Um unkompliziert und anonym im Internet zahlen zu können, muss man zuerst kompliziert unanonym sein
Einige Umstellungen bei meiner Hausbank veranlassen mich, bei dieser Gelegenheit gleich meine Zahlungsabwicklungsmethoden zu überdenken.
Neben einem rein per Internet geführten zusätzlichen Konto, das auch eine Art risikoloser Geldanweisung bietet, interessiere ich mich für Bitcoin.
Mit Bitcoin kann ich anonym im Internet zahlen, was sehr interessant ist und in Sachen Privacy perfekt zum Verschlüsseln von Mails mit PGP passt.
Wie diese Kryptowährung genau funktioniert, würde den Rahmen dieses Textes sprengen, aber es hängt damit zusammen, dass in einer App oder einem Programm auf dem PC kryptographische Schlüssel abgespeichert werden, die für die dort vorhandene Summe Geldes stehen.
Geld, das ich “auf dem PC” habe, habe ich nicht “auf dem Handy”. Um Kryptogeld quasi in meiner Matratze zu verstecken, kann ich den Schlüssel auch ausdrucken. Zwischen diesen digitalen Geldbörsen kann ich das Geld digital auch über Kontinente hinweg überweisen. Anonym wie mit Bargeld.
Das ist unter anderem deshalb interessant, weil immer wieder Stimmen laut werden, die Bargeld abschaffen wollen, um Geldwäsche, Steuerhinterziehung und den anonymen Barkauf nuklearer Massenvernichtungswaffen zu verhindern.
Bei Banken kann man Bitcoins nicht erwerben.
Es gibt Wechselstuben. Ich wähle unter den vielen Angeboten eine seriös wirkende in Europa mit einem niedrigen Wechselkurs. Dorthin muss ich jetzt Geld überweisen, um dafür im Gegenzug Bitcoins zu erhalten.
Per Paypal kann ich die Bitcoin nicht bezahlen, weil Paypal verhindern will, dass man es mittelbar zur Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder zum anonymen Ankauf nuklearer Massenvernichtungswaffen nutzt.
Um zeitnah von meiner Kreditkarte Geld einzuzahlen, das ich in Bitcoin tausche, muss ich mich registrieren und verifizieren.
Die Verifizierung meiner Identität bei der Onlinebank passierte am Sonntag binnen 10 Minuten per Videotelefonat. Bei der Bitcoin-Wechselstube muss ich zunächst Bilder meines Personalausweises hochladen.
Dann fordert das System einen Nachweis meines Wohnorts. Einen Farbscan eines Steuerbescheids oder einer Telefonrechnung für den Festnetzanschluss. Beides darf nicht älter als 3 Monate sein.
Den ISDN-Anschluss teile ich mit mit der Nachbarin, weshalb auch ihr Name im Anschriftenfeld steht. Das geht also niemanden was an.
Den Steuerbescheid also. Das hättet Ihr wohl gerne.
Ich google nach weiteren Möglichkeiten und finde eine, bei der ich Linden-Dollar (das ist die spielinterne Währung in Second Life) in Bitcoin wechseln kann. Linden-Dollar besitze ich noch im Gegenwert von ca 40ct, könnte aber per Paypal oder Kreditkarte zusätzliche erwerben.
Die müsste sie dann aber innerhalb von Second Life einem anderen Spieler übertragen, was durch eine neue Kommunikationsebene kompliziert und, da ich auf die Schnelle keine Infos über die Seriösität des Geldwechslers finde, auch nicht risikolos ist.
Ein Blick auf die Wechselkurse zeigt mir zudem, dass ich den genauen Wechselkurs von Euro in Bitcoin bei diesem Beschaffungsweg nicht vorhersehen kann, er aber definitiv schlechter sein wird als der Kurs der Wechselstube.
Also bleibt nur, dass die erste Wechselstube mir einen Brief zuschickt, in dem ein Verifizierungscode steht.
In einer Zeit, in der ich problemlos ohne Anmeldung und Verifizierung Medikamente online bestellen und bezahlen kann, erscheint das alles dann doch einigermaßen paranoid.
Das anonyme Bezahlen per Internet verschiebt sich also auf unbestimmte Zeit.