20. Mai 2018 | Hamburg Underground
Ein Schlüsselbund mit einem Engelanhänger hängt ihr um den Hals, klimpert auf dem schwarzen Kleid. Der rechte Daumen einbandagiert, die Füße stecken in zertretenen Turnschuhen, das braune Haar hängt ihr in einem schulterlangen Bob um das runde Gesicht. Ich schätze sie auf etwa zwölf Jahre.
Und genau dieses zwölfjährige Mädchen bückt sich, als die Frau in die Bahn eintritt und um ein paar Almosen bittet. Das Mädchen, das vorher noch die zersprungene Schutzfolie wieder neu auf dem Handydisplay mit der glitzernden Hülle platziert hat, das Mädchen mit dem kurzen Röckchen bückt sich, fummelt an ihren Turnschuhen herum, der Schlüsselbund um ihren Hals klimpert, der Engel schaukelt in ihrem Schoß.
Sie greift mit den Fingern zwischen Socke und Schuh und als die Frau an unserer Sitzbank vorbeigeht, richtet sich das Mädchen wieder aus, streckt den Arm aus, lässt eine Münze in die Hand der Frau fallen, die das Geschehene nicht aus meinen Augen sieht, sondern ihre einstudierten Dankessätze aus ihrem Mund purzeln lässt.
Und das Mädchen schlägt die Augen nieder und lächelt. Die Frau zögert, wirft einen Blick zurück, wieder in das Gesicht das Mädchen, das sie beobachtet und ihre erneuten Grüße schweigend entgegennimmt. Die Frau verschwindet ans andere Ende des Wagens, das Mädchen legt seine bandagierte Hand auf den Fensterrahmen und wir fahren weiter, als wäre nichts gewesen.