„Gönn Dir die Zeit!“
Von: Theo Lampe (Sozialarbeiter)
Nein, mit einem eigenen Freiwilligen Sozialen Jahr kann ich in meiner Biographie nicht aufwarten. Diese Erfahrung fehlt mir. Denn die Zeit war Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre eine andere. Für den Großteil meiner Generation war es selbstverständlich, seine Wehrpflicht bei der Bundeswehr abzuleisten. Hinterfragt wurde dies damals nur von wenigen und wenn nur von Abiturienten, die sich intellektuell in der Lage sahen, die Gewissensprüfung zu überstehen und um als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden. Aber Volksschüler taten es nicht, also ich auch nicht. Eine andere Alternative gab es damals nicht.
Doch trotz der fehlenden Praxiserfahrungen aus einem Freiwilligendienst ist mir dieses Angebot vor allem für junge Menschen nicht fremd. Ich schätze es sehr und habe viel Sympathie für junge Frauen und Männer, die sich dafür entscheiden. Meine Wertschätzung beruht zum einen auf meinem ehrenamtlichen Engagement in der Jugendarbeit in meinen frühen Jahren, auf meinem Bildungsweg und auf meiner beruflichen Tätigkeit in späteren Jahren. Als Mitarbeiter des Diakonischen Werkes Oldenburg war ich über viele Jahre für die Freiwilligendienste (FSJ und BFD), für den Zivildienst und für das Ehrenamt verantwortlich. Als Leiter dieser Arbeitsbereiche durfte ich dazu beitragen, dass diese Lebenszeit gelingt: Für die jungen Menschen, für die sozialen Einrichtungen, für die Menschen in den Einrichtungen, aber auch für die pädagogischen Mitarbeitenden im Freiwilligendienst und im Zivildienst. Diese Aufgabe war mir, im wahrsten Sinne des Wortes, immer eine besondere „Herzensangelegenheit“. Ich bin bekennender Fan von Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit, weil es den Menschen und unserer Gesellschaft guttut. Es ist die Chance, mal „über den Tellerrand“ des sonst so Vertrauten zu schauen und noch Unbekanntes zu erleben.
Für mich war die Mitarbeit in diesen Aufgabenbereichen der Landesgeschäftsstelle des Diakonischen Werkes Oldenburg auch die Chance, Generationen von jungen Menschen zu erleben und dadurch auch ein Stück weit selbst jung zu bleiben. Die manchmal sehr persönlichen Begegnungen sind mir in guter Erinnerung geblieben. Gleichzeitig habe ich die Aufgabe immer als positive Herausforderung empfunden, kreative Arbeitsansätze und Ideen zu entwickeln und einzubringen.
Mir war auch immer wichtig zu vermitteln: Ein Lebensweg muss nicht geradlinig nach einem Karriereplan verlaufen. Gerade der Mut zu Umwegen schafft oft neue Lebensmöglichkeiten und eröffnet noch unbekannte Perspektiven. Diese wertvolle Erfahrung durfte ich selber auch machen und ohne Umwege wäre ich wohl nie in die spannende und vielgestaltige Leitungsverantwortung in der Diakonie gekommen. Mit 15 ½ die Volkschule beendet, eine kaufmännische Lehre absolviert, die 18montige Wehrpflicht abgeleistet und danach wieder in meinen kaufmännischen Beruf zurück. So hätte mein Leben jetzt eigentlich auf geregelten Bahnen weitergehen können. Aber da war immer auch der „Stachel“, es könnte noch etwas Anderes im Leben geben, etwas das besser zu mir passt, mich anders herausfordert und mich mehr erfüllt. Und diesen „Stachel“ hatte mir mein ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit, mein Mitwirken bei den Pfadfindern, eingepflanzt. Diese Freizeitaktivität lies mich ahnen, dass es noch vieles gibt, was ich nicht kenne und dass ich dieses niemals in meinem kaufmännischen Beruf erfahren werde. Über eine berufliche Qualifizierung und dem Nachholen von Schulabschlüssen habe ich es geschafft noch Sozialarbeit zu studieren. Dadurch stand mir ein Berufsfeld offen, das besser zu mir passte und mir mehr Möglichkeiten bot, meinen „Wissensdurst“ und meine „Lebensneugier“ zu stillen.
Nach meinem Studium fand ich durch Glück und Zufall eine Anstellung als Sozialarbeiter beim Diakonischen Werk Oldenburg. Zu Beginn war es eine Tätigkeit in der Migrations- und Integrationsarbeit, durch die ich vollkommen neue Lebenswelten kennengelernt und so tiefen Respekt vor den Lebensleistungen von Menschen in besonderen Lebenssituationen bekommen habe. Dann kam die Zuständigkeit für den Zivildienst dazu, die mein politisches Denken und Handeln schärfte. Einige Jahre später wurde mir dann auch noch als „Sahnehäubchen“ die Verantwortung für die Freiwilligendienste FSJ und BFD übertragen. Eine ausgezeichnet passende Verknüpfung mit meinen Erfahrungen aus der Jugendarbeit und zu dem Antrieb durch den „Stachel“, mehr vom Leben wissen zu wollen und das eigene Leben neu auszurichten. Deshalb habe ich mein berufliches Engagement für die Freiwilligendienste auch immer als zu gestaltende Chance verstanden Lebensperspektiven zu erweitern. Mein Bemühen war immer, den jungen Menschen möglichst auf „Augenhöhe“ zu begegnen, ihnen Mut zu machen, sich nicht zu früh beruflich festzulegen, sondern sich Zeit zur Orientierung und zum Ausprobieren zu nehmen.
Freiwilliges und ehrenamtliches Engagement ist deshalb für mich auch immer die Chance sich zu orientieren, sich auszuprobieren und sich in einer noch ungewohnten Situation neu zu erleben. Meine Empfehlung war daher immer: „Gönn Dir die Zeit!“, auch als Ausstieg aus deinem normalen Lebensalltag. Denn später im Leben wird es schwerer, sich eine derartige „Auszeit“ noch einmal zu gönnen.
Also: „Gönnt Euch die Zeit – sie hat einen Mehrwert für Euer Leben!”











