Ich lerne Fähigkeiten, die ich ganz selten brauchen werde
Ich bin elf oder so und meine Mutter bringt von irgendwoher eine Blindenschreibmaschine mit. Dazu muss man vielleicht wissen, dass meine Mutter aus beruflichen Gründen viel auf Flohmärkten und Haushaltsauflösungen ist und auch mal einfach Dinge anschleppt, die sie grundlegend interessant findet, auch wenn man sie vielleicht gar nicht dringend braucht und vielleicht auch nicht gewinnbringend verkaufen kann.
Die Blindenschreibmaschine ist eine sogenannte Punktschriftmaschine.
Bild: Rodhullandemu, Perkins Brailler, Liverpool, CC BY-SA 4.0
Weil ich elf bin und mir oft langweilig ist und ich mich dann in Sachen vertiefe, also zum Beispiel meine Lustigen Taschenbücher katalogisiere und verschlagworte oder ähnliche sinnvolle Projekte, lerne ich also Blindenschrift.
Es ist sehr einfach. Jede der sechs Tasten entspricht einem Punkt, Blindenschrift besteht aus sechs Punkten, in einem zwei mal drei Block. Die ganz linke Taste ist für den Punkt links unten, die danach für den links mittig und die danach für den links oben. Dann geht es weiter von oben nach unten auf der rechten Seite.
Das A ist zum Beispiel einfach nur der Punkt links oben, das B ist der obere und mittige Punkt links und so weiter. Es ist gar nicht schwer und bald kann ich in ziemlicher Geschwindigkeit hunderte Blindenschrifttestseiten tippen, was gut zu meinen anderen Hobbys passt, die im Wesentlichen alle daraus bestehen, Papier in großen Mengen zu vernichten oder wie mein Vater es nennt “unschuldiges Papier zu bekritzeln”. Normales Papier ist für Braille auch nur bedingt geeignet, aber für die Launen ihres Kindes jetzt auch noch extra teures dickes Papier zu kaufen, ist meinen Eltern vermutlich zu blöd und mir reicht es auch aus.
Aus diesem Interesse erwachsen zwei Projekte, die aus unterschiedlichen Gründen zu keinem vernünftigen Ende gebracht werden. Erstens fange ich an, ein Schneiderbuch in Blindenschrift zu übersetzen. Was ich dabei schon mal grundsätzlich falsch mache, merke ich erst später. Es gibt in Braille neben den normalen Alphabet-Zeichen auch extra Zeichen für bestimmte häufige Buchstabenkombinationen, zum Beispiel “ie”, “ei”, “st”, “sch” und so weiter. Die habe ich aber zum größten Teil nicht gelernt und brauche so natürlich viel mehr Buchstaben als eigentlich nötig. Außerdem stellt sich heraus, dass es doch sehr lange dauert, ein ganzes Buch abzutippen, so dass ich irgendwann aufgebe.
Das zweite Projekte ist eine gescheiterte Brieffreundschaft mit einem blinden Kind. Dazu schreibe ich die Blindenschule in Düren an und schildere die Situation, ich, elf Jahre, nicht blind, habe aber eine Blindenschreibmaschine und würde gerne mit einem blinden Kind Brieffreundschaft schließen. Tatsächlich gibt es sogar einen Brief zurück, aber nur von der Schule, die weiteren Kontakt in Aussicht stellt, sich dann aber nicht wieder meldet. Der Brief ist übrigens tatsächlich in Blindenschrift, ob ich auch in Blindenschrift anschrieb, kann ich nicht mehr sagen, vermute es aber.
Ein drittes Projekt ist sogar halbwegs erfolgreich. Ich drucke Übungsreihen mit Buchstaben auf Karteikarten und versuche zu lernen, Blindenschrift auch wirklich blind zu lesen. Tatsächlich ist das mit ein bisschen Übung gar nicht so schwer, aber diese Fähigkeit geht mir irgendwann zwischen 1991 und 2015 verloren, genauso wie ich viele Buchstaben vergesse und immer E (links oben und rechts mittig) und I (rechts oben und links mittig) verwechsle.
Die Blindenschreibmaschine steht vermutlich immer noch irgendwo in ihrem Köfferchen bei meinen Eltern im Keller, vielleicht sollte ich sie mal befreien und mit zu mir nehmen. Übrig geblieben ist auch noch ein Basiswissen über Brailleschrift, mit der ich immerhin überprüfen kann, ob das, was auf irgendwelchen Medikamentenpackungen steht auch wirklich das ist, was da in “normalen” Buchstaben steht.