"Es steht kaum in Zweifel, dass auch die Geisteswissenschaften „zu liefern“ haben, ebenso wie die Menschen, die durch Arbeit in den Geisteswissenschaften versuchen, die Mittel für ihr Leben zu erwerben. Permanente Evaluation unter Gesichtspunkten wie Anwendungsorientierung oder Kompetenzerwerb haben das Lieferdienstmodell im Geistigen etabliert, so dass Freiheit zum Gegenstand nur noch abfällt, wo der Betrieb noch nicht vollständig herrscht oder die Gnade der vornehmen Geburt es ermöglicht, es mit den Regeln etwas weniger ernst zu nehmen, weil von ihrer Befolgung nicht abhängt, ob man sich nicht nur imaginär, sondern auch real beim Ausliefern wiederfindet. In der Publizistik, noch immer mit der romantischen Vorstellung öffentlicher Intellektualität verknüpft, sieht es keinen Deut besser aus; spürbare Angst und zunehmender Konformitätsdruck werden durch meinungshafte Übereifrigkeit kompensiert. Doch je mehr „Haltung“ gefordert wird, desto sicherer kann man sich sein, dass eine solche durch zustimmungspflichtige Signal- und Fahnenworte ersetzt wird. Man muss, ob mit oder ohne Erstaunen, zu Kenntnis nehmen, dass die Veränderung auf dem Gebiet der geistigen Arbeit – und was jene für die Frage der Emanzipation bedeuten – so gut wie gar nicht zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte oder Selbstverständigung im akademischen Zusammenhang geworden sind. Jede Kritik der Akademie aus früheren Zeiten verblasst angesichts des flächendeckenden Schweigens über den umfassenden und orchestrierten Angriff auf den Gebrauchswert der Universität. Gründe dafür kann man sich viele denken, nur keine guten. Kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Die Bologna-Reform war die Spitze des politischen Ausdrucks dieser Veränderung, die bis in die Tiefenschichten der Subjekte reicht. Es ist kein Zufall, dass die heutige Universität kaum mehr als masken- und schablonenhafte Selbstdarstellungsprofis mit Apparatensprache hervorbringt, die unablässig darüber wachen, dass niemand vom Skript abweicht. Der Sieg der Künstlichen Intelligenz auf diesem Gebiet wird eine soziale, keine technische Tatsache sein, ein notwendiges Resultat der herrschenden Verhältnisse."
Hayner, Jakob (2024): Wir sind die Lieferhelden. Arbeit und Emanzipation in Wolfgang Pohrts Theorie des Gebrauchswerts, in: Lorig, Philipp et al. (Hg.): Arbeit in der Kritischen Theorie. Zur Rekonstruktion eines Begriffs, mandelbaum verlag, Wien, S. 145.
















