Kapitel 2: Des Teufels Tanzpartnerin
Prolog: https://athenasmaze.tumblr.com/post/190246129369/are-you-afraid-prolog-der-tag-der-bestimmung
Kapitel 1: https://athenasmaze.tumblr.com/post/190617685119/are-you-afraid-kapitel-2-die-initiation
Nachdem alle Initianten in das Netz hinein geplumpst waren und sich bei Four anmeldeten, zeigte man uns unseren Schlafsaal. Man konnte natürlich nicht erwarten, wir wären nach Geschlechtern getrennt worden, nein. Sondern nach gebürtigen und nicht gebürtigen Dauntless. Die gebürtigen Dauntless wurden separat trainiert, hatten aber mit uns dieselbe Abschlussprüfung. Wir nicht gebürtigen Dauntless teilten uns alles gemeinsam; gemeinsamer Schlafsaal, gemeinsame Duschen, gemeinsame Toiletten. Mir persönlich war das egal. Ich hatte nie ein Problem mit dem anderen Geschlecht oder der Nacktheit. Und ich schätzte mal als Soldat, sollte man dies auch nicht haben. Und das war es, was in den nächsten zwei Monaten aus und gemacht wurde: Soldaten.
Der Saal war quadratisch, sehr groß und erinnerte an eine alte Fabrikhalle. Jeweils an der linken und rechten Wand, wie auch in der Mitte, waren acht Betten aneinandergereiht. Der Duschraum, mit sechs offenen Duschkabinen versehen, lag auf der anderen Seite des Schlafsaals und war nur zur Hälfte offen. Ich vermutete, dass auf der Hälfte, die mit einer Steinwand vom Schlafbereich abgetrennt war, die Toilettenseite war. Die Betten waren einfache Stahlbetten, bestehend aus einer dünnen Matratze, einer von mottenzerfressener Decke und einem durchgelegenen, dünnen Kissen. Alles in allem war es also sehr alt und sehr ungemütlich.
„Es ist unglaublich, dass die uns alle zusammen in einen Raum knallen. Wenigstens Männer und Frauen hätten sie trennen können!“, beschwerte sich Christina lautstark. „Oder die Klugen von den Jammerlappen“, feixte Peter als er an ihr vorbei, auf der Suche nach einem Bett, ging. Christina verzog nur eine Grimasse in seine Richtung und ignorierte weitere Sprüche seinerseits.
Ich verzog mich an das letzte, etwas abseitsstehende Bett und schnappte mir die Bekleidung, die man uns bereitgelegt hatte. Alle bekamen das Gelbe zum Anziehen: ein schlichtes schwarzes Shirt und eine schwarze Hose, die an eine Arbeiterhose erinnerte. Dazu schlichte schwarze Boots und eine robuste Jacke, ähnlich der Militärjacken vor dem großen Krieg. Nur ohne das Camouflage-muster, sondern in schwarz-rot und dem Dauntlesszeichen auf der Brust: Eine Flamme.
Während sich alle Mädchen in die zerfetzten Decken hüllten oder sich gegenseitig beim Halten dieser Hilfestellung zum Umziehen gaben, zog ich mir die Schuhe aus, ließ den zuvor gerissenen Rock fallen und knöpfte mir die Bluse auf. Da stand ich nun. In einer neuen Fraktion unter fast gänzlich fremden Menschen und nur in Unterwäsche bekleidet. Ich faltete meine alten Klamotten zusammen und legte sie auf das Bett. Anschließend zog ich Hose und Shirt über, band mir die Boots an den Füßen zu und streckte mich ausgiebig. Ich war sichtlich zufrieden.
Viele hatten auf dem Weg zum Schlafsaal hin ängstlich und eingeschüchtert gewirkt. Nach Erics Ansprache war das auch kein Wunder gewesen. Zehn von uns werden am Ende der Initiation fraktionslos sein; sprich obdach- und heimatlos. Aber damit musste man rechnen. Das ist in jeder Fraktion so. Fällst du durch die Initiation bist du draußen und fraktionslos. Aber das direkt schon in der ersten Hälfte durchzuziehen, war hart. Bestätigte aber auch nur meine Vermutung, dass Eric ein Sadist war. ~ Und einer unserer Anführer. Weltklasse ist das doch. ~ Während ich, mit auf der Hand abgestütztem Kopf, auf der Bettkante saß und darüber philosophierte, wie ich mein aufkommendes Autoritätsproblem unter Kontrolle bekam, spürte ich Blicke auf mir ruhen. Blicke, die sehr nah waren. Ich hob meinen Kopf von meiner Handfläche und blickte in zwei grüne Augen. Ein großer und breiter, jedoch gut gebauter Junge, mit braunem verwuscheltem Haar stand vor mir. Ich hob eine Augenbraue um verstehen zu geben, dass er mir schon hatte sagen müssen, was er denn von mir wollte. Ließ diese dann aber sinken und lächelte sanft, als er sich mit einem schiefen Lächeln am Hinterkopf kratzte. „Kann ich das Bett neben dir haben? Die anderen sind schon besetzt.“
„Dir ist bewusst, dass ich in diesem Falle so oder so keine Wahl habe, als dir das Bett zu überlassen, oder?“ Erneut hob meine Augenbraue, lächelte aber weiter. Wir wollten den armen Kerl doch nicht verschrecken.
Er ließ seinen Arm sinken und tappte von einem Fuß auf den anderen. Ich grinste leicht. „Nun... ja schon, aber...“ Er biss sich auf die Unterlippe und sah zu Boden, meinem Blick ausweichend. Er dachte wochl fieberhaft darüber nach, wie er mich dazu bringen könnte, ihm das Bett neben mir zu überlassen. Nach ein paar stillen Momenten, erlöste ich den armen Kerl von seinem Leid und hörte auf, das aufkommende Lachen in mir zu unterdrücken. Verdutzt sah er mich an. Verdutzt und wohl noch nervöser. Ich stand von meinem Bett auf und setzte mich auf das noch freie Bett daneben. Ich klopfte, immer noch schmunzelnd, mit der Hand auf die Stelle neben mir, als Zeichen er solle doch Platz nehmen. „Schon gut, schon gut. Ich ärgere dich doch nur. Klar kannst du das Bett hier haben. Sofern du mir denn sagst, wie mein neuer Nachbar, für die nächsten zwei Monate zumindest, heißt?“ Ich schenkte ihm ein warmherziges Lächeln und sobald er bemerkt hatte (was einige Sekunden dauerte), dass dieses Lächeln auch meine Augen berührte, setzte er sich, wesentlich entspannter, neben mich und hielt mir die Hand hin. „Mein Name ist Al, hi.“ Wieder breitete sich dieses schiefe Lächeln auf seinen Lippen aus und seine grünen Augen sahen nun wieder direkt in die meinen. Ich nahm seine Hand und schüttelte diese. „Archi, freut mich Al.“
„So ein Pech, Al. Jetzt hast du direkt den zweitgrößten Sadisten, neben Eric, abbekommen. Aber tröste dich damit, dass du auf jeden Fall die größte Nervensäge neben dir hast.“ Peter, Molly und Drew waren vor unseren Betten aufgetaucht, schon fertig umgezogen und wie immer überheblich dreinschauend. Peter musterte mich abwertend von oben bis unten. Soll mich das etwa verletzen?
„Schien dir zu gefallen, dich vor allen hier halbnackt zu präsentieren, was Ken?“, spuckte mir Molly zornig entgegen. Drew nickte nur zustimmend. Sie vollkommen ignorierend hielt ich Peters Blick stand. Peter war schon immer der einzige Mensch gewesen, bei dem ich manchmal nie sicher war, was er gerade dachte. Und das wusste er. Er hatte dann immer einen ganz bestimmten Blick, wenn er mich bewusst aus seinen Gedanken raushalten wollte. Einen Blick, der weder abwertend, noch gleichgültig war. Weder abschätzend, noch kalt. Ja, nicht einmal überheblich. Mich erinnerte dieser Blick immer an eine Mauer, die man verzweifelt versuchte aufrecht zu erhalten.
Ich wusste, dass Peter seit Jahren etwas vor mir verbergen wollte. Speziell nur vor mir, denn bei keinem anderen gegenüber hatte ich diesen Blick bei ihm gesehen. Anfangs ging ich auf seine Sticheleien ein und konterte mit Ignoranz und Arroganz. Das, was Ken halt am besten konnten. Aber ich war nicht mehr bei den Ken und ich musste auch keine mehr mimen. Ich bin eine Initiantin der Dauntless und in zwei Monaten…
Ich wandte mich von dem Kopf des Trios ab und blicke Molly, mit einem unheilvollen Lächeln, an. „Ach herrjeh, das hatte ich Schussel ja ganz vergessen! Wie konnte ich nur halbnackt rumrennen und den Leuten hier zeigen, wie eine Frau aussehen kann.“ Ich klatschte mir mit der Handfläche, gespielt geschockt, gegen die Stirn. Dann jedoch, stand ich aber auf und stellte mich vor Molly hin. Mein Blick kühl und überlegen. „Im Gegensatz zu dir Kampfkröte, meine ich.“, hauchte ich mit bedrohlichem Unterton und einem fiesen Lächeln auf den Lippen, in ihr Ohr.
Noch im selben Moment, indem sie knallrot im Gesicht wurde, fuhr sie mit dem Kopf herum um mich mit Zornesfunken in den Augen anzublicken. Sie erhob die Faust und holte nach mir aus…
Und zwei Sekunden später lag sie auch schon auf dem Bauch neben Al, die Arme hinter dem Rücken verdreht, seitlich das Gesicht fest in die dünne Matratze gedrückt und vor Schmerzen jaulend. Peter und Drew rührten sich keinen Meter. Drew war ein Feigling und Mitläufer, da war das klar. Peter aber, war kein Feigling und auch kein Mitläufer. Ihm waren seine Mitmenschen schlichtweg nur egal. ~ „Ich bin mir selbst der Nächste.“ Waren das damals nicht deine Worte? ~ Aufkommende Erinnerungen verdrängend, beugte ich mich runter zu Mollys Gesicht. „Erhebe noch einmal außerhalb des Ringes die Hand gegen mich und ich reiße dir die Lunge raus. Mit meinen bloßen Händen.“, flüsterte ich ihr zuckersüß ins Ohr, ließ sie anschließend sachte los und setzte mich auf mein Bett, Al gegenüber. Sie erhob sich stöhnend und ohne mich auch nur noch einmal anzublicken (oder sonst irgendwen), lief sie an mir und ihren zwei „Freunden“ vorbei. Drew sah ihr hinterher, Peter nicht. Drew lief ihr nach. Peter nicht.
„Du gehörst hier hin.“ Seine Worte waren kein Kompliment. Sie waren gefüllt von Hass und sein Blick glich den Eisgletschern früherer Tage. Endlich ließ er den Blick von mir, wandte sich ab und lief Richtung Mitte des Raumes. Wahrscheinlich jemand anderes schikanieren. Erst jetzt fiel mir auf, dass jedes Augenpaar im Schlafsaal auf mich gerichtet war. Ich zuckte mit den Schultern und kratzte mir, schief grinsend, am Hinterkopf „Was soll ich sagen? Aggressionsprobleme? Komplexe einer Rothaarigen? Überbleibsel der Arroganz einer Ken? Hass gegen Bullys? Oder einfach nur eine Dauntless?“ Manche sahen weiterhin mich an, ihre (neugewonnen) Freunde oder einfach nur weg. Manche sahen beschämt aus, andere nickten zustimmend. Und einer klatschte.
Alle blickten verwundert zum Eingang (mich miteingeschlossen), die Richtung, aus der das Klatschen kam. Es war Four.
„Da hat jemand das Prinzip verstanden.“ Four hörte auf zu klatschen, blickte in unsere Runde und ging gemächlich die Treppen herunter. Er schien wenig beeindruckt von unserem bunten Haufen, verzweifelt drein guckender „Welpen“. „Mir ist es egal um welchen Kinderkram es sich handelte, aber sowas klärt man bei den Dauntless im Ring. Schon richtig.“
„Und ihr klärt sowas!“ Hinter Four tauchte der persönliche Liebling Satans selbst auf: Eric. „Ein Dauntless rennt weder weg, noch lässt er sich etwas gefallen.“ Eric lief durch den Saal und blieb vor Molly stehen. Sie versuchte seinem Blick tapfer standzuhalten, scheiterte aber. Sie blickte ihm zwar weiterhin in die Augen, doch ich sah aus dieser Entfernung (ihr Bett lag am anderen Ende des Schlafsaals), das Unbehagen in ihren Pupillen. Eric hob eine Augenbraue. Gab sich aber damit wohl erst einmal zufrieden, denn er lief weiter durch den Raum. Natürlich und wie konnte es auch anders sein, hielt er erst bei mir an. Er musterte mich von oben bis unten, abwertend. „Wer hat dir Selbstverteidigung beigebracht?“ Er hatte die Hände hinter dem Rücken zusammengelegt und stand wie ein einfacher Soldat, mit standhafter Haltung, vor mir. Nur das ich der einfache Soldat war und er mein General. „Das war ich selbst.“, antworte ich kurz und knapp. Ich bezweifelte, dass ihn meine Geschichte namens „Der Weg zur Initiation“ interessierte. Er hob eine Augenbraue. „Seit wann?“ Wieder hatten wir dieses Blickduell; die Luft wurde dünner und der Raum war erfüllt von einer Spannung, die drohte sich jeden Moment, in form einer Explosion, zu entladen. „Seit meinem zwölften Lebensjahr.“
Nanu? Was war denn das? Der Blick des Eiskönigs änderte sich für den Bruchteil einer Sekunde. „Verstehe.“ Er wandte sich abrupt ab und lief festen Schrittes Richtung Ausgang. „Folgt mir!“, rief er, selbstverständlich im Befehlston, durch den Raum und verschwand hinter Four. ~ Das war’s schon? ~ Ich musste ziemlich verdutzt, gar dämlich, ausgesehen haben, denn ich hörte neben mir ein herzhaftes Lachen. Es war Al. „Du müsstest dein Gesicht sehen, Archi! Jeder andere wäre froh, wenn dieser Eric sich davonmacht, aber du...?“ Er hielt sich den Bauch und lachte weiter, kaum imstande etwas zu sagen. „Aber du bist verwundert darüber, dass er einfach so geht, ohne dir den Kopf abzureißen.“ Christina tauchte vor uns auf, gefolgt von ihrer blonden Freundin und einem Jungen, mit blond verstrubbelten Haaren, den ich nicht kannte. Al nickte nur heftig. Ich sah ihn an, diesmal wohlwissend, verwirrt auszusehen. „Sah ich so verdattert aus, dass du dich fast einnässt vor Lachen?“ Ich hob eine Augenbraue, mittlerweile selbst ein bisschen grinsend. „Allerdings.“, meldete sich der fremde Junge zu Wort. Ich wandte mich zu ihm und legte den Kopf leicht schief. „Oh, Entschuldigung! Ich bin Will. Freut mich.“ Er beugte sich zu mir vor und reichte mir die Hand. „Archie. Tagchen.“ Ich nahm sie entgegen. „Oder auch genannt: `Die, die mit dem Teufel tanzt‘ “, grinste Christina und deute mit dem Daumen hinter ihre Schulter, in die Richtung, in welcher Eric verschwunden war. Nun lachten wir fünf gemeinsam. „Wir sollten gehen. Wir sind die letzten.“, meldete sich die Blonde leise und tatsächlich: gerade liefen die letzten Initianten, abgesehen von uns, durch den Eingang an Four vorbei. Al und ich sprangen auf und liefen mit den anderen Dreien schnellen Schrittes zu unserem neuen Trainer. „Ich heiße übrigens Tris.“ Das blonde Mädchen lächelte mich leicht schüchtern von der Seite an. „Archie. Stehen dir übrigens die `Keine-Altruan-Klamotten‘ “. Ich grinste sie verspielt und breit an, als sich eine kleine Schamesröte auf ihre Wangen legte. „Nun kommt schon! Wir haben nicht ewig Zeit!“ drängte uns Four aus dem nun leeren Saal.
Das Schlussglied der Karawane bildend, liefen wir fünf Eric und Four hinterher. Die vier unterhielten sich angeregt. Ich jedoch hörte nur zu und beobachtete. Das war jedenfalls mein Plan. Doch keiner der vier hielt es für notwendig, mich als sadistische und arrogante Ken zu sehen. Stattdessen quatschten sie munter und fröhlich und bezogen mich in all ihren Gespräche mit ein. Fragten mich zum Beispiel nach meiner Meinung zu ein paar Leuten oder den anderen Fraktionen und sie fragten, wie es mir vor dem Ritual der Bestimmung ging.
Nun, ich hatte wohl neue Freund gefunden.
Besucht mich gerne auch auf Wattpad.de! Dort sind wir schon bei Kapitel 30 angelangt. ;D Ich würde mich freuen von euch zu hören und den ein oder anderen Gedankengang von euch zu lesen ^_^
Eure Kadse <3
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