Mitte Juli 2019
Andere Welten, andere Seriendeutungstechniken
Ich sehe die israelische Fernsehserie “Shtisel”. Da ich das lediglich aufgrund einer Netflix-Empfehlung tue, habe ich keine Vorkenntnisse und weiß nicht, in welcher Zeit die Serie spielen soll. Normalerweise erkennt man das schon an der Kleidung, aber die Serie spielt in einem orthodoxen jüdischen Viertel von Jerusalem. Die Männer haben alle ungefähr dasselbe an, die Frauen sehen aus wie ... in den 1960er Jahren? Den 1940ern? Der Gegenwart? An der Einrichtung der Wohnungen kann ich es auch nicht ablesen, sie wirkt billig und altmodisch, aber altmodisch auf eine Art, die ich nicht einordnen kann. Das liegt vielleicht am Land, ich weiß schließlich nichts über israelische Einrichtungsgewohnheiten. IKEA-Möbelstücke sind jedenfalls keine zu sehen.
Den Rauchgewohnheiten der Männer nach befinden wir uns in den 1970er Jahren. Niemand liest Zeitung, und alle Bücher sind so groß wie ... Atlanten. Na gut, das ist kein sehr haltbarer Vergleich. Alle Bücher sehen aus wie ... Encyclopaedia-Britannica-Bände. Ok, es hilft nichts, hier ist ein urheberrechtlich hoffentlich vertretbarer Screenshot:
Sehr großes Buch, Brille, Teeglas, Zigarettenschachtel, Telefon, Aschenbecher, Tischdeckenschoner aus Plastik
Technik ist meistens nicht so länderspezifisch, deshalb versuche ich mich daran zu orientieren. Musik wird von einer Audiokassette mit einem tragbaren Kassettenradio abgespielt. Ein Röhrenfernseher kommt vor, er steht allerdings in einem Seniorenheim, und dort schafft man sicher nicht gleich die neueste Fernsehertechnik an. Immerhin hat er schon eine Fernbedienung mit vielen Knöpfen, alles vor den 1980er Jahren scheidet also aus. Im Fernsehen laufen amerikanische Serien, die mir nichts sagen und ebenfalls nach den 1980er Jahren aussehen, aber ich weiß ja auch nichts über israelisches Fernsehen, genau genommen weiß ich nicht einmal, ob im deutschen Fernsehen immer noch Serien aus den 80ern laufen.
In der Schule hängt ein Whiteboard, und so was hatten wir in meiner Schule in den 1980er Jahren nicht. Klapphandys sind häufig zu sehen, dadurch lässt sich die Datierung auf Mitte der 1990er Jahre oder später eingrenzen. In Folge 6 sieht man jemanden (ich glaube, es handelt sich um den Schabbesgoi der Synagoge) an einem Laptop Skype benutzen, und Skype gibt es seit 2003. Leute, die Geld abheben wollen, gehen zur Bank und sagen dort einem Menschen, wie viel Geld sie brauchen. Dieser Mensch sieht dann im Computer nach und sagt ihnen, ob sie so viel Geld abheben können. Das spräche vom Konzept her für die 1970er Jahre, aber der Bankcomputer hat ein Flachdisplay, so was hatte ich selbst erst ab 2004.
In der zweiten Staffel benutzt jemand ein Smartphone, entweder nimmt er es mit dem Glauben nicht so genau, oder es handelt sich um ein koscheres Smartphone. Jemand verreist mit einem vierrädrigen Rollkoffer mit langem Ausziehgriff, das ist in meiner Erinnerung erst nach 2000 üblich geworden, laut André Spiegel gab es diese spezielle Kofferart sogar erst nach 2010. Die Serie spielt also wohl in der Gegenwart, also in der Gegenwart von 2013, denn da wurde die erste Staffel gesendet ... ausgestrahlt ... veröffentlicht ... verfügbar gemacht ... bereitgestellt ... ich bin da etwas unsicher im Moment, was den Sprachgebrauch angeht.
Da ich wenig über orthodoxes Judentum weiß, möchte ich meine zahlreichen sonstigen Verständnislücken auf die übliche Art schließen: Sicher gibt es zu jeder Folge eine große Menge von Blogbeiträgen, die mir jedes Detail erklären werden. So stelle ich mir das vor, aber so ist es nicht. Ich finde nur ein paar allgemeine Zeitungsartikel über die Serie. Ein Filmwissenschaftler hat ein Buch mit dem Titel “Reading Shtisel: A TV Masterpiece from Israel” geschrieben, in dem jede Folge analysiert wird. Das Buch kann man bei lulu.com und amazon.com auf Papier bestellen, auf gut Glück, denn eine Leseprobe gibt es nicht. Ein E-Book auch nicht. (Update: stimmt nicht ganz, bei Google Books gibt es zumindest Auszüge.) Aber ich will mich nicht beklagen, immerhin hat Netflix diese Serie aus einer sehr anderen Welt ins Programm aufgenommen, und so weiß ich jetzt schon etwas mehr als gar nichts.
(Kathrin Passig)











