Freitag - Tag der Anreise
Alle sportlichen Vorbereitungen sind abgeschlossen. Am Sonntag wird sich zeigen, für welchen Ausgang des Edinburgh Marathons es reichen wird. Das Central-Team reist mit sieben Läufern plus eigenen Fans an, die Vorfreude reicht von "Das wird eine neue Bestzeit" bis zu "Kann ich nicht vielleicht doch noch kurzfristig auf einen Halbmarathon umbuchen". Umbuchen lässt dieser Veranstalter nicht zu, also Augen zu und durch.
Die ersten von uns sind bereits am Freitagmittag in Edinburgh und bringen in Erfahrung, wo es die Startunterlagen gibt, wo man in der Stadt lecker essen kann und wo wir am Samstag das Champions League Finale gucken werden. Meine Abendverbindung läuft nicht ganz so reibungslos: Der Anschlussflug in Amsterdam hat eine Stunde Verspätung. Wird wohl nichts mehr mit einem gemütlichen Pint am ersten Abend. Hauptsache, die Rezeption im Gästehaus ist noch besetzt.
Samstag - Begegnung mit der Schönen
Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein und Rührei mit Toast im Wintergarten hinterm Haus. Hier blühen die Kirschbäume noch - wir sind hier eben im Norden. Ein paar der Central-Läufer drehen noch eine letzte kurze Trainingsrunde, ich lasse es dagegen ruhig angehen.
Auf dem Gelände von "Our Dynamic Earth", wo die Startunterlagen für die Läufer aus dem Ausland abzuholen sind, ist es rappelvoll. Kein Wunder, gerade finden die Läufe über 5 und 10 km statt. Trotzdem sind die Startnummern schnell abgeholt. Den Rest des Tages haben wir Zeit, diese wunderschöne Stadt, die sich an diesem Wochenende von ihrer sonnigsten Seite zeigt, kennenzulernen. Die Stadt hat soviel schöne Ecken zu bieten, dass sich die Gruppe irgendwann aufteilt.
Am Abend treffen wir uns im Pub wieder, wo wir uns das Champions-League-Finale angucken. Unser Tisch drückt zu zwei Dritteln Dortmund die Daumen, der Rest der Pub-Besucher scheint zu 90% aus schottischen BVB-Fans zu bestehen, die immer wieder neue Fangesänge dichten. Am Ende sieht es leider anders aus.
Sonntag - Jetzt wird es ernst
Der große Tag ist gekommen. Ich habe erstaunlich gut geschlafen, das kann aber auch an den zwei Pints vom Vorabend liegen. Nach einem guten Frühstück nehmen wir dieses Mal den Bus in die Stadt, gelaufen wird heute noch genug. Hier begegnen uns schon einige Läufer, im Startbereich ist eine riesige Menschenmenge. Der Veranstalter spricht von über 27.000 Teilnehmern, verteilt über alle Läufe des Edinburgh Marathon Festivals. Die Vorfreude ist um mich herum überall spürbar, nach ein paar Minuten setzt sich mein Startblock schon in Bewegung.
Der Lauf ist so bunt, wie man ihn sich nur vorstellen kann. Trikots in allen Farben leuchten mir entgegen, in britischer Tradition sind viele der Läufer für eine Wohltätigkeitsorganisation unterwegs. Der Mitveranstalter, die schottische Macmillan Stiftung zur Bekämpfung von Prostatakrebs ist nur eine von vielen, deren Namen ich auf den Trikots im Laufe des Rennens lese. Kaum eine chronische oder schwere Krankheit ist hier nicht mit einer Stiftung vertreten. Natürlich dürfen auch die Kostümläufer nicht fehlen, von Superman über Kiltträger und Clowns bis zu einem Läufer in einer echten (!) Ritterrüstung ist alles dabei. Meine Kollegen haben sich dieses Mal andere Zeiten als Ziel gesetzt als ich, ich bin also komplett auf mich alleine gestellt.
Die ersten Kilometer gehen nur bergab, da kann schon etwas Zeit heraus gelaufen werden. Irgendwann sind wir auf Meereshöhe angekommen, von jetzt an geht es immer wieder direkt am Strand entlang. Es riecht nach Watt und Muscheln - wie im Urlaub. Kurz vor der 10-km-Marke werden wir in Portobello von japanischen Trommlern begrüßt, direkt danach folgt der erste Charaktertest: Hier an der Strandpromenade steht eine Würstchenbude neben der nächsten, es duftet herrlich nach Bratwurst. Was wollte ich hier doch gleich? Ach ja, weiterlaufen. Es geht durch das Städchen Musselburgh, wo später der Zieleinlauf ist, viel später, in gut 21 Kilometern.
Da kommt mir auch schon die Spitzengruppe um den späteren Sieger aus Äthiopien entgegen. Der Weg führt durch kleine Küstenorte, an Feldern und Hügeln vorbei, und immer wieder sehen wir den Strand. Als Wendepunkt hat sich der Veranstalter das Privatgelände um den alten Gutshof Gosford House (Michael spricht von einem Bauernhof) ausgesucht, für ein paar Kilometer geht es durch den Wald, über einen Feldweg und an einer Pferdekoppel entlang.
Die Kilometer verschwinden wie von selbst, es herrscht mit 17 Grad und mit leichten Wolken wechselndem Sonnenschein perfektes Laufwetter. Alle drei bis vier Kilometer gibt es Wasser, dazu kommen die sehr netten Anwohner, die eigene Wasserstände aufgebaut haben und Gummibärchen reichen. Wer will, kann sich auch mit dem Gartenschlauch abkühlen lassen. Das nenne ich Unterstützung. Ab Kilometer 30 merke ich meine Beine schon ganz ordentlich, so weit laufen wir auf der Dienstagsrunde ja sonst nicht. Aber noch läuft es sich relativ locker. Ich lenke mich mir dem Blick über das Wasser, auf die andere Seite des Firth of Forth mit ihren grünen Hügeln ab und laufe denen hinterher, die ein für mich erträgliches Tempo vorlegen. Jetzt zwickt und zwackt es schon etwas mehr, die letzten sechs Kilometer sind angebrochen. Langsam kommt mir immer wieder nur ein Gedanke: Kann ich jetzt bitte aufhören??? Nix da, nach so viel Strecke wird nicht aufgegeben.
Ich nähere mich Musselburgh, die Ausfallerscheinungen um mich herum häufen sich, und ich mobilisiere meine letzten Rserven. Jetzt geht es durch eine Menge jubelnder Zuschauer, hier wird jeder noch einmal motiviert, es wird immer lauter. Dann die letzte Kurve, die Straße endet, und ich finde mich auf den Gummimatten der Zielgeraden wieder - jetzt bloß nicht umknicken auf dem wackeligen Untergrund. Überall Jubel, überall Fotografen, das Zieltor - geschafft!!!
Mir tut alles weh, aber die Freude betäubt das alles sofort. Dehnen, trinken, das Finisherpaket mit den Belohnungen abholen, und irgendwann geht es zum Bus und wieder in die Stadt.
Die meisten der anderen Central-Läufer treffe ich abends beim Italiener wieder, bis auf einen verletzungsbedingten Abbruch sind alle gesund im Ziel angekommen. Bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse wird noch spekuliert, wieviel wir von der Bruttozeit abziehen müssen, dann ist es offiziell: Ich habe meine bisherige Zeit um 36 Minuten verbessert und bin in bei 3 Stunden 55 Minuten und 10 Sekunden ins Ziel gekommen, ich kann es gar nicht fassen.
Jana hat im Halbmarathon zum ersten Mal die Zwei-Stunden-Marke geknackt, und auch die vorher nicht so optimistischen Kollegen sind am Ende doch mir ihren Zeiten zufrieden.
Aua! Moment, noch ein Schritt, aua! Da ist er, wenig überraschend aber immer wieder beeindruckend: Der Muskelkater danach. Zwei Etagen die Treppe runter zum Frühstück, danach zwei Etagen wieder rauf, dann wieder runter. AUA!!! Ich versuche mit Magnesium und Kühlgel entgegenzuwirken, ich möchte ja noch was von der Stadt sehen. Es geht auch einen Schritt langsamer. Die Central-Kollegen steigen heute auf den Arthurs Seat, aber mich bekommt heute nichts und niemand auf einen 250 Meter hohen Hügel.
Ich entscheide nicht für das Scotch Whisky Experience, lasse mich im Fass durch die Herstellung von Whisky fahren und bestaune die riesige Sammlung von über 3.000 Whiskysorten. Wer will probieren? Ach, das ist bestimmt gut gegen Muskelkater. Also: Slainte Mhath! Einen aus den Highlands, einen von der Islay-Insel (der schmeckt wir Räucherschinken, toll!), jetzt muss ich aber wieder aufhören.
Noch eine Treppe runter, aua! Einige Meter die Straße runter, im Deacons House Café gibt es sehr leckeres Soup and Sandwich Mittagessen, und nebenbei erfährt der Besucher, dass hier die Werkstatt von William Deacon Brodie war. Der tagsüber als angesehener Tischlermeister raubte des Nachts seine Nachbarn aus und wurde später dafür gehängt. Aus dieser wahren Begebenheit ist die Geschichte von Dr. Jekylls und Mr Hyde entstanden. Und immer wieder humpelnde Menschen in der Stadt, ich bin nicht alleine mit meinem Muskelkater.
Vielen, vielen Dank, Edinburgh: Für die freundlichen Menschen, die tollen Häuser, die leckere Ale Pie, den duftenden Ginster am Calton Hill und für Beethoven auf dem Dudelsack! Wir sehen uns in jedem Fall wieder, ob mit oder ohne Marathon.