldenburgischen Staatstheater einsehen. So erklärt klingt es vielleicht sehr verwirrend, aber das Ergebnis ist sehr smooth und die unglaubliche Dichte der Reize, die der Abend bietet, ist durch die Sinfonieübliche Länge von 75 Minuten auch gut zu verdauen.
Ich kann aus meiner Position kein Werturteil abgeben, aber ich muss einfach sagen, dass ich dieses Stück in der aktuellen politischen Situation unglaublich wichtig finde. Während der Proben habe ich bereits viel reflektiert, inwiefern sich Standpunkte innerhalb und zwischen den Parteien verändert haben und auch darüber nachgedacht, wen ich nächsten Monat wählen möchte. Es lohnt sich also besonders als politischer Denkanstoß für die kommenden Zeiten
https://staatstheater.de/programm/schauspiel/stuecke/demokratische-sinfonie








