habe ich dir die erlaubnis gegeben, mich zu analysieren? oder habe ich irgendwie, stillschweigend oder auf magischen wegen den eindruck bei dir erweckt, es sei okay, mich zu analysieren?
das problem mit einer unerbetenen analyse ist, dass diese immer verletzend ist. sie durchdringt die körperliche oder psychische identität und überschreitet die grenze meines ichs, verletzt meine integrität nicht nur auf eine art, sondern auf sehr vielen ebenen.
■ ist sie unerwünscht, was bedeutet, dass du entweder meine wünsche nicht kennst, oder diese nicht respektierst.
■ funktioniert eine analyse nur in einem prozess, der in einem miteinander abläuft. wenn die analyse unerbeten ist, dann ist sie notwendig einseitig. sie speist sich alleine aus deinen beobachtungen und den schlussfolgerungen, die du hieraus in deinem inneren über meine gefühlslage ziehst. ich glaube, ich muss nicht einmal andeuten, dass es mehr projektion deines innenlebens als realität des meinen ist.
■ ist sie bewusst übergriffig. denn eine analyse schafft hierarchie. derjenige, der analysiert behauptet, mehr zu verstehen, als die person, die er betrachtet. du erhebst dich also in einer zweierkonstellation über mich. implizit sagst du “ich bin besser, indem ich dich besser verstehe als du selbst”
■ eine echte analyse drängt hilfe nicht auf, wenn sie aber siehe 1. unerwünscht ist, wie soll sie dann hilfreich sein? wenn hilfe aufgedrängt wird, obwohl nicht verlangt, dann wird sie zu einem schweren sack, den der analysierte mensch neben allem anderen nun auch noch auf seinem weg herumtragen muss
■ ist sie emotional verletzend, denn sie impliziert immer, dass der eine glaubt, mit dem anderen stimme etwas nicht. ist die analyse zutreffend, so trifft sie ins mark. ist sie unzutreffend, so erschüttert sie den boden, auf dem eine freundschaft oder sonstige beziehung steht, denn sie bringt im einen wie im anderen fall die erkenntnis mit sich “so denkst du also über mich?”
■ sie grenzt an körperliche und/ oder psychische gewalt. du drängst dich in einen bereich meines lebens, in den ich niemanden einlassen muss. und du tust dies, ohne zu fragen, ohne nachzudenken, ohne einverständnis und gegen meinen willen.
■ “ratschläge sind schläge” (pun intended) das ist mehr als ein dummer spruch. es weist darauf hin, dass man mit worten gewalt antun kann, und dass man gefahr läuft, dies insbesondere dann zu tun, wenn man die persönlichkeit des anderen in frage stellt und optimierungsbedarf hervorhebt.
■ folgt aus all dem im besten fall eine missstimmung; im schlimmsten fall entsteht so eine situation, in der sich die analysierte person weiter verschließt oder schlussendlich die beziehung (egal ob in liebe, freundschaft oder job) beendet, weil ein ungezwungenes miteinander, ein gemeinsamer alltag, eine verbindung zum anderen nicht wieder hergestellt werden kann.
■ zerstört sie vertrauen und erschafft ein fundament, auf dem nichts mehr gerade steht. denn du zeigst offen, dass du dein gegenüber nicht akzeptierst, wie es ist, sondern sezierst, auseinander nimmst und zu ändern versuchst. der haken ist: wenn die analyse unerwünscht ist, dann ist es die von dir implizierte änderung vermutlich auch (denn du darfst nicht vergessen: man kann um hilfe bitten, und tut man es nicht, wird dies gründe haben) - und das sagt mehr aus über dich, als über mich und erzählt mir, wie du das “uns/ wir” siehst. denn du schreibst mir eine veränderung auf den leib, die ich aus deiner sicht zu durchlaufen habe. um gut genug zu sein, für eine interaktion mit dir auf deiner augenhöhe? vorsicht damit. denn auch ein zwerg steht vor einem berg und analysiert den weg, den er gehen muss, um ihn zu überqueren. der witz ist: wenn der zwerg die analyse abgeschlossen hat, verändert sich nicht der berg, sondern der zwerg muss den weg gehen, er da ist. oder er sollte besser fortbleiben, denn abseits des weges (seiner analyse) könnte in der tiefe des berges ein drache lauern.