Etwa 1981
Si personne ne dit / La copie c’est un délit
Es ist im Jahr 1981 keine sonderliche Sensation mehr, dass man im nahegelegenen Drogeriemarkt Fotokopien anfertigen kann. Es ist noch ziemlich teuer – mir schwebt ein Preis von 50 Pfennig pro Kopie vor, deutlich mehr, als der Bäcker für eine Brezel verlangt. In der Schule spielt diese Technik noch gar keine Rolle, denn die Mengen an Papier, die im Schulalltag typischerweise bewegt werden, wären als Fotokopie schlicht unbezahlbar. Selbstbedienung der Kopiergeräte gibt es nicht, man muss schon der Drogeriefrau seine Wünsche schildern und hoffen, dass sie alles richtig macht. Gut möglich, dass all das in Universitätsstädten längst besser ist. Aber wir Gymnasiasten und Landeier horchen auf, als der Drogeriemarkt nahe der Schule den Kopienpreis auf 20 Pfennige senkt. Plötzlich wird Kopieren bezahlbar, nicht nur für einzelne Ausfertigungen wichtiger Dinge, sondern auch im Alltag. Unsere Französischlehrerin hat die Angewohnheit, als Hausaufgabe umfangreiche Übersetzungen oder Résumés anfertigen zu lassen. Sie ist durch ein Hüftleiden gehandicapt und geht niemals im Klassenzimmer herum, wo sie sehen könnte, ob die Hausaufgabe wirklich von Hand geschrieben ist. Aber daraus vorlesen muss man sehr oft. Eine Zeitlang werden die Französischhausaufgaben nun routinemässig fotokopiert. Ich will jetzt nicht behaupten, dass jahrelang die ganze Klasse nur mit kopierten Hausaufgaben dagesessen hätte. Aber es vergeht kein Tag, an dem Französisch auf dem Stundenplan steht und an dem nicht jemand Kleingeld einsammelt und in der Pause zum Drogeriemarkt läuft.
Wir fühlen uns fortschrittlich und verrucht.
(Tilman Otter)















