Ende September bis Anfang Oktober 2020
Nur mit Coronatest zur Zahnwurzelbehandlung
Freitag
H bittet mich um Hilfe. Sie hat seit ein paar Tagen starke Zahnschmerzen, ist bereits vor einer Woche deswegen beim Zahnarzt gewesen, der konnte aber nichts feststellen, auch im Röntgenbild nicht, und hat deshalb empfohlen, erstmal etwas abzuwarten. Wahrscheinlich nur ein empfindlicher Zahnhals. Wenn es in ein paar Tagen nicht besser wird, müsse er sich die Zahnwurzel genauer ansehen. Die Zahnschmerzen sind aber stärker geworden, und nun ist seit gestern Fieber dazugekommen. Heute dann ist das Fieber deutlich gestiegen, fast 40° C, und starke Halsschmerzen. Es geht ihr ziemlich schlecht.
Ich rufe für H erst beim Zahnarzt und dann beim Hausarzt an. Beide sagen, dass ein Besuch in der Praxis nicht in Frage komme, mit Fieber und Halsschmerzen müsse erst ein negativer Corona-Test vorgelegt werden, bevor sie in die Praxis kommen dürfe. Aber es gab da doch vorher die Zahnschmerzen und den Verdacht, dass vielleicht etwas mit der Zahnwurzel ...? Nein, nein, mit Fieber in die Praxis, das komme nicht in Frage! Unter der Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, Telefonnummer 116 117 erfahre man, wie das gehe mit einem Coronatest.
Ich rufe 116 117 an. Dort hangele ich mich durch einige Telefonmenüs, bis ich bei Corona-Angelegenheiten lande; dann folgt eine automatische Ansage, ich solle warten. Ich warte. Nach etwa einer halben Stunde wird das Telefonat beendet. Das passiert mir mehrfach. Es gelingt mir in fünf Versuchen (von Freitagmittag bis Freitagabend) mit je über ½ h Wartezeit nicht, einen Menschen zu sprechen. Immer wird das Telefonat vorher vom System beendet. Wir entscheiden, noch mal abzuwarten; viel anderes bleibt uns ja auch nicht übrig.
Samstag
Am nächsten Tag geht es H noch schlechter. Das Fieber ist weiterhin hoch, die Zahn- und Halsschmerzen noch stärker.
Ich rufe erneut die 116 117 an. Beim dritten oder vierten Versuch erreiche ich einen Menschen. Sie notiert die Symptome und sagt, heute im Laufe des Tages werde jemand vorbeikommen, um einen Abstrich für einen Corona-Test abzunehmen. Am Nachmittag hält ein Arztwagen vor dem Haus, und aus dem Auto heraus ruft jemand an: H solle aus dem Haus heraus treten und vor der Tür warten, eine Frau kommt dann in einem Ganzkörper-Schutzanzug und mit Maske, nimmt den Abstrich und drückt uns ein Merkblatt für den Umgang mit Corona (Kontakte vermeiden!) und eine Empfehlung zur Therapie (Paracetamol!) in die Hand. Irgendwie gesprächig ist sie nicht. Außerdem bekommt H einen Code, mit dem sich “voraussichtlich Montag” das Testergebnis von einer Webseite abrufen lassen solle.
Auf der Rechnung, die H später erhält, sehe ich, dass die Frau im Ganzkörperanzug wohl tatsächlich eine Ärztin war und eine umfangreiche Untersuchung in Rechnung stellt, mit der Diagnose “Verdacht auf Sars-CoV2” und “Beratung”. Schade, hätte sie mal mit uns gesprochen, und wäre die “Beratung” nicht nur ein Zettel mit allgemeinen Infos gewesen!
Sonntag
H möchte wirklich gerne zum Arzt gehen. Es geht ihr schlecht, sie kann praktisch nichts mehr essen oder trinken. Das Fieber bleibt hoch. Sie ist sehr abgeschlagen, dazu Halsschmerzen, Zahnschmerzen – aber kein Husten.
Auf der angegebenen Webseite kann man ein pdf herunterladen, auf dem in langen Zahlenkolonnen die verschiedenen Codes der letzten Corona-Tests stehen, dahinter jeweils das Ergebnis, “negativ”, “positiv” oder “kontrollbedürftig”. Ich schaue alle paar Stunden, ob ihr Ergebnis bereits dabei ist. Am späteren Sonntagabend wird ein neues pdf-Dokument zum Download bereitgestellt, das Hs Testergebnis enthält: negativ, nicht wirklich unerwartet.
Montag
Ich rufe erneut beim Arzt an. Die Sprechstundenhilfe blockt bei der Nennung von Fieber erst ab, ich insistiere jedoch, und schließlich einigen wir uns: H dürfe in die Praxis kommen, aber nur, wenn sie das negative Testergebnis mitbringe und gleich als erstes vorlege. Und natürlich mit Mundschutz und so. Jaja, sage ich, das Testergebnis ist aber halt eine lange Tabelle auf mehreren A4-Blättern, mit vielen Zahlen, wir können dann natürlich ihr Testergebnis darauf markieren. Wie jetzt, keine Bescheinigung über das Testergebnis? Nein, so was ist nicht vorgesehen. Gibt es nicht. Warum verlangt die Sprechstundenhilfe in der Praxis die Vorlage eines negatives Testergebnisses, weiß aber gar nicht, wie solche Testergebnisse mitgeteilt werden? – “Na, dann markieren Sie das Testergebnis halt auf der Liste, ok.”
H darf am Montagmittag in die Praxis. Es ist tatsächlich eine Infektion der Zahnwurzel und des Zahnfleisches, und “es wäre gut, wenn Sie eher gekommen wären! Das muss ja äußerst schmerzhaft sein!”, na sowas.
H bekommt ein paar Salben und Spülungen für den Mund und starke Schmerzmittel (das verschreibungspflichtige Novaminsulfon kombiniert mit Ibuprofen), und kurz darauf nimmt der Zahnarzt dann auch eine Zahnwurzelbehandlung vor.
Am Montag Nachmittag ruft eine sehr gesprächige Dame des Gesundheitsamts an:
> “Ich rufe an, um Ihnen Ihr Testergebnis mitzuteilen, aber das wissen Sie vermutlich bereits?”
# “Ja, haben wir schon auf der Webseite gesehen, dass das negativ ist. Danke für Ihren Anruf.”
> “Ich möchte gern nachfragen, warum Sie sich denn haben testen lassen: hatten Sie denn Kontakt zu bestätigten infizierten Personen?”
# “Nein”
> “Oder eine Risiko-Kontaktmeldung in der Corona-Warn-App?”
# “Nein”
> “Oder Kontakt zu Verdachtsfällen oder Situationen in größeren Gruppen?”
# “Nein - aber es gab beruflich zahlreiche Kontakte, bei denen der Abstand nicht eingehalten werden konnte.”
> “Ach, warum haben Sie sich denn testen lassen, wenn kein bestätigter Kontakt vorlag??” (klingt geradezu vorwurfsvoll)
# “Äh, wegen hohem Fieber und Halsschmerzen!?!”
> “Ach so, ein echter Krankheitsfall!” (Das klingt, als würde das eher selten vorkommen, dass jemand, die oder der irgendwie Symptome hat, sich testen lässt.)
Nun will ich dies Geschehene nicht unnötig dramatisieren, es ist ja alles gut gegangen und alle sind wieder gesund und so. Aber ich denke darüber nach, und ich möchte doch gern aufführen, was gut und was hier – meiner Ansicht nach – nicht so toll gelaufen ist:
Der Zahnarzt hat auf dem Röntgenbild die Wurzelentzündung zunächst nicht sehen können, das ist vermutlich einfach Pech. Dass diese dann in so relativ kurzer Zeit so extrem schmerzhaft und sogar systemisch wurde, war vermutlich nicht abzusehen – das müsste besser ein Arzt beurteilen.
Zahnarzt und Allgemeinarzt verwehrten den Zutritt zur Praxis bei Corona-Symptomen und verwiesen auf die telefonische Hotline. Nachvollziehbar. Aber halt auch nicht so richtig hilfreich, wenn jemand krank ist.
Die telefonische Hotline 116 117 war dann aber für ernste Fälle nicht besonders hilfreich, und die Erreichbarkeit, vorsichtig gesagt, optimierungsfähig.
Die den Abstrich nehmende Ärztin hat, sagen wir mal, zeitoptimiert gehandelt. Vermutlich fährt sie einige Dutzend Patienten ab. Dass dennoch eine vollständige Untersuchung, Diagnose und Beratung in Rechnung gestellt wurde, ist, naja, erstaunlich. Aber vermutlich rechtlich nicht zu beanstanden; wenn man sich jetzt weigern würde, die Rechnung zu bezahlen, dann wird sie wahrscheinlich sagen: die Symptome (Fieber und Halsschmerzen) deuteten auf Coronavirus, und sie hat einen aufwändigen Abstrich genommen und ein Merkblatt (Kontakte vermeiden und Paracetamol nehmen, wow) dazu gegeben, das ist Diagnose und Beratung.
Die Zeitdauer für den tatsächlichen PCR-Labortest war (besonders dafür, dass es ein Wochenende war) ok: Vom Anruf Samstagvormittag bis zum Ergebnis Sonntagabend. Da machen offenbar Labore gut organisierte Wochenendarbeit. Ein echtes großes Dankeschön dafür!! Ich hoffe, dass bald verlässliche Antigen-Schnelltests erhältlich sein werden – das würde hier vieles erleichtern.
Die Bereitstellung der Ergebnisse als Liste in einer pdf-Datei zum Download, ohne Benachrichtigungsfunktion und ohne Schnittstelle zur Corona-Warn-App, macht mich ganz traurig.
Der Anruf des Gesundheitsamts wirkte dann eigentlich aus meiner Sicht eher lustig. Und hilflos. Dafür hat man dann mit einmal Zeit? Ein paar zigtausend Personen hinterherzutelefonieren, um ihnen zu sagen, dass das Testergebnis negativ war? Aber keine Zeit, etwas zu programmieren, um das Ergebnis in vernünftiger Form mitzuteilen (Corona-Warn-App, anyone?)? Und offenbar wurde dem Test zunächst auch keine Diagnose zugeordnet, bestimmt wegen Datenschutz, und die Dame des Gesundheitsamts stellt dann also all diese Fragen, warum der Test eigentlich durchgeführt wurde usw, die sicherlich datenschutzmäßig auch nicht in Ordnung waren – warum werden diese Daten dann nicht direkt bei der Abnahme des Abstrichs mit erhoben und weitergeleitet und direkt – anonym – dem Test zugeordnet? Wenn sie hinterher per Anruf – dann ja nicht mehr anonym! – noch einmal erhoben werden?
Egal aus welchem Grund jemand einen Coronavirus-Test braucht, auf diese Art scheinen mir in dem Prozess doch ziemlich viele Sollbruchstellen eingebaut. Ich glaube zu wissen, dass das Gesundheitssystem in Deutschland eines der besten der Welt ist, und ich weiß auch, dass das ja alles nicht einfach ist, sich solche Prozesse mit Datenübergaben zwischen Telefonhotlines, Ärzten, Laboren, Patienten und Gesundheitsämtern auszudenken.
Dennoch, bei der Aufmerksamkeit, die das neue Coronavirus gerade bekommt, und bei dem Einfluss, den es derzeit auf unser aller Leben hat, bekomme ich den Eindruck, dass hier dringend einiges optimiert werden muss, damit bei einer “zweiten Welle” im Herbst / Winter (vielleicht dann noch überlagert mit Grippefällen, die ja auch Fieber haben und vielleicht zum Arzt wollen) diese ganze Diagnostik und Fallverfolgung überhaupt noch annähernd funktionieren kann.