Vom Fehlen der Angst
„Wie kommt es, dass du immer alleine bist? Dass du keine Freunde hast?“ Er hatte sich nun bereits zwei Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie war interessant, freundlich, offen, aufmerksam und – wie er fand – überdurchschnittlich hübsch. Sie hatte bisher keine Macken gezeigt, keine abschreckenden Weltanschauungen geäußert. Und dennoch behauptete sie jetzt, dass sie keine Freunde hatte. Sie zögerte kurz, als müsste sie überlegen, ob sie wirklich mit der Wahrheit herausrücken wollte. „Weißt du“, setzte sie schließlich an „ich habe vor nichts Angst.“ Er wartete. Das war vielleicht eine ungewöhnliche Aussage, aber doch sicher keine Begründung. Sie starrte angestrengt auf die Eiswürfel in ihrem Glas und fischte einen davon heraus. „Ich sage das nicht einfach so. Ich habe tatsächlich vor nichts Angst. Anfangs fasziniert das die meisten Menschen. Doch wenn sie mich dann einige Zeit kennen, ein paar mal mit mir unterwegs waren, sind sie nicht mehr fasziniert, sondern irritiert. Immerhin bin ich doch eigentlich nur ein ganz normaler Mensch. Und dann auch noch ein Mädchen.“ Sie schnaubte verächtlich. „Als wäre das ein Grund, um Angst zu haben. Viel zu viele Menschen verstecken sich hinter Ausreden. Und lassen sich bei jeder Entscheidung von Angst leiten. Angst vor dem Versagen. Angst vor Gewalt. Angst vor der Meinung anderer. Angst vor Verlust. Ich jedoch nicht.“ Sie beobachtete angestrengt, wie der Eiswürfel zwischen ihren Fingern zu schmelzen begann. Leise sprach sie weiter: „Irgendwann werfen sie mir dann vor, dass ich verrückt bin. Lebensmüde. Absolut gefühlskalt.“ Ihr Blick richtete sich wieder auf ihn. Abwartend. Er überlegte kurz, trank einen Schluck von seinem Whisky, überlegte nochmal. Endlich sagte er etwas. „Du hast also vor nichts Angst?“ Sie konnte seine Stimme nicht deuten, sie klang völlig neutral. Beinahe entschuldigend schüttelte sie den Kopf. Er zuckte mit den Schultern. „Was kümmert es mich, woVOR du Angst hast? Viel wichtiger ist doch, woRUM du Angst hast. Das sagt viel mehr über dich aus. Darüber, was dir wichtig ist.“ Zuerst starrte sie ihn überrascht an. Dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.
- Felicitas Sturm















