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leaking von Nicolas Heinzelmann Über Flickr: Bern, Switzerland
2009 bis 2022
Mikrobiologie am Bau
Das Haus, das mein Mann und ich 2009 kaufen, ist Baujahr 1930 und wird kernsaniert. Aspekte, die uns bei der Sanierung wichtig sind, sind Funktionalität, Ökologie und Nachhaltigkeit, Design. Ungefähr in dieser Reihenfolge und ins Budget passen muss das alles natürlich auch.
In die Rubrik Funktionalität fällt für mich die Sache mit den Fliesen. Bis zum Hauskauf habe ich in ungefähr 15 verschiedenen Wohnungen gewohnt und in allen waren die Fliesenfugen in den Bädern mehr oder weniger stark mit Schimmel befallen. In Zukunft möchte ich keine Zeit mehr damit verbringen, gegen Schimmel in Fugen zu kämpfen.
Fugenmörtel im Bad ist ein Paradies für Schimmelpilze: In den großen Poren können sie sich prima einnisten, die hohe Luftfeuchtigkeit macht es so richtig gemütlich und Futternachschub gibt es auch ständig, in Form von Shampoospritzern und Seifenresten. Entkommen kann man ihnen nicht; Schimmelpilze kommen in der Natur überall vor, ihre Sporen fliegen durch die Luft und lassen sich dort nieder, wo sie sich wohlfühlen. Außerdem haben sie auch ihre guten Seiten. So werden die zwei Millionen Tonnen Zitronensäure, die die Welt pro Jahr verbraucht, mit dem Schwarzschimmel Aspergillus niger produziert.
Schimmel loszuwerden ist mühsam. Oft wird Essig, Chlorbleiche, Wasserstoffperoxid oder Alkohol empfohlen. Wenn überhaupt, dann bleichen die Chemikalien bestenfalls den Farbstoff weg, aber sie dringen nicht tief und lang genug in den Fugenmörtel ein, um Pilz und Sporen etwas anzuhaben. Mein Mann und ich sind beide Biotechnologen Bakterien, Hefen und auch Schimmelpilze sind unser Kerngeschäft. Wir wissen, wie man sie vermehrt, wir wissen, wie man sie beseitigt. Der einzig sichere Weg, um Schimmelpilze und ihre Sporen dauerhaft zu abzutöten ist, sie 20 Minuten lang auf 121 Grad Celsius zu erhitzen.
Selbst wenn das im Badezimmer umsetzbar wäre, wehen mit dem nächsten Windstoß neue Pilzsporen heran. Für ein schimmelfreies Badezimmer muss man dem Schimmel die Lebensgrundlage entziehen, also darf es keine Mörtelfugen geben. Demzufolge kann es auch keine Fliesen geben, also brauchen wir andere Lösungen. In unserem Haus wohnen ausschließlich Erwachsene, die keine wilden Wasserspiele im Bad veranstalten. Als Bodenbelag nehmen wir deshalb das gleiche Bambusparkett wie im Rest des Hauses. Für die Wände der Nasszelle diskutieren wir Kunststoff, Glas und Tadelakt. Die Entscheidung fällt im Urlaub im Schottland. Dort ist in beiden Unterkünften, die wir bewohnen, einfach nur Farbe an den Wänden der Duschkabinen. Die Recherche ergibt, dass man in Großbritannien 2009 deutlich weiter ist in Sachen wasserfeste Wandfarbe als in Deutschland, deshalb importieren wir sie von dort.
Die Farbe ist teuer im Vergleich zu herkömmlichen Anstrichen, aber immer noch billiger als alles andere. Außerdem kann ich sie selbst auf die wasserfesten Gipskartonplatten auftragen. Sie deckt prima und das Ergebnis sieht genau so aus, wie gewünscht. Die untere Hälfte der Wand ist dunkelrot, dort zeichnen sich im Laufe der Zeit Kalk- und Seifenspritzer ab. Die schrubbe ich mit einer Bürste weg und das geht auch ziemlich lange gut, aber natürlich hält die Farbe nicht so lange wie Keramikfliesen. Alle drei bis vier Jahre schleife ich die roten Wände ab und streiche sie neu. Dabei erfreue ich mich an dem Gedanken, dass ich die Farbe jederzeit wechseln und mit wenig Aufwand das gesamte Zimmer von rot auf grün drehen könnte. Die Beschaffung wird einfacher, 2021 kann ich Nachschub problemlos in Deutschland kaufen.
Am Boden der Dusche ohne Fliesen auszukommen ist theoretisch einfach, praktisch aber leider unmöglich. Für die Gegebenheiten in unserem Altbau gibt es keine Duschtasse, die man bodengleich installieren könnte. Zähneknirschend akzeptieren wir hier anderthalb Quadratmeter Fliesen, es bleiben die einzigen im ganzen Haus. Natürlich bilden sich in den Fugen nach zwei Jahren die ersten Schimmelflecken; wir bleichen sie seufzend weg in der Gewissheit, dass sie nachwachsen werden.
Dusche mit fliesenfreien Wänden
Die Wände in den Toiletten bekommen ebenfalls einen wasserfesten Anstrich, die Böden Parkett.
Ein weiterer Tummelplatz für Mikroorganismen aller Art ist das Überlaufloch des Waschbeckens. Hinter dem Loch liegt ein geräumiger Hohlraum, den man konstruktionsbedingt nicht reinigen kann, selbst wenn man wollte. Uns ist in den letzten 30 Jahren kein Waschbecken übergelaufen, deshalb bauen wir darauf, dass das so bleiben wird und wählen Waschbecken ohne Überlauf aus. Der Installateur behauptet, die dürfe er nicht in Verbindung mit einem Pop-Up-Ablauf montieren. Am Ende lässt er sich dann aber doch überzeugen.
Zurück zu den Fliesen: Die Küche bleibt tatsächlich fliesenfrei. Hier ist zwar der Schimmel kein Problem, aber poröse Fugen an der Wand hinter dem Herd, wo gerne mal Fett und Soßen hin spritzen, finde ich auch hier absurd. Die Küchenrückwand ist deshalb aus Glas. Nach zehn Jahren begeistert mich diese Lösung noch immer, ich würde sie jederzeit wieder wählen. Das mit dem Parkett als Küchenfußboden würde ich nochmal überdenken, das sieht doch etwas strapaziert aus.
(Marlene Etschmann)
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